tativ: Atumoniak ziemlich viel, salpetrige Säure mäßig, Salpeter-Säure wenig, Schwefelsäure wenig, Kalk ziemlich viel, Eisen Spuren. Phvsikalische Beschaffenheit: stark gelb gefärbt, schwach trübe, Geruch 0, Geschmack normal, Bodensatz sehr gering, enthält: niedere Pflanzen und niedere Tiere. Es liegt die Gefahr einer gelegentlichen Infektion des Wassers mit Krankheitskeimen vor, und es ist daher als durchaus ungeeignet für Genuß und Hcrus- gebrauchszweckc zu betrachten." — Angesichts dieses Gutachtens ist es mit Freuden zu begrüßen, daß nunmehr 65 Hausbesitzer sich bereir erklärt haben, Anschluß an die projektierte Wasserleitung zu nehmen.
R. B. Darmstadt, 28. Aug. Ein Mordversuch und Seb st mord hat heute nachmittag wieder die polizeiliche Chronik unserer Stadt bereichert. Der in der Moller- straße wohnhafte Kaufmann Rebello aus Portugal, der seit Ostern bei einer größeren Firma hier als Korrespondent beschäftigt ist, schoß in seiner Wohnung plötzlich einem bei ihm gewesenen 16jährigen Mädchen eine Revolverkugel auf die Brust. Mit einer zweiten Kugel tötete er dann sich selbst durch einen Schuß in die rechte Schläfe. Der auf das Mädchen abgegebene Schuß prallte glücklicherweise an einem auf der Taille befestigten Knops ab, so daß das Mädchen unverletzt blieb und mit dem Todesschreck davon kam.
Mainz, 28. Aug. Das Befinden des Oberbürgermeisters Dr. Gaßner ist, so entnehmen wir dem „M. Journ.", zurzeit leider kein günstiges. Wie man mitteilt, ist Dr. Gaßner in Wengen (Berner Oberland), wohin er sich zur Erholung begeben hat, heftig erkrankt. Medizinalrat Dr. Reisinger, der in der Nähe weilte, besuchte ihn. Sobald Besserung eintritt, soll der Patient nach Mainz zurückkehren. Schon auf der Reise nach Wengen (von Kissingen aus) fühlte sich Oberbürgermeister G. sehr unwohl, sodaß er in Aschaffenburg nicht Weiterreisen konnte. Bezüglich der neuerlichen Erkrankung handelt es sich um einen Anfall großer Herzschwäche. Die letzten Nachrichten über das Befinden des Patienten lauten leider sehr schlecht. Die Familienmitglieder sind nach Wengen abgereist.
Wiesbaden, 28. Aug. Ein bedeutender Diebstahl ist am Freitag in einer Villa in der Mainzerstraße mittels EinsteigenS verübt worden. Dem Diebe fiel eine Kaffette mit vielen wertvollen Schmucksachen in die Hände. Darunter befinden sich u. a.: eine ringförmige Brosche mit 7 bis 9 Diamanten besetzt, in der Mitte ein Saphir mit kleinen Brillanten darunter (Wert zirka 700 Mk.), eine große ovale goldene ziselierte Brosche (Wert 60 Mk.), ein paar goldene, ziselierte Ohrringe (Wert 100 Mk.), eine goldene Brosche mit Weintrauben (Wert 20 Mk.), zwei goldene Ketten-Armbänder, ein goldenes Armband mit blauem Stein und einigen kleinen Perlen, in der Innenseite graviert: Burgscheidungen 1876, ein Mosaik-Kollier, bestehend aus kleinen Blumen in Gold, ein Kollier von Malthesergold, bestehend aus blauen Blättern, mit Anhängsel in Form einer Rose, außerdem weitere drei bis vier Armbänder und Broschen. Die Kaffette wurde am Samstag früh an dem Eiskeller des Kurhauses an der Parkstraße erbrochen und ihres Inhalts beraubt aufgefunden. Die Vermutung, daß dec am Samstag verhaftete Dieb auch diesen Diebstahl verübt habe, bestätigt sich nicht. Dieser Diebstahl und der am Sonntag vorher in der Jdsteinerstraße verübte, die beide mittels Einsteigens durch offenstehende Parterrefenster verübt wurden, mahnen sehr dazu, solche Fenster nicht offen stehen zu lasten, oder doch wenigstens nicht dann, wenn sie nicht beobachtet werden können. (W. Tgbl.)
