Donnerstag !♦ November 1906
Erstes Blatt
156« Jahrgang
Giehener Anzei zer
M' General-Anzeiger '<s*
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Stehen
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Derantwortltcb tüt den polit und allgem« Teil: P. Wtttko: für .Stadt uiid iZanb' und „Gerichtschal": Ernst Heb; für den Anzeigenteil: HanS BeL
Nr. 257
Trschetut Iflfltti/) anher Sonntags.
Dem Gießener Anzeiger werden im Wechsel mit dem hessischen Landwirt die Siebener Familien» blätter viermal in der Woche beigelegt.
Rolatioilsdrud u. Verlag der Brü h l'schen Unioers.-Bud)-u.Stein- brudcrel. R. Lange. Redaktion, Expedition uiid Druckerei:
Schnlstrahe 7.
Redaktion 113
Verlag u.Expco.L^ol Adresse für Tcpesd)en: Anzeiger Gießen.
Are yeuilge Mrmmer umfaßt 8 Seilen.
Aon des Kaisers Sinn und Art.
Der anicrikanische Professor E. E. Scripture hat die Begründung phonetischer Archive in 9(mcrifa unternommen, in denen die durch den Phonographen aufgenommenen Stimmen historrscher Persönlichkeiten festgehalteu werden sollen. Er wandte sich auch nach Europa, und der erste, dessen Stimme er sich für die von ihm begründeten 'Sammlungen sicherte, war der deutsche Kaiser. Der ftaifer sprach zwei längere Nedestücke in den Phonographen hinein. Die beiden Auf- nahklten geben ein getreues Abbild von der Stimme des Kaisers und seiner Art zu sprechen. Da§ erste Dokument, das der Kaiser für den beliebigen Gebrauch des Professors bestimnlte, ist eine bedeutsame Betrachtung deS Herrschers, in der er in freier Rede einige Lebensmaximen vorträgt. Es lautet:
»Stark sein in Schmerzen. Nicht wünschen, was nnerreid)bar oder wertlos, zufrieden mit dem Tag, wie er kommt, in allem das Gute suchen, und Freude au der Natur und ben Menschen haben, wie sie nun einmal sind. Für tausend bittere Stunden sich mit einer einzigen trösten, welche schön ist und am Schaffen und Können immer sein Bestes geben, wenn es auch keinen Dank erfährt. Wer' das lernt und kann, der ist ein Freier, Glücklicher und Stolzer; immer schön wird sein Leben sein. Wer mißtrauisch ist, begeht ein Unrecht gegen andere und schädigt fid) selbst. Wir haben die Pflicht, jedeir Menschen für gut zu hallen, so lange er uns nicht das Gegentell bcivcift. D i e Welt ist so groß und wir sind so klein; da kann s i d; d o ch nicht alles um u n 5 allein drehen. Wenn uns was schadet, was ivehe tut, wer kann wissen, ob das nicht noltvcndig ist zrim Nutzen der ganzen Schöpfung. In jedem Ding der Welt, ob es gut ist oder anders, lebt der große, ivcije Wille des allmächtigen und allwissenden SchöpfecS; uns kleinen Menschen fehlt nur der Verstand, um ihn zu begreifen. Wie alles ist, so muß es jein in der Welt; und wenn es auch sein mag, immer ist das Gitte der Wille des Schächers."
