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1.5.1906 Erstes Blatt
 
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Dienstag 1. Mai 1906

156. Jahrgang

Erstes Blatt

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Nun liegen die Kaiserstundcn hinter uns, und graue Alltäglichkeit nmgiebt uns wieder. Schon steht man im Be­griff, das bunte Festkleid der Stadt wieder abzuziehcn. Es waren wohtgelungene, unvergleichliche Feierstunden. Und wenn

Schulstratze 7.

Redaktion 112

Verlag u.Exped.e^bl Adresse für Depeschen: Anzeiger Gießen.

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i Aussehen ; Getränke, i im Magen

Nur eodi

«ezugSpret-r monatlich 7bPf., viertel- jährlich Mk. 2.20; durch Abholc- u. Zweigstellen monatlich Pf.; durch diePoslMk.2.viertel- jährl, auSschl. Bestellg. ?!nnafrne von Anzeige« für die Tagesnununer bis vormittags 10 Uhr. Zeilenpreis: lokal 12Pf^ auswärts 20 Pig.

Verantwortlich für den polil. und allgern« Teil: P. Wittko: für »Stadl und Land^ und .Gcrichtssaate: Ernst Heb; für den An­zeigenteil: HanS Be^.

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beider konnte die Smoi iwch nicht ganz gewichen. Tie Spitzen der Behörden " hatten sich zur Begrüßung des Kaisers im Fürsten^

zimmer des Bahnhofs zur angesetzten Stunde cingefunden. Indessen vriTrami Minute aus Minute, ja eine Viertelstunde nach der anderen, ohne daß der kaiserliche Hoszug einlief. Tie Herren wurden allgemach ungeduldig und durstig. Ter eine, der Gendarmeriemajor Beck, bestellte sich eine halbe Flasche Ingelheimer, der Proviuzialdircktör Böck- mann eine Flasche Selters u. s. w. Just aber, als der selterwassersüchtige Direktor den Draht der Flasche nahezu entfernt hatte und sie zu öffnen sich anschickte, hieß es: Ter Hofzug läuft ein! In größter Eite wurden die Getränke schleunigst versteckt. Die halbgeöffnete Flasche Selters und die halbe Flasche roten Ingelheimers verschwan­den hinter dem Sofa, wo sie in guter yrachbarschaft ihrer Bestimmung entgegcnharrten. Ter Kaiser nahm die Be­grüßung der Herren huldvoll und leutselig entgegen und begab sich mit 'ihnen ms Fürst en zimmer, und das Unglück wollte cS, daß er sich auf dem Sofa niederließ, hinter dem sich die Flasche Selters und der Ingelheimer mv- ! heildräuend befanden. Denn es lag die Gefahr nahe, daß der Sesters explodieren und der Ingelheimer umstürzeix und, rot wie Blut, sich ergießen würde. Der Eindruck, das; sich ein Attentat vollzogen habe, würde dann, wenn auch nur für Sekunden, ein die angegriffene Gesmidheit des greisen Kaisers gewiß beeinträchtigendes Erschreckerr aber ganz gewiß unvermeidlich sein. In beklemmendste! Angst aber gerieten die beiden Herren, als es hinter dem Sofasch sch" zu machen begann. Ter Kaiser stutzte und' hielt im Gespräch inne. Tie Herren zitterten. Nun gehts jeden Augenblick los, so meinten sie bebend.

Aber erstens kommt es anders, zweitens wie man denkt, sagt Wilh. Busch, Tic Flasche beruhigte sich, ebenso der Kaiser und endlich auch die beiden Herren, deren peinliche damalige Situation ihnen unvergeßlich geblieben ist.

Kaiser Friedrich hat als Kronprinz Mitte der Acht­ziger Jahre hier einmal mit Großherzog Ludwig IV. eine Truppenbesichtigung vorgenommen.

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Der Kaiser in Hießen.

Gießen, 1. Mai 1906.

Während die internationale Sozialdemokratie auch diesen 1. Mai als den ^Weltfetertag der Arbeite in seinerrodt- historischerte Bedeutung wie alljährlich seit 1889 bei Bier und Käs mit obligatem rednerischem Wortpruuk gemütlich und behäbig feiert, während in Frankreich die Negierung mitsamt ihren Freunden erzittert vor den für den 1. Mai geplanten gefährlichen Machenschaften eines äußerst seltsamen Trifoliums, einer klerikal-bonapartistisch-anarchistischcn Clique, begeht Gießen einen Festtag von noch nie dagewesener lokalgeschicht­licher Bedeutung, das schönste Maifest seit seinem Bestehen.

