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Donnerstag 23. November 1905
Zweites Blatt
Nr. 276
Gießener Anzeiger
155. Jahraang
Trscheinl tlglich mit Ausnahme de« Sonntags.
Die „Eiehener ZamUIenblätter" werden dem „Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt. Der Landwirt «scheint monatlich einmal.
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'ich« UnweriitLtSdruckerei. 9L Lange. Gteßeu.
Redaktion, Expedition u.Druckerei: Schulst*. L.
Tel. Nr. bl. Telegr.-Adr.: Anzeiger Grebe».
Eeneral-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Eichen.
Volilische Tagesschau.
Segen die Uebertreibungen eines Teiles der ftlottenfrevnde wendet sich eine offiziöse Korrespondenz offenbar im Sinne t»eS ReichSmarineamteS, indem fte schreibt:
Der Wunsch, welcher feiten? eines Teiles der Preffe ausgesprochen wird, den geplanten Rau von 18 Linienschiffen und 1.8 groffen Kreuzern, welche in den Jahren 1906 bis 1917 lertig- geslellt werden soffen, zu beschleunigen, derart, daß in einem Jahre wehr als die beabsichtigten drei größeren Schiffe gebaut werden hohlen, bat im ersten Augenblick etwas Bestechendes. Es wäre jedoch zunächst erst lestzusteffen, ob die vier in Frage kommenden SchiffSwersten, der Vulkan, die Germania-Werst, Blohm und Voß sind tue Cchichau-Werlt zusammen in der Lage sind, jährlich mehr « IS drei größere Kriegsschiffe zu bauen. Diese Frage wird sich r-ieffeicht vejaben laffen. Man wird annehmen können, daß diele öerben bei Anspannung ihrer Rröbe zusammel, etwa sechs große L riegSlchiffe im Jahre Herstellen können. Soweit wir aber unterrichtet sind, legt man an maßgebender Steffe gerade aul den cirganischen Ausbau der Flotte Wert, bei dem ja doch auch wirt- lchastlicke Rücksichten aul die Staats- und Privatwersten sowie aus tße Arbciterverhältniffe mitsvrechen. Wird sprungweise gebaut, lo riifteben in den anderen Jahren Lücken in dem Arbeitsverhältnis, die sich nicht sehr angenehm geltend machen würden. In einem 9 eile der Presse wird es sodann beklagt, daß die Küstenpanzer der Sieglried-Klaffe lSiegkried, Beowutt, Frithjok, Hildebrand, Heim- tmff, Hagen, Aegir, Cbin) nicht glatt eingezogen und durch große f riegSlchiffe ersetzt werden. Dabei werden diese Schiffe über ®e- bahr hernntergeielzt und unter anderem als »schwimmende Cärge" bezeichnet. Nun soll ja nicht bestritten werden, daß s« etwas klein und langsam sind und artifferistisch auch b-ffer anuiert fein könnten. Ter sosortiqe Ersatz dieser Schiffe d irch Linienschiffe ersten Ranges würde aber etwa 300 Millionen erfordern. Und diese Schiffe als schwimmende Särge anzusprechen, ifi ganz außerordentlich übertrieben. Diejenigen, n elche dieses Urteil in die Ceffentlichfeit werfen, sofften doch erwägen, welchen Eindruck ein derart hinausgefchleudertes Wort auf d e Bemannung machen muß, welche auf diesen Schiffen vieffeicht sicher oder später kämpfen soffl Nach der sehr wohlwoffenden ?l»iffaffung, die die Dlarinevorlage in der öffentlichen Meinung ge- hanben hat, gewinnt es last ben Anschein, als wenn ber Herr Cvaatssekretär bes Reichsmarineamts zu wenig geforbert hatte. 93un vielen Seiten ertönt ber Ruf: mehr Schiffe, unb schneller brauenI In ber parlamentarischen Verhandlung wirb sich ober erst zckgen, inwieweit bieser Teil ber öffentlichen Meinung im Reichstag eine Resonanz findet, unb ob nicht doch Admiral Tirpitz mit seinen maBvollen unb wohlerwogenen Vorschlägen bas Richtige getroffen hat. Noch nicht einbezogen in die Marinevorlage sinb bie Kosten finr bie notwenbig merbenbe Verbreiterung ber Schleusen bes Kaiser Ltilhelm-Kanals. Es liegt bies baran, daß der Kanal vom Reichs- amt des Innern refiortiert, unb es wirb eine bezügliche Vorlage deshalb vermutlich von bort zu gewärtigen sein.
