Ausgabe 
5.11.1906 Zweites Blatt
 
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Nr. 260 Zweites Matt

156. Jahrgang

Montag 5. November 1906

Erscheint 12 glich mit Ausnahme des Sonntags.

DieSiehener Familienblätter" werden dem »Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt. Der Hessisch« Landwirt" erscheint monatlich einmal.

KchWR MMger

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Unioersitätsdruckerei. R. Lange, Dießen.

Redaktion, Expedition u.Druckerei: Cchulstr.7.

Tel. Nr. 51. Telegr.-Adr.: Anzeiger Gießen«

General-Anzeiger. Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

Laudesverjammluug der Freisinnigen Hessens.

^Driginal-Bcricht des Gießener Anzeigers.)

C. Darmstadt, 4. November.

Nach mehr denn zehnjähriger Nuhepause hatte der freisinnige LcmdcSvercin für das Großher^ogtum Hessen einen Parteitag cin- berusen. Nach einem anregend verlaufenen Bcgrüßungsabend gestern imKaisersaal", begannen heute die Verhandlungen des Parteitags mit einer Sitzung des Landesausschusses. Es waren u. a. anwesend die freisinnigen LandtagSabgg. 'Dr. Gut fleisch, Reh und Damm, und Vertreter befreundeter Orga*iisatiouen in Mannheim, Heidelberg, Karlsruhe und Frankfurt a. M.

Gegen 11 Uhr eröffnete Justizrat Gallus die Landes- Versammlung. Begrüßungstelcgramme wurden verlesen u. a. von den Reichstagsabgg. Dr. Müller-Meiningen und Neinhart Schmidt. Namens der Zentrallcitung der freisinnigen Volkspartei überbrachte Rcichstagsabg. Kopsch Grüße und Wünsche für besten Verlauf.

Sodann wurden zu Mitvorsitzerrden Justizrat Metz-Gießen und Ne-Mainz bestimmt.

Den Bericht des Ausschusses erstattete Henrich- Darmstadt. Neben der Anstellung eines Parteisekretärs sei aus der Parteiarbeit hrrvorzuheben, die Gründung von OrtSvercincn in Groß-Gerau, Bischofsheim, Rüsselsheim, Bad-Nauheim. Im Landesverband seien keine politischen Gegensätze vorhanden. Ein neues Organisationsstatut sei zunächst nicht erforderlich. Nur soll der § 5 (Zusammensetzung des Landesausschusses) neu kodi­fiziert werden. Eine Kasse hat der Verein noch nicht, darin liegen nur unbezahlte Rechnungen. Zur vorläufigen Deckung der Un­kosten soll jeder OrtSverein vorerst 50 Pfennig für jedes Mit­glied abgeben. Auch die freisinnige Presse deS Landes müsse nachhaltiger unterstützt werden. Die Reaktion sei noch immer Truurpf. DaS Reichstagswahlrecht stehe nicht so gesichert da, wie vielfach geglaubt werde. Auch die ivirtschastlick-e Reaktion sei weiter am Werk. In den Namen Podbielski und Tippelskirch feiere sie ihre Vollendung, die kulturelle Reaktion zeige sich im preußischen Schulgesetz, Fall Kvrell usw. In Hessen haben wir eine im Wesentlichen liberale Regierung, die aber in ihren Be­strebungen zu ost im Gegensatz zu der Mehrheit der Volksver­tretung stehe. Me nationalliberale Partei sei reaktionär, sonst wäre es nicht möglich, daß ein Mann in dieser Partei fort- loätzrend den elementarsten Grmrdsätzen des Liberalismus ins Gesicht schlägt. Heute sieht man diese Partei in einer scharfen gegeusätzUäMN Stellung zur Regierung, wie die heutigeProtest- vcrsamuüung" zeigt. Me Sammlungsparole gegen die Sozial- banotratie soll wieder einmal ausgepäppelt werden. Wenn wir auch nicht Regierungspartei sind, so haben wir doch die Pflicht, die Regierung in der Bestätigungssrage zu unterstützen. (Zuruf: Auch in Mühlheim?) Mühlheim ist mir offiziell nicht bekannt. Hoffentlich erkennt die Regierung, daß daS Bestätigungsrecht eine zweischneidige Waffe ist, und sie zeigt sich einer diesbezüg­lichen Reform bei den Verwaltungsgesetzen geneigt Der Redner hat folgende Resolutionen vorgeschlagen:

