Ausgabe 
7.11.1906 Erstes Blatt
 
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Nr. 26S

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Dem Gießener Anzeiger werden fm Wechsel mit dem krsflschen Landwirt die Siebener Kamilien- blätter viermal tn der Woche betgelegt.

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Anzeiger Gießen.

Erstes Blatt ISS. Jahrgang Mittwoch 7. November 1906

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Amts- Md Anzeigeblatt für den Ureis Gießen MW

v 1 ** zetgenteil: HanS Ve2.

Gietzener Anzeiger

General-Anzeiger

Die heutige Kummer umfaßt 12 Seiten.

Me KanzlerLrifin gemacht werden.

Eine Enthüllung.

Von einer in jeder Hinsicht vollständig informierten Seite erhielten wir aus Berlin folgende höchst beachtenswerte Zuschrift:

Seit dem Augenblick, da Fürst Bülow im Reichstag plötzlich von einer Erkrankung befallen wurde, sind fast ununterbrochen Gerüchte in die Welt gesetzt worden, nach denen seine Ersetzung durch einen in der inneren Politik bewanderten hohen Vemxrltungsbcamten oder durch einen General eine Frage sehr knapper Zeit sein sollte.

Derartige Kombinationen waren immerhin unmittelbar nach dem Unfall des Reichskcm^crs erklärlich. 9hui sind diese Zweifel behoben. Aber je gesünder Fürst Bülow wurde, als er je zuvor war, um so häufiger tauchten Andeutungen auf, daß dennoch mit der nahen Mvglichre.it eines Kanzler- Wechsels zu rechnen sei. Denn bestimmte Streife wollten eine Kanzlerkrisis, und wollen sie noch.

In allen wichtigen Fragen herrscht jedoch völlige Ueb ereinstimmung der Ansichten zwischen dem Kaiser und dem Kanzler, und so ist wohl an eineKanzlerkrisis" nicht zu denken.

Sorgenvoll plädiert man aber an maßgebender höchster Stelle dafür, daß Fürst Bülow, weil noch immer leidend, nach Möglichkeit geschont und entlastet werden. Ein Vorschlag geht dahin, dem Fürsten einen Vizekanzler zur Seite zu stellen, der ihm das Schwerste abnehmen und sich allmählich genügend einarbeitcn könnte, um ihn zu ersetzen, wenn er amtsmüde werden sollte, oder der Kaiser sich aus irgend einer Ursache entschlösse, sich von seinem" Kanzler zu trennen.

Ist das Ziel erreicht, Fürst Bülow beseitigt und durch einen möglichst geschäftsmttundigen Nachfolger ersetzt, so hoffen diese im dunklen Hintergrund, aber um so eifriger wühlenden Männer, daß der Kaiser die auswärtige Politik mit Herrn v. Tschirschkh betreiben und durch sie gänzlich in Anspruch genommen sein werde. In der inneren Politik dagegen gedenken sie, sich des von ihnen auf den Schild erhobenen neuen Kanzlers ganz nach Gut­dünken zu bedienen.

Und dieser künftigeReichskanzlerdesJnnern" ist auch schon gefunden und präsentiert worden. Es ist der Träger eines Namens, der in der Kriegs­geschichte Preußens bei der Neugründung des Reiches als erster genannt wird. Er ist selbst, wie sein großer Vorgänger, ein Ritter ohne Furcht und Tadel. Er ist nur der Geschobene, geschoben von der Hand eines hochgeborenen Barden. Geschoben, ohne es zu merken.

Der Kanzler merkt, wie man annehmen muß, nichts. Die Verwirklichung des so schlau gegen chn ersonnenen Planes sollte vor dem 13. November erreicht werden. Doch das beschleunigte Tempo bekani dem Plan nicht,- und so ist er jetzt, zu früh, ans Licht gelangt. . . .

politische Tagesschau.

lieber die persönliche Herrschaft des Kaisers besonders als Kunstliebhaber äußert sich die .Kreuzztg." mit einer in hochkonservativen Zeitungen sonst nicht her­kömmlichen Offenheit wie folgt:

Das Gefühl beherrscht uns jetzt alle, daß wir vielleicht kritischen Tagen e n t g e g e n g e h e n, und darum ist es wohl erklärlich, wenn das Volk vieliach mit einer gewissen ner­vösen Bedenklichkeit a n i den Herrscher blickt. Wir schließen wis offen dein Wunsche an, daß unser König und Herr die psychologische Berechtigung dieser ©ümnumg anerkennen. Tenn jene Fehler des deutschen Volkscharakters siiid die Kehrseiten feiner Vorzüge, seines Idealismus, feiner Gründlichkeit, der Diese seines Geniüislebens.

