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09/06/1906 Erstes Blatt
 
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Wirtschaft gewesen, das mit der Errichtung der Landes- kreditanstalt im Jahre 1883 begann; dann folgten Anträge und Referate in reicher Fülle und zuletzt sein bedeutender Antrag über die Landwirtschaftskammer, der in Gestalt eines Kompromisses wrsentUch den Inhalt des neuen Ge­setzes über die Landwirtschaftskammer bildet. Unermüdlich sei aber auch die Mitarbeit des Jubilars in den Aus­schüssen und auf fast allen anderen Gebieten der Land­tagszuständigkeit gewesen, worüber die Akten der Kammer alles nähere enthielten. Dazu komme der liebenswürdige und herzliche Verkehr, in welchem der Jubilar stets mit den Kollegen stand. Der Redner schloß wörtlich:Hoch­geehrter Herr Kollege Haas! Indem ich Sie bat, für dies­mal und für kurze Zeit von diesem Präsidentenftuhle herab­zusteigen und Ihren Platz wieder einmal als Abgeordneter einzunehmcn, und um Ihnen die Gefühle der Dankbar­keit, der Hochachtung, der Freundschaft und herzlichsten Verehrung zu verdolmetschen, handelte ich 'gewiß im Sinne aller Mitglieder dieses hohen Hauses. Rosen der Liebe und schlichte Blumen der freien Flur, der ja in so hervor­ragender Weise Ihr Lebenswirken galt, schmücken heute Ihren Platz. Ein Lorbeerkranz, ausgezeichnet mit der Inschrift 25 Jahre Abgeordneter" möge Ihnen eine stete Erinnerung sein, daß in diesem Hause der Satz, daß der Prophet in seinem eigenen Daterlande nichts gelte, in das Gegenteil gewandelt wurde. Hochgeehrter Herr Kollege! Mögen Ihnen, nach so ganz erfolgreichem Wirken, noch viele, viele Jahre goldigsten Abendsonnenscheins beschieden sein. Ihnen, all Ihren Lieben und Freunden und unserem gesamten Volke zu Glück und Wohlergehen! Das sei unser aller Herzens­wunsch zu Ihrer Jubiläumsfeier."

Staatsminister Ewald: Hochgeehrter Herr Ge­heimer Regierungsrat! Gestatten Sie, daß auch ich namens der Gr. Regierung Jh-nen herzlichen Glückwunsch zu dem heutigen Tage darbringe. Es hätte wohl kaum der beredten Worte meines Herrn Vorredners bedurft, um hervorzuheben, in welchem Maße Sie sich um unser engeres Vaterland verdient gemacht haben, denn das sprechende Zeugnis dafür, daß das allgemeine Anerkennung gefunden hat, ist ja die Tatsache, daß Sie seit 25 Jahren das Vertrauen Ihrer Wähler an diese Stelle berufen worden sind, und es ge­winnt dieses Zeugnis umsomehr an Bedeutung, als das in einer Zeit geschah, in der die Aufgaben, die den gesetz­gebenden Körperschaften in Deutschland gestellt gewesen sind, auf dem Gebiete des wirtschaftlichen Lebens, der Sozialpolitik, der Rechtsentwicklung wohl mit die bedeu­tendsten sind, die in den letzten Zeitabschnitten solchen Körperschaften gestellt waren. Ich darf die Hoffnung aus- sprechen, wie es schon der Herr Vorredner getan hat, daß wir auch in Zukunft Sic immer wieder an diese Stelle zurückkommen sehen, mag es nun sein im Wege des in­direkten oder, wieich immer noch hoffen darf, des direktenWaylrechts. (Bravo! Heiterkeit.) Wir hoffen ferner, und deshalb lege ich ganz besonderen Wert darauf, daß es auch der Regierung heute verstattet ist, ihre Em­pfindungen zum Ausdruck zu bringen, daß Sie dann auch wieder das Vertrauen finden, das sich in diesem Hause auf Ihre Person konzentriet hat; daß die Herren Abgeordneten auch Sie dann wieder zum Leiter ihrer Geschäfte erwählen werden. Und so möchte ich mit dem Wunsche schließen, daß wir in kommenden Jahren in gleicher Weise wie seither in dem Einvernehmen uns befinden werden, in dem wir seither mit dem Leiter der Geschäfte dieses Hauses gestanden haben. (Bravo.)

