Zweites Blatt
Nr. 32
156.^
Erschetw tSgllch mit Ausnahme deS Sonntags.
Die „6k6cncr Famlllenblätter" werden dem ,9Innct(ier Dtcnnal wöchentlich bciaelcgt. Der »hejstlch« Lanvvtk»" erjchetni monatlich einmal.
Mit
Noch 7. Februar T. 906
No!a!it'N?dn>ck und Verlag der 6tübl*feben Untverslläksdruckerei. R. Lange, Gießen.
Redaktion. Expedition " Druckerei? Sfbulfh.T, Tel. Diu BL Telegr.-Abr.r Sln^eiget »icpen.
Genera!-Mzeiger, Amts- und AnzeigedlM jur den Mreis Gießen.
KcKanntmachunz.
Vetr.: Feldbcrcinigung in der Gemarknirg RüddingShausen.
Ich bringe hiermit zi,r öffentlichen Kenntnis, daß nach Beendigung sämtlicher Feldbereinignngsarbciten durch Ent-- schließung Großh. Ministerium? des Innern, Abteilung für Landwirtschaft, Handel und Gewerbe zu Nr. M. d. I. III. 944 vom 26. Januar l. Is. die Vollzugskommission für die Feldbereinigung Nllddingshausen aufgelöst worden ist.
Friedberg, den 1. Februar 1906.
Ter Großhe'rr-gij ' e st s-i'oreinig naskomm ssär:
Svamer, Kreisamtmann.
Dr. WallauS Wahl.
In Ergänzung unserer Mitteilungen über den Bericht der Wahlprüfungskommission inbetreff der Wahl Tr. Wallaus wird uns heute der Bericht mitgeteilt. Er lautet:
Ter Reick st m trolle beschliessen:
1. Ten Beschlich über die Giltigkeit der Wahl dcsl Abg. Dr. Wallau im dritten hessischen Wahlkreise auszusetzen.
2. Ten Reichskmz-lcr 3-11 ersuchen, den vorstehend unter Nr. 12 formulierten Beweis durch amtliche Auskunft der Großh. hessischen Staatsregierung, sowie auch durch deren Vermittelung die pr. Nr. 17 beschlossene Beweiserhebung zu veranlassen und daS Ergebnis dem Reichstage mitzutcilen.
Punkt 12 des WahlProtestes behauptet: Jin Kreise Lauterbach wurde ein Flugblatt, überschrieben: „Reichst:gswahl" h r- aus^egeben. welches den Beweis dafür erbringt, in welcher Weise der amtliche Apparat gearbeitet hat. In diesem Flugblatte sind die Namen aller -Amtspersonen mit der amtlichen Bezeichnung, als Bürgermeister, E«me ndecinnehm r. Beigeordneter pp. aufgefübrt. Der An'r-g der Wahlp-rüfnngskommiffion hierzu lautet: „Beweis darüber zu erheben, ob und in welchem Umfange den Bürgermeistern des Groh Herzogin mstzesseu — namentlich denen des Kreises Lauterbach — Pvlizeigewalt oder polizeiliche Befugnisse z u st c h e n und worin diese beruhen, insbesondere ob die Bürgermeister lediglich den Charakter von polizeilichen Erckutivbeamsicn haben rber ob sie polizeiliche An- vrdn:ngen auS eigener Machtbefugnis treff.'N können."
Punkt 17 des Wahlpvolestcs lautet:
Kreisrat Schönfeld von Schotten hat für den Kreisrat Dr. Wallau öffentlich agitiert in der Versammlung, die Tr. Wallau im Kreise Schotten abgehalten hat.
Der Beschluß der Kommission lautet:
„Eine Agitation des Kreisrates in öffentlichen Vcrsamm- lungen für einen Kandidaten ist nach der Praxis der Kommission als eine unzulässige amtliche Wahlbeeinflussung anzusehen. .Die Agitation war auch geeignet, das Wahlres"ltat zu beeinflussen, weil Tr. Wallau iin Kreise Schotten 1702 Stimmen erhalten hat, bei derm Forkel! seine Wahl ungiltig würde. Es wird deswegen über diese Behauptung, die von einer Seite als nicht genüg., d substantiiert bezeichnet wurde, sowie darüber, in welcher Weis: die behauptete Agitation stattgcfunden hat, der ols Zeuge be- nmnte Bür ermci'er Mettenheimer in Eiche sachsim eidlich und der Kreisrat Schönfeld in Scholten unbeeidigt zu vernehmen fein.
