Nr. 71
Freitag, 24. März 1905
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Eichener Anzeiger
155. Jahrg.
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General-Anzeiger, Amts- and Anzeigeblati für den Kreis Sichen.
Jahrhunderts genannt hat.
Kaiser Friedrich hat diese Aeußerung id berichtet sogar in seinen Erinne-
nie getan. Professor Delbrück
Deußcher Reichstag.
17 1. Sitzung vom 23. März.
1 Uhr. Das Hauö ist mäßig besetzt. Am Bundesratstisch: Kommissare.
Dor Eintritt in die Tagesordnung bemerkt
Parlamentarische Verhandlungen.
Nachdruck ohne Vereinbarung nicht gestattet.
Deutsch ist das Land, deutsch ist die See Wo ich mit blitzendem Schwerte steh'. Wo ich schwöre mit dräuender Hand, Hier ist mein deutsches Vaterland!
(Lebhafter Beifall bei den Nationalliberalen und rechts.)
Abg. Brnlm (Antis.) kommt auf den Fall des Offiziers zurück, der einmal in einem Warenhause eine Tasse Schokolade getrunken hat. Die jüdisch-demokratische Presse habe ihn (Redner) deshalb heftig angegriffen. Noch schlimmer als das Verhalten dieses Offiziers sei die Tatsache, daß Militärkapellen in Warenhäusern spiewn, also Reklame machen für Geschäfte die so viele Existenzen ruinieren. In Schöneberg hat sogar die Kapelle des Eisenbahnregiments bei der Eröffnung eines jüdischen Warenhauses mitgewirkt. Sehr tadelnswert ist überhaupt die Konkurrenz, die die Militärmusiker den Zivilmusikern machen. Zu billigen ist es, daß die Heeresverwaltung vorwiegend bei den Produzenten kauft. Sie soll keinesfalls den Anregungen der Abgg. Kaempf und Dove folgen: die jüdischen Händler verstehen es leider auch so meisterhaft, den Bauer um den Lohn seiner Arbeit zu bringen. Es ist ohnehin schon schlimm bestellt um den produzierenden Mittelstand: der Geist dec Bamberger und Lasker, der dem deutschen Geist so weltenfern war, jene verlästerten Gewerbegesetze haben dem Mittelstand beinahe den Todesstoß versetzt.
Nun zu Herrn Eickhoff: Er hat die Legende wieder aufgc- wärmt, daß Kaiser Friedrich den Antisemitismus die Schmach des
ningen von einer Unterhaltung bei Kaiser Friedrich, Ido jemano zur Verteidigung des Antisemitismus sagte: „Würde das preußische Lffizierkorps noch das sein, was es ist, wenn auf den märkischen Schlössern statt der Alvenslcben und Bredow die Cohn und Levy sitzen würden?", worauf Kaiser Friedrich sagte: „Ja, ja, man hätte früher etwas tun sollen!" Und wie denken andere große Männer über das Judentum? Friedrich der Große, Goethe, Fichte haben es höchst abfällig beurteilt. Und der Abg. Hitze soll gesagt baten: „Ich bekenne, daß die Juden nahe daran sind, die Weltherrschaft über alle andern Nationen zu erlangen!" Herr Eickhoff berief sich gar auf Heinrich von Treitschke. Aber Treitschke hat gesagt, daß, wer die Tätigkeit des jüdischen Volkes im Vaterland beobachte, sieb über deren Nachteile nicht hinwegtäuschen könnte. Wenn Sie von der Linken das tun, so haben Sie kein Verständnis für die wirkliche Sachlage. (Lachen links.) Ter Abg. Eickholt machte dem Kriegs- Minister Vorwürfe, daß er die jüdischen Soloaten nicht verteidigt hat. In Wahrheit wollte Herr Eickhoff aber eine Schutzrede des Kriegsministers für das gesamte Judentum, und weil er die nicht gehalten hat, denunziert er ihn, wie sein Freund Lachmann in einem Briefe an einen höheren Ort getan hat. Wehe, wehe dem deutschen Volke, wenn alle seine Söhne so denken, wie der Abg. Eickhoff!! ^Gelächter links.)
