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Aie heutige Aummer umfaßt 8 Seiten
VezugspretSr monatlich 75^51., otedeL jährlich Mt. 2.20; durch ?(bbolc- u. Zweigstellen monatlid) 65 Pf.; durch diePost Nlk.2.— viedel- jährl. ausschl. Bestellg. Annahme von Anzeige» für die TageSmuinner bis vormittags 10 Uhr. Zeilenpreis: lokal 12Ps* auswäds 20 Pfg.
Verantwortlich für den polit. und allgem. Teil: P. Wittko' für ,Stadt und Land"' und .Gerichtssaal'; Ernst Heß; für den Anzeigenteil: Hans Beck.
Der Kaiser und die englische Flotte.
In anziehender Weise plaudert ein anscheinend Eingeweihter im neuesten Heft des „Nineteenth Century" über den deutschen Kaiser und sein Verhältnis zur englischen Flotte. Obgleich andere ausivärtige Fürsten und Monarchen, heißt es da, zu Eh-ren-Offizieren der englischen Flotte gemocht wurden, so ist der deutsche Kaiser doch gegenwärtig der einzige, der einen höheren Rang bekleidet. Auch dieser Rang wurde ihm nur ehrenhalber verliehen, aber er hat nie ein Geheimnis daraus gemacht, daß er die englische Uniform mit Stolz trägt!.' Er ist der einzige Herrscher eines frenrden Staates, der in neuester Zeit tatsächlich ein englisches Schiff kommandiert hat. Als er einst vor Malta ankam, teilte er der Admiralität mit, daß er am nächsten Tage ein englisches Kriegsschiff besuchen werde. In der Tat erschien der Kaiser auch an Bord, und seine Flagge würde am Mast gehißt. Man glaubte, der Kaiser werde einen oberflächlichen Gang über die oberen Decks machen, dann einige Erfrischungen zu sich nehmen und auf seine Jacht zurückkehren. Wer es kam anders. Als der Kaiser das Quarterdeck erreicht hatte, wo er von allen Offizieren mit militärischen Ehren empfangen wurde, zog er seinen Rock aus und erklärte, er sei bereit, das Schiff eingehend in Augenschein zu nehmen. Und nun begann die Wanderung, von den Panzertürmen zu den Maschinen und in den Kesselraum, und der Kommandant hatte genug zu tun, um alle Fragen zu beantworten, die der Kaiser über die Bauart und Ausrüstung des Schiffes an ihn richtete. Mit der ihm eigenen Lebhaftigkeit kroch der Kaiser in jeden Winkel und besah 'alles, und der Führer war so sehr in Anspruch genommen, daß er vollkommen seine Pflicht als Wirt vergaß und an das F-r,ühstück nicht dachte. Als zuletzt die Inspektion beendet war, und der Kaiser den Kommandanten zu seinem schönen Schiff beglückwünscht hatte, ging er die Fallreep hinunter seiner Dampfjacht zu. Beim Abschied sagte er zu dem Kommandanten: „Ihr habt anscheinend das längfte Schiff in der englischen Marine!" „Ach nein!" ent- Äete der An geredete, „es ist nur 420 Fuß lang!" „Nein,
!" sagte darauf der Kaiser, „Ihr seid im Irrtum!" und nun fiel dem Kommandanten erst ein, daß die Be-
politische Tagesschau.
Der Kaiser und die Mailänder Ausstellung.
Man schreibt uns:
Ein Ordensregen ergießt sich, nach einer Veröffentlichung im „Reichsanz.", über italienische Minister, höhere Beamte, BanDirektoren usw. Die vom Kaiser verliehenen Auszeichnungen, darunter das Großkreuz des Roten Adlerordens, der Rote Adlerorden 2. Klasse mit dem Stern, die Brillanten zum Roten Adlerorden, sind jedenfalls mit der Mailänder Aüsstellung in Verbindung zu bringen.
Man hätte den Kaiser besonders gern als Besucher der Ausstellung gesehen. Diese Schau stand von Anfang an unter keinem glücklichen Stern. Außer in der deutschen Abteilung, die sich fertig und vorzüglich ge- lun gen präsentierte, machte sich lange nach der Eröffnung fast überall der Eindruck des Unzulänglichen und Unfertigen geltend.