1. Die Landesversammlung des freisinnigen Landesvereins für daS Großherzogtum erhebt entschiedenen Protest gegen die von dcr ReichSregierung und der gegenwärtigen Reichstags- mehrheit eingeschlagene Steuerpolitik. Sie verurteilt insbesondere die Erhöhung der die breite Masse des Volkes in ungerechter Weise belastenden Verbrauchssteuern und die Einführung von Verkehrs steuern. Die Ver­sammlung fordert die Wiederaufhebung dieser Konsum- und Verkehrssteuern und deren Ersatz, soweit un­umgänglich notwendige Ausgaben dies erfordern, durch die Einführung direkter Reichs st euern und den Aus­bau der Erbs chafts st euer.

2. Die LandeSversaminlung erhebt energischen Widerspruch gegen die Untätigkeit der Regierungen gegenüber der unvermindert fortbestehenden Fleischteuerung. Sie fordert zur Deck­ung des Fleischbedarfs die Zulassung ausländischen Viehes, unbeschadet wirksamer Maßregeln gegen die Einschleppung von Viehseuchen und zur Verbilligung der inländischen Fleisch­produktion die alsbaldiae Abschaffung aller Zölle auf Futtermittel

3. Die LandcSversammlung erklärt, in Rücksicht auf die reaüw- näre Haltung der hessischen nationalliberalen Abgeordneten, ihre rückhaltlose Uebercinftimmnng mit den Beschlüssen des freisinnigen Landesausschusscs für Hessen und des Ausschusses für Hessen und des Ausschusses des südwestdeutschen Ver­bandes der freisinnigen Vollspartei bezüglich der Haltung der vereinigten Siberaicn bei der Reichslagsuachwahl im Wahl­kreise DarmstadtGroß-Gerau.

I Die Landesversammlung erkennt die von der Großh. Regier­ung bei der Bestätigung des Beigeordneten Eißnert in Offenbach eingenommene Haltung als eine dem Geiste der Verfassung entsprechende, die Gleichheit der Staats­bürger vor dem Gesetze und das Selbstverwaltungsrecht der Gemeinden gleichmäßig achtende an. Sie verurteilt die von reaktionärer Seite unternommenen Versuche, die Regierung von dem Wege der Gerechtigkeit und Gesetzestreue abzudrängen, die lediglich ge­eignet sind, eine Verschärfung der Klassengegen­sätze in unserem Lande herbeizuführen.

5. Zusatz zu § 5 der Satzungen:

Dem Landesausschuß gehören ferner an die freisinnigen Abgeordneten des hessisch»! Landtages, die im Großherzog­tum wohnenden freisinnHm Reichstagsabgeordneten und je ein Vertreter der dem Landesverein angeschlossenen Ortsvereine.

Heber die Einigung deS Liberalismus sprach E k ö s s e r - Darmstadt In dem Mindestprogramm ist nicht ein einziger Punkt, den nicht ein aufrichtig Nationalliberaler gut- heißen könnte. Der Redner unterbreitet der Versammlung folgende Resolution:

Der Landcsvercin der freisinnigen Partei im Großherzog­tum erkennt, unbesck)adet seiner weitergehenden Forderungen, das von dem Wahlverein der Liberalen und der deutschen Volkspartei angenommeneFrankfurter Mindestpro- gramm" gleichfalls als eine geeignete Grundlage für ein dauerndes Zusammengehen der liberalen Linken an und ist seinerseits bereit, unter Aufrechterhaltung seiner Selbständigkeit mit anderen Richtungen zusammen zu wirken, die ihrerseits dasFrankfurter Mindestprogramnr" für sich alS bindend anerkennen.

