Ausgabe 
23.3.1905 Zweites Blatt
 
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Z>er Krie».

In Rußland betrachtet man den Entschluß Kuropat- °kins, unter seinem b'sherrgen Untergebenen zu dienen, als einen Beweis von ganz besonderer Charakterstärke, und es mag wohl sein, daß der geschlagene Feldherr von dem Wunsche beseelt ist, durch Leistungen an untergeordneter Stelle wenigstens zum Teil das wieder gut zu machen, was er als Oberseldherr versehen hat. Aber ob das Zusammen­wirken Linewitschs mit' seinem früheren Vorgesetzten sich ersprießlich gestalten wird, ist zweifelhaft.

Aus Guntschuling meldet Reuter: Kuropatkin war, da er glaubte, daß die Armee außer Gefahr ist, am 19. März nach Charbin gegangen. Aber da beschlossen wurde, daß er Kommandierender der ersten Armee bleiben solle, kehrte er zurück. Es wurden ihm große Ovationen dargebracht. Kuropatkin hielt eine kurze Ansprache, in der er die Hoffnung ausdrückte, daß die Armee bald imstande sein werde, die erlittenen Schicksalsschläge wieder gut zu machen. Rach vier Tagen Rübe in Tieling wurde das russische Heer wieder geordnet und setzte seinen Marsch regelrecht fort. Der japa­nischen Verfolgung fehlt es an Kraft und Eifer. T '

Aus Sypingai drahtet die Peters. Telegr.-Ag.: Kein ausländischer Militärattachee ist während des Rückzuges von Mulden in japanische Gefangen­schaft geraten. Sie befinden sich alle in Gunjuling. Die er ft e Armee fyat kein Geschütz und keine Stell­ung verloren, dagegen sieben japanische Re- volverkanonen erbeutet und 400 Gefangene gemacht. Die Soldaten sind erbittert über den ständigen Rückzug und bedauern, auf Befehl Stellungen aufgeben zu müssen, welche die Japaner nicht nehmen'konnten. Ter Rückzug geschieht auf parallelen und früher durch die russischen Truppen vorbereiteten Berg­straßen in voller Ordnung.

Reuter meldet aus Tokio, oie russische Nachhut /tehe 20 Meilen nördlich von Kaijuan. Die japanische Vorhut war ihr am 21. d. M. dicht auf den Fersen.. Die Russen ziehen sich auf drei Hauptstraßen nach Kirin und Tschangtschun zurück.

Linewitsch meldet unter dem 21. März: Gestern erschienen vor unseren Vorposten kleine feindliche Ka­vallerieabteilungen, hinter denen Infanterie vorrückte. Letztere machte bei dem Dorfe Machantai Hält.

Aus Charbin wird aus privater Quelle berichtet, daß starke Chungusen -Abteilungen, welche von japani­schen Offizieren befehligt werden, gegenwärtig an der mongolischen Grenze in der Nähe von Zizikar, einem Punkte der sibirischen Eisenbalm, operieren.^ Man befurchtet, daß die Eisenbahnlinie durch die Banden zerstört werden könnte, wodurch der russischen Heeresleitung die größten Schwierigkeiten erwachsen würden. In Charbin herrscht bereits, wie es heißt, Hungers­not, da die Vorräte an Mehl und Weizen völlig^ aufgebraucht sind. Der größte Teil von Vorräten dieser Art, ist bereits vor Lwei Monaten nach Mukden transportiert worden.

