Zweites Blatt
Nr. £83
Montag 6. August 1906
Gießener Anzeiger
General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen
156. Jahrgang
Auf bequem®
Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.
Tie „Gießener Zamilienblätter" werden dem „Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt. Der '.hessische Landwirt" erscheint monatlich einmal.
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitätsdruckerei. R. Lange, Gießen.
Redaktion, Expedition u.Druckerei: Schulstr.7.
Tel. Nr. 51. Telegr.-Adr.: Anzeiger Gießen.
Frühlingszeit" und
de§ Gesanges", „Wanderlied",
kleidsamer Turnertracht und die in Uniform erschienene Kapelle des 2. Hess, (öeib-) Dragoner-Regiments Nr. 24 ließen ihre Weisen ertönen und eine stattliche Turnerschar gab ihnen das Geleite und bot zugleich Gelegenheit, die neue gefällige und praktische Turnkleidung des Turnvereins (weiße Hosen, weiße Drillichjacke und schwarzer Hut) kennen zu lernen. Rasch füllten sich dann Festplatz und Festhalle und ziemlich pünktlich begann in letzterer der
Festkommers.
Der Turnermarsch von Krauße eröffnete das lange Musikprogramm, das von unserer Regimentskapelle unter Musikdirektor Kraußes Leitung in bester Weise ausgeführt wurde. Außer der festfrohen Gießener Bürgerschaft waren bereits zahlreiche auswärtige Turner erschienen und auch die eingeladenen Ehrengäste waren in großer Zahl anwesend, an ihrer Spitze Seine Magnesizenz Geh. Hofrat Professor Dr. Behaghel. Mit besonderer Freude begrüßten die Turner das Erscheinen der Frau Witwe Noll, eine der Ehrendamen, die dem Turnverein im Jahre 1849 seine altehrwürdige Vereinsfahne überreicht hatten. Alle die vielen Festgäste begrüßte der Festvorsitzende und 1. Sprecher des Turnvereins, Kaufmann L. Althoff, mit herzlichen Worten. Er kennzeichnete in seiner kurzen herzlichen Ansprache die Ideale des festgebenden Vereins, die gleichbedeutend mit denen aller deutschen Turnvereine sind, und sprach den Behörden, insbesondere der Stadtverwaltung, den herzlichen Dank des Turnvereins für die auch bei diesem Fest ihm wieder gewordene Unterstützung aus. Die Rede klang in ein „Gut Heil" auf die Schutz- und Schirmherren des Vaterlandes und der deutschen Turnerschaft, S. M. den Kaiser und S. K. H. den Großherzog, aus, an die sich der Gesang der Nationalhymne anschloß. Die Festrede, die Bibliothekar Stadto. Dr. Ebel hielt, gab ein anschauliches Bild von der Bedeutung der deutschen Turnsache für unser Vaterland und dec Geschichte des Turnwesens in Gießen. (Wir werden die Rede in einer der nächsten Nummern der Gieß. Familienblätter zum Abdruck bringen.) Das von dem Festredner am Schluß seiner mit großem Beisall ausgenommen. Ausführungen ausgebrachte „Gut Heil" auf die deutsche Turnsache fand begeisterten Widerhall. Den gesanglichen Teil des Abends hatten die vier hiesigen Vereine des Lahntal-Sängerbundes übernommen; sie sangen unter der Leitung des Herrn Kasten „Das deutsche Lied", „Die Weihe
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Zu den Tischgesprächen des Kaisers.
Die Veröffentlichung von gelegentlichen Aeußerungen, die unser Kaiser während seiner Nordlandreise gegenüber französischen Gästen gemacht hat, wird im Pariser Matm fortgesetzt. Er gedachte der roten Gefahr, die neben der gelben Platz greife, und sagte ferner:
Jeder S'taatSchef riskirt heule täglitfi und stündlich fein” 9 eben — FallwreS wie der Zar, der Präsident der Bereinigten Staaten wie der Svamerkönig. Bollkommenes Einvernehmen herrscht -wischen den Faktoren, welche in allen Ländern aus Abschaffung jeder Auloriläl aller Ordnung und der Regierung überhaupt abz,elen. Dagegen läßt das Einvernehmen der mit Wahrung der Autorität, der Ordnung und des RegierungsbetriebeL überhaupt Betrauten viel zu wünschen übrig.'