Nach ben bis jetzt zu beobachtenden Anzeichen zu schließen, wird die gegenwärtige Vorlage des ReichSmarine- amtc6 im Reichstage glatt durchgehen, vielleicht nur gegen bin Widerspruch der Sozialdemokratie und eines verschwin- binden Teiles der Freisinnigen, die ihrer Zahl nach ohnedies nicht inS Gewicht fallen. Wenn die extremen Flottenfreunde bc n Bogen straffer spannen wollen, als es durch das ReichS- moarineamt geschehen ist, so wird die Gefährdung der jetzt vorliegenden bescheideneren Vorlage die Folge sein.
Ter feine Ton im Parlamente.
Man schreibt uns aus Sofia:
ES wäre allmählich ein verdienstvolles Werk, die Schriften b«8 seligen Herrn von Knigge in die Sprachen der Balkan- st«aten zu übersetzen. Auch in der bulgarischen Sobranje aiiiflnen sich manchmal Szenen, wie sie nicht im Palais Bourbon und im österreichischen NeichSrate denkbar mären. Uinb das will gewiß viel sagen. Jedenfalls ist eS selbst in bilden beiden gesetzgebenden Körperschaften bisher wohl kaum voirgekommen, daß die Injurien von der Mini st er- bank aus ins Plenum flogen. DaS geschah in einer der leigten Sitzungen des bulgarischen Parlaments und zwar war der temperamentvolle und heißblütige Minister deS Innern D.. Petkow, der sich rühmen durste, der zoologischen Termi- n«logie in der Sobranje Eingang geschaffen zu haben. Bei ber Beratung eines neuen Bahnbau-EntwurfeS berief sich Ürner der oppositionellen Redner, zur Bekräftigung seiner Ein- itumbiingen gegen die Rentabilität der projektierten Bahn, auif einen angesehenen Ingenieur, der vordem das Amt eines bomptstädtischen Bürgermeisters bekleidete. Der Minister des Fmnern, der in Abwesenheit deS Fachministers die Vorlage ju vertreten hatte, gab dem Deputierten folgende Antwort: .Dieser Ingenieur R. R. ist ein Rindvieh wie alle anderen, deshalb habe ich ihn auch aus dem Gemeinde- tate hinausgeworfen!" Der kleine Zwischenfall ist
deshalb amüsant, weil Petkow sich eines sehr starken Anhanges erfreut und alle Aussicht hat, sein jetziges Portefeuille bald mit dem deS Auswärtigen und der Ministerpräsident- schatt zu vertauschen. Bis jetzt scheint er allerdings, wenigstens nach dieser kleinen Probe zu urteilen, zum Diplomaten im westeuropäischen Sinne nur wenig Veranlagung zu besitzen.
8. Sitzung der Großh. Handelskammer Gießen für die kreise Gießen, Alsfeld und Lauterbach.
Protokoll-AuSzug.
Licy, den 15. November 1905.
Anwesend die Herren: Kommerzienrat Koch, Vors'.tzen- bet, Dürbeck, Friedberger, Grünewald, Hoos, Jhring. ft'Ting» spor, Nowack, Ramspeck, Röhr, SchmaN, Stammler, sowie der Syndikus Dr. Knipper und Bureauvorskeher Bruchhäuser.
