Ausgabe 
5.12.1906 Viertes Blatt
 
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Nr. 286 Viertes Blatt.

156. Jahrgang

Mittwoch 5. Dezember 1906

Erscheint tigllch mti Ausnahme befl SonMagS.

Die(Bleßencr $aml!tenb!3tterw werden dem .Anzeiger viermal wöchentlich detgelegt. Der -hessische Landwirt" erscheuu monaUrch einmal.

Giehener Anzeiger

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'sehen UnlversilätSdruckerei. ÖL Lange, Gießen.

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General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Sichen.

3>ic Faufe des Hessischen Krögrotzherzogs.

R.B. Darmstadt, 4. Dez.

Kurz vor Ankunft des Prinzen Eitel Friedrich als Vertreter des Kaisers bei der Tauffestlichkeit am hie­sigen Hofe trat heute vormittag nach den letzten schweren Regentagen ein freundlicheres Wetter ein, zeitweiliger leichter Sonnenschein beleuchtete um die Stunde der Taufe die Straßen und die lustig im Winde flatternden Fahnen der Häuser. Im Neuen Palais war der mit alten Ahnen- bildern geschmückte Festsaal zu einer Taufkapelle umge­wandelt worden, ein Altar mit silbernen Kandelabern und brennenden Kerzen, mit Palmen, Blattpflanzen, weißen Lilien und feurigroten Blüten desSterns von Bethlehem" im Hintergrund, davor der Taufstein mit goldenem Tauf- decken und ebensolcher Taufkanne, in welcher sich aus dem heiligen Land bezogenes Jordanwasser befand.

Unter Vorantritt des Oberhofmarschalls, Exzellenz von Mesterweller betrat dar Zug der Fürstlichkeiten den Saal. II. KK'. HH. der Gr o ß h e r z o g und Prinz E i t el-Fr i e d- rich geleiteten Prinzessin Heinrich von Preußen und Prinzessin Ludwig von Battenberg. Der Großherzog und Prinz Ettel-Friedrich nahmen links vom Altar, die Prinzessin Heinrich, die Prinzessinnen Ludwig und Luise von Battenberg, Fürst und Fürstin, sowie Prin­zessin Marie und Dorothea zu Solms-Hohen- solms-Li ch, Prin^ und Prinzessin Friedrich Karl von Hessen und die übrigen Festgäste nahmen im .Halb­kreis um Altar usnd Taufstein Aufstellung. Vor demselben hielt die Oberhosmeisterin, Freifrau von Grancy, den Täuf­ling, toelchen die Vertreter der auswärtigen Monarchen, Herzog v. Teck für den König von England, Ministerresi­dent v. Dubenski für den Kaiser von Rußland und Fürst Karl zu Solms-Hohensolms-Lich, ein Bruder der Großherzogin, umstanden. Weiter bemerkten wir den engl. Geschäftsträger, Mr. Harsord, die obersten Hofchargen, Staatsminister Ewald, FinanMinister Dr. Gnauth, Minislerialpräsident Braun, die Präsidenten der ersten und zweiten Kammer, Graf Erbach-Fürstenau und Geh. Rat Haas, Geh. Kabinettsrat Röm Held, Geh. Rat Kammerherr Frhr. v. Biegeleben, Kammerherr Frhr. v. Leonhardt, Oberbürgermeister Morneweg u. a. Nach erfolgter Aufstellung erschien durch das Mittelportal die Frau Großherzogin und nahm auf einem Sessel neben dem Prinzen Eitel-Friedrich Platz, thr zur Seite ihr kleiner Neffe. Die hohe Frau trug eine Robe aus Hellem lila Chiffon mit prächtigen Silberspitzen besetzt.

Nachdem Oberhofprediger Ehrhardt vor dem Altäre erschienen, herrschte noch mehrere Minuten eine andachtsvolle Stille und die hohe Kerzenbeleuchtung vom Altäre verbreitete einen magischen Zauber über den Festraum. Da erklang au- einem Nebensaal von dem Kinderchor der Hofkirche der Choral: ,91un danket All' und bringet Ehr* und dann hielt der Geistliche etwa folgende Taufansprache:

