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26/01/1905 Erstes Blatt
 
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155» Jahrgang

Erstes Blatt d

Kr. AZ

S,scheint tSgltch

au her Sonntags, fctm Gießener Anzeiger werden im Wecbje! mit dem heMjchen Landwirt M die Sieyener Zamtlien- MUer viermal in der

Woche beigelegt. Kotationsdruck u. Ver­lag der Brü h l'ichen Univerf.-Buch-u. Stein- druckerei. 8L Lange.

Kedaktton, Lrvrditio« und Druckerei:

Gchttlstratze 7.

Aüresie für Deveschen: Anzeiger Gießen.

Ftrniprechanicblußdir 51.

kühn und treu. Ader er ist der festen Ueberzeugung, daß Rußlands Heil nur in der Autokratie liegt. Er ist der mäch­tigste Feind der liberalen Belegung, gerade weil er es ehrlich meint, und weil man ihn auch in seinem Irrtum achten muß. Seine Frau ist die Lieblingsschwester des Zaren, und dadurch hat er seinen großen Einfluß aus den Zaren und die Gestaltung der Tinge gewonnen.

Um diese drei Männer herum gruppieren sich die an­deren Mitglieder der kaiserlichen Familie. Diese hat cs sich seit der Thronbesteigung des jetzigen Zaren zum Motto gemacht, nicht viel Worte zu verlieren, sondern kurz und bündig zu handeln, und auf ihr Konto setzt man alle die Schlüge, die Rußland daheim und im Kriege zu erleiden gehabt hat. Sie kontrollieren direkt oder indirekt alle De­partements der Regierung und vermischen alles mit ihren persönlichen Interessen. Freund eines der Großfürsten zu sein, icnlt viel mehr, als Freund des Zaren selbst zu sein. Wer ihren Interessen dient, findet immer ein warmes Bett siehe Bezobrasow, Alexejew. Wer dem Zaren Freund sein will, wird immer das Mißtrauen der kaiserlichen Fa­milie in den Kauf nehmen müssen, das heißt, er muß bereit sein, sich für den Zaren opfern zu wollen.

Auf den Häupertn dieser drei Großfürsten lastet auch jetzt die schwere Beantwortung für die blutigen Ereig­nisse, die wir als Vorläufer einer machtvollen revolutio­nären Bewegung, die ganz Rußland erschüttern wird, an­zusehen haben. Ihrem Einfluß ist es zu zu sch reib en, daß der Zar an dem bedeutungsvollsten Tage seiner Regierung sich fern von seinem Volke hielt und die allmächtige Ka­marilla mit dem Leben seiner Untertanen ein freventliches Spiel treiben ließ. Und so bleiben sie mit ihrem Anhang ihrem Lande und der Menschheit gegenüber verantwortlich für alle traurigen Folgen.

Am Dienstag hat der Zar, wie !vir bereits gestern mitteilten, durch einen Erlaß die Petersburger Stadthaupt- maunschaft aufgehoben, um die Machtbefugnisse der Mili­tärbehörden zu verstärken. Lln deren Stelle wurde ein Generalgouvern eur ernannt, und zwar in der Person des früheren Moskauer Oberpolizeimeisters Generals Trepow. Trepow sollte, nachdem er zu Neujahr zugleich mit dem Generalgouverneur von Moskau, dem Großfürsten Sergius, von dort abberufen worden war, zur Verfügung des Generals Kuropatkin nach dem Kriegsschauplatz ab» gehen. Bei seiner reife von Moskau wurde, wie bekannt, ein Mordanschlag auf ihn verübt; die drei Kugeln, die der Attentäter ihm zugedacht hatte, verfehlten jedoch ihr Ziel.

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Wiederholt haben Vers ammlun gen in der kai­serlichen Familie stattgefunden. Wie es heißt, hatte am Samstag die kaiserliche Mutter den Zaren aufgefordert, die Arbeiter zu empfangen. In letzter Stunde habe jedoch Großfürst Wladimir seine ganze Macht und seinen Einfluß geltend gemacht, um den Kaiser davon abzubringen. Die blutigen Ereignisse sind daher auf die Initia­tive des Großfürsten Wladimir zurückzuführen. Dieser habe bereits seit langer Zeit versucht, über die kaiserliche Familie eine Kontrolle zu führen und sei darin von allen anderen Großfürsten unterstützt lvorden.