Präsident Haas dankte mit herzlichen Worten. Er habe sich in der langen Zeit stets bemüht, für die Inter­essen des Landes zu arbeiten, und sei unbeirrt seinen ge­raden Weg gewandelt und bestrebt gewesen, seine Pflicht zu tun. Tas sei nicht ohne Fehler geschehen, aber das Haus habe ihm Indemnität erteilt, und er habe den schönsten Lohn in dem freundlichen Verkehr mit den Mit­gliedern dieses Hauses gefunden. Wenn man ihü auch zu­künftig wieder auf seinen Posten berufe, werde er bemüht sein, auch weiterhin seine Schuldigkeit zu tun und sich die freundliche Gesinnung seiner Kvllegen zu erhalten. (Beifall.)

Vizepräsident Köhler erklärt darauf, daß nach der Feier wohl keine Neigung zu geschäftlichen Beratungen bestehe und beraumt die nächste Sitzung auf Dienstag vor­mittag 10 Uhr an.

^parlamentarisches ans liessen.

R B. D a r m st a d t, 8. Juni.

Die 1. Kammer der Stände wird, da eine Anzahl Gesetzesvorlagen eiliger Natur, die gegenwärtig von der 2. Kammer fertig gestellt werden, noch zur Erlangung der Gesetzeskraft der Zustimmung des anderen Hauses be­dürfen wir er Ürnern nur an die Vorlagen über Bad Salzhausen und die Wasserversorgung von Bad-Nauheim und den angrenzenden Gemeinden, die

Gesetzentwürfe über die Abänderung des Berggesetzes, der Feldbereinigung usw. gegen Ende des Monats Juni ebenfalls noch zu einer kurzen Tagung zusammen­retten. Die 2. Kammer wird mit ihren Beratungen Mitte nächster Woche zu Ende kommen und dann treten in der folgenden Woche die zuständigen Ausschüsse der 1. Kammer zur Vorberatung der von der 2. Kammer erledigten Vor­lagen zusammen.

In der zweiten Ständekammer hat sich während der heutigen Sitzung eine kleine Revolution im sozial­demokratischen Lager ereignet, die unter den Parla­mentariern mit Heiterkeit beobachtet wurde und viel­leicht auch für weitere Kreise einiges Interesse haben dürfte. Der sozialdemokratische Vertreter im Wahlprüfungsaus­schuß, Abg. Berthold, hatte sichi, wie Abg. Bähr heute konstatierte, ausdrücklich der Anschauung des Ausschusses angeschlossen, daß die Wahl des Abg. Ullm an n im Wahl­bezirk Vilbel für giltig zu erklären und der sozial­demokratische Wahlprotest der Heinrich Busold u. Gen. zu Friedberg als in sämtlichen Punkten unbe- gründet zurückzuweisen sei. Bei der heutigen Beratung über diese Wahl erhob nun plötzlich Abg. Orb einen energi­schen Protest gegen die Giltigkeit dieser Wahl und suchte die in dem sozialdemokratischen Protest erhobenen Vor­würfe z.u verteidigen, indem er zugleich dem Wahlprüfungs­ausschuß Parteilichkeit uno Ungerechtigkeit vorwarf. Bei der Abstimmung trat nun der in unserer hessischen Kammer und wohl auch anderwärts höchst seltene Fall ein, daß die Sozialdemokraten getrennt marschierten. Während die Abgg. Orb und Raab als die beiden einzigen im Hause gegen die Giltigkeit der Wahl votierten, stimmte Abgl Adelung gemeinschaftlich mit allen übrigen Kammer- mitgliedern für die Giltigkeit. Berthold war im Moment der Abstimmung wohl nurzufällig" nicht zugegen, während die Abgg. Ulrich und Dr. David erst später im Hause erschienen und Dr. Fuldas Abwesenheit entschuldigt war. Die Frage ist nun, wie wird sich die Parteileitung zu dieser zwiespältigen Haltung stellen? Wird nun auch über die Herren Adelung und Bert­hold ein Hochnotpein liches Scherbengericht abgehalten werden, wie seinerzeit über den widerspenstigen Abg. Cramer wegen seines Gangs zum Großherzog? Es muß doch einigermaßen zu denken geben, daß in einem Moment, in welchem von einem sozialdemokratischen Ver­treter die Beschwerden der Parteigenossen jenes Wahlkreises aufs lebhafteste gegen dieverrottete bürgerliche Gesell­schaft verteidigt wurden, die Mehrheit der Parteiange­hörigen in der Kammer durch Abwesenheit glänzte!