Wir werden nie der Furcht vor der öffentlichen Meinung das Wort reden. Farbe befennen war immer die beste Politik. Aber es gibt Gebiete, in denen jede Persönlichkeit das Recht ans freie Betätigung hat, diese Freiheit allein den kulturellen Fortschritt sichert und jeder gewaltsame Einfluß von außen auf die Tarier wirkungslos bleiben mriß. An unb für sich siiid diese Gebiete außer Ziisammenhang mit der Politik, aber jede Parteinahme der regiereuderi Geivalten zieht sie in^das politische Treiben hinein, erweckt Mißtrauen auf beiden Seiten, und aus bein Mißtrauen entsteht eine politische Gegnerschaft. Tieje Gebiete sinb indbefonbere die Angelegenheiten der Wissenschaft, der K u u ft u n d Technik. Wir wollen sie nicht geradezu als politische Adiaphora bezeichnen. Aber sie sind heute Angelegenheiten der ganzen Mensch- beit, ihre Entwickelung ist international, auch der mächtig st e Monarch kann ihnen nicht die Richt ring vor- fchreiben, und wäre er mit der Wahrheit selbst ini Bunde. Hier bringt nur das ^schaffende Genie die Entscheidung, nicht die Kritik, nicht das i)läcenalentnm des Staates. Haben also die wissenschaftlichen und ästhetischen Urteile des Monarchen, wenn sie noch so gut und richtig sind, nur bie Bedeutung persönlicher Meinungsäußerungen, jo muß man wünschen, daß sie von ben staatlichen Gewalten auch als solche ausgefaßt unb nicht zu polit. Verwaltungsprinzipien gemacht werden. Tas erzeugt nur eine politische Gegnerschaft gegen die Person des Monarchen und ist praktisch doch ohne nachhaltige Wirkung. 9)lan sollte denken, über diese Ursachen so inanchen Abfalles in der Gefolgschaft des Kaisers unb Königs wurden ihn seine Ratgeber, auch seine künstlerischen Vertrauensmänner leicht unterrichten. Aber entweder ist der j)l onarch gerade in diesem Punkte schwer zugänglich, ober seine Umgebung unter- schätzt die Bedeutiing aller dieser Dinge. Das letztere ist uns wahr­scheinlicher, unb darum müssen wir hier noch etivas länger ver­weilen. Kaiser Wilhelm II. scheint nicht zu bemerken, daß sich eine müde, überlebte oder großsprecherische Kunst in seinen Schutz stellt, die uns nichts mehr zu sagen hat. Die bildenden Ktinste (von der dramatischen sprechen wir besser gar nicht) stehen beu i Volke in kaum dagewejener Gunst, unb es ist nicht gut, wenn .kl) em Monarch hierin einer Exklusivität ergibt, die heute der Privatmann, auch wenn er persönlich einen ganz

individuellen Geschmack hat, nicht mehr übt. Tie Absicht unseres Kaisers geht ganz offenbar darauf hinaiis, alle guten Keime zu pflegen, die sich fetzt mühsam gegen die überwuchernde Scheinkunst behaupten. Wäre er darin besser beraten, das Volk würde ihm mit Enthusiasmus folgen, denn es hat ja aus sich heraus schon gegen die ihm auigerebete natur- und tult urwidrige Kunst eine starke Reaktion erzeugt, von der man bei Hose aber keine Kenntnis zu haben scheint. Statt des Enthusiasmus hört und lieft man immer häufiger Aenßerungen der U nzu - friedenheit, der Resignatioii ober der offenen Gegnerschaft gegenüber bem kaiserlichen Macenatentnrne, und diese Stimmung spielt immer deutlicher auch in bie politischen Verhältnisse hinüber.

