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Zweites Blatt
ISS. Jahrgang
Montag 27. März 1905
Erscheint Wgllch mit flutno^me bei VonntagS.
Die «Sietzeuer S<n»Uietiblätter* werden dem sVnzetger viermal wöchentlich beigelegt. Der «HelAlchr taiöwtrt*4 erscheint monatlich einmal.
Gießener Anzeiger
Rotoftonflbrud and Verlag der vrühllche» UntoerfUätSi)ruderet Ä. Lange, Dietzen»
Redaktion. Expedition ».Druckerei: 6d)uffhc.t,
XeL Nr. 5L relegr.-Adr, i Anzeige, Dietz«,
General-Anzeiger. Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
Are Kaiserwanüver 1905
falben bekanntlich zwischen dem 8. und 18. Armeekorps statt. Sie werden sich zwischen Frankfurt, Hochheim, Mainz, Worms bis nach Mannheim abspielen. Die Aufgaben der beiden Führer sind der Oeffentlichkeit vorenthalten, doch steht fest, daß auch in diesem Jahre eine Pontonbrücke über den Rhein geschlagen wird und die Hauptaufgabe der moderne Angriff sein wird. Besonderer Wert wird in diesem Jahre auf den Nachrichtendienst sowie auf die Verpflegung aus Magazinen, Feldbäckereien und Feldschlächtereien usw. gelegt werden. Den Intendanturen beider Armeekorps wird also in diesem Jahre eine ganz besondere Ausgabe betreffend ^ie Verpflegung einer Feldarmee zusallen.
Die den Armeekorps fehlenden Reserveregimenter werden durch aktive Truppenteile ersetzt, die Regilnenter werden durch Einziehung der Reserven auf volle Etatsstärke gebracht. Das 8. Armeekorps wird verstärkt durch die Jnfanterieregiinenter Nr. 135 aus Diedenhofen und das Königs-Infanterieregiment Nr. 145 aus Metz (GB. Jnftmteriebrigade), ferner durch das Ulanenregiment Nr. 11 und durch die 34. Feldarlillerie- brigade, bestehend aus dem Feldartillerieregimentern Nr. 34 und 69. Das 18. Armeekorps soll erhalten: die 55. Jn- fcmteriebrigade, bestehend aus dem badischen Leibgrenadierregiment Nr. 109 aus Karlsruhe und dem 2. badischen Grenadierregiment Kaiser Wilhelm I. Nr. 110 aus Mannheim, der 56. Jnsanteriebrigade, bestehend aus deln Infanterieregiment v. Lützow Rheinisches Nr. 25 und den: Infanterieregiment Nr. 111. Hierzu tritt ferner das Dragonerregiment Nr. 15 und die badische 28. Feldartilleriebrigade aus Karlsruhe, bestehend aus den badischen Feldartillerieregimentern Nr. 14 und 50.
Zum Nachrichtendienst werden verwandt: bei jedem Armeekorps eine Luftschifferabteilung, Brieftauben, Telegraphenabteilungen und Nadsahrerdetache- ments. Die 91adsahrer werden zu zwei Kompagnien formiert. Zu den Stäben treten in erslec Linie Ossiziere; zur Herbeischaffung des Proviants und der Bagagen, MunitionS- kolonnen und sonstigen Materials werden Prooiantkolonnen formiert, und zwar erhält jedes Armeekorps zwei Kolonnen, bezeichnet mit I und II. Die Führung dieser Kolnnen wird in erster Linie den Trainbataillonskommandeuren übertragen; diese erhalten jedoch ihre nähere Anweisung stets durch die Generalstabsoffiziere. Cs werden die Trainbataillone 3, 4, 7, 10, 11, 14, 15 und 16 zu den Proviantkolonnen herangezogen. ,
Wie alljährlich bei den Kaisermanövern, finden auch m diesem Jahre den Anordnungen des Kaisers gemäß große Kavallerieübungen statt. Es werden hierzu die reglementsmäßigen Kavalleriedivisionen A und B aufgestellt. Hierzu gehört natürlicherweise eine große Menge Kavallerietruppen, die die beiden Korps nicht stellen konnten. Die Formierung dieser Truppenkörper wird wie folgt geschehen:
Die Kavalleriedivision A wird vom 8. Armeekorps aufgestellt. Zu ihr treten die 14. Kavalleriebrigade aus Düsseldorf, bestehend aus dem Husarenregiment Nr. 11 und dem Ulanenregunent Nr. 5, die 15. Kavalleriebrigade aus Köln, bestehend aus dem Kürassierrregiment Graf Geßler Nr. 8 und dem Königs-Husarenregiment Nr. 7 aus Bonn, der 34. Kavalleriebrigade aus Metz, bestehend aus dem Dragonerregiment Nr. 9 und dem Ulanenregiment Nr. 14, der reitenden Abteilung des Feldartillerie-Regiments Nr. 8, die Maschinengewehrabtellungen des 10. und 11., sowie zwei Kompanien Pioniere des 8. Armeekorps. Die Division A übt auf dem Lagerplatz bei Darmstadt.
