Ausgabe 
2.2.1905 Viertes Blatt
 
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Nr. 28

Donnerstag, 2. Februar 1905

155. Jahrg.

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Genrral-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Sieben.

Parlamentarische Berbanvlungen.

UachdruS «H«e Bereivbaru«, Nicht gsstattet.

Deutscher Reichstag.

181. Sitzung vom 1. Februar.

1 Uhr. Das HauS ist gut besetzt.

Am Bundesratstisch: Graf von Bülow, Graf Posa- dowSly, Frhr. von Stengel, Stübel, von Pod# btelski, Frhr. von Rheinbaben, Kraette, Frhr. von Hammer stein u. a.

Vor Eintritt in die Tagesordnung nimnrt das Wort:

Reichskanzler Graf Bülow: Meine Herren! Ich habe die Ehre, diesem hohen Hause Zusatzüberernkommen zu den mit Italien, Belgien, Rußland, Rumänien und der Schweiz, Serbien und Oesterreich-Ungarn bestehenden Handelsverträgen nebst den dazu gehörigen Denkschriften zur v^fassmigsmäßigen Beschlußfassung vorzulegen. Die verbündeten Regierungen hoffen, daß Sie diesen Uebereinkommen Ihre Zustimmung erteilen, und damit ein, Werl, das für die finanzielle wirtschaftliche und politische Zukunft des Reiches von fundamentaler Bedeutung ist, einem glücklichen Ab- schluß entgegenführen werden. Ich habe nicht die Absicht, haute auf die Einzelheiten der Verträge einzugehen. Jede gewünschte- nähere Auskunft werden die Herren Staatssekretäre und ihre Kommissare bereitwillig erteilen. Ueber die allgemeinen wirtschaftspolitischen Ziele, die wir bei der Erneuerung unserer Handelsbeziehungen zum Auslande verfolgen, habe ich mich mehr wie einmal und emgehend von dieser Stelle aus ausgesprochen, und ich möchte mich heute auf die nachstehenden Gesichtspunkte beschränken.

Wer auf die wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands zurück­blickt, wird sich der Ueberzeugung nicht verschließen können, daß Industrie und Handel während der letzten Jahrzehnte an Umfang und an Bedeutung sehr erheblich zugenonnnen haben. Mtter dem Schutz des Tarifs von 1879 und seiner Ergänzungen erstarkte all­mählich die deutsche Industrie und setzte ihre Entwicklung zum Großbetriebe fort. Zvmr trat in den 80er Jahren bei den Handels­staaten die Tendenz hervor, sich mit hoben Zollschranken abzu­schließen, und der deutschen Industrie den Absatz ihrer überschüssigen Erzeugnisse nach dem Auslande zu erschweren. Aber diesie, unserer Industrie drohende Gefahr des Erstickens in der eigenen Heber* Produktion wurde Anfang der 90er Jahre durch den Abschluß der Handelsverträge im wesentlichen beschworen und durch jene Handels­verträge eine feste Grundlage für den internationalen Warenaus­tausch für eine längere Reihe von Jahren geschaffen. Seitdem nahmen Industrie und Handel bei uns einen glänzenden Auf­schwung, der 1895 einsetzte und bis um die Mitte des Jahres 1900 dauerte. Bon diesem Zeitpunkt an staute die wirtschaftliche Auf- wärtsbewegung allerdings ab. Handel und Wandel gerieten ins Stocken. Cs zeigten sich sowohl auf dem inneren Markt wie in den auswärtigen Absatzverhältnisten gewisse Schwierigkeiten. Immer­hin vermag dieser teilweise Rückschlag am Gesamtbilde einer Periode des Aufblühens von Handel und Industrie unter dem Regime der Handelsverträge nichts Wesentliches zu ändern. Auch deuten manche Anzeichen, namentlich die wieder steigenden Einnahmen aus dem Eisenbahnverkehr, darauf hin, daß diese Geschäftsstockungen zum großen Teil überwunden find und Handel und Industrie wieder unter günstigeren Auspizien arbeiten. Dagegen ist die Lage unserer heimischen Landwirtschaft, welcher durch jene Handelsverträge ein großer Teil ihres Schutzes genommen war, hrfclge des fortgesetzt unbefriedigenden Standes der Getreidepreise, infolge des Hinzutretens ungünstiger Produktionsbedingungen eine immer kritischere geworden. Die Ergebnisse der letzten Volkszählung lassen deutlich die Verschiebung erkennen, welche sich innerhalb der Bevölkerung des Deutschen Reiches zu Ungunsten der Landwirt- schast wahrend der letzten Dezennien vollzogen hat. Im Jahre 1871 wohnten 64 Prozent der Bevölkerung in ländlichen Gemein­den, d. h. in Gemeinden bis zu 2000 Einwohnern. Im Jahre 1895 hielten sich Stadt und Land ungefähr das Gleichgewicht, während heute nur noch 46 Prozent der Bevölkerung auf dem platten Lande wohnen gegen 54 Prozent in den Städten. (Hört, hört, recktS.i Diese Zahlen verdienen nach meiner Ueberzeugung die ernsteste Beachtung. Ich habe es, glaube ich, schon einmal an dieser Stelle gesagt: Deutschland ist nicht lediglich Industriestaat (sehr wahr! rechts und oh I links), es ist Agrar- und Industriestaat; weite Distrikte in imferem Vaterlande, namentlich im Nordosten, aber auch im Süden und Südwesten, z. B. in Badern, sind auf den Be­trieb der Landwirtschaft angewiesen. Hier fehlen die Vorbedingun­gen für eine gedeihliche Entwicklung der Industrie entweder ganz, oder find nur spärlich und in örtlich beschranktem Umfange vor­handen. Ich erkenne durchaus die Hobe Bedeutung an, welche In­dustrie und Handel für imfere wirtschaftliche und kulturelle Ent­wicklung haben, für die Mehrung unseres Nationalvermögens, für unsere Machtstellung in der Welt.