Auf der Tagesordnung der nächsten Sitzung der 2. Kammer, die am Dienstag, 12. Jüni, stattfindet, steht u. a. die Fortsetzung der Beratung des Feldbereinigungs­gesetzes, ferner das Berggesetz und die Gruppenwasserver­sorgung Bad-Nauheim.

Eine der Kammer zugegangene Vorstellung des Lan­desverbandes der Bürgermeister bittet, bei der Revision des Stempelsteuergesetzes zu beschließen, daß ein Teil des Stenrpels für Wirtschaftskonzessionen (etwa 1/3) den Gemeindekassen zu fließt. Begründet wird dies damit, daß bei den vielen Wirtschaftsgründungen durch den Po­lizeischutz usw. den Gemeinden erhöhte Ausgaben erwachsen. Der Wirteverein für Mainz u. Emg. petitioniert um Aufhebung des § 228 des Polizeiftrafgefetzes vom 30. Okt. 1855. Der Paragraph verbietet den Wirten, während des Gottesdienstes Getränke und Speisen an die Ortseinwohner abzugeben.________________________________________________

Vermischtes.

* Aerzte und Kr edit. Wie wir imAerztl. Centralanz." lesen, hat der Verein der Aerzte des Kreises Wanzleben sich veranlaßt gesehen,gegen die unbe- scheideneInanfpruchnahmedesvonAerztenge- währten Kredites und Ueberbürdung mit den Lasten der Buchführung und des Rechnungswesens fol­gende Maßregeln zu ergreifen: 1. Das Honorar für die oft vereinzelten Sprechstunden und Hausbesuche, sowie für Atteste ist sogleich zu entrichten; 2. Auch Nacht­besuche, Konsilien (Beratungen mehrerer Aerzte am Krankenbett), chirurg. und geburtshistiche Leistungen sollen in Zukunft allgemein sofort honoriert werden; 3. Für den Dienst an Sonn- und ersten Feiertagen wird die doppelte Gebühr erhoben; 4. Die Rech­nungen werden vierteljährlich zugestellt. Nach Ab­lauf eines Jahres restierende Beitrage werden wenn nicht für besondere Verhältnisse andere Zugeständnisse ausdrücklich gemacht sind, dem allgemeinen ärztlichen Rechtsschutz-Verein zur Eintreibung übergeben. Diese Bestimnnmgen werden, so meint das genannte Fachblatt

selber, an mancher Steller Aufsehen erregen. Es fügt hinzu:Wer jedoch von dem maßlosen Mißbrauch, welcher heutzutage mit dem von den Aerzten bewilligten Kredit getrieben wird, nur eine schwache Vorstellung hat, der muß sich wundern, daß man in deutschen Aerztekreisen nicht längst schon zu der Forderung der Barzahlung der englischen und anderer Aerzte übergangen ist. Wie oft muß der Arzt, der ohne Rücksicht auf die eigene Verfassung, Tag und Nacht, bei Sonnenbrand und Ünmetter dienst­bereiteHelfer in der Not", die bittere Enttäuschung er­leben, daß man für seine Honorarforderung einige Zeit nach Abwendung der Gefahr auch seitens der zur Zahlung sehr wohl Befähigten oft kein Verständnis mehr hat. Aber nicht nur mit Gleichgültigkeit, sogar mit Spott und Hohn wird oft genug der nachträglich erhobene Gebühren­anspruch verdienter Aerzte beantwortet! Angesichts solcher Zustände ist es auch den Aerzten nicht mehr zu ver­denken, wenn sie mit Rücksicht auf das oft traurige Los ihrer Hinterbliebenen von dem ihnen geübten besonderen Entgegenkommen mehr und mehr fallen lassen."