Frankfurt, 28. Aug. In das Uhrengeschäft von Georg Schäfer, Große Eschenheimerstraße 24, wurde in der Nacht zum Sonntag ein Einbruch verübt. Man erinnert sich, daß erst vor etwa acht Wochen gegenüber dem Schaferschen Laden ein Uhren- und Goldwarendiebstahl ausgeführt wurde, der ebenso frech, aber weniger erfolgreich war. Die Diebe, so schreibt dieK. P., — es müssen mindestens drei gewesen sein — warteten dre Zeit ab, wo es in der Straße ruhig zu werden beginnt. Dann machten sie sich rasch an die Arbeit. Der Hauseingang liegt in einem jener Sackgäßchen, deren die Straße mehrere hat. Vom Eingang fiihrt eine mit Eisenblech beschlagene und mit drei Panama- schlössern verwahrte Tür in den Sck)äferschen Laden. Da die Tür nicht über der Wand hervorsteht, sondern direkt lut diese eingelassen ist, müssen die Einbrecher zuerst keine leichte Arbeit gehabt haben, weil sie keine Stelle fanden, an der sie mit dem Brecheisen ansetzen konnten. Sie wußten sich aber Rat, öffneten das obere Schloß mit Sperr- Haken und entfernten es schließlich ganz. Das muß geraume Zeit in Anspruch genommen haben. Aft den so geschaffenen Spielraum setzten sie das Brecheisen an und sprengten nach und nach die übrigen zwei Schlösser. Durch die offene Tür gelangt man in einen kleinen Reparaturwinkel, der sein Licht durch das erste Schaufenster erhält. In kurzer Zeit räumten sie die beiden Fenster vollständig ans. Rur wenige wertlose Uhren und Schmucksachen ließen sie zurück. Mitgenommen haben die Diebe, soweit an Hand der Bucher bis jetzt festgestellt werden konnte, 210Trau- ringe, 70 goldene Damenuhren, eine Menge goldene und silberne Herrenuhren, Vor - stecknadeln, Broschen, Ketten usw. Sachen im Werte von 18000 bis 20000 Mark. Der Laden- rnhaber hat in dem engen Laden nur einen kleinen Kassenschrank. Er kann infolgedessen nur die wertvollsten Sachen verwahren. Der Einbruch muß gegen vier Uhr früh erfolgt sein; die Spitzbuben scheinen aber schon um zwei Uhr nachts mit den Vorarbeiten begonnen zu haben. Um diese Zeit wurde int Hause wiederholt verdächtiges Geräusch wahrgenommen. Der Diebstahl wurde durch einen Wächter der Wach- und Sckftießgeselssibaft um fünf Uhr mvrgens entdeckt. Der geschädigte Labeninhaber ist leider n'icht versichert. Von den Dieben fehlt noch jede Spur. — Beim Hantieren mit einem Flobertgewehr schoß sich gestern vormittag ein 19jähriger Kaufmann in der Neuhosstraße eine .Kugel in die Brust. Das (beschoß drang direkt unter dem Herzen in die Brusthöhle. Die Rettungswache brachte den Schwerverletzten, der gestern seinen 19. Geburtstag beging, nach dem Heiliggeisthospital.
