Ausgabe 
25.1.1905 Erstes Blatt
 
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Nr.

Erstes Blatt.

155. Jahrgang

Mittwoch 35. Januar 1905

GietzenerAnzeiger

General-Anzeiger

Amts- Md Anzeigeblatt für den Kreis Gießen

Erscheint täglich außer Sonntags.

Dem Gießener Anzeiger werden im Wechsel mit dem hessischen Landwirt die Gießener Zamilieo« Üatttr viermal in der Woche beigelegt.

Rotationsdruck u. Der- lag der Brühl'ichen Univers.-Buch-u. Stein- druckerei. 9L Lange. Redaktion, Ervedrtion und Druckerei:

Schulstratze 7.

Adresie für Deveschen: Anzeiger Gieße».

HernsprecbanlchlußNr 51.

vezugSprei-r monatlich 75'M, viertel­jährlich Mk. 2.20; durch Abhole- u. Zweigstellen monatlich 65 Pf.; durch diePost Mk.2.v'iettel- jährl. ausfchl. Bestellst. Annahme von Anzeigen ir die Tc rsrnnnnrer 's vo-rnittaqS 41 -chr.

Zc'^envreiS: ok-u!2Pf^ anSwärts?9 3*j.

^ßrantwor^L'ch für den poltL und cu,e..r. Teil: P. Wittto: für »Stadt und ßanb" und Gerichtsfaatt: August Goetz; für den An­zeigenteil: Hans Beck.

.gemessen zu heben, befahl jedoch derr der kaiserlichen Familie, einigen Mi-

Die Ereignisse in Hlußland.

normal.

Wilna, 24. Jan. Die Stadt ist ruhig.

Kowno, 24. Jan. liehen hiesigen Fabriken Arbeit niedergelegt. Die

Die hiesigen Arbeiter sind ausständig.

Gestern haben die Arbeiter in sämt- und in den Eisenbahnwettstätten die

Salven strecken überall die fliehen dc Menge nieder, und unter der Füsilade sucht man die Toten undi Verwundeten auf. Die Soldaten fielen auf die Köpfe und die Opfer sind furchtbar verstümmelt. Eine Frau fällt neben mir nieder, etwas weiter gleite ich aus; ich sehe ein acht-" jähriges Kind, das kein menschliches Antlitz mehr hat. Seine Mutter weint vor der Leiche kniend. Ich beende hier meinen Bericht; ich bin wie gebrochen von dem unerhörten Schau­spiel solcher Metzeleien.

Der Zar.

Aus Petersburg erhält dieDeutsche Tagesztg."^ fol­gende Mitteilung, die sie allerdings auf ihre Zuverlässig­

fort. Verhaftungen! «a,ns Arbeiterkreisen sind noch richt vorge- ( kommen. Die Führer der Arbeiterbewegung befinden sich auf 1 freiem Fuße. Wassiliew, der als Verterter einer Ab- teilung des Arbeiterklubs Gapon am Sonntag begleitete, rft ; getötet worden. Drei Gehilfen Gapons sind verwundet. Gapon hält sich versteckt. t ,

Die Arbeiter der großen Kesselfabrik von Var: hatten heute die Arbeit ausgenommen. Darauf drangen die Arbeiter von den Elektrizitätswerken in die Fabrik ein und Merlan gl en unter Androhung von Gewalt die Einstellungcher Arbeit. Die Fabrik stellte darauf die Arbeit ein.

Der Arbeiterklub ist auf Anordnung des Stadthaupt­manns aufgehoben worden. Der Redakteur der Zeitung Prawo", I e s s e n , ist v e r h a f t e t worden. Heute nacht wurden ferner Professor Karejeff, die Schriftsteller Pe­sch e ch o n o f f und A n r e n s k v und die Stadtverordneten Rechts­anwälte Kredin und Schnitnikof, verhaftet. Auch der Dichter Maxim Gorki ist verhaftet worden!

Die K o s a k e n verfolgen eine Menge Arbeiter und schlagen mit den Säbeln auf sie ein. Einige Arbeiter wurden ver­wundet Auf dem Rewsky-Prospekt und den anliegenden Straßen ist die Haltung des Publikums unruhig. Alle Fenster der Erdgeschosse sind durch Bretter verschlossen.

Die Vorstadt Simonow, die fast nur von Arbeitern bewohnt ist, ist ruhig. Die, Arbeiter sammeln sich in Gruppen, verursachen aber keine Ruhestörungen.

Die Arbeit auf der Zentralstation der Belgischen Elektrischen Gesellschaft wurde eingestellt Die Gesellschaft hat die meisten Beleuchtungsabonnenten

Derlandwirtschaftliche Kongreß, der vom.29 Jan. bis zum 5. Februar stattfinden sollte, wurde .vorn Landwrttschasts- mimster bis auf weiteres abgesagt

Ferner liegen folgende Nachrichten aus den Pro­vinzen vor: , , .

Moskau, 24. Jan. Um mittag näherte sich nn Haufen Arbeiter anderer Fabriken der Fabrik von Hoppen, um die A r - beits ein st ellun g zu erzwingen. Die Arbeiter drangen mit Gewalt in die Fabrik ein und nötigten die Arbeiter m Einstellung der Arbeit. Diese Fabrik besänftigt 500 Mann Gleiü)- zeitig ist in dem ganzen Umkreise an der Danilowstraße in den Fabriken von Jaguot, Schustow, Hievartowstt,uud Lictster- mann, sowie in anderen Fabriken die Arbeit eingestellt worden. Bis heute mittag 12 Uhr betrug hier die Zahl der A u s stän­digen 10 000 Mann. Die Stimmung in den Arbeiterkretten war heute morgen stark erregt, gegen abend aber ist sie ruhi g er geworden Eine größere typographische Anstalt, welche vier Zeit­ungen druckt, hofft, sich mit den Arbeitern einigen und dann sofort die Arbeit beginnen zu können. Die Bäcker, Kutscyer und Dienstboten verhalten sich ruhig. In einer Vorstadt Moskau^ sammelten sich im Laufe des Nachmittags kleine Arbeitergruppen an Im Zentrum und in der Kremlstadt herrscht vorläufig Ruhe Tie Haltung des Publikums und der Gang der Geschäfte ist

Bekanntmachung.

Aus Anlaß des Geburtstages Sr. Majestät des Deutschen Kaisers bleibt

Freitag bett 27. ds. Mts.

unsere Kasse geschlossen.

Gießen, den 25. Januar 1905.

Großherzogliche Bezirkskasse L

Hansult.

Arbeiter der Fabriken Tillmanns stellten heute morgen die Arbnt ein. Sie verlangen Abänderung einiger in der Fabrik bestellenden Bestimmungen sowie Lohn­erhöhung Die Antwort auf ihre Forderungen wurde von den Arbeitern nicht abgewartet. Unter dem Drucke der Arbeiter der Fabriken Tillmans stellten auch nach und nach die Arbeiter aller anderen Fabriken die Arbeit ein. Heute abend wurden alle Laden geschlossen Ruhestörungen seitens der Arbeiter sind Nicht vor-

Sckanntmachung.

Aus Anlaß der Feier des Geburtstage? Sr. Majestät des Kaisers bleibt das Ortsqericht Gießen

Freitag bett 27. Januar geschlossen.

Gießen, den 25. Januar 1905.

Großherzogliches OrtSgericht Gießen.

Gros.

gekommen. ( £ .

Radom (Polen), 24. Jan. Die Stadt befindet nw m einer Lage, die dem Belagerungszustand gleicht. Militärpatrouillen mit scharf geladenem Gewehr. Gendarmen und Polizisten mit blanker Waffe durchziehen die Straßen und versuchen zusammen- gerottcte Reservisten, Arbeiter und Sozialisten durch Salven aus- einanderzutreiben, die in die Menge abgegeben werden. Tas Volk schießt seinerseits ebenfalls auf Militär und Po­lizei Drei Offiziere wurden erschossen. Verschiedene Baulichkeiten sind durch Dynamit in die Luft gesprengt worden.

Ueber das Niedermeheln Wehrloser am Sonntag in Petersburg meldet ein Berichterstatter des Matin" noch folgende Einzelheiten:

Um P/2 Uhr nachmittags befinde ich mich in der Mitte einiger friedlicher Passanten, welche die Demon- tranten erwarten. Plötzlich läßt ohne eine Provokation ein Kapitän der Garde zu Pferde eine Eskadron gegen uns los, die alles n i e d e r s ä b e l t. Ich stelle ir V. längs dem Gitter des Alexander-Gartens auf, um den Ereignissen zuzuschauen ohne Gefahr vor den beständigen Kavallerie-Angriffen. Die Uhr der Admiralität schlägt zwei. An dieser Stelle herrscht tiefste Stille. Plötzlich. ertönt im Garten das Geknatter einer starken Füsilade. Die Soldaten des Regiments Preobraschenski) schießen ohne jede vorherige Ankündigung wie bei einem Massare- Spiel auf die unglücklichen Menschen, die dort zu­sammen gedrängt sind; mehrere Hundert Personen fallen Es gibt mehr als 150 Tote, fast alles sind Kinder, Frauen und junge Leute. Es ist entsetzlich. Das Blut rinnt überall. Vis drei Uhr hatte es in den dicht­bevölkerten Stadtteilen kein Blutvergießen gegeben, aber in anderen Vorstädten schießen die Truppen und säbeln alles nieder Man sagt, der Vater Gapon sei verwundet worden, als er mit dem Kruzifix in der Hand vor den Arbeitern der Puttlow-Werke in die Stadt zog.

Um fünf Uhr wird die Menge von allen Seiten gehetzt, abgeschnitten und zurückgeworfeu. DaS Volk fluchtet ent­setzt. Frauen und geängstigte Kinder gleiten aus und er­heben sich wieder, um wieder zu fallen. In diesem Augen­blick ertönt ein scharftr Kommandoruf, und die Opfer fallen- massenb-aft. Die Niederwerfung ist furchtbar. - U n r u h e u 7at es eigentlich n o ch, k a u m g e g e b e n; alle Manifestanten sind unbewaffnet und haben keine einzige Drohung ausaestoßen. Mau kann sich von diesem scheußlichen Schau­spiel nicht abwenden und sieht Leute weinen, wahrend sie einigen gutherzigen Leuten helfen, unter dem teilnahms­losen Ailge der Offiziere die unglücklichen Opfer auf die Schlitten zu heben/.Ich erreiche danu W a s s i l - O st r o w | Ucbcrall befinden sich Mtciluuaeu von Kosaken. Die

treibend"?

Aus dem Newski-Prospe'tt in Petersburg hat nach pri­vaten Berichten die Infanterie gestern etliche. 20 Arbeiter erschossen. Es ist festzu stellen, daß die Soldaten meist in die Luft g-esch offen haben, woraus es sich erklärt, daß sämtliche Bogenlampen zertrümmert sind. Einer offi­ziellen Angabe zufolge hat es Astern nichtsdestoweniger von morgens 8 bis abends 128 Tote und 380 Ver­wundete gegeben.

Tie heutigen offiziösen Nachrichten aus Pe­tersburg lauten:

Petersburg, 24. Jan. Die in den Kassen der Ar. beite- vorhandenen Mittel sind unbedeutend; nur die Narvasthe Abteilung des Arbeiterklubs, die nächste an der Putilow- fabrik, hat in ihrer Kasse 15 000 Rubel. Den Bedürftigen werden nur ganz begrenzte Summen ausbezahlt. Die gebildeten Stände setzen btc Sammlung von Mitteln für die Verletzten

Im Ton ernster Mißbilligung bemerkt dieNordd. Mg. Ztg." zu den Ereignissen in Rußland die Ueberschrift lautet: Die Arbeiterbewegung in Rußland folgendes: ,,Es werden von einzelnen Z-eituugsberichterstattern und namentlich von gewissen ausländischen Agenturen offen­sichtlich übertreibende Meldungen verbreitet."

