Ausgabe 
27.4.1905 Zweites Blatt
 
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Kirche und Schule.

SreSttnr, 26. April. Die kirchlich-soziale Kon­ferenz wurde heute durch den Oberpräsidenten der Provinz Schlesien, Grafen v. Zedlitz-Trützschler, eröffnet. Graf v. Posa- dowSky, Dr. Studt und Frhr. v. Bethmann-Holliveg entboten der Konferenz an der 3000 Mitglieder teilnahmen, schriftliche ^^Paris, 26. April. Deute nachmittag wurde hier unter dem BmLitz des Dekans Dahn die 16. Weltkonferenz der Christlichen Vereinigung junger Männer eröffnet. Zu derselben sind an 800 offizielle Vertreter des 700 Vereine umfassenden Verbandes erschienen, aus Deutschland imtcr anderen Graf BernSdorff. Freitag abend geben der deutsche Botschafter Fürst Radolin und Gemahlin aus Anlaß der Weltkonferenz. einen Empfang. DuS dem gleichen Anlaß finden auf der schwedischen und der schweizerischen Gesandtschaft Empfänge statt.

Aus Stadt and Kau-.

Gießen, 27. April 1905.

w Der neue Oktroitarif-Entwurf sieht folgende Sätze vor (die Ziffern in () bedeuten die bisherigen Sätze):

Fleisch und Fleischwaren: Ochsen 15 <6.86), Stiere 15 (2.75), Faselochsen 15 (4.58), Kühe 9 (4.58), Rinder 9 (2.75), Stoppelkälber 1.20 (2.15), Kälber 1.20 (0.58), Hammel 0.80 (0.58), Schafe 0.80 (0.58), Lämmer 0.20 (frei), Schweine 3 (1 72), Span­ferkel 0.20 (0.1*2), Ziegen 0.50 (frei), Pferde 10 (frei), Hirsche 3 (1.72), Spießer 3 (1.72), Schmaltiere 3 (1.72), Rebe 2 -0.43), Wildkälber unter 20 Ko. 2 (0.58h Wildschweine 3 (1.29), Hafen 0.20 0.06), Welsche 0.50 (frei), Gänse 0.20 (frei), frisches Fleisch pro Kilogr. 0.05 (0.05), getrocknetes Fleisch 0.10 (0.05), Wildfleisch 0.05 (0.03). Früchte und deren Erzeugnissse: Bobnen, Erbsen, Linsen u. s. w. als Konserven pro 100 Kilogr. 0.50 (0.50), Mehl 0 50 (0.50), Brot und Wecke 10 Kg. 0.04 (0.067), Heu, Grummet Haier und Wicken 1 Hektol. 0.087 (100 Kgr. 0.20). Getränke: Mein in Fässern p. Hektol. 3.00 (3.00), Obstwein in Fässern 1.00 (1.00), Wein in Flaschen per Fl. 0.06 (0.06), Obstwein in Flaschen 0.02 (frei), Branntwein 50%# Likör per Hektol. 3.00 (2.18-3.84 \ desgl. in Flaschen 0.05 (0 02)., Bier in Fässern pro Hektol. 0.65 (0.12 bis 0.18), Bier in Flaschen 0.01 (frei). Brennstoffe: Stein- fohlen 0.10 (0.08), Braunkohlen 0.05 (0.04), Koks 0.10 (0.00), Tors 0.05 (frei), Brennholz frei (verschieden).

Eine Schusterrechnung vor 100 Jahren. Unter den alten Papieren des Amtmanns S. in W. fand sich aus dem Jahre 1809 eine Schuhmacherrechnung, die wir ihrem Wortlaute nach hiermit wiedergeben. Der ehrsame Meister hat seinDeutsch" sicher nicht bei Schiller gelernt.

Rechnung vor Herr Amsmann S .... allhiero vor Schuhmacherei 1809.

L Aug. Ihm durchaus gesold und eingefast . 48 fr. 8. Aug. Jungfer Lenchen gesold und eingefast . 40 , 10. Aug. Den Gustaf qrad geklopt u. gerüstert 12 , 21. Aug. Das kleine Kind qened.....6

L Sept. Die Frau und Jungfer Anna zu- sammengeflicht ........ 18

5. Sept. Dem Fritz em Rüster ausgesetzt . . 4 9. Sept. Ihm ein Struper angened .... 1 15. Setp. Den Gustav Kanonen ..... 7 fl.

