Ausgabe 
22.7.1905 Erstes Blatt
 
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Die hauptstädtischen Zeitungen bringen sympathische Be- -grüßungsartikel und bezeichnen das Geschwader als Deutsch­lands Boten zu einem freundlich gesinnten Nach­barn und als imposantes Zeugnis der persönlichen Wirkungs- fähigkeit Kaiser Wilhelms.

Krieg.

Die japanische Flotte wird wieder bedrohlich.

G o d s i a d a n, 21. Juli. Privatmeldungen der Petersb. Telegv.-Äg. zufolge wurden javanische Kriegsschiffe bei Nikolajewsk in der Nähe der Küste gesichtet. Viele Bewohner von Nikolajewsk und Wladiwostok flüchteten r^ach Chabarowsk.

Petersburg, 21. Juli. Linewitsch telegraphiert unter dem 20. Juli: Die Front der Armeen ist un­verändert. Ein japanisches Geschwader ist am 17. Juli an der Küste von Korea, von der Mündung des Dnmenflusses bis Kap Linden, erschienen. Ich habe die Meldung empfangen, daß die Mündung des Tumen- slusses von japanischen Kriegsschiffen be­schossen worden ist. Zwei japanische Torpedo­boote liefen in die Has chkewitschbucht ein, eröffneten Feuer auf das Dorf Ongh-i und versuchten das Biwak einer unserer ^Abteilungen zu beschießen. Unsere Vorposten an der Onghibucht eröffneten Feuer auf die Torpedoboote, welche begannen, unsere Vorposten aus Geschähen zu be­schießen und dann die hohe See gewannen. Zur selben Zeit liefen vier Torpedoboote die Kornilow- bucht an und landeten 20 japanische Matrosen, welche unsere Telegraphenlinie beschädigten. Südlich Don Onghi beschossen vier japanische Kreuzer unseren Posten in der Nähe der A n n a b u ch t. Um! 4 Uhr nachmittags vereinigten sich Die japanischen Schiffe und fuhren auf die hohe See hinaus.

In der Mandschurei hat nach Tokioer Meldungen die Regenperiode bgonnen. Dadurch sind die Operationen der ganz-en japanischen Man­schureiarmee vorläufig eingestellt. Die nasse Jahreszeit schließt aber die Gefahr von Seuchen aus. Der Gesundheits­zustand im japanischen Heere ist ausgezeichnet. Die Bori- Bori-Krankheit, die im vorigen Jahre den Sanitätsbehör­den viel Sorge machte, tritt in diesem Jahr gar nicht auf.

Der Korrespondent derNowoje Wremja" in Guntschu- lin meldet dagegen: Mle Telegramme iiber eine angebliche Umzingelung der russischen Armee sind falsch. Im Gegenteil ist die russische Armee damit beschäftigt, den äußerst en linken Flügel der Japaner zu umgehen. Die Japaner selbst befestigen ihre Stellungen im Zentrum, wo sie neue Schanzwerke aufwerfen und Be- lageriingsgeschütze konzentrieren.

Die Friedensfrage

Pa ris, 21. Juli. Der Präsident des russischen Mini­sterkomitees Witte ist heute nachmittag hier eingctroffen und von dem russischen Botschafter Nelidow, dem Kabinetts­chef des Ministerpräsidenten Rouvier, sowie dem zum russ. Botschafter in Madrid ernannten Grafen Cassini empfangen worden. Ms Witte zum Hotel fuhr, ertönten aus dem Pu­blikum am Bahnhofe einige Hochrufe auf Rußland.

Petersburg, 21. Juli. Gestern fand im Kaiser- Palast in Peterhof eine Konferenz über die Friedensfrage statt, an der außer den Großfürsten auch der Kriegsminister Rüdiger und der Minister des Auswärtigen Graf Lambsdorff teilnahmen. Die Beschlüsse werden streng geheim gehalten.

