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22.4.1905 Erstes Blatt
 
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95 Örsted Blatt. 155. Jahrgang Samstag 22. April 1905

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SB Amts- und Anzeigeblatt für den Ureis Sietzen MZZ

FernIvrechanicklußNr 51. zewenteil: Hans Beck,

"Tie yeutigs Mrmurer umfaßt 18 Seit:::«,

Hstergcdanken.

Die wunderbare Kraft, die von der Gestalt Christi über /einen Tod hinaus auf die Welt ausqeübt worden ist, erhält gerade dadurch ihre besondere Weihe und Tiefe für das gläubige Gemüt, daß sie mit dem Tode besiegelt worden ist. Diese Tat wurde der Lehre Christi zur Geburtsstunde neuen Lebens. Kein Fest greift daher so tief in die Stimmung und das Gefühlsleben der christlichen Völker ein wie das Osterfest. Denn die Bedeutung des Glaubens, dem dieses Fest geweiht ist, liegt darin, daß es es eine der gewaltigsten und unerschütterlichsten Erfahrungen der Menschheit darstellt, daß kein Wirken für die Menschheit wahrhaft fruchtbar werden kann, hinter dem nicht die Tat und die sich opfernde Persönlichkeit steht. Alle herrlichen Gedanken, die Christus ausgestreut hat, würden seiner Persönlichkeit und seinen Lehren nicht die Macht ge­sichert haben, die sie sich in Wirklichkeit eroberten, hätte nicht Christus durch seine Person diese Lehren betätigt und bezeugt, hätte er nicht in unerschütterlicher Treue gegen sich selbst, in Treue gegen die Wahrheit, dex er sein Leben ge­weiht, allen Schrecken des Todes ins Auge gesehen und alle Bitterkeiten des Kelches geleert. Sein todesüberwindender Glaube ist eine jener geschichtlichen Erfahrungen, aus denen der Glaube an den unvergänglichen Wert der Ideale, denen wir unser Leben und Streben opfern, sei es in Familie oder Staat, in der Arbeit für Einzelne oder im Dienst der Ge­samtheit, seine Hoffnung und seine Freudigkeit schöpft. Auch wer in dein materiellen Streben und Arbeiten unserer Tage keine Zeit findet, über Dauer und Wert seiner Lebensziele nachzudenken, deffen Gemüt wird doch in der Nuhe der Feier­tage leise und unbemerkt von dem sanften Flügelschlag jener seligen Stimnnmg berührt, die im geheimnisvollen Er­wachen zu neuem Lehen in den Ostertagen über Natur und Menschen weht. Lebenwcckend, zum Leben anfeuernd wirkt noch heute Oster-Stimmung auf das Gemüt des modernen Menschen, wie auf den am Wiffen und am Leben ver- zweiseltc'n Faust.

Diese Sammlung stärkt die Kraft zur Arbeit aber sie ist selbst noch keine solche Arbeit. Nur dem Tätigen gehört der Erfolg, der tatenlos Glaubende und Hoffende sorgt da­für, daß die entgegengesetzten Absichten seiner Feinde zum Ziele gelangen. Auch im Völkerleben geraten die Nationen inS Hintertreffen, die von dem Glauben an den eigenen Wert weiterzehren, aber ihn nicht in fortwährendem Arbeiten und im rastlosen Vorwärtsstreben bewähren. Spanien, China liefern gegenwärtige Beweise hierfür, Nom und Griechenland, Aegypten und Byzanz solche aus der Vergangenheit. Das deutsche Volk ist noch immer jung, so alt auch seine Ge­schichte ist. Seine Einigung hat es nach innen stark gemacht

Die Iarrnstädter Schillerfeier.

Das Osterfest fällt in diesem Jahre mitten in die ge­hobene Stimmung hinein, die angesichts des bevorstehenden Schillerjubiläums das deutsche Volk durchzieht. Man pflegt das Fest der Auferstehung sonst vorzugsweise nut dem Frühlingserwachen in der Natur in Vergleich zu stellen; diesmal darf man nach der Begeisterung, die ganz Deutsch­land der Erinnerung an seinen Schiller entgegenbringt, wohl die Hoffnung hegen, daß das Osterfest und seine guten Vorsätze auch zu einer Wiedergeburt oder wenigstens zu einer gesünderen Belebung und Ausgestaltung der deutschen Nationalliteratur kräftig beitragen werde. Vor allem ist für Jung und Alt, für Hoch und Niedrig ein tieferes Ein­dringen in den Geist der Schillerschen Dichtungen, ein Sichhineinversenken in die erste Jugendepoche des erwachten nationalen Geisteslebens zu erhoffen, nach der sich der Dichter desFaust" sehnte, als er die Worte schrieb: So gieb auch mir die Zeiten wieder, da ich noch selbst rm Werden