4. Okt. Tie Jungfer Anna unterlegt und Ihm

die Komodschuh geflicht ...... 20 kr.

13. Okt. Den Fritz vorn und oben gened . . 8

Da§ Präsidium desHassiakriegerverbands gibt in einem Rundschreiben bekannt, daß der Kaiser die Huldigung der hessischen Kriegervereine gelegent­lich der Kaiserparade bei Homburg v. d. H. entgegen­nehmen wird. ES steht zu diesem Zwecke auf dem ein- gezaunten Paradefelde neben der Tribüne ein Raum von 1100 lfd. Metern zur Verfügung. Dre Stärke der Beteili­gung soll schon jetzt festgestellt werden, damit das Verbands­präsidium beizeiten mit den Eisenbahnverwaltungen in Ver­bindung treten kann und um bei der Rückfahrt in die Heimat Verkehrsstörungen zu vermeiden. Es sollen auch niedrige Fahrpreise, vielleicht Militärsahrkarten nachgesucht werden.

Arbeitsvermittlung. DaS Frankfurter Statistische Amt gibt einen zahlenmäßigen Nachweis über den Umfang der Geschäftstätigkeit der öffentlichen Arbeitsvermittlungs­stellen der Rhein-Maingegend vom 1. April 1904 bis 31. März 1905. Darnach waren in Frankfurt 42 471 Stell en offen, 56 340 wurden gesucht und 34 050 wurden besetzt. Für Mannheim betragen dieselben Ziffern: 22 282, 18 815 und 16 649; für Wiesbaden: 13 119, 14 107, 7309; für Mainz: 11 017, 13 658 und 7561; für Heidelberg: 7775, 6903 und 5514; für Darmstadt: 7510, 3730 und 3646; für Worms: 5394, 9553 und 3613; für Kreuznach: 898, 2556 und 384; für Offenbach: 1465, 2573 und 858 und Är Gießen: 1204, 904 und 559.

-i- Bad-Nauheim, 25. April. Die letzten Arbeiten an der Terraffe, dem Kurhaus, dem neuen Musikpavillon, den Badehäusern, Anlagen :c. werden mit großem Eifer be­trieben, um bis nächsten Sonntag fertig zu sein, da am 1. Mai die Saison beginnt. Die Terraffen haben eine bedeutende Vergrößerung ersahren. Der nordöstliche Teil ist ca. 15 Meter erweitert und mit einem ca. 7 Meter breiten und ca. 50 Meter langen Laubengang versehen worden. Es ist ein neuer Musikpavillon errichtet, der im Erdgeschoß einen geräumigen Probesaal enthält. Die Dächer des Laubengangs und deS Musikpavillons sind mit Kupferplatten gedeckt. Vor der Terraffe sind eine niedrige Vorterraffe und ein mächtiger Springbrunnen errrichtet. Besonders prächtig nimmt sich das neue Einfaffungsgeländer der Terrasse aus, welches ebenso wie die Mauern und Säulen in weißens Muschelkalk aus­geführt ist. Im Kurhaus sind mehrere Veränderungen ge­troffen worden, so wurde der Billard-Saal verlegt und ver­größert. An der Kreuzung der Bahnhof- und Parkstraße sind zwei Verwaltungsgebäude und ein weiteres Badehaus Nr. 8 im Rohbau begriffen. Große Erdmaffen werden hier ausgehoben und mittels einer Feldbahn bis in die Nähe Friedbergs gefahren^ Das Badehaus Nr. 3 soll im Herbst abgebrochen und das neue Badehaus im Frühjahr 1906 er­öffnet werden. Durch den Abbruch werden die Sprudel vom Bahnhof aus sichtbar werden. Nach dem später projektierten Abbruch der Badehäuser 1, 2 und 7 werden die neuen Badehäuser in Hufeisenform um die Sprudel errichtet. Von der Bahnhofstraße wird eine direkte Straßenverbindung nach Sprudel und Badehäusern hergestellt.

k- Fried berg, 25. April. Eine Lehrerzusam men- fu n ft fand heute hier statt. Unter den Lehrern befanden sich solche, die auf eine 40 jährige Amtstätigkeit zurückblicken. Im Hotel Trapp fand eine Feier statt. Der neue Stadtteil, die Burg und das Lehrerseminar wurden besichtigt. Unter den Versammelten befanden sich Lehrer, welche 1880, 1885, 1896, 1865 und 1866 das Seminar verließen.

