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20.11.1905 Zweites Blatt
 
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Nr. L73

Zweites Blatt

Erschetnl tRgllch mit Ausnahme deS Sonntags.

DieSlrtzener Kamlllenblätter" werden dem Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt. Der »hesfllch« taabölrt erscheint monaUich emmaL

Montan 2V. Noveniber 1905

Rotationsdruck unb Berlag der BrÜßlstcheu UntDerfxiäidbrudertL R. Lange, (Sieben,

Redaktion, Expedition u. Druckerei: Hchulftr.7.

Tel. Nr. 5L Tetegc.-Adr.r Anzeiger (Lietzen.

155. Jahrgang

General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

Volilische Wochenschau.

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*o. Gießen, 20. Nov. 1905.

Die vergangene Woche stand bei uns in Hessen völlig im pichen brr Wahlmännerwahlen für den Landtag, i i»och hat das Ergebnis Ueberrafchungen nicht gebracht, so daß bi8 am 24. November eintretende Desinitivum ohne besondere Lpamnmg erwartet wird. Der Ausfall wurde ja auch bei allen bürgerlichen Parteien vorausgesehen. Nur die Sozialdemokraten hlitten die rosigsten Hoffnungen und sind gründlich enttäusch^ »rrden. Die Nationalliberalen werden, wie wir voraussagten

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inb sckwn am Tage nach der Wahl allein von allen hessischen F/. ittrm Fon fintieren konnten, mit ungeschlachtem Besitzstände auS den Wahlen hervorgehen. Der neue Landtag wird sich drunach, wofern die Abgeordnetenwahlen keine Korrektur mehr tragen, rnsammensetzcn aus : 18 Nationasl>beral en, wie bisher, 11 Biuernbündlern (bisher 12), 7 Zentrumsleuten (7), 7 Sozial- tvTno(raten (6), 4 Freisinnigen (3) und 3 Wiäöen (4). Dock efrt es mit dem Getvinn von einem Mandat, das den F-reisinnigen ir Wahlbezirk Wörrstadt zugefallen ist, ziemlich unsicher aus (< stehen hier 16 Wahlmänner Christ (freis.) 16 Wahlmännern SMf lBbd.) gegenüber. Christ selbst ist Wahlmann: wählt er sit» selbst, entscheidet bas Los, im anderen Falle wird Wolf ge- Uii.hlt und die Freisinnigen haben das Nachsehen. Daß, wie fri- Gegner zu früh frohlockten, Nationalismus verbunden mit eifern Liberalismus aus den Herzen der Hessen zu weichen beginne, Li- behauptet wurde, diese Behauptung hat sich als trügerisch erwiesen. Wenn von ollen Parteien nur die Sozialdemokratie 'inni Gewinn zu verzeichnen hat, so ist das noch kein Zeichen ffn eine gefürchtete Demokratisierung des Volkes. Ein großer Irl der Wähler empfindet und urteilt nickt parteipolitisch, son­dern nach Stimmungen. Der wird gewählt, der am, meisten goldene Berge vers"cicht, der am regsamsten sich zeigt und zu agitieren versteht. Das aber vermögen allenthalben am d': en leider die Sozialdemokraten. Die Folge davon ist natür- : M-, daß sie immer mehr zu verantwortlichen parlamentarischen I |Z; tarbeit gelangen, namentlich wmn nock) wehr persönliche als ic ck'it>e Mjß'iimmung in Wahrheit bürgerlichClesinnter dazu kommt, die nnrbend? Kraft der Sozialdemokratie ohne deren Zutun zu 2'Märken. Erreicht aber die Wählerfchöft von der Sozialdemokratie nickt, was sie von ihr erwartet hatte, so wendet sie sich wieder wt ihr ab. und probiert cs mit einer anderen Partei. So wicder- folft sich der Kreislauf ohne Ende. Indes manchmal tritt nfl) ein Rückscwag ein, indem ganze Wählerschicht en, durch Er- ifaheuna belehrt, zu der Ansicht gelangen, daß Festhalten an '.vintischen Grundsätzen ersprießlich ist. Vorläufig ist kein Grund roffrnben, über die Nadikalisierung d's hessischen Volkes be- 'besemders laut zu klagen. Im Interesse der Wählerschaft aber IMv leit wir hoffen, daß die besten der Versprechungen, die die

