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Erstes Blatt
156. Jahrgang
Dienstag 6. Febrnar 1966
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen
5’te öerüige 'Nummer umfaßt 10 Seilen.
DaS Schönste ist die Höflich-
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Die Petition der prenß. Sozialdemokratie.
Die überraschende Eingabe des sozialdemokrat. Partci- Vorstandes an den preußischen Landtag, die preußische Regierung zur schleunigsten Einführung des allgemeinen, gleichen, ge h. La nd tagS -Wa hlrechtS aufzufordern (vgl. unsere gestrigen Telegramme), ist bereits in der gestrigen Sitzung des preuß. Abgeordnetenhauses zur Sprache gekoinmen. Aber selblt der Abg. Brömel von der freisinnigen Vereinigung, der für die Wahlrechtsreform lebhaft eintrat, meinte, die sozialdemokratische Petition werde für ungeeignet zur Erörterung im Plenum erklärt werden. Tas ist allerdings das Wahrscheinliche, denn eine merkwürdiger abgefaßte,Petition" als die des sozialdemokratischen Parteivorstandes, die mit einer ausgesucht kräftigen Sprache die auf Grund des Wahlrechts Gewählten traktiert, wird
VezngSprctS: monaihd) 75 ISi., viertel- jährlich Alk. 2.20; durch Abhole- il Zweigstellen monatlich 65 Pf.; durch die Post Mk.2.— mcitcl- jährl. auöschl. Vestcüg. Annahme von Anzeigen für die Tagesnununer bis vornutlags 10 Uhr, Zeilenpreis: lokal 12Pf^ auswärts 20 Psg.
Verantwortlich für den polit. und allgem. Teil: P. Witt ko: füt „Stadt und Land'' und ,®cnd)tsiaal*; Ernst p e b ; für den An- zeigenteil: Hans Beck.
Der Wechsel im hcsstschen Staaisminiilerinm
Die tiefe Lücke, die das Ableben deS Staatsministers Rothe in unserem Ministerium hinterlassen hatte, ist nun wieder ausgefüllt worden. Am 6. Februar, nachmittags 2 Uhr, erhielten wir folgendes Telegramm aus Darmstadt, daS wir sofort durch AuShang bekannt gaben:
S K. H. der Großherzog haben Aklerguadigst geruht:
am 4. Februar den Vorstand de8 Ministeriums der Justiz. ZnfNzminister Karl Ewald, unter Belastung in dieser Stelle, zum Staatsminister zu ernennen;
am 6.. Februar den Ministerialrat im Ministerium des Innern, Geheimerat Ernst Braun, zum Präsidenten des Ministeriums der Innern zu ernennen.
Die Ernennungen erfolgten, nachdem der Großherzog mit verschiedenen Vertrauensmännern, u. a. mit dem hessischen Gesandten in Berlin, Dr. von Neidhardt, Rücksprache genommen hatte. Am Sonntag vormittag teilte der Großherzog persönlich dem neuen Staatsminister seine Ernennung mit. Bereits am Nachmittag desselben Tages wollte der neue Staatsminister dem Geheimerat Braun seine Ernennung mit» teilen, er traf ihn aber nicht zu Hause an, da er sich auf einem Ausflug in der Bergstraße befand. Am Montag erfolgte sodann Brauns Berufung zum Großherzog, der ihm von seiner Ernennung Mitteilung machte.
Die Wiederbesetzung der beiden wichtigen Staatsämter hat also Ueberraschungen nicht gebracht; sie ist erfolgt, wie eS im wesentlichen vorausgesehen und vorauSgesagt worden war. Justizminister Ewald war, wie bestimmt versichert wird, schon bei seiner Berufung inS Ministerium am 11. Oktober v. I. als Nachfolger RotheS auSersehen worden, da er andernfalls wohl kaum seinen Posten am obersten Gerichtshof in Leipzig aufgegeben hätte, und mit Geheimrat Braun hat S. K. H. der Großherzog lediglich den für daS Amt des Ministers des Innern am meisten Berufenen und Befähigten
I-r Sofgävger.