Diese Worte wurden in Bergen an Gaston Memer gerichtet, die folgenden bei einem anderen Anlasse und an anderem Orte an den französischen Marine-AttachL Admiral de Jonquieres, welcher dem Kaiser zum Verlaufe der Kieler Regatten gratulierte:
Nun ja die Sache war nicht schlecht. Schade, daß Ihr Panzer V6on Oambetta' nicht nach Kiel kommen könnte. Ihr Mißtrauen ist wohl noch nicht völlig geschwunden? Man hat uns in Paris vielleicht, weil wir nicht ganz artig gewesen, den ,Leon Gambetta' entzogen?"
Hierbei lachte der Kaiser hell auf, um auch nicht das leiseste Mißverständnis über den scherzhaften Charakter dieser Bemerkung aufkommen zu lassen. Dagegen war der Kaiser ernst und nachdenklich, als gleichfalls im Gespräche mit einem französischen Offizier die von antirnilitarischer Seite in Frankreich gegen das Heer und die Flotte der Republik gerichteten Bestrebungen Erwähnung fanden. Der Kaiser:
„Man verbreitet, daß der Deutsche Kaiser alle diese ungünstigen Nachrichten mit Befriedigung zur Kenntnis nimmt. Nichts kann unrichtiger sein. Die Lebensäußernngen der europäischen Staaten stehen miteinander in so innigem Zusammenhang, daß kein liebel auf die Dauer isoliert bleiben könnte. Wenn wirklich Frankreichs Heer und Flotte desorganisiert würden, hätte diese Erscheinung für uns weit eher etwas Be- unruhigendes. Der Antimilitarismus ist eine internationale Plage; das Land, welches jubeln würde, den Nachbar davon heimgesucht zu sehen, wäre der Stadt vergleichbar, welche beim Ausbruch der Cholera im Nach- barort illumunierte."
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„Einkehr" und trugen damit wesentlich zum Gelingen des Abends bei. Den Höhepunkt der Feier bildete
Die Weihe der neuen Fahne,
zu der sich zwölf Ehrendamen mit dem Vereinsvorstand auf der Buhne einfanden. Fräulein Euler sprach einen poetischen Wechespruch, der von der Geschichte des Turnvereins handelte und in die Mahnung ausklang, auch unter dem neuen Banner den alten Geist walten zu lassen. Leider machte der heftige Platzregen, der während dieses Teils der feierlichen Handlung auf dem Dach der Festhalle mit vielem Geräusch aufschlug> die Worte der Sprecherin unhörbar, doch konnte man ersehen, daß sie auch der alten Fahne gedachte, denn diese erhielt als besondere Auszeichnung einen Lotveer- und Eichenkranz. Die neue Fahne ist in echter Handstickerei hergestellt, sie zeigt aus rotem bezw. weißem Untergrund neben den Stiftungsworten turnerische Embleme, das Turnerkreuz, ein wvhlgelungenes Bild Jähns und das Hess. Staats- sowie das Stadtwappen. Herr Al t h o s f übernahm die Fahne mit Worten herzlichen T<mkes für die Spenderinnen und übergab sie dem Fahnenträger Pieper, der sie treu zu bewahren versprach und dem Turnverein ein Gut Heil ausbrachte. Weitere Ansprachen hielten Gauvertreter Fr. Helm, der die Glückwünsche des Gaues aussprach, Rechtsanwalt Kaufmann, der für den Männerturnverein einen goldenen Fahnennagel übergab, Brauereibesitzer Allmeritter-Wetzlar unter Ueberrcichung eines Bildes von Dr. Götz, des Vorsitzenden der deutschen Turnerschaft. Auch Herr Gastwirt Wigan d t überreichte einen Fahnennagel und zwar im Auftrag des Turnklubs. Der gemeinsame Gesang des Liedes „O Deutschland hoch in Ehren" schloß den Akt der Fahnenweihe ab.