Alle Tage liegen andere Meldungen über eine, bevorstehende japanische Ausländsanleihe vor. Am Dienstag abend wurde noch aus Hamburg gemeldet, daß eine deutsche Beteilig­ung überhaupt fraglich geworden sei, und am Tage darauf wieder berichtet, daß eine internationale 5 proz. Anleihe als wahr­scheinlich bezeichnet und daß das asiatische Syndikat deutscher­seits an der Transaktion teilnehme. Aus diesem Syndikat sind die Mitglieder des Rufscnkonsortiums, also die Firmen Mendels­sohn, Warschauer und Vleichrödcr, ferner die Diskonto-Gesell- schaft und die Handels-Gesellschaft ausgetreten. Andere Firmen

dagegen hsnzugetretei^

Wir glauben an dw Sache nicht eher, als bis die Meldung kommt, daß die Anleih' bestimmt abgeschlossen ist und dann werden wir nicht verfehlen, unser Bedauern auszusprechen, daß deutsches Geld nach Japan ^-nrmt. Wir standen auch der letzten Russenanleihe nicht freundlich gegenüber. Der lebhafteste Ver­kehr in japanischen Anleihen ist am Londoner Markt. Es dürfte dah»r wohl interessieren, einen Blick auf die Kursbewegung zu

.werfen. Es notierten:

ult. Januar ult. Febr. 15. März

5 pCt. Japaner von 1895 96 99.25 100.75 100.75

4 , 1899 85.50 88. 87.25

5 , 1901/02 100.50 98 38 97.75

6 v 1904 104 105.25 105.25

6 neueste 101.75 102.75 101.25

Ein Brief des Tokioer Berichterstatters derTimes

führt unter Angabe vieler japanischer Preßstimmen aus, daß Japan nicht nur entschlossen sei, das englisch-japia- Nische Bündnis fortzusetzen, sondern daß von ein­flußreicher Seite dort die Erweiterung dieses Ver­hältnisses zu einer unbedingten Offensiv- und T e f e n s i v - Alli a nz nach dem Muster des russisch-fran­zösischen Bündnisses gewünscht werde. TieTimes" be­spricht diesen Gedanken, der allerdings noch der Erwägung bedürfe, sehr sympathisch.

Japan gedenkt, aus den Legationen in Paris, Berlin und London Botschaften zu machen. Vom englischen Kabinett liegt, wie es heißt, schon die Einwilligung zur richtung einer britCckwn BvUcball in Tokio vor.

^eut'ches Neich.

Berlin, 22. März. Der Kaiser verlieh der Kaiserin die Insignien des Johanniterordens für Souveräne.

Anläßlich des Heimgangs des Staatsininisters Frei­herr v. Hämmerst ein sind seiner Familie Beileidskund­gebungen in großer Fülle zugegangen. An der Spitze steht folgendes Telegramm des Kaisers an den ältesten Cohn, den Oberleutnant Frbr. v. Hammerstein:

Tief bewegt durch Ihre soeben erhaltene Meldung von dem Ableben Ihres Herrn Paters spreche ich Ihnen und den Ihrigen meine wärmste Teilnahme aus. Ich vertiere in dem Entschlafenen einen treu bewährten Berater, der allzu früh aus seiner ersprieß­lichen Tätigkeit abberuwn wnrde und der dem Vaterlande große Tienste zu leisten berufen war. Gott tröste Sie und die Ihrigen.

Wilhelm R."

Der frühere sozialdemokr. Abg. Antrick, der wegen /inerEheirrung" sein Stadtverordnetenmandat nieder- legen sollte, hat seit dem 5. Januar auf unbestimmte Zeit Urlaub angemeldet und befindet sich, wie derVorwärts" mitteilt, seit mehreren Wochgn in einer Nervenheil­anstalt.

Kiel, 22. März. Der Provinziallandtag der Provinz Schleswig-Holstein beschloß, dem Kronprinzen und seiner Brallt zur Vermählung ein H o ch z e i t s g e s ch e n k zu widmen. Zum bleibenden Gedächtnis an die im nächsten Jahre statt­findende Feier der silbernen Hochzeit des Kaiser­paares bewilligte der Provinziallandlag außerdem 10 0 0 0 0 Piark zur Errichtung einer Stiftung zur Versorgung aus Kündigung und ohne Pensionsberechtigung von in Provinzial­diensten stehenden Personen uni) deren Hinterbliebenen.