Herr Balthasar Cramer, M. d. R., hat die heiligsten Güter der Sozialdemokratie in höchste Gefahr versetzt, und Rosa hat, als sie Kenntnis von der furchtbaren Tatsache erhielt, einen schweren Ohnmachtsanfall erlitten. Die ganze Redaktion des allein echten und rechten Zentralorgans steht auf dem Kvpf. Zwei Kapitalverbrechen höchsten Grades hat er auf einmal begangen. Was wird nun geschehen? Wird man den Hofgänger in den doppelten Bann stecken und die Acht wider ihn aussprechen? Wird man ihn aus der Partei hinauswerfen, ihn wenigstens zwingen, sein Reichstagsmandat niedcrzulegen?
Nichts wird geschehen, glatt nichts. Auch Herr Geck in Baden ist nicht hinausgeworfen worden, man hat ihn ruhig Vizepräsident der Kammer werden lassen. Würde ein preußischer oder sächsischer Genosse sich solche Verbrechen zu schulden kommen lassen, dann lägen die Tinge freilich anders. Bernstein hat man seine Existenz untergraben, nur weil er im Gerüche des Revisionismus stand. Und was mit den edlen Sechs vom Zentralorgan geschehen ist, das ist ja bekannt genug. Mer die Hessen kümmern sich nicht um Machtwortc der Parteibonzen, sondern scheuen sich nicht, wenn es ihnen nötig scheint, zu ihrem Landessürsten zu gehen.
gearbeitet und in seinem vielgestaltigen Ressort hat er sich UetS als ein weitblickender Staatsmann von enormer Tatkraft gezeigt. Auch in der Zweiten Kammer bat er in manchen barten Kämpfen in temperamentvoller Weise die Sache der Regierung mit ungewöhnlich vielseitigem Wissen schlagfertig vertreten. Em Teil der Herren im Landtage hat es ihm wahrlich oft recht schwer gemacht; sie vermochten seiner tiefen Einsicht in die notwendigen Bedürfnisse zur wirtschaftlichen Entwickelung deS hesüschen Staates nicht immer zu folgen. Man erinnert sich z. B., daß der jetzige Präsident Braun vor etwas mehr als Jahresfrist mit Bauernbündlern in ein äußerst heftiges Wortgefecht geriet, als er die doch höchst maßvolle Sozialpolitik des Kabinetts den Angriffen der Herren Brauer und Erk gegenüber zu verteidigen hatte. Unvergessen ist auch geblieben seine außerordentlich klare, von zugleich durchdringendem und feinstem Kunstverstande zeugende, weit- greifende Rede aus dem Jahre 1903 zu gunsten der Kunstpolitik unseres Landesherrn, deren Wirkungen für das Hess. Kunstgewerbe so bedeutsam gewesen sind, und seine vor Schluß des Landtags 1902 gemachte, von echt liberalem Geiste getragene Rede über die Verwaltungsreform, in der er die weitere Ausdehnung des kommunalen Selbstverwaltungsrechtes als das Ziel dieser Reform bezeichnete.
Braun besitzt eine außerordentliche Arbeitskraft, und besonders zeichnet ihn ein schlichte?, offenherziges, volkstümliches, leutselige? Wesen aus, daß Standes- und Ranges- rücksichten zu nehmen nicht gewohnt ist. Seine Beliebtheit in Mainz führte schon im Jahre 1893 dazu, daß er zum natlib. Reichstagskandidaten aufgestellt wurde; er unterlag aber bei der Uneinigkeit der bürgerlichen Parteien dem sozialdemokratischen Gegner. Bekannt ist auch seine große Liebe und Anhänglichkeit zur engeren, waldumwobenen Heimat, als deren Frucht das von ihm verfaßte und wahrhaft große und großartige reformatorische Werk über den Genera lku ltur- olan des Vogelsberg? zu gelten hat. Seit Jahren hat auch der Odenwald in ihm einen kräftigen, uneigennützigen Förderer gefunden, namentlich als Präsident des Odenwaldklubs, der unter seiner Leitung neben den touristischen Bestrebungen auch die wirtschaftliche Hebung dieses schönen Mittelgebirges als wesentlichste Aufgabe betrachtet.