Die Kavalleriedivision B wird sich, wie folgt, zusammen- /etzen: 25. Großh. Hessische Kavalleriebrigade, bestehend aus dem Gardedragonerregiment Nr. 23 und dem Leibdragoner- Regiment 9?r. 24, die Badische 28. Kavalleriebrigade, bestehend aus dem 1. Badischen Leibdrazonerregiment Nr. 20 und dem Dragonerregiment Nr. 21; der 4. Bayerischen Kavalleriebrigade aus Bamberg, bestehend aus den bayerischen Ulapenregiluentern 1 und 2, der reitenden Abteilung des Fel^artillerie-Regiments aus Fritzlar, der Maschinengewehr- abtcrlungen des 2. und 3., die Pionierabteilung vom 18. Armeekorps. Die Uebungen dieser Division finden aus dem Truppenübungsplatz Senne statt. — Größere Pionierübungen werden in der Nähe von Köln und Frankfurt abgehalten werden. -----------
Politische Wochenschau.
Mit einer bedeutsamen Friedenskundgebung aus Änlaß der Enthüllung des Kaiser Friedrich-Denkmals in Bremen leitete der deutsche Kaiser seine Mittelmeer- fahrt ein, die ihn bisher bis zu den französischen Gewässern geführt hat. Der Kaiser lehnte das Streben nach „öder Weltherrschaft" in zündender Rede ab und betonte die gute und ehrliche Nachbarschaft des Deutschen Reiches, daß er vor alfeni danach strebe, das Vertrauen in die sichere und friedliche deutsche Politik zu vermehren. Zu einer Zeit, wo die englischen Ausfälle gegen die deutsche Flottenvermehrung und die französischen An,pruche rn der marokkanischen Frage das Vertrauen der deutschen Regierung in die politischen Maßnahmen der benachbarren Nationen erschüttern müssen, wirkte das Wort
wie eine Befreiung von einem lastenden Druck. Der deutsche Kurs bleibt der des Rechts und der Anerkennung des Rechts der anderen Nationen, aber die deutsche Regierung kann darum auch erwarten, daß ihre Rechte und vertragsmaf^gen handelspolitischen Ansprüche nicht ignoriert derben, tote das durch den französisch-englischen Marokko- Vertrag geschehen üfl. ..... .
lieber die Versuche der franzosijchen ^esse, die in 1>er „Nordd. Mlg. Ztg." vom 23. März enthaltenen De-
merkunben über den Besuch des Kaiser sinTanger und über die deutscyen Interessen in Marokko abzuschwächen, weist die „Nordd. Altg. Ztg." jetzt auf ein Pariser Telegramm der „Köln. Ztg." vom 24. März hin, worin unter Anführung ber)a)iebener Prehäußerungen die in französischen Blättern enthaltene Darstellung besprochen wird, als Ijabe Teleassä den Fürpen Radolin von den Verhandlungen und vom Abschluß des englisch-französischen Abkommens unterrichtet, ferner, als sei der deutschen ^Regierung der Wortlaut des Abkommens mitgeteilt worden, und worin weiter bemerkt wird:
Diese Angaben sind zuverlässigen Mitteilungen zufolge durchaus unrichtig. Die französische Regierung hat niemals eine Mitteilung weder an Radolin, noch an einen andern Vertreter des Deutschen Reiches gelangen lassen, die nach Fassung und Inhalt als eine solche amtliche Krnntnisgabe französtschersells über die Verhandlungen oder über den Abschluß und den Inhalt des Abkommens deutscherseits hätten angesehen werden können. Der von der deutschen Regierung in Theorie und Praxis ständig vertretene Standpunkt ist demgemäß auch der, daß sie vom Abkommen kerne amtliche Kenntnis hat.
