Ausgabe 
31.3.1905 Drittes Blatt
 
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Nr. 77

Freitag, 31. März 1905

155. Jahrg.

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Gießener Anzeiger

Mafttoo, tpNttttai «.tatlralt MmQlI ufcu a^tg*et**,

General-Anzeiger, Amis- und Anzeigeblatt für den Kreis Siehen.

Parlamentarische Verhandlungen.

Nachdruck ohne Vereinbarung nicht gestattet.

Deutscher Reichstag.

17 6. Sitzung vom 3 0. März, 11 Uhr.

Das Haus ist schwach besetzt.

Am Bundesratstisch: Graf Posadowsky, FrKr. von Stengel und andere.

Die dritte Etatsberatung wird beim Etat des R e i ch s a m t s des Innern fortgesetzt.

M>g. Dr. Südekum (Soz.) polemisiert gegen den Abg. Dr. Dnrgdan. Wie es die freisinnigen machten, zeige die freisinnige Stadwertretung m Nürnberg, die die schlechteste Art der Kranken­versicherung, dre Gemeindeversicherung, noch immer aufrecht erhalte, trotzdem dre krauten Arbeiter weit weniger als bei den anderen Kasten. Nürnberg sei geradezu ein freisinniges sozialpoli- trsches Kamerun. Nur aus terroristischen Gründen würde das bessere Krankenkastensystem dort hintangehalten.

Abg. Fraßdorf (Soz.) wendet sich ebenfalls gegen den Dr. Mugdan und verteidigt die Haltung der sozialdemokratischen Krarr- kenkassen-Vorstände. Bezeichnend sei es, daß nach der ersten Rede Dr. Mugdans die Konservativen von Kardorff und Fürst zu Dohna- Schlobitten ihm gratulierten. Früher wäre ein Freisinniger scham­rot bei solcher Gratulation geworden.

Präsident Graf Ballestrem: <Äe dürfen nicht sagen, daß ein Abgeordneter schamrot werden müste, wenn ihm Kollegen aus dem Hause gratulieren.

Abg. Dr. Mugdan (fteis. 23p.) weist die Angriffe der sozial­demokratischen Redner zurück. Dem Abg. Dr. Südekum stimme ich darin bei, daß die Verhältnisse in Nürnberg beklagenswert sind. Doch muß man dabei berücksichtigen, daß die Gemeindeversicherungen in Bayern eine andere Rolle spielen, als rm übrigen Deutschland, da ste lange vor der Krankenversicherungsgesetzgebung gegründet sind. Herr Fraßdorf warf mir vor, den Beifall der RecÄen errungen zr haben. Aber Herr Singer hat sich doch auch gefreut, als er neulich mal in der Frage der Einjährigen die Zustimmung des Abg. Lieber­mann von Sonnenberg fand. Daß meine Ausführungen den So­zialdemokraten unangenehm sind, glaube ich gern, haben sie doch nicht weniger als sieben Redner gegen mich losaelasten. obwohl doch eigentlich schon einer genügt hätte, z. B. Herr Zubeil, dieses Muster von objektiver Wahrheit. Nun soll ich hier Arbeiter angegriffen haben, die sich nicht verteidigen konnten. Aber wie machen es denn die Sozialdemokraten? Jeden Tag greifen sie hier irgend eine Ka­tegorie der bürgerlichen Gesellschaft an, bald sind es Aerzte, bald Offiziere, bald Beamte, und die alle Birnen sich doch auch nicht ver­teidigen. Herr Bebel hat nicht nur den Prinzen Prosper Arenberg hier angegriffen, der geisteskrank war, sondern auch die Aerzte, die ihn behandelt hatten.

Abg. Gamp (dtpj legt auf Grund taffächlichen Materials dar, daß die Fabrik Seberntfen am Rhein keine Giftbude sei, wie der Abg. Wurm in zweiter Lesung behauptet hatte.

Abg. Thiele sSoz.) spricht über eine Krankenkastengeschichte und weist diverse Vorwürfe gegen sozialdemokratische Vertyaltungsmit- glieder zurück.

