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24.2.1905 Zweites Blatt
 
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General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

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Redaktion, Expedition u. Druckerei: Schulstr. I. Tel. Nr. bl. Telegr^-Adr.i Anzeiger Gießen»

Die Hhealer- und Saalöaufrage in bet ^ersamm-ung des ZZürgervereins.

Gießen, 24. Februar.

Galizien und Preußen.

In der letzten Sitzung deS Wiener Polenklubs fragte Her Abg. Petelenz den Oblnann Grafen DzieduSzycki, ob ihm bekannt fei, daß der Minister v. Rheinbaben am 20. d§. im preußischen Abgeordnetenhause sich in sehr abfälliger Weise über die Verhältnisse in Galizien geäußert habe. Der Obmann erwiderte, die Aeußerungen des Ministers seien ihm bekannt. Das Exekutivkomitee habe sich eingehend mit der Frage beschäftigt und sich sofort an die kompetente Stelle des Ministeriums des Aeußeren gewandt. Graf G o l u - chowsky habe den österreichischen Botschafter in Berlin tele­graphisch beauftragt, wegen dieser Aeußerungen Vor­stellungen zu erheben, mit der Begründung, daß man sich in Oesterreich immer streng bemüht habe, eine parlamentarische Diskussion in Preußen zu verhindern.

In der Sitzung vom 20. Februar hat der Minister Frhr. v. Rheinbaben beim Etat des Finanzministeriums im preußischen Abgevrdnetenhause gesagt:

Dann hat Herr von Ezarlinski gesagt, was in anderen Landen als Unkultur bezeichnet würde, das rechneten wir uns als großes Verdienst an. Ick würde Sie einmal bitten, das Augen­merk auf die Zustände in Galizien zu richten, auf das ganze Ver­fahren, das die Polen in Galizien üben. Lesen Sie die r-uthenffchen Schriftsteller; da können Sie ein Bild bekommen von den idealen Zuständen, die eine polnische Wirtschaft herbeifül-rt! Lesen Sie dieses Maß von Bedrückung der kleinbäuerlichen ruthenischen Bevölkerung, den ExoduS des ruchenischen Stu­denten aus Lemberg, weil sie es unter der polnischen Herrschaft nicht mehr aushalten konnten! Und dann, meine Herren von der polnischen Seite, seien Sie etwas be- scheidener in Ihren ^»rwürfen, daß wir Sie unterdrücken!"

Die gestrige erste Versammlung des Bürgervereins hat ... der für die'Stadt so wichtigen Frage Aufklärung auch in die Kreise gebracht, die dem Theater- und Saalbaukomitee fernstehen und im Interesse der durch den bevorstenden Abschluß der Geldersammlungen nahegerückten Entscheidung eine öffentliche Aussprache gewünscht haben.

Der Vorsitzende der Bürgervereins, Lehrer Valentin Müller, begrüßte die zahlreich Erschienenen, insbesondere auch die Nichtmitglieder des Bürgervereins. Er konstatierte, daß es sich nicht um eine Stellungnahme des Vereins handle, sondern um eine sachliche Aussprache, in der jeder seine Meinung für oder wider das eine oder das andere Projekt äußern könne. Es. werde niemand im Auftrage des Bürger- vereins, sondern alle Redner würden nur ihre eigene Meinung zu äußern haben. Zunächst erteilte er Prof. Dr. Fromme

DaMische Tagesschau.

Kaiserliche Auszeichnungen.

Der Kaiser richtete an den Reichskanzler Grafen Bülow folgende Ka binettSordre:

»Mein lieber Graf Bülow! Nachdem ich aus Ihrer Meldung ersehen habe, daß die verfasiungsmäßige Genehmigung des Reichstages zu den neuen Handelsverträgen erfolgt ist, drängt es mich, Ihnen an diesem bedeutungsvollen Abschnitt des Vertragswertes meinen wärmsten Glückwunsch auszu­sprechen. Mit Ihnen hoffe ich zu Gott, daß die Verträge eine neue Kräftigung der deutschen Volkswirtschaft und ein neues Band friedlichen W e t t st r e i t e s zwischen dem Deutschen Reiche und den uns befreundeten Ländern schaffen werden, die sich bereit erklärt haben, auf der durch sorgfälttge Ab- wägrmg der beiderseitigen Interessen gewonnenen Grundlage mit uns ihre Handelsbeziehungen zu regeln. Gern und freudig erkenne ich cm, daß es vornehmlich das V e r d i en st I hr er st a a t s - männischen Kunst und Ihrer zielbewußten Lettung der Ver­handlungen gewesen ist, daß dieser schöne Ersolg trotz allen eut- aeqenstehenden Schwierigkeiten erreicht worden ist. Ihnen ge­bührt daher in erster Linie mein Dank. Indem ich Ihnen denselben hiermit pon ganzem Herzen ausspreche, bitte ich Sie zugleich, als äußeres Zeichen meiner Anerkermung und meines Wohlwollens meine Büste in Marmor freundlichst anzu­nehmen, welche Ihnen demnächst zugehen wird. Ihrer treuen Dienste allezeit eingedenk, verbleibe ich Ihr dankbarer Kaiser und König (gezeichnet) Wilhelm I. R. Berlin, Schloß, den 22. Februar 1905.