Die „Nordd. Allg. Ztg." bemerkt hierzu:
Wir können die RichtigEeit der Mitteilungen der „Köln. Ztg." bestätigen. Nach dem damaligen Berichte Rcü>olins über die erwähnte Unterredung im März 1904 bewegten sich die spontanen Aeußerungen DelcasM im Rahmen allgemein er, unverbindlicher Betrachtungen. Wir waren daher vollkommen berechtigt, darauf hinzuweisen, daß bisher ferne Garantien gegen eine den wirtschaftlichen Interessen Deutschlands nachteilige Aender- ung des Status quv in Marokko vorliegen. Daß ferner der Hinweis auf Tunis angemessen war, läßt derjenige Teil der Pariser Blätter erkennen, der, wie das „Journal des Döbats" ausdrücklich aus Marokko ein Seitenstück zu Tunis machen möchte. Auch was bisher über das Programm der französischen Unterhändler in Fez bekannt geworden i|t, stimmt nicht mit der früheren Versicherung Delcassös, baer vor allem die Erhaltung des Status quo in Marokko anstrebe.
Tie spanische Presse brucrr ihre lebhafte Befriedigung über die Reise des Kaisers nach Tanger aus, da in Bremen weite Kreise durch das eigenmächtige Vorgehen Frankreichs in Marokkö stark verstimmt sind. Eine Note der römischen „Tribuna" betont, daß eine ernste Reibung zwischen Deutschland und Frankreich wegen Marokko ganz ausgeschlossen sei. Der deutsch-französiscye Tintenkrieg brauche also niemanden beunruhigen. Der Umstand, daß die sranzösi- schen Offiziösen versichern, die deutschen Handelsinteressen in Marokko seien außer Frage, sei ein Beweis für das bestehende völlige Einvernehnten zwischen Paris und Berlin.
Ter deutsche Reichstag lehnte in der vergangenen Woche einige sozialdemokratische Anträge über die Forderung eines Reichskanzlerverantwortlichkeitsgesetzes und eines Gesetzes betreffend den ölufenthalt von Ausländern im deutschen Reichsgebiet ab, stimmte aber einer sozialdemokratischen Resolution zu, welche sich für die Kündigung der Auslieferungsverträge Bayerns und Preußens mit Atuß- land ausspricht. Auch der Zentrumsantrag über die Erhebung Elsaß-Lothriugens zunc Bundesstaate fand Annahme.
Ein kolonialer Nachtrags- und Ergänzung s e t a t, der dem Reichstage zuging, fordert insgesamt 62 774 399 Mk., von denen 61610 500 Mk. durch Anleche, 1163 692 Mk. durch Erhöhung der Matri kular- beiträge aufzubringen sind. Tas Gesetz über die Erhöhung der Friedenspräsenz auf 505839 Mann fand im Reichstage Annahme, ebenso der Entwurf über die Äenderung der Wehrpflicht, der die zweijährige Dienstzeit gesetzlich einführt. Der Reichstag stimmte dabei einer Resolution Dr. Müller-Sagan zu, der die alsbaldige Vorlegung eines Gesetzes zur Regelung ber Vorbedingungen für den Einjährig-Frei willigendien st fordert. Bei der Debatte über den Etat des Reichsmilitärgerichts, dem die Zustimmung erteilt wurde, und über den Militar- ctat erklärte sich das Haus für einen Antrag Gröber, welcher einen Gesetzentwurf fordert, der noch vor der Revision des Reichsmilitärstrafgesetzbuches im Militärstrafverfahren mildernde Umstände mit geringeren Mindeststrafen einführen soll. Auch den Anträgen Müller- Meiningen auf Reform des Militärstrafgesetzbuches in Verbindung mit der Zivilstrasgefetzbuchresorm und aus Beseitigung der jetzigen gärten des Militärstrafverfahrens durch Spezialgesetz, sowie aus Vorlegung einer Statistik über den Ausschluß der Oeffentlichkeit im Militärstrasverfahren und Innehaltung der gesetzlichen Bestimmuntzen über die Oeffentlichkeit wurde Genehmigung erteilt. Ern gleichfalls auf der Tagesordnung stehender Antrag Erzberger betr. eine überfichtliche Darlegung der Ergebnisse des Heeres- ergänzungsgeschafts trat in der Debatte, die in einem Redd- duell des freisinnigen Prof. Eickhoff mit den Antisemiten über die Juden in ber Armee unb Mische Reserveoffiziere gipfelte, nicht befonders hervor, würbe aber schließ- lick) angenommen. Abg. Liebermann v. Sonnenberg revo- zierte endlich seine am 7. März v.J. gegen den Israeliten Moses Bier erhobenen Verdächttgungen, in denen er ihn beschuldigt hatte, daß er schuld an der irrtümlichen Behauptung des Generalobersten v. Loe sei, er sei im Besitze des Eisernen Kreuzes. In der Budgetkommission gab der Staatssekretär des Reichs sch atz am tes Frhr. v. Stengel die Erklärung ab, daß der Bundesrat durch die Uebertragung von 4672 Millionen Mark aus dem außerordentlichen in den ordentlichen Etat aufs schwerste beunruhiat sei, und daß er eine Erhöhung der Matrikularlasten befürchte, durch welche die einzelstaatlich e Finanzwirtschaft in Unordnung geraten müsse. Er prach die Bitte ans, daß der Reichstag die bedenkliche Anordnung wieder rückgängig machen werde, was vermutlich auch geschehen wird. ..
