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1.3.1906 Erstes Blatt
 
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Vmömckury endlich die Taxe für dar ein geführt

^"^Nach Begründung dieses Antrags durch den Antragsteller

Staatsminister Ewald, die Gemeinde Amöneburg müsse Don sich aus mit dem Wunsch heranstreten, eine selbständige Postonstalt zu erhalten und dabei auch mit dem entsprechenden Material tommen. Sei das der Fall und erweise sich die Nvt- wendiglcit der Errichtung einer Pvftanstalt, so werde die Re­gierung gern bereit sein, dafür beim Rcichspostamt einzutreten: er glaube auch nickt, daß dasselbe die Anstalt, wenn sie zweck- mafctg und notwendig ist, verweigern werde. Man könne aber doch kein Interesse daran haben, zu Gunsten K'aftels einzu- tteten. _

Rach einigen Bemerkungen des Abg. Adelung zur ^sache wird der Antrag Dr. Schmitt einstimmig angenom­men.

Vizepräsident Köhler hat inzwischen zum ersten Mal die Leitung der Verhandlungen übernommen.

Ein Antrag der Abgg. Dr. F r c n a h , Dr. Schmitt und Gen. bezweckt, an die Regierung das Ersuchen zu richten, im Bundesrat dahin zu wirken, daß 1. die den Gemeinden zu ge- währende Vergütung für die

Verpflegung einguartierter Truppenteile entsprechend erhöht wird und 2. bis dies geschehen ist, den Ge­meinden aus der Staatskasse diejenigen Beträge ersetzt werden, die sie für Quartiervervflegung über die derzeitigen Verpfleg­ungssätze aufbringen müssen.

Abg. S t ö p l e r erstattet nründlich Bericht darüber und be­antragt namenS des Ausschusses,, den ersten Teil des Antrags anzunehmen, den zweiten Teil jedoch abzulehnen.

Abg. Dr. Frcnah erläutert seinen Antrag deS Näheren und bittet, deiiselben vorläufig zurückzuftellen, da gegen­wärtig dieselbe Materie im Reichstag zur Verhandlung steht.

Das Haus beschlicht demgemäß.

lieber den weiteren Antrag der Abgg. Dr. Schmitt und Gen., betreffend die

Rupoubeschräukuugeu tu den Gemeinde« Kastel und Kostheim entspinnt sich eine längere Debatte. Der Antrag geht dahin,

Die Regierung zu ersuchen, die Bestrebungen der Ge­meinden Kastel und Kostheim, die noch unter den Rayonbeschränk- imgcrt befindlichen Teile ihrer Gemarkungen von diesen Be­schränkungen zu befreien, im weitgehendsten Maße zu unter­stützen."

Abg. V i t t h a n erstattet Bericht darüber und beantragt, dem Antrag Dr. Schmitt zuzustimmen.

Abg. Dr. Schmitt begründet seinen Anttag.

Dbg. Dr. David befürwortet gleichfalls den Anttag und wirft dem Reichsfiskus vor, er wolle bei den Terrain- veräuherungcn Bodenwucher treiben. Das Reich wolle aus dem alten Festungsgelande so viel herausschlagen, dah davon gleich die Kvsten für die neuen Befestigungsanlagen gedeckt wer­den könnten. Die Gemeinden sollten also, weil die alten Be­festigungen unbrauchbar sind, dem Militärfiskus helfen, neue zu bauen. Redner stellt an die Regierung das Ersuchen, die Interessen der Gemeinden mit größter Energie zu wahren. Der Staat sei der rechtliche Eigentümer des Festungsgeländes und habe auch als solcher ein Recht, in erster Linie mitzusprechen.

Nach einigen richtigstellenden Erläuterungen des Ministerial- Präsidenten Braun wird der Antrag einstimmig an- g e n v nun e n.

lieber die Vorstellung einer Anzahl

Oberlehrer, die Regelung ihres VesolduugS-Dteustalter- betreffend, referiert

Abg. Hebel, der namens des AusschufseS warm für die Erfüllung der Wünsche eintritt

Abg. Dr. Gutfleisch spricht stch gleichfalls üt zustimmen­dem Sinne aus, beantragt aber die Zurückverweisung der Sache an den Ausschuß, Zusammenfasfung der verschiedenen Petitionen in derselben Sach« und alsdann eingehend« schriftliche Bericht­erstattung.

