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-rr. 234 Zweites Blatt.
155. Jahrgang
Donnerstag 5. Oktober 1905
Erscheint «glich mit Ausnahme deS Sonntags.
Die „Giehenrr ZamilienblSIter- werden dem ^Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt. Der ^chrsstsche taeöwtrf* erscheint monatlich einmal.
Gietzeim Anzeiger
Rotationsdruck und Verlag der Brüh lachen Universitätsdruckerei. R. Lange, Gießvu
Redaktion, ExpedMon ».Druckerei: Schulstr.7.
Tel. Nr. 61. Telegr^-Adr.: Anzeiger Gießen.
Stneral-Anreiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
Volitische Tagesschau.
Fürst Bülow hat sich nun auch noch von einem Korrespondenten des Pariser „Temps" interviewen lassen. (Vgl. unsere gestrigen ,,Auslands"-Meldungen.) Verlauf und Inhalt dieser Unterredung entsprechen in allen wesentlichen Punkten dem Interview des „Petit Parisien". Nur tritt im „Temps" noch deutlicher der Wunsch hervor, das französische Publikum davon zu überzeugen, daß die deutschePolitikkeinen Hintergedanken gegen Frankreich hege und daß ein dauerndes gutes Einvernehmen sehr wohl möglich sei, falls man in Frankreich nicht zu einer Politik zurückkehre, welche auf die Isolierung Deutschlands hinarbeitet. Fürst Bülow bekämpft auch die Anschauung, als ob ein Krieg zwischen Deutschland und England unvermeidlich wäre. Die Regierungen beider Länder seien sich ihrer Verantwortung bewußt und lassen sich zu keiner Heftigkeit fortreißen. Das franz. Volk könne eine dankbare Nolle spielen, wenn es zur Beruhigung der Gemüter beitrage. Die Solidarität aller Völker sei zu eng, als daß man bei irgend einem Streit als dritter vergnügt zuschauen könne. Wenn zwischen England und Deutschland Vorurteile bestehen, so werden sie sicher schwinden und Frankreich könne dazu beitragen, sie zu zerstreuen. Beweise doch gerade das Beispiel Frankreichs, daß es immer möglich ist, sich mit England zu versöhnen.
Ter vom deutschen Auswärtigen Atnt häufig inspirierte „Berl. Lok.-Anz." sagt heute, daß dem Fürsten Bülow bei den Verhandlungen über die marokkanische Frage mehr um eine dauernde Besserung unserer politischen Beziehungen zu Frankreich, als um die Erlangung von Sondervorteilen im nördlichen Afrika zu tun gewesen sei. — Das ist wohl auch die Pointe dieses Bülowfchen „Epiloges" zu den langwierigen diplomatischen Ansetnandersetzungen. Die agrarische „Tagesztg." jedoch hält an ihrer Ansicht fest, daß der deutschen Politik in der marokkanischen Politik „kein Meisterstück" gelungen sei, und bleibt dabei, daß der Ausgang nicht im Einklang stehe mit der Art, wie wir im Frühjahr die marokkanische Politik anfaßten. Die „Tagesztg." wiederholt ihr früher abgegebenes Urteil über den „beinahe theatralischen Elan", mit dem Deutschland in die marokkanische Politik hineingezogen sei, und schließt damit, daß dieser Zwiespalt, der selbst von dem wohlwollendsten Beurteiler nicht in Abrede gestellt werden könne, einen peinlichen Eindrucks hinterlasse.
Das Marokkoabkommen und die Grenzpolizei.