1. Aus dem Geschäftsbericht ist mitzuteilen, daß die Handelskammer bei der Großh. Bürgermeisterei Gießen die Herstellung einer Eisenbahnverbindung von Gießen mit dem Äartale und der Dahn Herborn—Niederwalgern befürwortet hat. — Ferner nrurbe dem kaiserl. Patentamt ein Gutachten über den Gebraua) des Wortes ,.Mill" bei Papieren erstattet und ausgeHihrt, daß dieses Wort nicht zur Kennzeichnung einer bestimmten Gattung von Papieren dient. — Die guten Zngverbindunoen auf der Linie Frankfurt a. M—Fulda—Bebra— nach.Berlin und Mitteldeutschland lassen es wünschenswert erscheinen, daß diese Verbindungen auch dem Verkehr aus Westdeutschland mehr als bisher dienstbar gemacht werden. Dieses Ziel kann erreicht werden, wenn auf der Strecke Gießen—Fnlda Schnellzüge verkehren, die eine rasche Verbindung zwischen den Zügen der Linie Frankfurt—Fulda—Bebra einerseits und denjenigen der Mainweserbahn, Lahnbahn und der Linie Gießen—Siegen Herstellen. Gleichzeitig würde durch solche Schnellzüge auch dem lokalen Verkehr Rechnung getragen werden. Der Vertreter der Handelskammer im Bezirkseisenbahnrat Frankfurt a. M. hat deshalb für die nächste Tagung des Dezirkseisenbahnrats einen Antrag auf Einlegung eines Schnellzugpaares auf der Strecke Gießen— Fulda eingebracht.
2. Besteuerung des Tabaks. Die in der Oeffent- lichkeit wiederholt an gekündigte Mehrbelastung des Tabaks und seiner Fabrikate durch eine Erhöhung der Jnlandsteuer unb ber Einfuhrzölle hat in ben Kreisen ber hiesigen Tabak- und Zigarrenindnstne eine lebhafte Beunruhigung hervorgerufen. Die Handelskammer erblickt in einer weiteren Belastung des Tabaks eine außerordentliche Schädigung ber Tabak- unb Zigarrenindustrie unb ihrer Neben- gewerbe und beschloß, in lieberemstimmung mit dem Deutschen Tabakverein an die Regierung ba5 Ersuchen zu richten, von jeher Mehrbelastung bes Tabaks und der deutschen Tabaksabrikate Abstand zu nehmen.
3. Wahl der Beisitzer unb bereu Stellvertreter zur Durchsicht bes Hanbelsregisters. Die Amtsbauer ber Beisitzer zur Durchsicht bes Hanbelsregisters unb ber Stellvertreter läuft mit Ende bieses Jahres ab. Für bie Jahre 1906, 1907 unb 1908 wählte bie Hanbelskammer als Beisitzer die Herren Kommerzienrat S. Heichelheim, Max Friedberger und C. Röhr und als Stellvertreter die .Herren C. W. Nowack, Kommerzienrat H. Schirmer unb W. Zurbuch.
4. Aufnahme von Fleisch, usw. in ben Spezi a l t a r i f für bestimmte Eilgüter. Von bem Deutschen Fleischcrverbanb unb bem Verb an b deutscher Murstfabrikantcn ist wiederholt beantragt worden, für die Versendungen von Fleisch, ^leischwaren und frischen Kuttelwaren als Eilgut die Zahlung ber gewöhnlichen Frachtgutsätze zuzugestehen. Diese Anträge sind von der Eisenbahnverwaltung mit der Begründung abgelehnt worden, daß die Fleischwarensendungen zumeist einen gewissen Luxuswert besäßen und demgemäß die Eilfracht leicht ertragen könnten; ein allgemeines wirtschaftliches Bedürfnis für die beantragte Tarifmaßnahme sei nicht vorhanden. Die Handelskammer hat durch eine Umfrage bei einer Anzahl von Wurst- und Fleischversandaeschäften ihres Bezirkes fest- gestellt, daß die Preise der genannten Waren zum Teil niedriger sind als diejenigen verschiedener Güter des Spezialtarifes für bestimmte Eilgüter, die die beantragte Tarifvergünstigung genießen und daß die Eilgutfracht den Preis zu stark belastet. Auch liegt es im allgemeinen Interesse, besonders der minderbemittelten Konsiffnentenkreise, und namentlich bei den jetzigen hohen Preisen für alle Arten Fleisch- und Wurstwaren, das - Eilfracht für diese Waren ermäßigt wird. Die Handelns.---;-'??r beschloß deshalb.
bie Aufnahme von Fleisch usw. in den Spezialtarif für bestimmte Eilgüter zu befürworten.