Abg. Dr. Becker (notL): Auf die gestrigen Ausführungen des Herrn Scheidemann habe ich zu erwidern: Wenn ich die Kaste wegen eines Konflikts hätte schädigen wollen, hätte ich das schon im Januar und Februar tun müsten und nicht erst im März und April, wie Herr Scheidemann behauptet. Er hat dann weiter behauptet, daß ich seinerzeit bei der Einführung der freien Arztwahl für die Teilung des Honorars von 1000 Mari unter die beiden Aerzte ein­getreten bin, damit auch ich 500 Mari bekomme. Demgegenüber stelle ich fest, daß das Kreisamt in Offenbach den Vorschlag machte, die freie Arztwahl einzuführen und das Honorar unter die beiden Aerzte zu teilen. Auf diesen Vorschlag ging der Krankenkastenvor- stand ein, und als es spater trotzdemzum Konflikt kam. da verfügte das Kreisamt, daß eine geheime Abstimmung stattfinden .solle. Diese Abstimmung fand statt am 7. September 1902. Die Stimm­zettel sind aber nicht von mir ausgegeben worden, sondern von dem Kastierer der Krankenkaste. Auch waren sie vor dem Wahl­lokal zu haben. Man gab zwei verschiedene Stimmzettel aus. Mit dem einen stimmte man für Einführung der freien Arztwahl und Teilung des Honorars unter die beiden Aerzte. mtt dem zweiten für meine Absetzung. Allerdings wurde dann durch die Mehrhett meine Absetzung beschlosten. Daß ich mit den Arzneien verschwenderisch umgegangen sei. mutz ich enffchieden zurückweisen. Ich habe nicht für 20 Mark Verbandswatte bei einem Kranken verbraucht, sondern, da keine Apotheke im Orte war, mußte ich mir immer einen Vorrat von so wichtigen Arttkeln halten. Mtt dieser Verbandswatte habe ich dann eine ganze Menge Pattenten behandelt. Der Mann, der infolge meiner Verordnungen von Pepsinwein gestorben fern soll, litt an chronischer Lungentuberkulose. Es ist aber weder an dieser Krankheit gestorben, nach am Pepsin-Wein, sondern durch einen Unglückssall, er geriet nämlich zwischen zwei Effenbahnpuffer. sGroße Hetterkett.) Als Beweis dafür, daß ich mtt den Arzneien durchaus nicht verschwenderisch umaehe, sondern daß im Jittereste der Krankenkasse arbette, teile ich mtt, daß ich wieder von der EiAi- bahndrrektion Mainz als Bahn- und Kastenarzt angestellt bm. sBeifall.) Heidemann (Soz.): Ich muß nochmals behaupten daß dHe Behauptungen des Herrn Dr. Becker objekttv unwahr^ smd. Herr Dr Becker glaubte mich dadurch zu widerlegen, daß er sagte. Ar betreffende Prinzipal, besten Arbetter ich mtt Brodlosmachung gedroht habe, sei gar nicht in Karlsbad gewesen. Nun. das ändert Sacke nichts, ob der Herr m Karlsbad oder Maricubad oder

Wenn Herr Becker meint, es sei keine Verschwendung, lÄte Pepsin-Wem in wenigen Tagen einem Kranken zu ver- io bin ick anderer Ansicht. Man kann es auch auffasten als eine Anleitung, sich dem Alkohol zu ergeben. Ick behaupte auch daß Herr Becker mtt den ihm gunsttgen Stimmzetteln von Ä H^is aeaanaen ist. (Lebhaftes: Nein, nein! bei den Na- § mienn Herr Becker behauptet, so beliebt in Ar-

honantberalen) W er denn nicht in unsere Arbeiter,

smn, *5 fflfceorfmeta. nicht da sind. um sich zu mnns-eren. " '^W^Sch-id-m-nn- Eben deswb.w-il ich das tneife, unter- ** Zg^mlB^klärt^-inig- Äh-mptungen des 9b0. "ä,Ä erÄSiS»

Abg. Ganw (Rp.) die des Abg. Wwn,

Abg. Jtjchert (Ztr.) diedes! «bg.

Abg. Wurm (Soz.) nochmals die des Ävg.

Abg. Bruhn (Antij.) die des Abg. Stadthagen,

Abg. Jffchcrt (Ztt.) wiederum die des Abg. Lipinski,

Abg. Stadthagen (Soz.) nochmals die des Abg. Bruhn für ob­jektiv unrichtig.

