Ausgabe 
24.5.1905 Zweites Blatt
 
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Nr. 131

Zweites BlE

155. Jahrgang

Mittwoch 34. Mai 1905

Gießener Anzeiger

Vrlchctnt tHßNch Ausnahme befl Sonntag».

General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Liehen

Die "Vtetzenrr ZamilienblStter- werden dem Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt. Der «Hessisch» Ccmöolrt* erscheint monatlich einmal.

Redaktion,Expedition ».Druckerei: Schulftr.I« Tel. 9k. 6L Telegr.-Adn r Anzeiger Elebea,

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'ich« UnwerfttätSdruckeret. R. Lange. Dietz«.

Lärmszenen im englischen Unterhaus.

Im englischen Unterhaus haben sich am 22. d. M. so stürmische Vorgänge abgespielt, wie sie die Geschichte oes englischen Parlaments kaum kennt. So ar es (lib.) stellte die Frage, ob die Regierung, wenn sie zurzeit der im Jahre 1906 abzuhaltenden Kolonialkouferenz noch im Amte sei, beabsichtige, die britischen Vertreter zu ermächtigen, die Frage der Vorzugszölle mit den Vertretern der Kolonien zu erörtern. Premierminister Balfour erwidert, diese Frage sei von der Regierung noch nicht in Erwägung gezogen worden, aber keine Regierung könne den Besprech­ungen der Konferenz Schranken setzen, besonders wenn die Regierung eine engere Handelsverbindung mit den Kolonien wünsche. In Erwiderung auf eine Reihe weiterer Fragen, die von Campbell-Bannermann und anderen Mitgliedern der Opposition gestellt werden, stellt der Premierminister es in Abrede, daß er die Politik, wie er sie in seiner am 3. Oktober 1904 in Edinburg gehaltenen Rede gekennzeichnet habe, aufgegeben habe und versichert, daß er nach wie vor Anhänger derselben sei. Weiter erklärt der Premier­minister, die Kolonialkonfereuz solle frei sein, sie könne aber weder die Kolonien noch das Mutterland binden. Dar­auf beantragt Campbell-Bannermann unter lauten Beifalls­rufen der Liberalen die Vertagung des Hauses, um Stellung zu nehmen zu der Erklärung Balfours, daß die Frage der Bevorzugung der Kolonien möglicherweise der Kolonial- konferenz unterbreitet werde, bevor das Land Ge­legenheit habe, seine Meinung zu äußern. Er führte aus, die Erklärung Balfours bedeute einen Wechsel in der Politik der Regierung, und verlangt Aufklärung hierüber. Darauf erhebt sich K'olonialminister Lyttelton zur ^Ant­wort; die Liberalen jedoch, die eine sofortige Antwort von Balfour selbst wünschten, brachen in unausgesetzt wieder­holten Ruf aus: Balfour! Balfour! Lyttelton versucht ver­gebens, sich Gehör zu verschaffen: doch ist in dem Lärm nicht ein Wort von seinen Ausführungen zu verstehen. Der Vizesprecher legt sich ebenfalls vergeblich ins Mittel, indem er erklärt, daß Balfour später das Wort ergreifen werde. Tie Opposition weigert sich, Lyttelton anzuhören; dieser spricht länger als zehn Minuten zum Hause, ohne daß seine Rede vernehmbar ist, und setzt sich schließlich nieder. Der Lärm dauert fort. Während aller dieser Vorgänge weilt Balfour in gewohnter Ruhe auf seinem Posten. Nachdem Lyttelton seinen Platz wieder ein­genommen hatte, versucht Winston Churchill (lib.) zu reden, seine Stimme wird aber durch lärmende Rufe der Ministeriellen übertönt. Der Kolonialminister erhebt sich später abermals und versucht zu sprechen, er wird wiederum niedergeschrieen. Balfour erhebt sich und erklärt: Ich habe nie gehört, daß das Haus sich je geweigert hat, ein Mit­glied der Regierung in die Negierung berührenden Fragen anzuhören. (Beifall und Unterbrechungen.) Ick habe nie gehört, daß es eine Opposition gegeben hat, die es für ihr Amt gehalten hat, die Reihenfolge der Redner vorzu­schreiben. Wenn der heutige Auftritt eine Nachfolge finden sollte, so würde dies das Parlament zugrunde richten. Nach diesen Erklärungen des Premierministers machte Lyttelton einen neuen Versuch, zum Hause zu sprechen, aber aufs neue erhebt sich Lärm. Der Ko­lonialminister fährt ruhig in seiner Rede fort, sie geht aber im Tumult völlig verloren. Mac Neill (Ire) ruft dem Minister zu:Schaffen Sie Ordnung im Kulilager", wäh­rend andere Iren ihm spöttisch zurufen:Rufen Sie die Polizei zur Hülfe" und dem Premierminister politische Feig­heit vorwersen. Nachdem die Läsrmszenen eine Stunde gedauert hatten, erklärte der Sprecher auf Grund der Geschäftsordnung die Sitzung für vertagt.