Tie Ernennung des ehemaligen Moskauer Oberpolizei- meisters Trepow zum Militär-Gouverneur in Petersburg hat unter der dortigen Einwohnerschaft all­gemeine B e st ü r zu n g hervorgerufen. Daß Trepvw irgend welche Duldsamkeit üben werde, gilt als ausgeschlossen an­gesichts seiner Tätigkeit in Moskau. Die Truppen haben durch Zuzug <uus Reval, Minsk und anderen Orten Ver­stärkung erhalten. Jeder Mann hat 30 scharfe Patronen erhalten. Die Truppen haben Auftrag, bei jeder Gelegen­heit zu schießen. Gefangene sollen nicht gemacht werden. Wer den Soldaten in den Weg läuft, tuirb niedergeschossen.

Ter Zar hat, wie bestimmt verlautet, seine Residenz in Zarskoje-Selo verlassen und sich nach Gatschina, dem Palast der Kaiserin-Mutter geflüchtet. Tie Paläste dev Großfürsten und der Minister werden von Truppen be­wacht.

Auf Befehl des General-Gouverneurs Trepow werden ununterbrochen Haussuchungen vorgenommen. Meh­rere hundert Personen aller Bevölkerungsschichteni wurden verhaftet ünd sofort nach der Peter-Pauls- Festung überführt. Vorläufig erwartet man keine weiteren Unruhen. General Trepow ließ mehrere Arbeiterführer zu sich rufen und forderte sie auf, bei ihren Kollegen dahin zu wirken, daß sie keinerlei Politik mehr treiben möchten. Ihre Beschwerden werde er, soweit sie wirtschaftlicher Natur sind, wohlwollend prüfen und die Erfüllung aller berech­tigten Wünsche durä)setzen.

Ter Minister des Innern empfing die Vertreter der PetersburgerPresse, welche ihm eine BittsckMift und die Beschlüsse der Konferenz der Redakteure über­reichten. Ein Mitglied der Mordnung wies auf die Not­wendigkeit der Freiheit der Presse sowie darauf hin, daß die Semstwos zu einem Kongreß einberufen werden müßten. Tas sei das einzige Mittel, um die Gemüter zu beruhigen. Ter Minister erwiderte, er werde die Petition prüfen, aber er könne nicht allein darüber entscheiden, das gehöre auch in das Ressort Trepows.

Die Meldung von der Abreise der Kaiserin-Witwe ist vollständig unbegründet. Auch das Gerücht von der Ver­haftung Maxim Gorkis ist sticht wahr. Es geht das Gerücht, daß Foullon zum Gerwralgouver- neur von Warschau ernannt werde.

Tie vergangene Nacht ist in Petersburg ruhig verlaufen; nur in dem Stadtteil Wassili-Ostrow wurden Schüsse gehört. Den Petersburger Stadtteil durchzogen die ganze Nacht Pa­trouillen, welche die Passanten an hielten und ausfragten. Arbeiterhaufen durchzogen bis Mitternacht die Haupt­straßen. Eine Anzahl Straßen werden von den Patromllen durchzogen. Im allgemeinen zeigt die Stadt ein ruhiges

Aussehen. Zeitungen erscheinen nicht, mit Ausnahme deA .Ltegierungsboten" und desInvalid" (das Organ des Kriegsministers).

Ter Unterricht in den Gymnasien und Realschulen wurde wieder aufgenommen. 'Der Kurator des Petersburger Lehr­bezirks machte bekannt, es solle als triftiger Grund fürs Versäumnis des Schulbesuchs gelten, wenn es aus Furcht vor den Unruhen erfolgte.

Aus dem Marine-Hospital wurden 40 Leichen in ein­fachen Särgen in langem Zuge nach dem Wolkow-Friedhost getragen. Die Leidtragenden gehörten ausnahmslos dem armen Volke an. Die Erbitterung über das Blutvergießen' ist ungeheuer. Die Schaufenster vieler Magazine sind immer; noch mit Brettern vernagelt. Die Polizei hat befohlen^ daß schon von 5 Uhr an sämtliche Haustüren und Tore zu schließen sind. Die Theater sind schon seit drei Tagen' geschlossen, ebenso alle anderen Vergnügungslokale. Die- Lebensmittel st eigen gewaltig im Preise. Auf! den Straßen ist kein Militär sichtbar. Es wird den neuesten Bestimmungen zufolge in den Höfen öffentlicher Gebäude untergebracht. Nur vereinzelte Wachen streifen die Straßen ab. Die Stadttore sind stark besetzt, um großen Arbeiter­massen den Eingang in die Stadt zu verwehren. Viele Aristokraten verlassen eiligst die Residenz und begeben sich ins Ausland oder auf ihre Güter. Das Ende der Unruhen ist nicht abzusehen, da die Arbeiter Geld vom Aus­lände erhalten, wie bestimmt versichert wird, na-, mentlich aus England. Ein Teil des von dort ange- kommenen Unterstützrmgsgeldes wurde von den Behörden beschlagnahmt.