Abg. Eickhoff (frei). Vp.): Für die Aeußerung Kaiser Friedrichs, „der Antisemitismus ist eine Schmach des Jahrhunderts", liegen mir verschiedene Beweise vor. Gerade gestern vor 12 Jahren wurde bei Gelegenheit einer ähnlichen Debatte diese Aeußening von dem Abg. Liebermann von Sonnenberg und Abg. Stöcker als kapokrvvh bezeichnet. Was zunächst die Persönlichkeit des Herrn anbetrifft, zu dem Kaiser Friedrich die Aeußerung getan hat, so wissen Sie alle, er ruht seit vielen Jahren im Grabe, daß er aber ein Ehrenmann war, werden Sie mir alle zugeben, wenn ich Ihnen verlese, was Kaiser Friedrich am 70. Geburtstage dieses Manne? an ihn geschrieben hat. Die Worte lauten: „Es wird mir unvergessen bleiben, mit welcher Hingabe sie unter meinen Augen ;eit Jahren für unsere Invaliden und die Hinterbliebenen der zahlreichen Opfer unseres Krieges mitgewirkt, mit welcher Sorgfalt und Liebe Sie ihre Interessen wahrgenommen haben." Als Beweis, daß die angeführte Aeußening Kaiser Friedrichs tatsächlich gefallen ist, liegt vor mir zunächst ein Schreiben des verstorbenen Admirals von Stosch an den Geheimen Obenegierungsrat Magnus vom 27. März 1893; es heißt da: „Von der Unterhaltung Seiner Kaiserlichen Hoheit des damaligen Kronprinzen mit dem Geheimen Kommerzienrat Magnus nach der Sitzung der Viktoria-National- Jnvalidenstiftung im Jahre 1880 bin ich nur Augen- nicht Ohrenzeuge gewesen. Ich weiß nur, daß Herr Magnus unmittelbar nach Fortgehen Sr. Kaiserl. Hoheit, den ich bis zum Wagen geleitete, jenen Ausspruch des Hohen Herrn, der die antisemitische Bewegung scharf verurteilte, seinen Genossen erzählt hat. Nun erachte ich den verstorbenen Herrn Magnus für einen Mann, der ganz außer Stande war, so im Handumdrehen zu lügen und etwas anderes in ernster Sache zu berichten, als die unbedingte Wahrheit. Ich weiß, daß dad geäußerte Urteil durchaus den Ansichten weiland Sr. Mcrje- stät des Kaisers Friedrich III. entsprach (Hört! Hört! links), und ich kann hinzufügen, daß in den mannigfachen Unterredungen, welche ich mit meinem langjährigen Freunde, dem damaligen Kammerherrn von Normann gerade über diese Sache gepflogen habe, die guestionierte Aeußening als von Sr. Kaiserlichen Hoheit gemacht, nie im Zweifel stand." Das zweite Zeugnis stammt vom 8. April 1893. Damals hat in Berlin vor dem Rechtsanwalt und Notar August Eduard von Simson eine Verhandlung stattgefunden, die in Nummer 236 des Notariatsregisters 1863 eingetragen ist. Hier hat der den Aelteren von Ihnen noch bekannte Moritz Gumbinner folgendes zu Protokoll gegeben:
„Ich befand mich als Berichterstatter in einer Generalversammlung des gedachten Vereins, deren Tag und Jahr mir nicht mehr mit Sicherheit erinnerlich sind, im kleinen Saale des Englischen Hauses und war Zeuge der längeren Unterredung, welche des damaligen Kronprinzen kaiserliche Hoheit, späteren Kaisers Friedrichs Majestät, mit dem Geheimrat Magnus führte. Ich habe den ganzen Inhalt der Unterredung nicht vernehmen können, wohl aber erinnere ich mich deutlich, daß daS Thema der Unterredung die antisemitische Agitation betraf, und daß der Kronprinz dabei die Worte gebrauchte: „Er habe während seiner Anwesenheit im Auslande dort von den hiesigen Vorgängen Kenntnis genommen und sich der Scham nicht erwehren können." Nach Schluß der Versamm- lung verließ ich das Englische Haus in Begleitung des Herrn Geheimen Rat Magnus und Geheimen Oberregierungsrat Wulffs- heim. Die Herren erzählten mir den vollständigen Inhalt des oben gedachten Gespräches und verpflichteten mich, über diese ganzen Vorgänge nichts in die Öffentlichkeit zu bringen. Selbstverständlich bin ich dieser Verpflichtung sttengstens nachgekommen, konnte aber gegenüber der Veröffentlichung in der „National-Zeitung" nur zugeben, daß dieselbe genau den mir gemachten Mitteilungen und, soweit dies möglich war, meinen persönlichen Wahrnehmungen entsprochen hat."