Der „Temps" hat in seiner Nummer vom 29. September, in der er die ihm offiziös zugegangene Note mit dem Entwürfe des Marokkoabkommens veröffentlichte, in seinen an diese Note sich anschließenden Bemerkungen einen nicht unwichtigen Teil des Entwurfs falsch zum Abdruck gebracht. Er sagt nämlich, daß die Klausel, die sich aus die Ausübung der Grenzpolizei durch Frankreich all eilt beziehe, wörtlich dem Programmentwurf entnommen sei. Diese Behauptung ist vollkommen falsch. Schon die vom „Temps" selbst am 29. September veröffentlichte offiziöse Note sagt nichts von einer alleinigen Regelung der Grenzpolizei durch Frankreich, sondern sie sagt wörtlich: „Was das Grenzgebiet anbetrifft, so herrscht Ueber- einstimmung darüber, daß die Polizei an gelegenheiten fortgesetzt direkt und ausschließlich zwischen Frankreich und dem Sultan geregelt werden soll." Es ist ein gewaltiger Unterschied, ob eine alleinige Regelung durch Frankreich oder eine gemeinsame zwischen diesem Lande und dem Sultan stattfindet. Der zwischen Deutschland unb Frankreich vereinbarte Progr ammentwur f geht noch nicht einmal so weit, wie die offiziöse Note im „Temps" vom 29. September. In dem Entwürfe wird im Absatz 2 zu I nur von gemeinsamer Regelung der Ueberwachung des Waffen schmuggels durch Frankreich und dem Sultan im Grenzgebiet gesprochen. Daß die gesamte Polizei im Grenzgebiet von beiden Teilen geordnei werden soll,wird nicht ausdrücklich gesagtes heißt im 1,1 nur, daß die Polizei außerhalb des Grenzgebiets international zu regeln ist; man kann also nur per exelusionen schließen, daß innerhalb des Grenzgebietes Frankreich mit dem Sultan gemeinsam in dieser Angelegenheit arbeiten soll. In keinem Falle also kann — weder aus der offiziösen vom 29. September, noch yus dem offiziellen Programmentwurfe — geschlossen werden, daß Frankreich im Grenzgebiet mit der alleinigen Regelung der Polizei^rage betraut werden, der Sultan ttlfo ausgeschlossen werden solle.
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Die Stadt als Gutsbesitzer.
Man schreibt uns:
Früher hatte jede Stadt einen bedeutenden Grundbesitz, auch außerhalb ihrer Mauern. Die späteren Geschlechter besaßen kein Verständnis für die wirtschaftliche Bedeutung eines solchen Besitzes; sie machten sich kein Gewissen daraus, das Erbe der Väter zu verkaufen, wenn im Stadtsäckel Geldnot war. Eine Stadt aber ohne bedeutenden Grundbesitz ist machtlos innerhalb der brandenden Bodenspekulation; sie vermag nicht, dort ein Gegengewicht hinzulegen, wo im Kampfe um die Bodenrente Polizeimaßregeln unwirksam bleiben. Sie steht mit gebundenen Händen der rücksichtslosen Bodenspekulation gegenüber, während sie mit ansehnlichem Grundbesitz innerhalb der Stadtgrenze regulierend wirken kann. Aber auch außerhalb der Gemarkung sollten die Städte sich rechtzeitig Boden sichern. Keine Gemeinde kann soweit in die Zukunft schauen, daß sie heute schon weiß, ob sie einmal Außenland brauchen wird. Mit jedem Anwachsen verschiebt sich die Grenze des höheren Wertes nach außen; billiger wie momentan wird man später wohl nie kaufen können. Jeder Bodenerwerb ist eine lebendige und werbende Kapitalanlage. In der „Städteztg.* schreibt der Bewirtschafter des Gutes Quednau, der ehemalige Direktor der Berliner Rieselgüter, Prof. Dr. Backhaus, in diesem Sinne. Nach den verschiedensten Richtungen beleuchtet er die Vorteile, die eine moderne städtische Kommune besonders aus landwirtschaft
lichem Grundbesitz ziehen kann. Er verweist auf das Beispiel von Rixdorf, wo auS dem städtischen Rieselgute in den letzten Jahren eine bprozentige Verzinsung herausgewirtschaftet wurde. Dort, wo eine Rieselfeldwirtschaft Zuschüsse erfordert, liegen nach Backhaus' Meinung, Fehler in der Anlage und Leitung vor. Auf den Berliner Rieselgütern läßt sich deutlich konstatieren, wie einfache Kulturen, z. B. Gras- und Rübenbau, sehr gute Erttäge abwerfen, während Gärtnerei und Gemüsebau nur Verluste bringen. Das weist darauf bin, daß Milchproduktion (ein wundes Kapitel!), Mästung, Pferdepensionen rc. in der Nähe der Stadt gute Chancen haben, daß aber Gemüsebau mehr Sache der Einzelwirtschaft des kleinen Mannes ist. Eins schickt sich nicht für alle. Eine Rieselwirtschaft muß sich auf jeden Fall rentieren, wenn sie sich nach Klima, Boden-, Wirtschafts- und Absatzverhältnissen richtet.
