Erstes Blatt
Samstag 6, Oktober 1906
Die heutige Mumruer umfaßt 13 Kerken.
156. Jahrgang
Auch Ostasien ist ein Feld für Jntriguen gegen Deutschland. Der unaufhaltsame Aufschwung des deutschen Handels dort erregt Neid und Mißgunst. Wenn selbst ein so hervorragender Henner Ostasiens, wie der Generale Inspektor der chinesischen Seezölle, Sir Robert Hart, vor-, aussagt, daß die Deutschen den Briten handelspolitisch den Rang ab laufen werden, bann erklärt sich die Besorgnis der konkurrierenden Nationen, Deutschland könne eines Tages begründeten Anspruch erheben auf Besetzung der Directwn der chinesischen Seezollverwaltung. Dieses Borrecht steht England nur solange zu, als der britische Handel mit China den einer anderen Nation übertrifft.
Nr. 235
Erscheint tLgliq auster Sonntags.
Dem Gießener Anzeiger werden im Wechsel mit dem hessischen Landwirt , die Siebener Familien- blätter viermal in der \ Woche beigelegt.
Rotationsdruck u. Verlag der Brüh l'scheu Unwers.-Buch-u.Stein- druckerei. 9t Lange. Redaktion, Erpedttion und Druacrei:
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ALeines LeuilLeton.
— Man schreibt uns aus Frankfurt a. M., 5. Okt.: Gestern abend wurde die seit längerer Zeit in Vorbereitung begriffene Oper „Benedikt und Beatrice" von B e r l i o z neu aufgeführt. Sie erwies sich als Caviar für das Volk. Die Musllkenncr erfreuten sich an der graziösen geistvollen Instrumentation, an den mannigfachen Feinheiten. Für die große Masse fehlten zu sehr die Knalleffekte, auch ist das Textbuch ganz und gar unzulänglich. Für jeden Gebildeten war der Titel der Oper, schon hinreichend, die Erinnerung an Shakespeares „Biel Lärm um nichts" zu wecken. Dieser prachtvollen Komödie sind die beiden Träger der Titelrollen entnommen. Aber den tragischen Konflikt hat der Verfasser vollständig ausgemerzt, ebenso die grotesl komischen Figuren Shakespeares, und was geblieben, ist gar dünn für Die Handlung, sodaß diese zeitweise den Eindruck ermüdender Lange macht. Die Vorstellung, von Kapellmeister Neichenbergcr dirigiert und von Oberregisseur Krähmer glänzend inszeniert, nahm guten Verlauf. Frau Ker nie verkörperte die Beatrice gesanglich tote darstellerisch in vorzüglicher Weise. Auch Herr Gentner als Benedikt leistete Tüchtiges. Die übrigen Partien waren ebenfalls in guten Händen. Hervorzuheben ist der burleske ^'Musikmeister, den Herr Gar eis ergötzlich wiedergab. Der Oper folgte eine Baltett-Pantomime „Die Alttoerber-
Bauernpolitik.
Wir lesen in der christlich-sozialen, antisemitischen Zeitung, „Das Reich" bei einer Besprechung des neuesten Buches von! Fr. Naumann „Neudeutsche Wirtschaftspolitik":
„Einer der besten Köpfe unserer jüngeren Ncllionalökonomen! hat einmal gesagt: „Bauernhof an Bauernhof bis an die russische Grenze!" und damit ohne Frage an, den Kernpunkc des landwirtschaftlichen Notstandes gerührt. Denn nicht die unter Einwirkung der überseeischen Konkurrenz geworfenen Korn preise sind der eigentliche Hippo-, kratische Zug im Antlitz unserer Landwirtschaft, das ist vielmehr die Agrarverfassung des Ostens und die in ihrem Gefolge einherziehende Leutenot. Hier Wandel zu schaffen, der Abwanderung Halt zu gebieten durch eine Reform, die benti ländlichen Nachwuchs das Leben auf demLande wieder l e b e n s w c r t macht, ist sicher eine unserer wichtigsten Aufgaben; an ihrer glücklichen oder weniger glücklichen Löfungl hängt vielleicht ein wesentliches Stück deutscher Zukunst."