Ein sehr verehrtes früheres Mitglied unseres Hauses, Georg v o n B u n s e n , hat an den Geheimrat Magnus am 20. Juni 1880 folgendes Schreiben gerichtet: „Gestern abend nahm die Frau Kronprinzessin eine Gelegenheit wahr, von der „Judenhetze" und der „schönen Geduld" zu reden, welche die Juden an den Tao gelegt Jrn Laufe dieses Gespräches habe ich dann der hohen Frau von Ihrer Absicht, daS Lessing-Denkmal zu errichten, erzählt. Auf meine Aeußerung. dnn ' rade jetzt der Augenblick mir gekommen zu fein scheine, wo fick: freuen würde, seine Gesinnung
Präsident Graf Ballestrem: Nachdem wir 1% Tage bereits über das Gehalt des Kriegsministers verhandelt haben, sind zu demselben Titel noch 17 Redner vorgemerkt. (Hört, hört!^ Wenn wir die Vereinbarung einhalten wollen, die von uns im Seniorenkonvent getroffen ist, so muß ich die dringende Bitte an die Herren Kollegen richten, sich in ihren Ausführungen beschränken zu wollen. Ties wird leicht möglich sein, wenn Sie nur wirklich sachliche Gegenstände behandeln und nicht breit über persönliche Sachen sprechen, was ich ja nicht verhindern kann, weil sie vielleicht in derselben Debatte von einem früheren Redner gestreift wurden. Ich richte die Bitte an die Herren, um unserer Verpflichtung nachkommen zu können, den Etat rechtzeitig fertig zu stellen, sich an die Vereinbarung zu halten und sich in ihren Reden zu beschränken. Das ist abhängig von dem guten Willen aller Mitglieder. Das
Präsidium kann dazu nur wenig tun.
Die zweite Beratung des Militär-Etats wird beim Titel „Gehalt des Kriegsministers" fortgesetzt.
Hierzu liegen eine Reihe schon mitgeteilter Resolutionen vor.
Neu eingegangen ist eine Resolution der Abgg. Dr. Müller- Sagan (freif. Vv.) u. Gen.,
den Verbündeten Regierungen seine Bereitschaft zu erklären, im nächstjährigen Etat die Mittel zur Deckung der Kosten für die den Mannschaften des stehenden Heeres und der kaiserlichen Marine im Falle der Urlaubserteilung alljährlich ober doch mindestens einmal während ihrer Dienstzeit für eine Reise in d i e Heimat unter tunlichster Gestattung der Benutzung von Schnellzügen zu gewährende freie Hin- und Rückfahrt auf den deutschen Eisenbahnen — bis zum Höchst- betrage von 1 500 000 Mk. — zu bewilligen.
Abg. Wnmhoff snatlib.): Den vom Abg. Dr. Böttger geäußerten Klagen über das Kantinenwefen kann ich mich nur anschließen und hoffe, daß der Minister die hier bestehenden Mißstände bald beseitigt.
Gestern hat der Graf von Mielezvnski dem Ostmarkenverein seine besondere Verachtung ausgesprochen und getadelt, daß auch Offiziere an den Felten des Ostmarkenvereins teilnehmen. Hat denn der Herr Graf jemals ein solches Fest gesehen? Sie schütteln mit dem Kopfe. Ich kann aus eigener Anschauung über eine solche im vorigen Jahre in der Nähe von ©liefen veranstaltete Feier berichten. Hunderte Ansiedler mit Weib und Kind nahmen daran teil, und das Fest verlies geradezu großartig. Deutsche Weisen erklangen in Musik und Gesang. Anfvrackien wurden gehalten, deren Inhalt so war, daß kein Pole sich dadurch beleidigt fühlen konnte, also ganz anders als die Töne, die Abg. Gral Mielezvnski hier gestern anschlug. Trotz der schwersten Angriffe von feiten der Polen wird der Ostmarkenverein fortfahren, das Deutlchttim im Osten zu pflegen.