Ich freue mich dieser Erfolge unserer Handelspolitik, welche zu diesem wirtschaftlichen Aufschwung mit beigetvagen hat. Ich betrachte. aber die Landwirtschaft als einen, den beiden anderen Erwerbsständen vollständig gleichberechtigten Faktor; ich erachte die Erhaltung eines leistungsfähigen, fest eingesessenen Bauernstandes, dieser Grundlage und Näbr- und Wehrverbältnisie für im höchsten Staatsirrtereffe liegend. fLebhafter Beifall rechts.) Menn ein so wichtiges Glied des VolksorganismuS wie die Landwirtschaft krankt, dann darf es nicht seinem Schicksal überlasten werden, sondern eS ist die Pflicht einer staatserhaltenden Politik, ihr febe Fürsorge und jede Pflege angedeihen zu lasten, die sich mit den Lebens­interesten der anderen Crwerbsstände irgendwie vereinigen läßt.

Dieser Rückblick aus die Entwicklung unseres wirtschaftlichen Lebens während des letzten Jahrzehnts ließ die Verbündeten Re­gierungen die Gesichtspunkte klar erkennen, von denen bei einer Neuregelung unserer .Handelsbeziehungen zum Auslande auSzu- geben war. Vor allem glaubten die Verbündeten Regierungen, an dem bisherigen Bestreben unserer Handelspolitik festzuhalten und wiederum Handelsverträge mit Konventional­tarifen auf eine längere Reibe von Jahren mit den wichtigsten .Kultirrstaaten abschließen zu sollen. Um aber die Neugestaltung unserer Handelspolitik auf einer für uns annehmbaren Grrmdlage zu sichern, mußten wir zunächst in eine Revision des bestehenden, den gegenwärtigen wirtschaftlichen Verhältnisten in Deutschland vielfach nicht entsprechenden Zolltarifs eintreten. Damit knüpfen wir an die Traditionen des Fürsten Bismarck an, der in seinem be­kannten Schreiben vom 25. Oktober 1878 an den damaligen Reichs- tagsabgeordneten Baron von Barnbüler die Revision des Zolltarifs als die Vorbedingung für etwaige Handelsverträge bezeichnet hatte, um KompensationSobfekte zu schäften für eventuelle Tarif­verhandlungen. Gerade aus den Abschluß langfristiger Handels­verträge mit gebundenen Tarifen legten die verbündeten Regierun­gen den höchsten Wert. Sie wollten dadurch unserem wirtschaft­lichen Leben Sicherheit und Stetigkeit erhalten, unsere Industrie