Aus dem schon erwähnten Buche des Grafen E. Nevenilow .Kaiser Wilhelm II. und die Byzantiner", das in wenigen Tagen in München bei I. F. Lehmann erscheinen wird, sei im Anschluß daran als kleine Probe folgendes au5 dem Kapitel „Form nach oben und unten" wiedergegeben:
„Beinahe jedesmal, wenn der Kaiser Gelegenheit genommen hat, mit Arbeiter n oder sonstigen Vertretern der Bolksklasse zu sprechen, laßt er es sich angelegen sein, ans ihren Gedaiikeiikrcis einztigehen, und zeigt tatsächlich darin ein bedeutendes Verständnis und die Gabe, ein fad) mit Einfachen zu verkehren. Das ist em außerordentlich wirksames Mittel zur Volkstüinlid)keit uiid kann zu einem mächtigen Gegengeivicht gegen antinionarchlsche Einflüsse werben. Ter Eindruck einer solchen Unterhaltung oder nur eines freundlichen Wortes im Vorübergehen ist unter allen Umständen mächtig uiid wird oft nicht nur bestimmend, sondern auch um» wälzend die ganze Denkweise unb ben politischen Standpunkt des Maiineä beeinflussen. Er spricht es iu seinen Bekanntenkreisen herum und so ivirkt es noch weiter. Nim bebient sich ber Kaiser bei solchen Gesprächen, speziell Arbeitern unb ehemaligen ©olbaten gegenüber, bc5 „Du" als Anrebe. Dadurch ivirb in zahlreichen Fällen die Wirkung nicht nur aufgehoben, säubern in das Gegenteil verkehrt. Es züchtet enliveber Byzantiner oder bringt Verbitterung hervor, denn einer ber empsinblichsten Punkte ber Leute wird berührt. Tatsäd)lid) liegt and) fein Grund vor, einen Mann, weil er ber Arbeiterklasse angehört, anbers 511 nennen als bie Angehörigen onberer Klassen, sie anzureben wie Kinder ober in früheren Zeiten Untergebene. Sie erblicken darin nur die Wahrheit dessen, ivas ihnen die sozialdemokratische Presse ohne Aushören predigt: daß man sie als Staatsbürger zweiter Klasse auf äße. Ick) bin überzeugt, daß der Kaiser, wenn ihm dies glaubwürdig bargestellt würde, die übliche Form für ben mündlichen Verkehr mit diesen Volksklassen wählte. Diese Eigentümlichkeit des Kaisers wird von der sozialdeniokratischen Presse mit Vorliebe und sehr ivirksam als Agitationsmittel verwandt. Bei allen Ansprachen ber genannten Art finbet man bas Tn unb Ihr dürch fetten Druck hervorgehoben unb von aushetzenben Glossen begleitet. Man täuscht ben Kaiser, wenn man ihm sagt, er werbe durch beharrliches Festhalten an seiner Gewohnheit die Denkweise ber Leute ändern, ober baß burch baS Diizen ber Ab» stand zwischen Kaiser unb Arbeiter und damit die diesenl burd) die Ansprache erzeigte Ehre in höherem Maße hervorträte. Die Frage liegt nahe genug, weswegen nicht bte zahlreichen Männer, welche sich seiites Berit auenS erfreuen unb ganz genau über bieie
Verhältnisse unterrichtet sind, also atich die Wichtigkeit der Form- frage keimen, bie bem Kaiser vielleicht als foldje garnicht in ben Sinn kommt, — warum biese Männer ihn nicht barauf aufmerksam machen?“
poliftfctye Tagesscharr.
Deruburgs Jungfernrede und Pläne.
Der Kolonicrldirellor Dernburg ist in .Halle zum ersten- mal als Redner auf getreten unb hat in einer Ansprache auf dem dortigen Kolonialfest eine Art Programm entwickelt. Nach vorliegenden Berichten ging der Redner aus von ber Uebernahme seines Amtes, dessen schwerer unb folgenreichet Aufgaben er sich wohl bewußt sei. Er könne schon jetzt so viel sagen, ein Mensch könne das nicht leisten, was Deutschland jetzt von dem Leiter bes Kolonialwesens Verlange. Aus dem Geiste der Nation heraus müsse in der Ard eit ganzer Menschenalter das Werk gebaut werden. Darüber sei er sich sofort klar gewesen, als er sein Amt übernommen habe, und darum habe er sich vertrauensvoll an die deutsche Kolonialgesellschaft, als die Trägerin und Verfechterin der kolonialen Interessen, als die rechte Mitarbeiterin an seinem Werk gewendet. Der Redner schloß mit dem Wunsche: Nachdem wir 22 Jahre deutsche KolvnialpoliLik getrieben hätten, möchte endlich die Anschauung int deutschen Volke weichen, daß unsere Kolonien nichts weiter als eiu Stück unnützes Spielwerk seien. So nur könnten wir das koloniale Werk zu einem gedeihlichen Abschlüsse bringen.
Jedenfalls erhellt ans feiner Rede eine große Begeisterung für die koloniale Sache, die eine Gewähr dafür bietet, daß Dernburg sich des ihm übertragenen Amtes mit Eifer annimmt, wobei ihm ein gewisser Optimismus fraglos zugute kommt. Gerade auf kolonialem Gebiete find bekanntlich die „Schwarzseher" in der Mehrzahl. Das wirtschaftliche Moment wird unter D. mehr in den Vordergrund gerückt werden, während bisher das militärische und Beamtenelement dominierte. Dieser Grundsatz wird vielleicht auch bei der Auswahl der Personen, die nach den Kolonieit hittausgesandt werden, zur Geltung kommen, denn gerade die Mißgriffe in der Beamtenauswahl haben zu einem großen Teile das Fiasko unserer Kolonialpolitik verschuldet.