Was die Frage der Soldatenmißhandlungen anlangt, so wissen wir ja alle, daß leider noch viele solche Ausschreitungen Vorkommen. Wir wissen aber mich, daß der Kriegsminister unablästig beftrebt ist, diese Mißstände zu beseitigen, und daß er feinen Worten auch Taten folgen läßt. So soll jetzt eine Trennung der Unteroffiziere und Mannschaften in den Kasernen erfolgen, was sehr zum Aushören der Reibereien beiträgt. Ich bin selbst Soldat gewesen, sowohl in Kriegs- als mich in Friedenszeiten, und die Herren werden es daher nicht anmaßend finden, wenn auch ich es wage, Mittel und Wege anzugeben, um den erwünschten Zielen näher zu kommen. Auf zwei Punkte möchte ich vor allem Hinweisen, 1) größte Sorgfalt bei der Auswahl der Hee- respftichtigen beim Musterungsgeschäft, 2) größte Sorgfalt bei der Auswahl des Ausbildunaspersonals der Rettuten. Was den ersten Punkt anbelangt, so werden da oft arge Mißgriffe gemacht, wie ja auch der vom Abg. Meist vorgetragene Fall, wo ein geistesschwacher Mann als Soldat angenommen war, beweist. Ein ganz ähnlicher Fall ist mir aus meiner Dienstzeit bekannt. Aber auch die körperliche Befähigung des einzelnen Mannes muß mehr in Bettacht gezogen werden, damit nicht so viel unbrauchbares Material eingestellt wird. Ein einziger körperlich oder geistig untauglicher Mann in einer Kompagnie kann später das Exerzitium der ganzen Kompagnie verderben und macht für den ausbildenden Unteroffizier eine ungemeine Last aus; daß es da leicht Püffe setzt, kann man sich denken. Geben h?ir dem ausbildenden Offizier und Unteroffizier von vornherein ein besseres Menschenmaterial in die Hand, so bin ich fest überzeugt, daß die Rettutenschinderei erheblich Nachlassen wird, und wenn bann noch Vorsorge getroffen wird in der vorsichtigen Auswahl des Ausbildungspersonals, bann kommen wir einen großen Schritt auf der gesteckten Bahn weiter. Vor allem müssen diese Lehrmeister einen stark ausgeprägten Gerechtigkeitssinn haben und es verstehen, den einzelnen Mann individuell zu behandeln. Verbessert man die ganze Lebensstellung der Unteroffiziere und gibt man ihnen auch die Sicherheit für ihr späteres Fortkommen, dann werden sie mit mehr Freude in ihrem schweren Beruf arbeiten und sich weniger leicht zu Soldatenmißhandlungen hinreißen lasten.
Wenn gestern von sozialdemokratischer Seite hervorgehoben wurde, daß bei der Ausbildung zum Soldaten in der Jugend begonnen werden müße, und daß die Reservisten ihre Gewehre mit nach Hau,e nehmen müßten, um dort weitere Schießübungen anzustellen, — ich möchte bann mal später die Statistik sehen über alle Unglücksfälle, welche bei solchem Schießen durch die weittragenden Geschosse stattfinden — bann würben wir noch blaue Wunbec erleben. (Sehr richtig.) Sollten dann aber ernste Stunden kommen, daß das Gewehr zur Vaterlaubsoerteidigung benutzt werden muß, daun ist es vielleicht verrostet und nicht mehr gebrauchsfähig. (<£el}r richtig.) Mit derartigen Vorschlägen gibt man sich der Lächerlichkeit preis. Mit Patriotismus allein sind keine Schlachten zu schlagen. Dazu gehört eine wohlausgebilbete, gut disziplinierte Truppe. Wir wollen hoffen, daß auch in Zukunft unser Heer in der Verfassung sein wird, wie wir es uns wünschen. Wir alle wünschen gewiß einen dauernden Frieden, aber sollte der heimatliche Herd in Zukunft verteidigt werden müssen, dann ist zu wünschen, daß der alte Geist, der Geist der Freiheitskriege und der Geist von 1870/71 wieder seine lebendige Kraft zeigen möge.