P-nrteien in den einzelnen Kreisen den Wählern gemacht haben, sich im Laufe der näckfflen Session einlösen lassen, daß von ben: Golde der versprockpmen Berg« nickt allzuviel Truggold ist

Auch mehreren anderen deutschen Bundesstaaten brachte di »aomngenc Wockw bemerkenswerte politische Ereignisse. Die rite bayerische Kammer genehmigte einstimmig in erster ininfl den Zcntrumsantrag zur Aenderung des Wahl-

t 5. Heute, Montag, beginnt die zweite Lesung der Vorlage. 3n Dresden und in Umgegend wurden zahlreiche Volksver­sammlungen abgcbalten, die in energischen Resolutionen die Ge- nxifDritnfl des allgemeinen, gleichen, geheimen, di­elten Landtaachvahlrechis forderten. Wegen der Versarnm- liiniten war Militär in den Kasernen konsigniert. _ Sämtliche iL' cbmannsckaftcn des Garnisonbezirks hatten 40 scharfe Pa- Nomen erhalten! Das liberal-sozialdemokratische St ickwa hlkartell in Baden hatte zur Folge, daß gegen Sie Offiziere der Reserve, welche sozialdemokratische Stimmzettel 'lgegcben haben, disziplinarisch vorgegangen werden soll; wir balgen das mit derKöln. Ztg." für tadelnswert.

Bei der Rei cl)stagsstickwähl in Eisenach veröffent- libite der unterlegene freis. Kandidat, Kühner, einen Aufruf inr Unterstützung der sozialdemokratischen K'andidattir, während die Militärvereine wiederum gegen die sozialdemokratische Stimm- ckgiabe mobil machten. Das Ergebnis war die Wahl des Anti- ' initen Schack mit annähernd 10400 Stimmen gegen den rogialdemokraten, der 8748 Stimmen erhielt. Dieser Ans-

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-t öffnen werde, wenn die Arbeiterschaft vorbehaltlos unter lre-rkennung des neuen Lohntarifs und der allgemeinen De- .nmtnger. gleichzeitig in allen Verbands-Betrieben die Arbeit beider ai'f^uwbmen fick bereit finde. Die Vertreter der Arbeit- rhmer ersuckten die Bürgermeister der im Bezirk am Streik Icteiligten Städte um Verhandlungen mit den Fabrikanten. Die llibrikanten lehnten aber weiteres Entgegenkommen und neue ^rb'vdlungen ab.

Viel bcachtet wurde weit über Rheinland-Westfalen hinaus l<r Rücktritt des Geheimrats Kirdorf von allen seinen öffent- lihrn Aemtern. Auch der erste Vorsitzende des Bergbau­lichen Vereins, Geh'imrat.Krabler, legte seine Stellung röer. Im Rulnrevier ebenso wie in Schlesien und Sachsen macht iif) eine neue starke Gärung unter den Bergarbeitern bemerkbar, tif sich hauptsächlich gegen die ihnen zur Unterzeichnung vor- c:!rgte Arbeitsordnung wendet und mit der Wahl der Berg­ab iterausschüsse zusammenhängt. Die Unternehmer bereiten sich Hter stellenweise auf den drohenden Streik vor. Eine von der kieliener-Kommission einberufene Revier-Konferenz der ke rgarbeiter des Ruhrreviers und Rheinpreu^ns beschloß, tn das Oberbergamt Dorttuund eine Eingabe zu richten, in l:(ff)er gebeten wird, der von den Zechen eingereichten Ärbei ts- »rffnung die G e n e h m i g u n g .z u versagen, weil sie ir verschiedenen Punkten gegen daN Gesetz verswße und zwar i.'imentlick geaen diejenigen Paragraphen der Berggesetznovelle, k irrte di> Arbeitszeit regeln. (Bgl. den Artikel:Aus dem kil'rrevierst)

Tie R c i ch s f i n a n z v o r l a g e ist noch nicht veröffentlicht, k-nm die Erhöhung der Tabaksteuer haben sich die Jnter- (fiffltten in mehreren Eingaben an die maßgebenden Instanzen p-^ndt, wir wollen hoffen: mit Erfolg. Ter Gie ßenev