5. Behanblung von Beschwerben in S oll- tarifangelegenheiten. Der preußische Fmanzs- Minister hat eine Verfügung erlassen, wonach vom 1. Januar 1906 ab gegen bie Entscheibungen ber abfertigenben Amts- stellen in Zolltariffachen eine fortlaufende Beschwerde mit ber Wirkung erhoben werben kann, baß sie zur 6nt* scheibung bes Ministers zu bringen ist, falls ihr nicht von einer ber unteren Instanzen abgeholfen wirb Die Be- schwerbe ist in diesem Falle als „fortlaufende" zu bezeichnen, ober es ist in ihr sonst zum Ausbruck zu bringen, baß bei einem ablehnenden Bescheide der Zollämter eine ministerielle Entscheidung gewünscht wird. Da diese Anordnung geeignet erscheint, eine Erleichterung und Beschleu- nigung des Verfahrens in Zollstreitigkeiten herbeizuführen, so' hat die Handelskammer zu Offenbach angeregt, vom Hessischen Handelskammertag aus den Erlaß gleicher Bestimmungen für das Großherzogtum Hessen zu befürworte«. Die Handelskammer schloß sick dieser Anregung an.
6. Errichtung von Handelsinspektionen. Bon dem Verband deutsche Handlungsgehilfen in Leidig war bie Handelskammer im Unterstützung eines Antrages auf Einführung von Handelsinspektionen nach bem Muster ber Gewerbeinspektionen ersucht worben. Die Hanbelskammer beschloß, von einer Unterstützung bes Antrags abzusehen, ba sie bis jetzt ein Bedürfnis für die Errichtung einer besonderen fachmännischen Auufsichtsbehörde tm Handelsgewerbe nicht anzuerkennen vermochte.
7. Eingänge.
a. Der Handelskammer ist die neue Auflage des Deut- sck>en Reichs-Adreßbuches 511 gegangen; Interessenten können auf dem Sekretariat der Handelskammer Einsicht davon nehmen.
b. Ferner sind der Handelskammer von zuverlässiger Seite Mitteilungen zugegangen über den Ausfall der Kartoffelernte in ben Vereinigten Staaten von Amerika unb bie Nachfrage nach Kartoffeln, sowie über zweifelhafte Firmen in Bukarest, Salonik. und Mabrib. — Interessenten erhalten Auskunft hierüber im Sekretariat ber Hanbelskammer.
8. Im Anschluß an bi" Sitzung folgten bie Mitglieder ber Hanbelskammer einer Einladung deS H. Jhring utr Besichtigung seiner Brauerei- und Mälzerei-Anlage. Die Firma konnte vor einiger Zeit ihr 50jähriaes Bestehen Bestehen feiern und hat sich aus kleinen Verhältnissen zu einer der ersten Brauereien Oberhessens emporgearbvitet. Die Besichtigung ber ausgebehnten Anlagen war für bte Teilnehmer äußerst interessant; sie konnten sich überzeugen, daß ber Betrieb mit den neues' maschinellen unb technischen Einrichtungen verletzen ist unb auf ber Höhe der Zeit steht. An ben Runbgang durch die Brauerei schloß sich ein von Herrn Jhring bei. Teilnehmern bargeboteneA Mahl an.
Aus Sla-I lmü Sani.
Gießen, den 23. November.
