** Tagesordnung für die Sitzung der Stadt - verordneten-Versammlung am Montag den 27. März 1905, nachmittags 3 Uhr pünktlich. 1. Aufnahme eines neuen Anlehens. 2. Beschaffung von Bänken für die höhere und erweiterte Mädchenschule. 3. Vergebung der Zementrohrlieserung für die Sielbauten.
•• In der Gemälde-AuSstellung am Brand sind, wie schon kurz erwähnt wurde, seit Mittwoch 2 größere Kollektionen ausgestellt, deren eine von Prof. Paul Hoecker in Oberlangenan, ehemaligem Lehrer an der Münchener Akademie, herrührt. Sie umfaßt 27 Werke und bietet viel des Interessanten und Sehenswerten. Religiöse und weltliche Stoffe, Landschaften, Seestücke, (Genres und Porträts zeigt und der Künstler; das Kolossolbild .Die Wundmale" ist eines seiner Hauptwerke. Paul S ch a d - N os s a - Berlin, von dem die zweite, 31 Bilder umfassende Kollektion herrührt, besitzt offenbar eine sehr rege Phantasie, die sich zu ihrer Betätigung mit Vorliebe religiöse Motive aussucht, deren Darstellung aber hier und da so phantastisch gehalten ift, das; ihre Deutung in das Belieben des Zuschauers gestellt ist. Eines seiner Hauptwerke ist wohl das „Wonne" benannte ^Bild und das Triptychon .Dem freien Menschentum". Tie beiden Kollektionen bleiben nur kurze Zeit ausgestellt, die von Schad-Nossa voraussichtlich nur 8 Tage, da sie anfangs April in Halle zur Ausstellung gelangen muß. Ein baldiger Besuch der Ausstellung sei daher empfohlen.
•• Vom Gleiberg. Der Winter hat bedauerlicherweise in der Ruine der alten Königsburg arg gehaust. Ist ,der Kapelle ist die eine Fundamentmauer zusammengestürzt und auch sonst noch sieht das Auge des Besuchers zusammengestürzte Mauertrümmer. Der Gleiberg-Verein hat in seiner vorjährigen Generalversammlung beschlossen, in den nächsten Zeiten energisch an die Sicherungsarbeiten für die altehrwürdige Ruine heranzugehcn. In diesem Jahre noch soll die Mantelmauer um den Bergfried gründlich repariert werden, welche Arbeit etwa 800 bis 1000 Mk. erfordert Neuerdings hat man sich um eine Subvention für den Gleiberg auch an die Nheinprovinz, in deren Bereich die Burg liegt, gewandt.
X Dorlar, 23. März. Unsere mitten im Dorfe gelegene alte Schule sollte schon vor Jahren durch einen zeitgemäßen Neubau ersetzt werden. Man bat schon seit langem einen geeigneten Bauplatz gekauft, aber leider fehlte es seither der Gemeinde an den Mitteln, den Bau aufzuführen. 9hm soll aber endlich mit dem Schulhaus - Neubau begonnen werden.
x. Stockheim, 24. Mär;. Der unweit des zwischen hier und Ranstadt befindlichen Tunnels stationiite Bahnwärter sand kurz vor dem Passieren des um 5.04 Uhr in Stockheim eintreffenden Pcrsonenzuges einen riesigen Sandstein, der mit Reisern zugedeckt war, auf die Schienen gewälzt. Mit Mühe gelang es ihm, den Stein, der unfehlbar die Entgleisung des Zuges herbeigesührt halte, wcgzuschaffen und so ein großes Unglück zu verhüten. Als Täter wurde der Knecht Christian Schmidt vom Rohr- bacher Hof am selben Tage in Borsdorf festgenommen. Sch. war kurz vorher von seinem Herrn entlassen worden; er glaubte seinen Herrn in dem Zuge und versuchte aus Rache den Zug zur Entgleisung zu bringen.
Oerichtslaal.
