Mittwoch 5. Dezember 1906
156. Jahrgang
Erstes Blatt
Die Heutige 'Dummer umfaßt 16 Seiten
Kleines Feuilleton.
— Vom Ideal der neuen Frau. In einer süddeutschen Monatsschrift kommt Karl Borinski in einem größeren Essay über ,.S avvho" auch auf das neue Frauenideal äu sprechen. Ter Münchener Gelehrte schreibt am Schluß des Artikels: „Die Frauen in ihrer vernünftigen Vertretung in der Gesellschaft beginnen sichtlich, sich ihrer alten Romanvorrechte und — was wichtiger: — der Romanansp-rüche an das Leben — als an einen Berzillienwald voll Liebeshelden und Liebesabenteuer! — zu begeben. Sie wollen keine in Wolken thronenden Der- rinnen, sie wollen 'a.ber auch in Ermangelung dessen keine Rachegeister und Dämonen; keine „Noras" und Frauen vom Meere", mit einem Worte: sie wollen keine Fabelwesen mehr sein. Sie haben sich in der schweren Not einer materiell völlig veränderten Zeit — trotz aller utopistischen Hetzer, die mit denl namenlosen mehr oder minder glänzenden Elend der Mehrzahl (zuaunden der Minderzahl^ der Frauen Geschäfte machen — die Einsicht erobert, daß der Ernst und die Schwere des Lebens keineswegs bloß die Schuld von Männern sei. die den Romanan'orderungen nicht genügen. Sie legen selbit mit Hand an bei dem schweren Werke, den unendlich zusammengesetzten und individuell verschiedenen Aufgaben, die das Leben stellt. Sie wollen nicht mehr bloß die Poesie des^ Mannes bestreiten, zumal das sehr viel kostet und - -- ‘ " *“
sehr wenig cinträgt. Sie lehnen es ab, die Heiligen,
parlamentarifcbes.
Berlin, 4. Dez. In der nationalliberalen Fra ktion ist von einer Absicht, wegen der Aus- weisungspraxis die Regierung im Reichstage zu interpellieren, nichts bekannt.
Daß „Atlashöschen" Waaner sich bei ihr bestellt hätte, wird widerlegt. Wagner bevorzugte allerdings Seidenwäsche, und ent Zimmer wurde allerdings ganz mit Seide ausbeschlagen und mit weichen Teppichen belegt. Es durfte nie von jemandem betreten werden, Wagner hielt sich darin immer ganz allein auf, und zwar zumeist am Vormittag, weil ihn die Farbenpracht zur Arbeit anregte. Tie Ausstattung dieses Zimmers nach den Wünschen des Meisters war die Hauptarbeit jener Putzmacherin, und sie stattete ihm später ein solches in gleicher Weise auch in München und in Triebschen auS.
— Alt-Marburg, 30 Federzeichnungen von Otto Nbbe'lohde. mit erläuterndem Tert in Dialogform, so nennt sich ein kleines Kunstwerk, das bei Elwert in Marburg erschienen ist. Man könnte es auch nennen „Führer für Kunst- und Naturfreunde", aber ein Titel, hinter dem man die übliche trockene Prosa unserer Stödteführer wittert, wäre doch wieder wenig angebracht. Jeder, ^er in Marburg gewesen ist, — sei es auch nur flüchtig — wird sich üben fched eigenartige und vor allem künstlerisch wertvolle Buch freuen. Der Preis ist unglaublich niedrig, nur eine Mark! Der Text ist keineswegs eine Verhimm- lung Marburgs. Mit deutlicher Kritik werden alle möglichen Bau-Sünden und Geschmacklosigkeiten vorgenommen, auch hier und da allgemeine Gesichtspunkte zur Vermeidung und Verbesserung gegeben. Es wäre recht wünschenswert, daß sich auch bei und in Gießen ein Kunstverständiger fände, der ein solches Buch unseren St adtvackern zum Nachdenken vorlegte!
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Nr. 286
® r | <t) etnt tflfllt J) außer Sonntag-.