* Kl ei ne Tageschronik In Berlin wurde der Schlosser Hermann Laurich verhallet, der als Kassierer des Metallarbeiter-Verbandes in Sonderburg mit einge­zogenen Geldern durchgebrannt war. Aus Beringung des Land­gerichts Güstrow wurde die Untersuchung gegen die Fürstin Wrede wegen Silberdiebstähle eingestellt, da die Fürstin als geistig erkrankt betrachtet wird. Bei der Revision der Güterkaffe in Wernshausen (Thür.) ergab sich ein großer Fehlbetrag. Der Kassenbeamte stellte sich selbst dec Staats- anwaltschast. Der letzte Zeuge der Schlacht von Water­loo, eine Frau Therese Dupuis, die am 6. Juni ihren 115. Gebnrtstag feierte, ist am 8. d. M. g e st 0 r b e n. Sie wurde in Chalelle les Herlaimont, in der Nähe von Charleroi geboren. Sie war 13 Jahre alt, als die Schlacht von Waterloo stattiand, und half damals Verletzte pflegen. In Budapest wurde Rennstallbesitzer Zomvori von 150 Beamten eines Bankinstitutes zunr Duell gefordert, weil er anläßlich eines Streitfalles einem Beamten des Institutsritterliche Genugtuung" mit der Motivierung verweigerte, em Bankbeamter stehe gesellschaftlich unter ihin.

Zur Frage der konfessionellen Studentenverbindungen hat der Deutsche F r e i st u d e n 1 e n t a g mit folgender Reso­lution Stellung genommen:

Der deutsche Freistudententag zu Weimar erblickt in dem Versuch des Verbandes deutscher Hochschulen, den Einfluß des- U l t r a m 0 ii t a n i s m u s isoliert auf dem Gebiete des akademischen Lebens zii bekämpfen, nichts als eine Verschärfung des fonf. Dualismus im Deutschen Reiche, die bei der schwierigen allgemeinen Weltlage zum mindesten als ll n e r iv ü n s ch t zu bezeichnen ist. Infolgedessen legt der 6. Deutsche Freistudentenlag allen in der Deutschen Freien Studenteilschaft vertretenen Organisationen nahe, sich den so gekennzeichneten Bestrebungen des Verbandes Deutscher Hochschulen gegenüber durchaus ablehnend zu verhalten, und hält zumal die Beteiligltng an beit Sonderverbänden mit Ausschluß der katholischen Studeiitenverbindiingen für schlechterdings uiivereinbar mit den Grundforderungen dec sinkenschastlichen Beivegung, die es ja von jeher für ihre schönste Aufgabe betrachtet hat, auf der Grund­lage der Toleranz eine Einigung der gesamten deutschen S t u d e ii t e n s ch a f t herbeizusühreu. Auf das ent­schiedenste verwahrt sich die Deutsche Freie Studentenschaft gegen den Vorwiirf, als ob sie die konfessionellen Korporationen für berech­tigt anerkenne. Nicht an§ diesem Grunde lehnt sie eine Beteiligung an dem Verband deutscher Hochschulen ab. Sie hält vielmehr an ihrer vor einem Jahre schon ausgesprochenen Ansicht fest, daß die fonf. Korporationen a l s bedauerliche Auswüchse zu betrachten sind, die dem Wesen der akademischen Frei­heit widersprechen. Sie ist aber nach wie vor der Ueber- zeugung, daß ihre Bekämpfung in der bisher geführten äußerlich gewaltsamen Weise zum erstrebten Erfolge nicht führt, sondern mit durch Verkündigung eines positiven Gedankens jenes rück­ständige Prinzip überwunden werden kann. Andere Bestrebungen des Verbandes deutscher Hochschulen, die anf Abschaff ung offenbaret Mißstände im studentischen Leben, wie z. B. der Verrüfe, gerichtet sind, können der ungeteilten Sympathie und der freudigen 9)iit- arbeit der Freien Studentenschaft sicher sein."

für Kinder, Kranke,Genesende. Verhütet u.beseitigt:Diarrhoe, Brechdurchfall, Darmkatarrh.

