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27.9.1905 Erstes Blatt
 
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Nr. 2L7

Erscheint täglich außer Sonntags.

Dem Gießener Anzeiger werden im Wechsel mit dem Kesstschen Landwirt die Gießener Familten- blätter viermal in der

Woche beigelegt

Rotationsdruck u. Ver­lag der Brühl'schen Unwers.-Buch-u.Stein- druckeret. R. Lange. Redaktion, Expedition und Druckerei:

Schul st raße 7.

dlbrefie für Depeschen: Anzeiger Gießen.

KernsprkchanschlußNr.bl.

Erstes Blatt.

155. Jahrgang

Mittwoch 27. September 1905

GietzeimAnzeiger

w General-Anzeiger **

Amis- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen

Bezugspreis: monatlich7b Pf., oicrteU jährlich Mk. 2.20; durch Aohole- u. Zweigstellen monatlich 65 Pf.; durch die Post Mk. 2. viertel- jährl. ausschl. Bestellg. Annahme von Anzeigen für tue Tagesnummer bis vormittags 10 Uhr. Zeilenpreis: lokal I2Pß, auswärts 20 Pfg.

Verantwortlich für den polit und allgem. Teil: P. Wittko: für Stadt und ßanb' und Gerichtssaal": August Goetz; für den An­zeigenteil: Hans Beck.

Aie Heutige Summer umfaßt 8 Seiten.

Der Stand der Diehpreise.

In den Preisnotierungen für Schlachtvieh setzt sich die steigende Richtung noch weiter fort. Die Differenz gegenüber der Vergleichszeit 1904 tritt immer schärfer hervor, trotzdem schon im September 1904 infolge der ungünstigen Futterernte die Viehpreise zu steigen begonnen hatten: Von den Preisaufschlägen am Warenmarkt, die im laufenden Jahre fast alle wichtigsten Lebensmittel erfuhren, ist auch im Sep­tember wieder der bei Schweinen am beträchtlichsten. Die Steigerung der Schweinepreise, die in Berlin von Mitte September 1903 auf 1904 etwa 12 Mk. pro 60 Kilo­

gramm betrug, stellte sich von 1904 auf 1905 auf etwa 14 Mk, pro 50 Kilogramm. Anfangs September hatte sie sogar 18 Mk. betragen. Nicht ganz so stark sind die Preise für Rinder und Kälber hinaufgeschnellt, aber auch sie stehen bedeutend über dem vorjährigen Niveau. Dies wirkt schon deswegen ungünstig, weil dadurch ein Ersatz für Schweinefleisch bei der auf die billigsten Nahrungs­mittel angewiesenen Konsumentengruppe wegfällt. Der Preis für Kälber, der im September 1904 gegen 1903 nicht un­bedeutend gewichen war, ist wieder so hoch wie im Jahre 1903; Schafe haben sich gegen 1904 ganz bedeutend, gegen 1903 ebenfalls stark verteuert. Es kosteten nämlich Mitte September in Berlin 50 Kilogramm

1903

1904

1905

Ochsen

2746

2746

28-48

Bullen

3048

2542

2946

Färsen, Kühe

22-32

18-31

2334

Kälber

26-55

22-51

26-58

Schafe

25-38

21-35

3042

Schweine

4754

4955

63-69

Nächst Berlin weist die schärfste Schweinepreissteigerung Chemnitz auf; während im Vorjahr Mitte September 5158 Mk. für 50 Kilogramm bezahlt wurden, notierten sie im laufenden Jahre 7178 Mk., Mitte August war die Differenz noch nicht so groß gewesen. Auch der Kälberpreis stieg in Chemnitz äußerst stark. Fast ebenso hoch wie in Chemnitz steht der Preis für Schweine in München: aller­dings ist der Abstand gegen 1904 nicht ganz so kraß; der Ausschlag für Schweine beträgt für 50 Kilogramm 12 bis 13 Mk. Rindvieh steht um etwa 8 Mk. höher im Preise als im Parallelmonat 1904. Im August war die Notierung für Ochsen noch lange nicht so hoch; im Laufe deS September erhöhte sie sich um rund 3 Mk. pro 50 Kilogramm. Von den größeren Marktplätzen Süddeutschlands ist noch Stutt­gart mit einer auffallenden Verteuerung des Schlachtviehs zu nennen, die sich bei Kälbern, ganz besonders aber bei Schweinen zeigt. Der Preis für Schweine, der schon Mitte August einen ganz besonders hohen Stand gehabt hatte, ist in allerletzter Zeit noch bedeutend hinaufgegangen: gegen 53 bis 67 Mk. Mitte September 1904 mußte man im August schon 62 bis 72 Mk. bezahlen; am 16. September aber kosteten 50 Kilogramm gar 6879 Mk. Damit weist Stutt­gart den höchsten Preisstand für Schweine unter ins­gesamt 19 wichtigen deutschen Marktplätzen auf. Nicht ganz so erheblich ist der Abstand gegenüber dem Vorjahre am Viehmarkte Dortmunds; doch ist auch hier von August auf September noch eine weitere Preiserhöhung für sämtliche Viehsorten eingetreten.

In Norddeutschland ist es außer Berlin besonders Hamburg, das von der Fleischnot erheblich betroffen wird; während bei Rindvieh der Preisaufschlag gegen 1904 nur 23 Mk. beträgt, sind Schweine gegenüber dem Vorjahr um 1819 Mk. gestiegen. Diese Steigerung erfolgte zu einem großen Teile gerade in den letzten Wochen.

Komische Tagesschau.

Steuerpläne.

-tt- Berlin, 26. Sept.

Die Entscheidung des Bundesrats über die Reichs- fin an 3 re form und die Steuerpläne erfolgt voraus­sichtlich in einigen Wochen. Es ist jedoch nicht daran zu denken, daß alle im Reichsschatzamt ausgearbeiteten Steuer­projekte zur Annahme gelangen. Insbesondere wird, wie mit wachsender Bestimmtheit verlautet, die Reichserb­schaftssteuer, trotz der inzwischen vorgenommenen Um­arbeitung (Freilassung des Erbes von Kindern und Ehegatten) kaum die erforderliche Mehrheit finden.

*

Minister v. Witte,

6er gestern vom Kaiser Wilhelm in Rominten empfangen wurde, hat in Berlin 16 Journalisten, die versuchten, eine Unterredung zu erlangen, abgewiesen, mit der Motivierung, daß er Konferenzen zu absolvieren und seinen Vortrag aus­zuarbeiten habe, den er dem deutschen Kaiser halten wolle. Nach Pariser Meldungen hatte Witte die Mission übernom­men, zwischen Frankreich und Deutschland als freund­schaftlicher Berater zu vermitteln, um den Abschluß eines Einvernehmens über Marokko zu beschleunigen. Man hat in Paris das Gefühl, daß Wittes Bemühungen Entgegen­kommen gefunden haben und daß es ihm gelang, die letzten Schwierigkeiten zu beseitigen. Hamburger Blätter dagegen enthalten gleichlautende, von angeblich gut informierter Seite stammende Mitteilungen, wonach Witte den Auftrag hatte,

wegen eines Zusammengehens Rußlands und Deutschlands für den fernen und nahen Osten zu verhandeln. Ein Londoner Blatt endlich berichtet, daß Witte bei feiner Rückkehr nach Petersburg den Graf en titel er­halten und seine bekanntlich aus jüdischer Familie stammende Gattin am Zarenhofe fortan empfangen werden würde. Das Blatt fügt hinzu, Ministerpräsident Rouvier habe Witte die Unterstützung bei einer eventuellen russischen Anleihe zu- gesagt.

*

Tas neue Abkommen zwischen England nnd Japan.

In London und Tokio wurde am 26. d. M. der Text des neuen englisch-japanischen 'Abkommens veröffentlicht. Es besteht aus einer Einleitung und achtArtikeln. Die Einleitung besagt, die Ziele des Abkommens seien die Be- f e sti gun g und sAnf r e ch t e r h a lt un g des allge­meinen Friedens in Ostasien und Indien, die Erhaltung der gemeinsamen Interessen aller Mächte in China durch die Sicherung der Unabhängigkeit und Integrität Chinas und das Prinzip der Gleich*- berechtigung des Handels aller Nationen, ferner die Aufrechterhaltung der territorialen Rechte Groß­britannien? und Japans in Ostasien und Indien, sowie die Verteidigung ihrer besonderen Interessen in diesen Ge­bieten.

Der Artikel 1 besagt: Tie beiden Regierungen iverden, wenn immer ihre oben bezeichneten Rechte und Interessen gefähroet sind, mit einander in vollem Umfange ulnd offen in Verkehr treten, um die ge­meinsamen Maßnahmen zu erwägen, die zur Wahrung der­selben zu ergreifen sind.

Artikel 2: Wenn infolge eines nicht herausgeforderten Angriffs oder aggressiven Vorgehens, das wo immer seitens irgend welcher Macht oder der Mächte erfolgen mag, einer der beiden vertragschließenden Teile in der Verteidigung seiner Rechte und JUterefien in einen Krieg verwickelt wird, so wird der andere Teil dem Verbündeten sofort zur Hilfe kommen und mit ihm den Krieg gemeinsam fiihren, sowie in wechselseitigem Einver­nehmen Frieden schließen.