Das war eine freudenreiche Stunde, als in der Frühe des 8. Nov. der Donner der Geschähe verkündete, daß imserm Groß­herzoglichen Hause ein Sohn geboren und dem Lande ein Thron­folger gegeben worden sei. Die Freude des Hessenvolkes, das in guten und schweren Tagen stets treu zu seinem Fürstenhause stand, auch alS sich schwer und tief der Schatten über daS ver­einsamte Haus gesenkt hatte, war groß: eS ging wie ein Sonnen­strahl die Kunde von der Geburt des Erbgroßherzogs durch das Land, und alles nahm teil an der Freude und dem Glück der hohen Eltern. Heute soll sich die Freude in einem tiefen Dank gegen Gott' verwandln, der in seiner großen Güte die Mutter wieder glücklich genesen ließ und dem Kinde den Odem gegeben haü ES wird alles geschehen, was Menschenverstand und Men­schenwille vermag, um von dem jungen Erdensohn jedes Miß­geschick fernzuhalten und gute Wünsche und frohe Hoffnungen begleiten diesen Tag vor dem Tausaltar. Und doch, wie oft miis'en wir erfahren: Mit unserer Macht ist nichts getan! Des­halb stellen wir unsere Kinder unter den Schutz, und die Obhut Gottes, denn nur Er weiß, was not tut. Auch über diesem Kinderhaupt schwebt heute unsichtbar der Geist deS großen Kin- berfreundeS, unseres Heilandes, der aus den himmlischen Höhen zu uns herniederschat. Eine große Gabe Gottes sind die Kinder, aber sie bringen auch eine große, ernste Aufgabe mit sich, und besonders dieses Kind, das dereinst zur Lenkung der Geschicke dieses Landes berufen sein wird. Es muß mit Weisheit und Gerechtigkeit erzogen werden. Damit es zu seinem Beruf heranreife und seinen großen Ahnen gleich werde. Der Fürst ist der erste Diener seines Staates, und da muß er auch dazu dienen lernen, da gibt cs keine bessere Schule, als das Vorbild und die Nach­folge dessen, der sein Leben freudig für uns am ftreui dahin­gegeben hat. Was dem Kinde dereinst an äußeren Erfolgen beschicden sein wird, steht in GotteS Hand. Wir aber flehen hier bei der Taufe für das innere Seelenleben des Knaben Gottes Segen herab im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes. Alle unsere Hoffnungen an diesem Tage fassen wir zusammen in dem Wort: Gott schirme und schütze unser Großherzogliches Haus, er walte mit seinem Segen über den jihen Eltern und erhalte sie uns noch lange, lange Jahre, aber er gebe auch seine Gnade und mache das Bibelwort zur Wahrheit: Ich will Dich segnen und Du sollst dem Lande ein Segen werden! Möge der junge Prinz unter dem Schutz des Friedens, für den unser Kaiser mit starker Hand wacht, zum Manne heranwachsen, möge er ein Vorbild guter deutscher Art werden, wie es seine Vorfahren waren und seinem Volke dereinst voranziehen als der Herzog auf den Bahnen christlicher Gesitt­ung und sozialer Wohlfahrt. ~ .

Nach dieser Ansprache nahm Prinz Eitel Friedrich den Täufling auf die Arme, worauf die eigentliche Taufzeremonie vollzogen wurde. Der Geistliche taufte den Prinzen auf die Namen:

Georg (als Rufname), Donatus, Wilhelm, Nikolaus, Eduard, Heinrich, Karl.

Der Geistliche sprach dann Gebet und Segen, worauf die Feier mit einem Cboraloers des Kindersangcrchors ihr Ende erreichte. AlsTaufpaten wurden verkündet: Kaiser Wilhelm, Zar Nikolaus, König Eduard, Prinz Heinrich und Fürst Karl zu Solm S-Ho h ens olms- 2ich. Während des eigentlichen Taufaktes stand der Groß­herzog dicht an der Seite seiner Gemahlin, welche dec heiligen Handlung mit größter Aufmerksamkeit und freudestrahlenden GestchtSziigen folgte und nach dem Segen des Geilllichen das Kindchen glückselig in ihre Arme nahm. Der kleine Prinz verhielt sich während der ganzen Zeremonie sehr brav.

Er trug ein weißseidenes Taufkleidchen, das mit kostbaren alten Spitzen aus dem Großherzoglichen Hausschatz reich be» setzt war. Nach der Tausfeier fand im Neuen Palais §of* täfel im engeren Familienkreise statt.___________________________

Die Kolouialdcbatte im Reichstag.

* " V.

E. Berlin, 4. Dezember.

Das Reichsparlament steht andauernd im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses. Dem Kolonialsturm entspricht der Ansturm auf die Tribünen. Man hält den Höhepunkt der dramatischen Szenen noch nicht für erreicht und bietet sogar ansehnliche Preise für Tribüncnkarten im Privat­handel.