<4^15<4^A in der Entwicklung oder beim Lernen zurückbleibende Kinder, sowie blut­arme, sich mattfühlende und nervöse überarbeitete, leicht erreg­bare, frühzeitig erschöpfte Erwachsene gebrauchen als Kräftigungs­mittel mit großem Erfolg Dr. Hommel'S Haematogen.

Der Appetit erwacht, die geistigen und körperlichen Kräfte werden rasch gehoben, daS Gesamt-Rervenshsteur gestärkt.

Man verlange jedoch ausdrücklich das echteDr. Hommel'S" Haematogen und lasse sich keine der vielen Nachahmungen auf­reden.

dem Hauptorte Großen-Linden. Butzbach gehörte nicht mehr dazu. So ist denn der absonderliche Titel nicht sehr viel ver­sprechend. Dem Verfasser aber ist doch seine Arbeit, als Gelegcn- cheitsstück betrachtet, ganz vortrefflich gelungen. Es ist ein echtes und rechtes Volks-Schauspiel, aus dem Volke für das Volk. Um zu zeigen, daß der hessischen Bevölkerung die rechte Heimatsliebe und die rechte Liebe zunr großen deutschen Vaterlande wie heute so einst zu eigen, glaubte er sein Stück auf historischem Grunde aufbauen zu müssen. Zu diesem Zwecke konnte er keine frei zu komponierende Episode aus dem uraltenBotisphaden" des 8. Jahrhunderts, die ja auch der größeren Menge weniger behagt hätte, auch keine solche aus der Blütezeit Butzbachs in der ersten Hälfte de§ 17. Jahr­hunderts brauchen, als noch, wovon uns der Gießener Professor Dr. Roschen in seiner verdienstvollenWanderung durch die nördliche Wetterau" erzählt, Butzbach die Residenz des Land­grafen Philipp war. Die neuere Zeit lieferte ihm den Stoff, und zwar das bemerkenswerteste Ereignis aus Butzbachs Ver­gangenheit während der letzten 100 Jahre: Blüchers kurzer Aufenthalt in Butzbach wenige Wochen vor seinem welt­historischen Rheinübergange am Neujahrstage 1814.

Der erste Akt (Teil" sagt Storch, wohl wegen deren gar zu verschiedenen Länge) spielt in PohlgönS, in der Wirtschaft von Andrees. Er beginnt mit einer kurzen drasti­schen, in seine frischen Realismus sogleich den Leser feffelnden Ehestandsszene. Natürlich behält die Frau Wirtin, das Kathrinche, das letzte Wort. Gleich hier sei festgestellt, daß dem Verfasser gerade diese ganz frei erfundenen intimen Volksszenen aufs beste gelungen sind. Sie zeugen von respektablem Talent in der kräftigen, urwüchsigen Gestaltung von Volkstypen und lassen annehmen, daß seiner keck zu­greifenden realistischen Kunst auch wohl ein größeres dich­terisches Prosawerk gelingen würde. Die WirtSstubc füllt sich allmählich mit Landleuten, die eifrig politisieren. Jeder von