(th.) Gießen, 25. März. Tie Strafkammer verurteilte gestern den 28 Jahre alten Schreinergesellen K. S. von Nidda wegen Körperverletzung mit gefährlichem Werkzeug zu zwei Jahren Gefängnis und wegen Ruhestörung zu acht Tagen Hast. Ter Angeklagte, welcher ein recht aufgeregter Mensch ist, wenn er etwas getrunken hat, wurde eines Nachts vom Nachtwächter von Nidda zur Ruhe verwiesen, weil er durch lauten Lärm die Ruhr der Bewohner des Städtchens störte. S. führte mit einem Handbeil einen Schlag nach dem Kovs des Wächters, dem er eine blutende Wunde an der Stirn beibrachte. Der Schlag wurde so luftig geführt, daß der Getroffene leicht dabei hätte das Leben einbüßen können. — Ter 14 Jahre alte Schlosserlehrling F. V. von Gießen ist in einem Gerätehäuschen eines am Leihgesterner Weg liegenden Gartens eingebrochen und hat daraus eine Flobertbüchse gestohlen. Das Häuschen war fest verwahrt und verschlossen, und es handelt sich daher um einen E i n b r u ch s d i e b st a h l. Die Strafkammer erkannte unter Zubilligung mildernder Umstände, mit Rücksicht cui die Jugend des Täters und weil der Wert des Gestohlenen
nicht erheblich war, aus 1 Monat Gefängnis. — Es jolgte dann eine Verhandlung hinter verschlossenen Türen wegen. Si ttl i ch - keitsvergehen, wobei der Angeklagte mit 1 Jahir 3 Monate Gefängnis bestraft wurde.
— Die Strafkammer verurteilte den Bäckergesellen sstc. D. aus Ehrenberg wegen schweren Diebstahls zu 6 Monaten Gefängnis D. entwendete zu Lollar, wo er in Diensten stand, seinem Mitgesellen, währenddem dieser sich krankheitshalber in seiner Heimat befand, mittels Einbruchs fast sämtliche Habseligkeiten. — Schausteller K. W. von Mainz hat gegen em Urteil des hiesigen Schöffengerichts Berufung erhoben. Gelegentlich seiner Anwesenheit in Reiskirchen geriet er mit dem Polizei- diener in Konflikt. was eine Beleidigungsklage und Bestrafung mit einer Woche Gefängnis zur Folge hatte. Auf seine Berufung wurde die Strafe in eine Geldstrafe von 50 Mark umgewandelt. — Auf der Kckchweihe zu Allendorf a. d. Lda kam ein Arbeiter von Elimbach mit einigen Einwohnern von Allendorf in Wortwechsel, der in eine Rauferei ausartete. Die Allendörfer hatten sich vor dem hiesigen Schöffengericht deshalb weaen Körperverletzung des Climbacher zu verantworten. Das Schöffengericht erkannte ans Freisprechung, da die ^ache nicht auszullären war. Auf Berufung der Staatsanwalffckiatt wurden heute die Brüder L. und H. K. zu je 20 Mark Geldstrafe verurteilt Bezüglich der übrigen Angeklagten wurde die ^Berufung nicht aufrecht erhalten. — D'e Ehefrau des Hilfsbremsers K. M von Friedberg hatte d-c Gepflogenheit, Asche in einem Korb auf dem Speicher ihres Hauses aufzuheben. Hierbei befanden sich anscheinend einmal noch glühende Teile in der Asche; der Korb fing an zu brennen und setzte die Decke eines Z.mmers in Brand, ohne jedoch größeren Schaden anzurichten. Fran M. hat ihre Unvorsichtigkeit mit einer Geldstrafe von 10 W zu büßen, da man sie wegen fahrlässiger Brandstiftung unter Anklage gestellt hatte.
'Leipzig, 24. März. Tas Reichsgericht verwarf dieRe- vision Bergers, der am 24. Dezember vom Schwurgerichte des Landgerichts 1 Berlin wegen eines Sittlichkeits-Verbrechens rmd Totschlags begangen an der L u c i e Berlin, zu 15 Jahren Zuchthaus und Nebenstrafen verurteilt worden war.
Bochum, 23. Marz. Die Frau eines Bergmannes von hier heftete au die Tür des arbeitswilligen Bergmannes Wie- gandt einen Schmähzettel, auf dem Drohungen geschrieben standen, die verwirklicht würden, wenn er nicht die Arbeit niederlegte. Die Strafkammer verurteilte die Frau wegen Nötigung und Veraeh-ms gefeit § 153 der Gewerbeordnung zu 14 Tagen Gefängnis.