Daß in der ungeheuren Erregung, die mehr oder weniger sich auch dem beobachtenden Journalisten mitteilt, einzelne unrichttge oder nicht ganz genaue Nachrichten verbreitet werden, mag zugegeben werden. Von U.ebertreibung ilt (wer- solange nicht zu.sprechen, als die offiziellen russischen Mel­dungenoffensichtlich" darauf ausgehen, die Wahrheit zu verschweigen. Wagte doch der erste offizielle Bericht aus Petersburg von dem Blutsonntag zu behaupten:Ewige Verwundungen sind vorgekommeu 1" Kühneres von Wahr­heitsverdrehung und Vertuschung konnte kaum geleistet wer­den. Wie kommt es denn, daß in den hauptsächlichen Tat­sachen die fianzäsischen und die englischen Berichte voll­kommen übereinstimmen mit den von den deutschen Korre­spondenten gelieferten? Beispielsweise hatte der Peters­burger Mitarbeiter desBei?!. Tagebl." die Zahl der Getöteten auf zweitausend angegeben. Heute de­peschiert der Petersburger Berichterstatter des . Pariser Journal", der dieselbe Zahl meldete:Ich halte die Ziffer von 2000 Toten ausiecht." Man erfährt bei dieser Gelegen­heit noch, daß zahlreiche Kinder^ die auf die B äume des Alexandergartens sich geflüchtet hatten, von dort ,,w i e Spatzen" herabgeschossen wurden. Kann denn aus Rußland überhaupt etwas berichtet werden, das von vorn­herein dem Verdacht der Unwahrscheinlichkeit gegen sich hat? Es ist dort schlechterdings alles möglich. Hätte die Presse nicht dort ihre Privatkorrespondenten und wäre sie aus die von der Zensur zurechtgestutzten Telegramme ange­wiesen, so würde ein ganz unrichttges Bild sich ergeben.. Die Zeitungen sind eine wichtige Quelle für die Geschichte. Wer es aber etwa unternähme, nach den Schilderungen und Darlegungen Geschichte zu schreiben, wie sie von den russischen Preßbehörden in die Welt gesetzt werden, der würde sich einer argen Geschichtsfälschung schuldig machen und schwerlich irgendwo Glauben finden. Es ist bezeich­nend, daß selbst in dem , Berl. Lokalanz.", der häufig zu deutschen offiziösen Ki'ndgebungen benutzt wird, und dem von Ministern wiederholt öffentlich Lob gespendet wurde, die Zustände in Rußland in den dunkelsten Farben wie sie eben sind gemalt werden. Sind auch die von dieser Seite herrührenden Meldungenoffensichtlich über-

Ein kaiserlicher Erlaß an den dirigierenden Senat führt aus:

Tie Ereignisse der letzten Tage in Petersburg haben ge­zeigt, daß es notwendig ist, außerordentliche, den Zeitunr- '"tänden entsprechende Maßregeln zur Aufrechterhaltung der; Staatsordnung und der öffentlichen Sicherheit zu ergrerfen. Deshalb haben wir für nöttg erachtet, das Amt eines Petersburger Generalgouverneurs cmf der Grundlage der gesetzlichen Bestimmungen über die Gou- vernementschess und der nachfolgenden Regeln zu errichtens 1. Dem Petersburger Generalgouverneur werden Stadt uns Gouvernement Petersburg untergeordnet. 3. In den Fragen! betteffend die Aufrechterhaltung der Staatsordnung undi der öffentlichen Sicherheit werden dem Generalgouverneur; alle lokalen Zivilbehörden und die Lehranstalten aller Ressorts unterstellt. 3. Der Generalgoiwerneur besitzt das Recht, nach Uebereinkunst mit dem Minister des Innern, die im Artikel 140 des Zensurstatuts angegebenen Maßregeln! zu e rgreisen. 4. Abgesehen von dem Rechte, nach Maßgabe) des Gesetzes obligatorische Verfügungen über den verschärf­ten Schutz zu treffen, hat der Generalgouverneur das Rechts obligatorische Verfügungen zu treffen über Gegenstände de- tteffend die öffentliche Ruhe und Ordnung seiues gebietes unter Festsetzung von Strafen und des Zerfahrens in Fällen von Ueberttetungen solcher Verfügungen gemäß den Artikeln 15 und 16 des Gesetzes über den verschärften Schutz, wobei der Generalgouverneur mit der Erledigung dieser Sachen den Gouverneur und den Stadthauptmmm; von Petersburg, die ihm untergeben sind, beauftragen raun. 5. Der Generalgouverneur hat das Recht, zur Unterstützung der Zivilbehörden Militär herbeizurufen, sobald er e§ für nötig erachtet, und nach seinem Gutdünken die Waffen­gattung, die Anzahl und die Heeresteile zu besttmmen, welche sodlinn feinen Befehlen Erflehen. 6. Dem Öeneralgou- berneur unterstehen in feinem Amtsbezirke btc Peter?. Immer Gendarmeriebertvaltung, die Eiseribahngeiwarmen und in polizeilicher idinsicht alle Behörden und Amts­personen in der zu Eisenbalchzweckett expropriierten Zone. 7. Dem Gencralgouverneur sind in polizeilicher Hinsicht alle Kronsfabriken und Werkstätten in seinem Amtsbezirke unterstellt. 8. Me Rechte des Ministers des Innern be­züglich der Bestätigung im Amte von Mitgliedern der Kom­munalbehörden und der Semsttvo im Bereiche der Haupt­stadt und des Gouvernements gehen an den Generalgouver­neur über. 9. Dem G^eneralgouvernenr steht daS Recht zu, einzelnen Persönlichkeiten den Aufenthalt in seinem AmtS.- bezirkc zu verbieten. .