London, 21. Juli. Der Petersburger Berichterstatter desStandard" telegraphiert seinem Blatte, daß die russ. Regierung augenblicklich bereit wäre, in den Verlust der Insel Sachalin und in die Bezahlung einer Kriegsentschädigung einzuwiMgen. Man glaubt aber, daß Witte den Auftrag hat, eine Taktik der Ver­zögerung zu verfolgen, um zu versuchen, wenigstens den Schein besserer Bedingungen zu erlangen. Andererseits sind die Japaner entschlossen, jede Verzögerung zu verhindern. Nachdem die Friedensverhandlungen begonnen haben wer­den, wird die japanische Regierung ihre Bedingungen kurz und deutlich auseinanderlegen. Die russische Regierung muß sie rasch annehmen oder ablehnen. Eine Politik der Verzögerung wird zwecklos sein, denn die Japaner würden in diesem Falle die Verhandlungen sofort äbbrechen.

London, 21. Julü 'Aus Petersburg wird gemeldet: Die Nachricht, daß Friedensverhandlungen mit Japan im Gange sind, hat einen ungünstigen Einfluß auf die russische Armee in der Mandschurei ausgeübt. Die russ. Soldaten begreifen nicht, warum sie noch kämpfen sollen, wenn beide lÄnder den Frieden schließen wollen. Die Sehn­sucht der russischen Soldaten nach der Heimat ist außer­ordentlich groß und die Truppen würden nur sehr ungern an einer neuen Schlacht gegen die Japaner teilnehmen. (Das ist nichts als blöde antienglische Stimmungsmache. D. Red.)

Hiusstsche Neuigkeiten.

Das neuerdings vom Minister des Innern, Bulygin, «ingereichte Demissionsgesuch wurde vom Zaren nicht angenommen.

Heute, als an dem Tage, da seit dem Blutbade vom 22. Januar ein halbes Jahr verflossen ist, arbeitet in Peters­burg eine große Anzahl von Fabriken nicht, weil die Ar­beiter Seelenmessen für ihre damals gefallenen Kameraden abhalten und Prozessionen veranstalten.

In H elsingfo rs ist der Gendarmerie leutnant Kramovensko infolge der Verwundungen, die er bei dem gegen ihn verübten Attentat erlitt, gestorben.

In Moskau veranlaßten in der Nacht vom Donners­tag auf Freitag Arbeiter auf dem Bahnhofe eine revolutionäre Kundgebung. Als der Gendarm Iwanow einen Demon­stranten verhaften wollte, erhielt er einen Do lchstich in den Rücken und brach blutüberströmt zusammen. Kameraden des Getroffenen stürzten sich auf den Mörder, schlugen ihn nieder, knebelten ihn und führten ihn ab nach der Hauptwache. Da die Menge sich äußerst drohend verhielt undNieder mit der Regierung, es lebe Japan" rief, wurde Militär requiriert. Bei dessen Ankunft wurden die Demonstranten unter strenger militärischer Eskorte aus dem Weichbilde Moskaus entfernt.

In einer Vorstadt von Kiew drangen etwa 400 Ar­beiter in die Synagoge ein und veranstalteten eine regierungsfeindliche Demonstration. Das in der Synagoge befindliche Publikum suchte die Demonstranten hinauszu­drängen. Es kam zu einem blutigen Zusammenstoß. Die Eindringlinge schossen viele Juden über den Haufen. Bald erschienen Kosaken und Gendarmen, die haupt­sächlich gegen die Juden vorgingen.

In Warschau wurde der Schlosser Okrzeja, der am S4. Juni zum Tode verurteilt worden war, weil er am

26. März im Hofe der Praga'schen Polizeiverwaltung eine Bombe zur Explosion gebracht hatte, durch die sechs Personen verletzt wurden, hingerichtet.

Der Mitarbeiter der Odessaer Nowosti, Gorzo Winog­radsky wurde wegen seiner liberalen Gesinnung üom General- Gouverneur nach dem Gouvernement Olonetzk verbannt.

Das Blatt Slowo, das trotz des Zensurverbotes einige Mitteilungen über den Semstwo-Kongreß veröffent­lichte, wurde auf einen Monat suspendiert.

