Ausgabe 
31.10.1905 Zweites Blatt
 
Einzelbild herunterladen

Dienstag 3 1. Oktober 1905

Nr. 256

Zweites Blatt

Gießener Anzeiger

Erscheint täglich mit Ausnahme deS Sonntags.

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'ichen Unwersilätsdruckerei. R. Lange, Dreßen.

155. Jahrgang

Redaktion, Expedition u. Druckerei: Schulstr.7.

Tel. Nr. 51. Tetegr.-Adr.: Anzeiger Gießen.

DieGießener Familienblätter" werden dem »Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt. Der hesfijche Landwirt" erscheint monaUich einmal.

General-Anzeiger, Amt;- und Anzeigeblatt für den Kreis Eiehen.

Deutsches Reich.

Berlin, 30. Okt. In Gegenwart des Kaisers hielt Professor Peabody vor. der amerik. Harvard- Ilniversität heute in der Universität seine erste Vor­lesung über akademische Wechselbeziehungen. Nach der Vorlesung unterhielt sich der .Kaiser längere Zeit in an­regender Weise mit dem Professor und dem Botschafter "Tower. Professor Peapody teilte im Laufe der Vorlesung folgenden Brief des Präsidenten Roosevelt an ihn mit:

Mein lieber Sxrr Peabody! Ich interessiere mich höchlich kür den akademischen Austausch, der Mischen unserer Harvard-Universität und der von Berlin eingerichtet wurden ist. Tas Unternehmen scheint mir von Wichtigkeit gleichermaßen für die Geschichte der Entwicklung des Hochschulwesens, wie von dem Standpunkt der Förderung guter Beziehungen Mischen den beiden Ländern. Ich hege eine sehr lebhafte Teilnahme für das Unternehmen und schade in hohem Maße die großherzige und wohlwollende Gesinnung, mit Weyher die deutsche Legierung auf den Plan eingegangen ist. Ich hoffe nicht nur, sondern ich glaube, daß der Austausch fruchtbar fartnfirken und von direktem iinb indirektem Vorteil für die Völker beider Länder sein tfrirb. Aufrichtig der Ihre. Theodore Roosevelt.

Zur Frühstückstafel bei dem Kaiser waren geladen m. a. Reichskanzler Fürst Bülow, der Marineattachee in Petersburg Korvettenkapitän Hintze und Käpitän v. Grumme. Ter Kaiser begab sich heute nachmittag im Automobil nach Liebenberg i. Mark zum Besuche bei dem Fürsten von Eulenburg-Hertefeld.

Zu der morgen beim Reichskanzler stattfinden- />en Audienz, die der Vor st and des Städtetages zur Erörterung der F l e i s ch t e u e r u n g nachgesucht hatte, haben mit Ausnahme des Oberbürgermeisters von Frank­furt a. M. sämtliche für den Empfang gewählten Mitglieder ihre Ankunft in Berlin angezeigt. Oberbürgermeister Adickcs bat wegen Erkrankung die Reise nach Berlin aufgeben müssen.

Tie neue Tabaksteuer besteht nach hiesigen Blät- .ern in einer Erhöhung des Gewichtzolls, der außerdem noch a b g e st u f t ist nach dem Ver Wendung s- zwcck des Tabaks. Tie neue Brausteuervorlage enthält auch das Surrogatverbot, jedoch nur für unter­gärige Biere. Tie Einnahme an Zöllen und Ver­brauchssteuern hat in der ersten Hälfte des lausenden Statsjahres 389,9 Millionen Mark oder 5,9 Millionen Mark weniger als im gleichen Zeitraum des Vorjahres betragen. Gegenüber dem Voranschläge sind bis jetzt 51,2 Millionen Mark weniger an Zöllen und Verbrauchsabgaben einge- gangen.

In der Generalversammlung des sozialistischen Wahl­vereins Teltow-Beskow, in der auch die Erörterung über den Redakiionskonflikt imVorwärts" auf der Tagesord­nung stand, gelangte nach Reden von Dr. Südeknm und des früherenVorwärts"-Redakteurs Metzler, und des Abg. Zu­teil eine Resolution zur Annahme, in der das Vorgehen des 1>arteivorstandes und der Preßkommission scharf verurteilt wird.