Dem Gießener 'Anzeiger werden im Wechsel mit dem Hessischen Landwirt die Siebener Saintlien- blätter viermal in der
Woche be,gelegt. Rotationsdruck u. Verlag der Brühl 'schen Univers.-Buch-u. Stern- bmderet. 8t Lang«. Redaktion, Ervedrtioa und iSucferet:
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Anzeiger Gießen.
Deutscher Reichstag. 11
Sitzung vom 4. Dezember.
Dm Bundesratstisch: Reichskanzler Fürst Bülow, die ■ Staatssekretäre Frhr. v. Stengel und v. Tschtrschky ’ und Kolonialdirektor Dernburg. ;
-Tic Beratung des Nachtragsetats für Sudwest- ' afrika wird fortgesetzt.
Präsident Graf Ballestrem erklärt zunächst, es war ihm . bei der Unruhe deS Hauses gestern nicht möglich, die Rede , Roerens in allen Einzelheiten zu verfolgen. Aus den Zeitungs- . berichten und dem Stenogramm fand er mehrere Ausdrucke, । die nicht der Ordnung des Hauses entsprechen, dazu gehören | die Vorwürfe wegen plumper und roher Beleidigung. Wegen , deS Ausdrucks Börsenjobber rufe ich den Abg. Roer en zur Ordnung.
Vor Eintritt in die Tagesordnung erklärt
Abg. R o e r e n (Ztr.), daß er seine gestrigen Ausführungen Über Wistnba und die Togomission in seinem eigenen Namen gemacht habe (Hört! HörtO, ohne auch nur seine Fraktion in iVeitnfnid zu setzen. Deshalb trage er die Verantwortung dafür allein. Er habe die Verhandlungen lediglich aus Wunsch der Missionen zur Herbeiführung f'nnr friedlichen Lösung, die von der Mission gewünscht wird, geführt.
Reichskanzler Fürst Bulow erklärt: Durch die ^itz- unp des Staatsministeriums und anderweitiger Amtsge- schäste war ich verhindert, der letzten Sitzung beizuwohnen, daher habe ich erst durch die Morgenblätter Kenntnis von der gestrigen Auseinandersetzung erlangt. Ich will keinen Zweifel darüber lassen, daß die Haltung des Kolonialdirektors, insbesondere seine Verteidigung gegen grundlose Angriffe von Beamten und seine Abwehr der ungerechtfertigten Pressionen, auf das Nachdrücklichste billige. (Vielseitiges anhaltendes Bravo!) Die Offenheit, mit der der Kolonialdirektor die Verteidigung führte, ist lediglich eine Konsequenz der von mir erhaltenen generellen Instruktion, nichts zu vertuschen und unnachsichtlich und unparteiisch Verfehlungen von Beamten zu verfolgen. Ich hätte gewünscht, daß der Abg. Roeren weniger dem Beispiel Bebels und mehr dem seines Fraktionskollegen Er'.berger gefolgt wäre (Heiterkeit. Lachen links) und nicht Fälle zur Sprache gebracht hätte, worüber teilweise noch die Untersuchung im Gange ist. Die Klarstellung wird rücksichtslos nach allen Seiten erfolgen. Die Klarstellung wird nicht vor einzelnen Abgeordneten Halt machen, die auf Grund einseitigen Materials unschuldige Beamte anklagen und schuldige in Schutz nehmen. Ich habe einen zweimaligen Wechsel in der Leitung der Kolonialabteilung vorgenommen und jetzt ist die gründliche Reorganisation der Kolonialverwaltung im Gange. Ich richte nun nochmals an das bohe Haus die Bitte, mit gutem Willen, Klarheit und Festigkeit das begonnene Werk der Reorganisation unserer Kolonien nicht dadurch zu hemmen, daß immer wieder alte Fehler der Vergangenheit zur Sprache gebracht werden. Auf Seiten der Regierungen ist der festeste.Willen vorhanden, die vorgefallcnen Verfehlungen unnachsichtlich zu ahnden und die vorhandenen Mißstände rücksichtslos zu beseitigen. Helfen Sie aber, unsere Kolonien einer besseren Zukunft entgegenzuführen und sie fruchtbringend zu gestalten für das deutsche Volk. (Beifall.)
