Ausgabe 
26.4.1905 Zweites Blatt
 
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Nr. 97

Zweites Blatt.

155. Jahrgang

Mittwoch 36. April 1 905

Gietzener Anzeiger

OrfchetrU Üd-Nch mit Ausnahme des Sonntags.

Redaktion, Expedition u. Druckerei: Schulftr.U.

Tel. Nr. 5L Letegr,-Adr. i Anzeiger ©U^ctt»

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'sche» Unwersitätsdruckerei. R. Laag«, Gieße»,

DieSietzen« Kamlliendlatter" werden dem ^Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt. Der »^elstjch« CaßdwUr* erjchetrU monatlich einmal.

General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Siehrn.

2289

Gießen, den 18. April 1905.

Großberzogliches K^sisamt Gießen. I. V.: Dr. Wagner.

Kekanntmachmig.

Be tr.: Gesuch der Gailischen Dampfziegclei und Tonwaren, fabrik zu Gießen um Genehmigung einer Dampf­kesselanlage.

Die Gallische Dampfziegelei und Tonwarenfabrik in Gießen beabsichtigt, bei ihrem Tonwerk in der Gemarkung Gießen eine Dampfkesselanlage zu errichten.

Pläne und Beschreibung hierüber liegen 14 Tage lang, vom Erscheinen dieses im Kreisblatt für den Kreis Gießen an gerechnet, auf dem Bureau der Großh. Bürgermeisterei Gießen zur Einsicht der Interessenten offen. Etwaige Ein- wendtingen sind binnen dieser Frist bei Meidung des Aus­schluffes bei Großherzoglicher Bürgermeisterei Gießen vor­zubringen.

Zar Lotteriegemeivschast.

Ein paar Angestellte bei hessischen Lotteriekollekteuren haben an den Finanzminister Gnauth eine Eingabe ge­richtet, in der sie im wesentlichen folgendes ausführen:

Ein nicht unbedeutender Teil besonders der sogen. Export- kollektenre der ursprünglichen Hessischen Landeslotterie ist, mangels ausreichender Fachkenntnisse, gelungen gewesen, er­fahrene, mtt allen technischen Kenntnissen des Lotteriegewerbes ausgerüstete Personen anzustellen, was ohne Mühe gelungen ist, als die Hess. Landeslotterie einmal im Gegensatz zu anderen Staatslotterie - Unternehmungen in außerordentlich sachkundiger Hand ruhte und andererseits wegen ihres Absatzgebietes, an sich die größte Gewähr der Existenz geboten hat. In vielen Fällen sind Angestellte die jetzigen Ereignisse nicht vvraussehend dazu geschritten, sich eine Familie zu gründen, in der Hoff­nung, daß der stolze Bau, den aufzurichten ihre erste Aufgabe mit gewesen ist, niemals mehr zusammen gerissen werden könnte. Schon als die ersten Entwürfe der Heff. Landeslotterie auftauch­ten und Kollekteure mit Fachkenntniffen im Großherzogtum nicht existierten die sonstigen ansässig gewesenen Losehändler konnten als Fachleute nicht in Frage kommen waren es die Angestell­ten der Großkvllekteure Norddeutschlands, welche ihre Erfahr­ungen und Wahrnehmungen im Interesse ^>es Lotterieunterneh­mers, also des Staates zur Verfügung stellten und gleich von Anfang an mttarbeiteten und das Unternehmen förderten. Freilich wurde ihnen hierfür eine Lebensstellung für den Fall des Ge­lingens des Geschäftes in Aussicht gestellt, ferner wurden sie auch für ihre Mühe bezahlt, doch bie wirkliche Entschädigung sollt? erst im Laufe der Jahre durch Aufbesserung des Fixums erfolgen. Diese Hoffnung indes wird zu Wasser, wenn eurem Vertrage mit Preußen die Zustimmung gegeben wird, wonach unsere Lotterie eingeht. In diesem Augenblick werden Hunderte von- Angestellten auf die Straße gesetzt, dieselben Steuerzahler, welche im Laufe der letzten fünf Jahre dem Hessischen. Staat allein an Steuern gewiß weit ü ber H un de r t t a u fe n d Mark eingebracht haben, abgesehen von ihrer Tättgkeit, die an sich schon eine Förderung der Staatsinter essen bedeutete.