Derartiges hat man seit langem nicht in führenden konservativen Blättern gelesen, unb cs dürfte auf den Fürsten Bülow nichts weniger als erfreuend wirken, wenn er sogar die Männer der Rechten, für deren wirtschaftliche Interessen er so viel getan hat, zur Kritik abschwenken sieht.

In der Oesfentlichkeit wird jetzt der Bildung einer nationalen Opposition das Wort geredet. Es sei Ausgabe aller Patrioten, in dieser unruhevollen Zeit sich zu solcher Opposition zusainmeuzuschlicßen und einer ver­kehrten Politik Einhalt zu tun, ehe es zu spät ist. Wie ein Echo dieses Gedankens liang es aus der jüngsten Rede des nationalliberalen Führers Abg. Basser mann in Wiesbaden. Tie bürgerliche Linke bekennt sich schon seit Jahr unb Tag zu ähnlicher Auffassung, die neuerdings sogar tn konservativen Einzelverjammlungcn und auf dem Parteitag der R e i ch s p a r l e i laut wurde.

Einen Hauch dieses Geistes wird zweifellos auch der demnächst in Berlin stattsindcude konservative Dele­giertentag verspüren lassen, wenngleich andererseits dietraditionelle Besonnenheit" im Lager der Reckten hochgehalten werden dürfe. Das Referat über die Wirt- schastspolitik hat Gras Kanitz übernommen, das sozial­politische Frhr. v. Richtyofen--Damsdorf. Es wird wohl auch hier nicht ohne scharfe Worte abgehen, denn die Konser­vativen sind unzufrieden mit der handels­politischen Nachgiebigteit der Negierung und mit derschrankenlosen" Sozialreform, wie sie ihres Erachtens Graf Posadowsky betreibtunter unzu­reichender Berücksichtigung der finanzie llen L e i st u n g s s ä h i g k e i t des Reiches".

Ja demEntwurf zu vertraulichen Aenßerungen über die Motive zu meinem Rücktritt au£ dem Dienste^,

der jüngst veröffentlicht wurde, erwähnt Fürst Bismarck ein kai serliche 8 Handschreiben, das auf Grund der Berichte des Konsuls von Kiew an ihn gerichtet wurde und zur entscheidenden Ursache seines Rücktritts ge­worden sein soll. Der Wortlaut dieses Handschreibens ist bisher noch nicht veröffentlicht worden. Das Depeschenbureau ^Herold" teilt nun den Text in folgendem Wortlaut mit:

»Tie Berichle lassen auf das Klarste erkennen, daß dieRussen in vollstem st r a I e g i s ch e m A u f n» a r s ch e sind, um zum Kriege z ii schreiten. Nur muß ich sehr bedauern, daß ich io wenig von den Kiewer Berichten erhallen habe. Sie hätten mich schon längst auf die furchtbar drohende Gefahr aufinerffam machen können! Es ist die höchste Zeit, hie Oesterreicher zu waruen und Gegeumaßregeln zu treffen. Unter solchen Umständen ist natürlich an eine Reise n a ch K r a s n o j e meinerseits nicht zu denken. Die Berichte sind vorzüglich. W."

Zu diesem Schreiben hat Bismarck bemerkt:

In diesem Schreiben ist erstens^ der Vorwurf ausgedruckt, daß ich S r. Majeslät BeriHte oorent batten und aller­höchst denselben nicht auf die vorhandene Kriegsgefahr aufmerksam gemacht habe. Zweitens enthält dasselbe politische Weisungen, die ich nicht cruS führ en kann. Wir sollen Oesterreich warnen unb selbst Gegeumaßregeln treffen. Und der Besuch Sr. Majestät zu den russischen Manövern, zu welchen derselbe sich selbst, ohne mein Zutun, angemeldet hat, soll unterbleiben. Ich bin überhaupt nicht verpflichtet, Sr. Majestät alle Berichte, die mir zugehen, vorzulegen, und ich habe unter diesen die Mahl je nach dem Inhalte, für dessen Eindruck auf Se. Majestät ich glaube die Verantwortung tragen zu können. Die fraglichen Berichte waren sämtlich nur für den Generalstab von Interesse und auch für diesen meist veraltet. Ich habe nach bester Einsicht eine Auswahl für Se. Majestät getroffen und finde in dem Handschreiben ein unverdientes krän kend e§ Mißtrauen.