Detmold, 29. Okt. Fürst Leopold hielt heute niaclunittag von Jagdschloß Lopshorn seinen Einzug in die Residenz. Ter Einzug glich einem Triunrphsfug. Ter Weg, den das Fürstcnpaar passierte, betrug etwa neun Kilometer. An ihm entlang standen zu beiden Leiten dichte Menschen- rnnucni. Tie Straße war durch Ehrenbogen und Guir- landen geschmückt. Auf dem langen Wege zogen sich die Öurrarufc der Volksmenge weiter und weiter. In Hiddcssen begrüßte der Bürgermeister das Fürstenpaar und die Ge­sangvereine sangen. Gegen V26 Uhr trafen die Fürstlich­keiten am Palais ein. Ter Staatsminister, Hofmarschall Graf Rittbcrg und der Regimentskommandeur Oberst von Strubberg begrüßten das Fürstenpaar. Wenige Minuten später betrat der Fürst den Balkon und hielt von dort aus eine kurze Ansprache an das Volk, dem er tief­bewegt dankte. Abermals antwortete das Volk mit Hoch- und Hurrarufen.

München, 30. Okt. In der zweiten Sitzung des Wahlgesetzausschusses der Abgeordnetenkammer wurde die Z e n t r u m s v 0 r l a g e in namentlicher Abstimm­ung einstimmig angenommen. Tie liberalen Abgg. Müller, Tr. .Hammerschmidt und Köhl haben folgende Er­klärung abgegeben: Tie Liberalen bedauern, daß vom Zcn- trum alle Versuche, die Vorlage zu verbessern, abgelehnt wurden, obwohl die gestellten Anträge mit den vereinbarten Richtpunkten und dem früheren Standpunkt des Zentrums selbst übereinstimmten. Tie Liberalen halten an den Be­denken hinsichtlich der Wahlkreiseinteilung fest, behalten sich vor, bei der zweiten Lesung ihre Anträge in dieser Richtung zu wiederholen und drücken die Erivartung aus, daß die'Mehrheit in loyaler Weise entgegcnkommc. Sie erklären die relative Mehrheit für einen ge- s streberischen Fehlgriff. Tie Annahme der Gesetzes- Vorlage int Ausschuß geschehe unter Vorbehalt des prin­zipiellen Standpunktes und in der Erwartung, daß durch das Entgegenkommen die e in st i m m i g e Annahme des Wahlgesetzes erfolge," dte von den Liberalen auf das energischste in allen Stadien der Verhandlung erstrebt werde.

Ausland.

London, 30. Okt.(Soening Standard" meldet ans Shanghai: Admiral Train, der sich mit seinem Sohne, dem Kapitän Train, von dem amerikanischen fiiemonenbootQmros" bei Nangking auf der Jagd befand, schoß versehentlich eine Chinesin an. Die Dörfler umringten unverzüglich die Offiziere, natur n ihnen die Flinten weg, schlugen den Admiral nieder und nahmen den Kapitän als Geisel gefangen. Der mnerif. Arzt erklärte die Verletzungen des Weibes für äußerst geringfügig, doch die Chinesen weigerten sich, den Kapitän freizulaffen und griffen eine starke, zur Befreiung gesandte amerifan. Eskorte an. Eine hierauf gelandete Abteilung von flO Seeleuten wurde gleichfalls angegriffen und gezwungen, Zweimal auf die Menge zu feuern. (Dieses zeitlich sehr selt- ssame Vorkommnis kann gewißen Regierungen Veranlassung geben, den Vorschlag des deutschen Kaisers zur Zu­

rückziehung der Truppen aus Petschili mit dieser .stichhaltigen* Begründung z u ckz u w eis en. D. Red.)

Dem Reuter-Bureau wird aus Mombassa ge­meldet: Die Menge des durch die Strafexpedition gegen die Randileute erbeuteten Viehs beträgt 4000 Rinder und 8000 Ziegen. Die Verlu ste der Randileute belaufen sich auf 2 5 0 Mann, die der Engländer auf 55, einschließ­lich 32 eingeborenen Soldaten, die abgeschnitten wurden.

Paris, 30. Okt. Bet Beratung der Amnestie Vor­lage beantragte der Sozialist Sembat die Ausdehnung der Amnestie auch auf anarchistische Verbrecher, besonders ans Malato und Genoffen, die des Attentats gegen 20übet und den König von Spanien angeklagt sind. Die Kammer lehnte diese Anträge mit 491 gegen 70 Stimmen ab und nimmt die ganze Amnestieoorlage unverändert in der Fassung des Senats mit 541 gegen 5 Stimmen an. (Döroulöde, der bekannte Antisemitenführer, kann also aus Wien nach Paris zurückkehren.)