Die „Dortm. Ztg" veröffentlicht über die angeblichen Pläne der neuen Kolonialexzellenz allerhand interessante Mitteilungen. Dernburgs Plan gehe dahin, zu beiden ©eiten ber Eisenbahnlinien je 100 Kilometer „Farmland" militärisch zu besetzen und derartig zu sichern, daß den innerhalb dieses Radius sitzenden Ansiedlern vom Reiche Leben und Besitz garantiert werden könne. Auf diese Weise sollten gesichert werden die Linien Swakopmund—Windhuk, Karibik)—Otawi, Windhuk—Keetmanshoop und Keetmanshop —Lüderitzbucht. Für die Sicherung derViehzüch ter nördlich des Oranjeslusses soll der Ort Warmbad eine größere Garnison erhalten. Alle Farmen und Händler, die sich außerhalb dieser 100 Kilometer-Schutzlinie ansiedelten und bewegten, täten dieses auf eigene Gefahr. Allmählich solle das Schutzgebiet ständig vergrößert werden. Von den Besprechungen, die der Kolonialdirektor mit dem Gouverneur v. Lindequist abhalten werde, werde es ab- hängen, wieviel Truppen für diesen Zweck notwendig seien.
Für die nächsten zehn Jahre scheine man auf Grund dieses Planes in der Kolonialabteilung mit einem dauernden jä'hrlichen Z uschuß von etwa 30 Millionen zu rechnen. Unberührt davon blieben die außerordentlichen Aufwendungen, die durch die Wiedereinbringung der Bahnvorlage Kubnb—Keetmanshoop und die weitere Entschädigung der Ansiedler in Anspruch genommen werde!
Angesichts dessen hat man in Rücksicht zu ziehen, daß der Krieg dort unten 400 Millionen bereits verschlungen hat unb daß das Land nach den Kriegsnöten jetzt eine förmliche Einöde ist, die von Grund aus neu urbar gemacht werden muß.
Weiter verlautet noch, daß ber neue Kolonialdirektor die Einsetzung einer parlamentarischen Untersuchungskommission über die Kolonial-De-
litte wünscht; indessen dürfte sich dies wohl erübrigen, da man zu den Nntersuchnngsbehörden das volle Vertrauen haben kann, daß sie nach Reckt unb Gesetz urteilen. Allerdings wird man verlangen dürfen, daß dies in vollster Oeffentlichkeit geschieht und nichts vertuscht wirb. Es ist sehr wohl möglich, daß man im Reichstage mit der Erörterung der Kolonialdinge nicht erst bis zur Etatslesung wartet, sondern in Form einer Interpellation in eine besondere Erörterung vorher eintritt Dann wirb ja Dern- bürg Gelegenheit haben, auch in der parla.mentarischen Arena zu zeigen, wes Geistes Kind er ist.
Im Zeichen de3 Mars.
England hat wohl noch keinen so redefrohen Kriegs in i nist er gehabt, wie es der gegenwärtige, Haldane, ist. Gegen den Drang dieses Ministers die Oeffentlichkeit immer wieder wissen zu lassen, daß er sich ausschließlich mit militärischen Fragen ^beschäftigt, sticht auffallend ab die Wortkargheit ber Herren vorn englischen Marineamt. Haldane leistet die Tat in Worten, die beiläufig für die deutsche Armeeorganisation sehr schmeichelhaft sind; die Admiralität aber handelt, ohne viel Worte zu machen. Sie konzentriert den größten Teil der englischen Seestteitkräste in ber Nordsee unter dem friedlichen Flamen „tz e i m a t f 1011 e", und plant den Bau von Schlachtschiffen, die in beit Dirnen- sionenüberdenRiesentypbes „Dreadnought" n0 ch hin ans gehen. Das letztere bietet indessen keinen Grund zur Beunruhigung, denn der Beweis ist noch nicht erbracht, daß Schiffe von so ungeheuren Ausdehnungen Beweglichkeit genug besitzen, um einen erstklassigen Gefechtswert darzuftellen. Es könnte im Ernstfall diesen schwimmenden Leviathanen dasselbe Schicksal beschieden sein, das vor reichlich drei Jahrhunderten die Engländer mit ihren kleinen beweglichen Holzfahrzeugen den geschützten schweren Schissen der Spanier bereiteten. Ungleich beachtenswerter ist die Bildung ber „Heimatflotte", mit deutlich erkenn-, barer Spitze gegen Deutschland.