vor Uebervaschungen durch einseitige Willkür in der Zollgesetz­gebung der anderen Lander bewahren, und eS unserer Erport- industrie ermöglichen, sich auf längere Zeiträume einzurichten, und ihren Abschlüsten eine sickere Basis zu geben. Dadurch wird auck unter den obwaltenden Umständen wohl den Jnteresten nickt nur der Industrie und des Handels, sondern auck der Landwirtschaft die doch wenigstens zum Teil auf die Ausfuhr ihrer Erzeugnisie an­gewiesen ist, tatsächlich ich erinnere an die Zucker- und Spiritus- industrie am besten gedient. Daneben aber hielten die ver­bündeten Regierungen es für notwendig, nunmehr auch unserer Landwirtschaft einen angemesienen d. h. wesentlich erhöhter Zollsckutz zu gewähren. Von her absoluten Notwendigkeit dieser Erhöhung bin ich seit meinem Amtsantrift stets durckdrunaen ge­wesen, und ich habe aus dieser meiner Ueberzencnmg niemals ein Hehl gemacht; denn die Landwirtschaft ist es, die bei den letzten Handelsverträgen zu kurz gekommen war. ssehr richtig! reckts) und die unter der damaligen Herabsetzuna der landwirtschaftlichen Zölle schwer zu leiden gehabt bat. sZn- stimmimg reckts. Unruhe links.) Sollte aber der Landwirftckafi geholfen werden, fo war ein verstärkter Zollfckiitz sowohl für be*1 deiftscken Getreidebau wie für die heimische Viehzucht unerläßlich lSebr wahr! reckts.) Der Getreidebau bildet auck heute nock die hauptsächlichste Grundlage des landwirtschaftlichen Betriebes in Deiftsckland, und wird e? bei unserer Bodenbeschasstubeit und unserer klimaftschen Verhältnisse voraussichtlich in absehbarer Zeit bleiben. Mehr als die Hälfte der deutschen Acker- und Gartenfläcke wird mft Getreide bestellt. Bei einem so umfang­reichen Anbau der Halmtrückte ist die Hohe der Getreidepreise für die Rentabilität der Landwirftckaft von größter Bedeutung. lSebr richftg! reckts und von den National-Liberalen.) Nun zeigen aber die Getreidepreise seit den letzten fünfundzwanzig Jahren wenn auck unter erheblichen Sckwankunaen eine fallende Be­wegung. In der wachsenden Konkurrenz des billiger Produzieren­den Auslandes in der Verbesserung der Transvortmiftel imb der Billigkeit der Bahn- und Sees"ackteu findet diese sinkende Be- weanna ihre natürliche Erklärnna. Da? Maß für die Erhöhung der landwirftckaftftcken Zölle glaubten die verbündeten Regierungen zu finden einerseits in der gebotenen Rücksicht auf die beiden an­deren Erwerbsstände. Handel und Industrie, andererseits in der Rücksicht aus die Konsumenten. Menn aber die Sckafinna ver- traasmäßiaer Büraschaften für den internationalen GüteranStmftck den verbündeten Regierinmen al? notwendig galt, so birrfte mit ber Erhöhung ber landwirtschaftlichen Zölle nur fo doch gegang-n werden, als dabei der Abscklirß langfristiaer Handelsverträge nock möglich erfckien und als dabei eine Sckädianng anderer Bevölke- rimgskreife nickt zu befürchten war. Von diesen rein obiektiven Ge­sichtspunkten sind die verbündeten Regierungen auch bei der Ab- rnesiimg der neuen Getreidezolle anSgegangen. Für die vier Hmrvtaetreidearten vnrrden auf meinen Vorschlag Mi­nimalzölle eingestellt, um damit dem AuSlande zu zeigen, daß ehr Sckiitz deS deutschen Getreidebaues in dieser Höhe uns al? absolift notwendig und ein Herinftergehen unter diese Minimalsätze während der Bertragsverhandlungen von vornherein als indisku­tabel gelte.