Abg. v. Massow (Ion).) geht auf eine Rede ein, die der Abg. von Gerlach bei der zweiten Lesung über den Kontraktbruch der Landarbeiter gehalten hat. Wenn die Landwirte mit ihren Ar­beitern schriftliche Konttakte machten, wurde der Kontrattbruch nur gefördert werden. Herr von Gerlach verstehe nichts von ländlichen Verhältnissen, er sei em politisches Chamäleon. Diese Tiere, zur Klasse der Eidechsen gehörend, wechselten bekanntlich Nicht nur die Farbe, sondern, wenn man sie scharf anfaßle, auch den Schwanz. (Große Heiterkeit.)

Abg. o. Gerlach (frei). Dgg.) erwidert, er werde nicht aufhören, hier die traurigen Verhältnisse der Landarbeiter zur Sprache zu bringen und die Güter anzuführen, wo Hungerlöhne gezahlt würden. Der sogenannte Witz von dem Chamäleon sei uralt, seit zehn Jahren gehe man schon damit hausieren, die Herren von Der Rechten möchten daher endlich einmal ihren eigenen Geist anstrengen.

Auf eine Bemerkung des Abg. Dr. Becker-Köln (Ztt.) erwidert Staaffekretär Graf Posadowsky: Tie Schwierigkeiten, weshalb nicht den Baugenossenschaften von Arbeitern Der Militärverwaltung Darlehen gewährt werden, liegt Dann, daß wir vier verschiedene militärische Kontingente haben. Wenn wir denen aus den gemein­samen Mitteln Darlehen gewähren wollten, so würde das bezüglich Der Zinsen unD -Tilgungsraten zu großen Schwierigleiten kommen, daß eine Abrechnung unmöglich wäre. Anders liegt es bei der Marine, weil wir nur eine Reichsmarine haben. Es ließe sich diese Frage vielleicht dadurch regeln, daß man für' Die verschiedenen .Kon­tingente des Heeres Summen in Den Eta: des Innern einstellte. Es würden sich zwar auch Dann noch Schwierigkeiten ergeben, ich hoffe jedoch, daß es gelingen wird, Dicj? Imparität abzuschaffen.

Der Etat des Reichsamts des Innern wird bewilligt. Es folgt der Militär-Etat.

Knegsminister v. Einem: Bei der zweiten Lesung des Mitttär- etats ist Abg. Dr. Müller-Meiningen aut den traurigen Fall nur dem Leutnant Tietz in Mainz zurückgckommen, dessen Selbstmord m Verbindung gebracht wird mit dienstlichen Gründen. Ich habe damals darauf erwidert, daß ich aus den Aeußerungen. die Die Braut gemacht haben soll, glaubte entnehmen zu können, daß dienst­liche Gründe nicht vorlägen, sondern dieser Selbstmord auf andere Motive zurückzufuhren fei. Ich habe nun einen Brief der jungen Dame, mit der Der Verstorbene verlobt war, bekommen, in dem sie mir schreibt, sie habe derartige Ausführungen, tote ich sie in Der Reichstagssitzung gemach: habe, niemals getan, sondern sie habe vor dem KrieLDgerichtsrat bei Dem Ermittelungsverfahren aus­gesagt, daß sie in Der Tat der Meinung sei, daß Die Kritik Des Kommandeurs und die vorhergegangenen Schikanen Des Komman- Deurs Diesen Leutnant in Den ToD getrieben haben. Sie appelliert an mich, noch einmal eine Darlegung Des Sachverhalts zu geben unD ihre Aussagen richtig ßu stellen. Ich bin also dadurch ge­zwungen, noch einmal auf Diesen unglücklichen Fall in Der Oeffent- lichkett Des Näheren einzugehen.