Nicht nach Gebühr gewürdigt erscheinen zwei Momente. Einmal die Tatsache, daß in ben beiden ber deutschen Küste nächst gelegenen englischen Kriegs-. Häsen S he e r n e ß und C h a t a m rastlo s gearbeitet wird an Erweiterung der Einfahrt und Vertiefung der Fahrrinne, dergestalt, daß nach Fertigstellung die beiden Häfen befähigt fein werden, die gesamte britische Kriegsflotte aafzunehmen und vollständig aus zurüste n. Des weiteren rechtfertigt sich ein besonderer Hinweis auf die Wahrscheinlichkeit, daß auch Frankreich das Gros seiner Flotte mehr im Norden, im Bereich des Kanals, stationieren werde, denn — „seit der englisch-französischen Verständigung besteht zwischen beiden Staaten kein Grund mehr, in Südeuropa gewaltige Geschwader zu unterhalten". So schrieb wenigstens im Sommer dieses Jahres ein ber englischen Regierung nahestehendes Blatt.
Wie die Dinge sich neuerdings in Marokko anlassen, das führt allerdings zu ber Vermutung, es werde so schnell nicht gehen mit der Zurückziehung der französischen Kriegsschiffe aus dem Mittelmeer. Die politischen Verttauens- männcr Frankreichs dort sind bei der Durchführung ihrer Ausgabe, für etwas „Schwüle" zu sorgen, ourch ihren nationalen Eifer offenbar fortgerissen worden. Hieß es doch gestern, die Lage in Marokko sei kaum weniger cmft, als vor ber Konferenz von Algeciras. Noch läßt sich nicht klar erkennen, nach welcher Richtung hin der wieder angekündigte internationale Konflikt sich entwickeln wird, aber Deutschland hat sich wohl ein für allemal ab gewöhnt, in solchen Fällen die Rolle deS arglosen Zuschauers auf sich zu nehmen. Es wird sich durch die sanften Reden oes englischen Kriegsministers ebensowenig in Sicherheit wiegen lassen, wie durch die anheimelnde Bezeichnung „Heimat- flotte" für die größte Kriegsschifffammlung, die jenseits der Nordsee bie Flagge zeigte, oder durch die beruhigenden Versicherungen der neuen französischen Minister. „Mars regiert die Stunde/*
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Die Erdbeben-Katastrophe von San Franzisko. C. Gießen, 31. Okt.
DaS Jahr 1906 war in Bezug auf Häufigkeit und Stärke seismischer Katastrophen ein außerordentlich cmgnieretdjcd. Der furchtbare Ausbruch des Vesuv stcl-t noch m aller Erinnerung; doch auch in andern Teilen der Welt, auf der Insel Formosa, in San Francisco und Valparaiso, haben Veränderungen im Erd- innern Katastrophen herbeigeführt, die die Menschheit mit Entsetzen erfüllt haben. Die Häufigreit derartiger Ereigmsie laßt den Wunsch rege werden, über die Art der hierbei in Bettacht kommenden Faktoren Näheres zu erfahren. Die Gesellschaft für Erd -und Völkerkunde kam diesem Wunsche entgegen, indem in ihrer Eröffnungssitzung am 30. Okwber Professor'Dr. fDeckert (Frankfurt) sich über die Erdbebenkatastrophe verbreitete, die am 18. April b. I. in Verbindung mit einer verheerenden Feuersbrunst die stolze „Königin des stillen Ozeans", S a n F r a n e i s c 0, in kurzer Zeit in einen Schutt- und Aschenhausen verwandelte. Der Vortragende hat selbst während seines Aufenthalts in Kalifornien mehrere Erdbeben miterlebt und an der .Hand der Registrierungen über 4000 Beben, die in den Jahren 1800 bis 1880 stattfanden, Spezialstudien getrieben, deren Ergebnisse von ihm in vielen Erdbeben karten seftgehalten wurden. Bevor diese selbst im Lichtbilde vorgeführt wurden, versuchte der Redner, mit ber Natur des kalifornischen Landes bekannt zu machen. Während der ganze Küstenstrich am stillen Ozean eine starknmbrandete Steilküste mit Granitunterbau darstellt, ist an der Stelle des „goldenen Tores" ein Quereinbruch des pak- losen Küstengebirges vorhanden. Dieser mädytige Einbruch der Erdkruste erweitert sich zur gewaltigen Bai von San Francisco und setzt sich in dem kalifornischen Haupttal, daS sich zwischen K'üstengebirge und der ostwärts streichenden Sierra Nevada hin- ziehr fort. Analog diesen Senkungsgebieten im Innern des Lan- bä »erlaufen eigenartige Einbrüche des Meeresgrundes der Küste