** Personalveränberungen im aktiven Heere: Schalhom, Lt. im 5. Großh. Hess. Jnf.-Re^. Nr. 168, auf ein Jahr zum 2. Litt. Feldart.-Negt. Nr. 37 kommanbiert. — v. Nathusius, Oberlt. ber Res. des Regts. Königsjäger zu Pf?rbe Nr. 1, kommandiert zur Dienstleistung beim 1. Großh. Hess. Drag.-Regt. (Garde-Trag.-Regt.) Nr. 23, als Oberlt. im leyrgenannten Regt, angestellt. — v. Sydow, Lt. im 1. Großh Heff. Drag.-Regt. ((Serbe- Drag.-Regt.) Nr. 23, in das Hus-Negt. Zielen (Brandend.) Nr. 3 versetzt. — Müller, Oberlt. im Großh. Hess. Train- Bat. Nr. 18, mit Pension zur Disp. gestellt und zum Bc- zirksosfizier beim Landwehrbezirk Kreuzburg «wnannt. — I m Beurlaubten stände: Benz, Lt. d. Res. des 4. Großh. Hess. Jnf.-Regts. (Prinz Karl) Nr. 118 (I Berlin) zu den Nes.-Offizieren des Jnf.-Regts. von Alvensleben (6. Brandend.) Nr. 52 versetzt. — Die Vizefeldwebel bezw. Vizewachtmeister: Angenete (Detmold), Müller (Mainz) zu Lts. d. Res. des Jnß-Leibregts. Großherzogin (3. Großh. Hess.) Nr. 117, — Winkler (Hannover), gramer (Hersfeld) zu Lts. d. Res. des Jnf.-Regts. Kaiser Wilhelm (2. Großh. Hess.) Nr. 116, — Rücker (Worms) zum Lt. d- Res. des 4. Großh. Hess. Jnf.-Regts. (Prinz Karl) Nr. 118, — Sitt* mann (Worms )zum Lt. d. Re» des 3. Lothring. Jnf.-Regts. Nr. 135, — Decker (I Darmstadt) des 3. Unter-Elsäss. Jnf.- Regts. Nr. 138, — Baldes. (Frankfurt a. M-), Ruprecht (Worms) des 1. Großh. Hess. Feldart.-Regts. Nr. 25, Schlößmann, Merz (Mainz des 2. Nass. Feldart.-Regts. Nr. 63 Franffurt befördert. — Gros, Lt. d- Nes. des 4. Gr. Hess. Inf-Regts. (Prinz Karl. Nr. 118 (Frankfurt a. M.),
Kleines Aeuilleton.
— Ludwig Gangbofer bei Kaiser Wilhelm. Der tvrtrcfslichc Romenschriststcller Dr. Subimg Ganghoser erhielt biirdj die preußische tzksandtschaft in München vom Berliner b^smarschallamt die Mitteilung, baß Kaiser Wilhelm sich freuen hXürbc, bei seiner Anwesenheit in Nürnberg Ganghoser kennen iu lernen. Ganghoser begab sich nach Nürnberg zur Audienz, mb ber Kaiser unterhielt fi* mit ihm eine Stunde lang aufs srcundlichste. Er sprach nut ihm über alle seine Bücher, teilte ihm mit, daß seine Frau unb Söhne warme Verehrer von ihm feiien und erzählte ihm auch von seinen NorblandSreisen, wobei ft Vergleiche zwischen Meer und Gebirge anstellte. — Es verdient binzugesügt zu werden, baß Ganghoser in dem bekannten Sim* »llizissimuS---Prozeß aus Anlaß des Kölner Sittlichkeits- kougresses als literarischer Sachverständiger fungiert unb mit -vvtzer Lebhaftigkeit unb Wärme zu Gunsten des verllagtcn Mrischen Blattes plädiert hat.
Hamburg, 22. Nov. Heute fand bie Generalver- aim mlung des Deutschen Bühn en v er eins unter dem Vor- ifr des Generalintendanten v. Hülsen statt. Tie Versammlung Me betreffend bie Eingabe des Goethebundes um Unter* ifiü&ung ihrer Bestrebungen durch Veranstaltung von volks- lilimlichen Vorstellungen keinen generellen Beschluß, son- betmt überläßt dem Ermessen der Bühnenleiter nach ber Lage km örtlichen Verhältnisse bie Erfüllung der Wünsche des Bundes, tetreffenb die Petition des Deutschen Ehvrsängerverbendes um rinne Verk^sserung der Lage ber Mitglieder beschloß die Versamm- larrg, eine ausführliche Beantwortung und die Petition dem Kc:ichskanzler, dem Bnrdesrat, dem Reichstage sowie dem Veröde zngehen zu lassen.
