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Nr. 250
Erscheint täglich außer Sonntags.
Dem Gießener Anzeiger werden im Wechsel mit dem Hessischen Landwirt die Siebener Zamilien- vlätter viermal in der
Woche beigelegt.
Rotationsdruck u. Verlag der Brühl'schen Univers.-Buch-u. Steindruckerei. R. Lange. Redaktion, Erpedition und Druckerei:
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Verlag u.Exped.b^öl Adresse für Depeschen:
Anzeiger Gießen.
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155. Jahrgang
Erstes Blatt
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen
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Unnahme von Anzeigen •ür die Tagesnummer
is vormittags 10 Uhr. ^.eilenPreiS: lokal 18 Ps^ ^uSwärts 20 Pfg.
era twortltch für Oe;, polit und aQgem. Teil: P. Wittko: für „Stabt und öanb" und „Gerichtsfaal": Ernst Heß-, für bcn Anzeigenteil: Hans Beck.
Dienstag 24. Oktober 1905
BezngSPretSr
monatlich7bPf., viertel»
▼ jährlich Ml. 2.20; durch
AA Abhole- XL Zweigstellen monatlich 65 Ps.; durch
Pie Heutige Kummer umfaßt 8 Seiten.
Eine Hessische Denkschrift zur Ateischteuerung.
Wie bereits angekündigt, hat der hessische Land' wirtschaftsrat zu der Frage der Fleischteuerung eine besondere D e nkschrift anSarbeiten lassen. In der Einleitung beschäftigt sich die Denkschrift mit der Steigerung der Viehproduktion in Deutschland und sucht dann den „Einwurf, daß die gegenwärtige Fleischteuerung die Folge eines bei unS herrschenden Schlachtviehmangels fei*, zu widerlegen. In einer ziffernmäßigen Gegenüberstellung des Auftriebs auf dem (für das Großherzogtum als preisbestimmend in Betracht kommenden) Schlachtviehmarkte zu Frankfurt a. M. in den drei ersten Vierteln der Jahre 1904 und 1905 konstatiert die Denkschrift eine Steigerung ded Austriebes bei Großvieh um 3736, bei Kleinvieh (Kälber, Hämmel und Ziegen) um 3005 Stuck und ein Minderangebot von Schweinen um 4839 Stück.
„Aus diesen Zahlen geht hervor, daß wohl ein Rückgang des Schweineaustriebes stattgefunden hat, daß diesem Minderaustrieb aber ein erheblicher Mehrauitrieb an Großvieh und Kleinvieh gegenüber steht. Von einem Schlachtviehmangel kann daher keinesfalls gesprochen werden, höchstens von einem Rückgang des Schweineaustriebes".
So sagt die Denkschrift. Daß sich mit Zahlen viel beweisen läßt, ist eine alte Sache. Die Denkschrift geht dabei klugerweise an der Frage vorbei, ob das Plus im Auftrieb von Groß- und Kleinvieh in diesem Zeitraum genügte im Verhältnis zum gesteigerten Bedarf, den schon allein die Bevölkerungszunahme bewirkt. Und der reguläre Fleischkonsum in unseren Militärkasernen darf hier sicher auch nicht außer acht gelassen werden. Wie das Ziffernresultat sich sofort anders gestaltet, ergibt sich, wenn man die Summe des Auftriebs im letzten Quartal (Juli—September) 1905 vergleicht mit derjenigen im gleichen Zeiträume des Vorjahres. Es zeigt sich dann ein Minderangebot an Kleinvieh von ca. 700 und an Schweinen von 5350 Stück; diesem Minderangebot steht ein Mehr an Großvieh von etwa 1000 gegenüber. Man sieht also schon an diesem kleinen Beispiel, wie wenig Wert eine einfache Gegenüberstellung von Zahlen hat, wenn man nicht alle Momente inbetracht zieht, die einen annähernd einwandsfreien Schluß gestatten.
Aber die Denkschrift geht noch weiter; nach ihr existiert keine Fleisch n ot. Die Denkschrift vergleicht die in der Zeit von Januar bis September der Jahre 1904 und 1905 vorhandenen Fleischmengen. Der Vergleich ergibt bei Groß- und Kleinvieh ein Plus von 840 600 und 105 175 Kilogramm, und ein Weniger an Schweinefleisch von 411 315 Kilogramm. Also — sagt die Denkschrift — immer noch ein Ueberschuß an Fleisch von 534 460 Kilogramm: ,von einer Fleischnot kann nicht gesprochen werden".