Bern, 30. Okt. Die deutsche Regierung hat dem Bundesrat mitgeteilt, sie sei einverstanden, das; eine diplo­matische Konferenz einberufen werde behufs Umgestaltung der Beschlüße der Berner Arbeiterschutzkonferenz in internationale Vereinbarungen.

Tokio, 30. Okt. Der Kriegsminister hat einen Gesetz­entwurf eingebracht betreffend die Aufbesserung der Pferdezucht. Es sollen zu diesem Zweck aus Europa Hengste importiert werden. Die Regierung trifft ferner Vor­bereitungen, um China das notwendige Material zur Re­organisation seines Heeres zu liefern. Es werden zu diesem Zwecke von der chinesischen Regierung 20 Millionen Pen auSgeworfen, die sich auf 17 Jahre verteilen sollen.

Die Marine-Sachverständigen sind übereingekommen, die neu zu erbauenden Panzerschiffe mit einem Tonnen- gehalt von 29 000 Tonnen und einer Geschwindigkeit von 20 Seemeilen erbauen zu taffen. Die Panzerkreuzer sollen 15 000 Tonnen Wasserverdrängung erhalten und 25 See­meilen laufen.

Kußland b.kommt fine Derfalsung.

Wir erhielten gestern abend folgendes Telegramm, das wir alsbald durch Aushang bekannt gaben:

Pelersbueg, 30. Ott., 5 Nhr 50 Mm. nachm. (PetcrSb. Telegr.-Aq.) Heute abend wird ein kaiserliches Manifest veröffentlicht werden, durch das Graf Witte zum Minister­präsidenten ernannt wird mit der Aufgabe, die Negie­rung sfn n kt i 0 nen zu vereinheitlichen, wodurch mehr bürgerliche Freiheiten, eine gesetzgeberische Duma und die Ausdehnung des Wahlrechts gewährt werden.

Eine konstituierende Versammlung und ein verantwort­liches Ministerium das waren die beiden Hauptpunkte, in denen die Forderungen der revolutionären Führer gipfelten. Erfüllt das Manifest diese Forderungen? Insofern es einegesetzliche Tuma" unter Ausdehnung de? Wahlrechts undbürgerlicher Freiheiten" verheißt, geht es jedenfalls über die Ankündigung der Reichsd:'ma, deren Wahlmodus und deren Kompetenzen auch berechtigten Wün­schen so gar nicht entsprachen, weit hinaus. Ob aber das Zarentum und sein augenblicklicher Berater Graf Witte bereits soweit gelangt sind, um in der Tat eine Kon­stituante zur völligen Renbegründung eines russischen Ver­fassungsstaates zuzugestehen, ist aus der kurzen Meldung nicht zu ersehen. Es ist zu bezweifeln, daß Witte bis zu diesem Grade der Kapitulation vor den revolutionären Mäch­ten gelangt ist. Trotzdem könnte das Zarenmanifest geeignet sein, dem von Fieberzuckungen geschüttelten russischen Volkskörper Ruhe zu bringen, den Aufstand ^u dämpfen, der eine so erstaunliche Einmütigkeit des weiten Landes an den Tag gelegt hat, sich Rechte zu erzwingen.

Eine andere Frage ist es, wie weit der Zar und wie weit der neue Ministerpräsident Herren ihrer Entschließung m in liberalem Sinne sind. Tie reaktionäre Gruppe am Hofe wird auch heute die Flinte nicht ins Korn werfen, und alles bewegen^ um ihr Stück durchzusetzen. Mit dem Ruß­land der Autokratie und der Beamtenwillkür fällt auch die Macht der Ausbeuterkligue, die von den höchsten Stellungen der Geburt und der Deamtung das Land-brandschatzten, ihrer Geldgier und ihren Lüsten oienstbar machten, und mit diesem alten Rußland fällt nicht minder die Macht der Pobjedonoszew und Genossen, die in dumvfer Unduldsamkeit jeden freien Geisteshauch von dem Reiche des Zaren fern­zuhalten wußten. Dem Einfluß dieser unlauteren und dunklen Mächte aber ftaudzuhalten, dazu gehört aber eine übergroße Persönlichkeit, Die Rußland zurzeit Wohl nicht besitzt, und darum bleibt bie Lage in Rußland unsicher.