Wie man aus Bukarest meldet, macht der Aufenthalt der Matrosen vom Potemkin der rumänischen Regierung ernste Sorge. Russische Spione, darunter auch Frauen, sind nach Rumänien gekommen. Es steht stst, daß ehemalige Potemkin-Matrosen sich auf das russische Stationsschiff be­geben haben, wo ihnen von Geheimagenten gefälschte Briefe von ihren Angehörigen eingehändigt wurden, worin schwere Erkrankungen und andere Unglücksfälle mitgeteilt werden, um die Matrosen zur Heimreise zu bestimmen.

Die Leiche des von den meuternden Mannschaften des Potemkin ins Meer geworfenen Kommandanten Go­likow wurde an der Küste von Epatoria an Land getrieben und zur Beerdigung nach Sewastopol überführt.

Keer und Motte.

Paris, 21. Juli. Der kürzlich in den Ruhestand getretene Gemral Langlois, früher Mitglied des obersten Kriegsrats, zieht in einem Artikel der Revue Bleue Vergleiche zwischen der Artillerie und den Befestigungen Frankreichs und Deutschlands. Der General kommt zu dem Schluß, daß Frankreich in dieser Hinsicht geaen Deutschland kei­neswegs zurück ft ehe, ja, daß oie f r a n z ö s. ^Artilleristen ihre Ueberlegenheit in der Handhabung der Schnellfeuer­geschütze noch einige Jahre behaupten dürsten. Man möge sich deshalb v>on Ungliickspropbeten nicht einschüchtern lassen und sich vor gefährlichen Illusionen ebenso hüten wie vor Ent- mchigun q, ______________

Mnsland.

London, 21. Juli. In der gestrigen Unterhaussitz-' h n g. blieb das Kabinett Balfour bei einer an sich un­wichtigen Abstimmung in Bezug auf die irische Administration mit dreiStimmen in der Minderheit. Die aus den Liberalen und den Iren bestehende Mehrheit, die schon seit langer Zeit, gestützt auf ihre Erfolge bei den Nachwahlen, den Sturz des kon­servativen Kabinetts anftrebt, begrüßte das Ergebnis mit lairtem Jubel: der Premierminister aber ließ es dahingestellt, ob er die übliche Konsequenz aus dem Resultat ziehen und mit dem Kabinett zurücktreten werde, zumal die englischen Parlamentsgewohnheiten die Möglichkeit einer Rücknahme jenes ZufallSbeschlusses bieten. Die heutige sehr erregte Sitzung brachte gleichfalls keine .Klärung.

Brüssel, 21. Juli. Ein Tedeum, verbunden mit einem Dankgottesdienst, fand heute morgen in der Kollegialkirche Sanet Gudule statt. Der Kardinalerzbischof von Mecheln empfing den König und die Königsfamilie. Der Erzbischof hielt eine patrio­tische Ansprache an den König. Der K ö n i g b g n 11 c ber © c i ft* lichkeit für ihre Ergebenheit und erinnerte an den hervor­ragenden Anteil, den sie bei der Gründung des Vaterlandes ge­nommen habe. Die Mitarbeit der Geistlic^eit sei wertvoll für das Land und für das Staatsoberhaupt, sie habe immer zum besten des Vaterlandes gearbeitet, er werde ihr, solange es Gott, gefällt. Dank wissen. Der König dankte den belgischen Missionaren für die Verbreitung des Evangeliums am Kongo. Laßt uns am Fuße des Altars niederknieen", sagte der König, damit Gott Belgien die Fortdauer her Güter gewähre, welche die Nationen stark und glücklich machen." Im weiteren Verlaufe der 75. Jahrfeier der Unabhängigkeit Belgiens fand auf der Place Polaert eine glänzende patriotische Feier statt, welcher auch der König und die königliche Familie beiwohnten. Mordnungen der Bürgergarde, der Armee, der Gemeinden, Provinzen, höheren Verwaltungsbeamten und des diplomatischen Korps, überreichten dem Könige eine Adresse. Der König antwortete mit einer Ansprache, in der er darauf hinwies, daß es ber Taten bedürfe, um das Leben der Völker zu sichern und dem Wunsche Ausdruck gab, daß die 75. Jahrfeier der Unabhängigkeit Belgiens durch die Annahme des den Kammern vorliegenden Projektes für den AusbaudesAntwerpenerHafens gekennzeichnet werde. Das Bankett der mehr als zweitausend Bürgermeister fand in dem Vestibül des Justizpalastes, einer der größten fteinenren Hallen der Welt, statt. Gegen 916enb begann bic Illumination, zu der etwa achtzigtausend lmnte Glühlampen bertoenbet sind. Die Kosten belaufen sich auf nahezu 200 000 Franken. Der König soll im Laekener Palast ein Familiendiner gegeben haben, wobei er sich endgiltig mit seiner Tochter Klementine versöhnt und sie zum Schluß herzlich geküßt habe.