Da sich ein Quell gedrängter Lieder ununterbrochen neu gebar^ Da Nebel mir die Welt verhüllten, die Knospe Wunder noch versprach,

Da ich die Lausend Blumen brach, die alle Täler reichlich füllten. 'Ich hatte nichts und doch genug, den Drang nach Wahrheit und die Lust am ^rrug,

Gieb ungebcmb-iht jene Triebe, das tiefe schmeazeiivolle Glück, Des HMns STQft, d,e Macht 6er Liebe - Greb meme Sugmbmir

Die '4eit jener Sehnsuchtstriebe wurde uns vor zwei Jahren bei der Aufstellung des Denkmals für den lungen Genius Goethes im hiesigen yerrengarten lebhaft vor Auaen geführt, und sie rückt uns auch letzt wieder nahe denn wenig Jahre nach Goethes Aufenthalt in Darmstadt chat der andere der beiden Geistesdios kur en nicht nur eben­falls eine kurze Spanne glückverheißender Jugendzeit hier genossen, sondern zugleich auch den Grundsteinfür sem ganzes gewaltiges Schassen gelegt. Am Darmstadter Hofe, wo damals die große Landgräfin Karoline einen aus­erlesenen Kreis geistvoller Manner zusammengefuhrt hatte, lernte der junge, noch unstäte und an sich selbst verzweifelnde Schiller den Herzog Karl August von Weimar kennem Hie durfte er am zweiten Weihnachts.eiert^ 1c84 vor^ver­sammeltem Hofe den ersten Akt fernes ,,Don^ Carlos zum Vortrag bringen, der seine sofortige ^"^nnung zu,f st­richen Rat zur Folge hatte und damit den Boden ebnete für seine ganze weitere Lebensbahn. ,

Die hessische Residenzstadt hat sonnt em volles Anrecht daraus, das Andenken Friedrich Schillers mit besonderer Wärme zu begehen, und es ist daher auch nur mit Be­friedigung zu begrüßen, daß das Hoftheater schon seit Be­ginn ^des Monats seine sämtlichen dramatischen Werke der Reihe nach, in möglichst vollendeter Darstellung zur Auf-

imb es erst in das große Getriebe der Weltwirtschaft und Weltpolitik bineingestellt. Die Jahre 1870 und 1871 waren kein Abschluß, sondern ein Anfang unserer Entwickelung, unseres Emporl'trebenS im politischen und wirtschaftlichen Leben der Welt.

Entspricht all dielen Fähigkeiten beute die Lust und Freudigkeit zur Mitarbeit am öffentlichen Leben? Wer nüchtern unsere Gegenwart überblickt, der empfindet, wie eine gewiße Müdigkeit und Gleichgiltigkeit gegen große nationale Ziele über unser öffentliches Leben hereingebrochen sind. Auf der äußersten Linken wird diese Gleichgiltigkeit ersetzt durch eine phantastische Begeisterung für Ziele einer bestimmten Bevölkerungsklasse innerhalb der Nation zu einer erträumten, niemals zu erreichenden Höhe zu gelangen. Aus der rechten Seite steht ein kramvfhaiteS Ringen um künstliche Erhaltung eines Besitzes, dem der Scnif der Geschichte bereits den Stempel des Verfalles auf die Stirn gedrückt hat. Der gesund empfindenden und denkenden Maffe des Mittelstandes aber fehlen heute die großen Ziele und vor allem die Per­sönlichkeiten mit dem Schwung und der Begeisterung, sich für diese Ziele zu opfern. Unsere nationale Wiedergeburt hat uns die bürgerlichen Freiheiten erkämpft, für die unsere Vor­fahren die Nächte durchwachten und ihr Herzblut opferten, die Einheit des Reiches ist in einmütiger Begeisterung aus dem Schlachtendonner eniporgestiegen. Und die Freiheit der bürgerlichen Einrichtungen ist errungen, wenn auch noch manches daran zu bessern, und mehr vor Trübung zu be­schützen ist. »Die Ideale sind zerronnen, die einst das trunkne Herz geschwellt", müssen mir auch heute mit unserem großen Nationaldichter Schiller klagend ausrufen, dessen 100. Todestag wir demnächst in allen deutschen Landen feierlich begehen werden. Aber neue große Ziele haben die neuen Männer dem Volke nicht zu stecken verstanden. Die Kolonial­politik, die bei ihrer Eröffnung alle Patrioten fakt einmütig mit Begeisterung begrüßten, ist versumpft. Sie hat kein Pro­gramm und darum bleibt sc - opulär. d w e sta fr i ka bringt uns seit Iah'-, m 'g rimmige Enttäuschunge?ü In der' Vertretung des Netöyes zur Se^ sind wst vielfach recht inkonsequent vorgegangen, wie z. B. in der Marokko- Affäre. Just vor Jahresfrist hat der deutsche Reichskanzler die brüskierende Ignorierung Deutschlands bei dem Abschluß des britisch-französischen Abkommens lächelnd übergangen, um jetzt die seit 17 Jahren peinlich beobachtete Versöhnungs­politik gegen Frankreich durch Schrift und Wort über den Haufen zu werken und allzu spät das in Marokko Versäumte nach Möglichkeit nachzuholen und zu versuchen, nach dem klugen Beispiel anderer Mächte weltpolitische Fort­schritte zu machen. Durch unser Verhalten im Burenkrieg, die Geschenkpolckik gegenüber Amerika und manches andere noch ward unser Ansehen im Auslande geschwächt. Im