Sehr richtig! Man kann sogar das Wort „üieUeidjt" int Schlußsätze ruhig streichen. Tro^öem aber spielen die Groß- Grundbesttzer die maßgebende Rolle int Bunde der Landwirte. Sie treten, wie der Frhr. v. Hehl, für Fideikommisse ein, die eine Aufteilung deS Bodens verhindern: sie fördern die Bildung großer Güter und hindern die Ansiedelung von Bauern oder Arbeitern im Osten. Sie hindern jede Verbesserung, im Rechte der ländlichen Arbeiter. Es ist beweisbare Tatsache, daß die Abwanderung aus dem Osten am stärksten war, als die Kornpreise am höchsten standen. Bauernpolitik ist liberale Politik und die Forderung: Bauerngut an Bauerngut geht auf — Naumann zurück.
mühle" von Anna Hill, 9Nnsik von Fritz Baselt, in der toir die Verjüngerung verschiedener alten Weiber, die dann nationale Tänze aufführen, mit ansehen. Das Publikum erwies sich für die Darbietung dankbar und wurde sehr belustigt.
— Man schreibt aus Darmstadt: Unser Richard Wagner-Verein eröffnete seine Wintersaison mit einem Komponistenabende, der Herrn Ludwig Heß, dem trefflichen Tenoristen, gewidmet war. Das Programm enthielt 17 Lieder und 3 Duette für Tenor und Alt. Heß (1877 in Marburg geboren) ist ein ebenso fleißiger wie von künstlerischem Ernst erfüllter Tonsetzer, der, was in erster Linie anzuerkennen ist, mit festem Schritt seinen eigenen Weg geht und sich von allen banalen, billig zu erringenden Effekten sernhält. Scheint und die Ersinoung auch nicht immer ganz selbständig — nicht selten hat wohl Hugo Wolf Pate gestanden —, so überrascht doch fast jedes einzelne Lied durch geistvolle melodische und harmonische Wendungen, die durch ityre Feinheit oft gerade entzücken. Ter Gefühlsgehalt der Lieder wird von deut Komponisten prachtvoll ausgeschöpft. Alles hat Farbe und Leben, auch da, wo er sich vielleicht in allzu viel Reflexion und gleichförmige weltentrückte Resignation verliert. Von Gut und Leideuschast sind die schwärmerischen Minnelieder aus dem Mittelhochdeutschen erfüllt, in denen die dramatische Steigerung manchmal bzs.zur. Ekstase führt. Um die Wieder-
Grimm über das ihm Widerfahrene den Altreichskanzler beherrschte, davon wissen die Besucher in Friedrichsruh zu berichten. Noch nach Monaten regle die Erörterung des Rücktritts den Fürsten derartig auf, daß in seinem Gesicht jede Muskel arbeitete, die Züge einen unvergeßlich bitteren Ausdruck erhielten, und die Augen sich mit Tränen füllten. Es war wie ein aus dem Innersten kommender Schrei, als Bismarck auf seine plötzliche Vereinsamung hinwies: „Man flieht mich, als ob in meinem Hause die Pest aus- gebrochen wäre!"
Nach den Aeußerungen Bismarcks hatten den Hauptgrund zu der Entlassung die Meinungsverschiedenheiten zwischen ihm und dem Kaiser in der Arbeiterschutzfrage gebildet. Ter Kaiser habe die bekannten Erlasse gewollt, er, Bismarck, habe sie nach heftigem Sträuben nur „als Diener des Kaisers redigiert", aber seine Gegenzeichnung versagt. Die Hoffnung, die er! auf die internationale Konferenz setzte, daß sie „wie ein Sieb" wirken, daß sie den „jugendlichen Elan des Kaisers hemmen" würden, erfüllte sich nicht. So spottete Bismarck, die Verhandlungen dieser Konferenz seien „eine einzige Phraseologie" gewesen.
Nun aber stellt Hohenlohe in seinen von „Ueber Land und Meer"' veröffentlichten hochinteressanten Aufzeichnungen fest, — und daö ist ein ganz neues, Überaus wichtiges Moment —, daß noch ernstere Differenzen als in der inneren Politik in der auswärtigen Politik zwischen Kaiser und Kanzler bestanden haben und zur Entscheidung drängten. Der Kaiser war für unbedingte Treue gegen Oesterreich-Ungarn, in dem Falle, daß Rußland Bulgarien militärisch besetzen wolle, was den Krieg mit Oesterreich herbeiführen müsse. Bismarck gedachte in diesem Konflikt es mit Rußland zu halten. So, berichtet Hohenlohe, habe der Kaiser den kommandierenden Generälen mitgeteilt. Diese Meinungsverschiedenheiten waren, das wird man zugeben müssen, nicht überbrückbar. Der Kaiser erzählte dem Fürsten Hohenlohe noch, Bismarck habe nach Petersburg sagen lassen, daß der Kaiser eine antirussische Po litik befolgen wolle. Doch habe er, der Kaiser, dafür keine Beweise. Wir glauben auch nicht, daß für eine solche unbegreifliche Handlung Beweise, etwa von russischer Selle, beizubringen wären. Es kann wohl fein, daß jemand mit dieser Behauptung Bismarck beim Kaiser hat verdächtigen wollen.