Tientsin, 21. Juli. Der Boykott gegen amerikanische Waren hat in Südchina kräftig eingesetzt, im Norden wird er jedoch durch den Generalgouverneur Pouanschikai unterdrückt. Die chinesischen Zeit­ungen von ganz China sind in ber Sache einig nnb fühlen sich zum erstenmal als eine einheitliche Nation. Darin liegt die große Bebeutung des Boykotts.

Aus Stadt und Amrd.

Gießen, 22. Juli 1905.

** Aus dem Militär-Wochenblatt. Befördert: zum Rittmeister Frhr. v. Massen b ach, Flügeladjutant Seiner Königl. Hoheit des Großherzogs von Hessen und bei Rhein; zum Kömpagnieches: Morgenroth, Hauptm. int 4. Großh. Hess. Jnf.-Regt. (Prinz Karl) Nr. 118, unter Versetzung in das 2. Niederschles. Jnf.-Regt. Nr. 47: zum überzähl. Hauptmann: Oberlt. Stein im Jnf.-Regt. Kaiser Wilhelm (2. Großh. Hess.) Nr. 116. Versetzt: Riedesel Frhr. zu Eisenbach, Lt. im 1. Grvßy. Hess. Feltmrt.-Reat. Nr. 25, in das 2. Großh. Hess. Drag.-Regt. (Leib-Drag.-Regt.) Nr. 24, Frhr. v. Bülow, Batterie-Chef int 1. Großh. Hess. Feld-Art.-Regt. Nr. 25, als Lehrer zur Kriegsschule in KaffelErnannt: Schwerdt- f e g e r, Oberlt. im Großh. Hess. Train-Bat. Nr. 18, zum Ad- lutnnten der 2. Traindirektion. Aus der Marine scheidet aus: v. G i l s a, Huuptm. vom 3. Stomm-See-Bat. und wird a7s Batterie-Chef im 1. Großh. Hess. Feld-Art.-Negt. 9?r. 25 an gestellt. Neu endv rsf, Lt. im Jns.-Leib-Rcgt. Groß­herzogin (3. Großh. Heften) Nr. 117, auf sein Gesuch zu den Res. Offizieren des Regts. übergeführt. Im Sanitäts­korps: Dr. D o e b l i n, Oberarzt beim Jnst-Leib-Regt. Groß- hprzogin (3. Großh. Hessen) Nr. 117, unter Beförderung zum Stabsarzt, zum Vwm.-Arzt in Diedenhvsen ernannt. Be­fördert zum Oberarzt: Ass.-9lrzt Dr. N v e h t e beim 1. Großh. Hess. Feld-Art.-Rcgt. Nr. 25, zum Stabsarzt: Oberarzt ber Res. Dr. Hpsmann (Gießen). Der Abschied bewilligt: Stabsarzt ber Landw. 1. Auf geb. Dr. Nicolay (Friedberg), mit der Erlaubnis zum Tragen ber bisherigen Uniform. Offi­ziere des Beurlaubten ft andes. Befördert: die Vizefeldwebel bezw. Vizewachtmeister zu Lts. der Res.: Nein (I. Darmstadt), des 5. Thüring. Jnf.-Regts. Nr. 94 lGroßherzog von Sachsen), D a ch s o l b (I. Darmstadt), des 1. Großh. Hess. Inf. lLeibgarde)-Regts. Nr. 115, Waldeck (I. Darmstadt), des Jnf.-Regts. Kaiser Wilhelm (2. Großh. Hess.) Nr. 116, Weber (I. Darmstadt), des 5. Großh. Hess. Jnf.-Regts. Nr. 168, Mäu­rachs!. Darmstadt), des 2. ftftoßh. Hess. Felb-Art.-Regts. Nr. 61. Der Abschied bewilligt: Fritz, Oberlt. ber Lmtdw.- Jns. 2. Aufgeb. (Gießen), Kaul, Major und Bat.-Kommandeur int 2. Oberrhein. Jnf.-Regt. Nr. 99, unter Stellung zur Dis­position zum Kommandeur des Landw-Bezirks Meschede ernannt.