Ein weiterer recht eindrucksvoller Ehrenakt war die Ernennung von sechs neuenEhrenmitgliedern und die Verleihung von Ehrenurkunden an 26 Mitglieder, die dem .Verein länger als 25 Jahre angehören.
Zu Ehrenmitgliedern wurden ernannt:
Wich. Eidmann, Karl Liöhler, Louis Noll, Hrch. Schaffst aedt, Karl Stohr und Franz Wigandt.
Diplome für mehr als 25jähr. treue Mitgliedschaft erhielten: Jak. Atzbach, Louis Becker, Ad. Bender, Herm.Eichenauer, Louis Friedrich, Georg Größer, Karl Huhn, Louis Huhn, Ehr. Haubach II., Theod. Haubach, Karl Heck, Emil Kalbfleisch, Wich. Löber, Heinrich Mhlius, Gustav Müller, Adolf Möhl, Friedr. Noll, Wich. Orbig, Wilh. Plank, Joh. Rohrbach, Karl Sack II., Wich. Schuchardt, Konrad Schmidt, Karl Schwan, Jakob Stein und Hermann Zulch.
Die Ueberreichuug der Urkunden ftatb durch Herrn Alt- hoff statt, während Herr K. Köhler den Tank der acho Gefeierten aussprach Der zwecke Sprecher, Kaufmann Ruh. Buch acker, überreichte sodann dem verdienstvollen ersten Sprecher Alchoff in Anerkennung feiner hingebenden Tätigkeit für den Verein ebenfalls eine Ehrenurkunde. Im weiteren Verlauf des Abends sprach noch Geh. ^usttzrat B a i st der älteste Turner Gießens, warme Worte des Idenkens für den Turnverein unter Ueberweisung einer Ehrengabe von 200 Mk. für turnerische Zwecke. ,
Ganz hervorragend waren die gebotenen turnerischen Aufführungen, die aus Stabübungen der Manner- abteilung Keulenübungen mit sog. elektrischen Keulen, die Ebenfalls die Männerriege vor führte und mit denen ^oß^r Effekt erzielt wurde, sowie prächtigen L e i t e r Pyramiden der aktiven Turner bestanden^ An letzteren warm unter Durnwarts Müller Leitung 54 Durner beteckigt, die ibre nicht leichten Aufgaben mit verblüffender Schnelligkeck Sh SicherhZ ausfüMen. Die Vorführungen der Akunner- abteilung wurden vom Turnlehrer Wilh. Will geleitet. Der
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Die Greifswalder Universitäts-Jubelfeier, über deren Hauptfesttag wir berichteten, hatte ihren Höhepunkt in der Botschaft des Kaisers, die Prinz August Wilhelm verlas. Die Botschaft hat folgenden Wortlaut:
Der Universität Greifswald entbiete ich zu der Jubelfeier ihres 450 jährigen Bestehens meinen königlichen Gruß. Gern gedenke ich dabe» der Verdienste, welche diese älteste unter den preußischen Hochschulen sich um die Pflege deutscher Bildungen der Nordgrenze des Reiches erworben hat. Ms eine Gründung pommerscher Herzöge saft zweihundert Jahre deren Zepter untertan, sodann mehr als 150 Jahre zur Krone des stammverwandten Schwedens gehörig und nunmehr fast 100 Jahre unter dem Schutze des preußischen Adlers stehend, hat die Universität Greifswald sich in allem Wechsel der Zeiten als eine Pflegestatte deutscher Wissenschaft und deutscher Gesittung erhalten. Getreu den ihr von ihren Gründern Wratislaw und Rubenow zugewiesenen Aufgaben, hat sie an dem weiten Ausbau der Wissenschaften mit wachsendem Erfolge gearbeitet und sich als Unterrichts- und Bildungsstätte rühmlichst bewährt. So hat sic in großer Anzahl der Kirche treue und fromme Diener, dem Staate gründlich und allseitig vorgebildete Beamte, der leidenden Menschheit geschickte und hilfreiche Aerzte zugeführt. Von ihr ist ausgegangen Johannes B u g e n h a g e n , der Reformator des Nordens, dessen Werk die Universität durch ihre Arbeit an der Befestigung der evangelischen Lehre in Pommern erfolgreich fortgesetzt hat. Aber die Academia Pomerania bat sich nicht nur bewährt als Stätte der Lehre und Forschung, sie hat sich, wie einer ihrer besten Bürger, Ernst Moritz Arndt, vor einem halben Jahrhundert ihr zurief, in gleichem Maße dadurch ausg'zeichnet, daß sie die alte Treue und Tapferkeit des Volkes *1:1:0 die herrliche Lust an der Tugend und Kraft des Mannes m-d der Ehre und Macht des Königs und Vaterlandes al le.'eit gehegt und gepflegt hat. Mögen die überlieferten Tugenden der altehrwürdigen Hochschule, ihr wissenschaftliches Forschen, der Geist der Frömmigkeit und die Liebe zum Vaterlande sich fortpflanzen bis in die fernsten Zeiten zum Ruhme der Universität Greifswald. Das walte Gott!