ihnen trägt dabei eine andere Gesinnung und einen anderen Charakter zur Schau, und es verdient anerkannt zu werden, daß die Individualisierung dem Verfasser recht geglückt ist. Dann erscheint auf der Szene ein in ganz Hessen seit hundert Jahren beliebter und verehrter Mann, der junge Butzbacher Rektor Weidig. Friedrich Ludwig Weidig, der beklagens­werte politische Märtyrer, war freilich damals, im November 1813, noch keine 23 Jahre alt, Storch aber legt ihm im Verlauf seines Stückes eine ganze Reihe seiner erst viel später, zumeist Anfang der 30er Jahre des vor. Jahrh. verfaßten Gedichte in den Mund. Doch das wäre nicht weiter schlimm. Leider aber hat der Verfaffer es nicht gewagt, diesen Wackeren aus Eigenem zu gestalten, er operiert vielmehr im wesentlichen mit einer Menge von Zitaten aus Weidigs Schriften, die nicht immer ganz am Platze scheinen, auch schon ihrer gehobenen Tonart wegen. Sie fallen aus dem Milieu, während es doch anzunehmen ist, daß der junge Rektor zu den Landleuten ftisch von der Leber weg ohne besondere Feile der Rede gesprochen haben dürfte. Ein mit der rechten dichterischen Freiheit geschaffener Weidig wäre Storch bei seiner schönen Gestaltungskraft gewiß weit bester gelungen. So ist gerade diese Figur, die er in den Mittelpunkt seiner Handlung rückt, die an: wenigsten lebendige. Anderer­seits aber ist nicht zu verkennen, und hier beweist Storch seinen klugen Sinn für das Volkstüinliche daß die ein­gestreuten Weidigschen Zitate, die vielen Hesten gar wohl bekannt find, auf das Publikum ihre besondere Wirkung nicht verfehlen werden. Weidig, der aus Gießen kommt, ver­kündet die bevorstehende Ankunft Blüchers, undHucrah der Blücher, der Sieger vor Leipzig!" schallts durch den Raum. Immer lebendiger wirds im Wirtshause, als nun noch Husaren emrücken. Weidigs Begeisterung für die Abschüttelung des korsischen Cäsarcnjoches teilt sich den Versammelten mit, die dann nach Hause ziehen, um den Ihren die große Neuig­

keit zu künden. Die Alten räumen der Jugend das Feld, und wir erleben eine Spinnstubenszene all in ihrer Munterkeit. Einer der Husaren gewinnt sich das Herz eines Hessenmädchens, und ein Bauernbursche läßt sich von seinem Liebchen nicht abhalten, den Bauernkittel mit dem Husaren­rock zu vertauschen, um fürs deutsche Vaterland zu kämpfem Der zweite Akt führt uns auf den Butzbacher Marktplatz. Die Bürger sind in Bewegung wegen des Nahens Blüchers. Man erfährt, daß der Bürgermeister in seiner Aufregung einen Unfall gehabt hat und man entschließt sich, daß außer dem ältesten der Gemeinderäte, dem Gerber- meister Rotinger, der Rektor Weidig den Marschall Vorwärts begrüßen soll. Weidig nimmt zögernd den ehrenvollen Auf­trag an, und einigen lebhaften und bunten Volksszenen, die uns unsere ganze Pohlgönser Bekanntschaft wieder vorführen, folgt dann die Blücher-Szene, die mit dem Gesänge des ArndtschenWas blasen die Trompeten" höchst effektvoll schließt.

Im letzten Akte sind wir, V/2 Jahr später, wiedev in Pohlgöns. Der Korse ist überwunden, aber blutige Wunden hat der Kampf dem Volke geschlagen. Dortchen, eine unserer lieblichen Freundinnen aus dem ersten Akte, hat ihren Liebsten verloren, Lieschen aber wird mit Fritz, dem Husaren aus Thüringen, getraut. Es vereinen sich die Herzen der deutschen Volksstämme. Mit einer poetischen Rezi­tation Weidigs und einer Huldigung an diesen schließt daS eindrucksvolle Schauspiel, das mit seiner patriotischen Glut und seiner Verherrlichung der glänzenden deutschen Siege, in seiner kraftvollen und ztigleich schlicht volkstümlichen Tonart, die Storch aufs beste zu treffen wußte, ganz dazu angetan ist, den begeisterten Beifall einer großen Volksmenge zu finden und nach den Butzbacher Festtagen auch in anderen hessischen Städten aufgeführt zu werden verdient. P. W.