In den letzten zwölf Stunden hat sich mancherlei hinter den Kulissen abgespielt. Dernburg ist heute nicht mehr allein auf der Bundesratsestrade: Fürst Bülow hat sich eingefundenendlich", meinte in der Debatte Abg. Dr. Müller-Meiningen (fr. Vlksp.),fast eine Woche haben wir nach ihm geseufzt!" Und der Reichskanzler ließ sich angelegen sein, die gestrigen energischen Ausführungen des Kolonialdirektors in Bausch und Bogen zu decken. Er tat es kurz. Man solle doch nicht die koloniale Reform- arbeit der Regierung durch fortgesetzte neue Vorwürfe er­schweren. Dernburg sei gereizt worden, Abg. Roeren hätte sich das maßvolle Verhalten seines Fraktionsrollegen Erz­berger zum Muster nehmen sollen. Diese Belehrung er­regte nicht geringe Heiterkeit. Abg. Roeren mußte zudem heute wahrscheinlich unter dem Einfluß gewisser Wider­stände im Zentrum, eine ArtE an o s s a g an g" antreten. Fürs erste hatte er einen nachträglichen Ordnungsruf seitens des Präsidenten Grasen Ballestrem einzustacken wegen der übertrieben scharfen Ausdrücke, die er gestern Dernburg entgegengeschleudert hatte. Tann war er ge­nötigt, zu erklären, daß er seine Ausführungen über den Fall W i st u b a, den Kern seines Bcschwerdcmaterials, nur fürseinePerson, nicht imNamen derFraktion gemacht habe. Damit ist die Drohung, das Zentrum werde keinen Pfennig mehr für dia Kolonien bewilligen, der Boden entzogen, und Dr. Müller- Meiningen bemerkte mit Recht, von politischen Kon­sequenz en des Konflikts Roeren-Dernburg dürfe jetzt wohl nicht mehr die Rede sein. Die Kolonialaffären sind dem Zentrum nicht soviel wert, daß es deswegen seine Stellung als Regierungspartei aufs Spiel setzte. Es will in diesem Sinne keine inneren Krisen, und auch Fürst Bülow will sie nicht, denn, soweit er auch Umschau hält er sieht keinen Mann, der Lust hätte, an Dernburgs Stelle zu treten. Umsomehr wohl, als heute von volkspartei­licher Seitenoch tollere Enthüllungen" über die Zustände in den Schutzgebieten für die Beratung des Kolonialetats anlzekündigt wurden. Fürst Bülow kommt am Ende doch, noch! tni fyie Lage, ein kolonialesSchwarzbuch" anzulegen. Der reinigungsbedürftigenweißen Westen" werden immer mehr.

Das resolute Vorgehen Dernburgs gegen seinen Zentrumsgegner hat auf der Linken erklärlicherweise ge­fallen. Ein Mann, oer so wenig mit seiner Meinung hinter dem Berge hält, ist leider eine seltene Erscheinung in allen deutschen Regierungslagern. Dr. Müller-Meinin­gen widerstand der Versuchung nicht, den Vorgänger Dern­burgs zu charakterisieren, und Dr. Stübel stand daals eine der bedauernswertesten Erscheinungen der kolonialen Beamtenschaft". Die Schuld daran, daß er es geworden ist, liegt wohl zum geringeren Teile an Stübel selbst.

Bebel machte den Reichskanzler für das ver­fehlte koloniale System verantwortlich, aber auch diesem können mildernde Umstände kaum vorenthalten wer­den, denn er ist wohl selbst durch die beschönigenden Be­richte aus den Kolonien irregeführt worden. Bebel be­hauptete freilich auch heute wieder, in der Kolonialverwal­tung sei das Vertuschungssystem im Schwange ge­wesen; so habe man dort beispielsweise um Missetaten des Oberleutnants Dominik seit vier Jahren ge­wußt. Wie überhaupt bei uns regiert werde, dafür lieferten die Hohenloh eschen Memoiren reichhaltigen Stoff. Dem Versuch Bebels, Vorlesungen aus dem Werk zu halten, widersetzte sich der Präsident.Wenn Sie an eine Hölle glauben, dann gehören Sie auf mindestens zehntausend Jahre dorthin!" mit diesen von tosendem Lärm ge­folgten Worten apostrophierte Bebel den Abg. Dr. Arendt, weil dieser an der Rechtfertigung des 'Dr. Peters unent­wegt festhält. Den Vorwurf Bebels, in der Angelegenheit Dominik sei amtlicherseits nichts geschehen, entkräftete der Leiter des Oberkommandos der Schutztruppen, Oberstleut­nant Quade, ein Hüne an Gestalt.

