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Montag, 27. Februar 1905
Gießener Anzeiger
155. Jahrg.
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General-Anzeiger, Amts- und Anzeigebiatt für den Kreis Gießen.
Parlamentarische Verhandlungen.
Rachdruek ohne Vereinbarung nicht gestattet.
Deutscher Reichstag.
149. Sitzung vom 25. Februar. 1 Uhr.
Das Haus ist s e h r s ch w a ch besetzt; bei Beginn der Sitzung find 17 Abgeordnete anwesend.
Am Bundesratstische: b. Tirpitz u. a.
Auf der Tagesordnung steht die zweite Beratung des Marrneetats.
Die Kommission hat an dem Etat Abstriche im Betrage von 6 600 264 Mk. gemacht und außerdem folgende Resolution angenommen:
Den Reichskanzler zu ersuchen, für den nächstjährigen Etat eine Erhöhung des Höchstgehalts der Führer und Steuerleute von Wcrftdampfern, Schwimmtränen, Schwimmdocks, sowie der Spritzenmeister in Erwägung zu ziehen.
Die Beratung beginnt beim Titel „Gehalt des Staatssekretärs."
Der Berichterstatter Frhr. v. Thünefeld (Ztr.) berichtet über die Verhandlungen in der Kommission.
. Abg. Bebel (Soz.): Die Marineverwaltung hat in der Kommission erklärt, daß sie keine Beziehungen zu dem Flottenberein und dessen Agitation habe. Der Flottenverein ist angeblich nur ein Privatverein, er betreibt die Agitation jedoch so, daß der Reichstag sich doch mal eingehend mit ihm beschäftigen muß. Der Flottenverein sagt, er _ bezwecke, im Sinne der Marine- und Kolonialpolitik des deutschen Kaisers zu wirken, und angesichts der Tatsache, daß sämtliche deutschen Bundesfürsten Protektoren und "alle Minister Mitglieder des Vereins sind, scheint in der Tat ein Gegensatz zwischen den Zielen des Vereins und denen des Kaisers nicht zu bestehen. Die Agitation des Flottenvereins aber geht dahin, daß wir noch 3165 Millionen mehr für unsere Flotte ausgeben sollen, als bisher. (Hört, hört!) Der sächsische König hat ja sogar als Kronprinz während der vorjährigen Hauptversammlung des Flottenvereins auf diesen ein Hock ansgebracht, und in einem Telegramm an den Vorsitzenden des Vereins, den Fürsten Salm, sagt der Kaiser: Mögen Ihre auf Verstärkung unserer Wehrkraft zur See gerichteten^ Bestrebungen der Erfüllung entgegenreifen und von Erfolg gekrönt sein. Das ist auch eine Bestätigung dafür, daß die Bestrebungen des Flottenvereins vom Kaiser unterstützt werden. Auch der Bürgermeister von Lübeck und eine Menge von Handelskammern haben für den Flottenverein agitiert, aber dieselben Herren wollen nichts von ihren Millionen für diese Zwecke abfleben. Die beste Antwort auf dieses Treiben wäre, sofort eine Reickseinkommen- und Reichsvermögenssteuer einzuführen, dann würde sehr bald die Agitation des Vereins aufhören. Der Generalmajor Licbert hat sogar von dem kläglichen Flottengesetz gesprochen, das uns wehrlos macht. (Zuruf des Abg. v. Kardorff.) Sie gehören auch zu denen, Herr v. Kardorff, die die Kosten durch indirekte Steuern ai!f6rmgen wollen. Das ist eine Politik so sckamloser Art, daß ich nicht begreife, wie jemand sie vertreten kann.
Präsident Graf Ballestrem: Wenn Sie auf ein Mitglied des Hauses mit, dem Ausdruck schamlose Politik hingewiesen haben wollen, so wäre das durchaus unangemesien. (Abg. Bebel: Ich meine sämtliche Herren, die diese Politik treiben.) Sie haben aber die Sache in Zusammenhang mit Herrn von Kardorff gebracht, und wenn Sie den mit gemeint haben, so rufe ich Sie zur Ordnung.