Cuxhaven, 22. März. Der Kaiser ist nut dem Prinzen Heinrich um 91/* Uhr aus dem Hafenbahnhof ein- getrofsen. Ter Kai'er begab sich sofort zu dem am Stern- ko pf liegenden PaketfahrtdampferHamburg". Das Wetter

war tagsüber prachtvoll. Es weht eine lebhafte Brise.

Essen (Ruhr), 22. März. Hier verlautet, daß als Folge des Bergarbeiterausstandes ein Königliches Polizei­präsidium nach Essen käme. Es bestehe die Absicht, für den rheinisch-westfälischen Jndustriebezirk die städtische Po­lizei zu verstaatlichen, nach dem Muster anderer großer Städte.

Stuttgart, 22. März. Der König hat dem Grafen Posadowsky das Großkreuz des Kronenordens verliehen.

Auf den früheren Beschluß der Abgeordnetenkammer zu Gunsten der Schaffung einer korporativen Arbeiter- Vertretung hat die Regierung den Ständen nunmehr eine Antwort dahin übermittelt, daß die Regelung des Gegen­standes in naher Zeit durch das Reich in Aussicht zu nehmen ist.

Tie kommende Tabakernte auf Kuba.

lieber die Aussichten für die kommende Tabakernte entnehmen wir einem Berichte des Habanahauses Max Oettinger in Basel:

Ein abschließendes Urteil über den Ausfall der diesjährigen Tabakernte kann natürlich noch nicht gegeben werden, da noch viele Zufälligkeiten eintreten können; nach den bis jetzt einge­troffenen Berichten vom Lande, und nach eigener Besichtigung an Ort und Stelle kann aber das Urteil wie folgt zusammen­gestellt werden:

In den Tiefland-Distrikten der Vuelta Abajo konnten die Auspflanzungen frühzeitig bei günstiger Witterung erfolgen, und da Setzlinge reichlich zu normalen Preisen vorhanden, waren, wurde ein bei weitem größeres Terrain angepflanzt als im Vor­jahre. Manche Pflanzer haben größere oder kleinere Teile ihrer Ländereien unter Zelten angepflanzt, um diese Art der Zucht auszuprobieren. Die Mehrzahl der Pflanzer aber hat ihre Felder durch Gazetuch eingefriedigt, d. h. große Felder durch Gazetuch in kleinere Parzellen eingeteilt, um so die Kraft des Windes abzufchwächen, unter der die Pflanzen sonst schwer zu leiden hatten. Dieses Verfahren hat anscheinend ein ,gutes. Resultat ergeben, indem man in diesem Jahre verhältnismäßig wenig zerrissene Blätter sieht, und verspricht auch das Ergebnis an Decken größer zu werden, als in früheren Jahren. Der Tabak konnte sich auf den Feldern bei guter Witterung rasch, ent­wickeln und ist heute bereits der größte Teil der Ernte in den Tiefland-Tistrikten geschnitten. Tas Schneiden des Tabaks selbst hat sich von Ende Dezember bis Anfangs Februar ausgedehnt, und war es nur wenigen Pflanzern möglich, die ganze Ernte bereits im Monat Januar einzubringen. Die Folge davon ist, daß derTemprano"-Teil der Ernte, von dem man die besten Deckerklassen erwartet, nur in einigen Gegenden groß ausgefallen ist, während in anderen Gegenden ein weniger günstiges Resultat erzielt wurde.

Indem nun Mitte und Ende Januar sporadisch weitere Niederschläge erfolgten, so dürfte auch der letzte Schnitt einen guten Teil Tabake ergeben, obgleich man einen guten Prozentsatz Decken aus diesem letzteren Schnitt nicht erwartet. Im all­gemeinen verspricht das Gesamtergebnis der Tiefland-Distrikte der Vuelta Abajo sich günstig zu gestalten, doch IDerben aus oben angeführten Gründen Helle, früh verarbeitungsfähige. Decken auch dieses Jahr in nur geringem Maße vorhmtden sein.