Nach Den mir boniegenDen Berichten ist Der Leutnant Dietz am 26. November morgens gegen 6 Uhr von seinem Burschen tot hn Zimmer liegend gefunden worden mtt dem Revower in Der Hand. Sein Eskadronchef holte alsbald den Regimentskommandeur, Der mit dem Regimentsarzt und einem Kriegsgerichtsrat alsbald zur Stelle war. Der Kommandeur öffnete im Beisein der genannten Herren einen auf dem Schreibtisch des Verstorbenen liegenden, ver­siegelten Brief (hört, hört! links), in dem folgende Worte standen: Die vernichtende Kritik des Obersten von Blumenthal heute trieb mich zum Selbstmord. Solange er Kommandeur ist, behandelt er mich aus persönlicher Anttpathie schlecht, setzt mich zurück und läßt kein gutes Haar an mir. Vier Jahre habe ich miep durckgekämpft und durchgebissen, doch heute bin ich am Ende meiner Kraft. Die heutige Kritik kann ich nicht ertragen. Sonnabend bekomme ich sicher, egal, wie meine Abteilung ist, dieselbe Krittk. Nun. da konnte ich mich nicht beherrschen. Bester, ich scheide so aus Dem Leben, als daß es noch vorher zum Eklat kommt." Dieser schweren An­klage gegenüber hat der Kommandeur sogleich einen längeren Be­richt an seinen Vorgesetzten sowohl über diese Krittk selbst wie über sein ganzes dienstliches und persönliches Verhältnis zu dem Leutnant Dietz erstattet. Er sagt in diesem Bericht:Ich habe den Leutnant Dietz weder bei noch nach der Besichttgung am 24. d. M. allein gesprochen; aber während der Besichttgung habe ick die Abteilung getadelt. Es geschah das (zur Abteilung ge­wandt). im Beisein aller zur Zeit Dienstfreien Offiziere des Regi­ments. Ich habe gesagt, daß hn vergangenen Jahre dieselbe Ab­teilung, mit fast denselben Pferden durch einen Vizewachtmeister borgeffeKt, die beste Abteilung im Regiment gewesen sei und daß die Mteilung jetzt sehr schlecht sei. Ich ging Dann die einzelnen Lektionen durch und führte aus. daß die Hauptpunkte der Reit- inftruftionen, auf Die es ganz besonders ankommt, nicht beachtet worden feien, - nb daß ich verlange, die Abteilung bei der nächsten Besichtigung ganz anders auch in Bezug auf die Hattung der Leute zu finden." Er fügt Dann einen Bericht eines Majors bei. Der folgendermaßen lautete:Der Herr Oberst fagte, die Abteilung hat mir gar nicht gefallen. Im vorigen Jahre, als ein Vizewacht­meister Die Abteilung, in der fast noch dieselben Pferde sind, reiten ließ, war es die beste Abteilung des Regiments. Heute ist sie sehr schlecht. Sie haben Die Hauptpunkte, auf welche es ankommt und auf welche der Brigadekommandeur ganz besonderes Gewicht legt, außer acht gelassen. Sodann ging der Herr Oberst die einzelnen Teile der Lektionen durch und tadelte, was auszusetzen war. Die Schlußworte. Deren ich mich ganz genau erinnere, lauten:Ich erwarte bestimmt, daß die Abteilung, zu deren Ausbildung Sie noch viel Zeit haben, wenn ich sie wiederfehe, erheblich bester fein Wirt». Der Ton, in welchem der Herr Oberst sprach, war ruhig aber sehr ernst, wozu nach meiner Auffassung vollauf Veranlassung vorhanden war." Der Eskadronchef des Leutnants Dietz hat aber auch nach dieser Krittk nhtgeteilt, daß er ihm Die Abteilung zwar belasten würde, daß der Eskadronckcf sie jedoch für einige Zeit selbst reiten lassen werde, wobei Leutnant Dietz zugegen sein soll. Ich möchte hierauf besonders Hinweisen, weil in diesem Brief des Leutnants Dietz steht: .Am nächsten Sonnabend bekomme ich sicher, ganz egal wie meine Abteilung ist, dieselbe Krittk." Von einer' solchen Krittk war also nimmer die Rede gewesen. Der Oberst schreibt m seinem Bericht Wetter:Ich habe keine persön­liche Antipathie gegen Den Leutnant Dietz besessen. Ich habe ihn in' Uebereinfttmmung mit dem Eskadronchef für einen sehr an­ständigen Menschen aber für einen dienstlich minderwertigen Offizier gehalten. _.