Als Premierminister Balfour bei Eröffnung der Sitzung am 23. d. M. den Sitzungssaal betritt, wird er mit lauten Zurufen von den Ministeriellen begrüßt. Camp- bell-Bannerma>nn richtet hierauf an den Premier­minister die Frage, ob er angesichts der Verwirrung, die durch die letzten ministeriellen Erklärungen über die Fiskal­politik hervorgerufen sei, Gelegenheit geben wolle zur Besprechung eines Tadelsvotums gegen die Negierung. Balfour erwidert, zwei Minister seien gestern abend bereit gewesen, jede Verwirrung über die Fiskalpolitik zu beseitigen, seien aber durch eine schimpfliche Szene, die sich gestern zugetragen habe, daran gehindert worden. Er habe nicht bemerkt, fährt Balfour fort, daß Campbell-Bann ermann irgend Schritte getan habe, um die Szene zu beendigen. Er habe keineBedenken, Gelegen­heit zur Besprechung des Tadelsvotums zu geben unter der Voraussetzung, daß die Debatte unter den gewöhnlichen Bedingungen des Anstandes und der Billigkeit stattfindet. (Beifall bei den Ministeriellen.) Hierauf tritt das §au^ in die Beratung des Finanzgefetzentwurses ein.

Der neue ReichsgerichtSpröfident.

Die Ernennung deS Unterstaatssekretärs Frei Herrn o. Seckendorfs zum Präsidenten des Reichsgerichts ist vom Kaiser vollzogen und dem neuen Präsidenten gleichzeitig der Charakter als Wirklicher Geheimer Rat verliehen worden. Rudolf Frhr. v. Seckendorff ist am 22. November 1844 in Köln geboren, zur Zeit also 60 Jahre alt. Sein Vater war der langjährige Kölner Oberprokurator und spätere Ober­reichsanwalt, Wirkt. Geh. Rat Dr. Eduard Frhr. v. Gecken- dorff, der 1884 in Leipzig gestorben ist. Im November 1865 trat Rudolf v. Seckendorff als Auskultator beim Kammergericht in den Justizdienst und wurde, nachdem er den Feldzug von 1870/71 als Reserveoffizier deS 12. Dragoner- Regiments'mitgemacht hatte, im Januar 1872 zum GerichtS- assessou ernannt. Er ging darauf in den Justizdienst der Reichslande über und wurde Staatsprokurator in Metz. 1879 als RcgierungSrat und ständiger Hilfsarbeiter in das Reichs- jusiizamt berufen, erhielt er 1882 den Charakter als Geheimer Regierungsrat und 1885 seine Ernennung zum vortragenden Rat und rückte 1890 zum Geheimen Oberregierungsrat auf. Nach fast zwanzigjähriger Tätigkeit beim Reichsjustizamt, neben der er in den letzten Jahren namentlich auch als ständiges Mitglied beim kaiserlichen Patentamt gewirkt hatte, wurde Frhr. v. Seckendorff im Januar 1899 rum Unter-

staatssekretär im preußischen Staatsministerium ernannt und übernahm im selben Jahre auch noch das Nebenamt eines Mitglieds des kaiserlichen Disziplinarboss in Leipzig.________

NeMische Tritt es schau.

Zur Flottenverein-Versammlnng.