Abg. Werner (Rfp.) führt aus, daß das Verdienst, die Verträge gelöst zu haben, nicht allzugroß sei. Jeder Kolonialdirektor hätte das tun müssen. Das war nur seine Pflicht, (sehr richtig.) Er h^be keinen Eefonberen Grund, dem Kolonialdirektor besondere Loblieder zu singen; seine Partei sei im Laufe der Jahre in Kvlonialsachen etwas skeptisch geworden. Recht habe der Kolonialdirektor, wenn er meine, daß wir in den Kolonien nur die allerbesten Kräfte gebrauchen könnten. Die Fühlung zwischen Regierung und Volk sei verloren. Es sei noch viel Arbeit in den Kolonien zu tun.
Abg. M ü ll er-Meiningen (fr. Vpt.) dankt zunächst, für die würd>'ge Art. wie von dem Bureaudirektor und dem Präsidenten das Hausrecht gewahrt worden sei. Er bedauere nur, daß das daS Haus nicht rein geblieben sei von Haussuchung. Was die gestrigen Vorgänge anlange, so habe am Bundesratstische offenbar eine Verlegenheit geherrscht, wie sie in dem Maße dort selten sei. (Lachen rechts.) Von dem Einflüsse der Herren von der Rechten des Hauses zu Gunsten Peters habe man hier int Hause schon lange gewußt. Das über die vertraulichen Verhandlungen zwischen der Kolonialabteilung und Stören gestern bekannt geworden sei, werfe auf die bisherigen Zustände ein grelles Licht. Charakteristisch dabei sei namentlich das Verhalten des Herrn Dr. Stubel einer der bedauernswerten Erscheinungen innerhalb der Regierung. (Heiterkeit.! Nach der heutigen Er- naruno des Herrn Roeren sei er selbst überzeugt, daß der
genter Mann sei, erkenne er auch nach dessen gestriger Rede an. (Heiterkeit.) Weiter wendet sich Redner gegen Prügelstrafen-Ver- ordnungen in den Kvlonien. Bedauerlich sei daS gestrige Procedere d"s Kolonialdirektors gegen Roeren, die Mitteilungen über vertrauliche Rücksprachen. Weny ein solches Verhalten des Kv- lonialdirektors sich wiederhole, so werde fortan niemand mehr vom Zentrum in der Lage sein, sich im Interesse vertraulicher Ausgleichsverhindlungen in die Kvlonialabteilung zu , begeben. Bloßgestellt sei gestern nicht Roeren, — wie eine gestrige Wendung DernburgS es scheinen lasse —, sondern vielmehr Dr. Stübel! Dieser habe sich in der ganzen Angelegenheit viel mehr versündigt, als dadurch, als daß er in Ehristiania die Mitteilung der Geburt des Küscrenkels an den Kaiser verschlafen h-be. (Gfrofce Heiterkeit.) Die Regierung verlange, man solle endlich die Vergangenheit ruhen lassen. Aber das gehe doch nicht eher an, ehe nicht die Schuldigen bestraft seien (sehr richtjg!). Pöplau sei seiner festen Ueberzeugung nach unschuldig verurteilt. Der Tatbestand übrigens, daß in Afrika vom Richter beschlagnahmte Akten sich' jetzt in den Händen der Verwaltung befinden, werfe das allerbedenklichste Licht auf die Rechtspflege in den Kolonien. Endlich betätigt Redner noch, Geh. Legationsrat Hellwig habe ihm im Mai d. I. erzählt, die Freunde des Peters, v. Kardorff und Arendt, seien die Veranlassung, daß er seine Pensionierung habe nachsuchen müssen. Schließlich bemerkt er: wir sind nicht Oppositions- und nicht Regierungspartei. ^Heiterkeit.) Jetzt wolle seine Partei jedenfalls gern_ dem K'o- lonialdirektor t/c erforderliche Zeit gewährest, um Mißstände zu beseitiaen. (Beifall im Zentrum.) , ,