Die Herren bitten: ,

1. die Selbständigkeit der Staatslotterie als

Basis der Verhandlungen mit Preußen anzunehmen, oder 1. wenn ein Vertrag nnt Preußen abgeschlossen wird, wonach unsere Staatslotterie aufhört zu existieren, auch für den nicht selbständigen Teil derKollekteurschaft eine Vergütung von etwa 2 Mark pro ganzes Los vorzusehen. Diese Entschädigung wird dem Kollekteur zur Weitergabe an diejenigen Angestellten nach Maßgabe des zuletzt bezogenen Gehaltes übergeben, welche min­destens zwei Jahre ununterbrochen bei einem Kollekteur in der Hess.-Thür. Staatslotterie Beschäftigung gestmden haben. Es würde dies einmal als eine teilweise Enffchädigung für den Verlust der erst durch vollständige Preisgabe aller Fach­kenntnisse errungenen Existenz bedeuten, und ferner als ein Ersatz der Kosten angesehen werden können, welche mit der er­forderlichen Veränderung der Verhältnisse verbunden sind.

Angefügt ist ein Plan-Entwurf, welcher, bei nur 60 000 Losen, einen weit größeren Ueberschuß für den Staat abwirft, als der heutige mit 100 000 Losen, dieser Entwurf sieht bei 60 000 (statt 100 000) Losen 24 000 (statt 41 000) Gewinne vor. Der Einsatz oder Lospreis soll nicht mehr 168, sondern 200 Mark betragen. Cs können Gewinne entfallen von 40 000 Mark und mehr auf 3535 (jetzt 5000), von 10 00039 000 Mark auf 1714 (jetzt 2040), von 10009000 Mk. auf 50 fietzt 52^ Lose, und mehr als das Doppelte des Einsatzes nach Kürzung des Abzuges auf 15 (jetzt 20) Lose. Mit diesem Vorschläge haben sie den Beweis erbracht, daß die Aufrechterhaltung der Selbst­ständigkeit ' unserer Lotterie ohne Gefährdung der fiskalischen In­teressen, sowie derjenigen der Kollekteurschaft möglich ist.

Auch an die Mitglieder des hessischen Landtages haben öie Herren ein Schriftstück gesandt, in dem sie u. a. folgendes bemerken: _ . ,

Mit der Gründung der Hess. Landeslotterie vor mehr als fünf Jahren hat ein sehr nennenswertes Kapital in Hessen Emzug gehalten Mit diesem haben ferner Hunderte von erfahrenen H-ach- leuten der nicht selbständigen Kollekteurschaft ihr Domizil nach Hessen verlegt und weiter Dutzende von Groß- und Kleindruckern, Papier- und Knvertfabriken im Hinblick auf das.Entstehen dieses neuen hessischen Geschäftszweiges große finanzielle Opfer ge­bracht, um den zu erwartenden Anforderungen aus diesem Gebiete gewachsen zu sein. Was aber, wenn unsere Negierung Preußens Wunsche nachgiöt und auf das Bestehen der eigenen LandElotterie gegen eine vMW &n 1^05^9 1)^^? ^una(^ schwindet das mobile Kapital aus Hessen wieder, womit wie allgemein bekannt em Verlust der Exist^izen Zahlreicher Arbeiter in den Druckereigewerben usw. verknüpft ist und schließlich wäre damit denjenigen Koll^teuren und AngesteN- ten die Existenz genommen, cmf die man vor fünf Jahren ko dringend angewiesen gewesen ist.

Der Staat kann nicht nach dem Prinzip handeln.Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, der Mohr kann gehenl , das geschieht aber, wenn unsere Regierung imH allen das Brot mmmt, nur weil der Staat infolge eines nur scheinbaren Entgegen­kommens ' eines Bundesstaates auf andere Weiie gerade so gut nuf seine Rechnung zu kommen glaubt als heute,ann hatte man H fünf Jaüren mit Berßen in gleicher Angelegenheit paktieren können und mcht erst di^ Hiffe des Kapitals und seines Gefolges, d. h. die Mitarbeit zahlreicher Fachleute ^^rufen müssen zur Sa­nierung dieses Bodens, auf dem Hessen und Preußen künftig vhne den Sämann ernten können.

Firlitische Tagesschau.

Eine politische Aussprache.

