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Montag 25. September 1905
155. Jahrgang
Erstes Blatt.
GiehenerAnzeiger
General-Anzeiger ** **
Are heutige Kummer umfaßt 8 Seiten.
Komische Tagesschau.
Der Prozeß des Kronprinzen.
Der deutsche Kronprinz wird durch Entscheidung de§ preuh. Oberverwaltungsgerichts zurZahlung vonK reissteuern herangezogen. Der in allen Instanzen verlorene Prozeß des Kronprinzen hat bei einigen Blättern merkwürdige Erwägungen hervorgerufen. Es wird gesagt, daß es nützlich gewesen wäre, wenn der Kronprinz sich nicht auf den Rechtsstandpunkt gestellt, sondern die politischen Wirkungen, die der Prozeß haben konnte, berücksichtigt hätte. Im Kreisausschusie säßen konservative Männer, denen es sehr unbehaglich sein mußte, in einem Streitverfahren gegen den Erben der
Aus den Mriefen eines gefallenen Hffiziers.
(Schluß.)
In einem folgenden Briefe wird die Hoffnung ausgedrückt, bald vor den Feind zu kommen.
„Tie Gegend an der Stillte — fährt der Offizier fort — ist trostlos. Tas Leben gleicht dem in der Garnison. Die Vorgesetzten zanken sich andauernd. Ter Etappenkommandant „stänkert" mit dem Ausladungsossizier (Marine), dieser mit dem Pfcrde-Tepot und wir stellen Arbeiter. Tie Eisenbahn Swakopmund-Windhuk ist eine Feldeisenbahn, wie die Rübenbahnen an den großen Zuckerfabriken (aus Sparsamkeitsrücksichten). Sie kann natürlich nicht annähernd die Guter zur Truppe bringen. Deshalb verdirbt der Proviant (Sparsamkeit). Ten Schiffen wird vom Staat für jeden Tag, den sie über vierzehn Tage auf der Reede liegen, eine hohe Konventionalsckafe gezahlt, was hoch in die Hundecktausende geht (Sparsamkeit)." . . . „Wenn ich vorläufig auch weit vom Schuß sitze, so glaube ich doch ganz
Nr. 225
»rschetut täglich außer Sonntags.
Dem GießenerAnzeiger werden im Wechsel mit dem »elfischen Landwirt die Siegener Familien« liatter viermal tn der Woche beigelegt.
Rotationsdruck u. Verlag der Brühl'schen Univeff.-Buch-u.Stem- druckeret. 9t Lange.
sicher, daß ich noch herankoimnen werde. Mein Tag verläuft wischen Herumstehen am Strand und Reiten von zwei bis drei Pferden zu meinem Vergnügen. Seinen kriegerischen Mut kann man an unbotmäßigen Landwehrleuten zeigen, die es hier für ihre Pflicht halten, stets betrunken zu fern und gegen Schwarze forsch zu tun. Gestern befreiten wir einen cmnen Hottentotten aus den Klauen einer solchen Bestie, die sich als Gefangenen-Transpockeur auswies, aber trotzdem von uns arretiert wurde. Tic Massen von Vorräten, die hier lagern, wcrixn zum Teil ein Raub Unredlicher, was leider die Kriegsgerichte beweisen. . . ." „Wir haben uns eine eigene Messe (Kasino) eingerichtet, etwas feldmäßig, aber hübsch und kameradschaftlich. Mein Zimmernachbar Tr. H., ein Bayer, ist sehr nett und gemütlich; wir haben uns schon ziemlich angefreundet. Ern lunges Missionarschepaar, sie reizend, er gräulich, bereiten viel Plaisir. Man hört nämlich in diesem sogenannten Hotel durch dre dünnen Bretterwände jeden Laut. Im allgemeinen erfreuen nw dre Missionare besonders wegen ihrer recht unpatriotischen Haltung btt Beginn des Ausstandes, hier geringer Sympathien. Ich selbst glaube, daß hie Schwarzen absolut nicht reif und entwickelt genug iürdie edle Sitten lehre unserer Religion sind. Sobald sie sich taufen lassen, sagen sie: Wir sind dasselbe wie die Weißen (auf diesen Gedanken dürften sie gar nicht kommen!), dürfen sie bestehlen und brauchen nrcht zu gehorchen. So fassen sie die Religion in ihrem Sinn auf.