Das letztere habe ich ihm sehr oft im Dienste sagen müssen. Im vorigen Herbst wäre er gerne zur Rettschule kommandiert worden, aber mit Rücksicht auf seine Qualifikation war das nicht möglich Auch habe ich chm hn vergangenen Jahre ferne Qualffi- latwn dem Inhalt nach mitgeteilt, damit Verbesserung eintreten könnte Leutnant Dietz ist hn vorigen Jahre sHver gestürzt und

soll bei seinen Kameraden manchmal einen etwas seltsamen Eim druck gemacht haben, sodaß die Vermutung nahe liegt, er habe in geistiger Störung den Selbstmord begangen. Hierfür spricht auch der Umstand, daß er auf den Leutnant Krell, dem er gestern nach­mittag auf der Straße begegnete, einen nicht normalen Eindruck gemacht hat." Es folgt bann noch Die Mitteilung, daß Leutnant Dietz die Erklärung gemacht habe, sich mtt einer jungen Dame in Wiesbaden verloben zu wollen. Zu dieser jungen Dame hat der Regimentskommandeur dann einen Offizier gesandt, um chr die Todesnachricht zu bringen. Es liegt mir hier der Bericht diese» Offiziers vor, von seiner Hand geschrieben, eine Meldung an das Regiment, worin er die Unterredung mtt der jungen Dame schildert. Er schreibt:Fräulein H. sagte, vom ersten Tag ihrer Bekannt- IdTaft an habe Leutnant Dietz einen melancholischen Eindruck auf sie gemach:, den er selbst auf feinen vor einigen Jahren erfolgten Sturz zurückführt. Er klagte Darüber, daß er besonders bei Wit­terungswechsel diese melancholischen Anfälle bekäme und so sehr Darunter zu leiden hätte, daß er sich schon oft in früherer Zett am liebsten eine Kugel durch den Kops geschossen hatte. Ueberhaupt sprach er sehr viel und gern vom Sterben unD seinem Wunsch, ein­mal verbrannt zu werden. Die Braut will sehr unglücklich darüber gewesen sein: sie habe ihm oft Den Kopf zurechtge^etzt, und es sei ihr auch meistens gelungen, ihn umzuittmmen. Leutnant Dietz habe ihr ost gesagt: nur m ihrer Nähe sei er glücklich, vergesse er die Dummen Gedanken, die durch seinen Kopf gingen. Vor vier­zehn Tagen hatte er an Fräulein H. einen Brief geschrieben, in welchem er einen enrsetzlichen Traum beschreibt, den er in der lehren Nacht gehabt hätte. Er schreibt:Ich träumte, ich saß vor meinem Schreibtisch, unter Tränen verbrannte ich Deine Briefe unD alle kleinen Andenken an Dich. Dann schoß ich mir eine Kugel durch den Kopf." Am lehren eonntage war er zum letzten Male bei seiner Braut, er erzählte von Der Unterredung mit Dem Oberst von Blumenthal inbetreff seines häufigen Verkehrs im Hause H. Er habe feinem Oberst Die Sache auseinandergesetzt und nun stelle sich Der Verlobung nichts mehr entgegen. Freitag am Tage vor Der Besichtigung Der Abteilung C, kam Der letzte Brief, Der abge­rissene Sätze enthielt:Mir ist schreckliches passiert. Eine vernich­tende Kritik des Herrn Oberst bei der Besichngung. Ich weiß nicht, was ich an fangen soll ... Ich weiß nicht, was ich gemacht habe ... Ich zittere an allen Gliedern ... Ich finde meine Ruhe nicht . . ." Und zum Schluß:Morgen ist Abschiedsesien von einem Offizier. Kann deshalb nicht kommen." Die junge Dame meint, sie könne unmöglich den Grund zu Dem Selbstmord in Der letzten Krittk finden. Sein verschlossener Charakter, daß er sich keinem Kameraden anverttaue und seinen Kummer und sein Leid in sich vergrabe, habe ihn in den Tod getrieben.

Ich habe dieses hier mtt großem Bedauern so eingehend bofr getragen, weil es sich doch um eine sehr schwere Anklage eine- Offiziers, der aus dem Leben geschieden ist, gegen seinen Kom­mandeur handelt, und weil sich mm sowohl die Mutter, toie, die Braut jetzt gegen diesen Obersten wenden und glauben bestättgen zu mühen, daß tatsächlich dieser den Anlaß zu Dem Selbstmord ge­geben hat. Die Atten habe ich nicht bekommen und weiß also nicht, ob dieser Bericht des Leutnants, welcher die Todesnachricht über­bracht hatte, bereits durch das Ermittelungsverfahren vor Gericht festgestellt worden ist. Mir liegt aber eine Depesche vor, worin der Offizier jedes Wort jenes Berichts ausdrücklich aufrecht erhält. Wenn eine gerichtliche Vernehmung des Offiziers über die Unter­redung mit der jungen Dame nicht stattgefunden hat, muß sie selbst­verständlich noch nachgeholt werden.