Bei meiner noch jetzt uirerschütterten Auffassung von den friedlichen Ab sichte n deS Kaisers von Rußland bin ich aber außer stände, Maßnahmen zu vertreten und in Oesterreich zu veranlassen, wie Se. Majestät es verlangt." Es ist verständlich, daß der Fürst den Etndruck hatte, der Kaiser spreche ihm hier sein Mißtrauen aus. Man wird ejs aber auch begreiflich finden können, wenn der Kaiser ungehalten ist, daß man ihn über einen vollen strategischen Aufmarsch der Russen im unklaren gelassen hat. lieber ihn mußte der Kaiser orientiert werden. Daß sich sein Groll gegen den Kanzler wandte, dafür werden die Unverantwortlichen wohl auch damals die Schuld ge­tragen haben, die es verstanden, sachliche Differenzen auf das persönliche Gebiet zu übertragen und dadurch einen Ausgleich der Meinungen zu erschweren. Daß der Kaiser selbst sich später zu Bismarcks Anschauung be­kehrt und damit zugegeben hat, daß er s e l b e r z u s ch w a r z sah, beweist seine im August desselben Jahres unter­nommene Reise nach Krasnoje.

Oberstleutnant Quade

vom Oberkommando der Schutztruppe hatte gegen den Chefredakteur derTägl. Rundschau" Klage erhoben. Jetzt ist die Sache, wie es heißt auf Betreiben des Reichskanzlers, dahin geregelt worden, daß die Lägt. Rundsch." eine Ehrenerklärung und bündige Abbitte veröffentlicht, worauf die Klage zurückgezogen wurde. Die Klage war dadurch hervorgerufen, daß die

T. R." behauptet hatte, Quade habe einem Berliner Blatte mitEnthüllungen" aufgewartet und insbesondere die Mit­teilung veranlaßt, daß noch andere Ossiziere der Schutz­truppe, außer Major Fischer, in Beziehungen zur Firma; Tippelskirch gestanden hätten, die dann zu nicht wünschens­werten Kreditgewährungen führten. Heute liest man in, derD. R.":

Wir sehen unS gedrungen, den gesamten Angriff gegen Herrn Oberstleutnant Quade alS in vollem Umfange aui s a l s ch er Ju­so r m a t io n beruhend bezeichnen zu müssen und bedauern außer­ordentlich, durch lieberschrist, Ton und Inhalt unserer AuS- ftll-rungcn vom 5. September einen vorwurfsfrei dastehenden Offizier völlig zu Unrecht schwer verletzt zu fabelt. Wir können nur unsrem Bedauern Ausdruck geben, daß wir jenem, Herrn Oberstleutnant Quade angreifenben Artikel, iihd ipt Platz in unserem Blatt gegeben habet:.

SchiffahrtSabgaben.

Man schreibt unS:

Auch von Ihnen ist darauf hingewiesen worden, welche unheilvollen Wirkungen auch scheinbar minimale SchiffahrtS- nbgaben auf bie Entwicklung wichtiger Zweige unsres Wirt­schaftslebens haben würben. Auf manchen Strömen würbe bie Rentabilität der Befahrung überhaupt in Frage gestellt. Wenn es bie preußische Regierung trotzbem versucht, bie Ein­führung von Schist'ahrtSabgaben zu erzwingen, so hat baB noch eine andere, bedenklichere Seite. Rach der vordem von niemand bestrittenen allgemein herrschenden Ansicht ver­bietet nämlich der 2lrt. 54 Abs. 4 der ReichBverfassung solche Abgaben. Aber schon um ben § 19 bcB Hanoi- gcsctzes vom 1. April 1905 mit der Reichsverfassung in Ein­klang zu bringen, mußte der preußischen Regierung daran gelegen sein, diese Auffassung zu miberlegen. Ihr erster Helfer im Streit war Geheimrat Peters, vorlr. Rat im Mi- nislcrium. Eine Widerlegung seiner Argumente, bie zum Teil mit einem erstaunlichen Aufwanb von Material be­gründet werden, gelang jetzt dem Leipziger Staatsrechtslehrer Prof. Dr. Otto Mayer. Die klar und prägnant geschriebene Schrift Otto MayerB verdient bie größte Verbreitung. Sie erschien soeben bei I. C. B. Mohr in Tübingen.

Ausland.

London, 6. Nov. Nach einer Meldung aus Sh an Hai wurde der deutsche Ko n s u l a t s s ch u tz m an n Hiemann ur:d einer seiner Freunde, ein Russe, bei einem Spaziergang von Wusung nach Shanghai von chinesischen Dorfbewohnern überfallen, als sie vom Wege afa gekommen waren. Die Chinesen feuerten eine Pistole zur Warnung ab, sie knebelten dann Hiemann und warfen ihn in einen Teich, wo ihm das Wasser bis an den Hals reichte. Hier blieb er eine halbe Stunde lang. Er versuchte zu entfliehen, wurde aber wieder ergriffen. End­lich entkam er und versteckte sich in einem Reisfeld. Auch der Russe entfloh. Beide trafen schließlich halbnackt in Shanghai ein.

Paris, 6. Nov. Die Kammer nimmt die Debatte über die Interpellation bctr. das Trennungsgesetz auf. Deputierter Grousseau wirst der Kammer und der Negierung vor, die Kirchen berauben zu wollen, und fügt hinzu, daß die Katholiken dem Auslunde nicht unter­worfen feien, denn der Papst fet weder ein Ausländer noch einer ausländischen Oberhoheit unterworfen. In seiner Erwiderung spricht Kultusminister Brianp vom Papst als einer ausländischen Macht. Es entsteht Lärm. Grousseau verlangt für die Kirche das Recht der Vereinig­ung; er fordert ferner die Revision des Trennungsgesetzes und führt aus, das einzige Mittel, den inneren Frieden wieder herzustellen, fei eine Verständigung mit dem Papst.

Wien, 6. Nov. Die Leichenfeier für den ver­storbenen Erzherzog Otto fand heute nachmittag statt. Um 4 Uhr versammelten sich in der Jakobinertirche der Kaiser, welcher mit König Friedrich August von Sachsen gleichzeitig die Kirche betreten hatte, wo sämt-, liche Erzherzöge und Erzherzoginnen versammelt waren, ferner Prinz Eitel Friedrich als Vertreter des deut­schen Kaisers, sowie Vertreter der Monarchen von Württem- bera, Kvburg-Gotha, Bulgarien, England, Italien, Ruß- lano, Portugal und Schweden. Weiter waren anwesend die fNinister Frhr. v. Aehrenthal und Wekerle, ferner Depu­tationen des 2. westfälischen Husarenregiments Nr. 11 unter Führung des Oberstleutnants v. Storch und des sächs. Gardereiterrcgiments unter Führung des Obersten Krug zur Nidda.

Das Abgeordnetenhaus setzt die Verhandlung des Dringlichkeitsantrages betreffend die Beratung der Wahlreformvorlage fort. Korasec betont, die Ein­führung des allgemeinen gleichen Wahlrechts sei auch im Interesse des Bauernstanoes ge- gelegen. Pernerstorffer befürwortet die Dringlichkelit und erklärte, die Sozialdemokraten nähmen die Vorlage mit allen Unzulänglichkeiten und Fehlem an, weil sie eine Etappe aus dem Wege der völligen Demokratisier­ung Oesterreichs sei.

New York, 6. Nov. Nach derNewyorker Staats- zeiiung" ist zum Gouverneur des Staates Hughes ge­wählt. Die W a h l k o r ru p t i o n stand in vollster Blüte. Zehntausend Haftbefehle wurden gegen Personen erlassen, welche Wahlschwindel verübten. Vielfach stimmten junge Männer im Namen von Wählern, die schon längst gestorben sind. Die sonstigen Wahlschwindel spotten jeder Beschreibung. Der demokratische Kandidat Hearst soll zwei Millionen Mark au§gegeben haben zugunsten seiner Wahl.