Nachdem Präsident Braun diesen Anttag zur Annahme empfohlen, wird derselbe einstimmig angenommen.

Es folgt nun die Beratung über zwei Anträge inbetreff der Geschworenen mtb Schöffen, bezw. Vergütung an dieselben.

Der Antrag Dr. Schmitt und Gen. lautet:

Die Kammer wolle an die Regierung das Ersuchen richten, durch ihren Per tret er beim Bundesrat dahin zu wirken itnb dahin zu stimmen, daß den Geschworenen und Schöffen voller Ersatz für ihre ZeiWersaumnis gewahrt wirb."

Der Antrag Ulrich und Gen. will L daß zu Schöffen -'.nb Geschworenen auch Manner aus der lohnarbeitenden Be­völkerung bestellt werden, 2. daß reichsgesetzlich bestimmt werde, insbesondere anläßlich der bevorstehenden Revision der Straf- Prozeßordnung, daß die Schöffen und Geschworenen außer Ver­gütung der Reisekosten entsprechende Tagegelder erhalten, 3. daß den Schöffen und Geschworenen schon jetzt Vergütung ihrer Un- kösten und Auslagen aus LandeSmitteln gewährt wird.

Abg. Dr. Frenah empfiehlt als Ausschußberichterstatter die Annahme des Anttags Dr. Schmitt und beantragt, den Antrag Ulrich für erledigt zu erklären, soweit er sich nicht auf die Gewährung von Tagegeldern bezieht.

Nachdem Abg. Ulri ch seinen Anttag begründet und Nagen gegen die herrschendeKlassenjustiz" vorgebracht, erwidert

Staatsminister E w a l d: Es sei schon bei früheren Gelegen­heiten ausgesprochen worden, daß die Teilnahme von Arbeit­nehmern an der Rechtfpreckung durchaus erwünscht erscheinen müsse. Es sei das auch sozialpolitisch von größter Wichtig­keit und cs müsse in der arbeitenden Bevölkerung bitter em- vfinrden werden, wenn sie sich sage, daß sie wegen Mangel an Mitteln nicht an der Rechtsprechung teilnchmen könne. Deshalb sei der Anttag auf Gewährung von Vergütung an Schöffen und Geschworenen sehr berechtigt. Ganz verkehrt aber sei es, von ,Llassenjuftiz" zn sprechen und zu behaupten, daß grundsätzlich keine Arbeiter zur Rechtsprechung herangezogen würden. Nach der ihm vorgelegten Zusammenstellung geschehe das in Hessen in den verschiedenster: Landesteilen. Es seien von jeher nicht nur J)ie kleinen Gewerbetreibenden, sondern auch Lohnarbeiter als Schöffen, mit herangezogen worden. Dieselben würden auch regelmäßig in die Listen eingetragen, aber von der Kommission später vielfach aus rein äußerlichen Gründen wieder ausgeschieden. Bescheidene Mittel bildeten zwar keinen Behinderungsgrund zur Zulassung für das Schöffenamt, aber für den Bettessenden einen dlblehnungsgrund und um viele Ablehnungen zu ersparen, würde vielfach von der Nominierung solcher Schöffen abgesehen. Der Staatsminister erklärt sich schließlich mit einem Anttag auf Rückverweisung beider Anträge an den Ausschuß einverstanden, worauf dieselbe einstimmig beschlossen wird.