Ich komme kurz noch zu Der Krittk zurück. Nach allem, waS Die beteiligten Offiziere ausgesagt haben, ist sie streng und ernst, aber sacklich und durchaus gerechtferttgt gewesen. Der Oberst war verpflichtet, feine Ausstellungen, Die er an der Abteilung hatte, gegenüber Dem Offizier zur Sprache zu bringen, und eine solche sachliche Krittk muß sich jeder Untergebene vom kommandierenden General bis herunter zum letzten Mann gefallen lasten. Sowett ich Die Sache jetzt übersehe, möchte ich auch meinen, daß, wenn diese Kritik auch schließlich Der letzte Anlaß gewesen fft, um den Leutnant 3u dieser unglückseligen Tat zu bringen, die eigentlichen Ursachen Dieses Selbstmordes doch tiefer liegen, unD man wird zugeben müsten. Daß ein gesunder Mensch einer solchen Kritik gegenüber nur Anlaß findet, seine dienstlichen Pflichten bester zu erfüllen, und daß nur krankhafte Umstände bei einer solchen Kritik dazu führen können, einen Schritt zu tun, der nie wieder gut zu machen ist. Die Atten werden mir zugehen, ich werde sie auf das gewissen­hafteste prüfen, und wo noch dunkle Punkte sind, dabin stteben, daß in jeder Beziehung die Wahrhett ttargestellt wird. (Lebhafter Beifall rechts.)

Abg. Dr. MMer-Meiningen (fretf. Vp.): Auch ich muß auf den Fall Dietz eingehen. Denn auch ich habe Briefe von der Braut und der Mutter erhalten. In einem Briefe schreibt mir die Mutter u. a.:Die Darstellung des Kriegsministers ist durchaus unrichtig. Es handelt sich nicht nur um eine einzige scharfe Kritik, sonder«: um fortgesetzte, langjährige hören Sie, langjährige schlechte Behandlung des Oberstten von Blumenthal, die meinen Sohn, einen durchaus ruhigen und wahrheitsliebenden Menschen in den Tod ge­trieben haben! Die Mutter bittet mich dann noch, ein Wort für die Ehre ihres Sohnes einzulegen. Seine Braut schreibt mir:Die Darstellung des Kriegsministers ist unwahr. Mein Bräutigam, der durch und durch Ehrenmann war, hätte niemals Den Kom­mandeur als feinen Mörder angegeben, wenn dies nicht vollständig wahr wäre." Der Leutnant Dietz hat sich nicht sofort nach Der Kritik etwa in der ersten Auftegung ermordet, sondern hat noch 2 Tage gelebt und fein Testament gemacht. Am Abend, bevor er sich erschoß, schrieb er einen Brief an feine Braut, in dem er ferne Lage darlegt, die Qual, Die er hat erdulden muffen. ES heißt da:Nichts kann ich dem Kommandeur recht machen. Immer pfeift mich Der Kerl an und macht mich schlecht. Jetzt bin ich ganz elend." Wenn ein Mensch unmittelbar, bevor er vor Der Mündung der Pistole steht, das hinschreibt, und daS, waS er in fernem Testament schreibt, so muß er innerlich durchdrungen sein von dem Gefübl Der jahrelangen Quälereien. Er hat die Tat in vollster Ruhe begangen, er hat in seinem Testament genaue Bestimmungen über die Verwendung seines Nachlasies getroffen. Nicht der eine Vorfall, wie Der Kriegsminister meinte, sondern die jahrelange Malttaitierung seines Vorgesetzten hat ihn in Den Tod getrieben. Vor allem noch eins: Von dem Obersten fft das versiegelte Testa­ment des Toten geöffnet worden. (Hört! hort!) Wie kommt daS- Das deutet doch daraus hin, daß Der Oberst kein gutes Gewisien gehabt hat. (Sehr wahr!) Der Oberst fft vom Kriegsgericht daraus aufmerffam gemacht worden, daß er ba9 Testament nicht öffnen Dürfe. Der Oberst ertoiberte:Was mag da drin stehen? Ich muß doch nachsehen. Vielleicht bestimmt er etwas über seine Beerdigung!" (Hört! hört!)

Zur Charakterisierung deS jungen Mannes will ich noch einen poetischen Erguß desselben au5 Der letzten Zeit anführen: