Ausgabe 
27.9.1905 Erstes Blatt
 
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Sitzung zusammentreten und die Beratung über die Ge-

fortsehen. Die Tagesordnung ent

meindesteuerreform

-Lich und Wetter

Beide Projekte be

talbahn Griedel-Bad-Nauheim.

26. Sept. Der Finanzausschuß wird am Freitag wieder zu einer

einstündigem, qualvollen Leiden den Geist auf. Zwei Mädchen' aus eurer Familie in der Morfelder Landstraße in Frank­furt a. M., welche am Sonntag giftige Pilze genossen hatten, er­krankten lebensgefährlich und wurden ins Krankenhaus geschafft, wo eines der Mädchen bereits gestorben ist. Wegen des FleischntaNgels hat auch eilte Firma in Friedberg die Errichtung eines Seefischmarktes beschlossen, der am Freitag eröffnet wird.

Ortsgerichtsvorsteher vorgenommen, so hätte er sich vor dem Schwur­gericht zu verantworten gehabt. Nach seinen Angaben hat er die­selbe als Bürgermeister vorgenommen; das Gegenteil konnte ihm nicht nachgewiesen werden, trotzdem die Schuldurkundenformulare für Beglaubigung durch den Ortsgerichtsvorsteher vorgesehen sind. Das Gericht hielt nicht blos die unter Anklage gestellte Urkun­denfälschung, sondern auch einen Be t r u g für erwiesen und e .kannte auf 2 Mon ate Gefängnis.

schließen können.

** Bahnprojekt Krünberg

RB. Darmstadt, der ersten Kammer

Gießener Strafkammer.

(n.) Gießen, 26. September.

Rückgang der Choleraepidemie.

Der preuß.Staatsanz." meldet: Vom 25. September bis 26. September mittags wurden im preußischen Staat keine choleraverdächtigen Erkrankungen oder Todesfälle an Cholera gemeldet. Nur wurde in Pom- merensdorf bei Stettin ein schon in Beobachtung befindliches Schifferkind als Bazillenträger erkannt. Die Gesamtzahl der Cholerafälle hat sich daher seit dem 25. September nicht ge­ändert und beträgt also 246, wovon 85 tödlich verliefen.

Dagegen wird von privater Seite folgendes gemeldet: In Brom berg ist die Bureauvorstehersfrau Wunsch choleraverdächtig erkrankt.

Ein obdachloser Landstreicher im Kreise Stuhm (Westpr.) ist choleraverdächtig erkrankt und in die Cholera­baracke in Pieskel eingeliefert worden. Bei der am 22. Sept, unter Choleraverdacht erkrankten Buhnenarbeiterfrau aus Boenhof (Kreis Stuhm) ist Cholera festgestellt.

Im GerichtSgefüngnis zu Thorn sind mehrere Frauen unter choleraverdächtigen Erscheinungen erkrankt.

Tagelöhner Johann Reis beging heute nacht ein scheußliches Verbrechen. Nach einem Streit mit seiner Frau ver­folgte er die mit ihrem vierjährigen Mädchen auf die Straße Flüchtende und schlug mit einer Axt auf beide ein. Schwerverletzt wurden die Frau und das Kind in§ Hospital gebracht. Der Täter scheint in einem Anfalle von Wahnsinn gehandelt zu haben.

** Kleine Mitteilungen ans Hessen und den Nachbarstaaten. In Fauerbach bei Ostheim war am 25. d. M. Bürgermeisterwahl. Da keiner der Kandidaten die erforderliche Stimmenmehrheit erhielt, so findet in 8 Tagen zwischen Landwirt G. Mücker und Beigeordneten M. Philipps Stichwahl statt. Einen schrecklichen Tod fand der in Oberts- baufen als Faselwärter tätige Josef Götz von dort. Ms der 43 Jahre alte Mann in den Stall trat, um einen als bös­willig bekannten Bullen los'i>binden, stellte sich letzterer sofort gegen ihn und drückte ihn, als er das Tier besänftigen wollte, mit dem Kopf derartig gegen die Wand, daß das eine Horn den Bedauernswerten förmlich durchbohrte. Der Aermste gab nach

Winkler au3 Oppenheim, als Kandidat gegenübergestcllt worden.

Erbgraf und Wäscherin. Zu dem Liebesroman des 23jährigen Erbgrafen Franz v. Erbach-Erbach, ein­ziger Sohn des regierenden Grafen v. Erbach-Erbach, der sich mit der Tochter einer Waschfrau aus Erbach i. O., zu der er in Liebe entbrannt war, in London heimlich vermählte, nimmt der junge gräfliche Ehemann jetzt selbst das Wott. Er teilt mit, daß seine Beziehungen zu seiner jetzigen Gattin tets die lautersten waren und daß er sich in allen Ehren mit ihr in London trauen ließ. Nach Deutschland sei er : urückgekchrt nicht aus Mangel an Mitteln, sondern weil der Zweck seiner Englandreise erfüllt war. ES könnte daher von einemSkandal" nicht die Rede sein.

w. Bad-Nauheim, 25. Sept. Heute fand hier die Wahl von 7 Stadtverordneten statt. Von 787 Wahl­berechtigten machten 553 von ihrem Stimmrecht Gebrauch. Eine Anzahl Stimmen waren zersplittert. Gewählt wurden: Friedrich Wilhelm Jakobi I. Schuhmachermeister, mit 379, Friedrich Wilhelm Stamm, Weißbindermeister, mit 364, Richard Wörner, Kaufmann, mit 356, Jakob Minder, Kaufmann, mit 343, Bernhard Fisch, Schreincrmeister, mit 309, Emil Rosenthal, Metzgermeister, mit 267 und Theodor Breidenbach, Landwirt, mit 211 Stimmen. Die beiden letzten sind auf 6 resp. 3 Jahre gewählt. Es entfielen ferner Stimmen auf Hotelbesitzer Aletter, Dr. Hahn, Jean Klinker­fuß, Philipp Heß, Wilhelm Wallmann und Konrad May. Heute wird Lehrer Müller i. P. unsere Stadt verlassen, um in seiner Geburtsstadt Friedberg Wohnung zu nehmen. Mehr als drei Jahrzehnte hat er an unserer Schule segens­reich gewirkt.

Alsfeld, 26. Sept. In der Stadtvorstands­sitzung vom 21. d. M. wurde vom Großh. Kreisgesundheits­amt Beschwerde über die schlechte Reinigung der Straßen, Kanäle, Dungstätten usw. geführt. Es sei nicht ausgeschlossen, daß die im Osten des Reiches herrschen­den Krankheiten, wie Cholera, Ruhr usw., auch nach Alsfeld verschleppt würden, und es sei deshalb an­gebracht, rechtzeitig Schutzvorkehrungcn zu treffen. Ein Antrag der Baukommission, der Gemeinderat möge beschließen, daß wegen Ausarbeitung eines Kanalprojckts für die gesamte Stadt Verhandlungen mit geeigneten Persönlichkeiten statt- finden, wurde angenommen. Die Aktienb rau crei Gießen beabsichtigt, an der Eifaer Chauffee einen Eiskeller zu errichten und bittet um Angabe der Baufluchtlinie. Der Gesuchstellerin wurde die Bauerlaubnis erteilt. (A. Z.)

schäftigten, wie man uns berichtet, am Sonntag in Butz­bach eine gemeinsame Versammlung der Vertreter und Bürgermeister der beteiligten Orte. Die Stadt Butzbach war durch Beigeordneten Flach und Brauereibesitzer Melchior vertreten. Die beiden Komitees beabsichtigen bezüglich der Projekte gemeinsam mit Lenz u. Co.-Berlin zu verhandeln, auch sollen die genannten Kleinbahnen mit der Strecke Lich- Butzbach eine gemeinsame Verwaltung erhalten. Die Wetter­talbahn soll von Griedel über Rockenberg, Oppershofen, Steinfurth und Wisselsheim nach Bad-Nauheim führen.

* Aus dem Wahlkreise Nierstein-Nieder- O lm. Im Wahlkreise Nierstein-Nieder-Olm ist dem Abg. Molthan von nationalliberaler Seite der Vorsitzende des Zweigvereins des Alldeutschen Verbandes, Rechtsanwalt Dr.

Aus Stadt und

Gießen, 27. September 1905.

Eine Renovierung der Anwaltszimmer ist in allen drei Etagen unseres Gerichtsgebaudes während der Ferien vorgenommen worden; wohl infolge der Kritik des Landtagsabgeordneten R e H-Alsfeld über das wenig komfortable Aussehen dieser Räume. Die Wände sind geschmackvoll und freundlich neu tapeziert, die Fußböden gestrichen worden, in jedem Anwaltzimmer ist aber außerdem noch eine ganze Reihe nummerierter verschließbarer Schrankfächer angebracht worden, so daß jeder Anwalt darin seine Robe, auch Bücher und Akten verschließen kann.

* Eine Einladung zum Abonnement für das Stadttheater ist der Stadtauflage unserer heutigen Nr. beigefügt. Theaterfreunde werden den Prospekt mit Interesse lesen.

** Bcsitzwechsel. Der Besitzer desRappen" .teilt uns mit, daß die Nachricht, das Anwesen sei verkauft, ver­früht ist. Augenblicklich sei ein Verkauf nicht abgeschlossen worden.

** Unterrichtskurse für erziehliche Hand­arbeit. Unter Hinweis auf den Inseratenteil unseres Blattes wollen wir auch an dieser Stelle darauf aufmerksam machen, daß nächsten Samstag im Schulhause Asterweg zwei Unter- richtskurse für erziehliche Handarbeit mit je dreistündiger wöchentlicher Unterrichtszeit eingerichtet werden. Der Unterricht erstreckt sich auf Papparbeiten, Kerbschnittarbeiten und Mo­dellieren in Ton. Zur Beteiligung können auch ältere Schüler zugelaffen werden.

** Vorn Stadtverordneten E. Krumm erhielten gvir folgendes Schreiben aus Lauterbach:

Bitte um Aufnahme folgender Berichtigung:

Es ist unwahr, daß ich in der Fleischnotdebatte gegen alle Anträge der Kommission gestimmt hätte; lediglich die Aufrecht­erhaltung des Oktrois habe ich bekämpft; für Versorgung mit Fischen und Oeffnung der Grenzen habe ich gestimmt, wie auch alle bürgerlichen Stadtverordneten.

Wir hatten in unsererPolitischen Wochenschau" in Nr. 225 bemerkt, daß Herr Krumm, ohne vernünftige Gegen­vorschläge zu machen, nur um des konsequenten Protestes gegen bürgerliche Maßnahmen willen, gegen die Anträge der Kommission protestiert habe; daß er dagegen gestimmt habe, war gar nicht behauptet worden! Will etwa Herr Krumm jetzt behaupten, daß diese Anträge, von denen er nur einzelnen zugestimmt hat, nachträglich seine Billigung gefunden haben? Gegen die Oeffnung der Grenzen und die Versorgung der städtischen Bevölkerung mit Fischen sich auszusprechen, hat sich Herr Krumm allerdings nicht ent»