Die Sitzung wird darauf um V22 Uhr abgebrochen. Nächste Sitzung morgen früh 9 Uhr. Nach Erledigung des Restes der heutigen Tagesordnung soll morgen sofort mit der Genera l- debatte über den Etat begonnen werden, um ihn so schnell wie möglich zur ErOdignna in bringen.

parlamentarisches«

Berlin, 28. Febr. Die BudgetkomMission des Reichstags bewilligte den Etat für Samoa unter Ab­lehnung der beiden Forderungen von 20 000 Mk. für die Ein­geborenenentfernung von den europ. Wohnsitzen und 151000 Mark für Weaelxruten. Es werden 14 200 Mk. Teuerungs­zulagen bewilligt. Es folgt die Beratung des Etats für Kiautschou. Auf eine Anfrage Bebels nach den Plänen der verbündeten Regierung betteffend die Be- f estigungen in Kiautschou führte Staatssekretär von Tirpitz aus, es sei nicht zutreffend, daß Tsingtau eine Festung er st en Ranges werden solle. Die Lage habe sich zweifellos durch den ostcvsiatischen Krieg geändert. Was jetzt gefordert werde, sei lediglich die Schlußrate für die Seebefestigung, die bereits im Vorjahre bewilligt wurde. Es sei notwendig für die wirtsch. Stellung von Tsingtau, daß es eine gewisse militärische Sicherheit biete. Es müsse nach der Seeseite stark sein zur Aufrechterhaltung der Neuttalität, nach der Landseite wachsam.

Der heute im Reichstage eingebrachte Ge setzent- wurf betteffend Abänderung der Haftpflicht des Tierhalters bestimmt, daß die Ersatzpflicht des Tier­halters für die Tötung oder Verletzung eines Menschen oder für eine Sachbeschädigung wegfällt, wenn der Schaden durch ein Haustier verurfacht wird, das dem Berufe, der Erwerbstätigkeit oder dem Unterhalte des Tierhalters zu dienen bestimmt ist, und wenn entweder der Tierhalter bei der Beaufsichtigung des Tieres die im Verkehr er­forderliche Sorgfalt beobachtet, oder der Schaden auch bei Anwendung dieser Sorgfalt entstanden sein würde._______

Ans Stadt und Land.

Gießen, benl. März.

** Vom LandeS-Lehrerverein. Von derProvi- bentia in Mainz haben LandeS-Lehrerverein und ßubnrig» und Alice-Stiftung für das Jahr 1905 eine Bonifikation von 1 23 4.8 2 Mk. empfangen, von welchem Bettag jedem der beiden Vereine die Hälfte mit 617.41 Mk. zugefallen ist. Die Summe der seit 1878 an beide Kaffen gezahlten Zu- schnffe steigt hiermit auf 34 318.69 Mk.

Ein wissenschaftlicher Fortbildungskursus für Vo lksschu l leh rer soll im bevorstehenden Sommer­semester an der Universität Gießen wieder eingerichtet werden. Tie Vorlesungen sollen wie in den Vorjahren wahrend der Monate Mai und Juni an den Mittwoch-Nachmittagen statt- finden. Es werden nach vorläufiger Vereinbarung lesen: Priv.-Doz. Dr. Groß:lieber Deseendenztheorie und Darwinismus" (im zoologischen Institut). Pros. Dr. Kaiser: Allgemeine Geologie an Beispielen aus der weiteren Um­gegend von Gießen" (in der großen Aula der Universität, oder im großen Hörsaal des physikalischen Instituts). Pro-

feffor Dr. Kaffer gedenkt em seine Vorlesungen mich Ex­kursionen (Lahn, Wetterau, Vogelsberg) anzuschließen.

Ein ehrenvolles Fest. Heute, am 1. März, sind cd 2 5 Jahre, daß die in weiten Kreisen bekannte Ober­schwester der Frauenklinik, Margarethe H a st e r, in den Alice- Verein zu Darmstadt als Pflegerin eintrat. Nach beendeter Ausbildung im Aliechospital blieb sie noch kurze Zeit in Darmstadt, kam dann nach Bonn, wo sie mehrere Jahre in der chirurgischen Universitätsklinik arbeitete, wurde hierauf für einige Jahre als Leiterin des Siechenhauses nach Alzey berufen, und kam im November 1892 als Oberschwester in die Frauenklinik. Seit dieser Zeit hat sie ununterbrochen hier in treuester Pflichterfüllung zum Wohle unzähliger Kranken gewirkt. Allen, die Gelegenheit hatten, sie in ihrem Berufe kennen zu lernen, ist sie eine liebevolle, nie ermüdende und versagende Hülse und Trostspenderin gewesen. Ihre opfer­willige Tätigkeit fand durch die Verleihung der Roten Kreuz- Medaille am letzten Geburtstag des Kaisers verdiente An­erkennung.