Der Kaiser verlieh ferner dem Grasen PosadowSky öen Schwarzen Adlerorden, dem Minister v. Pod- bielski das Großkreuz des Roten Aderordens und ernannte den Frhrn. v. Richth ofen zum Staats Minister und Mitglied des preußischen Staatsministeriums.

Also doch nicht Fürst Bülow! Bülow erhält immer­hin durch das kaiserliche Handschreiben den Hauptanteil an dem Zustandekommen der Handelsverträge zugewiesen. Nach der Erkundigung unseres Berliner L.-Mitarbeiters trifft es zu, daß der Kanzler den Kaiser gebeten hat, von der Ver­leihung der Fürstenwürde zur Zeit Abstand zu nehmen. Bülow mag mehr als Diplomat geleistet haben für den Er­folg; die Riesen-Arbeit, das ganze Vertragswerk bis ins Einzelne sich zu eigen zu machen, die Unterhändler zu in­struieren, die Forderungen der Vertragsstaaten zu prüfen, den Zolltarif vor dem Reichstage zu verteidigen, das alles hat dem Grafen PosadowSkv obgelegen. Und mft glühendem Eifer, »rote ein Löwe*, hat sich der Minister v. Podbielski der Landwirtschaft angenommen. Weniger erkennbar für die Oeffentlichkeit sind die Verdienste des Frhrn. v. Richthosen utr die Handelsverträge.

das Wort.

Dieser erklärte, daß er die Gelegenheit freudig benütze, vor einer öffentlichen Versammlung das darzulegen, was er seither bei seinen Besuchen im Interesse der Sammlungen oft habe wiederholen müssen. Er wolle, so erklärte er, zunächst nur über das Theater und die Theaterbaufrage sprechen und einleitend einen kurzen Ueberblick über die Ge­schichte des ganzen Unternehmens geben. Die ersten Be­mühungen reichen 25 Jahre zurück; schon damals hatte man den Wunsch nach einem würdigen Theater, das schon damals im Leib'schen Saale seine Heimstätte hatte. 1891 bildete sich ein Komitee, das als Bauplatz den Schüler'schen Garten ins Auge faßte, der auch in Aussicht genommen werden konnte. Im Mai 1901 bildete sich wiederum ein Komitee, dessen Arbeiten fruchtlos verliefen. Im Winter 1902/03 kam dann die Thcatcruniow mit Bad - Nauheim und Marburg zu­stande, was einen guten Schritt vorwärts in der

Krieg und Iriedeu.

Japan hofft, eine neue Flotte von Torped'o- Footszerstörern innerhalb eines Jahres fertigM-^ stellen. Jedes Schiff soll 380. Tonnen groß sein und eine Ge- fchwind-rgkeit von 29 Knoten, sowie die gebräuchliche Bestückung haben. Zehn neuerdings gebaute Torpedoboote werden jetzt in Dienst gestellt.

In Petersburg taperen ernste Gerüchte, wonach eme starke japanische Kolonne bis in den Rücken der Russen vorgedrungen sei und gegenwärtig eine günstige Lage an der Effenknrhnlinie besetzt halte. Andererseits heißt es, daß ein ernster Kampf auf dem wMschen linken Flügel bevorstehe. Die russische linke Flanke wird durch einen japanischen Offensivstoß bei Sinmmting ernstlich bedroht. Tie Genevalstabsoffizrere er­klärten, von Kuropatkin seit 25 Stunden keine Nachricht erhalten M haben. .