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sührung bringt. Aber solche Festaufführungen sind doch immer nur wenigen Hunderten z-ugängig, es muß weit mehr geschehen, um dem volkstümlichsten Dichter der Na­tion in würdiger Weise auch im Volke selber und durch das Volk die gebührende Ehrung zu erweisen. Zu diesem Zwecke hat sich auch in Darmstadt schon vor Monaten ein sehr umfangreiches Komitee gebildet, das den löblichen Zweck verfolgt, eine große Schillerfeier in populärer Weise zu veranstalten. Es sollen am Sonntag vor -dem Gedenktag in sieben der größten Lokale Schillerfeiern mit Konzert und Festansprachen abgehalten werden, zu welchen jeder­mann der Zutritt frei steht. Am Montag soll dann eine gesellig-künstlerische Feier" im städtischen Saalbau und am Menstag, dem eigentlichen Gedenktag, eine akademische Feier ebendaselbst stattfinden. In den Volksschulen wird zur Feier des Tages die Verteilung von Festbüchern (Wil­helm Tell) an die größeren und von Festbrezeln an die kleineren Schüler erfolgen.

Zum großen Bebauern der cmftichtigen Schillerverehrer in Darmstadt aber wird der zuerst geplante .Hauptpunkt einer populären Feier, ein Festzug mit Beteiligung aller Volkskreise, nicht zur Ausführung kommen. Man hätte an­nehmen sollen, daß die 5t>underte von Vereinen und Kor­porationen, die Schulen usw. die. Gelegenheit mit Freuden ergreifen und Schiller, unserm Schiller auch in einem glänzenden Aufzug durch die Stabt eine einmütige Hul­digung darbringen würden. Dann ein kurzer Festakt unter Gottes freiem Himmel in Gegenwart von 20 000 Menschen auf dem Marienplatz, wo so oft die ganze Garnison mit dem Landesherrn an der Spitze bei besonderen Gelegen­heiten zusammenkam das wäre die rechte Ehrung Fried­rich Schillers gewesen. Aber da erklärten einmal die Krieger­vereine, daß sie einen solchen Festzug nicht mitmachen könnten, wenn sich auch die ,L)rganisierten", die Gewerk­schaftler usw., daran beteiligten, und diese erklärten erst recht, sie wollten mit denBürgerlichen" nichts gemein haben, würden sich vielmehr ganz der sozialdemokratischen Feier anschließen. Einesozialdemokratische Schiller­feier" wer lacht da! Und da keiner wollte leiden, daß der andere für ihn zahle, zahlte keiner von den beiden den Zoll der Dankbarkeit an den Mann, dem das deutsche Volk zu unauslöschlichem Tank verpftichtet ist!

Nicht minder bedauerlich aber ist auch die Haltung, weiche die hiesigen Schulvorstände zu der Sache einnahmen. Von sämtlichen Schulen traf auf eine diesbezügliche An- ftage des Komitees mit überraschender Schnelligkert eine rundweg ablehnende Antwort ein. Während dieselbe zum größeren Teil ohne jede nähere Motivierung erfolgte, brachten einige Antworten als Ursache der Ablehnung die starte Ueberlastung der Lehrerschaft der Festzug war für Sonntag nachmittag geplant andere Antworten be-

Innern des größten deutschen Bundesstaates dominieren die Reaktion und die Sozialdemokratie. Die Parteien im Reichs zusammenzufassen zu gemeinsamen Zielen gelingt keiner Per­son, keiner Regierung seit Bismarcks Sturze. Und dem Kaiser so willenlos zu folgen, wie es in seinen Intentionen lieat, kann sich nun einmal der größere Tl'il der Nation nicht entschließen. So leidet unser politisches Leben an einer größeren Zerfahrenheit denn je.