Im Zweifel freilich ist man vorläufig hinsichtlich de? Schicksals der schwebenden Reformen des Wahlrechts, der kommunalen Besteuerung und der Selbstverwaltung. Es darf ja wohl angenommen werden, daß er die von seinem unvergeßlichen Vorgänger in Angriff genommen gewesenen Gesetzeswerke zum Abschluß bringen wird, zumal er ja allgemein als ein Mann von echt liberaler Gesinnung gilt. Obendrein ist ja auch das Maß an Einfluß, das dem demokratischen Finanzminister Gnauth in dem neuen Kabinett verbleiben wird, von erheblichem Gewicht.
So haben wir alle Veranlassung, die heute vollzogene Ergänzung unseres Staatsministeriums mit aufrichtiger Freude flu. begrüßen und die frohe Hoffnung auszusprechen, daß seine Tätigkeit unserem Lande viele Jahre hindurch zum Segen gereichen wird.
herangezogen; er war gemeinsam mit Staatsminister Rothe im Juli 1898 in das Ministerium eingetreten und hatte schon seit sechs Jahren die Leitung des wichtigsten Ressorts im Ministerium des Innern, dec Abteilung für Handel, Industrie und Landwirtschaft.
Staatsminister Ewald, der Nachfolger deS wegen andauernder Krankheit aus dem Dienst geschiedenen Justizministers Dr. Dittmar, ist am 18. Juni 1852 als Sohn des Oekonomierat? Ewald geboren worden.. Er besuchte in Weimar da? Gymnasium und studierte an verschiedenen Universitäten. Im Jahre 1882 .kam er als Amtsrichter nach Worms, 1884 wurde er Staatsanwalt am Landgericht der Provinz Starkenburg und 1893 Oberstaatsanwalt in Mainz. Seine Berufung zum Reichsgerichtsrat nach Leipzig erfolgte im Jahre 1896 und seine Ernennung zum hessischen Justizminister am 11. Oktober 1905. — Als Jurist genießt Ewald ein großes Ansehen; in politischen Dingen ist er ein unbeschriebenes Blatt. Hoffen wir, daß seine Taten von der gleichen wahrhaft liberalen Gesinnung seines verdienstvoll.n Vorgängers reden werden. UebrigenS ist, wie gegenüber Laders lautenden Nachrichten bemerkt sei, Ewald ein Kind Hessens; er wurde nicht in Weimar, sondern in Rehbach (Kreis Erbach) geboren.
Die Familie des neuen Ministers des Innern stammt aus Ober Hessen. Sein Vater war in Lich ge- boren, seine Mutter gehörte der kleinen Bauersfamilie Ohly aus Groß en-Buseck an, aus welcher auch der bekannte frühere Darmstädter Oberbürgermeister und Landtagsabgeordnete Ohly entstammt. Der Vater Ernst Braun? wurde Kaufmann und begab sieh mit seiner Frau nach London, vo er noch eine kleine Buchdruckerei betrieb. Er starb jedoch In jüngeren Jahren und die Witwe begab sich daher bald mit einer Tochter und dem am 5. Oktober 1857 geborenen Knaben Ernst Braun nach Darmstadt. Nachdem er hier das Gymnasium durchgemacht, studierte er in Heidelberg und Gießen und bestand im Frühjahr 1882 fein Staatsexamen mit der Nate „sehr gut". Braun trat zuerst in das Bureau des Rechtsanwalts Dr. Gut fleisch in Gießen ein, der damals schon sehr stark beschäftigt war und kurz zu- vor auch zum freisinnigen Neichstagsabgeordneten gewählt wurde. Im Jahre 1883 wurde er Amtsanwalt in Alzey, und, nachdem er bald darauf in den Verwaltungsdienst über» getreten war, Amtmann in Lauterbach und Mainz. Am 18. März 1896 erfolgte feine Ernennung zum Oberfinanzrat, am 1. Januar 1898 wurde er zum Kreisrat des Kreises Lau ter ba eh berufen. Als dann nach dem Rücktritt des Staatsministers Finger Karl Rothe auf diesen Posten berufen wurde, folgte ihm auch Ernst Braun ins Ministerium mit dem Titel als Ministerialrat, dem die Abteilung für Landwirtschaft übertragen wurde. Am 1. April 1900 erfolgte tie Neubildung der Abteilung für Handel, Industrie und Landwirtschaft im Ministerium des Innern, deren Leitung ihm anvertraut wurde und die er bis gestern inne hatte; im »origen Jahr wurde ihm als besondere Auszeichnung der Dharakter als , Geheimerat" verliehen.