Dbg. Bebel (fortfahrend): Was hat nun die ganze Agitation für einen Zweck? — Sie kann sich doch nur gegen England richten. Nach der Ansicht der Flottenvereinspolitiker war ein Krieg zwischen Deutschland mit Rußland und Frankreich das drohende Gespenst, das seit anderthalb Jahrzehnten über uns schwebte. Ter Gang der Ereignisse im Osten hat gezeigt, daß das schöne Gemälde von der gewaltigen Macht, die Rußland repräsentierte, vollständig verschwunden ist; nun meinen die Herren, die Gefahr zu Lande ist vorüber, jetzt sind Ausgaben für das Landheer nicht dringlich, jetzt Mussen umso größere Aufwendungen für die Flotte gemacht werden, und zwar doch oftenbar noch bevor die neuen Pensionsgesetze ein- flebrackt werden. Das alles, t: 'tocm die Minister der Bundesstaaten hier doch oft genug über die traurige Finanzlage ihrer Staaten, geklagt haben. Durch die Neubauten von Schiffen ist der beabsichtigte Zwecks doch nicht erreicht worden, die Spannung zwischen den Größenverhältnisien der englischen und deutschen Flotte hat sich seit unserem letzten Flottengesetz nicht vermindert, soridern noch vermehrt. Dem Handel haben wir durch unsere Flotte noch sehr wenig genützt, noch nicht um hundert Millionen haben ton ihn durch sie gesteigert.
meine Pflicht gehalten, auf diese Dinge hier rückhaltlos emzugehen, damit die Nation beizeiten gewarnt ist. Wenn Sie diese Flottenagitation unterstützen aber dagegen sind, oie Herren vom großen Geldbeutel heraiigezogen werden, darin buten Sie sich davor, daß Ihre Politik erst einmal den großen Massen zum klaren Bewußtsein kommt. Geschieht das, dann sage rch: Wehe Ihnen! (Llha! rechts; Beifall b. d. Soz.)
Staatssekretär v. Tirpitz: Es ist nicht richtig, daß seinerzeit zas zweite Flottengesetz auf Grund der Agitation des Flottenver- erns eingebracht und beftirwortet worden ist. Die Einbringung des zweiten ^lottengesetzes beruht auf toohlevwogenem Entschluß der verbündeten Regierungen. Daß es notwendig sei, unsere Motte auf eine andere Grundlage zu stellen, als sie sie im Jahre 1898 mnehatte, zu dieser Ansicht waren der damalige Reichskanzler, der jetzige Reichskanzler, der damals Staatssekretär des Aeußern war, und ich im ^aufe des Sommers gekommen und in dieser Auf- fapung haben sich die Verbündeten Regierungen entschlossen, ein zweites Flottengesetz eiryubringen. Ich g!mib- auf dies- Ana-- legenhert nickt naher eingehen zu brauchen, auch nicht auf die Begründung. Es ist ja alles damals im Jahre 1900 im Plenum und namentlich in der Kommission eingehend verhandelt worden Wenn nun der Abg. Bebel es als die Aufgabe, die der Flottenverein sich gestellt hat, ansieht, durch ein bestimmtes Programm auf die Verbündeten Regierungen zu wirken, und insbesondere ein Doppelgeschwader zu fordern, so widerspricht das den Satzungen des Flottenvereins. In diesen Satzungen steht der Passus,'daß der Flottenverein den Zweck hat, das Verständnis und das Interesse des deutschen Volkes für die Bedeutung und Aufgaben der Flotte zu wahren, zu pflegen und zu stärken. Wenn man berücksichtigt, daß unsere Natton durch Jahrhunderte der See fremd geworden ist, daß sie den Einfluß, den die See und alles, was mit der See zu- sammenhängt, auf die nationale und kulturelle Entwicklung unserer Nation ausübt, nicht mehr zu fühlen bekommen hat, dann muß ich sagen, der Zweck, den der Flottenverein sich gestellt hat, ist dnrch- aris anerkennenswert. (Sehr richttg! rechts.) Auf der andern Seite muß ich aber auch bedauern, daß der Flottenverein ober Teile desselben, ich bin darüber nicht genau informiert, ein ganz bestimm- teS Programm für die Verstärkung unserer Flotte ausgestellt hat.