— M it dem Automobil bis zum Südpol, lieber seinen kühnen Plan, mit dem Automobil bis, zum Südpol vorzudringen, macht der belgische Forschungsreisende Henrik Are- towski interessante nähere Mitteilungen. Don den natürlichen Landungsplätzen der südlichen Meere^ erstreckt sich nach den bisherigen Beobachtungen ein weites Feld glatten Eises, das die Polargegend ohne Spalten und Brüche bedeckt, ein flaches Eisfeld. das so glatt wie ein gefrorener Teich ist unb scheinbar rasch überschritten werden Fann. Andere Forscher, die dort waren, konnten fteilich nickt schnell vorwärts kommen. Kapitän Scott konnte nur 16 Kilometer täglich mit seinen Hunden zurücklegen und mußte umkehren, weil er zu verhungern fürchtete. Arctowski glaubt nun, mit einem Kraftwagen zehnmal so schnell fahren zu können, so daß die Nahrungsmittel reichen würden; Kapitän Scott und Leutnant Shackleton halten diesen Plan für aussicht- voll. Der Motorwagen für die Polarerpedition wird einen Fuß breite Räder haben, die mit Leder beschient unb mit langen hervorragenden Nägeln beschlagen sind, damit sie in dem gefrorenen Schnee Halt haben. Unter dem Wagen befindet sich eine Art Läufer wie beim kanadisckzen Schlitten; das Gewickt des Wagens ruht aus diesem Läufer, nicht aus den Rädern. Sachvcrftänbige beraten jetzt den Bau des Wagens und die Heizungsanlage. Ob nun der Pol entdeckt wird oder nicht, so erwartet man doch eine Erweiterung der geographischen unb physikalischen Kenntnisse der Antarktis.
— Die Eröffnung des Wiener Bürgertheaters findet nunmehr beslimmt am 1. Dezember statt. T-s schmucke Haus steht schon fir und fertig da. Das freundliche Heim der Musen faßt 1270 Zuschauer; sein Inneres i|t von intimstem Reiz, die Farben sind Creme und Gold, dazu das Grün der
Plüschsitze auf Mahagoniholz. Die 10 Meter breite und IOV2 Met. hohe Bühnenöffnung füllt nicht die ganze Proszeniumswanb aus, den Rest des Mauerwerkes deckt ein Gemälde, das drei Wiener Künstler als Zwirn, Leim und Knieriem, bie Hauptgestalten von Nestroy's ,Lumpaci Vagabundus", zeigt, bem Pegasus folgend, der dem Dürgertheater zugesührt wird. In ben Rundbogen deS zweiten Ranges sieht man die Bilder von Nestroy, Raimund, Grillparzer, Bauemfeld und Anzengruber.
— Das freie Wort. Frankfurter Halbmonatsschrift für Fortschritt auf allen Gebieten des geistigen Lebens. Herausgeg. von Max Henning. 5. Jahrg. (Neuer Frankfurter Verlag, G. m. b. H., Frankfurt a. M.) Tas freie Wort, bekannt als eine von polit. P'rteien unabhängige Zeitschrift, die nicht konfessionellen, wirtschaftlichen oder sozialen Sonberintereffen, sondern Kiiltur- intereffen zu dienen bestrebt ist, eröffnet das zweite Halbjahr seines 5. Jahrg. mit einem Leitartikel „Lehrerstreit", der tne Frage aufwirft, ob nickt der ganze Rattenkönig von Problemen, geiftlidye Schulaufsicht, Simnltamckule, Religionsunterricht, in fortschrittlichem Sinne durck einen Lehrerstreik zu lösen sei. Ferner seien die Artikel erwähnt: „Deutschland in China und baS japanische Menetekel" von Otto Corbach, „Das liberale Baden auf ber Kippe" von Artur Böhtlingk, .Die Politik in Bayern" von Arbiter. „Die Liga für weltlichen Unterricht" von E. I. Walther.
— „Televho ngeheimniss e", bet blöde Schwank von 6ernt. Hausleiter unb Max Reimann, wurde bisher von ca. 40 Bühnen zur Aufführung angenommen. Er ist sogar für" die Bühnen Oesterreich-Ungarns lokalisiert worden und wurde in dieser Form Dem Raimund-Theater in Wien erworben.