Kolonialdirektor Dernburg erklärt, zu seiner Genugtuung könne er konstatieren, daß laut soeben eingelaufenem Telegramm aus .Togo neuerdings weitere Zeugen vernommen worden sind und daß sie absolut nichts gegen Kersting auszusagen vermöchten. Schmidt ferner sei auf seinen eigenen Antrag entlassen worden. Die Mißhandlungen Schmidts könnten aucb noch nicht als erwiesen gelten. Man habe es bemängelt, dcrß er von Eiterbeule gesprochen habe. Tatsache ist doch aber, daß Herr Roeren die betreffenden Vorgänge schon seit Jahren gekannt hat. Demgegenüber sage er, solche Dinge müßten sofort und nicht erst später hier zur Sprache gebracht werden. Er wiederhole, die Verwaltung der Kolonien werde mit Eifer betrieben, Allotria werde ausgeschieden und alle Mißstände eingehend untersucht. Und er hoffe, man werde mit der genauen Untersuchung zufrieden sein, er hoffe ferner, daß sich zeigen werde, wie eine große Menge von Dingen, die den Beamten vorgeworfen werden, nicht wahr seien. (Beif.)
Aba. v. Kardorff (Reichspartei): Wir sollten uns öfter dre Frage vorlegen: Was sagt das Ausland zu diesen Reichstagsver'handlungen. Gegen meinen Freund Dr. Peters (Hört! Hört! bei den Soztald.), jawohl Meinen Freund, ich habe bisher noch niemals meinen Freund verleugnet. Tie Anschuldigungen Bebels halte ich für unrichtig. Deshalb kämpfe ich gegen ihn (Zuruf: Mörder!) Sie stellen Dr. Peters als Mörder hin. Ja, der Begriff Mord ist bei Ihnen (zu den Sozialdemokraten) ein verschiedener. Die Taten in Rußland sind Bei Ihnen feine Morde (Sehr gut), das sind Heldentaten, Gerichtsvollziehungen. Umgekehrt ist es in Ihren Augen etwas anderes. Welchen Lärm würde Herr Bebel angeschlagen haben, wenn einer seiner Freunde, der freigesprochen wurde ,mit einem niederträchtig erfundenen Brief aufs neue angegriffen würde (Sehr gut!). Die Fürsorge Dr. Peters auf seinen Expeditionen für seine Leute war viel größer als diejenige Stanleys, das geht aus dem Prozentsatz der Verluste hervor. Wenn mein Freund Dr. Peters Hinrichtungen hat vollziehen lassen, so wird er sich in einer Notlage befunden haben, in der man sich im Kriege oftmals befindet. (Sehr richtig! rechts.) Wir müssen für unsere Kolonien sorgen. Die Erde ist nicht da für Kannibalen, sondern dafür,daß die Menschen zur Arbeit erzogen werden. Daß eine herrschende Klasse in Deutschland stets existieren möge, die für ihre Freunde, an denen ein Justizmord begangen ist, eintreten, das hoffe ich zum Segen unseres Volkes. (Lebhafter Beifall rechts.)
Darauf wird ein Antrag auf Schluß der Debatte angenommen.
Die Vorlagen gehen ohne Debatte an die Budgetkommission.