Das entspricht nicht den Satzungen des Vereins. Diese schwierige ot c < * $er Verstärkung der Flotte kann allerdings meiner Ansicht nach _ der Flottenverein nicht übersehen und es ist ganz dabei leicht über das Ziel hinausschießt. Aber das • j? tolbstperständlich, daß die verbündeten Regierungen sich davon nicht beeinflussen lassen und in keiner Weise von der Linie abgehen werden, die sie für die Entwicklung der Flotte für richtig nalten, imb ich glaube, daß von vielen Seiten die solide und sachliche Basis, auf der unser Vorgehen bezüglich der Entwicklung unsrer flotte beruht, in ihrer Sachlichkeit unterschätzt wird, -^enn ton, tote ich in der Dndgetkommission schon zu erklären ge- nongt war, noch einmal ein Flottengesetz aufzustellen hätten, so wuroen ton es genau so aufstellen, tote ton es im Jahre 1900 fur.bic oestimmten Ztoecke seinerzeit aufgestellt haben und keine Ltme davon abgehen. Damit fällt alles, was der Abg. Bebel in auf^ Zukunftsphantasien gesagt hat, in den Sand. Es ist auch schließlich in keiner Weise wahr, daß der Kaiser sowie der ^ontg von Sachsen daran gedacht haben, sich mit dem speziellen Programm des Flottenvereins zu identifizieren. Ich glaube, ohne daß ich den Aufttag dazu habe, das bestimmt hier sagen zu können Der Kaiser und der König von Sachsen haben nur im allgemeinen tqre. Anerkennung ausgesprochen für die Zwecke, die der Flottenverein verfolgt, und das ist etwas ganz natürliches. (Beifall rechts.i
Abg. Graf Oriola snl.): Es mackt auf mich einen eigentüm- ar -T1 .®*n^ruc^ daß gerade Herr Bebel, dessen Partei in der Agnatton doch das Menschenmögliche leistet, sich über eine gewisse Agitation von anderer Seite beschwert. Der Flottenverein hat in
Beziehung sehr nützlich gewirkt, er hat zu der Erkenntnis mit beigetragen, daß für Deutschland eine gute Wehrkraft zur See durchaus erforderlich ist, und weil ick das Programm des Vereins kenne, tote cs der Staatssekretär vorgelesen hat, so gehöre ich ihm nur einer ganzen Anzahl meiner politischen Freunde an und fühle mich auch durch die Rede des Abg. Bebel nickt bewogen, aus dem Verein auszutreten. (Lachen bei den Sozialdemokraten.) Das Wort „gemeingefährlich", das man auf den Flottenverein angewendet bat, verdient weit eher Anwendung auf eine ganze Reihe von Vereinen, denen Herr Bebel nahe steht. (Unruhe bei den Sozial- demokraten.) Daß der Flottenverein manchmal weiter geht, als es wünschenswert ist, taut sich dadurch erFfären, daß die Männer, die sich dort von der Notwendigkeit einer starken Flotte überzeugt haben, die Steuerkraft des Volkes und die Finanzlage des Reiches nicht immer mit berücksichtigen. Wenn die Herren aber auch leicht in ihrer Agitation, weiter gehen, als es richtig erscheint, so halte ich es, dock für unrichtig, deshalb den ganzen Verein zu verurteilen, und. ich bin überzeugt, daß es ganz richtig ist von den deutschen Fürsten, daß sie mit der Grundtendenz des Vereins, das Interesse für unsere Flotte zu beben, einverstanden sind. Ich bin sehr froh, daß durch foie Ausführungen des Staatssekretärs in der Budgetkommission manche. Unklarbeiten über die Ziele der Regierungen beseitigt sind. Die Ausführungen des Staatssekretärs werden Beruhigung herbeiführen darüber, daß unsere Regierung zielöewußt und sicher borgeht und nickt die Absicht hat, über das Notwendige hinauszugehen. Diese Beruhigung wird vielleicht manchen Freunden des Herrn Bebel, unangenehm sein, denn wenn her Staatssekretär üd) so offen ausspricht, dann ist es viel schwerer, Erregung in die Msissen hineinzutragen. Ich freue mich darüber, daß die Gelegenheit hierzu den Sozialdemokraten genommen ist. Der Staats- sekretär hat in der Budgetkommission erklärt: „Ick kann mick dahin resümieren, daß, die Erfahrungen des russisch-japanischen Krieges eine volle Bestätigung der Richtigkeit der Grundprinzipien unseres Flottengesetzes erbracht haben, daß unsere Flotte nicht nur aus den richtigen Schiffsklasien besteht, sondern daß auch die Zahl der den einzelnen,.Klassen angehörenden Schiffe richttg gegeneinander abgewogen.ist." Der Staatssekretär hat ferner erklärt: „Die Grundsätze unseres Flottengesetzes haben sich in jeder Beziehung als richtig erwiesen, und es kann nickt zweifelhaft sein, daß, wenn das Flottengesetz noch einmal ausgestellt würde, wir es genau auf denselben Grundsätzen aufgebaut hätten wie damals." In diesen Worten, liegt für uns eine große Beruhigung. Der Staatssekretär hat weiter ausführlich in der Budgetkommission mitgeteilt, daß allerdings die Regierungen noch keine definitiven Beschlüsse gefaßt hätten in Bezug auf die Flottenvorlage, die in diesem Herbst zu erwarten si't — wir alle wußten, daß eine zu erwarten sei — baß er aber glaube, daß durch diese Novelle nur angefordert werden toürben die seinerzeit vom Reichstage abgelehnten, aber von der Negierung bet der , letzten Vorlage geforderten großen Auslandskreuzer und bann die vom Reichstage nicht bewilligten sieben kleinen Kreuzer und sieben Torpedodivisionen.