Die meisten Zwecke, welche Stadtverwaltungen mit Grundbesitz verfolgen, können in mehr oder minder großer Entfernung von der Stadt durchgeführt werden, wo der Boden billig ist. Selbst die Rohrleitungen der Kanalisation laffen sich bis auf 40—50 Kilometer hinaus führen. Was die Stadt momentan nicht braucht, kann sie gegebenenfalls verpachten. Nur durch sorgsame Bodenpolitik wird man in die Lage versetzt, die sanitären Nachteile des städtischen Zusammenwvhnens wenigstens etwas aufzuheben. Mit Stolz betrachten heute viele Städte „ihr Stadtgut"; mit Stolz blickt Frankfurt a. M. auf „feine1 Weinberge; und gibt es eine bessere Ausgleichung zwischen Stadt und Land, eine bessere Brücke zur Verständigung dieser Gegenpole, als daß die Stadt selbst „Agra- rier" wird?____________________
KeüLIch-Kstas ika.
Dre „Norbd. Allg. Ztg." schreibt: Nach einer telegraphischen Meldung ist die Missiousstation in der Nähe des Sultanssitzes Mengula (Bezir. Ssongea) in Deutschostafrika von Aufständischen angegriffen worden. Die Familie des Missionars Groeschel hat sich nach der Missionsstation Lupembe (Bezirk Jringa) zurückziehen müssen, wo sich nun drei Missionare, Schumann, Groeschel und Heese mit ihren Angehörigen aufhalten.
Hauptmann Frhr. v. Wangenheint hat mit seinen Marinesoldaten und Askarrs M r o g o r o erreicht. , Die Straße zwischen Bagamoyo und Mrogoro ist völlig sicher. Der Gesundheitszustand der weißen Truppen ist gut. Die Militärstation Mpwapwa halt eine Anzahl Massai als Hilfskrieger bereit, falls im Bezirk Kilossa Operationen nöttg werden sollten Die Aufständischen, wahrscheinlich Kisangre- Leute, haben die Dörfer Kuranga, Sunguni und Wipsi, 15 bis 20 Km. von Dar-es-Salaam angezündet. Sergeant Holzhausen marschiert mit 29 Mann von Mssanga nach Wiansi im Bezirk Samtmann. Die Aufständischen ziehen sich nach Süden zurück. Jedenfalls aber muß ihre Bereinigung mit den Aufständischen südlich des Rusidji verhindert ^werden.
Unter der Firma Ostafrr'kanische Gasthausge- sellschaft „Kaiserhof" zu Berlin wurde eine Kolonialgesellschaft mit einem Kapital von 200 000 Mark errichtet von der Deutschen B-ani, der Direktion der Diskonto- gesellschaft, S. Bleichröder, Delbrück, Leo tu Eo., von der Heydt u. Eo., Deutschostafrikanische Gesellschaft und Philipp Holzmann u. Cie.-Frankfiirt a. M. Die Gesellschaft hat den Zweck, in Deutschostarrika Gasthäuser zu bauen, zu betreiben oder betreiben zu lassen und alle Geschäfte zu machen, die mit dem Herbergs- und Gastwirffchaftsgewerbe zusammenhängen. Zunächst wird die Gesellschaft ein Hotel in Tar-es-Salaam errichten und betreiben. Den Vorstand bilden Dr. jur. Ernst Kliemke, der Direktor der ostafrikani- schen Eisenbahngesellschaft-Berlin und der kgl. Eisenbahnbau- und Betriebsinspektor Ferdinand Grages in Dar-es- ^rmfzenen im österreichischen «bgeorduetenhanse.
Wien, 4. Oft
IM weiteren! Verlauf der Erklärungsdebatte wurde Abg. Graf Sternberg mit Hilfe der Christlich-Sozialen zum Generalredner gewählt, was mit allgemeinem Hallvh begrüßt wurde. Sternberg wurde sofort durck viele Zwischenrufe, insbesondere vom Aba. Wolf unterbrochen. Auf den ersten Zuruf Wolfs erwiderte Sternberg: „Wenn Sie noch einmal das Maul aufmachen, schicke ich Ihnen wieder zwei Juden als Sekundanten". (Schallende Heiterkeit.) Auf den zweiten Zuruf Wolfs rief Sternberg: „Sie bekommen zwei Watschen von mir." (Lebhafte EntrüstungSruse.) Beim dritten' Zuruf Wolfs ergriff Sternberg ein neben ihm stehendes Wasserglas und schleuderte es gegen Wolf, das diesen an der Schulter traf und dann zu Boden fiel, wo es zerschellte. Mehrere Abgeordnete wurden vom Wasser bespritzt. Abg. Wasttan wurde von einem Glassplitter am kleinen Finger v e r l e tz t. Das Vorgehen Sternbergs rief im Hause ungeheure Erregung hervor Abg. Wolf wollte auf Sternberg zustürzen, wurde aber von tschechischen Abgeordneten daran gehindert. Die deutschen Abgeordneten riefen: „Hinaus mit ihm, hinaus mit dem besoffenen Schwein! Hinaus mit dem Renegaten; er gehört aufs 'Beobachtungszimmer." In weiteren Zurufen verlangten die deutschen Abgeordneten, daß Sternberg das Wort entzogen werde. „Schliefen Sie die Sitzung, wir lassen ihn nicht reden", riefen sie dem Präsidenten zu. Der Präsident ruft Sternberg wegen seines skandalösen Benehmens zur Ordnung und fordert Sternberg auf, seine Rede fortzusetzen. Rufe linfs: „Das gibt es nicht; wir lassen ihn nicht reden." Der Lärm wird immer größer Der Präsident muß die Sitzung unterbrechen. Während der Unterbrechung trat beim Präsenten eine, Obmännerkonferenz zusammen, in der bekannt wurde, daß etern- berg das Haus um Entschuldigung bitten wolle, falls Graf Sternberg das Haus neuerdings beleidigen sollte, wurde vereinbart, ihm das Wort zu entziehen. .