Glanz. hv* iten zu ^ben* er,

i ng hatte eine Reihe von Demonstrationen im Gefolge. Die keßörden hatten wohl in Befürchtung größerer Unruhen eine rrne Menge O^cnbormerie und Schutzmann schaff zusammengezogen, iufterbem lief dis Gerückt um, die Garnison sei alarmiert. Als Sie Aufruhrvaragraphen allenthalben angeschlagen wur- Srn und die Gendarmerie einen Platz vom Verkehr absperren sollte, staute sick die Menge. Rufe wie: Nieder mit der l! c a k t i o n! ertönten. Einige Verhaftungen wurden vorgenom- men. Da der Hauptverkehrsvlatz durch die Menschenstauungen v-nt Verkehr vollständig abgesckniian war, gingen berittene »cndarmen gegen die Volksmenge, zu deren Unter- Urning man sogar die Feuerwehr herbeirief. Diese richtete im kalten Strahl auk das dichteste Gewühl und 'Su'bcrte den Platz. Mer auch in den Nebenstraßen wurden gegen irissanten riesige Wassermengen verspritzt, sodaß am Tage darauf überall Glatteis war. Die Tumulte dauerten infolge der un- : gn.ähnlichen Maßregeln bis spät in die Nackit hinein.

Im sächsisck-thüringiscken Weberdistrikt und I P ckergebiet ruht die Arbeit vollständig. Es wäre nur zu wün- daß der Friede in diese Genwebe bald wieder einkehrte.

" dortige Arbeitgeber-Verband erklärte indessen, daß er nach

sic vor auf seinem Standpunkte beharre, daß er seine Betriebe

Tabakverein, der leider gar zu lauge gel.lÄummert hat, soll jetzt, wie wir hören, zu neuem Leben erwachen wollen. Es ist wahrlich an der Zeit! m ,

Heber die vielerörterte Marinevorlage ist im Bundes rat eine Einigung erzielt Word an. Danach treffen die Vorh?r- sagungen über gar so enorme Marinevergrößerungspläne nicht zu. Wir sprechen heute an anderer Stelle mehr t>.irüber.

Offenbar gelegentlich des Duseutlmlts des öeutsckien Kai­sers in Nürnberg, wo im Beisein des Prinzregenten von Bayern und des Großherzogspaares von Baden das Kaiser Wilhelm-Denkmal enthüllt itmrbe, fiel die Entscl)eidung in d-r Frage bet Neubesekung des K o l o n i a l a m t s. Große Ueberrasckung verursachte die Bekanntgabe, dch die Wal>l aus den ehemaligen Regenten des Herzogttims Sachsen-Kvhurg-Gotha. den Erbprinzen Ernst von Hohenlohe, gefallen ist, da sich der Erbprinz bisher mit Kolonielfragen nickt befefäfttgt hat. Indes spricht manches zugunsten der jetzigen Entsckxidung: ver- möge seiner gesellsck'stlickcn Stellung vermag ber Erbprinz ihm entgegentretenben Einflüssen gegenüber mit größerer Sicherheit aufzutrcten als seine Vorgänger, die sich, wie wir am letzten §e.mstag mitteilten, oft Machen feststen gegenüber befunben haben, beiten es ihnen nicht möglich wer entgeaenzuwirken. Der Prinr g hört übrigens zu ber liberalen, antiklerikalen Minder­heit ber ersten württenck. Kammer.

Noch einige bemerkenswerte politische Vorgänge aus ber vorigen Dock-e verdienen genannt zu werden. Der Verband deutscher Arbeitsnachweise tagte in Wiesbaden und ent­schied sich für paritätische Einrichtung kommunaler Arbeitsnach­weis-Bureaus. Bom Hoch ickulst reit in Charlotten- burg ist die ablelmende Haltung der Professorensclwst aus das Begehren ber Vermittlung, d's bie Studenten aussprackten, zu melben. Aussehen erregte die Errichttmg einer nnierifnni- schm Professur an ber Berliner Hochsckule mit amen r-nifcTrnt Kapital. Graf Lerckenfelb, seit 25 Jahren baver- ifcficr G-esmdter am Berliner Hof, feierte dort sein Dienstiub.- fäum, bei wolcker Gelegenl>eit Fürst Bülow sein Festhalten an dem föderttiven Charakter unser''s nationalstaatlichen Lebens betonte. Die Senatoren der freien Städte ließen bem Grasen einen kost­baren silbernen Pokal überreichen, ansgelegt mit alten hanseati­schen Münzen. Graf Lerclienseld vertritt seit Jahren den hanseati­schen GManbten (vahrend seines Urlaubes.