®on Mailand aus wurden während der Marokko-Krisis und nach der Algeciras-Konferenz bekanntlich am meisten jene sehr unfreundlichen, zum Teil direkt beschimpfenden Artikel gegen Deutschland verbreitet, ja, es würde geradezu mit Kundgebungen gedroht, falls der Kaiser nach Mailand kommen würde. Trotzdem hat der Kaiser, wie der Präsident der Ausstellung soeben in einem Danktelegramm für die Teilnahme der deutschen Regierung an der Feuersbrunst hervorhebt, „von Beginn der Ausstellung an sein hohes Wohlwollen erwiesen". Das WohlwoUen ist also schlecht belohnt worden. Jetzt würde viel darum gegeben in Mailand, gelänge es, den Kaiser zu einem Besuch der Ausstellung und zu einigen anerkennenden Worten zu bewegen. Der Ausstellung fehlt die Anziehungskraft, die das Erscheinen gekrönter Häupter auszuüben pflegt. So wird denn alle paar Tage von italienischen Blättern mit Lästiger Bestimmtheit verbreitet: Der Besuch, des Kaisers ist angesagt, Fürst Bülow wird den Kaiser begleiten.
Nichts ist angesagt, und noch weniger wird der Reichskanzler an eine so lange Reise denken können. Die „Wiener Allg. Korresp." verneint ziemlich kühlen Tones auch die politische Notwendigkeit einer Jtalienfahrt. Der Kaiser habe auf seinen Mittelmeerxeisen in den letzten Jahren wiederholt Begegnungen mit dem König Viktor Emanuel gehabt, ebenso der italienische Minister des Aeußern Tittoni bereits in früherer Zeit Besprechungen mit dem Fürsten Bülow, sodaß augenblicklich jeder Anlaß zu weiteren Begegnungen fehle.
Wir möchten hinzufügen, daß der Anlaß aus dem Grunde auch in Zukunft fehlen dürfte, weil die italienische Politik den Weg fortsetzt, der nach Paris führt. Man ist zträr vorsichtiger in Rom geworden, man kündet der Welt nicht mehr jeden neuen Erfolg der Annäherungsbestrebungen, man rühmt sich nicht mehr so geräuschvoll wie früher französischer Aufmerksamkeiten, man läßt nicht bei jeder Gelegenheit durch offiziöse Organe die deutsche Politik abkanzeln. Aber daß die Freundschaft mit Frankreich und mit England in der Stille verstärkt wird, und daß diesem Zweck gewisse diplomatische „Verständigungen" vertraulicher Art dienen, wird als zweifellos zu betrachten sein. Begegnungen und Besprechungen ändern die in Italien herrschende Auffassung nicht, daß der Anschluß an Frankreich und England geboten sei, um nicht von der Vereinsamung Deutschlands in Mitleidenschaft gezogen zu werden.
: von Maschinen und Werkzeugen für scbständige Handwerker. 2. Lehr« I briefs. und Lchrvertragssormulare derJnnungsvcrbändc. 3. Tie Führung . der Titel „Baugewerlmrister" und „Baumelster". 4. Die Bestimmung . der „Verwandten Gewerbe". 5. Resolution der 11. Reichskags-Kommrssion ' betr. Ausübung der Baukontrolle durch besondere staatlich augestellte Be. amte (§ 139 b R. G. O.) unter Zuziehung von gewählten Vertretern der Bauarbeiter. 6. Das Ergebnis der Erhebung über die Frau im Gewerbebetriebe des Damenschneider-, des Friseur- und des Photographen- gewerbcs. Ferner beschäftigte sich der Ausschuß mit der Stellung : des Handwerks zur Frage der gesetzlichen Regelung der ; Heimarbeit und er beschloß, die Beziehungen des Handwerks zur Heim- arbeit und zur Hausindustrie durch eine Umfrage bei den Handwerks- und Gewerbekammern klar zu stellen.