(?) Mücke, 26. April. Der zurückflutende Besuch der Osterfeiertage brachte gestern aus hiesiger Station einen ge- «QUiaen Verkehr. Schon der nach Gießen fahrende 11 Uhr-

zng vermochte an hiesiger Station die Fahrgäste kaum zu fasten. Passagiere der 4. Wagenklaste mußten zuletzt noch in der 2. Wagenklaste untergebracht werden. In der 3. Klasse standen die Mitfahrenden, da die Sitzplätze nicht ausreichten und in der 4. Wagenklaste konnte kaum eine Stecknadel zu Boden fallen, so dicht standen die Leute. Erst Grünberg brachte Lust durch Anhängen von vier Waggons. Auch der Vorzug vor dem 4 Uhrzug nachmittags war überfüllt. In­sonderheit war es hier das Militär, das die meisten Fahr­gäste brachte. In Gießen kam der Zug mit starker Ver­spätung an; auch hier standen zum Teil die Soldaten in Wagen der 2. Klaffe.

--Ulrichstein, 26. April. Die alte Wetterregel: grüne Weihnachten weiße Ostern war für uns hier im Gebirge wieder einmal zur Wahrheit geworden. Der Schnee lag hier nach dem Gebirgskamm zu geschloffen, und noch heute schauen die Kuppen des Vogelsbergs weiß ins Tal. Unsere gefiederten Gäste scheinen ein solches Öfter* wetter nicht erwartet zu haben. Tie Rauchschwalben sind eingetroffen. Aus dem Walde ertönt der Rus des Kuckucks und in den Gärten schmettert der Wendehals. Etwas gutes hat das kalte Wetter gehabt, nämlich das Zurückhalten der Obstbaumblüte. Anderenfalls stünden jetzt die Obstbäume in voller Blüte und das jetzige Regenwetter würde alle Aus­sichten auf Obsternte zu Wasser machen.

Darmstadt, 26. April. Vorgestern nacht um 1 Uhr wurde der Student Walter Braun aus München am Cafe Stamm von 68 etwa 18jährigen Burschen überfallen und mit Stöcken und Fußtritten derart mißhandelt, daß er bewußtlos am Boden liegen blieb. Student Braun hat erklärt, als er an den Leuten, die direkt bei dem Brunnen standen, vorübergegangen sei, habe ihn eiuer dieser Leute mit Waffer bespritzt, und als er sich dies verbeten habe, seien die Burschen sofort über ihn hergefallen und hätten ihn mit Stöcken zusammengeschlagen. Nachdem er wieder zur Besinnung gekommen sei, habe er um Hilfe gerufen, woraus Schutzleute gekommen seien. Die Schutzleute brachten den Schwerverletzten alsbald nach dem städtischen Krankenhalls. Daselbst mußte leider konstatiert werden, daß dem Verletzten das linke Auge aus dem Kopfe geschlagen war. Außerdenl hatte er sonst noch große Wunden am Kopfe. Der Polizei ist eS gelungen, die Täter ausfindig zu machen. Es sind Handarbeiter, die gestern nachmittag verhaftet wurden.