Auf, der Mai zieht in das Land Der da löst der Sorgen Band.' Kinder, Kinder, seid gemahnt, Seine Pracht zu schauen. Auf der lichten Heide breit Sind die Blumen ausgestreut. Wie ein Teppich weit und breit Schimmern Feld und Auen. Nun schlinget den Reihen Und jauchzet dem Maien!

Mit diesen jubelnden Worten begrüßte im 13. Jahr­hundert der schwäbische Dichter Konrad von Kirchberg den Einzug des Königs Mai. Theatralische Belustigungen im Freien, feierliche Prozessionen durch die Straßen unter Führung eines Maigrafen oder Maikönigs standen in jener | fernen Zeit auf der Tagesordnung des Wonnemonats. Unsere Zeit sreilich brachte längst die Maispiele, an denen sich ganze Gemeinden beteiligten, in Vergessenheit. Und doch dehnt sich heute doppelt maifroh das Herz des Giege- uers. Denn keinen mittelalterlichen Maikönig galt es heute zu grüßen, und nicht allein den jährlich einkehrenden König Mai, von dem die Poeten fingen, sondern des deutschen Reiches erhabenes Oberhaupt, den Kaiser. In des Lenzes Blütenpracht empfingen ihn die Gießener, und es brauchte nur wenig helfende Menschenhand dem festlichen Schmucke hinzuzutun, was der Lenz gerade in den letzten Regentagen an fügend frischen t Grün hatte hervorquellen lassen au Busch und Baum. Die Bürgerschaft tat, was ui der kurzen Frist irgend in ihren Kräften stand, und zum Terl

folge Homburg. t. z ..,

Es waren vier Automobile, die r5,ahrt erfolgte über Friedrichsdorf, Friedberg, Bad-Nanheim, Nieder-^vetfel, Butzbach, Kirch-Göns, Pöhl-Göns, Laug-Göns, Grogen- Linden, Klein-Linden. In allen Orten waren die Straßen und Gebäude, mit Fahnen, Kränzen, Guirlanden geschmückt, vauz besonders auch in den Orten des Kreises Gießen ^.ang- Göns, Großen-Liuden und Klein Linden. In diesen Orten batten die Vereine und Schulklassen in bcu Volkstrachten, her Ortsvorstand vor den Orten, Aufstellung genommen. Großen-Linden und Klein-Linden hatten Ehrenpforten er­richtet und die Schulkinder trugen Sträuße und Fähnchen. Sebr b üb sch war die lebende Ehrenpforte, die in Großen- Linden weißgekleidete Turner bildeten. Lebhafte Hurra- Hochrufe er. 'iitcn, als das Automobil heranfuhr und der Kaiser wini.. freundlich lächelnd nach allen Leiten. ^ie mächtigen Blumensträuße, die die Kinder dem hohen Herrn zugedachr harten, mußten sie zu ihrem Bedauern wieder prtenehmem da die .Vorveifcchrt ohne Unterbrechung erfolgte.

Nun begab sich der Kaiser an die Spitze der Fahnen­kompagnie. An die Tete trat das MnsikkorpS, u löogigt;iullu^, ..... 7.....

folgten, flankiert von zwei Rechen Unteroffizieren, der Kaiser , te abend die Glocken der Erinnerung an den Vormittag und der Regimentskommandeur und dann kam die Korn- ^.-^n Herzen läuten, dann sehen wir den Gießener Kaiser- pagnie. An der Kirscheu-Allec überreichte ,5rl. v. Hin d en au I einen bet inenigen unvergeßlichen in der Geschichte

einen Blumenstrauß, der von (Seiner -Rajejtat huldvoll t mit I c ^tadt an. Die kurzen Stunden, die uns vergönnt freudigem Lächeln entgegengenommen wurde, eo bewegte unseren Kaiser zu schauen, haben itn§ lebenslängliche

sich der glänzende Zug vom Trieb hinunter durch Grim- ^E-ungen geschenkt.

berger-, Moltke- und Lenckenbergitrage nach der schon Tie Hohenzollern haben sich seit 1870/71 eine goldene

zahllosen Fahnen und Fähncheni und Guirlanden geschmückten gcßaut zu den Herzen des deutschen Volkes, und da sie

Zeughauskaserne, wo ein ^ruhstuck im Ofstziersrafino oes Teil nehmen mit uns an den brennendsten Fragen des

kaiserlichen Gastes harrte. Lebens, des sozialen Ringens und Strebens, stehen sie uns