Ter Rat des Petersburger Polytechnische n Justin tuts faßte folgenden Beschluß:

Ein Angehöriger der Gemeinschaft des Petersburger poltz- technischen Instituts, der Studierende Sawinkin, ist eines' eines gewaltsamen Todes gestorben. Er ist am 22., Januar int Alexandergarten erschossen worden. Sawinkin ist! eines der Opfer der gegen die unbewaffnete friedliche Menge, begangenen Schlachterei. Der Rat des Instituts ist ent­rüstet unb niedergedrückt ob der Ereignisse vom 22. Jcmucrr, die bewiesen haben, daß in Rußland selbst das Leben der friedlichen Bürger nicht sicher ist, und spricht seine tiefe Entrüstung übet die MassenersäH-ßung aus, von deren Opfern der Student 'Sawinkin eines ist. Der Rat ist der Ansicht, daß unter den gegenwärtigen Umständen die Fortführung des Unterrichts durch­aus u n m ö g l i ch 'ist und beschließt, den Finanzminister von seiner Ansicht zu unterrichten. Die Beerdigung Sawinkins soll auf Kosten des Instituts erfolgen.

Tie Professoren und Studenten des Polytechnischen In­stituts sind bis zum September beurlaubt, da die Vor-' lesungen eingestellt sind. Tie Studierenden beSh polytechnischen Instituts sandten dem Direktor ihre Ver­treter und erklärten ihre Solidarität mit dem vom Rate gefaßten Beschluß. Ter Rat nnb die Ingenieure des Minen- instituts legten cm der Bahre zweier Studierenden dieses Instituts, die ebenfalls am 22. Januar getötet wurden^, Kränze nieder.

Ter B e st a 11 u n g des am Sonntag am Kaiser-Alexcm- der-Garten durch fünf Kugeln getöteten Studenten des polytechnischen Jnstitirts Sawinkin wohnten der Rektor dieses Instituts, Fürst Gagarin, alle Professoren und Stu­denten und eine etwa 2000 Köpfe starke Menschenmenge bet Der Sarg wurde von Studenten getragen. Ein Studenp der Universität sprach am: Sarge. Er sagte:

Wir begraben unseren Kommilitonen, dessen unschuldiges Blut durch einen Gewaltakt der autokratischen Regier­ung vergossen wurde. Er ist tot. Aber sein Geist lebt unter uns und fordert uns zu unaufhörlichen Kämpfen für das Recht, frei zu leben und zu denken, auf.

In Petersburg fand ant Mittwoch eine Bezirksgerichts- Sitzung statt, in welcher die Mörder zweier reicher Damen abgeurteilt werden sollten. Im Laufe der Ver­handlung erklärte der Verteidiger, er sei infolge der auf - regenden Vorgänge in den letzten.Tagen nicht inj der Lage, die Verteidigung ruhig und sachge­mäß zu führen. Kaum hatte der Verteidiger ausge­sprochen, als sich der Obmann der Geschworenen erhob und namens der Geschworenen erklärte, diese seien. auS; dem gleichen Grunde nicht in der Lage, objek-, t i v R e ch t z u s p,r e che u. Der Vorsitzende hob alsdann die; Verhandlung auf.

Die Hospitäler sind mit Toten und Verwundetes überfüllt, sodaß Kranke überall zurückgewiesen werden. Bei der Agnoszierung der Leichen spielen furchtbare S z e n e n ab; in einem Hospital int Liteiny-Viertel sind drei Frauen, die ihre verstümmelten Männer sterbend bor* fanden, vor Schmerz wahnsinnig geworden.