* Trinkgeld für die Landgestütsdiener. Von Beginn der Deckperiode 1906 ist das bisher von den Land­gestütsdienern für jede zur Bedeckung kommende Stute eines hessischen Besitzers bezogene Trinkgeld von 70 Pfennig auf eine Mark erhöht worden. Das Trinkgeld wird für die Folge von den Bezirkskaffen mit dem Sprunageld zusammen erhoben. Das von nichthessischen Pferdebesitzern erhobene Trinkgeld erhöht sich von 1,40 auf 2 Mark und ist mit dem Sprunggeld an die Landgestütsdiener zu entrichten.

In Amerika verstorbene Hessen. Konrad Hofmann aus Birklar, 82 Jahre alt, zu Buffalo, N. 9). Jakob Mühl aus Mommenheim, 67 Jahre alt, zu New- Pork, Philipp Schlosser auS Mainz, 71 Jahre alt, zn Milwaukee.

§8 Aus demOhmtal, 28. Febr. Eine solche Heber- schwemmung wie gestern und heute hat das Ohmtckk lange nicht gehabt. Bis zu dem Fuße der das Tal be­grenzenden Höhenzüge gingen die gewaltigen Wassermaffew. Die Mühlen hatten so ftarfeS Ueberwasser, daß sie durch Wehren das Wasser von den Mühlen fernhalten mußttn. In den im Tale gelegenen Ortschaften drang das Wasser in die Keller und Ställe.

? Vom Vogelsberg, 28. Febr. Die außergewöh«- liche Verteuerung der Schweine hat diesem Zweigs der Viehzucht einen Aufschwung gegeben, wie er vordem niemals vorhanden gewesen. Selbst kleinere Landwirte, die ehemals kaum ein Mutterschwein hielten, halten jetzt deren zwei. Infolgedessen ist die Aufzucht von Jungschweinen fast um das Doppelte gestiegen. In manchen Ortschaften erreicht die Zahl der Ferkel die Summe von nahezu 1000. Man bezahlt zurzeit für sieben Wochen alte Ferkel 55 bis 58 Mark.

Arbeiterbewegung.

Berlin, 28. Febr. Der Droschkenkutscherstrelk ist heute nach zweitägiger Dauer beendet worden.

Zwickau, 28. Febr. Im Kohlenrevier auf Altgemeinde Bockwa ist ein Bergarbeiterstreik auSaebrochen. Die Situation ist sebr gespannt. Wie das Zw. VolkSbl. meldet, ist «8 nicht ausgeschlossen, daß ein allgemeiner Streik auSbricht.

Mannheim, 28. Febr. In der hiesigen Zuckerfabrik ist heute ein Stteik auSgebrochen Die gesamte Arbeiterschaft hat die Arbeit niedergelegt. Der ganze Betrieb ruht. ES handelt stch um Lohnforderungen.

London, 28. Febr. In der großen Spinnerei in Dundee streiken 23 000 Arbeiter. Sie verlangen höhere Löhne und kürzere Arbeitszeit. Die Streikenden marschirten durch die Straßen und verübten große Exzesse, sodaß die Polizei einschreiten mußte. Am Abend fände heftigeStraßenkämpse zwischen Polizei und Arbeitern statt.

tl/aS X*. d. h. die kleinen Leiden des Ge-

ollwOtllvO ündes,Erfrierungen.Frostballen ♦WHfVIWVV» leichte Wunden u. Verbrennun- gen, Geschwüre, aufgesprungene rissige Hände, böse Finger, bietet die kosmetisch-hygienische Ereme Hansnafalan, Rezept: Raialan 50, Lanolin 15, Zinkweiß 20, Paraffin 15, ä 50 und 100 Psg. vorzüglichen Schutz. Als Deckmittel benutze man mir Nasalan-Heftpflaster, Rezept: Nafalan 50, Kautschnkmasse 35, Zinkweiß 15, ä 15 und 25 Pfg. Nur echt und rein mit Rctorten-Marke und Namens­zug Dr. Adolph List. hv/,

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sammeltenHeil Dir mt Siegerkranz* stehend gesungen wurde. Dann folgte bas Schauspiel.