** Notschrei aus Rheinhessen. Einer geldarmen Zeit sehen die meisten. Weinbauern entgegen. Die schönen HerbstauSsichlen sind durch die Peronospora vollständig zerstört. Der außerordentlich unsichere, mühevolle und geldkostcnde Erwerb des Winzers tritt in einer trostlosen Gestalt vor die Augen. Nur eine verschwindende Anzahl besonders Glücklicher wi-d auf seine Produktionskosten kommen. Alle andern legen Geld zu. Trostlos ist die Lage umsomehr, weil gegen die neu- modische Krankheit kein sicheres Mittel vorhanden ist. Schon seit Jahren steht der Weinbauer schlecht. Wenn die Natur nicht Wandel schafft und die Krankheiten verschwinden, stehen wir vor einer wirtschaftlichen Kalamität ohnegleichen. Was den Ausfall der Rheinhessen allein heuer betrifft, dürste 8—10 Millionen Mark im Vergleich mit einem guten Jahre sein. Bekannt ist schon längst in den Weinbaugebieten die Tatsache, daß der Fruchtbauer und Viehzüchter bessere Existenz hat als der Weinbauer. Dazu kommt für Rheinhessen, dessen Bauern meist Wein- und Fruchtbau betreten, daß Korn und Gerste durch starkes Lagern verdorben sind. Weizen allein ist gut, und der wird wenig angebaut. Unsere Landleute sind in gedrückter Stimmung, und das mit vollem Recht. Der Nicht- meinbauer hat keine Ahnung von der Quälerei, die der Weinbauer hat. Tausende würden gerne die Weinberge verkaufen, wenn nur jemand da wäre, der sie für Geld haben wollte. Lage, Größe und Bodenart lassen meistens andere Bewirtschaftung nicht zu.
0 Lollar, 6. August. Der Gesangverein ^Liedertafel" errang bei außerordentlich scharfer Konkurrenz aus dem Gesangs- roettftreit in Fulda den 4. Preis. Besonders erwähnenswert ist hierbei die Tatsache, daß der Verein gezwungen war, wegen seiner eigeneit Festlichkeiten den „Zwölf-Wocheu-Chor" in knapp vier Wochen einzustudieren. Als Preisrichter fungierten die Musikdirektoren C. Kern-Frankfurt, AppumHanau und Leber-Fulda.
kL A u s b e m Lumdatal, 6. Aug. Die Orte Lollar, Staufenberg, Mainzlar und Tattbringen erbeuten ein gemeinsames Wasserwerk, deren Quellen in der Nahe von Allendorf liegen. Da die Bohrungen zu den besten Resultaten geführt haben, so soll in Kürze die Quellfassung und die Rohrleitung nach den vier Gemeinden in Angriff genommen werden. Die Rohrleitung ist 8 Kilo- ineter lang und folgt größtenteils den Kreisstraßen.
x* Lützellinden, 5. August. In unserer Gemarkung treten die H a m st e r im Getreidefeld ziemlid) zahlreich auf. Dieser Tage wurde wieder eine größere Zahl gefangen. Das Fanggeld für einen Hamster beträgt 60 Pfg. Voriges Jahr wurden von der Gemeinde ca. 260 Mk. für Fanggeld ausgegeben.
A Atzbach, 4. Aug. Aus Anregung des Handwerkervereins der Bürgermeisterei Krofdorf war hier ein B u ch f ü h r u n g s - kursus unter Leitung des Lehrers Schmidt aus Wetzlar zustande gekommen, der von 17 Teilnehmern besucht wurde.