Eingesandt.
(Für Form und Inhalt aller unter ki r Rubrik stehenden A t M übernimmt die Redakt'"" tem ^ublirum gegenüber keinerlei
Verantwortung.)
Gießen, 24. Marz.
Herr Theodor Haubach hat in der letzten Sitzung ter. Stadtverordneten die Behauptung aufgestellt, daß es unnötig sei, für die Vorbereitung der Chorkonzerte den gleichen Raum an drei aufeinander folgenden Abenden zu benutzen. Ich stelle fest, daß diese Behauptung unrichtig ist. Für die Ausführung eines größeren Chorwerkes mit Orchester bedarf e5 des Zusammenwirkens von Chor und Orchester unbedingt nickt nur am Auf- fühningstage und für die stets am Abend vorher stattfindende Hauptprobe, sondern auch für eine vorhergehende Probe. Es ist in großen Städten, in denen mehrere große Säle zur Verfügung stehn, natürlich möglich, zwischen den Sälen zu wechseln' aber nur möglich, kein Dirigent wird es gerne tun. Hier am Orte ist es aber nicht einmal möglich. Gesetzt den Falt, das Chorkonzert würde im Theater gehalten und auch für die Hauptprobe das Theater zur Verfügung gestellt, so müßte, die Orchesterprobe in einem anderen großen Saal, sagen wir Steins Garten, oder Leibs Saal oder Turnhalle, stattfinden. Es müßte dann aber der Chor- und Orchester-Raum für die Probe genau so hergerichtet werden wie für das Konzert, das heißt, es müßte ein Podium aufgeschlagen werden. Was das für Kosten und Umstände macht, weiß Herr Haubach ganz genau. Er muß auch wissen, daß ein Umziehen des Chors, der sich an das Orchester in der Vorprobe erst langsam gewöhnen muß, in einen enteren Raum die Hauvtprobe und damit die Ausführung erheblich gefährdet, ja, bei unseren kleinen Verhältnissen geratezu in Frage stellt. Aus dieser Darlegung folgt, daß die Bemerkung des Konzertvereinsvorstandes, das Theater müsse für die Chorkonzerte an drei aufeinanderfolgenden Abenden zur Verfügung gestellt werden, durchaus richtig ist; eben daraus ergibt sich aber, daß die Ausführung von Chorwerken im hiesigen Theater unmöglich sein wird, da ein derartiges Ansinnen an die Theaterleitung nicht wohl gestellt werden kann. ~
Herr Haubach bat ferner behauptet, daß an Sonntagen die Zeit von 5 bis 7 für die Konzerte zur Verfügung stehe.. Auch diese Behauptung ist nur aus Unkenntnis der Verhältnisse zu erklären. Unsere Konzerte beginnen um o1! Uhr und können mit Rücksicht auf das Eintreffen der Bahnzüge nicht früher gelegt werden. Sie dauern in der Regel 2V.<, selten nur 2, oft 21/2 Stunden. Wie stellt sich Hr. Haubach die Dinge vor? Soll auf oder vor der Bühne bis */'s8 musiziert werden, und sollen Mitwirkende und Publikum immer unter dem Druck der Vorstellung stehen, daß, wenn das Konz"rt nickt ganz pünkflick schließt, schon die
Leute vor der Türe stehen, die ins Theater wollen, und bte* Schauspieler hinter den Kulissen, um auf die Bühne zu gehen? Ich gönne Herrn Haubach, der mich in dieser ganzen Angelegenheit weidlich geärgert hat, ein bißchen Fegefeuer. Aber so grausamj bin ick nicht, ihm seine musikalischen Genüsse dergestalt gestört zu wünschen. Es ist mehrfach darauf hingewiesen worden, daß z. B. in Berlin im Kgl. Overnbause Chorkonzerte stattfinden. Ich will nur kurz darauf Hinweisen, daß das, zufolge eine, mir vorliegenden Zuschrift d"s Herrn Hofkapellmeisters fUcucf, nur am Bußtage geschieht, an w'lchem Tage daS Haus infolge einer alten Kabmetlsordre tem Opernchor zur Verfügung stellt, damit er ein Konzert zum Vesten seiner Unterstützungskaffe geben kann. Außerdem wirkt der Cbor noch bei der regelmäßig einmal im Ja'hwe stattfintendcn Aufführung der 9. Svmphonie mit. Nach Mitteilung des Hcr-rn Muck besteht der Opernchor aus 110 Mitgliedern. Unser Chor hat zur Zeit über 150 aktive, das heißt an den Aufführungen teilnehmende Mitglieder. Herr Muck hält es für „absolut ausgeschlossen", einen solchen Chor mit Orchester roiuf einer Bühne, wie sie in Gießen geplant ist, so unterzubringen, daß er „im stände ist, zu musizieren".