Tann bezog wieder einmal Abg. Erzberger den Platz an der Rednerbühne, und man merkte bald, daß er die Absicht hatte, einerseits den Kritiker herauszukehren, um das ihm vom Fürsten Bülow gespendete Lob aüzuschwächen, andererseits den Rückzug seines getadelten Parteifreundes Roeren zu decken, damit nach außen hin die Einmütigkeit des Zentrums dokumentiert werde. Wie dieSirenen­gesänge be§. Reichskanzlers, so lehnte Erzberger auch die Schalmeientöne" Bebels ab, dagegen erklärte er die Be­reitwilligkeit zwar nicht zu einem Friedensschluß, wohl aber zu einem Waffenstillstand mit der Kolonial­verwaltung. Er, der Satyriker, fand sogar einen begü­tigenden Humor gegenüber derEmpfindlichkeit Dernburgs wegen der Roerenschen Anspielung auf seine Vergangenheit". Der Kolonialdirektor sah sich in schmei­chelhafte Parallele gestellt mit dem Gralsritter Lohengrin. Ja, noch mehr. Er sollte sogar glauben, Roeren habe ihm keineswegs sein Mißtrauen bekunden wollen. Bei diesem Ansinnen brach denn doch ungestüme Heiterkeit aus.

Dernburg schlug nun auch seinerseits einen ver­söhnlichen Ton an. Erenthüllte", nie geglaubt zu haben, daß das Zentrum keinen Groschen mehr für die Kolonien bewilligen werde.Wir auch nicht!" schallte es von links. Der .Kolonialdirektor sicherte sich heute im übrigen einen guten Ad gang durch, seine Erklärung, er habe die Politik aus der Kolonialverwaltung h i n a u 2 g e w o r f e n und werde dafür sorgen, daß sie dort nW wiader EinAang finde. Wenn. es. ichm nur glückt!

Am Reichstag hat er zweifellos 'J tu al) au, Denn dieser ist von der Befähigung und dem ehrlichen Willen des neuen Kolonialdirektors überzeugt.

Ein Schlußantrag brachte die gründlichste und denk­würdigste der Kolonialdebatten in später Stunde zum Ende. Die Einzelberatung des Nachtragsetats für Südwestafrika, von dem nur vorübergehend die Rede war, erfolgt nun in der Kommission unter Beteiligung des Gou­verneurs v. Lindequist.

politische Lagesbchau.

Tie spanische Krifis.

»Kaum gedacht, ward der Sach' ein End' gemacht.* Ein so kurzlebiges Kabinett, wie das letzte Ministerium fDloret, hat es kaum jemals gegeben, kaum vier Tage ist es im Amte geblieben. Was eigentlich die Ursache dieses jähen Wechsels ist, liegt auqenblicflid) noch in tiefes Dunkel gehüllt; im Senate gab der Präsident Montero Rios seine Demission, worauf Morel erklärte, daß auch er sein Amt niederlegen wolle. Wahrscheinlich Hatte er sehr schnell ein Haar in der Führung der Geschäfte gefunden und schleunigst die Last wieder von sich abgeschüttelt. Er hatte bei der Neubildung des Kabinetts wohl sei Kräfte allzu hoch eingeschätzt. Korrupte Parteiherrschast ist e§, welche Spanien von seiner Höhe heradgestoßen hat und die Bevölkerung als Ausnutzungs­objekt nach allen möglichen Richtungen hin betrachtet. Zwei Fragen sind es augenblicklich, welche Spanien auf daS leb­hafteste beschäftigen, und welche die Negierung zwingen, Farbe zu bekennen. Es hatte den Anschein, als wenn sich ein Kulturkampf wie in Frankreich entfpinnen sollte, mit dem Vatikan war es wegen deS sog. DereinSgesetzeS zu einem scharfen Konflikt gekommen, der zeitweise den Anschein er­wecken konnte, als ob es ebenso wie zwischen Paris und Rom auch zwischen Rom und Madrid zu einem Bruche kommen sollte, ein Eelat, der um so größer erschienen wäre, alS Spanien bisher als dasjenige Land galt, welches unverbrüch­lich treu zur Kurie hält. Die Regierung scheint auch ent­schlossen zu sein, den Kampf durchzuführen, indessen müssen gewichtige Einflüsse hinter den Kulisien sich geltend gemacht haben, welche zu einem Einschwenken führten und dadurch eine kritische Situation herausbeschworen haben. Jedenfalls ist nach dem mehrfachen Kabinettswechsel nicht an eine weitere Zuspitzung dieses Konfliktes zu denken. Die andere Sorge ist Marokko, und es wird behauptet, daß das vorige Kabinett hauptsächlich hierüber gestürzt sei. ES steht außer Zweifel, daß die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung nichts von Marokko wißen will, well man, nicht mit Unrecht, der Ansicht ist, daß die Kosten kaum im Einklang mit dem Resultat einer umfaßenden Aktion stehen würden. Man hat genug von dem furchtbaren Sturze Spaniens von seiner Höhe, der durch seine Kolonien herbeigcführt worden ist; der Ge­brannte scheut das Feuer. Der jüngste Ministerwechsel dürste voraussichtlich nicht nur eine Verzögerung in die geplante Aktion bringen, sondern er dürfte aller Wahrscheinlichkeit nach auch auf den Umfang derselben nicht ohne Einfluß bleiben.