Die .Höbe ber Getreidesölle bildete bekanntlich während un­serer Verhandlungen über den neuen Zolltarif einen der bestritten sten Punkte: von der einen Sefte wurden diese Getreidezölle für nicht ausreichend kracktet, von der anderen Sefte wurden dieselben Getreide-ölle für erorbitant erklärt und es für vollständig aus­geschlossen gehalten, mft solchen Minimalzöllen wieder zu Handels­verträgen zu kommen. Die verbündeten Reaierunaen haben fick' durch die von reckst? und finks gegen sie gerichteten Anariffe nickt irre macken lasten, sondern sie haben festarckalten an den von ihnen für angemesien erachteten Sätzen, festgehalten nach allen Seften. Ich verrate kein diplomafiscke? Geheimnis, toerm ich ferne, daß es nur mft Muhe, mit großer Mühe gelungen ist, in den Handels- vertragsimterhandftmgen. und namentlick in den Handelsvertrags unterbandlimgen mft Rußland und Oesterreich-Ungarn, die Mi- nimal^ölle in der von biefem hohen Hanfe beschlossenen Höbe durck- zufetzen. Im Interest# unserer Lanbwirftchaft haben wir diesen Kampf, diesen harten und langwierigen Kampf gekämvft und mit Erfolg gekämpft. Wir haben mft sieben Vertragsstaaten Handels­verträge zu stände gebracht, und wir haben gleichzeifig eine wesent­liche Erhöhung ber lanbwirtschaftlichen Zölle im Jntereste unserer Lanbwirftchaft nach verschiedenen Richtungen erreicht. Denn, meine .Herren setzt kann ich es sa offen ausfvreckien, Fest­halten an dem Stzstem ber Hanbelsvertrage war für bie verbündeten Reaierimgen conditio sine qua non für unser gefamtes zollvoliftsches Reformwerk. Mehr zu erlangen, wäre^aller- bings unmöglich gewesen, bas werben mir alle diejenigen bestätigen, die einen Nnblick in bie HanbelSvertragsunterhanblungen unb namentlich in bie mit Rußlanb imb Oesterreich-Ungarn gehabt haben. Wenn aber von ber anderen Seite geglaubt wird, daß durch Getreidezölle in der von diesem hohen Hmfte beschlostenen und jetzt durchgesetzten Hohe die Lebenshalftlng der breiten Schicksten der Bevölkerung und namentlich der arbeitenden .Masten in unerträglicher Weife belastet werden wi'irde, so ist das, wie ich glaube, eine Besorgnis, die durch die bisherige .Entwicklung^ nicht gereckstferftgt wird. (Sehr wahr! rechts, Widerspruch links..l Diwch unsere neuen Konvenftonaltarfte werden die Satze für die beiden Brotgetretdeartcn im wefentlichen auf diejenigen Zollsätze erhöht, die in den Jahren 1887 und 1892 bestanden haben. (Sehr richftg! rechts, Zurufe links.)

Damals aber befand sich unsere Industrie in einer Periode des Aufschwungs unb sogar ber Ueberprobuktion. Es wird auch niemand leugnen können, daß sich während der letzten Dezennien die Lage der breiten Schickten ber Bevölkerung in Deutschland idj denke habet an den kleinen städftschen Bürgerftand, ich denke an die Handwerker, ich denke an die kleinen Beamten unb Ange­stellten, vor allem aber an bie lohn arbeiten be Klasse es wird ntemanb im Ernst bestreiten können, daß sich die Lage dieser Klassen während der letzten Jahrzehnte, daß sich ihre ganze Lebenshaltung wesentlich gehoben hat. (Sehr richtig! rechts. Zurufe links.) Wenn Sie ba* bestreiten, so verweise ich Sie auf bie Statistik ber Einkommensteuer, ich verweise Sie auf bie Wachstuben Einlagen in ben ^arkafstn. (Sehr richtig! reckts); ich erinnere Sie an das Wort eines großen Gelehrten unb scharfsinnigen Denkers, an das Wort Schmollers, ber von einer förmlichen wirtschaftlichen Wiedergeburs des deutschen Arbeiterstandes gesprochen hat, und dieser wirtschaftliche Aufschwung hat sich vollzogen in einer Pe­riode, an deren Beginn wir übergegnngen find von dem Svstenc des Freihandels zu dem Stzstem beö Sckmtzes ber nationalen Arbeit (Sehr richftg^ reckts und unter ben Nat.-Lib.), unter Wiederein­führung und allmählicher Erhöhung der Getretbezölle. Und wie liegt die Sache 'm Frankreich? In Frankreich, m. H., spielt der Weizen in der Ernährung der arbeitenden Klasstn eine viel größere Rolle als bei uns. Trotzdem besteht in Frankreich seit Jahren ein Weizenzotl von 5,60 Mark für den Doppelzentner. (Hört,