R. B. Darmstadt, 26. April. Heute trat der Gesetz­gebungsausschuß der ersten Kammer zusammen, der heute und morgen die Beratung über die Wahlrechts­vorlage, wie sie von der zweiten Kammer umgestaltet wurde, zli Ende zu führen hofft. Der Ausschuß hat auch weiter noch mehrere in der zweiten Kammer verabschiedete Gesetzentwürfe zu erledigen, wie z. B. über das Beerdigungs­wesen, die Anstaltsvormundschaft ?c. Der Finanzaus­schuß der zweiten Kammer wird von morgen ab gleich­falls seine Sitzungen wieder aufnehmen, die noch in der nächsten Woche ihre Fortsetzung finden dürften. Auf der sehr umfangreichen Tagesordnung stehen auch verschiedene wichtige, zeitraubende Beratungsgegenstände, zunächst die Gesetzentwürfe über die Abänderung des Urkunden-Stempels in Verbindung mit verschiedenen Anträgen auf Abänderung des Stempelsteuergesetzes, ferner der Antrag Schönberger au Uebernahme sämtlicher Volksschullasten auf den Staat, die Vorlage über Ctaatszuschüffe für Ausstellungszwecke und über den Nelibau des Mainzer Gymnasiums, der Anträge Köhler in Betreff des Braunkohlenbergwerks, Hirsche! in Be­treff der Hofjagden, Weidner in Betreff der Hundesteuer, Häilsel über Mietsentschädigung für Beamtenwohnungen, die Vorstellung der Kreisgeometer :c. Am Dienstag, den 2. Mai, kommt alsdann auch der Sonderausschuß für die Gemeinde-st euer-Reform wieder zur Fortsetzung seiner Beratung zusammen. Berichterstatter für diesen Gesetz­entwurf ist Abg. Dr. Gutfleisch, der bt :ert§ eifrig mi: der Ausarbeitung des schriftlichen Berichts für die Haupt­punkte der Vorlage beschäftigt ist. Trotzdem darf aber einiger­maßen bezweifelt werden, daß es gelingen wird, diese schwierige Gesetzesaufgabe noch vor Schluß der gegenwärtigen Kammertagung endgiltig zu erledigen.

a. Marbur q, 25. April. Hier ist eine WohnungS- genoffenschast des evangelischen Arbeitervereins als eingetragene Genoffenschast mit beschränkter Haftpflich gegründet worden. Gegenstand des Unternehmens ist die Be­schaffung von Wohnungen und Häusern für Unbemittelte und Anlage von Spargeldern. Die Haftsumme beträgt 100 Mk., die Höchstzahl der Geschäftsanteile 30. Vorstandsmitglieder sind Lehrer Ferd. Fenner, Schreiner Reinh. Koch und Gärtner Heinr. Lauer. Wie verlautet, ist bereits ein Grund­stück in Größe von zirka 1 Hektar am Wehrdaerweg zum Preise von 1 Mk. pro Quadratmeter angekauft worden.

* Kleine Mitteilungen aus Hessen und den N a ch b a r st a a t e n. Aus seiner Wohnung in Offenbach ent­fernte sich der 40 Jahre alte Dr. phil. Karl Weiß vor einigen Tagen und ist seitdem spurlos verschwunden. Man glaubt, daß ihm ein Leid zugestoßen ist. Vermißt wird ferner in O s f e n b a ch seit Samstag die 10 jährige Paula Metzler.

Orchideenschau im Palmengarteu zu Frankfurt.

Man schreibt uns aus Frankfurt:

Ein ganz anderes Bild, als das seit Jahren gewohnte, wird die Blütengalerie des Palmengartens in den Tagen vom 2 9. April bis 7. Mai bieten. Eine diesen Räumen fast fremde Pflanzenfamilie wird ihren Einzug halten und die Besucher der großen Orchideen-Son heraus stell- un g werden jetzt die lvunderbaren und eigenartigen Formen der Orchideenblumen zu bewundern in der Lage sein. Wo noch vor wenigen Tagen eine der edelsten deutschen Garten­blumen, die Rose, durch ihren herrlichen Flor erfreute, werden für kurze Zeit südliche Schönheiten aus dem Reiche der Blumengöttin erscheinen und das Auge durch den blen­denden Reiz in Form und Farbe, den Sinn durch den be­täubenden Duft gesangennehmen. Es ist schwierig, die Schönheit der Orchideen erschöpfend zu schildern, eine solche Fülle der Gestalten, eine so plastische Ausarbeitung der Einzelblüte, ein so graziöser Aufbau der Blütenstände, eine solch grandiose Mannigfaltigkeit in der Farbengebung stehen in dem unermeßlichen Pflonzenreich einzig da und man muß diese Wunder sehen, um einen Begriff von der.Schöpfer­kraft der Natur zu bekommen, die in den Orchideen ein Meisterwerk an Schönheit und Wanz geschaffen hat. Die Orchideen treten nicht bescheiden auf, wie so viele unserer einheimischen Mumen, die wir schätzen und lieben, prunkend und Herausforderno stellen sie sich dem Oflu&e dar.