Inzwischen und vorher hatte sich eine glanzende doppelt nahe. Fürsten und Volk wetteifern in Ein- Spalierbildung vollzogen: . . tracht zum Ruhme des Vaterlandes. Die Wege, die Hohen-

Sechsunddreißig Kriegervereine des Bezirks Osteten lottern loanbclt, wandeln die Deutschen eng vereint mit ihm im " bildeten' Spalier von der Restauration Kranen aus ein hohes Zielbewußtsein. Und glücklich das

mania" aufwärts br- zur Ai^chenall ter Front I ba§ mit seinem Kaiser und seinen Fürsten allen Ge- «üotttefttafie U jw Siefeitotüde|faxten begegnet, eins mit ihnen in dem Gedanken ans teure !«chts die Me und' erweiterte Aiädcheuschule und die Saterlanb.

Nr. 101

Ersch-tut täglich außer Sonntags.

Dem Gießener Anzeiger werden im Wechsel mit dem Kesflschen Landwirt die Siebener Zamilien« blätter viermal in der Woche beigelegt.

Rotationsdruck n. Ver­lag der Drühl'schen Univers.-Buch-u.Stem- bruderei. 9L Lange.

Gietzener AMger

General-Anzeiger -*r

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen

Schon um 8.23 Uhr traf der Kaiser in Gießen Universität; links: Oberrealschule, Rcalgymnasmm und ein und alsbald begannen die Glocken der Kirchen zu Ghmnasium; von der Wicscckbrückc bis zur ^stanlage an läuten. Am Eingang der Stadt entfernte S. Majestät die beiden Seiten die Volksschulen. Tie ^entenbergstra^ blieb Schutzbrille von den Augen und setzte einen Helm auf. frei. Auf dem Landgraf PhiliypPlak.hatte die Gailfch« In langsamem Tempo bewegten sich die vier kaiserlichen Feuerwehr und die ftaM. ^eucrme^

Automobile, von Radfahrern und einem Motorfahrer es- der Bauerfche Gefaugvereni, Bilrger GeseUjchaft, i ^emutUcy kortiert, durch die angegebenen Straßen zum Trieb. feit, Harmonie, Heiterkeit, Liederkranz, Sangerkranz, SW Fm ersten Automobil fuhr mit S. Majestät General- kordia, Männergesangverein, MaschinenbauerKvefangverein, adjutant General v. Plessen, im 2. Oberstallmeister Freiherr Radfahrerverein 1885, Wanderer, Germania und r.-say!rve- v Reischach, Generalmajor Graf von .Hohenau und Flügel- amtenverein Aufstellung genommen .

adjutant Major v. Neumann, im 3. der Chef des Militär- An dem Frühstück nähme,: außer dem OsNzierkorp^ auch kabinetts Graf von .Hülsen und Leibarzt Dr. Jlberg, im teil: Provinzialdirektor Geh. Rat. Dr. Brerdert, Ober-, 4 das kleine Gefolge.' bürgermeister M e c u m und der Rektor der Universität Geh.

Bon 1/4 vor 9 Uhr war die Münbergerstraße vollständig Hoftat Prof. Dr. B e h a g h e l. .

aesverrt. Oberst v. Linden au brachte einen Toast aus S. <DL

Se. Majestät fuhr in den Hof der neuen Kaserne. Hier den Kaiser aus. Der Kaiser brachte einen Trinkspruck), bestieg er ein Pferd. Für die Herren des Gefolges waren auf das Regiment aus, in dem er bemerkte, daß er sehr Hanauer Ulanenpferde hier einquartiert. Der Kaiser ritt zufrieden mit dem Regiment gewesen sei.

dann zum Trieb den Weg an den weiß-roten Grenzpfählen, habe heute das neue Exerzierreglement des deutschen Heeres den eigentlichen Militärweg. gleichsam aus der Taufe gehoben.

Am Schützenhaus wurde Seine Majestät von dem Pro- Das Friihstück war kurz nach 12I Uhr beendigt, worauf vinzialdirektor Geheimerat Tr. Breidert begrüßt, derI der Bahn fuhr. Unterlvegs bildeten Mannschaften unserer dort mit dem Rektor der Universität, dem Oberbürger- Garnison Spalier.

meister Meeum, den Beigeordneten Georgi und Hey- Am Bahnhos hatten sich komui. General w Eichhorn, liaenstaedt und den Stadtverordneten Ausstellung ge- Provinzialdireitor Geheunerat Tr. Breidert. Oberst von nmnmen hatte. Lindenan und Polizeiamtmann Herberg zur Verabschiedung