Sodann referierte LandtagSabg. Reh über die Reform dcS Wahlrechts zum hessischen Landtag. Die Vevöl- kerungszunahme rechtfertige durchaus die Vermehrung der Städte- mandate. Das gleidje, aeheime, direkte, allgemeine Wahlrecht muß auch weiter energisch angefhebt werden. Der Redner em­pfiehlt die Annahme folgender Resolution:

Die Landesversammlung fordert die alsbaldige Einführ­ung des allgemeinen, gleichen, geheimen und direkten Wahlrechts für die Wahlen zum hessischen -Landtag und legt entschieden Verwahrung dagegen ein, daß die Reform des Wahlrechts durch Preisgabe von Volksrechten oder Erweiterung per Rechte der ersten Kammer erkauft werde.

Auf Vorschlag des Abg. Reh soll der n g ch fl e Parteitag in Gießen stattsinden.

Die Diskussion über die drei ersten Referate leitete Justtz- rat Dr. Gutfleisch ein. Er bat an keiner der vorgeschlagenen Resolutionen etwas auszusetzen. Hinsichtlich der Bestätig - ungsfrage in Offenbach muß verurteilt werden, wie in Darmstadt und in WormS gegen die Regierung agitiert wird. Wir wurden schon einmalReichSseinde" genannt, vielleicht hält man uns auch einst nicht für geeignet mehr Beigeordnete sein zu können. Noch in diesen Tagen ngnnte uns die Wormser ZeitungVolksfeinde". Ich kenne keine gemeinere Handlungsweise als diese Art Agitation. Dafür gibt es nur ein Pfui. Hinter der Beigeordnetensrage steht eine Frage von hoher prinzipieller Bedeutung, die Aufrechterhalt­ung der politischen Gleichheit! Man versucht von Worms und einem Darmstädter kleinen Kreise auS, den Großherzog zu beeinflussen. Wir glauben nicht, daß sich der Großherzog von einer solchen Agitation beeinflussen läßt. Man will die Minister diskreditieren, um sie bei dem Landesfürsten unmöglich zu madjen. Die Wormser Ztg. schreibt, eS wäre an der Zeit, daß man sich den engen Schlingen der Kvterie Gnauth- Gutsleisch, die die Steuerreform machte, entzieht. Nun, man tut mir da zu viel Ehre an. Ich habe die Gemeindestenerresorm erst zum Gegenstand meiner Arbeit gemacht, alS mir die Ab­fassung des Ausschußberichtes übertragen wurde. Man scheut sich nicht, auf jener Seite zu sagen, die Bauern hätten eingesehen, daß die Steuerreform nichts wert sei. Dabei wird wohlweislich verschwiegen, daß diese Reform in der zweiten Kammer ein­stimmige Annahme fand, also auch seitens der ländlichen Abgeordneten. Freilich, als einige Tage nach dieser Annahme der Vorlage der Olegicrung bad bekannte parlamentarische Ab­schiedsessen beim Großherzog stattfand, ließ ein bekannter Herr aus Worms die Worte fallen:Nun habe ich aud) die Bauern ht der Tasche". Also Herr v. HeylbenutztdieGastfreund- schaft des Groß Herzogs, umGesetzesvorlagender Regierung des Großherzogs zu Fall zu bringen! Was Herr v. Heyl an Stelle der Steuerreform bringen will, hat er bis jetzt immer noch nicht gesagt. Es liegt in dem ganzen Ge­bühren jener Seite, eine niederträchtige Agitation vor, die den Zweck verfolgt, die Ratgeber der Krone dem Großherzog zu entfremden und die mit Patriotismus und Wohl des Landes absolut nichts zu tun hat. (Stürmischer anhaltender Beifall.)

Inzwischen hatte Christ-Mainz beantragt, 'anstelle der Einigungsresolution zu beschließen:

Die heutige Landesversammlung des freis. Vereins für Hessen nimmt von dem Beschluß des Zentralausschusses der freisinnigen Volkspartei vom 28. O?t. d. I. mit Genugtuung Kenntnis und I)ofit, daß die Parteileitungen her drei linkslib. Parteien am 10. und 11. 9iov. in Frankfurt zu einer Einig­ung bezüglich der nädtften Reichstaaswablen kommen werden.