Die Strafkammer publizierte das Urteil in der am vergangenen Dienstag verhandelten Sache gegen den Reisenden Jakob H. von Schmitten, welcher vom Schöffengericht wegen Betrugs verurteilt worden war, weil er unter falschen Angaben eine Anzahl der Kunden der Firma Wilhelm Zurbuch hier veranlaßt hatte, ihre Bestellungen bei der Frankfurter Farbenfabrik zu machen. Der beiderseitigen Be­rufung wurde teilweise stattgegeben und unter Aufhebung des Schösfengerichtsurteils K. von der Anklage des Betrugs bezw. Betrugsversuchs freigesprochen; dagegen wurde er wegen un­lauteren Wettbewerbs zu einer Geldstrafe von 20 Mk. verurteilt. Der Firma Zurbuch wurde die Befiiguis zugesprochen, die Verurteilung nach eingetretener Rechtskraft , auf Kosten des H. im Frankfurter Generalanzeiger zu veröffentlichen. Wegen Majestätsbeleidigung wurde der Privatier Hermann B. von Friedberg zu zwei Monaten Gefängnis verurteilt. Er befand ich in angetrunkenem Zustand in einer Wirtschaft zu Friedberg, wo man sich über die Käisermanöver unterhielt. Hierbei ließ er eine geringschätzende Aeußerung gegen S.. M. den deutschen Kaiser fallen. Das Gericht hielt die an sich schon ziemlich hohe Minimalstrafe für ausreichend, i.ijm es die Trunkenheit straf­mindernd berücksichtigte. Ter K. tscher Johann Heinrich M. aus Kilianstädten stand bei Fvau Meisinger in Bad-Nauheim! in Diensten. Gelegentlich des Uebepgangs des Hotels zum Euro­päischen Hof an den Hotelier Bopp aus Frankfurt entwendete er eine Reisedecke im Werte von 25 Mark und zwei Pferdedecken im Werte von 40 Mark, sowie Hafer, Häcksel und Dickwurz. Bei dem Fortschaffen der letztgenannten Sachen er abgefaßt. Den Besitz der Decken leugnete er, bis sie bei ihm gefunden wurden. Er wurde dies Diebstahls in vier Fällen für schuldig befunden und unter Einbeziehung der am 12. d. M. vom nämlichen Gericht wegen Diebstahls und Hehlerei erkannten Strafe von, einem Jahr und 3 Monaten zu einer Gesamtstrafe von einem Jahr und 9 Monaten Gefängnis verurteilt. Wie bei der letzten Ab­urteilung wurde auch hier seine geistige Minderwertigkeit _ imti Willensschwäche strafmindernd in Erwägung gezogen. Anläßlich des Kirchweihfestes zu Mün.zenberg geriet der Schneidergeselle Karl I. dorten mit dem Landwirt Heinrich B. in Streit, in deffen Verlauf er ihm acht Verletzungen mit einem Messer am Kopfe beibrachte. Die Verletzungen waren zwar nicht erheblich, doch war B. einige Tage bettlägerig. Später rühmte sich I. noch einer Tat in einer Wirtschaft; in der Verhandlung berief er sich aber auf Notwehr. Es wurde zwar festgestellt, daß beide die Wirtschaft verließen, um sich gegenseitig zu schlagen, doch konnte nach Lage der Umstände Noiwehr nicht angenommen, werden. Es wurde eine Gefängnisstrafe von acht Monaten für entsprechend erachtet, indem hervvrgehobcn wurde, daß es nicht das Verdienst des Angeklagten sei, daß nicht größere Verletzungen entstanden sind. Der ganze Befund deute darauf, daß auf den Verletzten blind­lings losgestochen wurde. Drei 2024jährige Burschen, Schreiner Paul W., Knecht Wilhelm R. und Bildhauer Karl St. von Schotten haben gegen ein Schöffengerichtsurteil- Berufung erhoben. Gelegentlich einer Hochzeitsscier kam es in Schotten zu einer Schlägerei, in deren Verlauf ein Gendarm und ein Stadtdiener einen gerichtsbekannten Rowdy festnehmen mußten. Die drei Genannten erschwerten den Beamten das Verbringen nach dem Hastlokal, indem sie sich ihnen unter Drohen ^und Schimpfen in den Weg stellten und zum Teil tätlich an griffen. Der Stadtdiener erhielt Tritte, auch wurden ihm die Kleider 5er» rissen, während dem Gendarmen ein Bein gestellt wurde, daß er hinfiel. Das Schöffengericht Schotten verurteilte alle drei wegen Versuchs der Gefangenenbesteiung und DercLiguns, xvni» zwar erhielten R. und St. je 4 Wochen Gefängnis W. der sich weniger beteiligt hatte,- kaM mit 8 Tagen durch. Auf Grund er^ neu ter Beweisaufnahme, kam das Gericht zu der Annahme, daß nicht erwiesen sei, daß die Angeklagten versucht haben, den Fest- genontntenen mit Gewalt zu befreien; doch sei das MneMen des R. und St. derart roh gewesen, daß die von dem ©djoffen­gend)! erkannte Strafe nick'l ausreichend sei. Trotzdem wegen Versuchs der Gefangenenbesteiung Freisprechung eintrat, roar i>a§ Gericht, dank der von der Staatsanwaltschaft erhobenen Berufung in der Lage, die Strafen der Genannten auf 6 Wochen Gefängnis zu erhöhen, und zwar wurde Beleidigung und Widerstand an­genommen. Die Strafe des W., der sich nur der Beleidigung schuldig gemacht hat, wurde in eine Geldstrafe von 40 Marr umgewandclt. Vor einiger Zeit erschien zu Ham-Grundau em Mensch, der sich als Beauftragter einer Nähmaschinenfabrik aus­gab, um die dort befindlichen Nähmaschinen auf ihren Gang zu prüfen. Als er sich wieder entfernt hatte, merkte man, daß Teile der Maschinen, insbesondere die Schiffchen, fehlten. Er wurde verfolgt und festgenommen, wobei es sich herausftellte, dc-ß es sich um den vielfach mit Zuchthaus bestraften Maschinen­bauer Wilhelm G. aus Heressen handelte, der schon nn Jahre 1898 im nämlichen Ort dieselben Manipulationen vorgenommen hatte. Die Leute erkannten ihn sofort als denSchiffchesmann" wie sie ihn nannten. Er hatte damals auch bei emem Wirt logiett- der, als er fort war, merkte, daß ihm ein Medaillon tnt Werte von 20 Mark, sowie verschiedene Kleidungsüucke und Wäsche fehlten, die kein anderer als G. genommen haben konnte. Das Gericht erachtete ihn des Diebstahls für schuldig und diktierte ihm 21/2 Jahre Zuchthaus zu. Der Bürgernte1fter und Ortsgerichtsvorsteher Friedrich B. von Eckarts­born hatte im April verfl. Jahres Geld nötig. Er kam auf einen Einfall, der für ihn verhängnisvoll wurde. Er ließ sich von dem Spät- und Kreditverein Ortenberg ein Schuldurkunden- sorMular besorgen, auf das er seinen Sohn als Darlehnscmpfänger eintrug; als Bürge schrieb er, oder ließ er durch emes ferner Familienangehörigen den Namen eines mit ihm befteundeten Land­wirts setzen und beglaubigte die Unterschrift desselben. Mit dieser Urkunde begab er sich zu dem Rechner der genannten Kaste, der ihm, ohne etwas Schlinimes zu ahnen, den in der Urkunde angegebenen Betrag von 350 Mark aushändigte, nachdem er ihn veranlaßt hatte, sich selbst noch unterschriftlich für seinen Sohn zu verbürgeii. Ewige Zeit später kam zwischen dem Rechner und dem auf .--v Urkmide angegebenen Bürgen die Sprache auf den Schuldschein, wobei der letzte bestritt, von der Bürgschaft etwas zu wissen. Ter Rechner machte nun B. Vorhalt, der versprach, die Sache alsbald zu regeln. Es wurde eine neue Urkunde ausgestellt, am der B. als Tarlehnsempfänger eingetragen wurde; der in der ersten Urkunde auf geführte Bürge leistete nun tatsächlich au Bürgschaft. Die maßgebenden Per­sönlichkeiten der Kasse hielten die Sache hiermit für erledigt: die gefälschte Urkunde verschwand irgendwohin, und man, gab sich alle Mühe, den Vorfall im Interesse dcS B. totzuschweigen. Allein im vorigen Jahr wurde der Handelsmann Aron Zimmer­mann aus Ortenberg auf Aussagen des B. durch die hiesige Strafkammer zu einer größeren F-reiheitsstrafe verurteilt, und dieser machte seinem Rachegefühl dadurch Lust, daß er die Sache einem Amtsrichter in Ortenberg vortrug, der eine Untersuchung veranlaßte. B. war im wesentlichen geständig; sein giiter Leumund und die Tatsache, daß er niemand schädigen wollte und and) nie­mand geschädigt hat, wirkten strafmindernd, dock) wiirde auch straf- ersd)werend berücksichtigt, daß er als Beamter sich zu einer solchen Tat nicht hätte verstehen dürfen. Hätte B. die Beglaubigung als