Der ^miser reichte dem Herrn Provinzialdirektor die! eingeftmden. Der Kais er bestieg alsbald den Salonwagen

folgenden Worten:

^o/len Eure Alajestät allergnad,gst Der 1 Mai 1906 wird in Gießens Geschichte unver»>

Majestät begrüße ,m Namen der besgschen Landesnnwersttat, als . iukjv iu d 1 > / <a;eficn

den erlauchten Schirmherrn der Wissenschaft, der auf diesem Gebiete geßlich bleiben. Z u in _er st c 11 M a1, e, )olang B eigene Gedanken hat und modernen Gedanken und kulturellen steht, hat ein deuts cher Kaiser Cinjug gehalten^ G-d-nk-u Raam gibt und Raum schafft. _ ,r Hohenz°llcrnb-,uch- hatte G-eßm allerdings schon in

Seine Majestät der Kaiser dankte in herzlicher Weise,I früheren Jahren. Im Jahre 186.) hielt der damalige

L.... Li......

I ' All-rdurchlaucht!gst°r, gioffmächtigst-r Kaff-r und Herr! Eure nian^sich^übrfgens °eine' hübscl)? Anewot^Es^

J>cr kurzen »ri|t trgeno in IgrcuWcfeen'der Mtöiger SA".^ach

Fahnenmasten in der Frankfurters.raße errichtet; mit Gu^r- heutigen Empsange Eurer Maststät wegen der Kurze der Zettl

landen und Kränzen die Bürgermeisterei u. a. öffentliche der Ungunst der Witterung sich nicht so schmücken, wre sie gern

Gebäude aesclnnückt. Es schmückten sich ferner besonders qemollt bätie. Welche Freude es aber, unserer Burgerschall ge- schön und mannigfach die alte Zeughauskaseriie mit ihrer währt, Euer Majestät heute an der ^(led)od)fttl)rc^ küiistleri ch anmutenden Front, das Kreisamt, die Loge ments in Gießen zu sehen, das wird deren utbclnbcr 3uvu beiier »hE-*«0® s beherrscht jubelnde Freude die Stimmung -lller in Gießens Unserem Danke fügen wir das Gelübde hinzu, daß wir, wie! Mauern. wir uns in Treue fest verbunden fühlen mit unserem geliebten

Vom frühesteli Morgen an strömten ans der ganzen (^^ßherzag und Herrn, so auch allezeit treu zu Eurer Maiettat, zu

Provinz und an5 der preußischen Umgebung immer neue Kaiser und Reich stehen, daß wir allezeit gute Burger des Reiches Menschen'charen unserer Stadt zu und es herrschte in den und des Landes fein wollen!

und uameiitlick in den vorn Kaiser zu be- Wir bttlen zu Gott, das er Eure Mafestat segnen wolle mtt

7-ich mit Atzü-N usw. bcfonerlen Straffen ein (einem reichsten Segen zum besten umereS gel.ebien Valer-ande-.

Ä-böl wm ihn Gießen noch nie gesehen hat. Ter Kaiser dankte sichtlich erfreut, und erwidert,

Schon beim ersten Meldstreif Morgenrote regte cs sich er freue sich sehr über den herzlichen Empfang und bedauere,

£n den Straßen unserer Stadt. Galt es doch den letzten j0 Stunde gekommen sei und nur so kurze

Schmuck der Feftstraßen zu 3eit hier weilen könne. Er freue sich über das gute Ver-

ÄÄSn zwischen Stadt and Garnison, von der ihm der

'auswärtig^Gendarmen. Kurz nach 7Uhr begab sich em Oberst erzählt habe. Der Oberst habe ihm auch gesagt, .Trupp Hanauer Ulanen, die bereits gestern hier em-1 Gießen eine sehr angenehme Garnison fei. Er danke

getroffen waren, zum Trieb. Die Straßen zeigten das Hasten Gießener Bürgerschaft herzlich für die hübsche Ans-

und Rennen iu einem aufgestörten Ameifenhausen Und der Stadt.

durch diese Machen» au^deE -in^lM^Ueb». schmu^d^S^^ Z°hu |

.{«tebeiun XÄKÄd« fornmani). General ». Eichhorn den Kaiser begleitete trat

S3h.*£S ÄÄb S'ärsSf'iBS

seftenLÄÄaus fid, Aussicht nach d-u Fest- größere Gefechtsübung statt Die Aufgaben hierzu waren uur dem Geschlechte angehörte, dem mau als eine Haupt-' "» >»-

charaktereigenschaft Neugierde nachsagt.

Punkt sieben Uhr verließ der K ai, er mit dem Ge-

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