Braun wurde längstj allgemein als der kenntnisreichste tinb schaffensfreudigste unter den höheren Beamten der jüngeren Generation angesehen. Er hat sich ausschließlich durch eigene Kraft und Arbeit zu seinem hohen Amte empor
Tagesschau.
Professor Paafche.
In den letzten Wochen sind, wie das „Berl. Tagebl."' erfährt, mit dem nationalliberalen Abg. Professor Dr. Paaschs Verhandlungen über dessen Eintritt in die Kolonialverwaltung gepflogen worden. Die Verhandlungen haben zu dem Resultat geführt, daß sich der Abg. Paasche zur Uebernahme eines selbständigen Postens unter dem neuen Kolonialdirektor Erbprinzen von Hohenlohe-Langenburg bereit erklärt hat.
Gestern wurde uns aus Berlin das Gegenteil geschrieben« Indes ist das „Verl. Tagebl." in der Regel gut beraten. Run sind wir allerdings noch nicht soweit, daß bedingungslos von dem „neuen Kolonialdirektor" gesprochen werden könnte. Aber es besteht doch auch kaum mehr ein Zweifel daran, daß sich der Reichstag damit einverstanden erklärt, daß daS Kolonialamt in ein selbständiges Reichsamt umge- wandelt wird. Die Meloung wird demnach wohl auch richtig sein. Es ist noch nicht lange her, da sprach man davon, daß Prof. Paasche Kolonialsekretär werden sollte. Er hat aber einem Mann von höherem Rang weichen müssen, und was wir bis jetzt vom neuen Kolonialstaatssekretär in spe gehört haben, gibt uns keinen Anlaß, diese Bevorzugung zu bedauern. Der Erbprinz Hohenlohe-Langenburg ist dem Reichstag mit einer ganz bemerkens- und anerkennenswerten Offenheit und Aufrichtigkeit gegenübergetreten und das deuten wir als ein gutes Zeichen. WaS Prof. Paasche anlangt, sa stehen seine kolonialen Kenntnisse außer Zweifel. Paasche stand außerdem bisher im allerbesten Verhältnis zu den/ Parlamentariern fast aller Parteirichtungen. Seine Versöhnlichkeit, die ihm den Namen „der Heilige" eingetragen hat, trug nicht unwesentlich dazu bei, daß man sich in heiklen Fragen mitunter rascher einigte, als erst angenommen werden konnte. Wenn Prof. Paasche auch als Mitglied des Kolo- nialamtS den Kontakt mit seinen bisherigen Freunden, die nicht nur in der nationallib. Partei allein zu suchen sind, behält, dann kann sich das neue Kolonialamt gratulieren.
müssen. Und dagegen ist nichts zu tun, bemt das ist den Zentralleitung genau bekannt, wenn man es zum offenen Zwist mit den Süddeutschen kommen läßt, dann macht dieser Flügel einfach Kehrt und schwenkt unter dem Kommando, des Aristosozialisten v. Vollmar ab.