Ich möchte die Gelegenheit nickt vorübergehen Waffen, ohne darauf hinzuweisen, daß die in meiner Gegenwart in der Versammlung des Bürgervereins vom 23. Februar aufgestellte Behauptung — nicht des Herrn Haubach —, daß im Stadttheater zu Göttingen Konzerte stattgefunden hätten, nach den mir^ vorliegenden Briefen des dortigen Musikdirektors und des Stadt- svndikus ebenfalls unrichtig ist. In Göttingen haben nicht nur niemals Konzerte im Stadttheater stattgefunden, sondern die Bühne ist dafür ganz ungeeignet. Der Herr Stadtsyndikusi schreibt: „Unser Stadtlbeater ist lediglich Theater, bietet auch keinen Raum zur Veranstaltung von Konzerten, namentlich für die Ausstellung eines Cbors". Der Götting-r Theaterbau ist uns aber immer wieder als Muster vorgehalten worden. Es. ist meine gutbegründete Ueberzeugung, daß man gut tun wird, unser Th'ater, wie es beabsichtigt ist, für Schauspiel und Operette "hoffentlich auch die alte Spieloper!) herzurichten und dabei, die Rücksichtnahme auf größere Konzertveranstaltungen ganz, beiseite ztt lassen. Ich Bin nicht sachverständig, so wen'.g wie Herr Haubach, aber ick kann meine Gießener Mitbürger versichern, alle von mir und anderen befragten Sachverständigen sind ausnahmslos dieser Ansicht. * Krüger.
Laut Theaterzettel ist die Estrade „nur für die Herren Stu> dierenden" reserviert. Trotzdem habe ich schon öfters Gelegenheit gehabt, Herren, die nicht zu den Studierenden zählen, sondern anderen Standes sind, aus diesem Platze zu sehen, Es ist daher auch vorgekommen, daß Stürmten, denen doch eigentlich diese Plätze zustehen, leer ausgingen während Herren in andern Lebensstellungen sich dort niederlassen konnten. Es läge daher im allgemeinen Interesse sowohl der Saldierenden wie der Direktion diesem Uebelftande abznhelsen, indem Estradenbilletts er. nur gegen Vorzeigung der Legitimationsk^te abgegeben werden. G. B.
Der Einsender möchte hierdurch die Herren Stadtverordneten, denen das Wohl ihrer Bürger und Wähler am Herzen liegt, bitten, Einsicht von dem rechten Trottoir zwischen den Bahnhöfen in ter Frankfurter Straße zu nehmen. Dieses ist nämlich so sehr mit dicken Kieselftemen überhäuft, daß das Passieren bei Tag oder bei Nacht sehr gefährlich ist. Leute können z. B. felyr leicht Knöchelbrüche oder sonstige Unfälle erleiden. Die Stadt Gießen würde bei einem solchen Falle natürlich zum Schadenersatz herangezogen werden. Man könnte aber solche Kosten sparen, wenn man diesen Kies erst durchweisen würde. Die Kieselsteine könnte man dann als Strahenschotter verwenden, die, von den Basaltbrüchen bezogen, auch eine grotze Summe Geldes kosten. £■
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heutigen Kultur als deren integrierender Bestandteil. Wir unterdrücken unsere Launen und Lüste so gut als cs geht, wir sind verbindlich, höflich, auch gegen Leute, die wir nicht ausstehen können. Das nennt man, nicht mit Unrecht, Zivilisation, die wir doch alle nicht missen möchten, und es hieße Waffer in den Ozean gießen, wollte man erst lange untersuchen, ob auch diese Zivilisation ihre Vorzüge hat. Wie man äußerlich Gesellschaftstoilette trägt, trägt man innerlich den Gesellschaftscharakter. Tas ist nun einmal so und schadet auch nicht.