In demVor wärt ^-Konflikt ist eine neue PAse eingetreten insofern, als nun auch bie Fehde zwischen ben G?- nerkschaffen unb der politischen Partei entl»rannt ist Ein Einig- ungsversuck, bet von den Berliner Parteifunktionären in bezug auf bie Redakteurfrage unternommen wurde, ist gescheitert. Der Parteivorstand und die Preßkommission sind bubet mit ihrer, Anträgen unterlegen. Im übrigen hat der sozialdernokr. Partei­vorstand das Ausinnen der Breslauer G^'nossen, Straßendemon­strationen geaen das preußische Dreiklassenwahlreck>t zu unter­nehmen abgelehnt.

In Sacken der Fleischteuerung wurde offiziös bekannt gegeben, daß der Reicl»8?anzler heute, am 20., den Vorstand des deutschen Landwirtschasisrats zur Entgegennahme einer Denk­schrift dieser Körperschaft über die Fleischv-ersorgung der deutschen Bevölkerung empfangen wird.

König Alfons von Spanien schloß an seinen Besuch in Berlin einen Aufenthalt in Wien und München. Am gestrigen Sonntag ist er in Paris eingetroffen.

Oesterreich erhielt von den vereinigten Mächten die Führung bei ber geplanten Flottendemonstration gegen bie Pforte, welche die Türkei zum Nackiqeben in ber maceb. Finanzfrage veranlafsen soll. Die dazu bestimmten Sclpffe der Mächte, darunter auch Rußland, sollen sich am 22. b. M. im Hafen von Pyräus versammeln. Bon bort soll sich das gesamte Geschwaber, das bereits unterwegs ist, zunächst nach Mvthilene begeben. Dis jetzt haben bie Botschafter von der Türkei keine Kundgebung erhalten. Seit ber Ablehnung haben bie Botschafter keinen Verkehr mit der Pforte unb dem Pilbis qepffogen. Man darf wohl immer noch glauben, daß ber Sultan im letzten Augenblick nachgeben wirb. Die Mohammedaner sinb inbessen beunruhigt und gegen die Europäer erbittert Bei dieser Demonstration wird die deutsche Kriegsflottenicht vertreten fein. Dies beruht nach offiziöser Erkläning ledig­lich auf der technischen Schwierigkeit, denffcke Sckpsie für die weite Fahrt in das östliche Mittelmeer verftlgbar zu machen. Deuffchland hat sich im übrigen den Forderungen der anderen Mächte in den verschiedenen Noten und besonders im Ultimatum in allen Punkten angeschlossen.

Die Anwesenheit be§ britischen Geschwaders unter dem Prinzenuon Battenberg vor Newyork hat dort zu amerikanischen Kundgebungen für und gegen England geführt. Nach mehreren amerifan. Blättern desertierten von dem eng­lischen Geschwader während des Newyorker Aufenthalts einige hundert Mann.

Daß ein deutsch-amerik. Zollkrieg zu erwarten sei, wird in der amerikanischen Presse bestritten, in der eng­lischen dagegen behauptet. Nach ameriftniischen NackwiÄten plant StaatSfekretär Root die BeUegung der Zwistigkeit durch den Ab­schluß eines Provisoriums. Das kanadische offizielle Blatt deutet bie mögliche Beilegung deS Zollkrieges an, sobald der kana­dische Maximal- und Minimal-Zolltarif endgiltig beschlossen sei.

In Norwegen hat sich das Volk mit 259 563 gegen 62 264 Stimmen für die Monarchie entsckfteden. Das Stor- fbing hat bann einstimmig, während nur ein Mitglied fehlte, den Prinzen Karl von Dänemark zum König ge­wählt, der dem Storthing folgende Antwort sandte:

Mit Erlaubnis des Königs, meines erlauchten Großvaters, nehme ich die Wahl als König von Norwegen an, in­dem ich den Namen Haakon VII. annehme und meinem Sohne den Name:, Olaw beilege. Meine Gemahlin und ick flehen Gottes reichsten Segen über das norwegische Volk herab. Dir wollen unser künftiges Leben seiner Ehre und seiner Größe weihen."