Bezüglich rllcr übrigen 15 Protestvunkte hat die Kommission beschlossen, keinen Beweis zu erheben bezw. dieselben für unbeachtlich erklärt.
Nun ist die Frage, ob diese Beschlüsse nicht einer erneuten Fassung bedürfen, da der Reichstag bekanntlich tnt Frühjahr geschlossen wurde und damit alle Be- s ch l ü s s e usw. hinfällig würden, insoweit sie noch nicht im Plenum erledigt wareu. Bon Interesse ist es auch, daß die Kommission ihren unter Nr. 17 präzisierten Standpunkt bei der Prüfung der Wahl b Abg. Lucas (Hanau-Gelnhausen) nicht auire csi t erb alten hak.___________
Dotttrsche ^geskeliau.
Zur Wahlrechtspetition der preußischen Sozialdemokratie.
Der Leitartikel des „Vorwärts" über die Wahlrechts- Petition an den preußischen Landtag schließt mit folgenden Worten:
So nimmt die Petition des Parteivorstandes den bürgerlichen Parteien die Möglichkeit, sich mit ianlen Redensarten an der Aktion vorbeizudrücken. Ter Phrasen finb genug gedrechselt: die Arbetter-- klasie will endlich Handl»,naen voll Black und Nachdruck sehen!
Sie erwartet, daß Freisinn und Zentrum ohne Zögern den Antrag auf Einführung des allgemeinen, gleichen, direkten und geheimen Wahlrechts stellen und mit aller Energie verfechten. Taiür, daß diele parlamentarische Aktion int ganzen Lande Resonanz findet, wird sie Sorge tragen. Freilich erwartet sie zugleich, daß Freisinn und Zentrmn anch ihre Wählermasien zu machtvollen Kundgebungen auf öic Beine bringen! — Versagen Freisinn und Zentrum, lo führt die Sozialdemokratie den Kamps aus eigener Kraft weiter. Aber nicht nur gegen die offene Reaktion der Junker, sondern auch gegen die heimliche Reaktion des Freisinns und des Zentrums I
Aus dem Reichstag.
R. Berlin, 6. Fcbr.
Die bürgerlichen Parteien sind darin einig, daß der Ausbau der Sozialreform der sozialdemokratischen Agitation leinen Mbruch tun wird. Während aber aus dieser Erkenntnis heraus die Konservativen zu der Forderung veranlaßt werden, man möge es nun der Staatsfürsorge für die arbeitenden Klassen genug sein lassen, zumal die Landwirtschaft angeblich — nach der heutigen Erklärung des Grasen Kanitz fast die Hälfte ihres Reinertrages für sozialpolitische Ausgaben in Rechnung stellt, wünschen die anderen bürgerlichen Parteien keinen Stillstand in der Sozialrcform. Denn sie sind der Meinung, daß Lob oder Tadel seitens der Sozialdemokratie keinen Einfluß haben dürfe auf den Fortgang der Gesetzgebung zum Schutz der arbeitenden Klassen. Sie trauen der breiten Masse des Volkes Urteilsfähigkeit genug zu, den Wert der Sozialreform nach Gebühr einzuschätzen, trotz aller abweisenden Reden und Zeitungsartikel von sozial demokratischer Seite. Diesen Standpunkt entwickelte heute in längerer Darlegung Abg. Dr. Pa chnicke (Fr. Bg.).