Auf der Han Pt Versammlung des Deutschen Flotten­vereins in Stuttgart am Sonntag dürfte es lebhaft her­gehen. Dem von der brandenburgischen Provinzialgrnppe vertretenen Standpunkt, daß der'Flottenverein in seiner Werbetätigkeit nickt über die Unterstützung der Marine- forderungen der Negierung hinausgehen solle, ist Wider­spruch gewiß. Andererseits kann kaum ein Zweifel sein, daß diese Beschränkung von hoher Stelle gewünscht wird, son'st hätte trt der Delegiertenversammlung der branden­burgischen Provinzialgruppe deren Vorsitzender, Admiral Hoflmann, nickt die Beschränkung angeregt. Der Admiral zählt bekanntlich zu den Vertrauten des Kaisers. Zudem teilte dieTägl. Rundsch." mit, daß die Krisis im Flotten­verein, welche zu dem Rücktritt zweier hervorragender Vor­standsmitglieder führte, nicht durch Mißhelligkeiten zwischen der Geschäftsleitung des Vereins und dem Reichsmarineamt, sondern durch eine kaiserliche Zuschrift veranlaßt worden sei. Der Kaiser ist also offenbar der Meinung, daß der Flottenverein eine zu weitgehende Agitation entfaltet habe, die der Verständigung der Marineverwaltung mit dem Parlament nicht förderlich sei und speziell die Aussichten der für den Herbst zu erwartenden Flottenvorlage ungünstig gestalten könne. Der Flottenverein brachte sich durch diese Agitation tatsächlich in den Ruf, uferlose Pläne zu ver­folgen, und er übertrumpfte die Marineverwaltung, indem er seine Forderungen als das Mindestmaß des Notwendigen bezeichnete. Dadurch toitrbe der Anschein erweckt, als seien die verantwortlichen Männer in der Regierung nicht in der L(age oder nicht entschlossen genug, das Maß des Notwen­digen zu erkennen oder zu fordern. Der Staatssekretär v. Tirpitz sah sich indessen veranlaßt, bei der Beratung des letzten Marineetats den Scheidestrich zwischen sich und dem Flottenverein zu ziehen. Bei der Volksvertretung kam der Verein vollends schleust weg; mit besonderer Schärfe äußerten sich über ihn bekanntlich die Vertreter des Zen­trums. Am Sonntag wird es von der Stuttgarter Haupt- versammlung Wohl entsprechend an den Reichstag zurück­schallen. In der mit dem Flottenverein sympathisierenden Prefse ist bereits zu leien: die Beschränkung der Agitation verwandle den selbständigen Volksverein in eine behördliche Institution mit obrigkeitlich abgemessener Flottenbegeister­ung. Das ist übertrieben. Zuviel Unterstiitzung der Re­gierung läßt Wohltat zur Plaae werden. Wenn von maß­gebender Stelle gewünscht wirt», daß der Flottenverein in der Agitation zurückhaltender werde, so kst das nicht ein obrigkeitliches Zumessen der Flottenbegeisterung, sondern ein Hinweis auf die Grenzen, in denen sich die Werbetätig­keit halten muß, soll sie die erwartete Wirkung haben. Jedenfalls eine unerwünschte Wirkung ist, daß das Miß­trauen des Auslandes in die Friedensliebe Deutschlands genährt wird durch die übereifrig betriebene Preßkampagne. Wahrscheinlich nimmt Prinz Heinrich von Preußen im Auf­trag seines kaiserlichen Bruders an der Stuttgarter Haupt­versammlung des Flottenvereins teil, und er dürfte in vertraulichen Besprechungen die Wünsche des obersten Kriegs­herrn mit Nachdruck vertreten.

Aus Stadt und Land.

Gießen, 24. Mai 1905.

Bürgerverein. Um Mißverständnissen vorznbeugen, sei ausdrücklich betont, daß zu der morgen abend im Gießener Festsaal stattfindenden Bürgerversammlung (s. Inserat) auch Nichtmitglieder als Gäste willkommen sind. Der Gegenstand, der zur Besprechung gebracht werden soll unsere Verkehrsverhältnisse innerhalb und außerhalb der Stadt beansprucht das Interesse nicht nur Einzelner, sondern unserer ganzen Einwohnerschaft. Darum besuche jeder die Versammlung, dem die Zukunft unserer Stadt am Herzen liegt. Die Namen der Referenten, Professor Dr. Sommer und Handelskammersyndikus Dr. Knipp er, bürgen dafür, daß der Gegenstand in gründlicher und sachlicher Weise be­handelt werden wird.

* Botanischer Garten. Das Ueberwinterungshaus im botanischen Garten hat seit einigen Tagen seine Schätze hergeben müssen, um sie im Freien den Gartenbesuchern um so vorteihafter zeigen zu können. Außer dem Warmwasser- bassin ist im Garten noch ein weiteres Bassin errichtet worden, um darin exotische Wasserpflanzen zur Entfaltung zu bringen. Dem Pflanzen- und Blumenfreund kann gerade jetzt der Besuch des botanischen Gartens, in welchem die Kastanien und der Flieder blühen, auf das wärmste empfohlen werden.

Elektrische Stempelmaschinen bei der Po st. In Darmstadt ist bei bcm Postamt 1 eine elektrische Stempel- maschine zum Abstempeln der eingelieferten Brief- sendungen in Gebrauch genommen worden. Durch die Stempelmaschine wird eine wesentliche Beschleunigung in der Abstempelung der Sendungen erzielt; gleichzeitig hat sie den Vorteil, daß sie unbedingt klare, deutliche und lesbare Stempelabdrücke liefert. Frankierte Briefsendungen können durch die Stempelniaschine jedoch nur dann abgestempelt werden, wenn die Freimarken in die obere rechte Hälfte der Aufschriftseite so aufgeklebt sind, daß der obere Rand der Marken nicht mehr als etwa 1 Zentimeter von dem oberen Rande des Briefes, der Postkarte, Drucksache usiv. entfernt bleibt. Werden mehrere Marken zur Frankierung verwendet, o werden sie zweckmäßig von der rechten oberen Ecke beginnend in gleicher Höhe nebeneinander, nicht über­einander geklebt. Tie Paßbehörde in Darmstadt ersucht das Publikum, bei der Einlieferung der Briefe und Karten auf da§ zweckmäßige Auflleben der Marken achten zu wollen.

= Bersrod, 23. Mai. Auf d n gestrigen Abend Halle die von der Gememde Beuern gewählte Kommission

für den Bahnbau Gießen-Beuern eine Versamm­lung unserer Ortsbürger einberufen, um diese ebenfalls für das Projekt zu interessieren. Herr Damm aus Beuern be­richtete den zahlreich Versammelten, welche Schritte man bereits getan und welche Erfolge man bis jetzt davon habe, um dann von den Vorteilen zu sprechen, welche auch unsere Genieinde von diesem Bahnbau haben würde. Man wolle der Gemeinde Bersrod entgegenkommen, aber er gebe zu be­denken, daß zu weitgehende Wünsche nicht erfüllt werden könnten. Daraufhin entspannen sich sehr lebhafte Debatten mit dem Endergebnis, daß eine siebengliedrige Kommission aus der Mitte der Versanunlung gewählt wurde, welche sich nun mit Beuern ins Benehmen setzen soll.

Alsfeld, 22. Mai. Die Stadtverordneten haben den Voranschlag der Finan^kommission über die Be­schaffung von Mitteln für die Erbauung des Schlacht- Hofes genehmigt. Aus der Einrichtung der Herberge zu Alsfeld erwachsen der Stadt beträchtliche Kosten. Dasi ehemalige Jungblutsche Haus, in dem sich die Herberge be­findet, wurde seinerzeit von der Stadt für 10000 Mr. er­worben, der nolloendige Ausbau kostete ca. 8000 Mk., das Mobiliar 700 Mk. Die Stadt hat sich wegen einer finan­ziellen Beihilfe zu den Kosten der Herberge an die Provinz gewendet. Der Provinzialausschuß beschieo die Stadt dalstn, die gewünschte Beihilfe würde in dem Falle gewährt, wen« die Stadt die Herberge zur Verpfl^gun^sstation nach den Satz­ungen des Hessen-Nassauisck)en Verpflegungsverbandes um­wandeln würde. Der Beitritt zu diesem Verband hat aber nicht unerhebliche finanzielle Verpflichtungen zur Folge. Der Gemeinderat war der Meinung, daß die Stadt nur in dem Falle dem genannten Verband beitreten solle, wenn die Provinz das für die Herberge aufgewendete Kapital der Stadt verzinse und die Hälfte der Verköstigungskosteni trage. Wenn die Provinz sich ablehnend verhalte, so wäre es für die Stadt vorteilhafter, an den gegenwärtigen Ver­hältnissen festzuhalten. Tie Angelegenheit wurde der Fi­nanzkommission überwiesen. Infolge von Verhandlungen, welche neuerdings zwischen Vertretern des Meises und der Stadt Alsfeld stattgefunden haben, erklärte der Gemeinderat sich bereit, das Gelände am Schwabenröderweg, bestehend aus dem Plochschen Garten (ca. 6474 Qm.), Herwigs Acker (ca. 3710 Qm.), Steuernagelschen Acker (ca. 3860 Qm.) und Plochschen Acker (ca. 3940 Qm.) für die Errichtung eines Kreiskrankenhauses zur Verfügung zu stellen und das Grundstück an das derzeitige Wasserleitungsnetz anzu^ schließen und zwar auf Grundlage des heute bestehendes städtischen Wasserstatuts. Irgendwelche weitere Verbindlich?- ketten geht b'ie Stadt nicht ein. Das Gelände, welches zur Straßenerweiterung nach Festlegung der Baulinie nötig wird, behält die Stadt für sich vorweg zurück. In der Verhandlung über diesen Punkt wird erwähnt, daß der Bau­platz den Wünschen des Kreisausschusses entsprechend ge­wählt sei. Die Stadt stellt dem Kreis statt der ursprünglich verlangten 4Vr bis 5 Morgen ein Gelände in der Größe von 7 Morgen zur Verfügung. (A. O. Ztg.)