Es ist auch hier über Gamaschendienst, über Disziplin usw gesprochen worden. Ich meine, wir können es vertrauensvoll unserem obersten Kriegsherrn und unserem erfahrenen Offizier korps überlassen, Erleichterungen zu schaffen, wo es angeht. Vor allem müssen wir dafür sorgen, daß wir immer ein starkes Heer und eine starke Marine haben, denn das ist die beste Bürgschaft für den Frieden. Haben wir diese, bann können wir immer stolz sagen:
zu bekunden und damit einer ebenso frechen als unerwarteten Agitation entgegenzutteten, ging sie lebhaft bejahend ein. „Ich hoffe,' daß man weiß, wie scharf und entschieden der Kronprinz und ich fiel mißbilligen." (Hört! Hört! links.) Derselbe Georg von Bunsen hat an die Nachkommen des Geheimrat Magnus am 3. April 1898; folgendes Schreiben gerichtet: „Noch frisch unter dem Eindrücke der Aeußerung Seiner kaiserlichen Hoheit des Kronprinzen, daß er die Judenhetze als eine Schmach für die Nation empfinde, hak mir Ihr Herr Vater davon berichtet. Das weiß ich bestimmt unb1 Zugleich, daß in ganz Berlin niemand das Wort des Stadtrats Magnus in Zweifel gezogen haben würde. Die Aeußerung im Reichstage, daß „das Wort eines Toten" vor Gericht und im Reichs- tagssaale nickst gelten dürfe, ist, namentlich im Munde eines Geistlichen, meines Erachtens frivol. (Hört, hört! links.) Aus meinem; Brief vorn 20. Juni 1880, der sich im Nachlaste Ihres seligenj Herrn Vaters gefunden hat, wisten Sie, daß die damalige Frcm> Kronprinzessin mit Abscheu von der Judenhetze sprach. Einige! Worte, die damals den Schluß Ihrer Aeußerungen bildeten, haften/ noch ftisch in meiner Erinnerung. Die hohe Frau erklärte, daß dem Kronprinzen wie Ihr Selbst daran gelegen fei, über Ihrer Beidenk Verurteilung der unwürdigen Agitation nirgend einen Zweifel aufkommen zu lassen." (Hört, hört! links.)
Mit diesen Zeugnissen in der Hand kann ich wohl diese Angelegenheit dem Urteile der Geschichte überlasten. (Lebhafter Der fall links. Lachen bei den Antisemiten.)
Abg. Wallan snatl.): Wir werden der Resolution Stolberg zustimmen, die verlangt, daß die Naturalleistungs-Entschädigung eine den Leistungen entsprechende Höhe erreicht. Mit großer Freude habe ick' von der Erklärung des Kriegsministers Nottz genommen, daß er ihr Folge geben wird. Es unterliegt wirklich gar keinem Zweifel, daß die Natiiralleisttmgen mit der Zeit eine drückende Last darstellen, zumal da sie immer dieselben Gegenden in demselben! circulus vitiosns heimsuckst. Da hat z. B. ein Mann, der allerdings sein gutes Auskommen hat, aber weder wohlhabend ober gar reich nach städtischen Begriffen war, 14 Tage lang an 50 Mann Naturalleistungen zu entrichten gehabt. Das macht zusammen eine Ertrasteuer von 2000 Mark. Ich meine: Unsere ländliche Bevölkerung freut sich ja immer sehr, wenn die Soldaten kommen, aber hinterher kommt sie doch auf recht trübe Gedanken, wenn sie ihre! ökonomischen Leistungen betrachtet., Wir sind auch damit einverstanden, daß die Heeresverwaltung in erster Linie das Fleisch beim Produzenten lauft unb nicht beim Händler. Wir wünschen aber, daß die Fleischlieferungen menageweise vergeben werden, bamtt auch bie kleinen Metzger an die Reihe kommen unb nicht bloß die großen Metzger, die sehr oft ihr Fleisch en gros vom Auslände beziehen. wodurch nur die heimische Landwirtschaft geschädigt wird.
Abg. Storz ssüdd. Vp.) führt Beschwerde über die Bevorzugung des Adels in den Garderegimentern. . Sie widerspreche durchaus den Grundsätzen der Gerechtigkeit. Die Mißhandlungen werden erst dann aufbören, wenn die Offiziere dazu angehalten werden, die Kasernen regelmäßig zu inspizieren, und wenn solche Offiziere, die Mißhandlungen stillschweigend dulden, unnachsicht- tig aus dem Heere entfernt werden. Den Militärmusikern muß jede gewerbliche Ausübung ihrer Tätigkeit untersagt werden. Sehr zu wünschen wäre es, daß die Einjährig-Freiwilligen nicht mehr durch Hie Schnüre besonders gekennzeichnet würden. 6benfo Juie bie Osnttersaspiranten ohne besondere Abzeichen auskämen, könnten es auch bie Einjährig-Freiwilligen. Mit ber Resolution Stolberg sinb wir einberftanben, ebenso billigen wir es, wenn entsprechend der Resolution Erzberger bei ber Statistik eine Scheibung nach Herkunft unb Beschäftigung ber Militärpflichtigen auch dahin vorgenommen wirb, ob bie Ausgehobenen eine zwei- ober dreijährige Dienstzeit zu leisten haben.