„Wenn schon aus diesen Ergebnissen hervorgeht, daß für das durch den Frankfurter Markt beherrschte Gebiet eine Fleischnot nicht besteht, so wirb ferner noch für unsere Gegend aus den Kreisen der Landwirte bestätigt, baß eine Viehnot nicht vorhanden ist, inbem schlacht reifes Vieh auf bem Lande genügend vorhanden ist!fl
Dieser Satz der Denkschrift steht mit der Erfahrung der Metzger in vielen Städten in unlösbarem Widerspruch. Auch mit der Tatsache, daß auf das bekannte Gesuch der Gießener Metzgerinnung um Lieferung von 100 Schweinen nicht ein einziges Stück angeboten wurde. So sagt denn auch die Denkschrift weiter:
„In einem gewissen Widerspruch mit diesen Beobachtungen stehen nun allerdings die zur Zeit herrschenden hohen Vieh-, insbesondere aber die hohen Fleischpreise. Durch die im letzten Jahre besonders in Norddeutschland herrschende Futternot, durch die hohen Kartoffelpreise und die steigenden Futtermittelpreise, in erster Lime bedingt durch die Ausfuhrverbote der Nachbarländer auf Futtermittel, wovon Mais als wichtiges Futtermittel auf die.Schweinemast inbetracht kommt, und durch die allgemeine geringe Welt- Maisernte mußte eine Steigerung des Schweinepreises eintreten.
Ueber Futternot und Kartoffelpreise haben wir gestern
an dieser Stelle gesprochen.
Die Denkschrift fügt eine Tabelle über die monatlichen Durchschnittspreise der verschiedenen Fleischsorten in Darmstadt, Mainz, Worms, Gießen und Offenbach pro 1904 und
1905 an und folgert daraus:
„Ten höchsten Preis im Monat Januar zeigt Offeirbach, das während des ganzen Jahres 1904 schon einen monatlichen Durchschnittspreis von 1.80 Mark p. Kilo besitzt und dem sich mit gleicher Höhe des Preises im September Darmstadt anschlxetzt. Gießen zeigt von allen Städten stets den niedrigsten Preis, während die Preise in den anderen Städten sich zwischen denjenigen von Darmstadt, Offenbach und Gießen bewegen. Dieier durckffchnittlich niedrigere Preis in Gießen ist für uns von
Interesse."
Warum, das sagt die Denkschrift nach einer vergleichenden Gegenüberstellung der Schlachtungen in den Monaten Januar—September der Jahre 1904 und 1905:
„Wie aus den vorstehenden Zahlen hervorgeht, ist im Jahre 1905 in Gießen in den Monaten Januar bis September nicht nur dieselbe Anzahl, sondern sogar eine noch größere Anzahl Stück Vieh geschlachtet worden, wogegen in den anderen Städten ein Rückgang der Schweineschlachtungen zu beobachten ist, dem aber ein nicht unerheblicher Mehrverbrauch an Großvieh und Kleinvieh gegenüber steht. Ohne Zweifel mußte die Steigerung des Schweinefleischpreises eine Einschränkung des Fleischkonsums und zwar in erster Linie von Schweinefleisch zur Folge haben. Ein Teil des weniger verbrauchten Schweinefleisches wurde durch Fleisch von Großvieh sowie von Kälbern, Hammeln und Schafen ersetzt. Die weitere Folge des stärkeren Verbrauches der anderen Fleischsorten und in erster Linie der steigenden Schweinefleischpreise war die Steigerung der Preise für Ochsen, Kühe, Rinder usw., ferner für Kälber und Schafe. Als die Ursache des
Rückganges des Schweinefleischverbrauches ist daher allein nur die hohe Preissteigerung für Fleisch verantwortlich zu machen. Obwohl, wie oben nachgewiesen, den Schlachtungen nach, in Gießen eine Fleischnot nicht vorhanden ist, sind die Metzger in Gießen doch der allgemeinen Preissteigerung gefolgt. Dis zu einem gewissen Grade mag das ja berechtigt sein, da die Viehpreise m die Höhe gegangen sind. . . . Dieser erhebliche Unterschied in den Fleischpreisen der einzelnen Städte muß vielmehr teilweise als die Folge einer willkürlichen Preistreiberei bezeichnet werden." ES wird dann ein Beispiel dafür angeführt, „daß cs ganz besonders die Metzger verstehen, sich die Steigerung der Viehpreise zunutze zu machen und dabei gleichyeitia mit in das große Horn zu stoßen, aus welchem der Fleischnotruf ertönt", indem der von den Metzgern erfolgte Preisaufsclüag mit der allgemeinen Viehpreissteigerung verglichen wird. Als ein Mehr wiä> hier konstatiert für Darmstadt und Worms 27,5 Prozent, für Gießen 9,4 Proz., „oder mit anderen Worten, die Metzger haben eine durch keine Ursache gerechtfertigte Steigerung der Schweinefleischpreise hervorgerufen."
Die Denkschrift erörtert bann noch die Beeinflussung der Preise durch das städtische Oktroi, die Frage der Vieheinfuhr aus dem Auslands und kommt zu folgendem Schluffe:
„Der gegenwärtige hohe Stand der Fleischpreise, der sich besonders in den größeren Städten fühlbar macht, und gewiß auch von den Landwirten im Interesse der Konsumenten bedauert wird, kann nicht als die Folge einer allgemeinen Fleischnot betrachtet werden. Insbesondere ist nachgewiesen, daß die deutsche Landwirtschaft auch in den letzten Jahren eine fortschrittliche Entwiillung gezeigt und so die Gewähr geboten hat für die Erzeugung der zur Ernährung des Volkes nötigen Fleischmengen. ,
Der Auftrieb der Schlachtviehmärkte und die Schlachtungen einzelner Städte weisen mit großer Deutlichkeit nach, daß ein Mangel an Fleisch nicht vorhanden ist. ~
Der Rückgang des Auftriebes der Schweine auf die^Schlacht- viehmärkte und der Rückgang der Schlachtungen an Schweinen in einzelnen Städten, ist allein als die Ursache einer Futter- lnappheit und Steigerung der Futternnttelpresie anzusehen. Dieser Rückgang ist nur als eine vorübergehende Erscheinung.zu betrachten, indem durch die in diesem Jahre bessere Kartoffelernte den Landwirten die Möglichkeit geboten wird, die Mästung von Schweinen in ausgedehntem Maße rentabel zu gestalten.
Die Oeffnung der Grenzen zwecks Einfuhr von lebendem Vieh kann, da das Ausland gleichfalls hohe Preise für Schlachtvieh und auch einen Mangel an diesem aufzuweisen hat, keinen Erfolg haben auf die Herabsetzung der Fleischvreise.
Der Landwirtschaftsrat richtet daher an Großh. Regierung die dringende Bitte, bei der Reichsregierung dahin wirken zu wollen, daß eine Aufhebung der zur Zeit vorhandenen Sverr- maßregeln gegen die Einschleppung von Seuchen nicht eintritt, da dies von unberechenbarem Schaden für die deutsche Landwirtschaft sein würde."
Im Anschluffe daran sei eine Notiz des „Darmstädter Tagbl." wiedergegeben. Danach ist der Preis für Schweineflei sch in Darmstadt abermals höher geworden, und das Pfund kostet dort nun 96 Pfg. Der Preis für Schweineschmalz ist ebenfalls erhöht, und zwar von 80 auf 90 Pfg.
*
Berliner Blätter melden folgendes:
Die Zentralstelle der preußischen Landwirtschaft s k a m m e r n wandte sich in einem Schreiben an 430 Schlachthausgemeinden in Preußen mit der Mitteilung, daß sie bereit sei, Maßnahmen gegen die hohen Fleischpreise zu treffen. Das Schreiben sagt, die Oeffnung der Grenzen in erhöhtem Maße würde die Landwirtschaft der größten Gefahr aussetzen und führt an, die Preisbildung für das Fleisch in den Städten fei von vielen anderen Bedingungen weit abhängiger als von der Gestaltung der Viehpreise, die dem Landwirt gezahlt werden. Zum Schluffe heißt es: „Wir sind bereit, Organisationen zu schaffen, durch welche wir in der Lage sind, lebendes Mastvieh oder ausgeschlachtetes Fleisch in Tierhälften an die städtischen Verwaltungen abzugeben. Wenn die städtischen Verwaltungen den Vertrieb von Fleisch ober von Vieh selbst, wie cs bereits in verschiedenen Orten geschehen ist, in die Hand nehmen wollen, nm die Fleischpreise zu verbilligen, und in den Städten ebenfalls Organisationen zum Vertriebe des Fleisches einzurichten, so könnte aus dem gemeinschaftlichen Zusammenarbeiten sicherlich dem Landwirt wenigstens der Produktionspreis gesichert werden, während die st ä d t i s ch e n Konsumenten ihrFleisch bestimmt sehr viel biliger erhalten werden/ Schließlich erklärt das Kuratorium der Zentralstelle, daß es ermächtigt ist, zur Schaffung solcher Organisationen* die Hand zu bieten.