Die Festrede des Rektors Prvf. Bonnet war insofern etwas befremdlich, als sie fast nur von den Naturwissenschaften sprach und die Geisteswissenschaften außer acht ließ. Beim Festmahl im Hotel de Prusse brachte Prinz August Wilhelm, der Sohn des Kaisers, das Kuiser- hoch aus mit folgender Rede:
„Wie überall, wo im deutschen Vaterlande ein bedeutsamer Gedenktag festlich begangen wird, wollen wir heute zuerst unseres aller gnädig st en Landesherrn gedenken. Von alters her haben Preußens Könige mit lebhaftem Interesse die Entwickelung dieser ehrwürdigen Universität verfolgt, wie uns bei der 400 jährigen Jubelfeier die Anwesenheit König Friedrich Wilhelms IV. und mit ihm meines unvergeßlichen Urgroßvaters und Großvaters beweist. Wenn wir aber dieser Fürsten gedenken, so bitte ich, wie es heute schon in der Kirche geschehen, auch an lenen König erinnern zu dürfen, der nach Preußens schmachvollem Niedergange das Erwachen des Volksgeistes voll und ganz in seiner hingehendsten Vaterlandsliebe mit durchkämpst und erlebt hat und dessen Geburtstag wir heute feiern. Wie damals in den Tagen der Not vor allem die akademische Jugend mit ihren Führern treu zu König und Vaterland hielt, so wollen wir, die wir in den Tagen des neugeeinten Deutschlands leben, das Gelöbnis unserer Treue erneuern mit dem Rufe: S. M., unser aller- gnädiaster König, Kaiser und Herr, Hurra!"
Bemerkenswert war der Trinkspruch des Unterrichtsministers. Dr. v. Studt hob ausdrücklich hervor, daß der Satz der Verfassung: „Die Wissenschaft und ihre Lehre istfre i", eine unverbrüchliche Richtschnur für ihn, wie für jeden preußischen Unterrichtsminister und für die Unterrichtsverwaltung überhaupt sei.___________
Das 60jäSrig?IuöUäuW desHurnvercins Hießen.
Gießen, 6. August.
Die Sympathien, die sich der Turnverein Gießen m seinem nunmehr sechzigjährigen Bestehen in der Gießener Bürgerschaft erworben hat, gelangten bei der Feier dieses Gedenktages zum glänzenden Ausdruck, denn die Beteiligung der Einwohnerschaft an dem schönen Feste übertraf alle Erwartungen. Die Festeinleitung bildete der übliche
Zapfenstreich, der sich am Samstag abend durch die teilweise schon im festlichen Schmucke prangenden Straßen bewegte. Spielleute in
^ll>lg.ordenll.«utjcher,verd. lOoiort stetig. Lchrml. Angeb. E an den Gieß, Anz, erb. rauleiu aus guter Familie lucht Stelle als Stütze. ^05848 wu Wümbach, Kreuzplatztz. anges Mädchen jucht Stelle. 05653] Tewelslustgärtchen N in Mädchen v. Lande, welche? äugeln und Hausarbeit vcr-
jucht Stellung.