Marburg, 28. Aug. Der Lehrer Mengel aus Wiesen- seld, der bekanntlich ein Schulmädchen entführt und danach xrstochen hat, wurde nach sechswöchiger Beobachtung in der Landesheilanstalt Marburg wieder in das hiesige Untersuchungsgefängnis abgeliefert. Am 23. d. Mts. wurde der- ftzlbe als geistig nicht zurechnungsfähig auf freien huß gesetzt. Auf Benachrichtigung hin holte der Vater, Kantor Mengel in Roda, seinen Sohn hier ab, um ihn mit tod) Hauie zu nehmen. Somit hat der bekannte traurige
Fall sich im unzurechnungsfähigen Zustande des Täters ereignet, und von einer weiteren Verfolgung der Sache wird infolgedesten abgesehen werden. — Zur Milderung des oft geübten Urteils hinsichtlich der, namentlich für beiderseitige Eltern, überaus verhängnisvollen Tat möge noch angeführt werden, daß Mengel, wie man hört, sich geistig überarbeitet hatte und mehr seiner Kraft und Natur zugernutet, als er sich hätte vornehmen dürfen. Neben der an sich schon schweren Arbeit in seiner eigenen Schule vertrat er in einem benachbarten Dorfe während der Vakanz der Stelle den zweiten Lehrer. Ferner arbeitete er für eine Prüfung und bereitete auch seinen jüngeren Bruder für eine solche vor. Auch da§ möge nicht unerwähnt bleiben, daß das Verhalten Mengels zu dem Mädchen durchaus korrekt war und er mit ihm lediglich religiöse Uebungen gepflegt. — Der Land- g ra f Ludwig von Hessen traf nebst Gefolge und Dienerschaft am Donnerstag hier ein und stieg im Hotel Pfeiffer ab. Er besichtigte die Sehenswürdigkeiten der Stadt, das Schloß, das v. Behcingsche Institut und die Elisabeth- kirche und reifte heute morgen nach Hamburg ab. — Ein angesehener Bürger unserer Stadt, der Rentier Koburger, langjähriges Mitglied der städtischen Körperschaften, ist heute morgen gestorben. (H. L.-Ztg.)
* Kleine Mitteilungen aus Hessen und den Nachbarstaaten. Aus unsere Notiz, eine Gerichtssitzung wegen verbotenen Glücksspiels betreffend, worin auch von einem Rechtsanwalt in Lauterbach die Rede war, bittet uns Rechtsanwalt Scheer von dort, mitzuteilen, daß er bei dem Vorsall un- beteilgt war. — Am Sonntag abend 6 Uhr ist die Schrott'sche Pappeniabrik in Vacha a. d. Werra in Brand geraten. — Bei Suchtet n (in der Nähe von M. Gladbach) wurde abends ein Arbeiter durch ein mit drei Viersener Herren besetztes Automobil getötet. Er hatte sich mit ausgebreiteten Armen vor das Automobil gestellt und war dem Automobil, als es ihm auswich, entgegen- gelaufen.
Aünsvergwelturnen.
K. Gießen, ^8. Aug.
Am Sonntag veranstaltete die Gießener Turnerschaft vom herrlichsten Wetter begünstigt das 5. Dünsbergwetturnen, zu dem 129 Wetturner angemeldet waren. Ein Sonderzug der Bieberta'bahn brachte die Turner und sonstigen Teilnehmer früh morgens nach Bieder, von wo aus der Außtieg auf den Düns- berg unternommen wurde. Um lO^., Uhr traten 122 Turner zum Wettkampf, bestehend in Stabhochsprung, Freiweithochsprung, Steinstoßen unb Stemmen 50 Pfd. einarmig, an. Der stellvertretende Vorsitzende der Gießener Turnerschast, &err Althoff, begrüßte die Erschienenen in einer markigen Ansprache, die in ein Hoch auf Landesfürst und Kaiser ausklang und wünschte dem Turnfest ein gutes Gelingen. Die turnerische Leitung des Festes hatte in dankenswerter Weise der erste Gauturnwart Will van Gießen übernommen. Nachdem das gemeinsame Lied: „Turner auf zum Streite!" verklungen war, begann das Turnen, das gegen 2V? Uhr sein Ende erreichte. Das Ergebnis muß als ein gutes bezeichnet werden, konnten doch 90 Turnenr Ehrenurkunden ausgestellt werden. Die Inhaber der ersten zehn Preise, die wir unten mit Namen aufführen, erhielten außerdem noch Kränze. Die bei jeder einzelnen Uebnng höchsterreichbare Punktzahl 10 wurde am meisten beim Stemmen und Steinstoßen, weniger beim Stabhock- und Freiweithochsprung erzielt. Gegen 5 Uhr nahm der erste Gauturnwart Will die Preisverteilung vor, die mit dem Liede: „O Derrtschland hoch in Ehren" und einem „Gut Heil!" auf die edle Turnsache geschlossen wurde. Zum Turnfest selbst hatten sich auch viele Gießener und Bewohner der Umgegend eingefunden, für deren leibliches Wohl Gastwirt Schlierbach von Rodheim gut gesorgt hatte.