hört!) Die Mehrheit der französischen Deputiertenkammer, die eine revublikanftche, r "e, demokratische Mehrheit ist, innerhalb deren die soziulifftsche Gruppe eine maßgebende Rolle spielt, hat vor nicht langer Zeit einen Antrag auf Herabsetzung der Ge­treidezölle mft großer Mehrheit abgelehnt (Hört, hört! rechts und im Ztr?., dagegen trotz des Widerspruchs der Regierung einen Antrag auf Erhöhung der Viehzölle mit ebenso großer Mehrheit angenommen. (Hört, hört! rechts und im Ztr.) Die französischen Republikaner, Radikalen und Demokraten, denen doch gewiß das Sckicksa' der arbeitenben Klassen am Herzen liegt ich habe in einem interesianten Aufsatz in derNeuen Zeif* vor einigen Tagen zwar das Gegenteil gelesen, ich kann das aber nicht reckt glauben, ick nehme an, baß ber Kammermehrheit in Frankreich das Sckicksa! der arbeitenden Klaffen wirklich am Herzen liegt also die franzö­sische Volksvertretung wird doch nicht die Lebenshaltung der arbei­tenden Klaffen durch Getreidezölle beeintröchftgen wollen. Eine solche, wie ta glaube schiefe und irrige Duffaffung überlassen die französischen Radikalen, die prakftsche Leute find, ihren mehr dok- ftinär angel#own denftchen Gesinnungsgenossen. (Heiterkeft.) Wir haben also die Getreidezölle nach allen Seiten gehalten. Wir hoffen, daß unter ihrem Schutz der deutsche Körnerbau sich gedeih­lich entwickeln wird.

Der Zoll für Roggen ist um 48, bet Zoll für Weizen um 57, der. Zoll für Hafer um 76, der Zoll für Gerste um 100 Prozent erhöht worden. Sehr eigenftimlich hat es mich berührt, daß ich nach dem dlbschlnß des Handelsvertrages mit Rußland in der Vreffe immer wieder zu lefen bekam, ich batte den Minimalzoll für Gerste mit 4 Mark fallen kaffen. Die Differenzierung ber Gerste, bie Erhöhung unb Normierung be§ Zolls für Braugerste als eines Minimalzolls, war einer ber haupftächlichsten Punkte des Kom- vromiffes, das zur Annahme des Antrages von Kardorff und damit des ganzen Zolltarifs geführt hat. Diesen Gerstenzoll fallen zu Taffen, würde mir ich nehme keinen Anstand, das zu sagen als ein Akt der Jllotzalität erschienen sein. (Sehr gur!) Die Minimalzölle waren während der ganzen Verhandlungen für mich ein nnli me tangere.

Sehr schwierig gestalteten sich die Verhandlungen über bei\ Seuchen- und Sverrschütz für imfere heimischen Viehbestände. Von mehreren Vertragsstaaten, insbesondere von Rußland und Ru­mänien, waren anfänalich gerade auf veterinärvolizeilichem Ge­biet wesentliche Zugeständniffe für die Einführung von Vieh, Fleisch, Geflügel, fterifchen Produkten nicht nur gefordert, sondern auch geradezu als eine Voraussetzung .für die Erneuerung der ^Handelsverträge beze-cknet worden. Darauf konnte ich mich selbst- p.erständlich nicht einlaffen. Der deuftche Viehbestand repräfenftert einen Wert von über 7 Milliarden, er bildet einen bedeutenden Teil unferes NaftonalvermögenS, feine Sicherstellung gegen Seuchengefahr ist mftbin von der allergrößten wirftchaftlichen Be­deutung. Von dieser Ueberzeugung sind wir alle durchdrungen, die wir hier auf dieser Bank sitzen. Um so mehr hat es mich ge­wundert, daß ich nack dem Abschluß des Handelsvertrages mit Ruß­land wefter zu hören bekam, ich hätte auf veterinärem Gebiet den Rnffen alle möglichen Konzefsionen gemacht. An solche Aus­führungen wurde bann gewöhnlich ber Appell geknüpft, bie Ver- treter ber Lanbwirftchaft möchten den neuen Handelsvertrag ab# lehnen. Wenn die Prämiffe richftg wäre, so würde ich die Schluß­folgerung auch imterfchreiben. Es ftt mir aber niemals emge# ^llen. Ihnen folche Handelsverträge zuzumuten. Auf veterinärem Gebiet haben wir allen Dertragsstaaten gegenüber, mit Ausnahme von Oesterreich-Ungarn, aus das ich gleich zu fprechen komme, volle Akftons- und Sperrfteiheft. Gegenüber Oesterreich-Ungarn lagen die Verhältnrffe insofern anders, als wir hier mft ber vertrags­mäßigen Regelimg des Viehverkehrs als dem bestehenden Rechts- zustand zu rechnen hatten.

