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4.3.1905 Erstes Blatt
 
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Nr. 54

©rftielet tägNH

außer SonntagT.

Dem Gießener Anzeiger werden tm Wechsel mit dem hessischen Landwirt die Gießener Kamtlien« Näher viermal in der Woche beigelegt.

KotalionSdruck eu Ver­lag der Brühl 'scheu Un we rf-Duch-u. Stein* druckeret. 8t, Lang«. Redattton, Expedition und Druckerei:

Schulpraße 7, tlbrefie für Deveschem Anzeiger Gieße«.

Frrnsprechanschluß Nr. 51.

Grftes Blatt.

155. Jahrgang

Samstag 4. März 1805

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HD monatlich 75 Pi^ oiertet»

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" General-Anzeiger " 43S

07 den polit. und cJae)>t.

Amts- Md Znzeigeblatt für den Kreis Gießen WWZ

v " zeigenteil: Hans Beck.

Amanzmmisier Knautlj LSer die ovekt-ejfijchen KisenöayoprojeLte.

R. B. Darmstadt, 3. MärH.

Es dürste alle unsere Leser interessieren, den authen­tischen Wortlaut der Siebe kennen zu lernen, in welcher Finanzminister Gnauth sich in der Lmnnrersitzung vom letzten Dienstag über die verschiedenartigen Bcchn- projekte in Oberhessen äußerte. Er äußerte sich d-arüberr, nachdem er vorher bereits die Unterstützung der Regierung für die Beibehaltung der Station griebberg für den Schnell zug ab Frankfurt 11. ccherrds zugesaat und als Ursache der langsamen Fahrt »auf der Strecke Friedberg-Nidda die vielen Haltestellen angeführt hatte, in folgender Weise:

. . . Wenn nun der Herr Abg. Dr. Heidenreich eine Pa- raNele konstruiert hat Mischen der Hebung deS Notstandes, der hinsichtlich des Mangels einer Nebenbahn nach Hammelbach und der Durchführung eines Generalkulturplans auf dem hohen Bo gelsberg besteht, so rnöchet ich ihm doch zunächst die Frage nahelegen, ob man nicbt auch vielleicht umgekehrt sagen könne: das, was dem hohen Vogelsberg fehlt, das hat der Oden­wald in der vorzüglich rentablen Bahn Mörlenbach-Wahlen be­reits vorweg gehabt, (Heiterkeit und Sehr richtig!) ganz ab­gesehen davon, daß es immer gefährlich ist, foldjsi Vergleiche zu ziehen, die ja dann sehr geneigt sind, iu der Richtung von Kvm- pensationsobjekten sich auszuwachsen.

Ter Herr Abg. Schmalbach vermißt in den nächsten, zur Vorlage kommenden Nebenbahnen eine Linie Mücke-Ulrich­stein-Rixfeld. Ter Herr Abg. Reh wäre mehr für die Linie Alsseld-Ulrich st ein. Ich kann auch über diese Frage einige Auskunft geben. Kosten würde die Linie, welche der Herr Abg. Schmalbach vermißt, 3 750 000 Mark, die Linie, welche der Herr Abg. Reh wünscht, 2 500 000 Mark. Es handelt sich dabei im wesentlichen darum, denjenigen Teil des hohen Vogels­berges, dessen Mittelpunkt, wenn ich so sagen soll, das Städtchen Ulrichstein bildet, in den Verkehr hineinzuzieheu und eine ver­gleichsweise große, noch offene Masche unseres oberhessischen Eisen- bahnneses auszufüllen. Nachdem ckmächst ein Streit bestanden hatte. Mischen den zwei Projekten Mücke-Ulrich st ein-Rix- feld und Ehringshausen-Groß-Felda-Ulrichftein- Rixfeld, ist uns die Qual der Wahl noch erschwert worden durch ein drittes Projekt Alsfeld-Ulrichstein-Schotten, und wir haben seinerzeit ich meine, ich hätte das auch bei der vorjährigen Budgetberatung ausgesprochen erklärt: Wir wollen einmal abwarten, was aus dem Msfeld-Ulrickstein-Schottener Pro­jekt wird, namentlich weil bei diesem Projekt uns damals die Aussicht einer Verwirklichung unter stärkerer Beteiligung des Privatkchntals eröffnet war und unter Heranziehung der leist­ungsfähigeren Gemeinden zu besonderen Opfern. EL-^erschLutt. mir, ats ob jenem Projekt, zum mindesten seiner Turchführung bis Ulrichstein, inzwischen Schwierigkeiten erwachsen seren. Erne Anfrage welche ich dieserhalb an das Eisenbahnkomitee habe richten lassen, ist meines Wissens noch nicht beantwortet. Wir werden nicht mehr zu lange bamit warten, umso weniger, als von den Eisenbahnkomitees in Ulrichstein und Groß-Felda uns Eingaben zugegangen sind im Namen von 15 der dortigen Ge­meinden, welche in entschiedener Weise betonten, daß der Ver­kehr ihrer Gegend überhaupt nicht nach Alsfeld, sondern nach Gießen zu gerichtet sei, und welche daher den beiden erst­genannten Projekten den Vorzug geben. Würde die Hoffnung der Verwirklichung und leichteren Finanzierung eines Projekts Als­feld-Ulrichstein zu Schanden werden, dann würde die Regierung nur noch zu wählen haben zwischen den beiden älteren Konkurrenz­linien Mücke-Ulrichstem und Ehrmgshausen-Groß-Felda-Ulrich- stein, und wir sind, der Meinung, daß dann die erste Linie zu be­vorzugen ist, dabei aber zu erstreben sein würde ein Stichbahn- An schtuß des sehr rührigen Orts Groß-Felda an die oberhessische Bahn zwischen Ehringshausen und Zell-Romrod. (Sehr gut.)