Wir lassen nunmehr die Liste der Jnhäber der ersten zehn Preise folgen:
1. Preis mit 39Vs PunktenBalth. Dort vonGroßen-Buseck, 2. Preis mit 37 Punkten Karl Schwarz, M. T. V. Gießen, Hrch. Erle, T. G. Usingen, 3. Pr. mit 36 P. Gottlieb Kujus und Hermann Schmidt, T. V. Marburg, 4. Pr. mit 35 P. C. Geitz, T. V. Gießen, 5. Pr. mit 34y2 P.H ermann Arkularius, T. V. Schotten, 6. Pr. mit 33V2 P. Grnst Koch, T. V. Wsfeld, 7. Pr. mit 32y2 P. Karl Bender, T. V. Wetzlar, 8. Pr. mit 32 P. G u i d o I h r i n g e r, T. V. Alsfeld, 9. Pr. mit 314/2 P. August Adolph, T. V. Heuchelheim, 10. P. mit 31 P. Hrch. ^abn, T. V. Großen- Buseck und Rich. Schuhbecker, T. V. Gießen.
• Die Cholera im Weichselgebiet. Der „Reichs- anz." berichtet: Von den jüngst gemeldeten drei Cholera- Erkrankungen auf russischen Flößen im Weichselgebiet ist auch der dritte als asiatische Cholera festgestellt worden. Außerdem sind fünf weitere Erkrankungen auf den Flößen beschäftigter Personen zur Anzeige gelangt, von denen vier als Cholera erkannt wurden. Von den seit dem 16. August Erkrankten sind drei gestorben. Um einer Weitervcrbreitung vorzubeugen, ist der Schiff- und Floß- verkehr auf der Weichsel einer gesundheitspolizeilichen Ueber- wachung unterstellt worden.
• Mordtaten. Auf einem Waldwege zwischen dem böhmischen Orte Roßbach und dem sächsischen Orte Bärenbach fand man am Sonntag einen beim Adorf-Roßbacher Eisenbahnbau beschäftigten Bauunternehmer ermordet vor. Der Tote wies mehrere Stiche am Halse auf. Es liegt zweifellos Raubmord vor. Er hatte etwa 800 Kronen bei sich geführt, die ihm offenbar, nachdem er in ein Gebüsch geschleppt worden war, geraubt worden sind. Der Ermordete ist ein Tscheche. Die Täter dürften unter den Arbeitern zu suchen sein, die an dem Bahnbau tätig sind. — In Pari.s ist gleichzeitig mit dem Frankfurter Uhrendiebstahl ein diesem sehr ähnliches, aber doch noch erheblich größeres Verbrechen verübt worden. In dem Juwelengeschäft von Großard wurde der 75 Jahre alte Wächter Florent, der diesen Dienst ununterbrochen seit dem Jahre 1850 auSübt, erdrosselt aufgefunden. Die unbekannten Mörder (es waren wahrscheinlich ihrer drei) raubten den Laden auS. Es fielen ihnen Juwelen von großem Wert in die Hände.
* Neue anonyme Briefe in Detmold. Seit der Verurteilung der Frau Kracht von dem Detmolder Schwurgericht sind, obwohl sich Frau Kracht im Zuchthause befindet, vier neue anonyme Schreiben verbreitet worden, deren Ähnlichkeit in Schrift und Stil mit den früheren anonymen Schreiben auch dem Laien auffallen mußte. Die Verteidiger haben diese vier Briefe mehreren Schreibsachoerständigen oorgelegt, die zu dem übereinstimmenden Urteil gekommen sind, daß der Schreiber der letzten vier Briefe identisch mit dem der ersten Briefe ist. Das Landgericht Detmold hat erkannt, daß der Antrag der Verteidigung, das Verfahren wieder aufzunchmen, berechtigt ist. Von dem Gutachten der Sachverständigen hängt die Wiederaufnahme des Prozeßes ab. Der Grafregent hat im Gnaden
wege die Strafvollstreckung hinauSgeschoben. Frau Kracht befindet sich in strenger Einzelhaft.