DieNordd. Mg. Ztg." b^cn.jici die bevorstehende politische Aussprache der Minister Litton i und Golu-

chowski (siehe unsere gestrigePolitische Wochenschau")' alsauch vom deutschen Standpunkt erwünscht". (Eine etwas lakonische Bemerkung in dem offiziösen Blatt, das sonst bei dergleichen Gelegenheiten die Bedeutung des Ereignisses kräftiger hervorhebt. Zu schwungvollen Worten, wie sie oie österreichische Presse der Zusammenkunft widmet, scheint man in Berlin an amtlicher Stelle keine rechte Veranlassung zu sehen. In der Tat darf die Begegnung der beiden Minister des Aeußeren nicht überschätzt werden. Die Höflichkeiten der Staatsmänner vergehen aber es bleiben bestehen die Ausgaben Italiens, daS nicht leicht in militärische Unkosten sich stürzt, zur Befestigung der italienisch- österreichischen Grenze. Wiener Zeitungen selbst ver­gessen bei aller festlichen Erregung nicht auf dies Moment hinzuweisen. DieN. Fr. Pr." sagt sehr schön, der Besuch stelle den Schlußfolgerungen, nämlich einer Spannung zwischen Italien und Oesterreich-Ungarn,ein lebendiges Dementi entgegen". Ein Dementi durch Tatsachen wäre unseres Erachtens wertvoller. Immerhin mag die 'Aus­sprache etwaige Verstimmung beschwichtigen helfen.

In diplomatischen Kreisen Roms legt man der Minister- Entrevue große Bedeutung bei. Wie verlautet, haben Oester­reich und Rußland das Verlangen Englands und Italiens nach Einsetzung einer Finanzkontrolle in Mace- donien angenommen. Deutschland und Frank­reich hätten während dieser Verhandlungen eine höchst loyale Zurückhaltung gezeigt. Die Finanzkontrolle würde mit einer Zollreform einsetzen und ihr Erträgnis würde zur Herbeiführung der von der Bevölkerung erwar­teten Maßnahmen verwendet werden.

Wie dieN. Fr. Pr." erfährt, werden der Zusammen­kunft 'auch der italienische Botschafter in Wien und der österreichische Botschafter in Rom beiwohnen.

Kaiser Wilhelm trifft am nächsten Montag in Venedig ein und wird, wie verlautet, die Minister Tittoni und Goluchowski bei sich empfangen. Die Stadtverwaltung plant zu Ehren des Kaisers eine Serenade und festliche Be­leuchtung des Markusplatzes.

Amerikanische Zollpolitik.

Ein Zollkrieg zwischen Deutschland und den Vereinigten Staaten wird bereits an die Wand gemalt. Sollte er in der Tat ausbrechen, dann würde gegen ihn der deutsch-kanadfiche Zollkonftikt ein Kinderspiel sein. Es ist hinlänglich bekannt, daß das Handelsabkommen Deutschlands mit den Vereinigten Staaten vom Jahre 1900 der deutschen Industrie den empfindlichsten Nachteil ge­bracht hat, daß der deutschen Einfuhr nicht selten eine unerhört unfreundliche Behandlung seitens der ameri­kanischen Zollbehörden zuteil wird. In einer beschwerde- führenden Eingabe der Frankfurter Handels­kammer an den Reichskanzler ist überzeugend dar­gelegt, daß bei der bisherigen und gegenwärtigen Sachlage von Konzessionen amerikanischerseits kaum die Rede sein kann. Denn wo verhältnismäßig geringfügige Vergünstig- ungen aus deutsche Artikel gewährt sind, werden sie durch chikanöse Zollbehandlung wieder in Frage gestellt. (SHne so systematische Schädigung seiner Interessen kann sich Deutschland auf die Dauer nicht gefallen lassen, und eine Rücksichtnahme auf die politischen Beziehungen zur Union darf hier nicht allein entscheidend sein. Sie würde als Schwäche ausgelegt werden. Auf der Forderung voller handelspolitischer Gegenseitigkeit muß Deutschland mit allem Nachdruck beharren. Wenn dieNewyorker Staatsztg." recht unterrichtet ist, denkt aber die Washing­toner Regierung nicht daran, in Verhandlungen über den Abschluß eines Gegenseitigkeitsvertrages mit Deutschland einzutreten, weil dessen Genehmigung durch den Senat aus­geschlossen erscheine. In Widerspruch hiermit steht eine ältere Meldung derKreuzztg.", daß die Bundesregierung grund­sätzlich entschlossen sei, auf deutsche Waren Zollnachlässe zu gewähren zum Ausgleich der den Vereinigten Staaten aus der deutschen Meistbegünstigung erwachsenden Vorteile. Die Frage ist nun: haben überhaupt diesbezügliche Ver­handlungen mit der Washingtoner Negierung stattgefunden oder besteht Aussicht, alsbald in solche Verhandlungen ein­treten zu können? Es ist an der Zeit, daß hierauf im Reichs­tag eine klare Antwort erteilt wird. Die seit Jahr und Tag so ungünsttg behandelte deutsche Industrie muß wissen, woran sie ist. Für sie kann die Aussicht auf einen Zollkrieg kaum beunruhigender sein, als dieser Zustand der Un­sicherheit. *

König Alfons vnd der Marokko-Konflikt.