Die M a ro kko-Konfer.en z in Algeciras soll unter des span. Ministerpräsidenten Montero Rios Vorsitz am 15. Dezember zusammentreten.

In Rußland ist der Generalstreik jetzt von neuem proklamiert worden: er soll durchgeführt werden, bis zur M- schaffung der Todesstrafe. Indessen ist er nicht ganz -um Ausdruck gekommen und soll heute beendet werden. Die Industriellm lehnten die Forderungen der A'^iter auf Einführung des A ch t st u n b e n t a g e s ab, ebenso der Eisenbahnminister, der l-rNärte, daß den Arbeitern auf den Bahnhöfen und in den Werkstätten während des Ausstandes fein Lohn bezahlt werden solle. Weiter hat der Ministerrat beschlossen, die Arbeiter in ben Negierungsdruckereien während des Aalsstandes nicht zu be- -ahlen. Viele Setzer sind verhaftet worden. Zur Herstellung der Ruhe in Petersburg soll eine Militär-Diktatur unter dem Großfürsten Nikolai Nikolajewitsch, nach anderen Meldungen die Bildung eines Triumvirats geplant sein, das aus diesem Großfürsten, dem Grafen Ignatiew und dem General Trepow, be­stehen soll. Indessen sckwint die Versickerung weit glaublicher, daß Witte bei allen Anhängern der Ordnung diejenige Unter­stützung findet, die nötig ist, um die Reaktionäre zum Schweigen zu bringen unb dadurch den Weg für Reformen zu ebnen. Die furchtbaren Juden massalres haben aufgehört. Allenthalben, auch bei uns in Gießen, wird für die armen Opfer ber

Schreckenstage gesammelt. In Kronstadt wurde eine Meuterei der Matrosen niedergeschlagen. Die Meuterer werden nickt stand­rechtlich, sondern gerick"tlick verurteilt werden. Wladiwostok wurde von meuteruben Truppen eingeäschert. Soldaten plünderten und brannten Staatseigentum nieder und ermordeten viele Dffi*1 ; i c r e, die die Ordnung mit Gewalt wieder Herstellen wollten. Die Meuterer verübten unbesckweiblick'e Schandtaten und fudrten ihre Opfer unter den eurov. wie chinesisckten Einwohnern. Die letzten Nachrichten melden, daß die Meuterei in Charbin noch im Gmge sei.

Aus Tokio wurde gemeldet, daß unter den ruffpchcn Kriegsgefangenen sich eine revolutionäre und eine loya- listisckx Partei gebildet habe. Es sei zwischen beiden Parteien wiederholt zu blutigen Schlägereien gekommen, bei denen es mehrere Tote und viele Verwundete gab.

Peutfcbes Rekch.

Kiel, 19. Nov. Ter Kaiser traf gestern um 1 Nhr 15 Mm. hier ein. Zum Empfange war Prinz £>cin<- rich erschienen. Ter Kaiser ließ sich sofort Bericht über den Untergang des Torpedobootes erstatten und begab stch mit dem Prinzen nach dem Exerzierschuppen der Matrosen- divisionskaserne, wo die Bereidigung der Truppen oorgenommen wurde. Der Kaiser gedachte in einer An­sprache des Unterganges. Er hob bie Pflichttreue der Seeleute hervor und erinnerte an die schweren Gefahren, denen auch in Friedenszeiten die Macinemannschaftcn ent­gegensehen. Prinz Heinrich brachte ein dreifaches Hurra auf ben Kaiser aus. Am Abend empfing der Kaiser an Bord des Kaiser Wilhelm II." den Generaldirektor Ball in, heute mittag an Bord des Linienschiffes »Kaiser Wilhelm II.' den Oberlandesgerichtspräsidenten B e s e l e r.

Berlin, 19. Nov. Ter .ReichSanz.' widmet deG verewigten Großherzog Adolf von Luxemburg einen Nachruf, in dem es heißt:

Zwischen der Negierung de? Kaisers unb des verewigten Fürsten bertiditen leit seiner Thronbesteigung in Luxemburg stets ungetvfibt freundliche Beziehungen. Mit der herzlichen Teilnahme, die Deutschland den Luxemburgern beim Verluste ihre« ehrwürdigen Cbevhi.upleS bekennt, verbinden stch auir-ichtige Wünsche für die lange und glückliche Regierung des mmmehrigen Großherzog» Wilhelm."