* Nan Patterson, das frühere Flodora-Mädchen, das monatelang unter der Anklage der Ermordung des Buchmachers Cäsar P o u n g im Mittelpunkt der Newyorker Sensation gestanden hat, begab sich nunmehr wieder von der Bühne des Scheins mit einem Sprunge auf die Bühne des Lebens, der Welt, in der man sich nicht langweilt, und hat alsbald wieder durch eine neue Skandalgeschichte timt sich reden gemacht. Dreimal ist ihr der Prozeß gemacht worden, aber niemals konnten sich die Geschworenen darüber einigen, daß die Patterson ihren Geliebten auf jener verhängnisvollen Cab-Fahrt wirklich getötet habe. Nan Patterson wurde schließlich unter Bürgschaft freigelässen und wird in dieser Sache kaum wieder angeklagt werden. Von wessen Geld sie lebte, seitdem sie wieder auf freiem Fuße war, das weiß niemand so recht, nur soviel steht fest, daß sie gut lebte, alle Vergnügungsstätten, Badeorte, Rennplätze, Theaterlogen besuchte, ohne daß die neugierige Mitwelt oder ihre neidische weibliche Konkurrenz hätte herausbringen können, wer der „Dumme" in den Netzen dieser Kokotte war. Eine große Skandalgeschichte zerrt jetzt aber doch ans Licht der Sonne, daß ein 30jähriger Bauholzhändler aus Duluth in Minnesota Namens Ralph Ash es gewesen sei, der dieser liebe- und geldbedürftigen Lady, die ihren Namen geändert hatte, zum Opfer gefallen war. Die Sache ist nur dadurch an den Tag gekommen, daß die gescheite Nan den Multimillionär zur Ehe zu bestimmen hoffte. Dagegen bestand nur ein kleines .Hindernis, nämlich, daß Ash verheiratet ist und glücklicher Pater familias obendrein ! Eines Tages erschien eine sehr resolute Dame bei der edlen Nan im Hotel, die sich Frau Handy, die Schwägerin ihres Anbeters, nannte, der die Tausende und Wertausende mit ihr verbracht habe, und den sie jetzt sofort aufgeben müsse, wenn sie nicht mit Reitpeitschen und blauen Augen Bekanntschaft machen wolle. Und das Flodora--Mädel verschwand wirklich von der Bildfläche, die Sache mit der „energischen Frau" war ihr doch zu bedenklich, und sie dampfte schnurstracks nach Washington ab. Aber auch hier fand sie keine Ruhe, denn ihr betörter Anbeter fuhr sofort mit dem nächsten Zuge nach und hängt, nachdem er erfahren, wer sie ist, ertft recht an ihr. Alle Welt wundert sich, welche Macht dieses durchaus nicht schöne Chormädel auszuüben weiß. Sicherlich wird ihr noch mancher Fa- milienftiede zum Opfer fallen.