Abg. Nogalla von Bieberstein (kons.) spricht sich für die Resolution Stolberg ct'-s; es sei endlich notwendig, dem wiederholt geäußerten Wunsche d's Reichstags zu entsprechen.
Abg. Matlsen (natl.) beschwert sich über Härten bei der Re» quisition von Gesponnen im Manöver. Statt aus den nächsten Dörfern ftische Pferde zu holen, habe man die Pferde mitgeschleppt und den Besitzern keine Entschädigung für die Abnutzung gezahlt. Wie verhalte sich die Heeresverwaltung dazu? Auf Grund welcher Gesetzesbestimmungen werde io verfahren? Weiter befürwortet Redner namens der holsteinischen Fischer eine frühere Eröffnung der Konservenfabriken.
Generalmajor Gallwitz erwidert dem Abg. Wallau, daß von einer Schädigung der kleinen Schlächter durch die Militärverwaltung keine Rede sein könne. Es bestehe keineswegs das Prinzips nur Großjchlächter für die Verproviantierung heranzuziehen; auch seien genügende Garantien gegen eine etwaige Monopolbildung gegeben. Zu den Submissionen, die immer nur für ein halbes Jahr ausgeschrieben würden, würden vor allem kleine Fleischer- meister herangezogen Was den von anderer Seite herangezogenen Fall des erblindeten Artillerieoffiziers betreffe, so handle es sich da allerdings um einen unglücklichen Mann, der sein,Augenlicht eingebüßt habe; die Militärverwaltung sei aber rechtlich nicht verpflichtet, Schadenersatz zu leisten, und Billigkeitsgründe könnten nicht ausschlaggebend sein, weil der Betreffende zusammen mit einem anderen, noch schwerer heimgesuchten Offizier einen Prozeß gegen die Militärverwaltung angestrengt habe. Es sei nicht angängig gewesen, den einen zu entschädigen, den anderen nicht. Der Vorredner habe auf die Notwendigkeit einer früheren Eröffnung der Konservenfabriken hingewiesen; aber während die holsteinischen Fischer ein frühere Eröffnung wünschen, wünschen die östlichen eine spätere; es liegen hier also Interessengegensätze innerhalb des Reichs vor. Die Verwaltung müsse die Eröffnung des Betriebs so einrichten, damit die Leute sofort wieder Beschäftigung finden; nur auf diese Weise könne man ein geschultes Personal behalten. Vielleicht könne man den Wünschen ber holsteinischen Fischer teilweise entgegenkommen, inoem man die Spanbauer Fabrik ftüher eröffnet; aber bei der Mainzer Fabrik sei das nicht möglich.
General-Leutnant Sixt von Armin erwidert dem Abgeordneten Malt,en, daß eine rechtliche Verpflichtung zu Schadenersatzleistungen für b’e von ihm angeführten Fälle nicht bestehe. Trotzdem zahle die Verwalrung, wenn nicht die Pferde durch Schuld des Besitzers geschädigt sind, eine Ent;chädigung; sie habe in den letzten drei Jahren 20 000 Mark gezahlt.
Abg. Kern (kons.) empfiehlt die Annahme der Resolution Stolberg. Die jetzigen Bestimmungen über die Naturalleistungen seien viel zu bart.
Abg. von Oertzen (Rp.) üft Kritik daran, daß junge Leute, bie wegen eines körperlichen Gebrechens aus dem Dienst entlasten werden, nur sehr schwer Pension erhalten können; die Leute müsten beweisen, daß sie sich den Sckiaden im Dienst zugezogen haben; viel richtiger wäre es, der Militärverwaltung den Beweis dafür aufzuerlegen daß die Leute sich den Schaden nicht im Dienst zugezogen havcn. Die Schuld an den Mißhandlungen trifft nicht bloß bie Untero.-fizlere, sondern auch die Mannschaften und diejenigen, welche das Vertrauen der Mannschaften zu den Vorgesetzten fortgesetzt erschüttern, indem sie die Armee als volksfeindliche Institution und die Offiziere als Leuteschinder bezeichnen. So kommt es denn, daß manche Soldaten mit Voreingenommen-