Der Träger ber Titelrolle war Herr Lüttjohann. Der Dichter hat bie Gestalt in so vielen feinen Zügen aus­gemalt, mit so großer Kunst eine krankhafte Anlage poetisch verwertet und zu einem tragischen Motiv erhoben, daß ein außergewöhnlich darstellerisches Talent erforderlich ist, die Rolle, in der Todesfurcht und kriegerischer Heldenmut so feltfam zusammenpaffen und zusammenstimmen müffen, ganz zu erfaßen und auszufüllen. Unser Herr L. ist jedenfalls mit feinem Bedacht an das Studium der komplizierten Seele dieses träumerischen Jünglings herangetreten, und er hat die Gestalt dem Empfinden des Zuschauers verständlich zu machen verstanden. Selbst in den wildbewegten, oft beinahe patho­logischen Exaltationszuständen ließ er nie ein schönes künstlerisches Maß vermiffen, und in der Rede wie in der Haltung zeigte er ein edles Feingefühl, zeigte er einen wenn auch ungestümen, so doch in lauterster Reinheit erstrahlenden, zum Höchsten gerichteten Feucrgeist. Sehr schön brachte er's heraus, wie's in dem Prinzen zu­gleich jubelt und gährt, wie zugleich ein Glücksahnen ihn erfüllt imb fiebernde Unruhe au§ innerer Unklarheit. Das Goldechte in der von heißem Seelenfeuer durchglühten Sprache, das volle Jnsichanfnehmen der reichen dichterischen Gaben wars, was wieder einmal bei Herrn L. recht sym­pathisch berührte und erfreute. Jedenfalls steht Herr L. mit feinem Prinzen von Homburg über dem Durchschnitt. Herr L. hält sich nicht immer an die Tradition, sondern gibt manches aus Eigenem. Traditionell aber ist eS, daß der Prinz in das Boudoir ber Kurfürstin eilenden Fußes stürmt und eine helle Bravourarie unergriffen anstimmt. Dabei hat er nicht erwogen, daß der Prinz unterwegs sein Grab gesehen hat. Tiefe, faffungslose Resignation aber drückt sich nicht in stürmender Hast, sondern in todesmatter Ruhe aus; erst allmählich reißt das Wort ihn mit sich fort. Ueberhaupt war in diesem viel angefochtenen Auftritt (III, 5) eine an­dere Aufstellung der Damen notwendig. Der Prinz will nur seine Tante sprechen; die von ihm im Augenblick der Ver­zweiflung verleugnete Natalie sieht er anfangs gar nicht, darf « gor nicht gesehen haben; sähe er sie, so wäre er dieser

Worte sicherlich nicht mächtig. Erst ihr lautes Schluchzen macht ihn auf sie aufmerksam, läßt ihn erschrecken und zu halbem Bewußtsein kommen. In der ganzen Szene aber ist fein Geist verstört.

Der Kurfürst des Herrn Goll vereinte Würde und Menschlichkeit in rechtem Maße und traf diese historische Kolossalgestalt nicht nur in der Maske, sondern auch im Ton ganz glücklich. Eine kleine Indisposition bezwang er mit vollem Erfolge. Frl. Donecker sprach die schönen prophe­tischen Worte von der großen Zrikunft des deutschen Vater­landes mit Schwung und Wärme. So hübsch in Einzel­heiten ihre Leistung und namentlich ihre Rede auch sonst war, so oft auch Funken ihres Talents durchblitzen, so überraschte sie doch zuweilen durch widersinnige Betonung sowie durch eine gewiffe Farblosigkeit, ein Uebermaß an Kühle und gleich­mäßiger, mimisch unberedter Ruhe selbst in Momenten, da die tapfere Prinzessin der Weichheit ihres einfach zarten Mädchenherzens erliegt. Und das Weinen gar ist eine Kunst, bie heiße Mühen erfordert. Herr Wittmann als greiser Oberst v. Kottwitz bot ein glaubhaftes Bild dieser bärbeißig rauhen Prachtnatur au5 der Priegnitz, das Bild eines wetter­harten KriegSmannes. Frau Maurice war eine stattliche Kurfürstin, die sie mit einem Hauch von Wärme gab, und bie Herren Steingoetter, Mendel, Reimer und Lippert nahmen sich mit Eifer ihrer mehr ober minder effektvollen Episodenrollen an.