* König Edward VII. als Kurgast inMarienbad. Man mag über Edward VII. von England, seine mehr als stürmische Iugendvevgangenheit und über feine staatsmännischen Gaben, die übrigens sicherlich in Deutschland viel unterschätzt werden, denken, wie man will, — das eine muß man ihm lassen, daß er der geschworene Feind jeder Pose und Unnatürlichkeit ist. Das betoci ft er jetzt wieder einmal durch seine Lebensweise nnd die Art seines Auftretens in Marienbad, wo er sich, wie bekannt, augenblicklich zu einer auf die Dauer von drei Wochen berechneten Kur aufhält. Der König, dec sich unter dem Namm eines „Herzog von Sancafter" ins Fremdenbuch eingetragen hat, also incognito reist, bewegt sich überall, wo man ihn zu sehen bekommt, in den Kuranlagen, in den Restaurants, den Kaufläden und auf den Spazierwegen mit völliger Ungezwungenheit, als wäre er in Wirklichkeit nur irgend ein beliebiger englischer Lord und nicht her Beherrscher der vereinigten britischen Königreiche und des indischen Kaisertums. Seine Tageseinteilung ist die von der Kür vorgeschriebene: um sechs Uhr Aufstehen und erster Gang zum Brunnen, wobei der König sein Glas selbst heranbringt: dann, nach 'einem kleinen Spaziergange, erstes durchaus kurgemäßes Frühstück, von dem auch die Butter streng ausgeschlossen ist, spater das Bad oder ein neuer Trunk am am Brunnen, als lleberleitung zu dem zweiten Frühstück, dem Luncheon, das der König meist im Freien sitzend vor einem der bekannten Speisehäuser, dem „Cafö Waldmühle" oder dem ,^Palnorama" einnimmt. Der Nachmittag vergeht bei einet Spazierfahrt im Wagen oder Automobil, um fünf Uhr muß abermals der Weg zum Brunnen angetreten werden und um diese Stunde pflegt der König den Verkaufsbuden an der Kurpromenade einen Besuch abzustatten, um unter den hier dargebotenen Kleinigkeiten, wie man sie in allen Badeorten findet, Galanteriesachen, böhmischen Glaswaren u. dal., reichliche Einkäufe zu machen, die für seine Enkelkinder daheim bestimmt sind. Auch daS Diner ist den Kürvorschristen entsprechend ein verhältnismäßig einfaches, und dev König beschließt den Tag bei einer Partie Dillard, im Kvnzert oder hin und wieder auch bei einer Operettenauffuhr- ung im Theater. Um 11 Uhr begibt er sich zur Ruhe und.dieses gleichmäßige, geregelte Leben bekommt ihm, nach feinen eigenen Versicherungen, ganz ausgezeichnet.
* Klei n e T a g e S ch r o n i k. 9(u§ Troppau in Oesterr.-. Schlesien wird gemeldet, daß bei einer Manöverübung des Jnf.- Regts. Nr. 1 und des 4. Landw.-Ul.-Regts. eine lMeilung Ulanen eine Kompagnie Infanterie unter dem Befehl eines Gefreiten überritt, wobei der Gefreite und ein Reservist schwer, zwei andere Infanteristen leichter verletzt wurden. — Die Ortschaft Sipko in Ungarn steht in Flammen, lieber hundert Häuser sind niedergebrannt, viele Familien sind obdachlos. — Auf Anordnung der großh. Staatsanwaltschaft ist der Amtsrichter Paschen in Stavenhagen in Mecklenburg verhaftet worben. Er wird beschuldigt Hyvothekenscheine im Werte von 12000 Mark gefälscht zu haben. Die Fälle liegen einige Jahre zurück. Die Dokumente befanden sich in Verwahrung einer Neubrandenburger Dank-Agentur. Der Verhaftete wurde dem Untersuchungsgefängnis zugeführt. Die Angelegenheit erregt am Orte begreiflicherweise großes Auffehen. — In Boulogne stürzte ein JahrmarktS-Theater ein, wobei mehrere Personen verletzt wurden. — In das Wächterhaus Nr. 3 der Bahnstrecke Stz Peter-Fiume (Istrien) schlug der Blitz ein und tötete den Wächter, "feine Frau und vier Kinder. — In Raeovica in Slavonien entgleiste ein Kohlenzug. Ein Heizer und ein Arbeiter wurden getötet.
Wöchentliche MttW der Todesfälle in der Stadt Kletzen
23. Woche. Born 4. bis 10. Juni 1905.
Einwohnerzahl: angenommen zu 23 000 (inkl. 1600 Mann Militär.
Sterblichkeitsziffer: 31,57
nach Abzug von 10 Ortsfremden: 13,0 %,c.
Kinder-
Ts starben an: Zusammen: Erwachsene: im vom
1. Lebensjahr: 2.—15. Jahr
Tuberkulose der
Lungen 2 2
Tuberkulose anderer
©unima: 17(10) (8J "T3 ------*5757
Organe
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Krebs
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Herzfehler
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Selbstmord
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An m.: Die in Klammern gesetzten Ziffern geben an, wie viel der Todesfälle in der betreffenden Krankheit auf von auswärts nach Gießen gebrachte R raufe kommen.