Die Aeußerungen, die der Staatssekretär in der Budgetkommission gemacht hat, sind leider in der Presse größtenteils falsch verstanden worden. Es sind die Berichte aus der Kommission so ungenügend (Lebhafte Zustimmung), daß geradezu das Gegenteil von dem, was der Staatssekretär erklärt hat, vielfach in den Zeitungen stand. (Erneute lebhafte Zustimmung.) Ein Mitglied des Flottenvereins hatte ans diesen Zeitungsnotizen sogar schon zu ersehen geglaubt, daß die neue Vorlage genau dem Programm des Flottenvereins entsprechen werde (Hört, hört!), und nach den ungenauen Berichten war der Herr zu dieser Annahme durchaus berechtigt. Ich könnte nur wünschen, daß, wenn überhaupt ausführliche Berichte über die Budgetkommissionsverhandlungen kommen sollen, daß sie in einer gesichteten und allen Parteien in gleicher Weise gerecht werdenden Form ansgegeben werden. (Lebhafte Zustimmung.) In Betreff der vom Staatssekretär ange- kündeten Vorlage würden meine Freunde gegen ihre ganze frühere Haltung handeln, wenn sie der Bewilligung widersprächen, denn wir haben ja auch schon 1900 gegen die damaligen Mstriche gestimmt. Wünschen, die dahin gehen, der Staatsekretär solle sich für alle Zukunft binden, kann dieser natürlich nickt entsprechen, denn selbstverständlich werden unsere Rüitttngen zu Lande und zu Wasser immer in einem gewissen Verhältnis stehen müssen zu den Rüstungen anderer Nationen, aber für die nächsten Jahre wenigstens hat der Staatssekretär ein so klares Programm aufgestellt, daß wir zuftieden sein können. Wir werden die Flottenvorlage prüfen von dem Gesichtspunkte: Ist sie notwendig vom Standpunkte der Wehrhaftigkeit des Vaterland-s, und wir werden sie weiter selbstverständlich prüfen von dem Standpunkte, der vielleicht von manchen Herren des Flottenvereins übersehen wird: Inwieweit können wir sie vereinbaren mit der Finanzlage des Reiches und der Steuerkraft des Volkes, und wir sind ferner der Meinung, daß die wohlhabenden Klassen in erster Linie zu den Kosten heran- gezogen werden müffen. Selbstverständlich wollen wir keinen Krieg mit England haben, wohl aber ^en wir in der deutschen Flotte das Mittel, uns jeder anderen Natton als gute und wichtige Bundesgenossen vorstellen zu können. Eine starke deutsche Flotte ist das wichttgste Förderungsmittel zur Erhaltung des Friedens (Beifall.)