Tie »Hamb. Nachr.' wollen erfahren haben, daß auch der frühere koburgische Staatsminister Dr. Hentig m den Tlenst der Kolonialverwaltung treten soll. Der Erbprinz zu Hohenlohe-Langenburg soll ihn als UnterftaatSsekretär des künftigen Kolonialamtes gewünscht haben.

Die ,Berl. Korr.' meldet: Nachdem für den Bau deS GroßschiffahrtSwegeS Berlin Stettin die erforderlichen Garantieverpflichtungen übernommen worden find, sind die Vorarbeiten zur Ausführung deS Unternehmens eingeleitet worden, wofür drei Millionen vorgesehen sind.

Stargard i. P., 19. Nov. Der Oberstaatsanwalt hat einen Steckbrief gegen den flüchtigen ReichstagSabg. Expastor Krösell-Pgrih erlassen.

Detmold, 19. Nov. Gegen die geplante Erhöhung der Tabaksteuer haben die lippischen Tabakfabrikanten eine Eingabe an den Staatsminister v. Gevekot gerichtet, in welcher der Minister ersucht wird, im Bundesrate gegen die neue Steuer zu stimmen.

Ausland.

Kopenhagen, 19. Nov. Die Abordnung be9 norme gischen StorthingS ist heute nachmittag hier eingetroffen und von dem Ministerpräsidenten, dem Präsiden­ten deS Reichstages und dem norwegischen Gesandten empfangen worden. Eine zahlreiche Menschenmenge begrüßte die Depu­tation mit Hurrarufen. Eine Flottenabteilung soll das nor­wegische Konigspaar nach Norwegen führen. König Christian begnadigte anläßlich der Wahl des Prinzen Karl zum König von Norwegen 36 Sträflinge.

Haag, 18. Nov. Die niederländischen Truppen nahmen in Soppong (Insel Celebes) zwei Stellungen. Hierbei verloren sie einen Mann, 6 wurden verwundet. Der Feind hatte 41 Tote und 4 Verwundete. In Wetee versuchte der Feind ebenfalls Widerstand zu leisten. Hierbei fielen der Anführer und 35 seiner Leute. Der Verlust der Truppen betrug 2 Verwundete.

Paris, 19. Nov. Nachdem der Senat mit 171 gegen 108 Stimmen die Dringlichkeit des Trennungsgesehes angenommen hatte, erklärte er, mit der Beratung der einzelnen Artikel sofort zu beginnen.

Neapel, 19. Nov. Im Verditheater wurde gestern zu Ehren des Ministerpäsidenten Fortis ein Bankett veranstaltet. Fortis hielt eine Rede. Er habe Grund zu glauben, daß er stets das Vertrauen deS Parlaments be- seffen habe; denn die Mehrheit halte beständig getreu zu der liberalen und demokratischen Richtung der Negierung. DaS Ministerium werde alle seine Bemühungen der Befferung der Staatsfinanzen widmen. Die Lage der Finanzen des Landes sei gut. In kürzester Zeit werde man darauf bedacht sein, den Hafen und Bahnhof von Neapel auszu­bauen.

Belgrad, 18. Nov. Hier bildet augenblicklich ein Rencontre des Kronprinzen Georg mit seinem end- güldig scheidenden Erzieher, den französischen aktiven Major Levasseur, das Tagesgespräch. Levasseur besuchte den Kronprinzen, um sich von ihm zu verabschieden. Wie ver­lautet, konnte der Prinz im allgemeinen seinen Erzieher nickt leiden. Bei dem Abschiedsbesuche soll nun ein Wortwechsel entstanden fein, der zu Tätlichkeiten ausartete. Man erzählt, der Kronprinz habe Levaffeur ein Wassergläschen an den Kopf geworfen was der Major dem Kron­prinzen nicht schuldig geblieben ist. Kronprinz Georg soll dann die Effekten des Majors Levaffeur beschädigt und einige Bücher desselben zerriss en haben. Der König be-