Vega de Armijo unterbreitete dem König die Liste deS neuen Kabinetts, die von diesem genehmigt wurde.

Zur Flerschteuerung.

Ein agrarisches Blatt, die .Rheinische Volksstimme*, wendet sich gegen die rheinischenMetzger-Innungen, die trotz des Sinkens der Preise für Schweine an den hohen Fl e i f ch p r e isen fest halten. Das Blatt rechnet dabei heraus, daß gegenwärtig bei Kälbern und Schweinen zwischen dem Viehpreis und dem Fleischpreis ein Unterschied von 25 Pfg. bestehe, was einem durchsckmittlichen Reingewinn von 25 Mk. bei Kälbern und 40 Mk. bei Schweinen gleichkomme.

Die Viehhändler, die bisher vielfach auch von der Reichsregierung selbst, als die wahren Urheber der Fleisch­teuerung bezeichnet roorb.cn roaren, drehen den Spieß um. Die Jahresversammlung des Deutschen Viehhändlerbundes zu Berlin hat tu einer Resolution erklärt, daß eine roesentliche Herabsetzung der Fleischpreise auch ohne die Oeffnung der Grenze durch den Fortfall der enormen Spesen, roomit die Regierung den Viehhanbel unnötig belaste, unb eine Er­mäßigung ber Bahnfrachten möglich fei.

Schwurgericht.

Vorsätzliche Brandstiftung.

-th. Gießen, 5. Dezembsr.

Gestern verhandelte das Schwurgericht gegen den am 20. August 1864 in Blnmenau, Westvreußen, geborenen Tagelöhner Franz Jakob Spezodrowsku, zuletzt ohne testen Wohnsitz, wegen Brandstiftung. Tie Anklage vertritt Staatsanwalt Reuß, ruäbrcnb die Verteidigung in den Händen des Jnstizrats W e i d i g ruht. Es sind sieben Zeugen und als Sachverständiger Medizinal­rat Dr. Haber körn au hören. Dem Angeklagten wird zur Last gelegt, daß er am 14. November ds. Js. am Spätnachmittag in der Gemarkung Nieder-Wöllstadt einen etwa 300400 Dieter vom Torfe entfernten Stroh Haufen im Werte von zirka 480 Mk., ber dein Bäcker und Landwirt Rupv gehörte, vorsätzlich in Brand gesetzt hat. Ter Angeklagt erzählt, daß er als 17jähriger Mensch au§ seiner Heimat weggegangen und nicht wieder zurück- gekehrt sei, er könne nicht sagen, ob sein Vater oder seine Mutter noch am Leben seien, da er seit 7 Jahren von zu Hause nichts mehr gehört hat. Auf Antrag des Staatsanwalts konstatiert der Vorsitzende ans den Akten, daß nach amtlicher Auskunft die Be­hörde in Blnmenslein weder von der Existenz des Angeklagten etwas wisse, noch Angehörige desselben am Platze ermitteln könne, der Name Cvezodrowsky sei ganz unbekannt. Ter Angeklagte erklärt sieh schuldig, er will aber über die Tat selbst nichts mehr wissen. Er sei so betrunken gewesen, daß er gar nichts mehr über seine Erlebnisse sagen könne. Auf Vorhalt des Vorsitzenden, doö er doch sehr viel Schnaps vertragen könne unb öic Zeugen bekunden würden, daß er zwar angetrunken, aber kemesfatles sinn­los bennnten gewesen, bleibt Spezodowsky habet, er wisse nichts und fügt hinzu, er sei an dem Tage wie viehisch berauscht gewesen. Zu seiner Persönlichkeit übergehend, giebt der Angeklagte an, daß