Der Versuch, König Alfons von Spanien in die Marokko­affäre hereinzuziehen, ist nicht geglückt. Ob er von feiten Frankreichs natürlich, denn Teuftchland hat keine Veran­lassung, die Vermittelung durch einen Dritten in Erwägung zu ziehen ob also dieser Versuch offiziell unternommen worden ist, muß dahingestellt bleiben. Jedenfalls war in den Herrn Delcasse nahestehenden Organen der öffentlichen Meinung zu lesen, daß der jugendliche Regent Spaniens eine gewisse Bedeutung erlangt habe als ausgleichender Faktor bei Differenzen im Staats- und öffentlichen Leben. Der Wunsch, König Mfons möge sich erneut in ausgleichen­dem Sinne betätigen, lag für Frankreich in der Marokko­angelegenheit umsomehr nahe, als die Beziehungen zwischen den Höfen von Madrid und Berlin sich in neuerer Zeit be­sonders freundschaftlich gestaltet haben. Andererseits ist Frankreich der Hauptgläubiger Spaniens, der fteilich die politischen Interessen seines Schuldners gerade in Marokko gering achtet und nur zu einer Vereinbarung mit England zu kommen trachtete. Das man wohl den Könist Alfons zu­rückhalten, mit der Vermittelung im Marokkozwrschensall sich zu befassen. *

Zur Regelung des Submssfionswesens.

Die viel erörterte Regelung des gewerblichen Submissions- Wesens durch Gesetz scheint nun endlich feste Gestalt zunächst für Preußen und dann für das Reich annehmen zu sollen. In einer Rede über die Mittelstandspolitik des Zentrums in der lau­fenden Session wies der Abg. Trimborn vor einigen Tagen in einer Versammlung des Volksvereins in Köln auf eine Erklärung des Staatssekretärs des Reichsamts des Innern, Grafen Posa- dvwskp hin, die folgendermaßen lautete:

Das Submissionswesen ist auch im Reiche GegenstmH fortgesetzter Aufmerffamkett. In Preußen ist bereits für die Regelung des Submissionswesens eine sehr eingehende Denk­schrift ausgearbeitet. Es ist natürlich, daß da ja Preußen mit feinen großen Betriebsverwaltungen ein viel größerer Arbeitgeber ist wie das Reich als solches wir zunächst ab­warten müssen, welche Gestalt die Regelimg der SubmissionS- bedingungen in dem Bundesstaate Preußen haben wird. Ich kann aber heute schon versichern, daß in diesen neuen Sub- mipionsbedingungen ausdrücklich vorgesehen ist, daß die ein­heimischen Handwerker möglichst vor den auswär­tigen berücksichtigt werden sollen".

Dem fügte Trimborn hinzu:

Diese Erklärung kann ich dahin ergänzen, daß der Konk Mission für Handel und Gewerbe, deren Vorsitzender, ich bin, der Entwurf der neuen preußischen Submissionsbedingungen Vorgelegen hat. Wir haben ihn in vier Sitzungen durchberaten und dabei dieselben Grundsätze, die in dem Anträge Gröber ent­halten sind, der Regierung zur Berücksichtigung empfohlen. Der Landtag ist diesem Beschlüsse der Kommission für Handel und Gewerbe einstimmig beigetreten. Hiernach 'steht zu erwarten, daß das Submissionswesen zunächst in Preußen und demnächst im Reich eine erheblich bessere Gestaltung Gunsten der kleinen und mittleren Gewerbe­treibenden erfahren wird."

Die in vorstehendem erwähnten, von Ab-g. Gröber entwickeltet^ Grundsätze vertreten folgendes:

1. Mit dem Prinzip, daß für die Vergebung die Mindest) forderung vorwiegend entscheidend sei, müsse gebrochen werden. Eine gerechtere Entlohnung sei die Hauptsache. 2. Es soll die Vergebung nicht zum Vorteil einiger großer Lieferanten ausfallen: sondern es sollen dabei möglichst viele kleine Ge- tverbetteibende Mgelassen werden und ihren .Vorteil haben. 3. Deshalb möglichst freihändige Vergebung; Bildung möglichst kleiner Lose; genügend lange Lieferfristen; geringe Sicherheits­leistungen : Beschleunigung der Zahlungen; 4. Berücksichtigung der Handwerkergenossenschaften; 5. Bevorzugung derin- ländischen und der ortsansässigen Unterneh­mer; 6 .wohlwollende Handhabung der Submissionsbeding­ungen.