sie wollen sich nicht übersehen lassen. Frankfurt a. M. W sich durch diese Orchideen-Schau den Vorrang vor allen deutschen Städten gesichert, noch nirgends sind, ein einziges Ausstellungsunternehmen ausgenommen, so viele blühende Orchideen in so bedeutendem Sortiment zusammen gut Schau gestellt worden und der Name Beyrodt, der in der gärtnerischen Welt einen guten Klang hat, der an der Spitze der deutschen Orchideenzüchter marschiert, bürgt dafür, daß in dem Frankfurter Palmengarteu, dessen gärtnerische Dar­bietungen jahraus jahrein von vielen Tausenden und Abertausenden von Blumenliebhabern aus aller Herren Ländern bewundert werden, eine Augenweide geboten wird, die sich niemand entgehen lassen kann. Diese Orchideen- Schatt wird als eine Veranstaltung zu gelten haben, die man gesehen haben muß, und die wohl jeder, der irgendwie Sinn'für Blumen und Freude an den wechselvollen Dar­bietungen der Natur hat, mit der größten Befriedigung ver­lassen wird.

Vevtzntdchtes.

* Der Trousseau der ersten preußischen Kronprinzessin. ES ist in letzter Zeit viel darüber ge- prochen worden, daß ein großer Teil der Toiletten-AuS- stattung der Braut des deutschen Kronprinzen bei einem Pariser Mode-Geschäfte in Arbeit gegeben worden ist. DieS geschah wobl hauptsächlich deshalb, weil dieses Pariser HauS, die Firma Redfern, den Winter über in Cannes ein Zweig­geschäft besitzt, sodaß die Auswahl, daS Anproben der Toi­letten sich dort ermöglichen ließ. Es ist aber vielleicht eine im Augenblick nicht unintereffante historische Reminiszenz, daran zu erinnern, daß auch der Trousseau der ersten Kron­prinzessin des preußischen Königshauses, vor mnb 200 Jahren, in Paris angefertigt wurde. Als der älteste Sohn des ersten Königs Friedrich, der nachmalige König Friedrich Wilhelm I sich im Jahre 1706 mit der Prinzessin Sophie Dorothea von Hannover verlobt hatte, beauftragte deren Großmutter, die Kursurstin Sophie, ihre Nichte, die Herzogin Elisabeth Char­lotte von Orleans die bekannteLiselotte von der Pfalz" ihrer Enkelin in Paris Brautkleid und übrige Ausstattung zu besorgen. Diese unterzog sich der Kommission mit Eifer und berichtete darüber in mehreren Briefen an ihre Schwester. Da heißt e§ am 29. Juli 1706:Der König in Preußen sucht alles hervor, was möglich, um mehr Zeremonien zn haben. Das kann ich wohl begreifen, benn wie Ihr wohl wißt, so bin ich ber Zeremonien Erbfeinb, bas ist aber kein Wunber, baß man bei ein königlich Beilager en robe (ein wirb: es wäre recht ridicule anberft, unb sollte man meinen, es wären nur Kammermägbe, sc» sich heirathen .... Ich habe ma tante (ber Kurfürstin Sophie) unterbeffen einen Unterrock gewählt, so nicht häßlich ist, natürliche Blumen mit Golbfeston auf einem schwarzen Grunb die beutschen Fi­guren sinb nicht anberS als bie französischen, benn man trifft ja keine anbere Tracht in Deutschlanb als hier." Vierzehn Tage später melbet sie auS Versailles: Morgen werbe ich express nach Paris mit bem Mons. Schultes, bie Stoffen von ber Prinzeß Kleiber zu wählen" unb enblich wieder aus Versailles, am 9. September 1706:Der Brautrock und alles andere Gerät wirb wohl balb von hier weg, ich werbe ihn aber nicht vor seiner Abreise sehen, benn ber Schultes ist so impertinent mit mir umgegangen, baß ich nichts mehr von dem Flegel hören will . . ." Bei der Hochzeit, die. dann am 28. November 1706 vollzogen wurde, fand, wie die Zeitgenossen berichten, dieses Pariser Hochzeitskleid der ersten preußischen Kronprinzessin große Bewunderung.