In einem Briefe vom 17. September berichtet der Ossi- zier, daß er einen Ochsen- und Pferdetransport von Swa- kopmund nach Okahandja führe.
„Tein Sohn — schreibt Kürt an seine Mutter — hat sich in ein Schwein verwandelt und, was das Schlimmste ist, er fühlt sich auch „sauwohl". Seit fünf Tagen habe ich mich eben zum ersten Mal gewaschen. Mein Weg führt guer durchs Land, wobei ich soeben die berüchtigte Durststrecke Rössing-Ankas passiert habe. Tas bedeutet, daß in dieser 110 Kilometer langen Strecke kernen Tropfen Wasser gibt. Am Tage ist es meiner Schätzung nach über 50 Grad Celsius in den heißesten Stunden, nachts bitterkalt. Ter Tempcraturumschwung vollzieht sich mit großer Plötzlrchkert, peu ä peu wies Donnerwetter. . . . Die Trekkochsen schätze rch jetzt höher als die meisten Menschen. Sie können drei Tage lang angestrengt arbeiten, ohne zu saufen. Ter deutsche Staat stellt die um ihr „Vaterland" gekommenen Buren an, damit sie als praktische Ratgeber fungieren.. Sie erhalten 500 Mark monatlich. Meiner kommt samt fernen schwarzen Treibern (ein Wagen zwanzig Ochsen) direkt von Kapstadt. Er kann weder Deutsch noch Englisch, leistet weniger als nichts und hat es nicht für nötig gehalten, sich über den Weg zu orientieren. Ter Einzige, der schon mal einen ähnlichen Transport mitgemacht hat und mir pimtlich beigegeben wurde, ist ein vollkommener Jüiot, Wasserpolak und versteht ebensowenig, was ich sage, wie der Dur und die Kaffern. Mso mehr Glück als Verstand!
In einem Briefe vom 25. Oktober aus Windhuk berichte! der Offizier über seine Zuteilung zur 2. Kompanie deS 1. Feldregiments und fügt hinzu:
„Jedenfalls wird die nächste Zukunst viel Neues und für mich hoffentlich kriegerische Tätigkeit bringen. Der Hotten tott ist ein geborener Soldat, Reittt und Jägtt in der Perfektion. Man ist starr über die bisher hier geführte Verwaltung. Tie Weißen fast alle verbittert, die Eingeborenen frech. Jedtt Zivilbeamte kommt mir vor wie ein auf- geplusterter Spatz. Eine traurige Erfahrung ist das Nachlassen der in Deutschland eingedrillten Disziplin. Die Schuld liegt zum großen Teil an der jetzt modernen Verhetzung des Untcroffizierstandes; das tendenziöse Aufbauschen von unvermeidlichen Mißhandlungen drückt die Stellung des Unteroffiziers unter die des mit Handschuhen angefaßten Gemeinen herab. Eine rühmliche Ausnahme macht die Frankesche Kvmpagnie, wo Keiner wagt, renitent zu sein; man versteht bei ihr auch Pferde zu behandeln. Das Experiment mit berittener Infanterie ist gründlich mißglückt. Lier gehört im Schießen ausgebildete Kavallerie her. Es kann Einem schlecht werden, wenn man einen alten steifen Infanterie-Sergeanten auf einem ungerittenen Pstrde bis an die Zähne bewaffnet einherreiten sieht und dahinter kommt ein gefällig fitzendtt Schwarzer. Ter Erste ist die Verkörperung der bewaffneten Hilflosigkeit. Tas soll kein Vorwurf sein; es ist aber nicht zu verlangen, daß ein Mann, der bisher nie auf einem Pferd saß, nun mit einem, das noch nie einen Reiter auf seinem Rücken gehabt hat, hinkommt^ wo er will, es zu behandeln versteht, es nicht zu Schanden drückt. Auch leidet das Ansehen der deutschen Soldaten dadurch ungeheuer. . . . Sollte man uns in Bezug ans Dekorationen; mit demselben Maßstab messen wie die Leute in China, dann muß schon Einer, der glücklich mit der Eisenbahn von Swakovrnund nach Okahandja gefahren ist, den Schweckerorden bekommen."