Ter Zwist zwischen Süd und Nord datiert nicht erst seit heute. Tie bayerische Sozialdemokratie und nach ihr auch die badische hat in internen Fragen oft eine von der Parteileitung grundsätzlich abweichenoe Haltung eingenommen. Sie hat Kompromisse abgeschlossen, wie es ihr gerade paßte, und ist auch gar nicht davor zurückgeschreckt, mit den verhaßten Bourgeois ein Utilitätsdündnis einzugehen, wenn die Sache aussichtsreich schien, oder wenn es sich um bis Förderung des Arber ter Wohles handelte. Das Kommanda ans Berlin versagte seit langem, aber man hat geflissentlich den tloffcnben Spalt immer wieder überkleiftert und! wird das auch, wenn man klug ist, in Zukunft tun. Tenrk im anderen Falle läuft man Gefahr, daß eines schönem Tages die sozialdemokratische Zentralleitung ein Haupt ohne Glieder ift
Wir schätzen die revisionistischen Regungen in Nord- dentschland nicht zu hoch ein. Hier herrscht die Parteifuchtel und die Leute müssen kuschen, wenn sie nicht ihres Brotes verlustig gehen wollen. Viel bedeutungsvoller ist der Unterschied zwischen Nord und Süd. Vollmar hat ganz das Zeug zum Führer, er ist maßvoll, konziliant und immer überlegt, was man von dem Sprudelkopf Bebel beim beftert Willen nicht behaupten Fann. Es ist auch nicht zu verkennen, daß Vollmar sich als Haupt der Bayern seiner Sorto fühlt, eine Art ungekrönter König, der unter Urnstandew auch Prätendent werden könnte. Tas ist um so unbequemer, weil im Fall eines Zerfalles der Partei die ganze Herrlichkeit im Reichstag flöten ging, und im prenß. wie im säcy- sischen Landtag ist die Partei bekanntlich nicht vertreten. Ten Schaden hätten in diesem Falle also zum größten Teil die norddeutschen Genossen, die zur absoluten Einflußlosig- keit verdammt wären trotz ihres numerischen Uebergewichts.
Man wird deshalb nach Möglichkeit alles vermeiden^ was zum Bruche führen kann, und das Strafgericht gegen den „Hofgänger" wird aus eben diesem Grunde viel gelinder and fallen, als es jetzt den Anschein hat. Man wird« wohl weidlich schimpfen, aber man wird es kaum darauf ankommen lassen, den armen Balthasar als Ketzer zu verbrennen — er könnte zu bie,e Verteidiger finden. Und bie vielgerühmte Einigkeit der Sozialdemokratie — ach ja, matf weiß Bescheid!
Nr. 31 erfticint «»«Nch außer ©onntaerft.
Dem Gießener Anzeiger werden im Wecvlel mit dem hessischen Landwirt hte Gießener Familien- blätter viermal in der Woche beigelegt.
Rotationsdruck il Verlag der Brühl 'sehen Unwers.-Buch'u. Stein- drnckerei. R. Lange. Redaktion, Ervedttioa und Druckerei:
Gchnlstratze 7.
Redaktion 113
Verlag u.Exved.e-^öl Adresse für Deoeschen:
Anzeiger Gießen.
Tie Tinge liegen heute gan^ einfach so: wir haben zwei Arten von Sozialdemokratie im deutschen Reiche, nämlich eine norddeutsche und eine süddeutsche. In Preußen und Sachsen regiert als unumschränkter Alleinherrscher Se. Majestät Herr Au gust der Erste, der Starke, mit seinem Minister Franz Mehring, genannt der Gutmütige. In Süddeutfchland aber tanken weder Herr Ulrich noch Herr d. Vollmar, wenn Bebel pfeift. Tie blau-weiße Sozialdemokratie ist. bekannt; sie hat innerlich etwas Gemem- ames mit der Württemberg sichen, badischen und hessischen. Hier gilt das Machtwort des Diktators in Berlin nicht, die Leute tun einfach, was ihnen am besten dünkt und was ihnen am besten paßt. Darüber hat man sich lange geärgert, aber was will man tun? Man hat es ertragen müssen, daß Herr v. Vollmar im Reichstag einen norddeutschen Genossen öffentlich nach allen Noten der Kunst heruntergemacht hat, man hat sich über den Vorwärtsskandal nach dem Zusammentritt des Reichstags im geräumigen Fraktilrnszimmer von eben diesem Herrn v.Vollmar sich sehr böse Worte sagen lasseulange nicht dagewesen sein.