Höchst seltsame Nachrichten liefen ziemlich gleich­zeitig ans Kiel ein. Dort soll der kleine Kreuzer ,Lübe cf", s owie eine ganze Torpedo-Division Befehl erhalten haben, sich zur Abreise nach Petersburg bereit zu halten. Die Abfahrt soll heute (Dienstag) erfolgen.

Das schien also beinahe so, als ob deutsche Kriegsschiffe sich in innere russische Angelegenherten mischen wollten. Gleich Darauf verkündete das offiziöse W. T.-B. aus Kiel, die Torpedoboote D 7 und S 131 hätten Befehl erhalten, zunächst nach Memel in See zu gehen, um den na b Deutschland beurlaubt gewesenen Marine-Attachee bei bei Botschaft in Petersburg, Korvettenkapitän Hintze, zurück- zubringen.

Stellt nun diele Nachricht die vorhergehende richtig, oder sagt sie etwas Neues? Das ist die Frage. Wir glauben ci" da erstere, obgleich hier sehr wesentlich anderes gesagt wird, als in jener. Denn unmöglich kann es in den Rahmen der Aus­gaben deutscher Kriegsschiffe fallen, Dienste zu übernehmen, die ausschließlich russischen Kriegsschiffen obliegen. Wir können uns auch nicht vorstellen, daß der Zar, wenn ihm ein solches Angebot je gemacht werden sollte, es annehmen würde. E würde Damit bekunden, daß er sich auf feine eigenen Schiffe nicht mehr verlaßen könnte. Damit würde er den Revo­

lutionären einen moralischen Sieg einräumen, der ihnen zu einem mächtigen Hebel für weitere Erfolge werden müßte. Wir vermögen daher an die Verwendung von Schiffen der deutschen Marine zu Dienstleistungen für den Zaren schlechter­dings nicht zu glauben, um so weniger, als die verheißungs­volle Petersburger Drahtung von dem, den Wünschen de8 Volkes und selbst ihrer Auswiegler doch gar sehr entgegen­kommenden Zarenmanifest jede Gefahr doch wesentlich ein­schränkt. Trotzdem aber räumt die Entsendung zweier Tor­pedobootezunächst" nach dem unmittelbar an der russischen Grenze gelegenen deutschen Hafen Memel nur zur Beförde­rung eines nicht einmal sonderlich hoch im Range stehenden deutschen Offiziers nicht alle durch daS erste, unosfiziöfe Kieler Telegramm heroorgerufene Bedenken aus dem Wege.

Wie diePreuß. Korrefp." honunterrichteter Seite" (?) erfahren haben will, stehe die Unterbrechung des Urlaubes des Marine-Attachees bei der deutschen Botschaft in Si. Petersburg, Korvettenkapitäns Hintze, i>nd die Entsendung von Torpedobooten nach Peterhos tatsächlich in ur- lichcm Zusammenhang mit den Vorgängen in Rußland, bi: auch in Berliner lwhen Kreisen für sehr be­denklich angesehen würden. Hintze, der der Person des Zaren attackiert ist, hatte den Auftrag, die kaiserliche Familie für den Fall, daß ihr Verbleiben in Rußland zur Unmöglichkeit wird, nach dem Aus lande zu be­gleit e n/Wölfin sich für diesen äußersten Fall die Familie des Zaren begeben ioerbe, darüber sei noch nicht endgiltig disponiert. Es sei aber sehr wahrscheinlich, daß die Wahl Kopenhagens, das für diesen Fall in Aussicht genom­men sei, aufrecht erhalten bleibe. Trotz dieser sehr be­stimmten Versicherung halten wir unsere Zweifel aufrecht.

Freilich verdient gleich große Beachtung, daß der amerikanische Geschäftsträger in Petersburg, Eddy, Instruktionen von seiner Regierung verlangte. Er soll neuer­lich beabsichtigen, die dortigen Amerikaner auf einem Schiff unter dem Sternenbanner f 0 rtzu b ri n g en. Sollten ähnliche Absichten von der deutschen Regierung geplant fein? Der englische Botschafter Hardinge, der schon vorige Woche Petersburg verlassen wollte, in­folge des Ausbruches des EisenbahnerstreikS jedoch nicht ab» reisen konnte, hat den Seeweg bereits zur Abreise gewählt und ist soaar schon in Altona cingetroffen.