Man will also eine Neuorganisation ins Leben rufen, um eine alte Organisation zu verdrängen und zu vernichten, die sich im Verlaufe der Entwickelung des Fleischmarktes gebildet hat. Man will den Viehhandel und das Fleischereigewerbe, soweit e5 sich deS Handels mit Vieh bedient, ausschalten und den Stadtverwaltungen den Vieh - und Fleischvertrieb als kommunales Amt zuwälzen. Für da? komplizierte moderne Wirtschaftsleben, noch dazu bei einem sich auf den abgelegensten Weiler erstreckenden Apparat, wie e§ der Viehhandel ist, ist der Handel doch wohl ein heute kaum mehr entbehrlicher Faktor, was von den meisten Landwirten selber, wenn auch unter manchem Seufzen, anerkannt wird. Mit den wiederholten Versuchen, den Vieh- ober auch ben Kornhanbel auSzuschalten, ist bisher noch nicht sonberlich viel erreicht worden, wenn auch manche Kornhausgenossen- schaft, wie z. B. die in Friedberg, bei besonders tüchtiger Verwaltung gute Resultate zu erzielen scheint. Manche andere burch Gelb unb gelbwerte Leistungen fiskalisch begünstigte Kornhausgenossenschaft ist verkracht. Manche Fleischbänke, bie ben Fleischhanbel unb bie Fleischer auSschalien sollten, haben gleichfalls Fiasko gemacht, weil biefe Unternehmungen meist unkaufmännischer, teuerer unb schlechter gewirtschaftet haben, a(§ bie geschulte Organisation bes Handels unb bes Fleischergewerbes tut. Unb nun will man bie Fleischbeschaff
ung einer ZukunstSorganisation überlassen, von beten Ausgestaltung im einzelnen sich bisher wohl noch niemand ein Bild gemacht hat. Es ist ja möglich, daß sich auf der vorgeschlagenen Basis hier und da etwas Wertvolles erreichen läßt, wenn auch bie Stabtoerwaltungen u. E. mit viel- eitigftem Arbeitsmaterial heute schon überbürbet sind. Immerhin scheint un§ der Vorschlag von gutem Willen zu zeugen und darum schon ist er ernsthaft diskutabel. Eine gänzliche Ausschaltung des ViehhandelS wird sich wohl nicht bewerkstelligen lassen, aber wenn sich auf diesem Gebiete irgendwelche den Produzenten unb Konsumenten in gleicher Weise bienliche Aenberungen einführen ließen, bie nicht direkt die Vernichtung des reellen Zwischenhandels bedeuten, dann wäre viel und vielen geholfen.
Mlitische Tliqesschau.
Statistische Betrachtungen zn den badischen Wahlen.
Wenn man die zur Verbsjentlichung gelangten Ziffern über bie anf die einzelnen Parteien bei bcn badischen Lcmbtagswahlen entfallenen Stimmen näher betrachtet, so ergeben sich manche interessante Momente. Die klerikale Presse war außer sich, als nach ber Reichstagsersatzwahl in Kattowitz ziffernmäßig nachgewiesen werben konnte, baß Tausenbe von Katholiken für ben liberalen Bewerber unb gegen bas Zentrum gestimmt hatten; bei ben Lcmbtagswahlen in Baden läßt sich derselbe Nachweis führen. Tie nichtkatholische Bevölkerung Badens macht 38 Proz. der Gesamtbevölkerung des Landes aus. .Hiervon Hal wohl ber größte Teil für bie liberalen Kan- bibateu gestimmt, ein erheblicher Teil ist aber auf für bie Sozialdemokraten einerseits uni bie Konservativen cmderer- seits gefallenen Stimmen zu machen. Tie Sozialdemokratie nämlich hat ihren Hauptstamm in ben übertoiegenb evangel. Gebieten Badens, nicht etwa weil bie evangelische Bevölkerung leichter ben soz. Lockungen anheimsiele, sondern weil hier große Städte und in Sonderheit die Hcruptsitze der Industrie liegen. So sind von ben mehr als 140 000 Einwohnern Mannheims nur 60 000 unb von ben 45 000 Einwohnern Pforzheims nur 8000 Katholiken; gerabe biefe Städte aber finb bie Hauptstützpunkte ber Sozialdemokratie. Man geht baher kaum in ber Annahme fehl, baß uon ben 17 Proz. aller abgegebenen Stimmen, bie auf die Sozialdemokratie gefallen finb, etwa Vs, also wohl 11 Proz., auf bie nichtkatholische Bevölkerung kommen. Tie 41/2 Proz., bie auf Konservative, Dimdler, Parteilose rc. gefallen finb, gehören ebenfalls mit minimalen Ausnahmen der nichtkatholischen Bevölkerung an. Mithin sind von den 38 Proz. der nicht katholischen Bevölkerung gut und gern 15 Proz. in Abzug zu bringen, sodaß also nur etwa 23 Proz. für die liberalen Kandidaten gestimmt haben. Da nun auf die Liberalen 36 Proz. aller abgegebenen Stimmen gefallen finb, so müssen 13 Proz. von ben Katholiken geliefert worben sein. Es ist somit ein gutes Drittel der liberalen Wählers chaft katholischen Glaubens. Also auch hier decken sich Katholizismus unb Angehörigkeit zum Zentrum trotz ber schärfsten Agitation ber katholischen Geistlichkeit für bas Zentrum noch lange nicht. Tas ist auch sehr lehrreich für uns in Hessen!
Zum zweiten geht aus ber Wahlstatistik hervor, daß das Zentrum bei ocr Zahl ber im ersten Wahlgange erlangten Sitze ungerechtfertigt gut bavongekommen ist. Das Zentrum bat 42^2 Proz. ber Stimmen unb 28 Mandate int ersten Wahl gang erlangt; es entfällt somit auf IV2 ein im ersten Wahlgange erhaltener Sitz. Die Liberalen haben auf 36 Proz. nur 16 Manbate 'm ersten Ansturm erhalten, bet ihnen entfällt also erst auf 21/4 Proz. ein Manbat. Stände bas prozentuale Verhältnis beim Zentrum ebenso, so hätte bieses statt seiner 28 nur 19 Sitze im ersten Wahlgange erhalten bürfen.
Noch schlechter als bie Liberalen finb bie Sozialbemokraten und bie Konservativen davon- gekommen. Tas bübische Zentrum also kann sich sicherlich nicht über eine ihm ungünstige Wahlgeometrie beklagen.
Die neuen Reichssteuern.
Mieber sind die Fin nzminister der Bundes- ftaaten tn Berlin eingetroffen, um bie Beratungen über bie Reichsfinanzreform fortzusetzen. Inzwischen ist, wie uns gestern 'g'edrahtet wurde, noch ein neues Steuerprojekt im Reichsschatzamt fertiagestellt worden, ein Plan , der sich ursprüngli h nicht auf dem Programm befand. Vermutlich ist die neu:, so geheimnisvoll behandelte Steuer die Wehr st euer. Tiese Steuer dürfte besonders dazu ausersehen sein, für die kommenden Mehrforder- un gen im Heer und in der Flotte bie Mittel aufzubringen. Bis^r rechnete man nur mit größeren Ausgabm für bie Marine; es scheinen aber auch solche für das f:er in Betracht zu kommen. Wenigstens hat ber Zentrumsabg. Tr. Spahn kürzlich in ber Kölner Zentrumsversammlung bar auf hin gebeutet, unb biefer Mittelsmann zwischen ber Regierung unb ber ausschlaggebenden Partei ist gut unterrichtet. Tie nahe Möglichkeit eines Krieges, wahrend der Marokko- und Telcasse-Krisis, wird der Regierung bei ber Begründung ber Wehrforderungen natürlich zu statten kommen. Trotz sog. „lohal gegebener" Erklärungen ber englischen Regierung ist bie Situation unser- änbe rt ernst, benn an emen entschiedenen Wandel ber Gesinnungen in England Teutscbland gegenüber wird fein Realpolitiker glauben. Gleichviel, ob eine konservative ober eine liberale Neoicrung: die Tatsache feindseliger Absichten muß im Auge behalten werden.
Was die übrigen Steuerpläne betrifft, so scheint das Zentrum auch diesmal die Führung übernehmen zu wollen im Sinne des Zustand ebring-ms ber Vorlagen. Konservative