Im Gegensatz zum Tieflande hatten die Hochländer der Vuelta Abajo mit recht ungünstiger Witterung zu kämpfen. Die ersten Auspflanzungen hatten unter starken Niederschlägen zu leiden, so daß in einigen Gegenden eine zweite Anpflanzung von Setz­lingen erfolgen mußte.

Im Monat Dez-mber wurde das Wachstum der Pflanzen durch eintretende Kälte stark beeinträchtigt, so daß die Pflanzen im Wachstum zurückblieben, und der Schnitt erst jetzt vorgenom­men werden kann. Das Ergebnis der Ernte in den Hochland- Distrikten wird aller Wahrscheinlichkeit nach nicht groß sein, und wird auch das Resultat an Decken kleiner sein, als im Vorjahre.

In den Partido-Distrikten sind die Auspflanzungen etwas später erfolgt, doch wurde das Wachstum der Pflanzen durch gute Witterung begünstigt. Der Tabak ist in diesen Distrikten bereits zum größten Teil geschnitten und in den Trockenhäusern untergebracht worden. Man hofft hier auf eine normale Ernte mit einem guten Prozentsatz heller Decken."

Kunst und ZSislenfchaft.

Aus Frankfurt«. M., wird geschrieben: Nach mannig­fachen Verzögerungen kam das Gastspiel des Baritonisten Carl Leydström von Stockholm im hiesigen Opernhaus zustande. Ob der noch jugendliche Künstler ein vollgiltiger Ersatz für Dr. Pröll werden wird, der unsere Bühne verlassen wird, diese Frage möchten wir nach seinem Wotan offen lassen. Leydström bringt ein in den Mittellagen klangvolles Organ, Intelligenz und Empfindung mit. Doch schien die Stimme in der Höhe und den dramatischen Accenten den Anforderungen unseres Hauses keines­wegs gewachsen; ebenso wird sich der Sänger mannigfache Un- maniercn in der Vortragsart abgewöhnen müssen, wobei man allerdings fein Ausländertum zu berücksichtigen hat. Tonschön kam der Abschied Wotans zur Wiedergabe, das Beste in der Leistung des Gastes, dem unser Publikum im übrigen eine sehr freundliche Aufnahme zuteil werden ließ.

Die StuttgarterMorgenpost" veröffentlicht folgende Er­klärung:Die Intendanz des Hoftheaters hat gegen mein Wissen die Erstaufführung meinerM a r i a Friedhammer" in das Wilhelma-Theater verwiesen. Da ich mein von nahezu zwanzig größeren Bühnen aufgeführtes bezw. erworbenes Drama gerade in meiner Vaterstadt nicht als Premiere einer Nebenbühne ge­spielt sehen wollte, war ick> gezwungen, mein Stück zurückzu­ziehen. Heinrich L i'l i e n f e in."

In Ostende beabsichtigt man eine Bühne nachBay - r e u t h e r Muster zu gründen. Es beißt, das; das erforderliche Kapital 10, Millionen Frank betragen soll, von benen 700 000 Frank zusanuneng'ebracbt finb. Die Baupläne sind bereits fertig. An der Spitze dieses Unternehmens steht der berühmte Tenor Van Dyck.

Mniockstläls-Nachrlchtin.