Sehr bemerkenswert, weil sie in mancher Hinsicht die Auffassungen korrigieren, sind die Mitteilungen Hohenlohes, daß der Groß Herzog von Baden „seine besondere Befriedigung" über den Rücktr itt Bismarcks zu erkennen gab. Eine seine Satire liegt in der Schilderung Hohenlohes, wie in Berlin das behagliche Gefühl vorherrschend war, daß „der große Mann nicht mehr zu fürchten ift", und daß Admiral v. S t o s ch „f r o h w i e ein Schneekönig war". Nicht nur Herr v. Stosch. Auch Miquel, Minister geworden nach Bismarcks Rücktritt, sprach in Frankfurt a. M. das Wort gelassen aus: „Alle danken Gott, daß er fort ift".
Ein Blick nach China.
Nach einem von der „Köln. Volksztg" dieser Tage veröffentlichten Privatbrief sollen sich in China bedrohliche Anzeichen einer unruhevollen Zukunft bemerkbar machen. Das Land ist angeblich einer Katastrophe nicht mehr fern, gegen die die Wirren von 1900 als Kinderspiel erscheinen dürften. In der die Deutschen besonders interessierenden Provinz Schantung setze bereits eine Art Rebellion ein, man verstehe deshalb in China nicht recht, warum gerade jetzt die europäischen Truppen zurückgezogen wurden. Das letztere erfolgt auf Grund internationaler Vereinbarung. Sollte das diplomatische Korps in Peking sich so gründlich über die Volksstimmnng in China täuschen, um eine Maßregel anzuraten, die zum Schaden der Weißen ausschlägt? Sollten sie durch die Erfahrungen von 1900 nicht gewitzigt sein? Uebrigens ist durch das Bundesverhältnis zwischen England und Japan eine getoiffe internationale Sicherheit gegeben, beim England hat noch immer bie umfangreichsten Hanbelsinteressen in China, und wenn biese Interessen burch eine Chinesenrevolte bebroht werben, bann käme bie Abwehr durch bie vereinigten Engländer unb Japaner gleichzeitig auch der Sache der Weißen zugute.
gäbe des Programms war es glänzend bestelll. Dag Kammersänger Heß selbst dafür die ganze tonliche Kraft und Wohllaut seiner prächtigen Tenorstimme, wie auch alle Feinheiten seiner aufs höchster Stufe stehenden Gesangs^ fünft ins Feld führen würde, war zu erwarten; und ep erzielte denn auch eine zündende Wirkung. In Fräulein Elfe Schünemann aus Berlin hatte er eine erstklassige Partnerin, die bei ihrem ersten Auftreten in Darmstadt sogleich einen vollen Erfolg davoillrug. Die vorzüglich ansi gebildete, sympathisch weiche Altstimme ist zwar nicht de- sonders groß, trägt aber ausgezeichnet und entwickelt im Affekt eine überraschende Tonfülle. Beide Sänger tvurden Dom Publikum durch rauschende Beifallsspenden und wiederholte Hervorrufe ausgezeichnet. Die Klavierbegleitung des Abends lag bei dem Komponisten selbst und Professor Arnold Mendelssohn in besten Händen.
— Aus M ainz w.lld geschrieben: Am 2. Oktober waren es 25 Jahre, seit Direktor M. Behr end seine Künstlers laufbahn begann. Dieses Jubiläum wäre ohne Feierlich-, fetten vorübergegangen, wäre nicht durch ein Glückwunsch-! telegramm das Geheimnis verraten worden. Nun wurde rasch eine kleine Feierlichkeit improvisiert. Bohrend, der den Narziß spielte, wurden nach der Vorstellung Gratula^ hotten und Kranzspenden in reichstem Maße zuteil. Außer den Bühnenangeyorigen erschien, Dr. Bamberger im Pamen der. Bürgerschaft.
Politische Tagesschau.