Nächste Sitzung Mittwoch: Poleninterpellation.
gestrige Zwischenfall wirklich politische Bedeutung nicht besitze. (Rufe linkS: Sehr richtig.) Seine Partei werde auch künftig alle Vorkommnisse in der Verwaltung der Kvlonien prüfen und allen Versuchen einer Verschleierung entgegentreten. Seine Partei könne selbstverständlich von vornherein nicht Gegner einerIieform- politik von feiten des neuen Kvlonialdirektors fein. Sind die Roerenschen Enthüllungen nun eigentlich wahr oder nicht? In nächster Zeit würden noch ganz andere Dinge vorgebracht werden. So könne die Geschichte unter keinen Umwänden weiter gehen. Das Vertrauen zu den Richtern in. Ben Kolonien sei verloren. Eine gemischte Üntersuchungskommission wäre das beste. Notig sei eine Feststellung des materiellen und formellen Kolonial- rechts und zweitens eine völlige Trennung von Justiz und Verwaltung. Redner beschäftigt sich dann in längeren Ausführungen mit der deutich-kolonialen Prügelprax's und Prügel-Verordnung und dem bekannten Sodaerlaß, durch^den. der j(‘feige Gouverneur von Neu-Guinea des Trinken aus Sodaflaschen mit harter Prügelstrafe bedrohe. Den Kolonien müsse vor allem ein klares Recht, Gerechtigkeit oder wenigstens eine gesetzliche Basis gegeben werden. Aber es gibt Sünder nicht nur in den Kvlonien, der eigentliche Angeklagte sei der Reichskanzler: er sei es, der die eigentliche Untersuchungskommiß wn einsetze. Wie solle da eine objektive Untersuchung heranskomwen. Das ganze Personal lebe wie Hund und Katze zusammen, gegenseitige Liebenswürdigkeiten seien an der Tagesordnung. Ein Mum- zipalitätsrat Raff kämpfe seit 0V2 Jahren um ein Recht, außer Amt, beziehe er während der ganzen Zeit fein Gehalt, ja, rücke sogar in höhere Gehalts'lusen auf. Der Staatssekretär und der Kvlonialderiktor wollten für ihn etwas tun, aber^Dr. Stübel erklärte, er könne gegen das Trifolium an der Spitze den Herrn von König nicht aufkommen, (dort! Hort!) Herr Kolonialdirektor! Wenn Sie die Gespenster bannen wollen, dann arbeiten Sie in den Geleisen der Gerechtigkeit, in den Geleisen organischer und nicht sprunghafter Kulturarbeit, und zeigen Sie auch Rückgrat nach oben. Dann werden Sie auch unsere Unter» stützung finden, wenn nicht, dann nicht.
Abg. B e b el (Soz.): In das Duell Dernbura-Roeren wolle er sich nicht einmischen, am allerwenigsten nach der heutigen Erklärung Roerens, daß es sich nur um eine rein persönliche Angelegenheit handle. Das eine aber stelle er feit, alle die Gräuel, die Roeren gestern anführte, seien noch unwiderlegt, sie blieben bestehen. Es müsse einmal mit den Skandalen reiner Tisch gemacht werden. Erfreulich sei es, daß man heute endlich einmal den Reichskanzler im Hause gesehen habe, er sei der einzige dem Hause Verantwortliche. Redner kommt auf den Fall Hellwig zu sprechen, dessen Pensionierung, weil er den Anforderungen seines Amtes nicht mehr völlig gewachsen erschien, so mag es in den Akten stehen. Aber da steht manches, was nch in Wirklichkeit anders verhalt. Den Angriff, den ich am Samstag gegen Herrn Graf Arnim richtete, nehme ich allerdings angesichts dessen Erklärung mit Bedauern zurück. Was aber Herrn Arendt anlangt, so erkläre ich, daß ich niemals von ihm eine Aeußerung gehört habe, aus der hervorgegangen wäre, daß Herr Arendt schon längst Herrn Hellwig verhängnisvolle Bedeutung für die Kolonialpol.itik zugeschrieben hätte. Einen zweiten Fall, den ich angeführt habe, den Fall Kampfe, bat _ber Kolonialdirektor selbst gestern als richtig von mir.dargestellt, angegeben. Weiter erinnere ich an die ungeheuerliche Bestrafung der Akwa-Leute wegen Beleidigung! Wir müssen danach verlangen, daß die Verhältnisse in den Kolonien unparteiisch unter» sucht werden. Eamarille ist überall da, wo persönliches Regiment ist. Im Falle Peters komme es doch nur daraus an, was der Gerichtshof für erwiesen angesehen habe, und itoar schwere Mißhandlung von Mädchen mit der Nilpferdpeitsche. Als Redner dann mit Bezug aus Arendt den Ausdruck braucht „die Sorte" erklärt Vizepräsident Stolberg dies unter Heiterkeit des Hauses für unzulässig. Redner erzählt dann noch eine lange Reihe festgestellter .Unmenschlichkeiten des Peters. Endlich berührt er noch die Eisenbahn- und Landfrage in südwest- Afrika. .. .