Ter Stadthauptmann ^Generalleutnant Fulk in wuroe . vom Kaiser ja.us sein Gesuch v c rab s chic de t imttr ve- lassung in seiner Stelle als Generaladjutant bev Kattcrs.

TerStandard" meldet aus Libau, die kaiserliche JachtStandard" werde dort erwartet, um den Zareu mit seiner Familie n a ch Kopenhagen 311 bringen.

Daily Telegraph" meldet aus Petersburg vom L3.: . ES hat sich ein ?l n S s ch n ß v 0 n L i b e r al e n gebildet, der sich als die provisorische Regierung Rußlands bezeichnet. Der Ausschuß erklärt, cs würden die Zinsen aller bisher abgeMojzcnen Anleihen bc^lt Norden. ab£R,

kett nicht prüfen kann:

Obwohl der Zar die Besttmmung desKartätschenschusses wohl richttg erfaßt hat, beherrschte er sich zunächst, soweit es ihm möglich lvar, und schien dem Vorfall keine allz-s> große Bedeutung beigemessen zu haben, befahl jedoch bett meisten Mitgliedern der kaiserlichen Familie, einigen Mi­nistern und Geistlichen, sich im Anitschkow-Palais bei der Kaiserin-Witwe z-u versammeln. Dort augelangt, for­derte der Kaiser Nikolaus die Anwesenden plötzlich auf, angesichts de. heiligen Bilder mis Liebe zum Vaterlande und im Nmnen der Menschttchkelt bte Wahrheit über die unverkennbare Bewegung im russischen Volke zu lüsten. Beiiw Sprechen war der Zar furcht­bar aufgeregt. Seine Gesichtszüge verzeiwten sich und bald sank er fast ohnmächtig in den Sessel zu ruck. Dieser Vorgang übte auf die Anwesenden einen ttesen Ein­druck aus. Großfürst Wladimir suchte den Zaren zu be­ruhigen, in dem er die Hilfe des Metropoliten Antonius in Anspruch nahm. Auch 'die Kaiserin-Witwe tat ihr mo<£ lichstes. Nach, kurzer Zeit erholte sich der Zar, bat ;edoch noch einmal, man möge ihm alles, alles erzählen und nichts verschweigen, da ihn die Ungewißheit sehr peinige. Die Beratungen fanden jedoch nur kurz^ Zeit statt, da matt sich dahin einigte, sofort die genauesten Mitteilungen über die Ereignisse der letzten Tage und über den zufälligen^ Kartätschcnschuß einzuholen und dann -aut Samstag oder Sonntag in Zarskoje-Selo über weitere Schritte zu beratert. Auch wußte man den Zaren zu überreden, Zarskoje-L>eio nicht zu verlassen, da die ausständischen Arbeiter ut Petersburg leicht zu Uebergrifsen schreiten könnten.

Trotzdem der Justizminister und der Minist^ des, Innern von der u-nter der Führung des Priesters Gapon organisierten Bewegunig und den Forderungen der ^.rbetteu genau unterrichtet waren, wurde dem Zaren darüber auch n i ch t e in W 0 r t g e sa g t, und die Arbetterdemonsttatrow in einem ganz anderen Lichte geschildert.

Dkkanntmachnng.

Betr.: Rotlaufseuche zu Holzheim.

Nachdem festgestellt ist, daß unter dem Schweinebestand Les Joh. Gg. Bingel zu Holzheim der Rotlauf er­loschen ist, werden die angeordneten Sperrmaßregeln hier­mit aufgehoben.

Gießen, den 23. Januar 1905,

Großherzoa'' .5 Krtt^amt Gießen.

__I. V.: Hecbler.__

Bekanntmachung.

Zur Feier de§ Geburtstages Seiner Majestät des Kaisers findet am Freitag, den 27. l. MA, vormittags, Parade auf Oswaldsgarten statt. Dieser Platz wird daher an genanntem Tag von vormittags 10 Uhr ab für jeden Verkehr gesperrt werden.

Gießen, den 17. Januar 1905.

Großherzoglio-eo 'iwrizeiamt Gießen. Herberg.