Tie japanncheN Staatsfonds sind dieser Tage an der Londoner Börse Zug um Zug gestiegen. Allgemein N^rd dort diese Kursbesserung als Vorbote eines Frie­densschlusses gedeutet. Man sagt sich: England habe zuerst den Ausbruch des Krieges als unvermeidlich angesehen, folglich werde man auch jetzt dort das richtige Gefühl für die Friedens- ^uMchten haben. Tie 4 Prozent japanische Anleihe ist von 84 bis 86 gestiegen. Während mm die Japaner in die Höhe gingen, gingen die russischen Werte offensichtlich 'zurück. Es wird dies damit begründet, daß Rußland eine jedenfalls recht schwer ins Gewicht fallende Kriegsenffchädigung zu zahlen haben wird, was natürlich unfehlbar zu einer neuen russi­schen Anleihe.führen müß. Ter Rückgang der 4Proz. Russen von 1888 betrug 1.10 Proz., der jetzige der Staatsrente von 1894 1 Pwz. Ob es nun tatsächlich in nächster Zeit zum Frieden kommen wird, steht nun lange noch nicht feit. Aber die Böpse ist nun einmal der sicheren Ueberzeugung, daß cs sich

Theaterbausrage bedeutete. Im Füll 1903 beschloß die Generalversammlung des Theatervereins, einen Neubau ausschließlich für Theaterzwecke ins Auge zu saffen. Ende Juli 1903 trat dann das jetzige Komitee, das sich auch aus Angehörigen des Konzertvereins zusammensetzt, ins Leben und bildete die bekannten Unterkomitees. So entstand da§ Dülfer- sehe Gesamtprojekt Theater- und Saalbau, dessen Kosten Vielen zu hoch erschienen, so daß vielfach die Ueberzeugung Platz griff, man werde vielleicht nur einem Teilprojekt ernst- lich näher treten können. Zunächst hieß es, möglichst viel Geld zu sammeln, um an die Stadt heranzutreten zu können, die dann mit einer Zulage den Bau errichten sollte. Am 1. März d. Is. soll ein vorläufiger Abschluß der Samm­lungen stattfinden, und man gedenkt, die gesammelte Summe der Stadt anzubieten, die dann das Projekt in Angriff nehmen soll. Ueber die zu schaffende Verwaltung des Instituts ist bisher noch nichts geplant worden. Vielleicht werden da­bei den Spendern gewisse Vorrechte eingeräumt werden.

Prof. Dr. Fromme setzte die Gründe auseinander, die für die Errichtung eines Theaters sprechen. Man will vor allem unabhängig vom Besitzer des Lokals werden und sich dem bisherigen Mißstande entziehen, daß der Saal zu mancherlei Zwecken benutzt wird, die den Theateraufführungen hindernd im Wege stehen und sie öfter einschränken. Ferner drängen die bekannten, augenfälligen Mängel des seitherigen Lokals zu einem Neubau. Die Vorteile des Neubaues werden sich in der Zusammensetzung des Schauspielpersonals äußern und in der günstigen Wirkung auf den Besuch. Auch die städtischen Steuerverhältnisse werden durch den Zuzug steuer- kräftiger Leute gehoben werden; die Universität wird größere Anziehungskraft bekommen. Auch der Vorteil für die hiesigen Geschäfte wird nicht gering anzuschlagen sein. Man wird einmal wöchentlich eine Fremdenvorstellung veranstalten können und erhält die Möglichkeit, auch eine kurze Opernsaison em» zurichten.

Die Zeichnungen Huben, so fuhr Prof. Frvvuntz fort, ein überraschend günstiges Resultat gehabt. Bis Sams­tag den 18. d. M waren 317 Scheine gesammelt. Für daA Theater haben 295 Zeichner, teils sofort, teils in 2. ©teile, gespendet, für den Saalbau zeichneten 17 Leute (mit 18775 Mk.), für Theater oder Saalbau 15 Leute. Mso. 18775 Mr. stehen für den Tl)eatervau nicht zur Ver­fügung. Für das ganze Projekt sind danach 3224 25 Mark gezeichnet, für das Theatelr329245M'k., für den Saalbau 40325, resp. 187 75 M k.

Im einzelnen setzen sich! die Spenden folgendermaßen! zusammen: 2 Herren Haben je 50 000 Mk. gezeichnet; weitere 100 000 Mk. sind von 6 Personen zusammengebracht worden; wiederum 100 000 Mk. sind von 53 Personen aufgebracht wurden und der Rest von 256 Personen. Prof. Dr. Fromme hofft, daß beim A b s chl u ß der S a m m l u n g die Gesaunt' Zeichnungen für das Theater ca. 3 5000 0 bis 360000 Mark betragen werden. Es sei ccksv noch nicht ausgeschlossen, daß man ohne städtischen. Zuschuß das Theater werde erbauen körrnesrr und daß die Stadt dann nur für die U n t e r hal t u n g werde aufzukommen brauchen.