Guckt man den maskierten Figuren des Stückes hinter die Larven, so gähnt einem leeres Nichts entgegen. Es fehlt an warmblütiger Menschlichkeit und an wirklichen Gescheh- niffen, die nicht am Aeußeren basten. Schließlich, rst doch das ministerielle und gcheimrätliche Berlin W. von heute kein mittelalterliches Wetzlar und die Menschen von heute keine Damenromangestalten im Stile oder, richtiger gesagt Stilmangel der guten alten Biedermeierzeit, die nimmer aufhört und die Menschen peinlich scheidet in ganz gute und ganz schlechte. Der einzige Vorzug des Stückes mit seinen konstruierten Gestalten, von denen nur der zwischen Liebe rmd Karriere schwankende junge Herr mit seinem preuß. Re- serveoffizierston und eine junge elegante Witwe, auf die die „Gesellschaft" den Stein des Anstoßes wälzt, einige Lebensmöglichkeit haben, sind ein paar uvohlgeschlisfene kleine Epigramme in dein zumeist recht papiernen Dialog.
Das Spiel unterstützte den Dichter nicht besonders wirksam. Die überseeische Exzellenz, die sich „in ein unübersehbares Abenteuer iit ihrem ganzen unpraktischen Idealismus stürzt", wie der Bruder Minister sehr richtig bemerkt,^ gab Herr Hacker auS Darmstadt, der ein tüchtiger Darsteller klassischer Rollen sein mag, sehr im Stelzenton des päre noble der überlebten französischen Komödie aus der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts. Vornehmheit und Vater- lrebe waren in Haltung und Wort Maskerade, was bei einem Wahrheitsfanatiker umsomehr aussallen mußte. Er machte den ganzen Abend über den Eindruck, als hätte er sich einen Mom-'ntphoroaraphen mitaebrgcht, der ständig jeines Amtes waltete. Sein unausgesetzres Bemühen war,
stets bildhaft in möglichst theatralischer Pose zu erscheinen. Und der böse Geist Deklamatorius schwebt über den Soffiten. Tie Tropensonne hatte dem alten Studiengenossen des^ Geheimrats Sche'lkhorn nicht nur die Vorurteile seiner Heimat weggesengt und sein Herz weich gemacht, sondern ihn auch merkwürdig gut konserviert.
Frl. Dülfer hatte in der Rührsnmkeit und Hilflosigkeit ganz gute Momente. Bei allen Steigerungen gebrach es ihr an Kraft. Besser, jedenfalls theaterwirksamer, vertrat des Dichters schlechte Sache Herr de Gio rgi als Geheimrat Schellhorn, der Mann mit der doppelten Moral. Er hatte die Lacher auf seiner Seite, weil er die Tar- tüsferien dieses Wackeren mit einer Beigabe schlauen Humors ausstattete. Fwcilict) schien er in seinem nichl. mit Unrecht ganz auf die schwankhafte äußere Wirkung fürs Publikum berechneten Spiel manchmal mehr Börsenjobber als Gebeimrat aus Berlin W. Zu sein. Aber Herr Fulda trägt schließlich die Hauptschuld daran. Frau Fischer spielte die Geheimrätin mit larmoyanter Würde, Herr Lüttjohann den sauberen Sohn dieses innigen Ehepaares ohne Karikatur, aber auch ohne Humor, und erschien darum blasser als der Assessor des Herrn Fulda. Herr Andreas wäre wohl flotter an seiner Stelle gewesen und hätte das leicht Schnoddrige dieser Rolle besser herausgebracht. FrauGartner sollte in einer Episodenfigur, dem weiblichen Räsonneur des Stückes, elegant und deliziös sein und trug ihre pompöse Toilette mit unendlich langer, staubauswirbelnder Schleppe auf ihre Art. In der ganz hübsch gezeichnetenEpisode des ergebungsvoll auf seinem wackeligen Stuhle sitzenden preußischen Ministers, der das gute Wagnersche Wotanswort „Ich Unfreiester Aller" zu zitieren hat, zeigte Herr Linz en Würde ohne Leisetreterei.