Tie Sache ist noch nicht ganz spruchreif; wenn wir aber erst darüber im klaren sind, was gemacht werden soll, dann wird die

Gießener Stairliyeuier.

Der FanrMentag.

Lustspiel in 3 Akten von Gustav Kadetburg*.

Das Thema der unstmtdesgemäßen Heirat, der Liebe eines Adligen und einer Bürgerlichen, ist seit Schillers Tagen, seitKabale und Liebe", ein beliebter Tragödien- stoff gewesen. Daß ihm Herr Kadelburg, der ehemalige Kompagnon und unentwegte Geistesgenosse des Herrn Blumenthal, keine tragische Wendung gibt, versteht sich von selbst. Darum ist denn auch sein Schwank, entgegen dem Geschicke des neuesten Blumenthalsch-en Aduseuerzeugntsses vomToten Löwen", von keiner vorsorAichen Zensur irgend jemandem vorerrthalten worden. Vielmehr hat das Pu­blikum allenthalben das Urteil der geehrten Vorlacher in Berlin sanktioniert, wo das ^uck im neuen Lustspielhause Ende November v. I. zum ersten Male das Rampenlicht erblickte und wo es dieser Tage zum 100. Male vor dem Publikum erschien, in Anwesenheit des leidenden Autors, der um des Ehrentages seines Farntlientages willen seine Wiesbadener Kur unterbrach.

Mio Herr Kcrdelburg kommt uns natürlich wieder mit Späßen und Späßchen. Der leider so früh verstorbene Otto Erich Hartleben hat in seinem wcvk,amen, aber von ihm selber mit Recht nicht sonderlich hoch ecngeschätzten Rosenmontag", ebenso wce Beyerlern m fernemZapfen­streich", mit dem unlängst die Theaterfreunde von Marland und Paris beglückt worden find, aus dem Standesvorurteil noch ' Uragrjche Schicksale zu entlvickeln gewußt. 5)err Kadelburg, der ewig Lächelnde, benutzte das Mouv zu einem Schwanke. Der Baron Egon v. Wollten soll das ihm zu- gefallene Majorat antreten. Doch ein intriganter Vetter, der selber majoratslüsvern ist, findet in den Familiensatz- ungen eine uralte 5Aaufel, der zufolge der MachratsHerr nur eine Ebenbürtige zur Frau nehmen bars, lind Egons Auserlvählte ist leider KeineGekorene", sondern die Feder strciubt sich gegen die Weiterschrift ein angenom­menes 5kind des Plebejers Ruschke. Herr Ruschke aber uns stehen die Haare zu Berge - ist m seiner Militärzeit Bursche gewesen beim Rittmeister Ludolf v. Wollcen, der übrigens heule Majoratsherr wäre, wenn nicht sein ver­storbener Zwillingsbrstder bei der «butt um fünf Mt-

noch schwierigere Frage kommen, wer das bezahlen soll. (Heiterk.) Ich fürchte, die Berhältniife iverden dort so liegen, daß man ohne eine stärkere Heranziehung des Staates, als beispielsweise zu den Projekten, die wir Ihnen demnächst Vorschlägen werden, nicht durchkormnen wird.