entlang, an manchen Stellen bis zu 7000 Meter Tiefe. Von der Vai von San Francisco aus ziehen auch kleinere Einbruchstäler nach Süden und Südosten, wie daS Salinastal und das Tal von Santa Clara. Vermöge ihrer tiefen Lage und tischartigen Ebenheit lassen sich diese Taleinschnitte leicht künstlick)> bewässern und bilden nunmehr den gesegnetsten Teil Kaliforniens, während sie früher nur als dürftige Schafweiden Verwendung finden konnten. Kürbisse von 5 Zentner Gewicht, Gerstenhalme von 2 Meter Höhe, dabei ungeheure Erträge an Wein, Pfirsichen, Orangen, Walnüssen usw. legen ZeugniS ab von der Wirkung der kalifornischen Sonnenglut in Verbindung mit dem lebenspendenden Naß. Diese Einbruchstäler sind um die Zentren der starken Erschütterungen, die als Folgeerscheinung dec geotektonischen Veränderungen austteten. Prof. Dr. Deckert hat in Nordamerika sechs solcher Erdbebenprovinzen festgestellt: die am Mississippi, die westindische (Charlestown), die laurentische, die mexikanische, die kalifornische und die oregonische Provinz. Wahrscheinlich existieren im Norden der Westküste noch mehrere solcher Zentren, die aber bis jetzt aus Mangel an registrierten Beobachtungen noch nicht endgültig festgelegt werden konnten. Speziell in Kalifornien spielt sich der seismische Prozeß an drei OperationS- linien ab, deren Schnittpunkt in ötm Francisco liegt. Bon 25 großen Beben, die von 1800 bist 1306 in Nordamerika stattfanden, äußerten daher allein 10 ihre Wirkung am „goldnen Tor". Eins der schwerwiegendsten in seinen Folgeerscheinungen war die Erschütterung in diesem Fr Wahre. Sie erstreckte sich über eine Länge von 300 Kilometern und vernichtete alle Bauwerke, die nickst auf Felsen, sondern dem Schwemmland fundiert waren. So stürzte vom prächtigen RathrnI der Stadt alles ein, mit Ausnahme deS hohen Turms, der allein auf Felsgrund stand, lleoerhaupt wurde der aus dem angeschwemmten Küstenlände angelegte Teil der Stadt völlig zerstört, während die höherliegen- ben ärmeren Viertel verschont blieben. Dex Vortragende erörterte zum Schluß bie Frage, pH Sm, Francisco trotz feiner gefähr
lichen Lage wieder aufgebaut werden würde unb zu neuem Glanze erwachen könnte, und kommt zu einer entschiedenen Bejahung. Vermöge seiner g eeigneten Lage fast am einzigen Punkte der Westküste, von wo pp-s eine Verkehrsmöglichkeit nach dem Osten deS Landes besteht, nimmt San Francisco eine prädestinierte Stellung im Wirtschaftsleben ein, wo unbedingt Menschen leben unb arbeiten müssen. Zwllr haben sich bereits kleinere konkurrierende Hafenplätze im Norden bemüht, den Verkehr zu sich herüberzuleiten, doch wird es der rasch ausvlühenden Stadt sicher gelingen, ihre Ueberlegenheit auf diesem Gebiete zu behaupten.
*•- Ein Halfer tu ort. In der an anderer Stelle erwähnten Broschüre „Kaiser Wilhelm II. und die Byzantiner", von dem bekannten Marineschriststeller Grafen E. Reventlow, wird aus einer Ansprache, die der Kaiser im Jahre 1898 an die Mitglieder des Schauspielhauses gehalten hat, folgende interessante Stelle zitiert: „Ich war der Ueberzeugung und hatte mir fest vorgerwmmen, daß das königliche Theater ein Werkzeug des Monarchen sein sollte, gleich der Schule und,Universität . . . ^Das Theater ist auch eine meiner Waffen. . . Ich bitte Sie nun, daß Sie mir fernerhin bei- stehcn. . . den Kamps gegen bat Materialismus unb das un- deutsche Wesen fortzuführen, dem schon leider manche deutsche Bühne verfallen ist."
— Der berühmte Komponist Saint-Saens ist auf der Reise nach Amerika, wo er zu konzertieren gedachte, erkrankt. Wie aus Newyork gemeldet wird, leidet Saint-Saens an einer Erkrankung des Kehlkopfes, die ihn völlig der Stirn me_ b e r au b t hat. Bei seiner Mkunst in der nordameri- kainschen Hauptstadt begab sich der greife Patient sofort in die Behandlung eines Arztes, der ihm für eine Anzahl von Tagen völlige Ruhe unb Schonung gebot.