Nach Pros. Dr. Fromme sprach Prof. Dr. Krüger. Er griff auf einen imGieß. Anz." kürzlich erschienenen Ar­tikel zurück, der aus Professoren kreisen stamme, worin eine Stelle Verwunderung und Mißstimmung in der Bürger­schaft hervorgerufen habe. Es sei der unglückliche Satz ge­wesen, daß die Professoren eigentlich der Theater- und Saalbaufrage weniger nah gegenüberständeir, da sie meist bei günstiger Gelegenheit Gießen wieder verlassen wür­den. Hiergegen muffe er Einspruch erheben. Die Dozenten! der Universität hatten alle als Gießener, die ein Np ihre Stadt haben, gezeichnet und er hoffe, daß auch die übrigen Bürger bei den Zeichnungen ihr Interesse für das Aufblühen Gießens bewerfen würden. Was nun Prof. Dr. Fromme gesagt und gefordert habe, sei notwendig. Es gebe hier in Gießen keinen Menschen, der von der Untauglich- keit des jetzigen Theatersokals nicht überzeugt sei. Gewiß brauche man ein neues Theater. Wir schreien aber.auch nach einem Saalbair, denn für unsere Konzerte reichen! rmfere hiesigen Säle ebenfalls in keiner Weise aus. Das Beoürfnis ist vorharrderr. Wieviel Leute, auch aus nicht reich» begüterten Kreisen würden noch konmreu, wenn wir ein geeignetes Konzertlokal hätten. Man sagt zwar, daß man gute Konzerte auch> im Theater veranstalten^ könne.. Wer alle Sachverständigen haben sich dahin ausge­sprochen, daß dies keineguten" Konzerte sein fifanten. Und jetzt haben wir die Gelegenheit, das' Gesrnntprojekt.durch­zuführen, wenn es jetzt nicht geschieht, wird man die Ge­legenheit für immer verpaßt haben. Wenn mcur die jetzt gesammelte Summe ftüher gehabt hätte, so wäre man früher der Meinnng gewesen, daß sie zur 'Durchsührungl des GesamtproMes genüge. Dabei könne man bleiben und erst wenn die Stadtverordneten glauben, das Gesamt- Projekt nicht verantworten zu können, möge man diesen! Plan ruhen lassen.

Stadtv. H a u b a chj antwortet dem Vorredner, daß auch er einen Saalban wünschte, wenn er die Stadt nicht er­heblich mehr belasten würde. Weil er dies aber fürchte, sei er Gegner des Saalbaues geworden. Die Stadt befinde sich nicht in der finanziellen Lage, mit großen Summen, für ein derartiges Institut auszukommen. Die für das Gesamtprojekt schenkungsweise etwa nötige Summe von wenigstens 700 000 Mark werde sicher nicht aufgebracht werdew Und ein Saakbau! sei nicht rentabel, sondenr belaste die Stadt. Es sei nicht einmal wünschenswert, daß sich ein Saalbau durch die Bewirtschaftung genügend verzinse, denn er müßte bannt so außerordentlich viel an sich reißen, daß alle anberenf Wirte in ihrer Existenz geschädigt mürben. Vorträge und Konzerte könne man sehr gut auch ün Theater halten. Er liabe am Bußtag in Berlin die Erfahrung gemacht, daß man auch in den Theatern sehr gute Konzerte hören könne, da man die Bühne auch 311 einem vorzüglichen Konzert-

mrr um eine Frage der allernächsten Zeit handeln kann. Sie stützt sich u. a. darauf, daß in engliscken Blättern ber"its genaue Angaben über die von Japan gestellten Friedensbedingungen enthalten sind. Auch heißt es, daß Rußland, mit den haupt­sächlichsten Friedensbedingungen einverstanden sein soll, es sträube sich nur rwch gegen die Kriegsentschädigung. Auch die inneren russischen Verhältnisse verlangen gebieterisch nach Frieden. Die maßgebendsten Persönlichkeiten sind entschieden dafür, daß j)ie Kriegsoperationen in der Mandschurei auf gegeben werden. Die russische Heeresleitung auf den Kriegsschauplätzen zu Lande und zur See habe sich bis jetzt gerade genug blamiert: es sei durch­aus nicht mrgezeigt, daß sie zu ben seitherigen Großtaten noch neue füge. .