Zum Trost für den Herrn Ma. Reh mochte ich nun auf die Linie übergehen, die er an erster Stelle genannt hat: Alsfeld- Hersfeld. ist ja schwer, bezügl. dieser Linie, von der er mit Recht hervorgehoben hat, daß alle seitherigen Bemühungen der hessisckMn Regierung auf HerstelÜmg dieser Verbindung im Einvernehmen mit Preußen bis jetzt erfolglos gewesen sind, es ist schwer, bezüglich dieser Linie einen Trost zu geben, und doch glaube ich ihn heute geben zu können. Die Sache ist wenig­stens über den toten Punkt hinausgebracht, und das ist schon etwas wert. Es sind im vorigen Jabre vorläufig Untettuchnngen bezüglich einer Bahnverbindung zwischen Alsfeld und Nieder- A u l a angestellt worden; die haben allerdings geendet mit einem Kvstenvoranschlag für die ganze Sttecke Hessen und Preußen zusammen, emschLießüch der Kosten für die Bettiebsmittel, von 4 520 000 Mk. und haben weiterhin geendet mit dem Ergebnis, daß auf eine auch nur annährend ausreichende Verzinsung dieses Kapitals nicht gerechnet werden kann."

Trotzdem hat sich nunmehr der preußische Herr Minister bereit finden lassen, dieses Projekt weiter zu verfolgen, und zwar das wird den Herrn Mg. Stöpler interessieren im Zusammenhang mit der gleichzeitigen Projektierung einer Linie von Scklitz nach Nieder-Jossa, also dem Fuldatal fol­gend. Wir sind erst vor kurzem mit der preußischen Ziegierung glücklich so weil gekommen, und wir werden die von uns erbetene Erlaubnis zum Betreten der Grundstücke usw. zwecks Vornahme der Vorarbeiten die also nunmehr staatliche Vorarbeiten für die Linie sein werden selbstverständlich demnächst erteilen; wir werden auch erteilen für die Linie im Fuldatal. Ich will aber ausdrücklich zur Beruhigung der Interessenten der Linie Alsfeld-Hersfeld hier wiederholen, was ich vor einigen Jahren schon in Alsfeld feierlich ausgesprochen habe, daß die !>essifche Regierung niemals in einer Linie Schlitz- Nieder-Aula einen Ersatz finden würde für eine Bahn von Alsfeld nach Nieder-Aula. Für uns kann fick die Frage nur so gestalten: Sollen wir, namentlich, wenn aus anderen, allgemeineren Gründen vielleickä preußischerseits darauf Wett gelegt wird, daß das Stück Nieder-Aula-Nieder- Jossa einer Alsfeld-Hersfelder Bahn auch für eine Bahn nach Schlitz ausgenützt wird, uns dem entgegenstellen? Ta fallen ja nun mit ziemlicher Schwere ins Gew^^t die Gründe, welche der Herr Abg. Stöpler narnens der Interessenten in dem Fulda­tal geltend gemack-t hat. Insoweit also, darf ich in der Tat viellercyt sagen, sürd wir endlich einmal in der Lage, wieder etwas erfreulicheres über jenes alteSchmerzens- kiud zu sagen.

Volilstche Tagesschau.

Der Erfolg der Hochfchuldeöatte im preuß. Abgeordnetenhause.

Das allgemeine Interesse nationalgesinnter Kreise richtete sich in diesen Tagen auf die Debatte über die akademische Freiheit und den Hochschulstreit im preußischen Abgeordneten­hause. Mit Spannung sah man dem Verlauf entgegen und erwartete hochinteresfante Szenen und auch wohl bedeutende Erfolge gegenüber der Taktik der Regierung. Den also Harrenden ist eine Enttäufchung zuteil geworden, illlcht nur, daß Regierung und Parteien trotz anfänglichen starken Auf- einandervlatzens in holdem Frieden auseinandergegangen sind, als ob nichts geschehen sei, auch in der F^age der kon­fessionellen Verbindungen ist man fernen Schritt vor­wärts gekommen. Zwar haben sowvhl die Vertreter der Regierung als der Parteien jene als eineunerfreuliche