Die Regierung, vertreten durch den Grafen Posa - d o w s k v , eignet sich die k o n s. Auffassung nicht an. Der unermüdliche Staatssekretär prägte heute in einer seiner gedankenreichen Reden den programmatischen Satz, daß Gesetze nicht gemacht werden, um Dankbarkeit zu erwerben. Die deutsche Arbeiterschaft sei durch die soziale Fürsorge d-er Regierung in jeder Beziehung! gehoben worden, das sei Grund genug, diese Politik fort- zusetzen. Gkaf PosadowSky kam aus diesem Gedanken heraus zu einer großzügigen und gründlichen Kritik dec übertriebenen und deshalb unerfüllbaren Forderungen der Sozialdemokraten. Es sind kenntnisreiche Worte, die Graf Posadowsky sprach, und man kann nur wünschen, daß sie im Lande draußen weiteste Verbreitung und verdiente Würdigung finden. „Streng,re Wahrheitsliebe und Gerechtigkeit wird immer die beste Taktik bleiben. Deshalb begeht die Sozialdemokratie einen taktischen Fehler: sie verstimmt die Regierung, verbittert die bürgerlichen Parteien und — täuscht ihre Anhänger". Ter rufyige Ton, in dem der Staatssekretär sprach, veriieste die Wirkung seiner Rede. Die Wahrheit lärmt nicht, und dem herzlichen Beifall der bürgerlichen Parteien fügte sich harmonisch an das respektvolle Schweigen der Männer um Bebel.
Tie Aufgabe, dem Staatssekretär zu entgegnen, fiel dem Wg. Hu6 (Soz.) zu, einem Gewerkschastsopportunisten und früheren Redakteur der „Vergarbciterztg.". Er suchte sich dadurch zu helfen, baß er für die Genossen das Recht in Anspruch nahm, ebenso unzufrieden $u sein wie d i e Agrarier, und daß er behauptete, die christl. Gewerkschaften trieben schlimmere Agitation, als die sozialdemokratischen. Geglaubt haben es ihm wohl nur Wenige. Daß auf oem Gebiet der Arbeiterschutzgesetzgebung noch viel zu tun bleibt, brauchte Hub nicht erst festzustellen. Das weiß man, und es wird sicherlich nicht verabsäumt werden, beispielsweise auch die Arbeitszeit der Feuerarbeiter in den Eisen- und Stahlwerken zu regeln, wo die Mißstände offensichtlich sind. Der Staat kann schließlich nicht für alle Unzuträglichkeiten verantwortlich gemacht werden und nicht mit einemmale überall eingreifen. Ein solches Ansinnen würde sich wohl niemand entschiedener verbitten, als die Regierung des Zukunftsstaates — wenn es soweit wäre.
Der Ersatz für bic abgelebten St.N'.rrn.
-tt- Berlin, 6. Februar.
Hinter den Kulissen bc§ Reichstages werden, wie wir erfahren, zwischen brr Regierung und den führenden Parlamentariern Berat',, 'cn gepflogen, auf welche Weise Erlaß für bic Verkürzungen', dcs SteuerprograinmS zu beschaffen sei. Daß in erster Linie sich der Blick auf bic Ausgestaltung ber Rcichserbschaftsstcuer richtet, ist selbstverftänblich. Tenn nur hierburch könnten wesentliche Mchrcrträge aufgebracht werben. Tic Regierung ist bem Vernehmen nach neuerdings nicht abgeneigt, in die Ausdehnung ber Rcichs- erbschaftsstcucr zu willigen. Entschieden ablehnend verhalten sich aber gegen den Gedanken, das Erbe von Kindern und Ehegatten zu besteuern, gleichviel, von welcher Stufe an, die Konservativen und Agrarier. Die Rechte ivfirbe eher für eine WcHrstener zu hoben fein — die ohnedies erscheinen wirb — und ein Teil ber Konservativen "litt für eine SVein ft euer ein, die jedoch von ber Reaie- rtmg unbedingt abgelebt wirb. Heute abend nehmen gleichzeitig die kons. „Kreuzztg." und bic „TageSztg.*, bas Organ des Bunbcs ber Landwirte, gegen die Ansgesialtimg bet Reichserbschaflssteuer Stellung. Tie „Krcuzztg." wendet sich besonders gegen bas Eindringen in Privatverhältnisse, die Beunruhigung der Familien b n r ch bic neue Steuer. Diese Besorgnis ist allerdings durchaus nicht von der Hand zu weisen. Würde die Ausführung beispielsweise so tatkräftig üorgenommen wie bei ber Einkommensteuer in Preußen, so wäre c9 wohl um bic stille Sammlung der Familienmitglieder nach einem Todesfälle geschehen. Die „Tagcsztg." sagt ganz richtig, daß eine Besteuerung deS ErbeS ber Kinder und (Satten der deutschen Auffassung vorn Wesen ber Familie aufs schärfste widerspricht. Die landwirtschaftlichen Vertretungen hätten sich ausnahmslos gegen diese Besteuerung ausgesprochen. »Die Abgeordneten, die auf die Llntcrftüljimg und das Vertrauen der lönolichen Bevölkerung Wert legen, werden nicht umhin können, diesen Beschlüßen und Stimmungen Rechnung zu tragen*. So ruft die „Tagcszig." alle mit agrar. Unterstützung Gewählten auf den Plan. Hoffentlich werden sich dieser Auffassung auch andere Parteien anfchließen.