Nach einstündiger Unterbrechung wurde die Sitzung wieder eröffnet Der Präsident bedauerte noämrals das Vorkommnis, das den guten Sitten widerspreche und sprach die Erwartung aus daß Sternberg das Haus nm Entschuldigung bitten werde. Sternberg begann nun mit der Entschuldigung, fügte aber hinzu, daß er im Akte der Notwehr gehandelt habe. Diese Bemerkung ruft auf den linken Bänken neuerlich.stürmischen^Widerspruch hervor. Es wurde gerufen: „Das ist feine Entschuldigung, eine neue Beschimpfung und unerhörte Keckheit.
Es muß ihm das Wort entzogen werden." Sternberg wiederholt, seine Handlung sei vollständig unpolittsch und nur im Sinne persönlicher Notwehr vor den Terroristen dieses Hauses geschehen. (Lärm links.) Präsident: „Das ist eine neuerliche Provofation des Hauses. Ich entziehe Ihnen das Wort." (Stürm. Beifall links, laute Protestrufe bei den Tschechen.) Sternberg schreit in großer Aufregung: „Das geht nicht, ich 'appelliere an das Haus". Sternberg wiederholt immer diesen 9hif, unterstützt von den TschechischMadikalen. Mitten im Lärm erklärt der Präsident die Silmng für geschlossen. Die Erregung pftanzte sich in den Kouloirs fort, wo Sternberg heftige Aus- fälle gegen den Präsidenten vorbtächte.
Russische Yeuigketten.
In Petersburg wird von autoritativer Seite oer* sichert, daß das deutsch-russische Abkommen betreffs Ostasien als perfekt anzusehen ist. ES würden demnächst Unterhandlungen begonnen werden, um Frankreich zu bewegen, sich diesem Abkommen anzuschließen.
Die Petersburger Duma beschloß, den Grafen von Witte in Anbetracht seiner großen Verdienste zum Ehrenbürger der Stadt zu ernennen.
Wie die „Petersb. Tel.-Ag.* aus Moskau meldet, fand dort am Mittwoch abend 7 Uhr im Garten des geistlichen Konsistoriums eine Bombenexplosion statt. Nach einer anderen Meldung wurde nur ein einfacher Sack mit Explosivstoffen gefunden, der keinen Schaden anrichtete.
In Moskau begann der Ausstand der Angestellten der elektrischen Straßenbahn. Die Stteikenden versuchten gestern Morgen die Ausfahrt der Wagen zu verhindern. Der Ausstand der Setzer nimmt ebenfalls zu und umfaßt bereits sieben große Druckereien.
In Eriwan überfielen Armenier mehrere Muselmanen. Sie töteten einen und verletzten mehrere. Patrouillen verhafteten die Angreifer. Inzwischen war der Zwischenfall von der Bevölkerung aufgebauscht worden und es kam zu neuen Krawallen, veranlaßt durch das Einschreiten deS Militärs. Ein Muselmann sowie zwei Armenier wurden getötet, 3 Muselmanen und 8 Armenier verwundet.
Deutsches Reich.
Berlin, 4. Oft Der Kaiser nahm heute im Jagdschloß R o m i n t e n die Vorträge des Staatssekretärs des Reichsmarineamts v. Tirpitz und des Chefs des Mariuefabinetts von Senden-Bibran entgegen und empfing den Besuch des Ge- neraldirektors Ball in.