O Dorlar, 4. Aug. Der von der Firma Rinn u. Cloos. in Heuchelheim hier errichtete Neubau einer Zigarrenfabrik geht seiner Vollendung entgegen, so daß dessen Räume noch bis zum Herbste benutzt werden können. — Die seit Jahren geplante neue Schule soll demnächst in Angriff genommen und noch int Lause dieses Jahres unter Dach gebracht werden. — Der Weg nach der im vorigen Jahre eingerichteten Haltestelle wird neu ausgebaut, womit die vielfach gehörten Klagen endgiltig verstummen werden..
p Wetzlar, 5. August. Auf nod) nicht aufgeklärte Weise brad) dieser Tage im Stalle des Zwiebelhändlers Friedrich Ai a ck zu H o d) e l h e i m Feuer aus, das das Gebäude innerhalb kurzer Zeit in Asche legte. — Die Vereinigung der im Kreise bestehenden Jünglingsvereine zu einet Kreisverbindung kommt zustande. Zum Präses hat man Pfarrer Koch aus Lützellinden gewählt, der die Organisation durchführt. Der Kreisoer- band gliedert sich dem Westdeutschen Jünglingsbund an.
L Butzbach, 6. Aug. Tas 1. Bataillon des 168. Regts. wird Mitte dieses Monats bei Lützellindeii und Rechtenbach Scharfschießen abhalten und sich am 26. August nach dem Uebungsplatz bei Darmstadt begeben. Dort trifft es mit dem 2. Bataillon (Offen- bach) znjammen und bleibt dort bis 10. September. Von da rückt das auf drei Bataillone ergänzte Reginient 168 ins Manöver und kehrt am 23. September wieder in die Garnison Offenbach und Butzbach zurück.
-e-. B a d - N a u h e i m, 6. Aug. Der hiesige Kaninchen- u ii b Geflügelzüchteroerein hält am 11., 12. unb 13. Aug. eine große Lokalausstellung im Talysienhof ab. Zu der Ausstellung sind bereits 300 Nummern ongemetbet und 40 Ehrenpreise gestiftet, darunter einer von der Stadt. — Stadtpsarrer Wissig und Gemahlin feierten ihre filbeme Hochzeit. Der Posauneiichor und die vereinigten Gesangvereine brachten dem Paar ein Ständchen.
§ Schotten, 6. Aug. Zum Direktor der in diesem Frühjahre gegründeten Spar- und Darlehnskasie (Genossenschaft mit unbeschränkter Haftpflicht) wurde anstelle des zurückgetretenen Lehrers Linck-Rudingshain Rechtsanwalt Zimmer von der Generalversammlung einstimmig gewählt.
△ 'Boni südlichen Vogelsberg, 6. Aug. Eine Versammlung der Vertrauensmänner des Bundes der Landwirte sand dieser Tage in Gedern statt. Dabei wurde Pächter Fischer vom Hof Zwiefalten zum Kandidaten für die Landwirtschaflskammer ausgestellt.
'sm Mücke, 6. Aug. Der 6. Juli scheint für die Post verhängnisvoll zu sein. Wie in den „Gießener Familienblättern" vom 1. August zu lesen ist, hat man auf der Post-Agentur D. ein Dienstschreiben vom 28. Ium bis 6. Juli in die „Kommoden-Lad innesloten", diesmal nun hat sich am 6. August ein Post-Amt in seinem Dienststeuipel auf den kritischen 6. Juli verirrt. Ist wohl da der August noch innefloten?
fc Offenbach a. M., 6. August. Das Großh. Kreisgesundheitsamt gibt über die T y p h u s e p i b e m i e folgcnbe authentische Ausklärung: Im ganzen kamen hier 13 Fälle vor, in denen mit Sid)erheit Typhus festgestellt wurde; drei davon verliefen tätlich. Weiter wurde ermittelt, daß in zwölf Fällen die Krankheit durch den Genuß von ungekochter Mild), die aus ein und demselben Milchgeschäft bezogen war, heroorgerufen wurde.