sj Fron haus en, 23. Mai. An dem steilen Abfuhr» wege des Steinbruchs bei Wolfshausen verunglückte heute* mittag der in den 40cr Jahren stehende Gast- und Landwirt Peter aus Bellnhausen mit seinem mit zwei Pferden be­spannten schwer beladenen Steinwagen. Der Mann sowohl wie auch die Pferde blieben sofort tot. Peter stammte aus Maulbach im Kreise Alsfeld; er war ein allgemein geachteter und fleißiger Mann.

§ Babenhausen, 22. Mai. Schwer verunglückt ist heute früh der bei der hiesigen Abteilung des Artillerie- Regiments Nr. 61 dienende Kanonier Ludwig Schimmel aus Klein-Linden. Ein Pferd versetzte ihm einen gefähr­lichen Schlag auf den Kopf. Die Angehörigen wurden tele­graphisch an das Krankenlager gerufen.

Wetzlar, 22. Mai. In der Frühe des gestrigen Mai­sonntags hat der Tod einen Mann dahinaerafft, welcher als der nach Lebens- und Dienstzeit älteste Verwaltungsbeamte des.Meises Wetzlar lange Jähre an hervorragender Stells gewirkt hat. Drei Jahrzehnte lang ist es dem Bürger­meister und Hauptmann o. Ldw. o. D. August Hardt be- schieden gewesen, an der Spitze t>er Bürgermeisterei Rechten­bach zu stehen. Es war am 6. September 1871, als ihm, der damals die Bürgermeisterei Greifenstein kurze Zeit ver­waltet hatte, der Auftrag zuteil wurde, die Verwaltung der Bürgermeisterei Rechtenbach, deren 'Amtssitz damals noch in Niederlleen war, zunächst kommissarisch zrr übernehmen. Am 4. Februar 1874 wurde ihm dann die Verwaltung der früher getrennten, inzwischen aber vereinigten Bürger­meistereien Rechtenbach und Lützellinden endgiltig über­tragen. Kurze Zeit darauf erfolgte auch die Verlegung seines Amtssitzes nach Großrechtenbach, wo er sich heute uoch befindet. Beinahe 34 Jahre lang hat der Verstorbene sonach dem ihm anvertrauten 'Anrte vorgestanden. Neben seiner amtlichen Tätigkeit hat der Verstorbene dem Vaterlande auch noch in anderer Eigenschaft treue Dienste geleistet, zunächst als OffiLier, deflen Brust mit den Erinnerungszeichen von 1866 und 1870/71 geschmückt war. Dahin gehört auch seine Tätigkeit als unermüdlicher Förderer des Kriegervereins- wesens. Nach dem Mcktritt des Bürgermeisters und Ma­jors a. D. Zechlln trat er an die Spitze des Kreiskr^eger- Verbandes, und wenn dieser Verband heute die stattliche Zahl von 60 Vereinen mit mehr als 3000 Mitgliedern um­schließt, so hat Haiiptmann Hardt hieran ein erhebliches Verdienst. Im Regt. Kaiser Wilhelm Nr. 116 in Gießen hat der Verstorbene militärische Uebungen als Hauptmann der Landwehr gemacht. Vor zwei Jahren starb sein ein­ziger Sohn, der bei den Mainzer Pionieren als Leutnant diente, infolge eines Unglücksfalles.

p. Katzenfnrt, 23. Mai. Heute ereignete sich hiev ein entsetzlicher Unglücksfall. Die vierzehnjährige Tochter des Handelsmannes Sternberg war am Küchen­herd beschäftigt. Plötzlich stand das Mädchen in hellen Flammen. In der Verzweiflung lief es zum Brunne"; doch die Pumpe versagte, worauf eS sich in ein nahe4 fließendes Waffer warf. (Sine Qualmsäule stieg auf. Die ganze Bekleidung war total verbrannt; selbst die Schuhe