May-Bingen ist erfreut über den frischen Zug, der heute hier zutage tritt. And) wir Rheinhessen hätten bei einer Eventuali­tät wie der Darmstädter Ersatzwahl nicht anders handeln können. Wir erwarten von der nächstsonntäglichen Besprechung in Frank­furt einen vollen Erfolg in der Einigungsfrage und idj möchte Herrn Christ bitten, seine Resolution zurückzuziehen. Hoffentlich wird auch Dr. Gut fleisch, der heute so energisch gesprochen, sich für die kommenden Wahlen als Kandidat aufstellen lassen. (Lebh. Beifall.)

Christ- Mainz erachtet seine Resolution als die nach' den derzeit vorhandenen Tatsachen einzig gegebene.

Reichstagsabg. Kopsch: Wir sind alle beseelt von dem Wunsche einer Einigung. Aber Herrn Elösser sind bei feinen Betrachtungen über die Blockpolitik doch einige Schnitzer passiert, die einer Korrektur bedürfen. Die Einigung wird nur durch) gegen­seitiges Bemühen sich) )u verstehen, gefördert. Wir haben dieses Bemühen und die Heften sollten versuchen, gleiches Verständnis gegenüber der Zentralleitung zu gewinnen. (Lebh. Beifall.)

Henrich-Darmstadt freut Heb über die Ausführungen des Vorredners.

Abg. Kopsch: Wir legen dem Mindestprogramm nicht den weltstürmenden Wert bei, denn Erfolge werden nur durch die Tat erzielt. Beide Anträge tonnen nebeneinander angenommen werden.

Zu der dritten Resolution macht Christ-Mainz daraus auf­merksam, daß eine Resolution zur Darmstädter Ersatzwahl auf dem Obersteiner Parteitag nicht angenommen wurde.

Justizrat Gallus erklärt, daß die Resolution in Oberstem nicht zurückgezogen wurde, sondern man lediglich Abstand davon nahm, darüber abzustimmen.

May-Bingen konstatiert, bau die Auffassung Christs richtig ist. Die Resolution hätte feine Aussicht sür Annahme gehabt.

Rcichslags-Abg. Kopsch 'will seine heutige Aufgabe, Disso­nanzen zu beseitigen, auch hier betätigen. ES ist ein Streit um des Kaisers Bart. Aber entgegenkommend empfiehlt es sich, den Wünsck)en aus dem Wahlkreise Alzey-Bingcn zu entsprechen.

Abg. Reh-Alsfeld ist der Ansicht Gallus.

Metz-Gießen schließt sich dem Vorredner an. Wir fag.cn ja nicht,, daß der Obersteiner Parteitag damit einverstanden get wesen sei.

Nach einer Bemerkung deS Dr. Gutfleisch zieht Christ* Mainz seinen bezüglichen Vorschlag zurück.

Zur Resolution (Bestätigungsfrage) erklärt Fe ist mann- Offenbach, daß er sich hier der Abstimmung enthalte, da er nicht mit der Resolution einverstanden sei.

Sämtliche Resolutionen,werden baruad) einstim- mig angenommen, ebenso die von Christ gestellte. In den Landesausschuß werden gewählt: Böckel-Mainz, Christ-Wörrstadt, Feistmann-Ossenbach, Flegler-Bensheim, Gallus- Darmstadt, Hanstein-Friedberg, Henrich-Darmstadt, Höhn-Heppen- heim, Klein-Worms, Langenbach-Darmstadt, May-Bingen, Metz- Gießen, Soldan-Mainz, Waldeck-Alsfeld, Wolf-Alzey. Ferner geboren dem Ausschüsse an die LandtagSabgg. Damm, Dr. Gut- flelsch und Reh, sowie als Vertreter der Orrsvereine Borumann- Alsfeld, Bechtolsheimer-BischvsSheim (Stellv. Möller), D a u * bach-Gießen (Stellv. Eichenauer), Dr. Neuroth-Groß- Gerau, ReiS-Mainz, Lederhord-Oberingelheim (Stellv. Kvch) und Esser-Worms. <

Der Vorsitzende Justizrat G alluS schließt darauf den Partei­tag mit dein Wunsche, daß die heutige Arbeit förderlich sein möge dem Wohle des liberalen« hessischen Bürgertums.