ko Groß-Gerau, 6. August. In Trebur beschäftigte sich gestern eine von 400 Personen (Gemeindeoorstände, Vertreter der Stadt Mainz usw.) besuchte Versammlung mit einem neuen Ried- bahnprojekt. Die Versammlung sprach sich in einer Resolution für den Bau einer normalspurigen Bahn von Mainz übel Gustavsburg, Ginsheim, Bauschheim, Astheim, Trebur, Geinsheim,
zerchnung „long-ships in the navy" (längsten Schiffe der Marine) auf jene Schiffe angewandt wird, auf welchen zwischen den einzelnen Mahlzeiten unverhältnismäßig lange Zwischenräume liegen. Er erinnerte sich daran, daß er vergessen habe, dem Kaiser einen Imbiß anzubieten und bat chn, in die Messe zurückzukehren. Der Kaiser lehnte ledoch ab, sagte aber beim Abschiede: „Am 27. Januar ist mein Geburtstag, und mein Befehl lautet, daß Ihr an biejetn Tage alle Euere Mittömmandanten zu einem Diner einladet und auf meine Gesundheit trinkt!" Dann verließ der Kaiser das Schiff. Als der Geburtstag des Kaisers kam, fand an Bord des Schiffes ein großes Festessen statt, das ungemem heiter verlief. Wahrend desselben wurde ein Telegramm an den Kaiser abgesandt, das den Inhalt hatte: „Die Befehle unseres Admirals sind ausgeführt worden, und wir haben auf das Wohl Ew. Majestät getrunken. Aber in einem Punkte können wir Euer Majestätnichtrechtgeben, wir können nicht finden, daß das Schiff lang ist!" Der Kaiser soll in feiner Antwort seiner Freude Ausdruck gegeben haben, daß die Gast- fieundschaft an Bord des „Deadnouaht" alle Teilnehmer befriedigte.
srr. 183
erscheint tSgltch außer Sonntags.
Dem Gießener Anzeiger werben im Wechsel mit dem hessischen Landwirt die Gießener Familien- blätter viermal in der Woche beigelegt.
Rotationsdruck u. Verlag der Brü h l'sehen Univers.-Buch-u.Stein- bruderet. 9t Lange, Redaktion, Expedition und 2)ruderet:
Schul st raße 7.
Redaktion 113
Verlag u.Exoed.^^51 Adresse für Depeschen: Anzeiger Gießen.
Wie über Bebels Atheismus
in einer durchaus nicht einflußlosen Gruppe von Sozialdemokraten gedacht wird, erfahren wir aus einer im Auguftheft des Turmers (Verlag von Greiner U-. Pfeiffer, Stuttgart) erschienenen Betrachtung, die einen süddeutschen sozialdemokratischen Abgeordneten zum Verfasser hat. Wir lesen da:
„In Karlsruhe hat Bebel gesprochen. Auch über die Religion hat er sich geäußert. Dieses Mal hat er mit einem eisigen Hohn, der an Nietzsche erinnert, unsern Vater irn Himmel gefoppt: ,Gibt es einen Gott, der allmächtig ist und vorausbestimmend, so ist Gott selbst schuld daran, daß ich Atheist bin, dann wird er sich doch auch wehren können, wenn man ihn abschaffen will.' Ein Bekenner der Lehre Christi wird, wenn er auch ein Parteigenosse Bebels ist, wie ich es bin, nur Trauer und Mitleid empfinden mit einem Manne, der so spricht. . . . Solche Bekenntnisse des Atheismus, wie dasjenige Bebels, haben aber das eine Gute, daß sie Prüfsteine für Gläubige sind, die außerhalb aller Kirchenmauern ^um Glauben kamen und die nicht den Vorteil — oder wahrscheinlich den Nachteil — haben, daß sie als polittsche Gegner eines Mannes, wie Bebel es ist, selbstverständlich erachten und vielleicht Gott dafür danken, daß sie nicht sind, ,wie dieser da'. Denn bei Glaube an Gott, der unerschütterliche Glaube, der ebenso unerschütterlich ist wie der Atheismus, zu dem sich Bebel bekennt, ist sehr leicht Selbsttäuschungen unterworfen, und es braucht manches Feuer, bis da alles nur lauteres Gold ist. Unser ganzer moderner Religionsunterricht in den Schulen und Kirchen fehlt schwer dadurch, daß er von den schweren inneren Kämpfen, welche die größten Nachfolger Christi bis an ihr Ende durchgemacht, nichts sagt und die Erwerbung des Glaubens als ' eine leichte Sache hinstellt. Um so größer ist dann später oft die Enttäuschung derer, die das Unglück hatten, durch den üblichen Neligionsdrill der Schulen in die Lehre Christi eingeführt worden zu sein. . . ."