Bismarcks Entlassung.
Mit der Veröffentlichung eines Kapitels aus den Denkwürdigkeiten des dritten Reichskanzlers, Fürsten Chlodwig zu Hohenlohe-Schillingsfürst, wird zum ersten aMle die Entlassung des Fürsten Bismarck mit historischer Treue und Objektivität bargestellt. Bismarck selbst hat zwar zu wiederholten Malen kn Unterredungen mit Tagesschrift- stollent kurz nach seinem Rücktritt bie Gründe des Zerwürfnisse^ mit dem Kaiser berührt, und eine ganz ausführliche Schilderung der Vorgänge soll in dem noch unver- öfsentlichten unb kaum sobald zur Veröffentlichung gelangenden dritten Baud der Bismarck-Memoiren enthalten sein — aber Bismarck war eben in diesem Falle Partei, seinem durch Zorn getrübten Blick erschienen beinahe Alle schuldig oder mindestens verdächtig, mitgetoirtt zu haben au seinem jähen Sturz. Wie außerordentlich stark der
Die Braunschweigische Krage.
In den amtlichen „Braunschw. Anz." wird jetzt der ganze B riefwe chsel zwischen dem Ministerium und dem Reichskanzler, sowie dem Herzog von Cumberland ans Anlaß der vom Landtag beschlossenen Resolution veröffentlicht :
In dem Schreiben des Ministeriums an den Reichskanzler vom 2?. Sept, heißt es nach Anführung der seit dem Tode des Regenten geschehenen amtlichen Schritte sowie der Resolution, jbaö Ministerium Müsse die nachteilige Wirkung der provisorischen Regierung ans die politischen Verhältnisse namentlich bezüglich der Partcibitdungen anerkennen und könne idie Befürchtung nicht abweisen, daß der nachteilige Einfluß j i ch v er s chä r s e n würde, wenn jetzt ohne weiteres der Regentschastsrat und die Landesvcrsammlung die Wahl eines neuen Regenten bewirkten, ohne zuvor alles getan zu haben, daß an Stelle des Provisoriums ein Desinitlvum, d. i. die lieber nahmeder Regierung seitensdeszurTH ron- folge im Herzogtum berufenen Agnaten gesetzt werde. Die Herzog!. Landesregierung sei nicht im Zweifel, daß letzteres ausgeschlossen sei, wenn die Tatsachen, die den Bundesrat zu dem Beschluß vom 2. Juli 1885 bestimmten, noch jetzt unverändert fortbestünden und ihrer Beseitigung zur Zeit unüberwindliche Hindernisse sich entgegenstellten. In der Oeffent- lichkeit sei stets behauptet worden, daß jene Hindernisse unverändert fortbeständen und daß insbesondere der Herzog von Cumberland die Ansprüche auf Gebietsteile Preußens nicht ausdrücklich und zweifellos aufgegeven habe. Es müßte beut Herzogtum daran liegen, eine Erklärung darüber zu erhalten, ob in der Tat die in dem Bundesratsoeschluß vom 2. Juli 1885 bekundeten Tatsachen augenblicklich fSrtbestehen; wenn ja, so knüpfe daran die in der Resolution zum Ausdruck gebrachte wichtigste Frage, ob nicht eine Beseitigung jener Tatsachen möglich sei. Das Herzogtum sei feit dem Bestehen des Regentschastszustandes stets seiner Pflichten gegen das Reich eingedenk gewesen und habe bei der Bemühung der Erfüllung dieser Pflichten stets die Unterstützung der Reiaisorgane gesunden, es glaube sich daher auch in der gegenwärtigen Lage des Herzogtums an die Reichsregierung wenden zu sollen. Das Ministerium bitte den Reichskanzler um Mitteilung, ob die Tatsachen, auf welche der Bundesrats- beschlnß sich stützt, fortoestehen und, wenn dies der Fall, ob sich den Organen des Reiches Mittel und Wege bieten würden, aus einen Ausgleich der Geg ensütze zwischen der Krone Preußens und dem Herzog von Cumberland hiuzuwirkeu, und bitte um Anwendung dieser Mittel und um Mitteilung des Ergebnisses.^ Der Bundesrat werde indirekt bei der Prüfung der Legitimationen der Buudesratsbevollmächtigten Braunschweigs Gelegenheit zur Stellungnahme haben. Da ferner die Behinderung des Herzogs von Cumberland in dessen Verhältnis zum Bundesstaat Preußen ihren Grund habe, mithin die Entschließungen der preußischen StaatSregieruug in Betracht Tämeit, habe das Ministerium die Resolution mit einer Abschrift dieses Schreibens und einem Begleitschreiben dem preußischen Ministerium des Auswärtigen übermittelt.