Wer es bei Frau Becker, >08| Bahnhoijlraße 56.
turnerische Teck des Programms fand außerordentlich lebhaften Beifall.
Das Konzert in der Fe^ 'lle erreichte erst lange nach Mitternacht fein En^e. Auf dem Festplatz konzertierte die Dragoner-Kapelle vor dem teilweise recht zahlreichen Publikum, das sich anscheinend, und namentlich in der bayrischen Bierhalle, bestens unterhielt.
Der Festsonntng
wurd-' durch den üblichen Weckruf eröffnet. Hieran reihte sich der Einzug der nach vielen Hunderten zählenden auswärtigen Turner, während die turnerische Arbeit durch die Kampfrichtersitzung eingeleitet wurde.
Um 12 Uhr versammelten sich zahlreiche Vereinsmitglieder, auswärtige Turner und besonders geladene Gäste zum
Festeffen
in der Festhalle. U. a. waren erschienen S. Magnifizenz Geh. Hosrat Prof. Dr. Bchaghel, Regierungsrat Dr. Wagner als Vertreter der Staatsbehörde und des Provmzialdirektors, Hauptmann Soldan als Vertreter der Garnison und des Obersten, Stadto. Helm als Vertreter der Stadt. Da§ gut zubereitete Essen verlief in bester Stiinmung. Es wurde nur ein Trinkspruch ausgebracht und zwar feierte Geh. Hofrat Pros. Dr. Behaghel Kaiser und Großherzog mit folgenden Worten:
Wenn der Deutsche seine Feste feiert, so treibt es ihn in begeisterter Stunde, die Bande zu suchen und zu finden, die ihn mit den erlauchten Führern der Nation verbinden. Wenn der Turner seine Feste feiert, braucht er diese Bande nicht erst zu suchen. Denn das moderne deutsche Turnen hat von Anfang an im Dienste der Nation der vaterländischen Erhebung gestanden. Und es war fast eine tragische Fügung, daß Zeiten kamen, die das verkennen konnten, das; die, die in der Moderluft der Aktenstube lebten, den Turner nicht mehr verstanden, der allerdings seine freie Luft und sein freies Licht sich nicht verkümmern lassen wollle. So hat man die Turner demagogischer Bestrebungen geziehen. Aber nicht verleiten, verführen wollten sie unser Volk, wohl aber leiten, führen zu hohen würdigen Zielen. Ganz Muskel, ganz Sehne will der Turner sein, nichts darf bestehen bleiben im Staate des Körpers, das nicht seinen Beitrag gibt zur äußersten Kraftleistung. Ta heißt es abtun alle Schlaffheit und Ueppig- keit, allen weichlichen Lebensgenuß. Wer aber^solchcs über sich vermag, bei dem wird auch die Seele ganz Spannkraft, ganz Entschlußfähigkeit, da ist kein Raum für die Modekrankheit der Nervenschwäche. Meine Herren! Fremde Völker neiden uns unsere kriegerische Tätigkeit. Sie spannen alle Kraft an, um es uns gleich zu tun. Aber eines, hat man gesagt, können sie uns nicht nachmack)en, den deutschen Unteroffizier. Es gibt noch ein zweites, das sie uns nicht nachmachen können, das ist der deutsche Turner. Und wir wissen noch eines, wo ihr Wettbewerb kläglich versagt, das sind unsere Fürsten, unser Kaiser und unser Landesherr, in denen sich uns alles verkörpert, was uns teuer ist, in deren Dienst wir unser ganzes Sein stellen. Wer am Reck und Barren, wer am Kletterseil Bescheid weiß, der findet sich auch in den Raaen des Takelwerks zurecht, der wird auch feinen Mann stellen, wenn es gift, unsere Zukunft auf dem Wasser zu verteidigen. Und wer gelernt hat seinen Körper zu meistern, bei dem paart zur Kraft sich die Anmut, dem wandelt sich Stärke zur Schönheit, und so steigt er auf zu den Höhen ästhetischer Betrachtung, der zugleich sein eigener Körper als edelster Gegenstand sich darbietet. So ist des Turners Herz für beides offen: für das Ringen nach Wehrhaftigkeit, für das Streben nach künstlerischer Gestaltung des Daseins, und so schaut er mit jubelnder Begeisterung auf zu den hohen Fürsten, die ihr ganzes Wesen einsetzen für die Größe, für die Herrlichkeit unseres Vaterlandes. Und so fordere ich Sie auf, die Gläser zu erheben und mit mir zu rufen Seine s.Ocaie|tät der Kaiser Wilhelm der Zweite, Seine Königliche Hoheit der Großherzog Ernst Ludwig sie leben hoch, hoch, hoch.