* Des Kaisers Mitgefühl. Aus Berlin wird de» L. N. N." geschrieben: Wie der Kaiser über das Kleinste unterrichtet sein will, davon zeigt folgender Vorfall, den der Schreiber dieses, welcher das letzte Manöver dienstlich mit­machte, persönlich miterlebte: Heiß mar ber Vormittag ge» wesen, tapfer hatte bie Garbe bie Höhen von ge* halten, unb nur durch einen anstrengenden Sturmangriff war noch Hoffnung für bas 9. Korps, bei bem sich ber Kaiser befand, X. zu nehmen. Schon sprengt ein Adjutant heran, um bem Kaiser bie bisherigen, erfolglosen Sturmoersuche unb die ultima ratio zu unterbreiten. Der Kaiser genehmigt den Sturmangriff unb wirst bis zum Eintreffen des für bie Attacke bestimmten Infanterie-Regiments seine ganze verfügbare Ka­vallerie auf ben sich wacker haltenben Feinb. Plötzlich dreht ber Herrscher sich um und fragt:Welch' Regiment (oll stürmen?"Das Xte, Ew. Majestät!" meldet der Adjutant, Wann sinb bie Leute heute früh auSgerückt?"Sie waren auf Vorposten, Ew. Majestät!" Einen Moment zuckt eS wie Wetterleuchten auf in deS Kaisers Zügen, dann sagt er mit seinem alles bezwingenden ruhigen Ernste:Dann gehöre« sie ins Quartier unb nicht ins Gefecht!" DaS heißt so viel, als baß nicht bem Kriege im Frieben geopfert werben (oll. Das Ganze Halt" ertönt, unb freunblich lächelnd verläßt ber Kaiser ben Kampfplatz, nicht ohne vorher in ber Kritik barauf hingewiesen zu haben, baß bie Streitkräfte bester pr verteilen seien.

Kurz, aber treffenb. Unter ben Gesuchen, die dem Kaiser bei seiner Anwesenheit in Lissabon vorgelegt würben, befanb sich auch baS eines Berliner RegierungS- rates, ber sich über schnöbe Behcmblung seitens eines Vor­gesetzten beschwerte, sobaß er seinen Dienst nicht ^in gewohnter Weise tun könne. Der Monarch versah bas Schreiben mit ben lakonischen Worten:Wirb's wohl aushalten bis nach meiner Reise."

Zn bem Selbstmorbe der Marquise Pallas oicini im Mailänber Dom, worüber wir kurz berichtet haben, schreibt man: Der Umfianb, daß ein Herr mittleren Alters beim Anblick ber töblich verwunbeten Dame tm Dome in bie Worte ausbrach:Ich habe es vorauSgesehen!" und bann ohnmächtig zu Boben sank, hatte zunächst eine LiedeS- tragöbie ahnen lassen. Jetzt aber ist festgestellt, baß bie Ur- fachen ber Verzweiflung der Marquise einzig finanzielle Sorgen und der Zusammenbruch ihres Eheglücks gewesen sinb. Die Marquise ist eine Tochter bes österreichischen Kammerherrn Grafen Robert von Terlago unb war in Frankfurt a. M. geboren. Ihre Mutter ist eine Baronin Sophie von Thienen- Ablerflycht? 1893 heiratete sie ben einem alten AbelS- geschlechte augehörcndei: Marquis Rolando be Pallaoicini- Visconti in Parma unb (oll eine sehr bebcutenbc Mitgift in bie Ehe gebracht haben. Ihrer Ehe sind bret Kinber ent­sprossen ; aber ber Friebe unb baS Glück scheinen nur zu bald von ben Eheleuten gewichen zu sein. Pallavicini huldigte mit unbändiger Leidenschaft dem Rennsport, und die Pferde