Die hessische evangelische Landessynode beendigte eine längere Tagung, die hauptsächlich der Beratung des Kirchenvoranschlags für 1906/190u galt. Es ging hierbei Lüttich ruhig ab, selbst die Tatsache, daß die Regierung die von kirchlicher Seite gewünschte Erhöhung ber gegenwärtig 11 Proz. der Staatssteuer betragenden Lanves- kirchensteuer aus 12 Proz., zunächst für das Jahr 1905, nicht genehmigte, gab keinen Anlaß zur Erregung. Diese Erhöhung tat aber auch nicht unvebingt not, denn sonst würde die Erhöhung der Bezüge Der Psarrerwittven und Waisen wobl unterblieben fein. Die Tatsache, daß die
orthodoxe Richtung bei den letzten Wahlen eine erhebliche Stärkung erfuhr — infolge ber Teilnahmlosigkeit ber liberalen Kreise — trat bei ber Tagung nicht sehr in bie Erscheinung; im Gegenteil, ber streitbare Pfarrer Wahl von Langen, einer ber Ruser im Streit für die orthodoxe Sache, erkannte an, daß an der Landesuniversitat nur eine Lehrrichtung herrschen solle, und verlangte für die {einige nur eine Professur am Predigerseminar. Bei der Beratung über den Zus ammenschluß der deutschen Landessynoden trennten sich Rechte unb Linke schärfer, denn biese fürchtet zurzeit einen solchen Zusammenschluß, von dem sie nur Veräußerlichung der Kirche unb Streben nach politischer Macht erwartet. Einig waren beide Teile barm, baß bie Staatsregierung aus gefordert werden solle, im Bundesrat gegen den sogen. Toleranzantrag des Zentrums zu stimmen; bei dem Anträge, daß die Geistlichen von der Verpflichtung, den Vorsitz i m S ch u l v o r st a n d zu führen, befreit werden möchten, gingen die Ansichten jedoch wieder auseinander. Der Antrag fand schließlich Amiahme.
Im preuß. Abgeordneten Hause stellte Minister v. Budde einen definitiven Mehrüberschuß von 27,6 Mtü. Mark aus den Eisenbahnen in Aussicht, ber auch uns in Hessen zugute kommt. Auf Antrag Arendt übernahm das Haus die Bewilligung der Gelder für die Schulfeste der preußischen S ch i 11 e r f e i e r.
Ein unvorhergesehenes Ereignis bildete ber über«, raschend plötzliche Tod des preuß. Ministers des Innern Frhrn. v. Hamm er stein, der an Asthma unb Herzschwäche verschied. Es war feit langen Jahren das erste Mal, daß in Preußen ein Minister in Amt unb Würden gestorben 5st. Sein Nachfolger ist der Oberpräsident der Provinz Brandenburg, Dr. v. Bethmann-Hollweg.