** Kun st verein. Die beiden Gemälde von Prof. BantzerSchwälmer Bauerntanz" undHessisches Bauern­mädchen" sowie dieExlibris-Ausstellung" bleiben nur noch

morgen, Sonntag, in der Ausstellung. Die Exlivris-Aus- stellung kommt von hier aus nach Dessau und gelangt dort im städtischen Museum zur Ausstellung.

** Promenadenkonzert findet morgen, Sonntag, um V212 Uhr in der Südanlage mit folgendem Programm statt. 1. Quverture z. Op.: Wenn ich König wäre, Adam. 2. Berlin wie es singt und tanzt! Walzer Thorston. 3. Kriegsmarsch a. d. Op.: Die Bärenhäuter, Siegfried Wagner. 4. Der Rheinströmer, A. M. la. Nr. 4.

** Die Bäckerinnungen des Großherzogtums treffen in den nächsten Tagen in Mainz zusammen, um bei der Gr. Negierung die Aufhebung des Art. 186 des Hessischen Polizeiflrafgesetzbuehes zu beantragen, Nach diesem Artikel ist es der Polizei erlaubt, in den Geschäftsräumen eines Bäckers oder Brotverkäufers das zu leicht befundene Brot zu konfiszieren und den Bäcker überdies in eine Geldstrafe zu nehmen. Die Innungen behaupten, diese Be­stimmung stehe im Widerspruch mit der Gewerbeordnung.

Eine unangenehme Erfahrung machte dieser Tage ein Zuschneider in Frankfurt. Vor etwa einem halben Jahre lernte er, den dortigen N. Nachr. zufolge, zwei Schwestern kennen, von denen die eine fein Herz in kurzer Zeit gefangen genommen hatte. Das Verhältnis gestaltete sich immer inniger und der Zuschneider, der eine sehr gut bezahlte Stelle inne hatte, machte feinerZukünftigen" allerlei Geschenke, um sie noch fester an sich zu fesseln. Goldene Uhr, Kette, Brillantring, Ohrringe und dergleichen hübsche Sachen konnte sie in kurzer Zeit ihr eigen nennen. Nachdem so einige Monate vergangen waren, blieb eines Tages die Schöne weg. Der junge Mann dachte, sie sei vielleicht krank und beschloß, sie am Sonntag zu besuchen. Er begab sich auch in die ihm bekannte Wohnung. Auf das Schellen öffnete die Hauswirtin und erklärte, daß Mariechen, so hieß nämlich die Angebetete des jungen Mannes, ausgezogen sei. Weiteres wußte sie auch nicht. Es blieb ihm also nichts übrig als die Schwester aufzu« suchen. Auf seine Frage nach seiner Braut erhielt er die lakonische und doch sehr bezeichnende Antwort: Die ist in London bei ihrem Manne! Der junge Herr soll dabei ein recht verdutztes Gesicht gemacht haben. Es blieb ihm also nichts anderes übrig, als den Rückweg anzutreten. Es stellte sich bann heraus, daß das Mariechen eine Frau sei. Ihr Mann hatte eine Stellung auf Probe angenommen, und als die Stellung eine feste wurde, ließ er seine Frau nachkommen. In der Zwischenzeit hatte sich die junge Fr-au damit amüsiert, sich einen Verehrer zuzulegen. Der Geprellte ist aber seine Liebe, Uhr und sonstige Wert­gegenstände los.