Die Tabaksteuer vor der Kommission.
Berlin, 6. Febr. Die S t e u e r k o m m i s s i o n des Reichstages lehnte mit allen Stimmen bei einer Stimmenthaltung den ersten Paragraphen der Regierungsvorlage betreffend die Besteuerung des Z i g are tt e n-Papi e r s ab und nahm mit 16 Stimmen die beiden Paragraphen des heute eingegangenen Antrags Held (natl.) und G?n. an. Der erste Paragraph setzt den Ei^gangszoll für feingeschnittenen Tabak' auf 800 Mark, für Zigaretten auf 2000 Mk. für den Doppelzentner fest. Ter zweite Paragraph setzt neben der bisherigen Tabakmaterialsteuer für den im Inlands geschnittenen Zigarettentabak und die im Inlands hergsstellten Zigaretten eine besondere Steuer fest, und zwar soll diese besondere Steuer betragen: 1. für 1000 Stück Zigaretten im Kleinvsrkaufspreis bis zu 10 Mk. 1 Mk., bis zu 20 Mk. 2 Mk., bis 30 Mk. 6 Mk., bis 40 Mk. 10 Mk., über 40 Mk. 12 Mk.; 2. für Zigarettentabak im Kleinvsrkaufspreise von 2—3 Mk. per Kilogramm 20 Pfg., bis 5 Mk. 80 Pfg., bis 8 Mk. 1,82 Mk. und über 8 ML 2 Mk.
parlamentarisches.
Berlin, 6. Febr. In der heutigen Sitzung ber Bankkommission des Reichstages warnte SlaatSsckretär Frhr. von Stengel vor dem Versuche, mit der Banknotenvorlage Bestimmungen über die Einziehung ber Reichs- kassenscheine und über bic Aenbcrung bes Artikels 4 des
-■ ■ .T L-MLUWVäg. 1 JVJLA I II —
Altgriechischs Musik und Poesie.
Aw nächsten Montag, dem 12. Februar, um 8 Uhr abends wird in der großen Aula ber Gießener Universität eine seltene Aufführung ftattsinden a'5 Schluß ber Aka dem ischen Aula- vor träge, die die Vertreter der klassischen Altertums ssen- schaft. um ar5 ihrem Erträge wissenschaftliche Reisen ber Studierenden möglich zu machen, veranstaltet haben. Diesmal werden Studierende auftreten. Vorträge ausgewäUtcr antiker Lvrik in den schönsten, sorgfältig nachgefeilten und aus völliges V.'tstand- nis jedes Gebildeten berechneten Ueb Ersetzungen nrtben eine Verstellung nicht nur von der Schönheit, sondern vor allem von dem Inhalt, der Stimmungunb dem Gedankenkreise dieser Poesien gef-cit in ihren verschiedenen heiteren und ernsten, tan» beenden und tiefen, b.r3cn und witzigen, erhobenen und schwermütigen Arten. Die ältere Lyrik der Griechen war van den Dichtern zugleich in Musik gefef’t ^unb auch die spätere wie ihr Ableger, die römische, war vielfach fomtaniert worden. Wie diese cn ifen Lieder. Einzelsänge ifnb Ehvrsänge geklungen haben hiben mögen, baeüber heben sich, seitdem Europa wieder Interesse für bic Antike hatte, viele Gedanken gemacht, und so mancher Musiker hat iie seit dem 15. Jahrhundert aus sich selbst