Eine Bekanntmachung bedauert, daß die Arbeiter zu. ihrem eigenen Schaden streiken, als blindes Werkzeug Schlechtgesinnter sich mißbrauchen ließen, und spricht tue Hoffnung aus, daß sie zur Arbeit zurückkehren, da die Re­gierung bereit sei, dieberechtigten Wünsche möglichst zu cr- füllen." Außer der Arbeiterversicherung würden auf Ver-^ fügung des Kaisers eine Verkürzung der Ar­ve r t s zei t herbeigeführt und Maßnahmen auSgearbeitetr lverden, die den Arbeitern ermöglichen sollten, über ihre' Bedürfnisse zu beraten und diese zum Ausdruck zu bringen. Tie zur Arbeit Zurückgekehrten könnten darauf rechnen, daß die Regierung die Unverletzlichkeit ihrer Person, der Fa­milie und des Heims auch gegenAnschläge Schlechtgesinn­ter" schützen- werde, die unter Freiheit und Recht verstehen, ihre Kameraden an der Rückkehr zur Arbeit gewaltsam zn verhindern.

Kundgebungen der Semstwo?.

Vierzehn Mitglieder des Semstwo des Gouvernements Simbirsk faßten folgenden Beschlußantrag:

Während unsere^ ganzen Lebens waren wir gczwun^ aen , S il l schv'e i gt en zu beobachten und nicht zu sprechen^ In allen unseren neuen Gedanken sehen bäq

Donnerstag ÄK. Januar 190»

BezugSprei-r monatlich 75 Pf., viertel» jährlich Mk. 2.20; durch Abhole- u. Zweigstellen monatlich 65 Pf.; durch diePost Mk. 2.viertel» jährl. ausschl. Bestellg. Annahme von Anzeigen ür die Te rswnnmer 's vormittags 1 ihr. ,;c,fepnrei§: afrul23k auswärts 9 ij'j.

verantwortlich fine den volit. und Teil: P. Wittko: sür ^Stadt und Land" und Gerichtssaal": August Goetz; für den An­zeigenteil: Hans Beck.

Vie Wachthaßer in Hiußlaud.

Rußland steht am Vorabend einer Revolution. Düstere Kunde kommt stündlich aus dem Reich desweißen Zaren", btt als Autokrat über viele Millionen geknechteter Menschen herrscht und doch ohnmächtig ist gegenüber dem Treiben einer kleinen Hofkligue. Politik aber ist, selbst in den vor­geschrittensten aller Republiken, nicht eine Rechts-, sondern eine Machtfrage, und es liegt auf der Hank», daß in einem Millionenreiche die Macht nicht in der Hand eines einzigen Mannes liegen kann, mag seine Schultern auch der leuch­tendste Purpur umhüllen. Selbst ein Zar kann nicht mehr tun, als die Umstände und Gelegenheiten, die ihm feine yeit an die Hand gibt, nach bestem Können zu nutzen. Wie jeder Mensch, muß er, in die Zukunft schauend, mit der Gegenwart rechnen. Und die Gegenwart, das sind ihm die Parteien und Ideen, die sich in seinem Lande gegenüber­stehen und bekämpfen. Sie bekämpfen sich über seinem- Kopfe hinweg, er kann! im günstigsten Falle nicht mehr fein, als ein parteiischer Sekundant, ein gefährliches Spiel, M ihn der Degen des Gegners selbst treffen kann.

Ter Kampf, der in Rußland ausgefochten wird, hat nicht in erster Linie mit der Person des Zaren zu tun. Bureaukratie und Volk, das sind die beiden Kämpfer, auf der einenSe ite dieGesellschaft unter Pobjedonoszew und der Hoftamarilla", auf der an­deren Seite dasVolk unter Witte und Tolstoi".: Der Zar ist gegen beide Parteien machtlos.