Das bisherige Seuchenübereinkommen mit Oesterreich-Ungarn litt bekanntlich an dem ^Fehler, daß wir, abgesehen von den Fällen der Rindervest und Lungenseuche, unsere Grenzen gegen die Ein- firbt von Vieb erst dann fbetten durften, wenn durch den Vieb- vetkeht eine ansteckende Tierkrankheit in das Inland eingeschleppt worden war. Mit anderen Worten, wir durften den Brunnen erst zudecken, wenn das Kind hineingefallen war. In der neuen Vieh- konvenfton ftt es uns gelungen, diesen Fehler zu korrigieren. Künftig^ soll uns die SpetrbefugniS schon dann zustehen, wenn in einem österreichisch-ungarischen Gebietsteil eine Tierkrankhett in bedrohlichem Umfange besteht. Wit haben also an die Steve ber Reptessivsperte bie Prävenftvspette gesetzt, imb dadurch einem lange gehegten Wunsch der Landwirtschaft Folge geleistet. Wir dürfen ferner, sofern es sich nicht um mindergefähtliche Fälle handelt, die Sperre bis zu neun Monaten nach dem Zeitpunkt auf­recht erhalten, an welchem sie amtlich für erloschen er Härt ist. Eine entere Bearenzung unserer Svetrbefnaniffe haben wir nut gegen­über der Einfuhr von Schlachtvieh zugelaffen, b. h. von Vieh, das zur alsbaldigen Abschlacktung in öffentliche Schlachthäuser einge# bracht wird. Wir bewegeu uns also vollständig im Rahmen der bisherigen ständigen Vtaris, die Wit während der ganzen Dauer des jetzt gilftgen Diehseuchenübereinkommens ohne wesentliche ©e#1 fährdung unseres Viehbestandes geübt haben. Ich habe in bet Reichstagssitzung vom 11. Dezember 1903 während der Beratung, übet den neuen Zolltarif erklärt, daß die verbündeten. Regierungen keine Befttmmung in 'einen Handelsvertrag oder in ein Abkommen mit einem anderen Staate aufnehmen würden, die sie, die ver­bündeten Regierungen, verhindern würde, die erforderlichen Maß­nahmen zu treffen, um unseren Viehbestand gegen Seuchengefahr wirksam zu schützen. Ich bin aber überzeugt auf Grund gewiffen- hnci?r Prüfung der neuen Seuchenkonvenfton, überzeugt auf Grund dessen, was mit zuständige Aittorftäten versichern, daß die neue Seuchenkonvention mit ber Präventivsperre bei richtiger Hand­habung in der Beziehung vetlaffe ich. mich auf meinen Freund, den Herrn Lm^dwirifchaftsminister (Beifall reckts: große Heiter­keit), daß sie uns volle Sicherheit gewährt. Es ist uns ferner gelungen, wesentliche Erhöhungen unserer Mchzölle zu erlangen. Besonderes Gewicht lege ick auf die Erhöhung des Zolles für Schweine, da die Aufzuckt, der Verkauf der Schweine gerade auch von den kleinen Landwirten betrieben wird. (Sehr richftg! rechts? Der Zoll für Schweine betrug bekanntlich bisher nur 5 Mari für das Stück; künftig sollen die Schweine nach dem Ge­wicht verzollt Inerben, und zwar mit 9 Mark für den Doppel- Zentner Lebendgewicht. Die Erfahrung zeigt, daß das staftsftfcke Gewicht des importierten Schweines eineinhalb Doppelzentner be­trägt: bet Zoll pro Schwein wird also künftig etwa 12,50 bis 14 Mark betragen THöri, hört! links fast dreimal soviel als bisher. (Lebhafte Rufe Hort, hort' links.) Von großer Be- deuftmg ist die anbcrtocitige Normierung unb wesentliche Der- stärkung bes Zolles für tVarmblüftge Pferbe. Während bisher Pferde ohne Unterschied des Wertes nach dem Stück verzollt wur­den, soll künftig ber Zoll nach dem Wert erhoben werben. Für warmblütige Pferbe ohne Unterschied ber Abstamnnmg bt5 zum Werte von 1200 Mark soll und zwar ohne Einschielmng einer