Seinen 70. Geburtstag begeht am 25. d-s. der be­kannte Nationalökonom Geh. Regierungsrat Prof. Dr. jur. et ph.il. Adolf Wagner in Berlin. Als Sohn des Göttinger Physio­logen Rudolf Wagner, des Bekämpfers des krassen naturwissen­schaftlichen Materialismus usw.. 1835 in Erlangen geboren, er­hielt Wagner seine Ausbildung in Göttingen und Heidelberg und promovierte 1857 an der Georgia-Augusta zum Dr. Phil. Ein Jahr später folgte er einer Berufung als Professor an die neu begründete Handelsakademie in Wien, 1863 in derselben Eigen­schaft an die kaufmännische Fortbildungsanstalt in Hamburg. 1865 wurde er Professor an der damals noch völlig deutschen Universität in Dorpat und 1868 Ordinarius in Freiburg i. Br. Seit 1870 lehrt er in Berlin. Gleichzeitig wurde er Mitglied des Kgl. preuß. Statistischen Bureaus. In den Jahren bis zu seiner Berufung nach Berlin war cs in raster Linie dos Kredit-, Bank- und Währungswesen, dem er feine Aufmerksamkeit zu­wandte. In Freiburg kam in den Jahren 1870 bis 1873 das Werk ,,Tas System der deutschn Z ! bau' '' . s ' gebung" heraus. Ein Ergebnis von Wagners statistischen Studien war in Hamburg 1864 die SchriftTie Gesetzmäßigkeit in den scheinbar willkür­lichen Handlungen, besonders Selbem ud ti'ii'k". In den breiten Kreisen des deutschen Volkes wurde 1870 der Name Adolf Wagner allgemeiner bekannt, als er mit als erster gleich am Beginn des deutsch-französischen Krieges in einer Broschüre die unbedingte Notwendigkeit der Annexion Ncauncxwn, wie er es nennt Elsaß-Lothringens nack'wies. In seiner saechoiss.-nsst afllicki-schrist- stellerischen Tätigkeit ist seit ferner Niederlassung in Berlin eine zweite Periode in Wagners Wirken zu unterscheiden: die der großen zusammensassenden, systematischen Arbeit in seinem Buch. Seine Werke:Grundlegung der politischen Oekouomie" und Finanzwissenschaft" kann man wohl als Wagners hauptsächlichste wissenschaftliche Lebensarbeit betrachten. Wagner ist u. a. Ehren­doktor der Rechte der Universitäten Dublin uub Czernowitz.

München, 22. März. Die technische Hochschule verlieh dem Architekten Prosessor Gabriel v. Seidl die Würde-eines Ehrendoktors der technischen Wissenschaften.

Heidelberg, 19. März. Der hiesige Vrost Dr. Julius H a t s ch e k erhielt einen Ruf als Professor des Staatsrechts an. die Akademie in Posen und wird dem Stufe Folge leisten.

Der außerordentliche Professor an der Universität Leipzig, Dr. Rudolf Fick wurde zum ordentlichen Professor der Anatomie an der dentschen Universität Prag ernannt.

In Pest demonstrieren die katholilchen Studenten unh verlangen die Wiederanbrinqnng eines Kreuzes im Hörsaal unbi Errichtung eines Lehrstuhles für katbolifcbe Vbilofoobie.