tn dem die Urkunde überreichl rouroc, hat nur 5 Pfund gekostet, jedoch 100 Guineen für die Heilsarmee enthalten. .

ö a a g 26. Sept. Ter Präsident des Ministerrates erklärte m der heutigen Sitzung der Zweiten Kammer, daß die Regierung einen Gesetzentwurf betreffend die R e v i s i 0 n der Vers a s s u n g, und zwar bezüglich der R e f 0 r m des Wahlrechts, vorlegen roCti®ien, 26. Sept. Bei Beginn der heutigen Sitzung des Ab- geordnetenhailses versuchten die Sozialdemokraten durch lärmende Demonstrationen und Bunne rote Wahlrechtsräuber, Abzug Gautsch" re. den Ministerpräsidenten am Reden zu verhindern. Ta aber die anderen Parteien den Sozial­demokraten keine Hilfe leisteten, konnte der M i st e r p r a s i d ent seine Rede beenden. Gautsch erklärte, daß er 'n der ^rage des allgemeinen Wahlrechtes in Ungarn nicht die Rolle gew'elt habe, die ihm zugeschrieben roerbe, sondern er habe lediglich das In­teresse Oesterreichs gewahrt und sich nicht in dre inneren Angelegeii- heiten Ungarns eingemischt, ebenso roie er nicht dulden werde, daß Ungarn sich um die inneren Angelegenheiten Oesterreichs kümmert. Er sei durchaus kein Gegner einer ErWei­terung des Wahlrechts auf breitester Grund läge, aber gerade in Oesterreich ständen einer so weittragenden Reform Schwierigkeiten entgegen insofern als das allgemeine Wahlrecht nur auf der festen,' dauernden Unterlage einer Ordnung der nationalen Verhältnisse beruhen könne. (Anhaltende Zwischenrufe.) Hierauf legte der Finanzminister das Budget nut einem Expose vor in dem er betont, daß in dem scheinbar viel größeren U e b e r s ch u ß des Budgets für das Jahr 1906 gegen das Vor­jahr die Deckung für gewiße zu erwartende Mehrausgaben ent­halten sei. Der Minister stellt mit Befriedigung Anzeichen für eine fortschreitende wirtschaftliche Besserung fest. An- gesichts der geminderten Elastizität des Budgets betont der Munster die Notwendigkeit einer Reform der Einnahmequellen und verweist auf die in Vorbereitung stehende Neuordnung der Verlaffenschaftsgebühren und der Gebäudesteuer. Er erörtert die Notwendigkeit einer Reform der Landesfinanzen, forme die Ver­einfachung des Verroaltungsorganismus.