Die am Nachmittag stattgehabte öffentliche Volksver­sammlung wurde bou Gallus eröffnet, der eine Resolution vorschlug, in der man die Zustimmung zu der von der Ne­gierung bestätigten Wahl EißnertS aussprach. Die Resolution wurde einstimmig angenommen. Dann sprach der von der Versammlung lebhaft begrüßte Pfarrer Korell, der auS- führt, daß cs wünschenswert sei, wenn die Sensationslust und der Personenkultns etwas weniger werde. Er bespricht die Lage und die Z u k u n f t d c s L i b e r a l i s m u s , mit dem es trotz mancher Stimmen der Gegner und sogar aus dem eignen Lager nicht s o schlecht stehe. Es sei aber die Frage zu erörtern, ob der Liberalismus in der Lage sei, Kulturträger zu werden, denn hier handle cs sich nidjt um eine Partei-, sondern um eine Kultur frage. Man wolle Bürger fein und als solcher Mitarbeiten und nicht einfach gelenkt iöerden. Hauptaufgabe sei der Kampf mit der Reaktion; mit der Sozialdemokratie habe man verwandte Grundgedanken und könne man später abrechnen. Er wünscht für Darmstadt eine wahrhaft liberale Presse.

Reichstagsabg. Kopsch verteidigt die frcif. Partei gegen die Angriffe der Worms. Ztg., schützt auch die freis. Führer gegen die gleichen Angriffe und tritt in sehr gehaltvollen Aus­führungen für bie drei Ideale des Freisinns: Einigkeit, Frei­heit und Gerechtigkeit, ein. (Lebh. Beifall.) Das Schlußwort 1 prack) Kvrell.__________________________________________________________________

Deutsches Reich.

Berlin- 4. Der Kaiser empfing heute nckttag im Neuen Palais die Teilnehmer an der Internationalen Konferenz für Funkente le grast hie. Später fand bei dem Kaiser und der Kaiserin anläßlich des Abschlusses der Konferenz eine FrühMckstafel statt.

Zum Abschluß der Konferenz fnr Funken- telegraphie schreibt dieNordd. Allg. Ztg": Deutsch­land, auf dessen Anregung die Konferenz zusammentrat und das das Programm der Konferenz aufgestellt hat, darf mit Befriedigung auf das Ergebnis blicken, das in wesentlichen Punkten die Erfüllung der deutschen Wünsche im Interesse des internationalen funkentele­graphischen Verkehrs enthält. Wir wollen aber nicht ver­kennen, daß dieses erfreuliche Ergebnis nur durch die werktätige und loyale Mithiilfe der beteilig­ten Staaten und ihrer Vertreter hat zustande gebracht werden können, und möchten nicht unterlassen, ihnen sür die Förderung des im Interesse des freien internationalen Verkehrs gedachten Werkes an dieser Stelle .aufrichtigen Dank abzustatten.

Der französische Militärattachee bei der Botschaft stattete dem Kaiser Wilhelm den Dank der französischen Negierung ab sür die Ehrung der bet Mainz begrabenen französischen Soldaten.

DasBerl. T." schreibt: Die Möglichkeit einer Kanzler krtse ist sehr nahe gerückt. Die Gegner des Kanzlers sind eifriger denn je am Werk,, ihn zum Fall zu bringen. Zu diesem Zweck wird, von anderem abgesehen, immer wieder darauf hingewiesen, daß der Reichskanzler, obschon wohlauf, den großen Anstrengungen des be­vorstehenden parlamentarischen Feldzuges doch nicht gewachsen sei. Alles drängt zu einer Entscheid­ung. Im Kreise der Amtsgenossen des Herrn v. Pod­bielski wird bestimmt erwartet, daß im Laufe der nächsten Woche, also noch vor Zusammentritt des Oieichs- tages, die Lage geklärt sein werde.

Der Chef des Geh. Zivilkabinetts Dr. v. Lukanus stattete gestern dem erkrankten Minister v. Podbielsk/i einen Besuch ab. Wie derL.-A." mitteilen kann, steht dieser Besuch mit der sogenannten Podbielski-Krisis in keinerlei Zusammenhang. Der Gesund-

Gietzener Konzert-Berein.