P. W.
*
— Fuldas „Talisman" in Paris. Aus Paris wird geschrieben: Das Theater „Vouffes-Parisiens" brachte den „Talisman" von Ludwig Fulda in einer Bearbeitung von Marsollau zur Aufführung. Auffällig war schon, daß auf dem Theaterzettel die Worte „nach Fulda" mit Tinte beiaesügt waren. Fulda hatte nämlich gegen die Art protestiert, in der der französische Setzer mit seinem Werke umgesprungen war, und die Aufführung nur unter der Bedingung erlaubt, daß er ungenannt bleibe. Der Be
arbeiter hat aus dem Fu'ldaschen Schauspiel eine vieraktige! melodramatische Tragödie gemacht, in der nur die ersten zwei Akte wortgetreue lieberseHungen sind. Im vierten M stirbt der König unter den Händen von Verschwörern. Dieser bei der Generalprobe noch vorgeführte vierte Akt wurde jedoch bei der Erstaufführung gestrichen. Tas Stück endet mit einem Straßenausruhr, der dadurch entsteht, daß das Volk, von Rita aufgeklärt, an dus Wunder nichck mehr glaubt. Blutige Szenen int Sinne des Petersburger Blutsountags geben dem Schlüsse ein aktuelles, aber ui> künstlerisches Interesse.
— Jules Verne ist am 24., ds. nachmittag in Amiens gestorben. Vern«', dessen phantastische Romane („Reise nach dem Mittelpunkt der Erde", „Reise um ten Mond", .Znanzigtausend Meilen unternt Meer" und viele andere) die Zahl von hundert, Bänden weit übersteigen und in der ganzen Welt gllffen ^werden, ist 76 Jahre alt geworden und war seit einiger Zstt völlig, erblindet. Er hatte in der französ'schen Provinzialstadt.Amiens ein großes Hans, bereiste die Welt, so lange er , sich ihrer zu erfreuen vermochte, ans einer schönen Jacht, schrieb aber seine Arbeiten alle in einem einfachen kleinen Zimmer, einem richtigen Schülerzimmer, in den Morgenstunden von vier bis elf.
— Das Stadtthcatcr in Zürich hat ein unverzinsliches IVs Millioncn-Anlchen ausgeschrieben, wobei die Käufer von Anteilscheinen statt der Zinsen Theaterplätze erhalten sollen.
Man schreibt un s ans Berlin: Mit einer falt erregten Spannung, die sich auch leicht genug aus der steng wachsenden Anteisiwhine am künstlerischen Leben hcrleiten laßt, iah man der Aufführung ter Lisz t'schen „Legende der heiligen Elisabeth" (die auch in Gießen demnächst Aufführung kommen soll) durch den Stenr'schen GesangvcreM unter Leitung seines neuen Dirigenten Fried entgegen. Die stellenweise überraschend gute Interpretation des Werkes, weläie durch die Mitwirkung Frl. Destsim's und Hrn. Messchaerts bedeutend erhöht wurde, ermöglichte es auch dein des für icdes . '.nnstwerk notwendigen Wohlwollens ermangelnden Zuhörer ten Einfluß zu begreifen, ten Liszt auf die spätere Schassensperrote Richard Wagners ausgeübt hat.
Weimar, 24. M ärz. Die General-Versammlung, ter S h a k c s p e a r e - G e s e l l | ch a s t wird am 29. April hier statt- fiuteu. Den Hauptvortrag hält Dr. H. v. H o s m a n n,s t h,a t über . Shakespeares Könige und große Herren". Gleichz-eiti-g wni> das Ergebnis tes Preisausschreibens vom vorigen Jahre über, die Bühneneinrichtung des Shakespearc-TheaterS nacy. zeitgenössischen Dramen bekannt gegeben.