Erscheinung" anerkannt, zugleich aber die Unzulässigkeit des Verbotes nachdrücklichst betont. Und wie ist das zu er­klären? Einfach daraus, daß sämtliche Redner den einzig, richtigen Standpunkt nicht heroorgehoben haben, von dein aus man die konfessionellen Verbindungen allein bekämpfen könnte und müßte, vom politischen! Man hätte dem preußischen Kultusminister die Frage stellen sollen, ob er wohl auf Grund derakademischen Freiheit^ auch sozial­demokratische Studenten - Vereinigungen dulden würde. Eine verneinende Antwott wäre sicherlich erfolgt. Rian konnte nicht ost genug beteuern, daß man keine Ver­anlassung habe, gegen die konfessionellen Verbindungen vor­zugehen. Wann endlich wird der Liberalismus sich auS seinem, einer Nückenmarkslähmung ähnlichen Zustande heraus­raffen und lernen, daß gegen Intoleranz niemals die Toleranz, gegen Unfrsiheit nie Freiheit Aussicht auf Erfolg haben. Wann wird der deutsche Diichel in die Lehre gehen bei ber französischen Regierung? Die einzige Hoffnung, die in dieser Hinsicht gehegt werden kann, stützt sich auf die deutsche nationale Stu dentenschaf ü An ihr ist es jetzt, sich der Selbsthilfe zu bedienen und mit eigenen Kräften das zu erstreben, was die preußische Volksvettretung nicht zu er­streben wagte. Riöge der deutsche Geist, der in den deutschen! üllusensöhnen wieder so herrlich erwacht ist und wahrhaft Herz-- erhebende Begeisterung gezeitigt hat, nimmer ruhen, biS er, alle Schädlinge wahren nnd echten Deutschtums von beit; Stätten ber Wissenschaft verbannt unb baburch ber vollen! akademischen Frelheitt' roieber freie Bahn geschaffen hat!

*

Zur Frage der ßrafgesetzlichen Aberkennung des Adels hat der Vorlianb der Deutschen Abelsgenossenfchaft folgenbeft Antrag an den Staatssekretär des Reichsjustizamts gerichtet^ Tie hohe Regierung wolle dahin wirken, daß: 1. Der § 811 des Strafgesetzbuchs durch eine Vorschrift ergänzt werde, wonach die Verurteilung zur Zuchthausstrafe außer den bereits gefetz- iid) vorgesehenen Rechtssolgen auch den dauernden Verlust des Abels v e w i r k t; der § 83 des Straigesetzbuchs durch eine Vorschrift ergänzt werde, wonach die Aberkennung der b ü r g e r 11 et) e n Ehrenrechte autzer den bereits gesetzlich oor- gejcl)enen Rechtssolgen auch den dauernden Verlust des Adels be» wirft. 2. Das WoriAdelsprädifaie" im § 360 Ziffer 8 des Straf­gesetzbuchs durch einen Begriff ersetzt werde, welcher nicht nur die itnbeiugTe Annahme von Adelstilelu, sondern auch von adelige« Wappen und Kronen unter Strafe stellt."

MusLanv.

London, 3. März. TerStairdard" veröffentlicht ein» Schreiben des deutschen Plarineattachees Kapitän Cörper an Archi­bald Hurd, den Verfasser der BroschüreDie britischenj Kriegsflotten", in dem bei Marineattachee ihm mitteilt, Kaiser Wilhelm geruhe ein Exemplar der Broschüre anzu- nehmen unb habe ihn beauftragt, Hurd den kaiserlichen Tank zu übermitteln. In Oer Vorrede der Broschüre sind Zuschriften der Admirale Sir Edw. F. Freemantle, I. Hopkins und Montagn an, den Verfasser abgedruckt, sie erinnern darin an folgende Worte,, die König Eduard am 25. Juni 1904 in Kiel zu Kaiser Wilhelm! beim Fesnuahle auf derHohenzollern" sprach:Möchten imsere beiden Flaggen bis in die fernsten Zeiten, ebenso wie heute neben einander wehen zur Aufreckfterhaltung des Friedens uni> ber Wohlfahrt nicht allein unserer Säubern sondern auch aller Stationen!" Ferner brandmarken biese Admira lealle Versuche, Feindschaft zwischen der deutschen unb englischen Nation zu säen.

nitten ihm Mvoigelommen wäre. Der gute Ludolf aber mochte fich doch nicht vordrängen! Lubvlf ist überhaupt ein Prachtkerl. Schon tu eil er wegen seiner ekligen Familie zu den notteidenden Agrarierii gehört, kamt man ihm mit oder trotz s einer großen Kartoffeln und der damit eng ver­bundenen unvernreidLichen Geisteseigenschast, und mit oder trotz seiner noch größeren Neigung zu einem guten Mosel nicht gram fein. Obendrein ist er bis in die Kapillar- Arterien ehrenhaft.

Tas Ende vom Liede kann man sich bei einem Schwanke denken, zunM 5-err Kadelburg als erprobter Heiratsver­mittler langst weit geschätzt ist. Die Lbsmrg kommt durch eine urkundliche Entdeckung des sleinatten Archäologie- prosessors v. Wottien, der sich aus feinen wurmstichigen Scharreleu nur zu diesem Zwecke auf einen Atoment l)eraus- vappelt.