Die Regie des Herrn Dir. Steingoetter bot viel Lobenswertes. Namentlich vollzog sick mancher S;enew- wecbsel überraschend schnell, und die Gesamtausstattung war im ganzen geschmackvull, das Kabinett des Kurfürsten z. B. reckt würdig. In einzelnen Szenen jedoch vermißte man das rechte Zusammenspiel, so im ersttn Akte in der Kriegs­ratsszene, in der der Knrfürst und seine Damen zeitweise wortloslebende Bilder" saßen, und die Herren Generale ihrerseits wußten sich nicht zu helfen, wenn der Kurfürst zu feinen D-amen sprach. In der Szene, in der die Kur- fürsriit die falsche Nachricht von dem Tode ihres Gemahls erhält, standen alle rat» und beinahe auch regungslos da, anstatt vielleicht der ohnmächtigen Knrsürftin allerlei Hmrdreichimg zu tun, mit einem Ela'se Wasser und anderem aus- und adzugehen usw. Beredteres Mienenspiel und

regere Anteilnahme an den Vorgängen um sie herum ist überhaupt selbst manchem unserer ersten Darsteller dringend zu wünschen.

Ein seiner Ausspruch, den eine geistvolle Dame einmal über die zärtliche und rührende Bühnengestalt der Natalio tat, fällt mir, zum Schluß, ein; er sei hier wiederholt; Hätte doch Hamlet eine solche Natalie gehabt!"

Tie altbrandenburgischen Armeemärsche in den Zwischenakten, so wacker sie auch gespielt wurden, konnten leider unmöglich die Einheitlichkeit der poetischen Stimme uug aufrecht erhalten. P. W.

E in e interessante Theater-Erinnerung. Als mt Königl. Schauspielhausc zu Berlin Heinrick von Kleistis Prinz Friedrich von H 0 m b u r g" zum ersten Mal auf- geführt wurde, dichtete Robert Prutz,der damals trotz seiner demokratischen Gesinnung mit der preuß. Hofbühne in engster Be­stehung stand, zu dieser klassischen Premiöre einen Prolog. Diese Dichtung ist ganz politisch gehalten und doppelt bemerkenswert, weil sie im Revolutionsjahre 1848 entstand und am Geburts­tage des regierenden Königs von der Buhne des konigl. Theater­gesprochen wurde. Der Prolog beginnt mit den Worten:

Die ernste Zeit verlangt ein ernstes Wort;

Wo halb in Waffen schon die Erde dröhnt, Ziemt auch der Kunst ein kriegerisches Kleid.

Nachdem der Dichter auf die Handlung des folgenden Stücke- hingewiesen, wird er zum Schluß zum Propheten:

Beglückend Schauspiel, bat mein Äug' erblickt!

Voranqeeilt dem trägen Lauf der Zeit, Vollendet seh' ich unsrer Freiheit Bau; Ich seh' den Wind errichtet und beschworen, Der Volk und Fürst zu gleichem Dienst veremtgt. Dem heil'gen Dienst der Freiheit und des RechtS; Ich sehe Deutschland groß und frei und stark, In lebenSvoster Mannigfaltigkeit

Und einig doch durch seiner Brüder Herz;

Ich sehe Preußen, neidlos, unbeneidet,

Tas ihm gebührt, das Hanner Deutschlands tragen, Glorreich und kühn, im Wetter der Gefahr;

Und millionenstimmig, nah und fern,

Vom Strand der Ostsee bis zum schönen Rhein,

Den Iubelruf gen Himmel hör' ich steigen, Der heut' prophetisch diesen Tag begrüßt: Dem ersten Burger des erneuten Staats, Dem sreien König eines freien Volkes!

. Mit diesem Freiheitsruse schloß der Prolog zumPrinzen oott vomdurg" auf der Bühne des königlichen Schauspielhauses z»