Der Par-ser Korrespondent eines Brüsseler Blattes hat über die Friedenswage Erkundigungen eingezogen, aus denen hervor­geht, 'daß Teleasstz die russische Regierung Über die Friedens- fvage sondiert hat. Tie Antwort der russischen Negierungstasse , keinen Zweifel über die friedlichen Tisvositionen der rnsüscherr Regierung. Sie möchte aber nock einige Zeit verstreichen lassen in der Hoffnung, daß es den russischen Truppen in der Mandschurei gelingen wird, einen Sieg, wenn auch nur einen kleinen, zu er­ringen, der der russischen Regierung gestatten würde, einen ehren­vollen Frieren abzuschließen.

Der römisch-katholiiche Mettopolit von Mohilew ordnete an, daß in allen römffch-katholischen Kirchen Rußlands Gebete für baldige Beendigung des Krieges äbgehalten toerben sollen.

Der schlimmste Aeind des Aauernstandes.

Aus unserem Leserkreise geht uns von geschätzter Seite eine Zuschrift zu, die wir nachstehend im wesentlichen wieder- geben:

Auf dem Lande ist die Uneinigkeit der kleineren Landwirte untereinander überall das Hinder­nis jedes Fortschrittes. Ta rvird irgendwo eine neue Eisenbahn gebaut. Zwei Ortschaften sollen eine geineinsame Station bekommen: aber keine will nackqeben, jede möchte sie am nächsten baben. Sie können sich nicht einigen. So giebt cS über­haupt keine Station. Damit ja nicht eine Gemeinde einen Vorteil bekommt, haben beide das Rachseben und den Schaden. Es gibt eben heute noch mancher gern ein Auge darum, wenn dadurch der andere seines verliert! Da wird eine Molkerei gegründet, die zweifellos allen Beteiligten Vorteil bringen wird. Sie kann aber nur an einem Platze gebaut werden, darum ist das e i n e Dorf neidisch darauf, daß die Einrichtung nicht feinen Namen trägt. Jedes geht seinen eigenen Weg und läßt sich lieber nach dem ge­wohnten Schlendrian die Milch von einem dritten abrabinen und damit den Vorteil abscköpfen. Man gibt zu, daß es anders für den Einzelnen vorteilhafter wäre, aber dieKirchturmspolitik bringt solche Erkenntnis zum Schweigen. Am drttten Orte war dre Bürgermeisterwahl nicht nach dem Willen aller Beteiligten ausgefallen. Die Unterliegenden sind durch ihre Niederlage un­zufrieden geworden. Ver jeder Angelegenheit der Gemeinde kommt die Uneinigkeit zum Ausdruck, bet der nächsten Reichstags- wähl wählen die Unzufriedenen einen Sozial­demokraten, der doch nach seinem ganzen Programm den Untergärig des selbständigen Bauern st andes h e r b e i f ü h'r e n will. Muß man da nicht an das Sprichwort denken, das zwar etwas grob, aber verständlich sagt: Nur die aderö*- Kälber wählen ihre Metzger selber l?

Der größte Feind des Bauernstandes ist die Uneinigkeit. Wann wird man lernen, sie aufzugeben? Was hat der Industrie, was hat der Sozialdemokratie 51t der heutigen Machtstellung verholien? Doch nur ihr geschloffenes Zusammen- sleheli. Sie haben eine feste Vertretung, die jederzeit ihre Stimme laut erhebt. Muß die Notlage, in der wir uns befinden, erst noch größer werden, bis man die Notwendigkeit einsehen lernt, einig zu werden? Heutzutage sammelt jeder Stand seine Angehörigen und dadurch wird auch 'etwas erreicht. Nur der Bauernstand legt in seiner großen Alehrheit immer noch die Hände in den Schoß und wartet und hofft. Und wenn etwas komint, was gar nicht gefällt, so murrt er wohl eine Zeit lang, aber die Uneinigkeit und das Mißtrauen bleibt. Ist man schon so weit, daß man denkt, dem Bauer ist doch nicht mehr zu Helsen'? Das wäre der Anfang vom Ende. Dem B a u e r n st a n d als der natürlichen G r u n d - tage eines gesunden Staatswesens gebührt auch ein Platz an derSonne; er kann ihn nur erreichen und be­haupten, wenn er seine Kraft nicht in Uneinigkeit zersplittert. Er hat viele Feinde, der größte und ihm am nächsten stehende ist ferne eigene Uneinigkeit; sie schwächt und lähmt, aber Einigkeit macht st a r k. L.

Nr. 47 Zweites 155. Jahr gang Freitag 24. Februar 18NF

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