Hierauf folgt das Begleitschreiben zu der dem preußischen Ministerium überreichten Abschrift und das Schreiben an den Reichskanzler. Es folgt das Schreiben des Ministeriums an den Herzog von Cumberland vom 25. Sept, und die Antwort vom 27. Sept. Ersteres ist das Begleitschreiben zu der übersandten Resolution deS Landtages, letzteres die Empfangsbestätigung. Hieran schließen sich das gestern veröffentlichte ^lutwortschreiben des Fürsten Bülow als Reichskanzler und preußischen Ministers des Auswärtigen.
Der Schriftivechsel soll dem braunschweig. Landtag bei 'seinem Zusammentritt am 18. Oktober vorgclegt werden.
-r-rx Vezu gSpretAl
3Ö monatlich 7bPs., viertel-
GlchenerAnzelger»
General-Anzeiger w
w den oolit. und nUgem.
Amts- Md Anzeigeblatt für den Ureis Metzen MW
__zeigenteil: Hans B-ck.
Ein englischer Sozialist über die deutsche Sozialdemokratie.
Der englische Sramaiiter Bernard Shaw hatte vor einiger Zeit in einem Briese, den auch wir seinerzeit auszugsweise veröffentlichten,■ seinen Ansichten über die deutsche: Sozialdemokratie Ausdruck gegeben unb ausgeführt, daß daK älißcre Gebaren dieser Partei in Mißklang stehe zu ihren Leistungen. Der „Vorwärts" hat davon keine Notiz ge--j nommcii, aber die „Sozialistischen Monatshefte" nahmen dazu Stellung unb ber Herausgeber ber Hefte wanbte sich in einem Schreiben an Shaw mit der Bitte, bie Methobe zu beschreibens bie er im Gegensatz zu der von ihm kritisierten Methode ber beutschen Soz>albemokratie für die richtige halte. Daraus ist nun eine Antwort eingegangen. Es heißt barin:
Wenn Liebknecht, ber durch und durch Fabier war, niemals sich offen auszusprechen wagte unb dis an sein Lebensende seine Parteigänger mit revolutionären Phrasen unb orthodox-marxistischen Redensarten, die er verachtete, irresuhrte, wenn Bernstein, will er sich nicht komproiniitleren, zu meinen Gunsten nicht mehr Vorbringen darf als Entschuldigungen, was würbe Sie erwarten, wenn Sie in Ihrer Zcilschrüt meine Ansichten zum besten geben wollten ? Diese sind übrigens ben Sozialdemokraten in der Haupt- fache schon burch Janre unterbreitet worben, unb bie Sozialdemokraten haben sie vor dem Angesicht Europas verworien. Um eine so törichtePa rtei werde ich mir nicht weitere Unbequem* lichkeiteu machen. Ich werbe einfach, was ich zu sagen habe, so lange in der bürgerlichen Presse jagen, bis ocr reaktionäre? Charakter deS AtarxisiNilS für jedermann offenkundig wirb. Tie besonderen Bedingungen in Deutschland haben mit! meinem Tagclücutvriefe nichts zu tun. Tie versafsungsmäßigev Unterschiebe zivijchen dem Reichstag und dem Hause der Gemeinen sind völlig bekannt unb verstanden. Sie tangieren diirchaus nicht ben Unterschied zwischen der Achtundvierzigerel und dem zivanzigstei, Jahrhundert. Bitte, denken Sie ja nicijt, ich sei in irgend einer] Weise uilsreunbschafllich gefilmt. Ich möchte sehr gern dieser Ihrer] z u r ü cf a e b 1 i c b e n e n Partei im Interesse der ganzen euro^ patschen sozialistischen Bewegung zur Modernität verhelsen. Aber] Sie müsseii mich das in meiner eigenen Weise hm lassen. Ich] habe eine gute Portion Unsinn ans englischen Sozialisten heraus-j geklopft, uiib ich gebe Ihnen bie Versicherung: bas geschah nichts indem ich ihre Gefühle schonte ober meine Zeit damit vergeudete^ den Paplertörben ihrer Rebakteure meinen Tribut zu entrichten, j