Und über das Wort „Knechtseligkeit" äußert sich derselbe sozialdemokratische Christusbekenner:
„WaS stellt die Welt sich nicht vor unter einem ,knechtseligen Menschen'! Einen Jämmerling, der in scheinheiliger Demut durch das Leben schleicht und in Zerknirschung über seine Sünden noch dankt für die Fußtritte, die ihm. Physisch und moralisch, von Höherstehenden verabreicht werden. Wie oft haben mir Gegner der Lehren unseres Herrn gesagt, die Knechtseligleit, die aus jedem Menschen eine in ihrer Erbärmlichkeit ersterbende Kreatur mache, widere sie am Christentum am meisten an. Die Armen hatten sicherlich nie die Evangelien in der Hand gehabt unb in ihrem Leben nur Karikaturen von /Nachfolgern Christi' gesehen. Und doch gibt es eine wahre Knechtseligkeit, ohne die ein wirklicher Christ undenkbar ist: eine Seligkeit, ein Knecht zu sein; allerdings nicht einiger Hunderte oder einiger Hunderttausende von Menschen, sondern ein Knecht des einzigen Herrn über uns, Gottes. Ihm allein zu dienen und ^die Menschen zu lieben als Brüder, das bringt Seligkeit ins Herz. Das ist ein Stück des Himmelreichs, ja das ist das Himmelreich selber, das wir nicht über den segelnden Wolken und jenseits der Sterne, sondern in unserer eigenen Seele entdecken können, wenn wir suchen, aufrichtig und geduldig suchen. Dieser ,Dienst' ist eine ständige Quelle der Freude und erfüllt die Brust mit Sonnenschein. Immer vermögen wir's nicht, diese freudige Demut in uns zu tragen; aber wenn wir aus den Tiefen eiteln und selbstsüchtigen Suchens auf diese Höhen gekommen sind, dann wird es uns wohl und leicht, wie auf den Bergen."
Aus Stadt und Land.
Gießen, den 7. Aug. 1906.
** Von b er Großh. Universitätsbibliothek wurden vom 1. April 1905 bis 31. März 1906 im ganzen 64 255 Bände ausgeliehen, darunter 30 225 auf länger als vier Tage. Die Vermehrung der Ausleihungen betrug gegen das Vorjahr 7678 Bände. Nach Orten außerhalb GießenS kamen 396 Sendungen mit 1382 Bänden; durch Vermittelung der Universitätsbibltothek wurden aus der Hofbibliothek zu Darmstadt 909 und von anderen Bibliotheken 436 Bände verliehen, außerdem 920 Druckschriften und Archivalien. Die Zahl der Entleiher aus Studentenkreisen betrug 455 — 43,6 Proz. der Gesamtzahl.
** Oeffenl liche Lesehalle. Im Juli wurden 1882 Bände ausgeliehen. Davon kommen auf: Erzählende Litte- ratur 1021, Zeitschristen 281, Jugendschriften 173, Versdichtungen 47, Litteraturgejchichte 21, Länder- und Völkerkunde 56, Kulturgeschichte 11, Geschichte und Biographien 64, Kunstgeschichte 13, NalurwissenschaÜ und Technologie 86, Heer- und Seewesen 17, Land- und Hauswirtschall 14, Gesundheitslehre 8, Religion und Philosophie 22, Staalswissenschast 12, Sprachwissenschaft 11, tfremb- prachliches 25 Bände. Nach auswärts kamen 56 Bande.
** Handmerkerfragen. Der geschäftsführende Ausschuß des Deutschen Handwerks, und Gewerbekammertages setzte in seiner Sitzung am 30. d. M. zu Hirschberg i. Schl, für die Verhandlungen des deutschen Handwerks- und Gewerbekammertages zu Nürnberg am 4. und 5. September folgende vorläufige Tagesordnung fest: 1. Die Beschaffung
Erstes Blatt IS«. Jahrgang Dienstag 7. August 1906
Gietzener Anzeiger General-Anzeiger **
Amts- und Anzeigeblatt für den Ureis Gießen