Erstes Konzert 19 0 6/07. 1. Orchesterabend.

DaS erste Abonnementskonzert unter Herrn Universitäts- Musikdirektor G. Trautmann fand am Sonntag im fast /vollständig ausverkauften Saale statt. Es wurde mit der Beethovenschen Ouvertüre op. 124 in C-dur (Zur Weihe des Hauses) vortrefflich eingeleitet. Ganz besonders gut waren die Bläser. Nach der Ouvertüre spielte Frl. G. Wietro- we tz daS herrliche L.-äur-Konzert für Violine von Mozart und errang sich einen vollen Erfolg. Technisch mit großer Vir­tuosität und mit vollkommener Klarheit die schwere Aufgabe beherrschend, brachte die Künstlerin vermöge ihrer Intelligenz auch geistig das Konzert dem Publikum zu vollem Verständnis. Rauschender Beifall wurde ihr zuteil, der sich nach ihren Solostücken, vom Dirigenten gewandt begleitet, zu mehrfachen Hervorrufen steigerte.

Es folgte die leider Fragment gebliebene sehr gut studierte

H-moll-Sgmpbome von Schubert, und die ebenso schöne wie interessante Symphonie Nr. 11 in G-dar (Militär-Symphonie) von Haydn. Die Ausführung beider war vorzüglich, nament­lich gelangen die zwei ersten Sätze der Haydnschen Symphonie mit großer Genauigkeit. Im dritten Satze erschien das Tempo ein wenig zu schnell, sodaß die dem Menuetts eigene Zierlichkeit nicht recht znr Geltung kam.

Das Publikum war sehr animiert und spendete reichen Beifall, an dem neben der Solistin sowohl Herr Trautmann wie auch das tüchtige Orchester rhren wohlgewogenen Anteil zu beanspruchen haben.

Aus Frankfurt wird un3 geschrieben: Das angebttche LllstfpielLa Piste von Snrdou, das Blumenthal unter dem Titel Verwehte Spuren ins TelNsche übertragen hat, ist in Wirk­lichkeit nur ein Schwank und nicht einmal em übermäßig lustiger. Nur der zweite All zeigt den alten Melfter der tollen Situationen, der geistvollen Verwickelungen auf seiner vollen Höhe. Tie Ex­position ist breit und der Schlußakt langweilig. Daß das gewagte

Thema der Handlung nicht ist, daß ein Familienvater seine Haustöchter mitnehmen könnte, sei beiläufig erwähnt, obwohl man heule in dieser Hinsicht mehr als früher verträgt. Gespielt wurde aus­gezeichnet. Entzückend war Fräulein I r in e n als jo anmutige Sünderin, die eifrig bemüht ist, ihr altes Vergehen zu beweisen. Wacker unterstützt wurde sie von Fräulein San gor a. Auch die Herren Bauer, Bolz und Pfeil waren vorzüglich.

Sie St i r d) e it ro e r b en immer fahler, im m ei n ü chterne r". In der Oberlausitzischen Gesellschaft der Wissen­schaften hat kürzlich Professor Tr. I e ch t festgestellt, daß neuerdings zahlreiche Kirchen namentlich auf dem Lande, ihrer Aus­stattungsstücke »beraub t" würden. Tie Gotteshäuser so führt Jecht aus die früher von teuren Erinnerungsstücken der Vor­fahren gefüllt waren, würden immer kahler und nüchterner. Durch solches Entfremden leide die liebgewonnene Gewohnheit, die treue Pietät gegen die Vorfahren, sowie der Heimat Eigenart und Wesen. Unter lebhafter Zustimmung warnte Prof. Tr. Jecht vor dem jetzigen Veräußerungs-System; die Ausstattungs-Gegenstände der Kirchen selbernid)t ohne höchste Nötigung" loegegeben und ver­kauft werden. Jecht dachte bei feinen Ausführungen wohl haupt- sachtlich an Miiseen, Antiquare und Privatliebhaber, die die alten Schatze der Dorfkirchen erwerben.