(StridjtsiaaL

th. Gießen, 23. März. Gestern verhandelte das Kriegs­gericht in der alten Kaserne in zwei Fällen. Der Gerichtshof bestand ans Kriegsgerichtsrat Koch, Verbandlungsleiter, Major Heuer, Vorsitzender, Hauptmann Locrbroks, Oberleutnant v. Peus I. und Oberleutnant Seb old, Beisitzer. Die An­klagen vertrat Kriegsgerichts-rat O b e n a u e r. Verhandelt wurde gegen den Unteroffizier Sch. von der 7. Komp. 116. Jnf.-Regts. wegen Bestechung und Vergehens aus § 102 und 116 des Mil.--Str.-G., weil, er cs unternommen hat, Mißvergnügen in Beziehung aus den Dienst unter seinm Kameraden zu erregen und durch Mißbrauch seiner dienstlichen Stellung Untergebene zur Begehung einer mit Strafe bedrohten Handlung zu be­stimmen. Der Tatbestand war der folgende: Sch. hatte mit seinen Leuten, welche von allen Zügen der Kompagnie am schlech­testen sch offen, Dienst auf dem SÄießstcmd. , Kurz bevor dessen Zug an die Reihe kam, zu schießen, passierte etwas an, der Scheibe, und Sch. wurde vom Feldwebel beauftragt, dies wieder in Ordnung zu bringen. Hierbei soll er den Soldaten, welche auf dem Sch eiben stand die getroffenen Ringe anzuzeigen hatten, gesagt haben:Leute, bald kommt mein Zug dran, wenn die gut schießen, gebe ich euch einige Flaschen Bier, darum zeigt gut an." Sch. hat tatsächlich später 1 Mark für Bier ge­spendet. Die Zmgen können jedoch nicht sagen, ob der Unter­offizier verlangt hat, sie sollten mehr Ringe anzeigen, als tatsächlich getroffen wurden, sie versichern auch, richtig , ange­zeigt zu haben. Das schwere Vergehen des Sch. bestand in , den nachstehenden Vorgängern Er l>atte seinem Hauptmann einen Rekruten zur Bestrafung gemeldet, der über Z.ipfenftreich aus der Kaserne geblieben war. Dieser hatte den Mamr statt mit einer Arreststrase damit bestraft, daß er dem jungen Soldaten auf einige Zeit den Ausgang aus der Kaserne verbot. Der An­geklagte war über die Milde seines Kvmpagnie-Chefs ärgerlich und unterwarf in zwei Fällen dessen Handlungsweise einer ta­delnden Kritik. Er bemerkte dabei vor versammelter Mannschaft, Urlaubsüberschrcitung würde nicht mehr bestraft; die alten Leute seien gar keine Kerle, wenn sie sich nicht zusammentäten und gemeinsam Über den Zapfenstreich blieben; und wenn sie des­wegen bestraft werden sollten, könnten sie sich darauf berufen, daß der Hauptmann einen Kameraden wegen derselben Sache unbestraft gelassen habe. D.r Hauptmann habe sich was schönes cingcbrockt und könne nächstens seine Lanze an die Wand hängen. Ter Gerichtshof hielt nach Lage der Beweise eine Bestechung für nicht erwiesen, verurteilte aber den Angeklagten wegen, feiner Verfehlung gegen feinen Kompagnie - Chef zu einer sechs­monatigen Gefängnisstrafe und Llusstoßung aus dem Unteroffiziersstand. Ter weitere Fall richtete sich gegen bew Musketier P. von der 3. Komp, bes 116. Jnf.-Regts. Dieser, ein im Zivilleben schon mehrfach, darunter wiederholt wegen Dieb­stahls vorbestrafter Menfch, hatte sich der Unterschlagung schuldig gemacht, hatte sich unerlaubt von feiner Garnison Butzbach entfernt und war im Februar in Gießen aufgegriffen worden. Das Kriegsgericht erkannte gegen den Angeklagten auf vier Monate Gefängnis und Versetzung in die zweite Klasse des Soldatenktandes.

Kirche unb Kchvle.

Berlin, 22. März. Wie man dem B. T. aus theologischen Kreisen febreibt, hat der evangelische Oberkirchenrat in der Angelegenheit des Pastors D. Fischer von der Marlllskirche nun­mehr die Entscheidung gefällt, dre zu Gunsten d esD.Fischer ausgefallen ist._____________'

Arbeiterbewegung.