— Die Entscheidung über die Frage der Einberufung der Parlamente wird erst nach Mitte Oktober fallen. Wie verlautet, wird sich der Bundesrat am 6. Oktober mit dieser Frage noch nicht befassen. Die Entscheidung wird erst fallen, wenn Reichskanzler Fürst Bülow von Baden-Baden zurückgekehrt ist und der Bimdesrat die Reicksfinanzreform beraten haben wird.
— Heute abend fand im Reichstagsgebäude ein Begrüßungsabend für die Mitglieder des morgen beginnenden Kolon ial- Kvngresses statt. Anwesend waren u. a. Herzog Johann Albrecht von Mecklenburg, die Staatssekretäre v. Richthofen und Kvaetke, Minister Möller, Kolonialdirektor Dr. Stübel, Gouverneur für Deutsch-Ostafrika v. Lindeguist. Dr. v. Holleben hielt die Begrüßungsansprache und teilte mit, daß 1800 Kongreßteilnehmer sich angemeldet hätten.
Baden-Baden, 4. Oft. Die Kronprinzessin ifti heute hier anaefonrmen. Prinz MaxvonBaden besuchte hier den Reichskanzler.
— Der Reichskanzler empfing heute mittag eine Devu» tation des Straßburger Mannergesangvereins. Der Vorsitzende überreichte dem Reichskanzler das Diplom als Ehrenmitglied des Vereins. Der Reichskanzler dankte den Sängern. Er stehe als Reichskanzler in nahen amtlichen Beziehungen zu den Reichslanden, er pflege diese Beziehungen gern und sei stolz darauf, Ehrenmitglied des Vereins zu sein, und dies nicht nur als Reichskanzler, sondern auch als Deutscher, denn Sttaßburg und die Reichslande seien jedem guten Deutschen besonders ans Herz gewachsen. Er ferme wohl, bemerkte der Reichskanzler in Erwiderung auf eine Stelle in der Rede des Vorsitzenden, die hohe Bedeutung des deutschen Liedes für das deutsche Volk als oft bewährtes Mndeglied in der Geschichte der nationalen EinheitÄ>ewegung. Er wisse auch, daß der Sttaßburger Männergesangverein von vaterländischer Gesinnung erfüllt sei, und er sei überzeugt, daß jedes Mitglied desselben auch fernerhin ein Apostel des Deutschtums in der Heimat sein werde, und so hoffe et, daß die Beziehungen zwischen den Landsleuten jenstits und diesseits des Rheins, zwischen Elsaß-Lothringeu und Alldeutsch- land, immer herzlicher und enger werden würden.
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Wom großen ZLerlirrer ßleklrizttätskreik.
In allen Kraftstationen der Berliner Elektrizitäts» werke wurde der Betrieb im vollen Umfange wieder ausgenommen. Die Straßenbahnen verkehren wieder fahrplanmäßig. Die Auszahlung der rückständigen Löhne an die ausständigen Arbeiter der Elektrizitäts-Gesellschaften erfolgte ohne Zwischenfall.
Der Verband der Berliner Metallindustriellen beschloß, sich mit den vom Ausstand betroffenen Elektrizitäts- firmen solidarisch zu erklären und die Fabriken am 14. Oktober nachmittags zu schließen.
In Moabit hat die Bevölkerung wegen der Arbeitswilligen Krawalle veranstaltet. Vor den Werken sammelten sich große Menschenmaffen an, die erst mit einem großen Aufgebot an Schutzleuten auseinandergetrieben werden mußten. Trotz aller Dementi erhält sich das Gerücht, daß in Oberschönweide jetzt Militär an Stelle der Streikenden im Betriebe ist. Etwa 50 Mann vom Eisenbahn-Regiment in Schöneberg sollen dort in Zivilkleidung Maschinendienst tun.
Der „Nationalztg.^ zufolge bestätigt sich die Meldung, daß ein Aus ständig er unter dem Verdacht, die Brandstiftung in den Kabelwerken zu Oberschöneweide verübt zu haben, verhaftet sei, nicht. Bisher ist keine Verhaftung vorgenommen worden.
Aus den mit der A. E. G. in Verbindung stehenden Elektrizitätswerken zu Hannover, Breslau, Lichterfelde und anderen Orten sind Mitteilungen gekommen, wonach die dort beschäftigten Arbeiter gleichfalls in den Solidaritätsstreik zu treten beabsichtigen.