Abg. Gröber (Ztr.): Der Flottenverein macht wohl etwas zu viel Reklame. Gleichwohl steht meine Partei auf dem Standwuikt,
daß die freie Agitation nicht beschränkt werden darf. Doch mutz der, welcher diese Agitation treibt, auch selber die Verantwortung tragen und vor allem sich jede Krittk gefallen lassen. Auch die hohen Herren, die daran teilnehmen, müssen das. Komisch berührt die Naivität, mit der der Flottenverein sich als einen nichtpolittschen ■Uerein hinstellen will. Er verfolgt doch direkt ein politisches Pro- grmnml Ich bestreite übrigens nicht, daß der Flottenverein innerhalb gewisser Grenzen nützlich wirken tarnt: durch Beibringung von Material usw. Aber er darf sich nicht herausnehmen, Leute von S!ir^cr ®cUnmtnS M besckimpfen. Er spricht von seiner hohen, sutuchen Aufgabe. Dann darf er aber auch nicht zu den kleinlichen Mitteln der persönlichen Beschimpfung seine Zuflucht nehmen! (Sehr richttg N Und tun sie das, dann dürfen sie sich natürlich nicht darüber wundem, wenn man von „gemeingefährlicher Agttation" spricht. Wte's tn den Wald hineinschallt, schallt es heraus. Wenn von unserer Seite die Agitation als gemeingefährlich bezeichnet wurde, so geschah es sowohl im Hinblick auf das Ausland, wie auf unjere inländischen Verhältnisse. Wir halten es für gefährlich, unferc ?ylptte fortwährend vor dem Ausland so schlecht zu machen. Hoffentlich ist man im Ausland klüger und fällt man dort nicht aus die Exklamattonen des Flottenvereins herein. Durch jene Agitation wird aber ferner eine Art Nebenregierung inszeniert neben der verantwortlichen Verwaltung des Marineamts. Daher haben wir die Sache zur Sprache gebracht, um dem Staatssekretär Gelegenheit zu geben, die Verantwortung für den Flottenverein abzulehnen. Er mag sich wohl selber die Gefahr vor Augen ge- iührt haben, die durch jene Agitation uns erwächst! Es könnte ja fünft leicht fo kommen, daß man die Auslandsschifse hier auf Grund der fackverständigen Aeußerungen des Flottenvereins ablehnt, und das dritte Geschwader auf Grund der sachverständigen Aeußerungen der Marineverwaltung l (Heiterkeit.) Das wäre ein Standpunkt, auf den sich manche Parreien hier im Haufe (mit einem Blick zu den Soz.) hier einigen lvürden. . (Heiterkeit.) Ohnehin läßt ja auch bei begeisterten Flottenfckwärmem die Begeisterung immer1 etwas nach, wenn's ans Zahlen kommt. (Heiterkeit.)
Der ^Flottenverein täte besser daran, eine reckt „großzügig^ Agitation" dafür zu entfalten, daß die leistungsfähigen.Elemente in erheblichem Maße zu Opfern für die Flotte herangezogen werden. Aber wenn es heißt: diejenigen Kreise, die den größten unmittelbaren Nutzen von der Flotte haben, sollten auch am meisten herangezogen werden, dann sind die Herren immer merkwürdig harthörig. . Was die Flottenvorlage selbst betrifft, so werden wir, wenn sie eingebracht wird, sie prüfen. Einsttveilen schlage ich vor, dem Staatssekretär sein Gehalt zu bewilligen. (Heiterkeit.)
Abg. v. Normann flons.): ,Wir haben keine Veranlassung» hier auf die Tätigkeit des Flottenvereiiis einzugehen, da wir davon überzeugt sind, daß er auf die Entschließungen der Regierung keinerlei Einfluß misübt. Wenn die Flottenvorlage kommt, werden tote fie so wohlwollend prüfen, wie es unserer Vergangenheit entspricht.
Abg. Mommsen ffreif. Vgg.): Wir haben keine Veranlasiung, uns heute schon zu der kommenden Flottenvorlage zu äußern. Sich hier hinzustellen, wie Graf Oriola, und zu sagen: „Wenn die Vorlage kommt, werden wir sie bewilligen", das ist ungefähr dasselbe, wie wenn der Flottenverein ein neues Doppelgeschwader fordert. Wir sind, wie bekannt, an sich keine Gegner der Ver- mebrunb der Marine. Das glaube ich nicht, daß Die Kreise der Industrie und des Handels, die für die Marine sind, in ihrer Begeisterung Nachlassen würden, wenn man die Vermehrung der Flotte nur um den Preis birefter Reichssteuern bewirken konnte. Diese Kreise haben bisher noch stets die Opfer getragen, die sachlich notwendig waren.