In einem Briefe, datiert Kub, 24. November 1904, schildert der Offizier, wie er zum ersten Male gegen die WitboiS im Feuer gestanden:
„Daß ich ein Gefilhl der Angst hätte bekämpfen müssen, kann ich nicht sagen. Nur nachher, wenn man die blutigen, entstellten Leichen sieht, kommt Einem das Rohe des Kriegshandwerks zum Bewußtsein. Zum Tessert hängten wir einen ab- gefangenen Spion auf. In drei bis fünf Tagen wird wohl ein größeres Gefecht bei Rictmont-Mariental fein. Mir geht es sehr gut. Gleich ist Beerdigung unferer gefallenen Leute. Daher Schluß! Viele, viele Grüße Euch Allen!"
Dieser Brief war der letzte. Arn 2. Dezember ist Kurt v. d. Marwitz als Führer einer Patrouille gegen Rietmont-Marienthal gefallen. Süß ist's und ehrenvoll, fürs Vaterland zu sterben!
VoUtische Wochenschau.
Gießen, 25. Sept. 1905.
In der Fleischteuerungsfrage haben nun auch die Gießener Stadtverordneten das Wort ergriffen. Es wurde beschlossen, daß die Stadt für ihre Bevölkerung einmal in der Woche Seefische beziehe. Die Fischhändler sollen ausgefordert werden, die Staat in ihren Bemühungen zu unterstützen. Ferner soll um Oesf- nung der Grenzen für gesundes Schlachtvieh bet der Regierung petitioniert werden. Dagegen wurde von der Aushebung des Oktrois abgesehen, „weil, wie der Oberbürgermeister ausführte, die städtischen Finanzen sonst in eine heillose Verwirrung geraten würden." Sehr deplaziert war das leere Gerede des sozialdemokr. Stadw. Krumm. Ohne vernünftige positive Gegenvorschläge zu machen, protestierte er gegen alle Anträge der Kommission nur um des konsequenten Protestes gegen bürgerliche Maßnahmen willen.
Tas ist die Taktik der gesamten deutschen Sozialdemokratie. Es war ebenso ein leeres Gerede als ein großes sozialdemokratisches Organ noch am Tage des Beginns des Jenaer Parteitages stolz erklärte, die Sozialdemokratie sei die einzige Partei, die alle inneren Schwierigkeiten in breitester Oeffentlichkeit erledige. Der am Samstag beendete Parteitag strafte dieses Gerede Lügen, denn der Hauptstreitpunkt wurde einer Kommission übertragen, nur um der Oeffentlichkeit das Schauspiel der inneren Gegensätze zu verhüllen. Die Camera obscura der Kommissionsberatung sorgte dafür, die „Einheit" auftecht zu erhalten.
Es war auch leeres Gerede, wenn der Abg. Stadthagen in Jena versprach, er werde künftighin im Reichstage noch „ruppiger" auftreten, denn das ist nicht möglich. Es war ferner leeres Gerede, wenn zur Frage der Maifeier und des Generalausstandes Resolutionen angenommen wurden, die trotz alles großspurigen Klingklangs doch nur einen papierncn Wert besitzen.
Auch außerhalb der Sozialdemokratie gab es in der vergangenen Woche manches müßige Gerede. .Eine Darmstädter Korrespondenz brachte die Meldung von einem bevorstehenden Ministerwechsel fn Hessen mit größter Bestimmtheit, irtrt am Tage darauf auf das entschiedenste dementiert zu werden. Der „Berl. Lokalcmz." behauptete den baldigen Sturz des preuß. Ministers Möller, um Tags darauf sich selber von dem Minister attestieren zu lassen, baß diese Nachricht nur „müßiges Gerede wäre. Vielmehr soll gerade jetzt in der Hib er.n i a- Angelegenheit zwischen dem Syndikat und dem preußischen Staate Friede geschlossen iverden. Der Fiskus will sich offenbar doch am Syndikat beteiligen, angeblich mit 12 Prozent; auch an dem Rheinisch-Westfälischen Bergwerks- Verein, der die Mutungen der Tiefbohrgesellschaft übernommen hat, soll eine staatliche Beteiligung stattfinden. Tas wäre doch eine sehr wesentliche Aenderupg in der Haltung der Regierung gegenüber der Ankündigung, daß der Staat über den 'Ankauf der Hibernia hinaus keine Verstaatlichung von Bergwerken erstrebe. 'Außerdem würde der Staat durch seinen Eintritt ins Syndikat sich seines 'Auf- ichtsrechfs bis zu einem gewissen Grade begeben. Die Bor- ;äuge sind indes zurzeit zum mindesten noch int Stadium >er Vorbereitung und man muß daher abwarten, was schließlich dabei herauskommt. Wie die „Rhein.-Westf. Ztg." erfährt, soll die Meldung von der unmittelbar bevorstehenden Einigung und vom Eintritt des Fiskus in das Kohlm- syndikat den Tatsachen vorauseilen, da weder der Vorsitzende, noch der Vorstand des Syndikates bis jetzt in irgendwelche Verhandlungen mit dem Fiskus eingetreten seien. Allerdings bestehe die Vermutung- daß dies in allerkürzester Zeit der Fall sein werde.