Tie Ebenbürtig teils ft age, die seit dem Lippeschen Erb- schaftsstreit ja aktuell ist, hat Kadelburg jedenfalls ganz, mrterl-ültsam und mit so diskreter Satire behandelt, daß sie kaum zum Durch schein kommt. Sind aua) die meisten seiner Personen Elichvfiguren, jo sind doch einige rechlv lusttg, jo die eitle ExzeiEnz im SerenijftmuMl, dieser Nachkomme von Schillers Z^oftuarstyall v. Kalb, feine hoch­näsige Frau GemalM aus tioch blauerem Blute^ der windige und der solide Leuuiaut, der brave Herr Ruschke, ein Ber­liner Agrarier, der auf seinem Balkon die Landwirtschaft im großen betreibt rc. re.

Das Beste am Ganzen ist die gelungene Idee bc§ FamillentageS derer v. Wollien. Indem Kabelburg diesen im 1. Akte auf die Bühne brachte, führte er das Publikum in em bem Theater seither fremdes Milieu. Dian nimmt ge­spannt Anteil an den Verhandlungen und sympathisiert mit dem feinem bürgerlichen Liebchen treuen Majorctts- anroärtcr. Der FcmnUentag ber Ruschkes mitsamt ber Ver­brüderung des alten Rittmeisters und seines Exbur)chen ist fidele Posse. Rlancher Anspruchslofe aber sieht darin vielleichtmodernes Aleuschentum" unb er zerdrückt eine Trane behaglichsten Mitgefühls, wenn Herr ' Egon fein Majorat und fern Bürgermädchen, wenn fem Schönväschen, das 3-rcifräulein, ihren geliebten Wäjchehändler en gros friegt". Die Welt ist ja jo jchön und die meisten llftenjchen

sind jo brav und jo gut und fo possierlich, unb ber Herrgott sorgt ja in Gemeinschaft mit Herrn Kabelburg so prompt für cmsgleichenbe Gerechtigkeit. Ist es nicht eine Lust, zrt leben ?

Kabelburgscher Optimismus ist schließlich auch etroaS wert. Unb zubem ist wenigstens anfangs ber Lustspielton glücklich sestgehalten, es steckt bnrin ein ganz nettes Portiönchen jovialer Liebenswurbigkeit, ein lebensfroher^ wenn auch recht haiisbackener Humor. Der Dialog ist frisch, unb lebendig, niemals albern ober nach faben Witzen haschend/, kurz, man kann dem anspruchslosen Schwanke nichts Uebles. nachsagen. Es ist ein schmackhafter und wohlbekömmttcherj Nachttrunk für alle, deren ästhetische Magennerven nicht aw galoppierender Verfeinerung leiben.

Zumal wenn er fo nett serviert wirb, wie in unserem Hoft -Theater. Die Regie bes Herrn Hermann S t e i n g o e t t e ri war tadellos. Alle komischen Effekte waren aus bem Stücke herausgeholt, manchmal sogar mehr als in Frankfurt, wo am ersten Weihnachtstagc mancher broUige kabelburgsche Schlager gar nicht zur Geltung» kam. Ebenso gut war bas Zusammenjpiel. Im Einzelnen ist nicht viel zu sagen. Tie Herren Steingoetter, Lüttjohann, be Geocgr, Llnbreas, Li uzen, Conrabi, Sanborfs rc. waren bie gelungenen herrlichen Vertreter ber Familie Wollien, bie in amüsanten Typen an uns vorüber- schritten. Eine köstliche Figur schuf Herr Lippert als Ruschke. Von Damen verdienen Hervorhebung Frau Fischer und Frl. Ruf als Angehörige der Familie Wollicn, sowie Frau Jenny als die liebeGeburtStagerin^ (um mich eines in Thüringen vielfach ernsthaft gebrauchten hoarsträiibenden Wortes zu bedienen) und Frl. Christo­ph eis en als die zukünftige llftajoratLherrin. Sie, die ja wohl bisher die einzige Hoffnung unserer nächstwmterlichen Spielzeit repräsentiert, spielte die-junge Malerin schlicht und jynipathisch. Doch hatte sie in ihrem Jleußeren (Kostüm Fnfur rc.) bie Künstlerin sowohl wie deren Armut anzu­deuten unterlassen. Auch wäre der Rolle ein Mchmehr an bescheidener, stiller, kleinmädchenhafter Zurückhaltung, cm