)ült auch noch eine lange Reihe anderer Beratungsgegen- tände, die vor dem Schluß des Landtags in der ersten Kammer ihre Erledigung finden sollen. Die in anderen Blättern verbreitete Nachricht, daß am nächsten Freitag auch der erste Ausschuß der zweiten Kammer zusammen trete und damit diese ihre Tätigkeit wieder beginne, ist unwahr. Bis jetzt ist überhaupt noch keiner der Ausschüsse der zweiten Kammer wieder zur Abhaltung einer Sitzung einberufen worden.

d. Mainz, 27. Sept. Der schwerverletzte Mus­ketier Kaiser vom 87. Jnft-Regt. wurde gestern ver­nommen. Er blieb dabei, daß ihn zweiSoldaten über­fallen und so schwer mißhandelt hätten. Es fand nun bei allen Regimentern der Garnison ein Appell statt, und die Kleider und Spinde wurden auf das eingehendste nach ge­sehen. Dabei stellte sich bei dem 117. Jus.-Regt, folgendes heraus: Die Sonntagsrocke der Musketiere Klein und Hufnagel von der 10. Kontpagnie waren vollständig mit Blut besudelt, ebenso wiesen ihre Mützen, Seitenge­wehre und Troddeln Blntspuren auf. Die beiden Attentäter wurden sofort in Haft genommen. Der eine stammt aus Hanau. Kameraden der Verhafteten würden zu Gefreiten ernannt, das gab Veranlassung zu einem Zech­gelage am vergangenen Sonntag, dem die beiden Verhaf­teten beiwohnten. Ms die Soldaten nach dem Gelage am Sonntag abend in die Kaserne zurückgingen, trennten sich Klein und Hufnagel von diesen und spazierten zum Gonsen- fieimer Tor hinaus. Bei ihrem Spaziergang kamen sie in die Nähe des Pulvermagazins, wo Kaiser Posten stand. Dieser ersuchte die beiden Soldaten, in ihrem Jüteresse das Festungsgelände zu verlassen und sich nicht unglücklich zu machen. Dieser gute Rat wurde dem Aermsten schlecht gelohnt, denn die beiden überfielen plötzlich den Posten und schlugen ihn mit ihren Seitengewehren erbarmungslos nieder. Sie müssen dann auf Kaiser noch mit dessen eigenem Gewehr, als er schon am Boden lag, wie wahnsinnig ein- geschlagen haben, denn das Gewehr ist in Stücke gegangen. Beide Attentäter dienen im zweiten Jahre; wenn sie schuldig befunden werden, wartet ihr- schwere Zuchthausstrafe.

Mainz, 26. Sept. Ein erschütternder Fall, der jetzt erst bekannt wird, ereignete sich vor acht Tagen im hiesigen Rochus Hospital. Dort war auf der betreffenden Abteilung ein Typhuskranker untergebracht, dessen Zu­stand in der Nacht in Delirien ausartete. Durch irgend eine Unbegreiflichkeit kam der Kranke in den Besitz eines Messers, mit dem er einer Krankenschwester in den Arm stach, dann fiel er einen Wärter an und stach auch diesen in den Arm und Kopf. Statt den Kranken nun zu bändigen und unter ständiger Aufsicht zu halten, ließ man ihn allein. Als man eine halbe Stunde später nach ihm sah, hatte er sich am Fenster kreuz erhängt. (F. G.-A.)

Ludwigshafen, 26. Sept. Der hier wohnhafte

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