In das Hoch wurde lebhaft eingestimmt und daran anschließend die Nationalhymne gesungen.
An das Festessen schloß sich um 2 Uhr der
Festzug
an. Er stellte sich am Walltor auf und bewegte sich durch die Walltorstraße, Lindenplatz, Marktplatz, Schulstraße, Neuen- bäue, Neuenweg, Kaplansgasse, Bahnhofstraße, Westanlage, Seltersweg, Kreuz, Mäusburg, Marktplatz, Marktstraße und Neustadt nach dem Festplatz. Etwa 40 Turnvereine und wohl ebenso viele hiesige Vereine waren in dem- Zuge vertreten, drei Musik- und verschiedene Tambourkorps sorgten im Verein mit den strammen Turnerscharen für das richtige Marschtempo, so daß der Zug ohne Verspätung den Festplatz erreichte. Zahlreiche Zuschauer standen längs des ganzen Weges, den der Zug nahm, und durch reiche Blumenspenden zeigten die Gießnerinnen ihr Interesse an der Sache der Turnerei. Besonderen Beifall fanden die prächtigen Festwagen der beiden hiesigen Turnvereine. Der Männer- turnoerein hatte als Motiv eine Huldigung für Jahn durch jugendliche Turnerinnen und Turner gewählt, während der Turnoereinswagen Knaben und Mädchen, Turner und Turnerinnen zu Füßen der Germania zeigte.
Stach dem Eintreffen des Festzuges fand die Beglück- wünschung des Jubelvereins und die Begrüßung der Festgäste durch die Stadt Gießen statt. Stadtv. Helm hielt als Vertreter der Stadt dabei folgende Ansprache :
Es ist mir als Stadtverordneter der ehrenvolle Auftrag geworden, Sie im Namen des Herrn Oberbürgermeisters, der verhindert ist, der Feier beizuwohnen, und der Stadt Gießen zu begrüßen und Ihnen zu versichern, daß die Bürgerschaft der Stadt Gießen die Freude des Turnvereins an seinem 60 lägt. Jubiläumsfeste voll und ganz teilt nnb Sie daher, die Sie so zahlreich der Einladung ves Turnvereins hierher gefolgt find, mit dem Turnergruß Gut Heil begrüße. Der Turnverein Gießen hat treu seine Ausgabe während dieser 60 Jahre die unschatz- baren Güter Gesundhüt, Kraft und Gewandtheit des Leibes gepflegt und gefördert, die Frische des Körpers, die Mutter des Frohsinns und Zufriedcichttt geweckt und sich Verdienste in hahem Maße erworben, indem er so viele tüchtige und gewandte Vaterlandsverteidiger erzogen hat. .
Und neben diesen ernsteren Zwecken hat der Verein auch für die Pflege der Geselligkeit und für genußreiche Unterhaltungen gesorgt, aber auch in diesem Sinne anderen Veranstaltungen in der Bürgerschaft seine Unterstützung gern gewährt.
Wenn nun ein Verein eine so lange und ersprießliche ^virv- samkeit aufzuweisen hat, so ist das wohl ein Grund zur Freude und berechtigt zum lautesten Jubel.