Der PariserMotin", dessen höchst zweifelhafte Glaub­würdigkeit feit den Deleass 'sehenEnthüllungen" ja freilich genügend bekannt ist, meldet ans Petersburg, der Hof sei in offenem Aufruhr gegen den Za re n.

Bemerkenswert ist ferner folgende Meldung derPetersb. Tel.-Ag." vom 30. d. M.:

Ter Kaiser befahl Witte, vor der Sanktionierzing deS Gesetzentwurfs betr. den M i n i st e r r a t die notigen Maßregeln zur V e r e i n h e i t l i ch u n g der Tätigkeit der Minister zu treffen.

Forlgefetzi laufen aus den verschiedenen ruff. Provinzen Meldungen ein über die Ausbreitung des Streiks und über die Gärung, die in einzelnen Orten zu blutigen Zu­sammenstößen geführt hat. In den Ostseeprovinzen sind Riga und Reval der Schauplatz blutiger Szenen. In Riga fanden mn 29. mehrere Zusammenstöße mit den Truppen statt, wobei viele durch Schüsse und blanke Waffen ver- ivunbct wurden. In Reval beschlossen die Streikenden, ihren politischen Fordertmgen auf jeden Fall Geltung zu verschaffen. Bei einem Zusammenstoß gaben die Truppen zwei Salven ab, wobei 45 Personen getötet und 90 verwundet wurden. Noch ernsteren Charakter nahmen die Unruhen in Odessa an, wo der Zugang zur Universität durch Militär versperrt wurde. Die Arbeitermaffe flutete durch die Straßen, schloß Magazine, Cafes und Restau­rants und stürzte die Straßenbahnwagen um. Die Polizei hob die Sanitätsverbandsstellen auf. Auf der Richelieustraße stießen Kofaken und Ausrührer, welche Barrikaden errichtet hatten, zusammen. Mehrere Personen wurden verwundet. Auf den Barrikaden und an anderen Punkten wurden bei den Zusammenstößen 20 Personen getötet und gegen 2 00 verwundet. Gegen abend trugen Kosaken die Barri­kaden ob. Der Hafenzugang ist militärisch gesperrt.

Bei Riga e n t g l e i st e ein Eilzug auf offener Strecke. Mehrere Soldaten wurden getötet, acht Wagen zer­trümmert. Alles deutet aut ein Attentat hin.

Auch ein Extr a 5u g bei Grosny wurde zum Ent» gleisen gebracht: 20 Passagiere wurden getötet.

In einer Vorstadt Warschaus wurde ein Gendar­merie-Unteroffizier erschossen. Tie Haustore sind dort geschloffen. Zeitungen erscheinen nicht. Tie Telephone wer­den von Feuerwehrleuten bedient. Jedoch sind nur die Aemter mit einander verbunden. InM 0 skau wurde das Haus des Gouverneurs mit einem Nebengebäude zerstört. In einer Vorstadt entstand eine Feuers- b r u n st, wobei wegen Wassermangels die Feuerwehr un­tätig war Große Mengen Waren wurden vernichtet. Tas große Restaurant Rossia imtrhe zerstört. Tie wohlhabenden Einwohner beginnen die Stadt zu Verlaffen. Tie Stadt- Ringbahn ist unterbrochen. Ain der Moskau-Kursker Bahn ist die Wiederaufnahme des Betriebes, die durch Pioniere versucht wurde, von den Revolutionären verhindert worden. In Witebsk ist unter den Dienstmädchen ein Streik ausgebrochen. Eine große Anzahl von Tienst- mädchen wanderte von Haus zu Haus, drang in die Privat­wohnungen ein und fordere die bediensteten Mädchen ener­gisch auf, ihre Stell t arf-iigeben, widrigenfalls sie blutig geschlagen würden. Tie Polizst verhaftete 18 Mädchen, die vom Gouverneur mit Gefängnis bestraft wurden, worauf sie aus dem Gouvernement ausgewiesen werden. In Kiew wird die Zahl der Toten und Verwundeten immer größer. In einem dortigen Hotel bemerkten Patrouillen verdächtiges Treiben. Bei oem Versuch, Verhaftungen vor- zunehmen, fielen Schüsse. Ein Verdächtiger wurde ge­tötet, ein Oberleutnant schwer verwundet. 15 Juden wur­den verhaftet.

Zu allem dem kommt nun noch aus Odessa bad