heraus zu schaffen gesucht. Don solchen musikalisch z. T. sehr reizvollen Versuchen werden drei Quartette auf Horaz öden von Earl Loewc (v 1869), Ferdinand Flemming (f 1813) und Peter Tritonins 1507) gesungen werden. Seit kurzem besitzen wir nun aber echte altgriechische Originalkaiuvositionen aus vorchristlicher rnb ans ber K'aiserzeit. Sie finb in mühseliger Arbeit von Pki>l"gen und Musikern entziffert, triebet hergestellt unb in unsere Notcnst' r ft umgesetzt worben. Für moberne Ausfnhr- ,'naen h t sie A. Thierfelber bearbeitet unter dem Titel „Astgriech. Musik" D'mach so'len biete wnnbersamen Stüue ausgefuyrt werben, rhythmisch unb h'rmonisch, Klänge aus einer anbern Welt unb doch umniitclb'r ansprechend. Herr Dr. Lev von Herget wirb au^ev ben Sowp'wieen noch zwei burch Handschriften antiker Musik- tbeorctifcr überlieferte Hymnen vortragen. Damit die Alltagsstimmung sogleich beim Betreten der Aula verbannt werde, soll
Podium mit antiken Büsten, Ktänzcn unb Loroeern geschmückt ß>Ct^Um die für jeden Musikalischen wie für alle Freunde trr Antike einzig interessante Darbietung weitesten Kreißn möglichst »ngünglich zu machen, soll die Hauptprobe des vvltstänbigcn Programmes gegen ein geringes Eintrittsgelb (0,50 Mk., für Schüler unb Schülerinnen 0,25 Mk.) am (Sonntag, dem 1L Februar vormittags 11 Uhr in der Aula öffentUch ^halten werden.
— Die moberne Bearbeitung eines altgriechischen Dramas gelangte, wie wir schon kurz melbeten, im Deutschen Theater zn Berlin zur erstmaligen Aufführung. ES war die Tragödie Oedipus unb die Sphinx von §>ugo v. Hoff- mwnns'thnl (Buchverlag von S. Fischer in Berlin). Ter Grundgedanke ist bet nämliche wie bei Sophokles. Hier wie bort sehen wir den Lebensgang eines Menschen, der vergebens versucht, einenr ihm vorausbestimmten trogifrben Geschick zu entrinnen. An diesem Grundgcbanken kennte Hrffmannsihal nickits ändern. Daß er aber daran fefthalten mußte, bas bildet bic Schwäche des Stückes. Der Sophokleische Oedipus war seinen Zeitgcnossm verständlich. Für, den Doffmannslhols aen fehlt den modernen Menschen daS Verständnis, unb deshalb kann auch eine ben Zuschauer im Innersten ergreifende. Wirkung nicht zustande kommen. Wenn das Stück IroNrem einen sehr bebauten» den Erfolg erzielte, so ist bas in der Hauptsatz" der äußeren Mache zuzuschreiöen. .Hosftnannsthal ist ein Meister der Ders- kunst, unb er hat auch seinem OedivuS eine so glanzende Fassung gegeben, daß man davon stellenweise ganz berückt wird. Anch ber szenische Aufbau entspricht, abgesehen von c -igen bedenklichen Längen, durchaus b.n Anforderungen der m. rnca Bühne.