Bochum, 22. März. DieBergarbeiter-Ztg/ enthält einen nack den Erfahrungen des Ausstandes ausgearbelteten Statuten- entwurf für den alten (sozialdemokratischen) Verband. Be­sonders bemerkenswert ist die Neuregelung und wesentliche Er­höhung der Beiträge, die der Entwurf vorsieht. Der Bei­trag soll sich nach dem im Revier verdienten Durchschnittslohlr richten. Ter neue Entwurf sieht ferner für wichtige Angelegen­heiten eine Urabstimmung vor und ermächtigt den Vorstand, bei besonderen Veranlassungen Extrabeiträge zu erheben. Weiter bringt der Entwurf auch eine Neuregelung be§ Unter- st üzu n gs w e s e n s und eine neue Bezirkseinteilurg.

* Kleine Tageschrouik. In Nau mb u r g starb ein Geschwistervaar eines plötzlichen Todes. Die mit ihrem Bruder, bem Arzte Dr. Neibig zusainmenlebenbe Dame verschluckte sich beim Abendessen so, daß ihr der Bissen in die Lmtröhre geriet und fi.c erstickte Ihr Bruder regte sich über diesen Unglücksfall so auf, daß er einen Herzschlag erlitt und gleichmlls tot war.

Handel und Verkehr. Uolksmirlschafl.

Märkte.

th. Gießen, 22. März. Auf dem heutigen Gangvieh­markt war ein Vorrat von 120 S^ück Ochsen in durchschnittlich sehr guter Qualität aufgefahren. Zahlreiche Käufer waren aus dem benachbarten Preußen zu uns gekommen, so daß der Vorrat für den Bedarf nicht hinreichtc und nur zu hohen Preisen Tiere zu haben waren. Gehandelt wurden Ochsen pro Paar 1. Qual. 850900 Mk., 2. Qual. 750800 Mk., 3. Qual. 650 bis 700 Mark, junge zweijährige Fahrstiere 600660 Mark. Das Geschäft in Sckiweinen war weniger belebt. Die Preise für die Tiere waren höher als bei den letzten Markten. Ueberaus flau war der Absatz in Ferkeln, wogegen Einlegschweine begehrter waren. Es wurden verkauft jüngere Ferkel zu 3240 Mark, kräftigere Ferkel 4555 Mk., Springer 6070 Mk., Einleg- schweine 85125 Mk. pro Paar. Ferkel blieben stark über­ständig. Nächster Markt: 4. und 5. April; am zweiten Tage. auch Krämermarkt._______

Briefkasten der Uedaktian.

B. Nach § 13 der Grundsätze für die Be^echmg der Subaltern»- und Unterbeamtenstellcn bei den Reichs- und Staatsbehörden mit Dlilitäranwärtern vom 7 21. Mär, 1882 (Reichszentralblatt S. 123) sind die Mllitäranwärter um Bewerbung zu den von ihnen be­gehrten Stellen iniolangc berechtigt, bis sie eine etats mäßige Stelle erlangt und anactretcn haben, -mit welcher Anspruch oder Slussicht auf Ruhegehalt oder dauernde Unterstützung verblmden i-r. Hieraus ergibt sich, daß auch in den fragt. Fällen, wenn em Militäranwärtcr bereits eine Prüfung als Hilfsgerichtsschreiber abgelegt hat, aber noch nicht etatsmäßig angestellt ist, zur Be- werbmrg auch um eine Stelle bei der höheren Militärgerichts­barkeit berechtigt ist und, da bei der letzteren Behörde eine vorher­gehende in ormatorische Beschäftigung verlangt ivird, hierzu auch zugelassen iverden kann. Ob em Äiilltäranwärter, der sich noch int gkkiveu Militärdienst befindet, zu mebreien Behörden zum Vorbereitungsdienst fonimauDtevt werden kann, entscheidet von Fall zu Fall tue Militärbehörde. Jedenfalls ist die Zulassung zum Vorbereititngsdieilst bei m ebnere n Behörden angängig.

-Hintlidie Nachrichten über Viehseuchen.

Unter dem Schweinebestand des I. Franck zu Ockers­hausen, Kreis Marbttrg, ist ein Schwein an Rotlauf- seuche gefallen. Es ist Gehöftssperre angeordnet.