In solchen Zeiten laufen wir wieder Gefahr, ln ven alten Fehler des Theoretisierens und der Pfiege unpraktischer Ideale zu verfallen, die politisch klägliche Rolle in der Stille zu spielen, die John Bllll uns gern zuweisen möchte: den Himmel der Theorie zu erobern, mährend gleichzeitig anderes Nationen, vor allem die weltkluge angelsächsische neuerdingS! im Bunde mit la belle France, die Schätze der Erde! einheimsen. Gewiß, ein strahlendes Ehrenschild der deutschen! Nation ift ihr wissenschaftliches Streben, ihr starker Wahr­heitsglaube, ihr rücksichts- und vorurteilsloses Forschen, ihr Sinnen und Dichten. Aber heute gilt es den politisch-wirt­schaftlichen Wettkampf der Großmächte. Theorien sind hier nicht Ziele, sondern Mittel. Es handelt sich um Erhaltung und Befestigung der Außenposien der deutschen Raffe in jenen Ländern, über deren weltgeschichtliche Schicksale heute die Würfel der großen Nationen fallen. Soll eS immer nur ein Traum bleiben, daß an deutschem Wesen und deutscher Kultlir die Welt gesunden könnte? Wollen wir unS dabei beruhigen, daß andere Nationen sich unsere Errungenschaften zunutze machen, unsere Volkskraft aufsaugen, um mit ihnen ausgerüstet für sich die Welt zu erobern, um dann der ge­schichtlichen Vergessenheit zu überliefern, was wir getan haben? Die Japaner gehen heute diesen Weg. Die Amerikaner sind ihn schon längst gegangen, auf den Schultern Europas stehend die Früchte den anderen abzu­jagen, denen nach ihren Leistungen ebenfalls ein Anteil daran zukommt. Ganze Kulturen, wie die babylonische und ägyptische, sind zugrunde gegangen. ;ur weil hinter den ideellen 2ejftunoen nicht b,v$ '^ocZ/' .. .. stutzen und vor dem Ansturm deS Rivalen zu-re^r». der Zufall hat einiges aus dem Schutt in die Zukunft gerettet, die Völker selbst sind zugrunde gegangen. Daraus folgt, daß die ideellen Leistungen nicht genügen, daß nur der feste Wille, die Tat, die Be­geisterung starker Persö'ulichkeiten einem Volke die geschichtliche Stellung sichern, deren sie sich für wert halten. Einer Nation, die sich nicht innerlich unter sich zu einigen, nicht mit physischer Macht für die Geldendmachung ihrer ideellen Leistlmgen und ihrer Kulturgüter eintritt, hilft trotz der stol­zesten und zuversichtlichsten kaiserlichen Worte all ihr Glaube an den Sieg ihrer Ideale nichts. Von den verschiedenen Kul­turen behauptet jede, die beste zu sein. Wer es nicht versteht, Hammer zu sein, der wird trotz aller schönen Reden leicht Amboß.

fürchteten Unfälle und eins der Schreiben sagte kurz un5 bündig: Wir tun nur das, was von unserer vorgesetzten Behörde angeordnet wird. Da meinen wir doch, es ist kein schönes Zeichen der Zeit, wenn gerade bon den Erziehern der Jugend, die berufen sind, die Ideale in der Brust des Kindes zu pflegen, und Schiller als das leuchtende Vorbild deutscher Gesinnung zu feiern, in dieser Weise zu Werke gegangen wird. Es muß auch weiter einigermaßen sonder­bar berühren, daß zur Aufbringung der Kosten für die Schillerfeier bezahlte Sammler mit Listen zur Einzeichnung milder Gaben hinausgeschickt werden, und daß die Stadt­verordneten beschlossen, nur im Falle eines Defizits bei den Volksfesten bis zum Betrage von 3800 Mk. aufkommen zu wollen. Zur Unterstützung der streikenden Bergleute stellte die Stadt mit Vergnügen unaufgefordert eine größere Geldsumme ä fondo perdu zur Verfügung, den Genius der deutschen Nation honoriert man nurim Falle des Be­darfs".

Tas sind doch alles Tinge, die uns deutlich zeigen, wie weit wir noch abseits stehen von den fundamentalen Grundsätzen, die zu vertreten der Gefeierte sich als seine Lebensaufgabe gestellt hätte. Was nützt alles schöne Reden und Getue, was eine große geseMg-künstlerische Schiller­feier mit malerischer Kostümbelebung und sonstigem Schau­gepränge, wenn man nicht einmal in der Lage ist, zu einer Klarheit und Verständigung über eine wirklich einheitliche und des großen Toten würdige Gedächtnisfeier zu ge­langen? F. H

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