Pobjedonoszew, das Haupt der russischen Kirche, der, wie man inj Petersbnrg behauptet: an einer Ver­giftung schwer erkrankt ist, treibt feine eigene Politik. Das Volk und die Hofkcmrarilla, die Großfürsten und der Zar, alle sind ihm nichts ckls Mittel zum Zweck, dem Zweck, die Macht der Kirche unantastbar zu lassen. Die Umstande er­geben es, daß er der Bundesgenosse der Hofkamarilla ist. Sein direkter Gegner ist Tolstoi, das geistige Haupt der freiheitlichen Strömung. Pvbjedonoszrw ist ein Mann von Charakter, das müssen ihm seine Feinde lassen. Ader er krankt an dem Irrtum seiner Jugend, er glaubt nicht seltsam, es sagen zu müssen er glaubt nicht an den Menschen. Er glaubt nicht, daß ein Mensch ehrlich, recht­schaffen und selbstlos sein kann. Ihn lernt man aus seinen ,^J?efieftionen,z kennen, die er über die politischen Systeme publiziert hat.Wenn wir", so sagt er da,eine getreue Defenition eines Volksparlaments geben sollten, so müßten wir sagen,daß ein Parlament nichts ist, als eine Einrichtung zur Befriedigung der Neigungen, Wünsche und Interessen feiner Mitglieder. In der Tat, die Einrichtung des Parla­mentes ist die vollkommenste Illustration der menschlichen Selbsttäuschung. Heber seiner Tür steht das Wort:Alles fürd as öffentliche Wohl". Das ist eine lügnerische Sentenz. Pariamentarismus ist der Triumph des Egoismus dessen vollkommenster Ausdruck. Das Volk verliert für die Re­präsentanten alle Wichtigkeit, bis es wieder zur Wahl' kommt. Dann wird es mit lügnerischen Phrasen, Versprech­ungen, Drohungen hintergangen, der ganzen Kette wider­wärtiger Manöver, die ewen unauisrottbaren Faktor im Parlamentarismus bilden."

Diese Sprache, die zweifellos im Scheine der Wahrheit funkelt, kann nie ihre Wirkung verfehlen. Daß er die Aus­wüchse des Parlamentarismus mit der Sache selbst ver­wechselt, liegt in seiner Natur. Der Führer der russischen Kirche si^ht überall nur die Bestie, den Schatten. Wie un­endlich weit stehi dieser Mann von jenem milden Galiläer, dem Fürsprecher der kleinen Leute, vor dem er auf den Platzen seine eigene Knie beugt!

Ter zweite Faktor in der Gesellschaft ist die kaiserliche. Familie, ungefähr 60 Kopf stark. Im Volke wird diese Kategorie mit dem Kollektivnamendie Großfürstewz bezeichnet. Die Macht der kaiserlichen Familie datiert aus der Zeit Pauls des Ersten. Dieser Monarch sah voraus, daß die Glieder der kaiserlichen Familie eines schönen Tages' eine eigene Kaste und die Stütze des autokratischen Thrones bilden würden. So tat er das feine, ihre Position zu stärken. Er bestimmte unermeßliche Landstrecken und Güter, die als die sog.kaiserlichen Apanagen"' den Gliedern der kaiserlichen Famille die Einkünfte zuftießen lassen. Diese Güter sind stets vorzüglich bewirtschaftet worden, sie bringen heute gegen 20 Millionen Rubel jährlich ein. Dieses Ein­kommen wird unter den Romanows geteilt, die nicht im geschwisterlichen oder Kmdesverhältnis zu dem regierenden Romanow stehen. Sie hängen also nie pekuniär von den Launen des Regenten ab, und das ist die Quelle ihrer Macht. Der Zar ist nur insofern ihr Herr, als sie sich nur mit seiner persönlichen Erlaubnis ins Ausland begeben können und zu einer 5)eirat die kaiserliche Erlaubnis haben müssen.

Im Gothaer Almanach nehmen die Großfürsten über vier enggedruckte Seiten ein. Ter wichtigste unter den Großfürsten ist W l a d i m i r.*) Zwischen ihm und dem Throne stehen nur drei Leben: das des Zaren, des Zarewitsch und das des Junggesellen Michael. Im Salon Wladimirs, der eine der schönsten europäischen Prinzessinnen zur Frau hat, trifft sich die Petersburger aristokratische Gesellschaft. Er ist der energischste unter seinen Brüdern, seine Söhne find alle in d.er Armee und haben tvie Cyrill den Krieg Mitgemacht. Wie alle, ist auch er für die Autokratie.

Ter Großfürst Alexis ist für den jämmerlichen Zu­stand der Flotte verantwortlich. Von ihm erzählt man sich in Petersburg die schlimmsten Dinge hinsichtlich der finanziellen Korruption re. Alexis ist die Seele der fran­zösischen Allianz, uut> feine freie Zeit verbringt er auch in Paris in der Gesellschaft, in der man sich, amüsiert.

Von ganz anderem Schrot und §wrn ist oer Großfürst Sergius. Er ist verschlossen und ftreng. Er ist ehrlich,

*) Der bei dem Blutvergießen irr Petersburg das Ober- tommanbo über sämtliche in der Hauptstabt konsignierten Truppen führte und erbarmungslos auf das Volk zu schieben befahl.