(=) Heuchelheim, 21. Juli. Durch die Feld- bereinigung ist nun die für Heuchelheim seither so un­vorteilhafte Verteilung der Gemarkungen von Gießen und Heuchelheim beseitigt worden. Gießens Gemarkung ging nämlich bis an unser Dorf, und die Baulinie nach dieser Seite war dadurch gehemmt. Nun ist durch Tausch unsere Gemarkung bis zum Landwehrgraben erweitert worden, und schon stehen fünf neue Häuser auf dem neu erworbenen Ge­biet. Es wird nicht lange dauern, so reichen die Gebäude bis auf bic Straße nach Rodheim.

-j- Lich, 22. Juli. Das erste Probeschicßen de?> hiesigen Kriegervereins muß leider ausfallen, da die hierzu erforderliche Genehmigung nicht rechtzeitig eingeholt werden konnte.

so. Kelsterbach, 21. Juli. Gestern nacht wurde m der hiesigen Kunstseidefabrik ein Mann mit ein ge­schlagenem Schädel aufgefunden. Er gab an, von Italienern überfallen worden zu sein. Hoffnungslos liegt er im Frankfurter Krankenhause darnieder.

Frankfurt, 21. Juli. Die Stadt hat beschlossen, mit einem Kostenaufwand von etwa l1/2 Million Mark eine Müllverbrennungsanstalt zu errichten und darin bas gesamte Frankfurter Müll durch Feuer zu vernichten. Andere moderne Städte haben freilich erkannt, daß das Müll eine Quelle reichen Nationalvermögens ist, sofern es nur von Haus aus vernunftgemäß ansgesammelt und abgefahren wirb. In vielen Städten Amerikas, B. in New Jork, Philadelphia, Baltimore 2C., ferner in einer Reihe schwedischer Städte, feit neuerer Zeit auch in Pots­dam und einem Teil von Charlottenburg müssen die Ab­fälle in drei verschiedenen Gruppen angesammelt und ab­gefahren werden, nämlich: 1. Asche und Kehricht, 2. Speisereste, 3. gewerblich verwertbare Abfälle. Das hier täglich abfallende Quantum Speisereste ist ausreichend für die Mästung von mindestens 12000 Schweinen jährlich, entsprechend einem Werte von mindestens 600 000 Mark! Der Wert der der dritten Gruppe angehörenden gewerblichen Abfälle beträgt in Frankfurt mindestens 250 000 Mark. Bei dem Müllverbrennungsprozeß entsteht aber als Endprodukt nur minderwertige Müllasche. Das hier geplante System ber Müllverbrennung muß hiernach als höchst unökono­misch angesehen werden.

Wiesbaden, 21. Juli. Ein neuer Fall von Hundetollwut soll heute vormittag auf dem neuen Fried­höfe ftstgestellt worden fein. Dort trieb sich ein kleiner weißer Spitz herrenlos umher, an dem alle Anzeichen der Tollwut bemerkbar waren; er hakte Schaum vor dem Maul und biß in Steine, Bäume usw. Die auf dem Friedhöfe be­schäftigten Arbeiter hielten es im Interesse der allgemeinen Sicherheit für angezeigt, das Tier sofort zu töten und die Polizei von dem Vorfall in Kenntnis zu setzen, welche ihrer­seits wieder den Departements-Tierarzt mit der Untersuchung des verdächtigen Hundes beauftragte. Sollte sich ber Ver­dacht bestätigen, so würde die Hunde sperre, die nun seit Mitte Mai dauert nnb schon einmal bis Ende August ver­längert wurde, zum zweiten Male, und zwar bis zum 21. Oktober, verlängert werden müssen.

** Kleine Mitteil ungen aus Hessen und b eit N a ch b a rst a a t e n. In Frankfurt a. M. wurde im Haupt- bahnhoi ein internationaler Taschendieb auf frischer Tat in Hait genommen. Er nennt sich Josef Schindler und ist 41 Jahre alt.

* Explosion auf einemamerikanischen Kriegs- sich iss. Auf dcm Kanonenboot Bennington der Vereinigten Staaten, das sich gegenwärtig im Hafen von San Diego (Kali- wi-nien) befindet, explodierte ein Kassel. An Bord waren 278 MayA. Nach einer Schätzung 228Mannu<-i7wundeP