Bedauerlicher aber als diese Falschmeldungen war das müßige Gerede der „Köln. Volksztg." über die Zustande im Kolonialamt. Von der Kolonialabteilung dazu gedrängt, brachte sie das „Materiül" für ihre Beschuldigungen vor. Dieses Material aber war nicht nur dürftig, sondern es war auch, wie die Kolonialabteilung behauptete, falsch. Ganz besonders unschön war es, daß das rheinische Blatt seine Vorwürfe zu einer Zeit erhob, wo tcmsend Schwierigkeiten in unseren kol onialen Ungelegenhecken bestehen. In Erwiderung auf die bekannten amtlichen Aeußerungen erklärt nunmehr der Gewährsmann der „Köln. Volksztg." in einem längeren Artikel, völlige Klarheit werde erst das parlamentarische Nachspiel bringen, toci alsdann dem Reichstage sämtliche Akten zugestellt werden müßten. Ueßer die seitens des Blattes veröffentlichten Auszüge aus den Akten gehe die amtliche Erklärung meistens schweigend hinweg und veröffentliche ihrerseits andere Aktenstücke. Die amtliche Erklärung bestreite nicht die Richtigkeit der von der „Volksztg." angezogenen Schreiben. . Es sei unbegreiflich, zu sagen, das Blatt hätte nur neue ungewisse Behauptungen aufgestellt. Diese Behauptungen stützten sich auf Akten, die auch im Besitze des Kolonial- amtes sowie des Reichskanzlers seien. — Jetzt hat wieder das Kolonialamt das Wort.
Einen Gewährsmann ftaglvürdiger Art scheint auch das Reutersche Bureau zu besitzen, das sich auL Sud west- a fri ka eine Tatarennachricht über eine angebliche Schlappe der Deutschen melden ließ. r t ,
Freilich, wenn es Ungünstiges über Deutschland zu berichten gibt, dann sind auch sonst gewissenhafte englische Bureaus nicht sehr sorgsam in der Nachprüfung der ihnen zugehenden Meldung. Deshalb kann es auch nicht Wunder nehmen, wenn die englische Presse immer wieder Alarmnachrichten über das Stocken oder gar em Scheitern der
deutsch-französischen Verhandlungen zur Marokko-Frage bringen. Richtig ist nur, daß die Verhandlungen langsam von statten gehen, aber nichts pricht dafür, daß dabei das Sprichwort „Was lange wahrt, wird gut", keme Geltung erhalten werde. Jni Gegenteil! Zwischen Rouvier Und Revoil einerseits und dem Fürsten Radolin und Dr. v. Rosen andererseits fanden am Samstag drei weitere Besprechungen statt. Ein endgiltiges Resultat wurde anscheinend ja noch nicyt erreicht, doch gab man im ftanzös. Ministerium des Aeußern die beruhigende Ber- icherung, daß die Grundlage eines Einvernehmens gefunden sei, und eine ähnliche Erklärung findet ich in der „Nordd. Mg. Ztg."
Dasselbe gilt von den s chwed isch-n o we gischeu Verbandlungen in Karlstad. Eine ftühere Meldung von her Beilegung aller Streitigkeiten war allerdings ver- ftüht Tie Konferenz aber vom Samstag war die letzte, und amtlich wird mitgeteilt, daß es gelungen ist, ein U eb er» ein kommen zu erzielen. Die Protokolle sollen w fang dieser Woche gleichzeitig in Stockholm und in ^^1= stianir veröffentlicht werden. Als die Delegierten das Ber- handlungsgebäude verließen, bereitete eine große Menschenmenge den schwedischen Delegierten lebhafte Kundgebungen. Die Delegierten reisten bereits ab. König Oskar ist der einzige Groller. Er behauptet, die Norweger hätten sich schlecht benommen, umso schlechter, als sie die Verantwortung für die Ereignisse auf ihn schieben und die Welt glauben machen wollen, daß der Bruch durch seine Schuld unvermeidlich geworden sei. Die Einheit werde nicht wiederhergestellt werden. Er ist davon überzeugt, daß niemals einer seiner Söhne oder Enkel König von Norwegen wird.