Artikel 3: Da Japan die vorherrschenden politischen, militärischen und wirtschaftlichen Rechte in Korea besitzt, erkennt Großbritannien Japans R^cht an, solche Maßregeln zur Leitung, Kontrolle und zum Schutze Koreas zu ergreifen, als es für geeignet und notwendig erachten mag, um diese Interessen zu schützen und zu fördern.

Artikel 4: Japan erkennt das Recht Großbritanniens an, in der Nähe der i n d i s ch e n Grenze solche Maßnahmen zu ergreifen, welche nötig sein mögen, die indischen Besitz­ungen zu schützen.

Artikel 5: Beide Teile kommen darin überein, daß keiner, ohne den anderen zu befragen, in besondere Ab­machungen eintreten wird, welche den in der Einleitung des Abkommens bezeichnete: Zielen nachteilig sein könnten.

Artikel 6: Im Falle eines russisch-japanischen Krieges übernimmt es Großbritannien, strenge Neutralität zu bewahren und Japan im Falle, daß es von einer and eren M'ach t att gegriffen wird, zur Hilfe zu kommen.

Artikel 7: Die Bedingungen, unter denen der erwähnte Beistand geleistet werden foL, werden durch die Militär- und Marinebehörden der vertragschließenden Teile verein­bart, die mit einander von Zeit zu Zeit in vollem Umfange und offen in Beratung treten.

'Artikel 8 besagt: Das gegenwärtige Uebereinkommen gilt für die Frist von 10 Jähren, ist aber mit einjähriger Frist aufhebbar.________________________

Russische Neuigkeiten.

In Kowno wurden durch eine in der Nähe des Stadt­grabens geworfene Bombe der Polizei meister Iwanow, drei Polizisten und drei Frauen verwundet. Die Täter entkamen.

In dem Städtchen Blaschki unweit Kalisch in Polen wurde gegen das Schulgebäude während des Unterrichts von einem als Arbeiter verkleideten Individuum eine mit Nägeln gefüllte Bombe geschleudert. Menschen kamen nicht zu Schaden. Ein Teil des Gebäudes wurde stark beschädigt.

In Riga werden fast jede Nacht Angriffe auf Polizei­beamte verübt; vorgestern wurde ein Kosak und am Sonntag ein Gefängniswärter ermordet. Die Unruhen ergriffen auf dem Lande außer dem Rigaschen und Wenuenschen auch den Wolmarschen Kreis.

Personen aus dem Gouvernement Saratow haben an den Gouverneur einen offenen Brief mit 178 Unterschriften gerichtet, worin sie ihn ersuchen, die Kosaken des 7. Regi­ments zurückzuziehen. Sie beschuldigen die Kosaken der Plünderung, des Raubes und Mordens. Viele Bewohner seien von ihnen durchgepeitscht worden. Trotz der Befehle der Vorgesetzten hätten die Kosaken nicht nach- gelaffen, dte Bevölkerung zu peinigen.

Deutsches ReicH.

Gro ß-Ro m inte n, 26. Sept. Minister v. Witte ist heute mittag hier eingetroffen und am Bahnhofe von dem Fürsten Eulenburg empfangen worden; beide fuhren in einem geschlossenen Automobil nach dem Jagdschloß Rominten zum Kaiser.

Berlin, 26. Sept. Das preuß. Staats Ministerium trat gestern zu einer Sitzung zusammen.

Reichskanzler Fürst Bülow hat sich heute nach Baden-Baden zurückbegeben, wo er noch bis Mitte Ok­

tober zu verbleiben gedenkt. Die gestrigen Besprechungen des Reichskanzlers mit dem französischen Botschafter Bihourd be­trafen die marokkanische Frage. Jedoch ist eine voll­ständige Einigung über da§ Konferenz-Programm noch immer nicht erzielt worden.

1 4 Personen sind wiederum als lästige Ausländer aus Berlin ausgewiesen worden. 11 sind Oesterreicher resp. ungarische Staatsangehörige, die anderen drei gehören dem türkischen, russisch beziehungsweise rumänischen Staats» verbände an.