Abg. v. Kardorff (Reichsp.): Der Flottenverein kann reckt darauf sein, daß der Reichstag sich zwei Stunden lang mit ihm beschäftigt hat. Ick bin ganz zuflieden mit dem Flottenverein, toeun er auch manchmal über die Schnur haut. Er hat einen frischen, fröhlichen Zug in unsere Natton gebracht. Mit der englischen Flotte werden wir es ja nie aufnehmen können. Und einen Krieg mtt England wünsche ich ebensowenig, tote der Abg. Bebel. Die germanischen Nationen sind auf einander angetoiesen, ein Krieg mit England toärc das größte Unglück für die zivilisierte Welt. Dem Flottenverein ist es zu verdanken, daß man im Volke selbst letzt allenthalben.Svmpathie für die Flotte hat. „Uferlose Flotten- vläne" heißt es jetzt wieder! Ja, meine Herren, „uferlos" waren bis letzt noch alle Flottenpläne! Also, lassen wir uns durch das Wort nicht einscküchtem.
^err Bebel sagte weiter: Wcw eine Flotte will, soll sie auch bezahlen! Also wieder die dirette Reichseinkommensteuer! Ja, meine Herren, ich habe ja nichts dagegen! Mer Herr Bebel weiß ganz gut, daß eine dirette-Reichseinkommensteuer nichts anderes bedeutet, als eine Mediatisierung der Einzelstaaten! Also was toll das? Doch nur Agitattonsstoff für die Masse außer dem Hauw, die zu wenig davon versteht! Unter meinen Freunden gibt e§ viele, die eine Verstärkung der Dtarine momentan viel lieber bewilligen. toürben als eine Vermehrung der Landarmee. (Höri, hort! ) Die Marine entlastet ja auch die Landarmee bei der Küsten- bericwigung! Im übrigen: wie wir uns zur Flottenvorlage stellen werden, das wird sich zeigen, wenn sie eingebracht ist! Die Klagen über die zu großen Lasten hören wir jetzt an dreißig Jahre. Und Deutschland ist dabei doch ganz gut gediehen! (Beifall rechts.)'
Aba. Dr. Müller-Sagan (freis. Vp., schwer verständlich): Der Flottenverein braucht nicht besonders stolz darauf zu sein, daß der Reichstag sich so eingebend mit ihm beschäftigt. Sehen Sie sich nur die geringe Präsenz des Hauses an! Ueber die Agitatton des Flottenvereins besckwercn wir uns nicht, sondern nur darüber, daß er von den Behörden gewissermaßen alimentiert wird. Der Staatssekretär^ braucht doch solche Meute nickt! Auch meine Freunde freuen sich darüber, daß der Staatssekretär kein neues Programm aufgestellt hat, sondern an dem alten Flottengesetz festhält. Was notig ist, werden auch wir bewilligen, aber darüber, was nötig ist. geben die Ainichten auseinander. Diese Frage kann nur der Politiker entscheiden. Jedenfalls dürfen nur die bemittelten Klaffen die Kosten tragen; eine Reicksvermögenssteuer würde am besten dazu geeignet sein, sie läßt sick gut durchführen, ohne die Selbstständigkeit der Einzelstaaten anzittasten.
Abg. Werner (Antis.) tadelt die Agitatton des Flottenvereins und plaidiert ebenfalls für eine Reickseinkommensteuer.
Abg. Bebel (Soz.) führt au§, daß er dem Flottenverein seine Agitation nicht übel nehme, sondern nur die Unterstützung dieses Vereins durch die Behörden tadele. An dem Kaisertelegramm: „Mögen die Wünsche des Vereins in Erfüllung gehen!" ist nickt zu deuteln. Herr von Kardorff meinte, wir wollten nur Agitatton treiben. Gewiß, das wollen wir, wir wollen die Massen aufklären, wir wollen Agitatton treiben, genau so wie der Flottenverein, nur im umgekehrten Sinne. Wer so für die Flotte agitiert, muß sie auch bezahlen, das ist doch eine einfache Pflicht des Anstandes. Der Flottenverein ist zum mindesten ein offiziöser Verein.
Abg. Dr. Arendt (Reichsp.): Eine große Handelsflotte ohne eine starie Kriegsflotte ist ein Unding, da§ geirrt die Geschickte alleri