Ob auch in Ungarn „Was lange währt, gut werden" wird, ist allerdings eine andere Frage. Nahezu % Jobre dauert bereits der Streit zwischen der Regierung und der Mehrheit der Volksvertretung, aber noch ist keine Einigung gesunden. Auch in der vergangenen Woche haben Besprechungen zwischen dem König und hervorragenden ungarischen Poltiikern stattgefunden. Die letzte 'Audienz der Führer der Koalition beim Kaffer dauerte aber nur fünf Minuten. In derselben gab der Kaiser schriftlich seine Bedingungen bekannt, unter denen er ein Kabinett zu ernennen geneigt sei Das Programm, das aus diesen Bedingungen zusammengesetzt ist, erklärt gleich anfangs kategorisch, daß in der Frage der Kommando- und Diensffprache keine Zugeständnisse gemacht werden und daß in den pragmatischen Grundlagen der Monarchie nichts geändert werden dürfe Nach der 'Audienz begaben sich die Führer der Koalition zum Minister des Meußem imb erklärten, daß sie nur noch mit einem Ungarn die Verhandlungen sorffetzen würden. Hierauf erwählte der Kaiser den Grafen Cziraky, um mit den Führern weiter zu verhandeln. Man ist also vom Ziele der Einigung weiter denn je entfernt und die Stimmung in Ungarn schwankt zwischen Bestürzung und Zorn. Die 'Annahme des Ultimatums der Krone seitens der Koalition erscheint ausgeschlossen, umsomehr, als die Auffassung vorliegt, daß die schroffe Form nur gewählt worden ist, um die Koalition zu demütigen oder zurückzuweisen. Die Konsequenzen sind unabsehbar.
Daß in Paris in letzter Zeit wichtige Dinge vor sich gegangen sind, dafür zeugte die lange Verhandlung Wittes mit dem französischen Ministerpräsidenten Rouvier, dem Präsidenten Loubet sowie dem deutschen Botschafter Radolin. Er sprach auch über Rußlands Beziehungen zu Deutschland und sagte, sie seien freundschaftlicher als je zuvor; doch habe sich an der französisch-russischen 'Allianz nichts geändert. Frankreich wird sich also durch großes finanzielles Entgegenkommen und vielleicht durch noch andere politische Maßnahmen wieder die größere Freundschaft des Zaren neu verdienen müssen. Wittes Besuch bei Kaiser Wilhelm in Rominten steht am Dienstag bevor Er befindet sich bereits auf der Reise dorthin.
Ick Japan ist die Ruhe noch nicht völlig eingekehrt Täglich finden noch Massenverhaftungen statt Auch im Kaukasus und in Polen tobt und wetterleuchtet das blutige Gewitter des 'Ausstandes. In Aydam (Kaukasien) wurde neuerdings ein deuffcher Untertan Namens Josef Jorbschat, in Warschau der Brauereidirektor Zaremba ermordet.
Während Rußland von inneren Revolten zerfleffcht wird, beginnt der Balkan immer lebendiger zu werden. Rumänien und Griechenland stehen im Begriff, einen recht üblen Froschmäusekrreg zu inszenieren, ebenso Serbien und Bulgarien. Macht sich darin die Hand der englischen Politik bemerkbar? Die englischen Parlamentsmitglieder Bryce und Moore inspizieren seit einigen Wochen die maeedonischen Distrikte. Wer weiß, was da noch werden mag. 'Allerdings pflegt es auf dem Balkan nie vor Beginn des Frühlings ernstlich loszugehen. Dann aber, wenn der Schnee schmilzt, totsicher.
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Verantwortlich für den polit und allgem. Teil: P. Wittko: für „Stadt und Land" und „Gerichtssaal": August Goetz; für den Anzeigenteil: Hans Beck.
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