Zu der am Donnerstag stattfindenden Stichwahl in Essen hat dieFranks. Ztg." die Parole derUnter­stützung der Sozialdemokratie auSgegeben. Die ge- mäßigt liberalenMünch. N. Nachr." haben sich ausdrücklich den Ausführungen des demokratischen BlatteS angeschloffen und aus Eigenem noch hinzugegeben, man müffe sich am Zentrum für dessen Bündnis mit der Sozialdemokratie bei den bayerischen Landtagswahlen rächen. Gestern spät abends beschloß eine Versammlung deS Vorstandes, deS AuSschuffeS und des BezirkSvorfteherS deS nationalliberalen Ver­eins zu Effen, eine Aufforderung an die Wähler zu richten, ihre Stimmen für den Zentrums-Kandidaten abzu­geben,wenn dies nicht mit ihrem nationalen Pflicht- und Ehrgefühl im Widerspruch stehe*. Hierzu schreibt dieRhein.- Wests. Ztg.", daß dieser Beschluß einen Kompromiß mit dem Zentrum darstelle. Es würden demnach zu den 35 000 Zentrumsstimmen noch 4000 nationalliberale hinzu­treten und es sei daher für die Sozialdemokraten sehr schwer, eine gleiche Stimmenzahl auf sich zu ver­einigen. Der Beschluß der Nationalliberalen zeige ein großes Maß vou Selbstverleugnung. .

Oldenburg, 26. Sept. Eine Zurückdrangung der Sozialdemokratie läßt der bisherige Verlauf der Wahlmännerwahlen für den Landtag mit Sicherheit erwarten. Die Wahlen stehen unter dem erfreulichen Zeichen der bürgerlichen Einigung und der Niederlage dev Sozialdemokratie. Hier in Oldenburg selbst blieben die Sozial» demokraten trotz verhältnismäßig starker Beteiligung sehr weit hinter den Bürgerlichen zurück, so daß sie, falls die Einig­keit der Liberalen sich weiter bewährt, auf Jahre hinaus nicht daran denken können, Einfluß zu gewinnen.

Hamburg, 26. Sept. Ein großer Teil der Arbeiter­schaft sympathisiert mit dem Gedanken, die zu erwartende' Annahme der Wahlrechtsvorlage mit einem General­streik zu beantworten.

Zwickau, 26. Sept. Bei der Landtagsstichwahl im 37. ländlichen Wahlkreis (Hartenstein, Wildenfels, Lichten­stein) siegte der sozialdemokr. Reichstagsabg. Goldstein- Zwickau mit 51 Wahlmännerstimmen gegen 50 der beiden bürgerlichen Kandidaten. Damit zieht feit fünf Jahren wieder der erste Sozialdemokrat in das sächsische Parla­ment ein.

Gera, 26. Sept. Das Ministerium des Fürsten» tumS Reuß j. L. hat auf Grund eingehender Erörterungen fest gestellt, daß in Reuß eine Fleisch- und Viehnot vorhanden ist und hat die Petition des Stadt- und Gemeinde- ratS dem Bundesrat mit dem Wunsche übermittelt, der Bitte der Petenten um Oeffnung der Grenze nachzukommen.

Keer und Motte.

Berlin, 26. Sept. Der Generalarzt der Armee, Her­mann Schaper, ärztlicher Direktor der CharitS, ist heute im Alter von 65 Jahren gestorben.

Kirche und Schule.

Die 41. Jahresversammlung deS Landes- vereinS für innere Mission, an deren Beratungen in Darmstadt als Vertreter des Oberhessischen Vereins für innere Mission Pfarrer v. Schlosser aus Gießen teilnahm, beschloßt einstimmig folgende Erklärung:

Die Versammlung erklärt mit dem Referenten Müller-Offen­bach und sämtlichen Diskussionsrednern die Fürsorge für die schul­entlassene Jugend für eine unabweisbare Pflicht der Kirche, und deren Erfüllung wenn auch in verschiedenen Formen in Stadt und Land gleichmäßig möglich, und weist dafür besonders auf die bewährte Form der Jünglingsvereine bin."

Aeutsch-Südwestafrika.

Die auf eine telegraphische Anfrage von dem General» leutnant v. Trotha aus Keetmannshoop eingegangene Ant­wort ergibt, daß die von dem Reuterschen Bureau auS Kap­stadt vom 20. September gebrachte Meldung von einem Ueberfall auf einen deutschen Konvoi unweit von Keetmannshoop frei erfunden ist. Ein Ueberfall auf einen Wagentransport oder die Fortnahme von Wagen und Munition fand nicht statt. Die nach einem Gefecht bei Nubib am 13. September durch Major Meister eingeleitete Verfolgung ergab, daß derFeind nach allen Seiten auseinander- gesprengt ist. Auf größere Banden stieß man nicht mehr; die Verfolgung wird fortgesetzt. Ein weiteres Absuchen des Gefechtsfeldes vom 13. September ergab, daß der Gegner 8 0 Tote, darunter 20 Hereros, verloren hat. Auch wurden weitere 30 Pferde, sowie viel Groß- und Kleinvieh gesunden.

AnsSand.

, r^?rnbo?' 26. Sept. Die City Corporation hat einstimmig beschlossen, dem Kommandeur der Heilsarmee, Generäl Booth. das Ehrenbüraerrecht zu verleihen. Der Kasten,