Oberstleutnant Quade bezeichnet es als unzutreffend, daß gegen Leutnant Dominick, jetzt Hauptmann, Anzeige ergangen sei, ohne daß gegen denselben irgend etwas geschehen sei. Es sei diesem vielmehr ausdrücklich durch Erlaß aufgegeben worden, sich aller Grausamkeiten usw. zu enthalten und Menschenleben im Kriege tunlichst zu schonen. Die Ermittelungen gegen ihn hätten ergeben, daß die ihm vorgeworfenen Barbareien nicht vorgekommen seien, abgesehen von Fällen, wo Dominick gegen Kannibalen gekämpft habe. Veranlassung zum strafrechtlichen Vorgehen gegen ihn habe sich nicht ergeben. Es sei allerdings dem Dominick der amtliche Vorwurf nicht erspart worden, daß er gegen Barbareien seiner Truppen nicht genügend.eingeschritten sei. Eine neue Beschuldigung gegen Dominick, 62 Kinder ausgesetzt zu haben, werde noch untersucht werden. Die Richtigkeit einer Anklage Bebels gegen einen Hauptmann Scheunemann werde von diesem in Abrede gestellt.
Abg. E r 8 & e r g e r (Ztr.) erklärt, im Juli sein Material im Reichstage dem Untersuchungsrichter zur Verfügung gestellt zu . haben, um sich bezw. andere von dem Verdacht etwaigenAkten- : diebstahls zu reinigen. Daß der Kvlonialdirektor ein intelli-
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oder die Musen der Männer zu spielen; sintemalen die Heiligen keine Manner brauchen, der Begriff von Engel und Teufel gerade in diesem Punkte sehr schwankt, das Jnipirationsbedürfnis durch eine körperliche Muse aber allzeit berdächtig ist. Tenn es gemahnt immer etwas an die stets in Herden auftretenden einsamen Knaben, die von Mutters Schürzenband nicht los können.
— Richard Wagner und die Putzmacherin. Zu den Briefen Richard Wagners an eine Putzmacherin. Eine Unterredung mit der Pufemacherin Bertha. Ein Beitrag zur Lebensgeschichte Richard Wagners von Ludwig Kvrpath. Verlag „Har- monie", Berlin W. 35, brosch. 1 Mk. — In dem Kampt, beu in den siebziger und achtziger Jahren die „Neue Freie Presse gegen Richard Wagner führte, bildete die Veröffentlichung und Glossierung seiner Briefe a.n eine Putzmacherin durch Daniel Spitzer, den „Wiener Svaziergänger"' eine Episode. Jetzt erfolgte die Wiederveröffentlichimg der 16 Briefe Wagners, aus denen dessen wunderliche Vorliebe Wagners für Atlas, Seide und Spitzen hervorgeht. Man bemüht sich nur um die Ergründung der Wahrheit über das Verhältnis zwischen dem Meister und jener Putzmacherin. Dem Wiener Musikschriftsteller Ludwig Karpath ist es gelungen, die Frau, an die die Briefe gerichtet waren und die man schon längst tot wähnte, als noch lebend auszuforschen. Wir erfahren, daß der einstigen ieschen Putzmacherin juc|tc a/uumw vc, Berta vor mehr als dreißig Jahren die Briese gestohlen wurden,
— auch der Poesie — und wie sie aus Kränkung darüber,, der Meister könnte glauben, >ie Heiligen, die Engel, j sie hätte seinen nach AiÄretion nicht erfüllt, herzkrank wurde.