Der Fall des liberalen Berliner Pastors unb Dr. theol. hon. causa Fischer, der in der protestantischen Kirche Aufsehen erregt hatte, ist nun vom evangelischen Oberkirchenrat zu Berlin entschieben. Das Konsistormm erhielt in ber Sache Recht, in der Form Unrecht. Der Oberkirchenrat bezeichnete es als Konsequenz der Flsäher'schen Auffaffung der Hellslehre, baß Prediger dieser liberalen Richtung entweder ihre private Ueberzeugung der biblischen Lehre unterzuordnen haben oder aus ber Kirche austreten müssen. Damit ist der Riß der liberalen von der orthodoxen Richtung im Prinzip ausgesprochen. Man muß nun abmarten, welche weitere Folgen die Entscheidung zeitigen wird. Zwei Berliner Pastoren sprachen berells in einer öffenllichen Volksversammlung über die Entscheidung des Oberklrchenrats. Sie erwarten es für unrnögl ich, daß positive Kräfte weiter in einer Kirche verbleiben, in der auch der offenbare Unglaube gelehrt werben bürfe, unb beriefen sich dafür aus Stöcker, der ebenfalls die Trennung für unvermeidlich halte. Außerdem traten die beiden Redner für Trennung von Staat und Kirche ein, da die Kirche nur dann mit neuem Leben erfüllt werden könne, wenn sie vom staatlichen Zwange befreit fei. An bie Vorträge der beiden Referenten schloß sich eine Diskussion, die sich so stürmisch gestaltete, daß ber Vorsitzende bie Versammlung schließlich auflösen mußte.
Das österreichische Abgeordnetenhaus stimmte einem Anträge auf wirtschaftliche Trennung von Ungarn zu. Die Deutschen und Tschechen scheinen sich gegenüber Ungarn zu einem gemeinsamen Vorgehen zu vereinigen. Es soll zu einer deutsch-tschechischen Annäherung und Verständigung kommen. Kaiser Franz Josef will sich von den Ungarn auf militärischem Gebiete nichts abhandeln laffen. Kolotnan Szell erklärte nach einer Audienz dem Kaiser, daß er jetzt keine Möglichkeit für die Bildung eines Kabinetts ohne militärische Konzessionen erblicke. Ohne hierzu eine Mission erhalten zu haben, wird jedoch Szell noch einen Versuch bei bet Opposition unternehmen, ob nicht doch eine Annäherung an den Standpunkt der Krone gefunden werden könnte. Der Berliner Botschafter Graf Szögyeny wurde jetzt vom Kaiser nach Budapest berufen.
Frankreich hat nun auf Parlamentsbeschluß auch die zweijährige Dien st zeit. Der französische Kriegsminister will jetzt darangehen, auch bie Kriegsgerichte aufzuheben und die Soldatenprozesse in Friedenszeiten vor die Zivilgerichte verweisen.
Ein grelles Schlaglicht auf die Lage im Kongostaate warf der Selbstmord des nach Brüffel auf der Heimreise befindlichen Vizegouverneurs Co ft ermann s. Immer mehr Greuel dringen in der letzten Zeit ans Tageslicht. Die Mächte werden nicht umhin können, sich eingehend mit den von der Untersuchungskommission gezeitigten Resultaten zu befassen unb Maßnahmen zum wirksamen Schutz ber Humanität zu vereinbaren.
Venezuela hat roieber mal mit aller Welt Unfrieden. Es prozessiert gegen die französische Kabelgesellschast, und ber Präsident des Landes, Castro, betreibt offen deren Verurteilung. Seit Jahr und Tag hält es 5 holländische Malrosen gefangen unb mit Belgien, Italien unb Spanien lebt er gleichfalls in Streit. Der heftigste Konflikt aber besteht mit den Vereinigten Staaten. In dieser Angelegenheit hat er letzthin bie Entscheidung durch ein Schiedsgericht vorgeschlagen, was aller in Washington rundweg abgelehnt wurde. Präsident Castro scheint dem Präsidenten Roosevelt die Monroe-Doktrin gründlich verleiden zu wollen. Daß die Vereinigten Staaten längst nicht mehr so freudig für die Monroe-Lehre entflammt sind, beweist auch bie San Do- mingo-Frage. Zu dieser Angelegenheit ist allerdings jetzt von den Vereinigten Staaten ein mündliches Abkommen erzielt worden, wodurch bie strittigen Fragen bis zur Beschlutz- sassung des amerikanischen Senats über das amerikantsch- dominikanische Protokoll geregelt sind.
Zum Schluß Rußland unb der Krieg! Der Zar richtete an feinen geschlagenen Feldherrn Kuropatkin den UtaA,