— Ein deutscher S t u d c u t e n q c s a u g a u * der französischen Bühne. Zn Paris bedeutet jetzt, wie schon acmclbet, Meyer-Försters ,,A l t - H c i d e l b e r q" den Hauvterfolg der Saison, au bem die Echtheit, mit der an Antoines Bsibne das deutsche Studeutenleben gezeigt wird, mit ber wichtig sie /aftor ist. Unb doch krankt dieses s'auzösischc „Att-Heidelbei on eiue:n Fehler. Ter lieat im Titel selber, in der Bezeichnung Vi I Heidelberg“. bic die Neberieizer Römo n und Bauer bc.t Stück nc= neben. „Alt" ist ja nn sich ganz richtig mit vieax . aber hiev bat doch das „91U" eine ganz andere Bedeutuiu,. indem -s sich nicht auf die alle Stabt Heidelberg bezieht, sondei । mehr die Bedeutung von mein Heselberg, mein altes Heidelberg hat, was richtiger also mit rMoi> xieil Heidelberg“ zu übersetzen wäre, abn- lich wie es auch in bem berühmten französischen L'icbc Lepörcs nMon vienx qnnrtier Latin” beißt. Dementsprechend babcn schon die Herren Rörnon im' Bauer das in „Alt-Heidelberg" vor- kommende Scheffelsche , < -Heidelberg, Tu ferne" übersetzt, das Mon vicü Heidelberg1- t e innt und das die folgende nicht un° aeichidie französische Uc! " raqung qcfuubcn bat:
3[on vieil Heid .berg ville coquette Et plcine de gloire, Sur les bords du Rhin et du Neckar Tu n’as paa de rivale
Ton nom est decrit dans mon coeur
Comme celui d’une flauere Ton nom sonne pour moi Anssi doucement qn’un amour lointaine.
TaZ hatte sich Victor von Scheffel sicher nicht träumen lasten, daß von einer französischen Bühne herab sein „feines" Alt-Heidelberg einst als ville coquette besungen werden würde! . . .
— Der höfliche Sudermann. In einem Artikel, der in ben dreißiger Jahren deS vorigen Jahrhunderts die Runde durch allerlei Blätter machte und ber die ost übertriebene G: lanteric der Herren gegen des zortere Geschlecht z-um Gegenstände harte, ivird des längeren eines Herrn v. Sudermann in Berlin gee cht, der feine Galanterie gegen die eigene Gattin so weit tr:' , daß er noch nach rwanzigjähriaer Ehe in Socken durch d : Zimmer ging, in welchem seine bessere Hälfte sich der Lektüre hin: w, unb sich eiligst in den Vorraum begab, wenn ihn, ben zärtlichen Gatten, das Niesen nnBrnn, um nur sie nicht zu be- lästiaen. Dieser Sudermann soll um 1780 gelebt haben; ob er wob: ber Ahnenhalle unseres Dichters an gehörte?
- Ein dänischer Rosegger. In bem Landstabtchen Ssi 'uskrup bei Banbers in Dänemark ist in einem Bauern- ho ein junger Knecht namenS Christian Bundgaard in Diensten, der in seinen Mußestunden mit großer Gewandtheit die Fed^r führt. Eine Sammlung Erzählungen läßt einen Volks- schildere'.- ersten Ranges erkennen. Als Sohn ganz armer Leute l> t er nur einen sehr mäßig-'n Schulunterricht erhalten, dessen Lücken jedoch s.ine glänzende Begabung die Wage h-ilt. Er ist im übrigen in seiner Arbeit sehr tüchtig und pflegt sie mit seinem Hellen Gesang zu begleiten.
- Ein echtes Bauern stück. Dem Deutschen Volks-
-tc, ;u Wien siebt eine interessante Premiere bevor. Es handelt fid) um d s Scbausviel eines siebenbürgischen Bauern, d-s dort seilte Uraufführung erleben soll, das Werk eines Manncs, bei eigenartigerirvüe, als Autodidakt, sein Stück in den freien Stunden schrieb, die ihm s-rne Landarbeit ließ. DaI Stück. b'S absolut modernen, realistischen Charakters sein soll, betitelt sich „Der hoch würdige Herr". Es spielt zum! großen Teil in einer evangelischen K'rche und bringt den ganzen Apparat eines Gottesdienstes auf die Vülme, alö ein Milieustück von eigenstem Reize. Es zeigt zugleich, wie viel Talent zum Pricstcrbcrnse gehört unb führt und in diesem Berufe den Unterschied zwischen „Künstlet unb „Handwerker" vor, — ein eigenartiges Stück, wie es scheint, unb von doppeltem Interesse um der Person seines bäuerlichen Arrtors willen.