Wenn die hier aufgestellten Grundsätze bei der demnächstige» Regelung mir einigermaßen genügende Berücksichttgung finden, so dürfte dieselbe gegenüber dem jetzigen Zustande einen annehm­baren Fortschritt bedeuten. Zu wünschen bleibt nur, daß die Re­gierung nun recht bald aus dem Zustand der Erwägungen mit einer fertigen Verordnung herauskommt.

Der dritte Feiertas

Ein Mahnwort.

Man schreibt uns:

Die Feiertage sirrd der religiösen Erbauung, der Er> holung und der Geselligkeit gewidmet. J!n diesem Sinne heißen wir sie alle Jahr um Jahr im Getriebe des Werk- taglebens willkommen. In der ersten christlichen Kirche wurden sehr wenige Festtage gefeiert, bis zum Ende deS 1. Jahrhunderts außer dem Sonntag nur das Osterfest und vorausgehend Jesu Todestag, der Charfteitag. Im 2. Jvhrhundeitt kam das Pfingstfest hinzu, Weihnachten wuÄe erst seit dem 5. Jahrhundert festli chbegangen. Die Feiertage nahmen dann mit der Menge der Heiligen und mit den verschiedenen wichtigen Lebensverhältnissen der Maria und ihren Beziehungen zu Jesus zu. Im 7. Jahrhundert wurde schon ein Kollektiv-Festtag für alle Heiligen gefeiert, seit dem 9. Jahrh. das Fest der Engel, seit dem 10. Jahrh. Aller­seelen, int 13. Jahrh. Fronleichnam. 'Auch anstößige Feste, wie das Narren- und Eselsfest dürfen nicht vergessen werden. Die Reformatoren hoben später den größten Teil der Feste auf und in der protestantischen Kirche werden außer den großen Festen, Weihnachten, Osterrt und Pfingsten nur noch Neujahr, Charfteitag und tzimmelfahrtstag gefeiert. Von den sogenannten kleinen Festen, die auf deit Sonntag verlegt wurden, ist hier nicht die Rede. Weihnachten, Ostern inu> Pfingsten galten früher drei Feiertage offiziell, jetzt begnügt man sich an den meisten Orten mit zwei. Wir in der guten Stadt Gießen mitsamt den umliegenden Ortschaften erfteuen uns noch der Spezialität des dritten Feier­tages. Die Frage ist: Freuen sich wirklich alle, die zum drittenmale das Festtag kleid anlegen und in Untätigkett verharren? Wir glauben kaum. Viele sehen nach zwei an­strengenden Feiertagen, daß ach! kein Geld mehr in ihrem^ Beutel klingt. Aber

Aus Gemeinem ist der Mensch gemacht

Und die Gewohnheit nennt er seine Amme."

Anstatt zur Arbeit zurückzukehren, legen sie erst recht die Hände in den Schoß, oder sie borgen bei Peter und Paul, auf daß sie mit Weib und Kind ins Wirtshaus ziehen können. Die Gutgesinnten hält falsche Scham von der Arbeitl fern, und die Furcht vor der kompakten Majorität. die Gutgesinnten ist unser Mahnwort gerichtet. MügeiL sie endlich den Mut finden, mit der Unsitte deA- dritten Feiertags zu brechen, der seit der gesetz­lichen Regelung der Sonntagsruhe auch oie entfernteste^ Berechtigung verloren hat. Gewiß wird zunächst^ eine Minderheit gegen den Strom schwimmen, aber 6alb dessen sind wir sicher wird dieser und jener ihrem lobenswerten Beispiel folgen, und in nicht ferner Zeit, fix- hoffen wir, wird der dritte Feiertag zum Heil der Bevöl­kerung aus dem Kalender der Gießener gestrichen sein.

x y z.

Aus Stadt und Land.

Gießen, 26. April 1905.

'* Universitätsferien -Ende. Am Donnerstag beginnen die Kollegien für die Forstleute, am Montag und Dienstag k. Woche nehmen im Kollegienhause die Vorlesungen für die anderen Fächer ihren Anfang.

** Tagesordnung für die Sitzung der Stadtverordneten am nächsten Freitag. 1. Die Verbrallchssteuern in der Stadt Gießen. 2. Vorlage des Voranschlags für 1905. 3. Verpachtung eines Stückchens Wiese an der Wiesenstraße an Jul. Hahn Nächst 4. Der Wald brand am 4. August 1904. 5. Ausbau der Noonstraße; hier: Geländeerwerb von K. Stohr Wiv. 6. Er­satz der Dienstkleider für die städtischen Taglöhner. 7. Kanal­anschluß der ®runMtiicfe Walltorstraße 53, 59 und 63. 8. Bahnprojekte zur Erschließung des Vogels­bergs.