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20.2.1905 Zweites Blatt
 
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General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen

der Tod Ringen, ablasfen. vorüber.

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'sehen Universttätsdruckerei. R. Lange» Gießen.

Redaktion, Expedition u.Druckerei: Schulstr. S.

Tel. Nr. 5L Telegr.-Adr. i Anzeiger Gießen.

Zis Ktatsöeraiuug in der zweite» Yess. Kammer.

3t B. Darmstadt, 19. Febr.

Es bleibt die alte Leier: Unsere hessische Abgeord- tletenkammer setzt auch im neuen Jahre ihren seitherigen Schlendrian ruhig fort, Nachdem der Finanzausschuß mit der Vorberatung des Staatshaushaltsetats prompte Arbeit geleistet und alle Dissense mit der Negierung und der ersten Kammer bis aus ein Minimum glücklich beseitigt hatte, tzab man sich im Llnsschu.^ selber der zuversichtlichen Hoff- nung hin, daß die Etatsberatung im Plenum dies­mal in ettva 14 Tagen acht Sitzungen zu Ende ge­führt und dann sosort an die Erledigung der so überaus Zahlreichen andereli wichtigen Ausgaben herangetreten wer­den tonnte. Aber weit gefehlt! Die achjt Sitzungen sind! verflossen und die Verabschiedung des Etats- ge setz es ist vorerst überhaupt noch nicht ab- Zusehen. Man hat nach dem Beispiel der Amtsgerichte Zunächst nur dienichtstreitigen Sachen" vorweggenom- rnen und die Debatten resp. Beschlußfassungen über die hauptsächlichsten Etatspositioneu für später vertagt und muß sich nun darauf gefaßt machen, noch weitere Wochen der kostbaren Zeit für unfruchtbare Redeübungen der ein­zelnen Volksvertreter geopfert zu sehen. Und warnst? das? Weil eS in der Kammer au der übrigen Energie und! Willenskraft zu positiven: Schaffen fehlt und auch leider uiemaud einer flotten, sachlichen Geschäfts­führung mit Erfolg das Wort redet. Die beiden radikalen Richtungen in der Kammer Sozialdemokraten und Bauernbündler haben das Bedürfnis, fast zu jeder ein­zelnen Position das Wort zu nehmen und dabei hunderterlei Klagen, Fragen und Sonderwünsche zunr Vortrag zu bringen! Mit einer Wichtigkeit und Behäbigkeit, als ob davon das ganze Wohl und Wehe des Vaterlandes abhiuge. Man läßt eben dem parlamentarischen Gaul viel zu sehr die Zügel Locker, und wenn es einem der Herren einfällt, noch nach 1 Uhr mittags feine Ansichten und Erfahrungen über die Zweckmäßigkeit der Tierschauen und Stallschauen, die Dampfkesselprüfung während der Betriebszeit, die Gehalts- ausbesserung einiger Diätare oder sonstige für die Allge­meinheit unwesentliche Dinge in breiter Weise vorzutragen, so hören wenigstens einige der lieben Fraktionsgenossen! mit wahrer Engelsgeduld zu, indes den anderen der Magen Tnurrt und die halblaut geführte Unterhaltung jo üppig jwird, daß der Redner aus der Journalistentribüne völlig unverständlich bleibt. Wehe aber, wenn dann am andern Tage nichts davon in der Zeitung steht! Dann bekommen die da oben" bisweilen ganz allerliebste Kosenamen zu hören, als deren jüngster diePreßkosaken" des antisemiti­schen Abg. Wolf hier verzeichnet sein mag.

Es greift leider in der Kammer immer mehr die Un­sitte um sich, statt wohlüberlegter Reden und sachlich gegründeter, druckreif vorgetragener 'Anschauungen mit Allerlei erst im Augenblick bunt zusammengestoppelten Rede-

Uariamentarisches aus Kesse».

Die Z e n t r u m s f r a k L i o n hüt in der zweiten Kammer den Antrag eingebracht, am Oberlandesgericht einen dritten Senat zu schaffen, dafür aber die zwei von der Negierung beantragten Oberlandesgerichtsratsstellen abzu­lehnen.

Der Bericht des Ersten Ausschuffes über die Der- größerung der Aula unserer Universität liegt jetzt vor. Die Großh. Regierung plant bekanntlich die Herstellung einer den: tatsächlichen Bedürfnis nach Möglichkeit Rechnung tragenden Aula durch einen Anbau an die Rückseite deä Auditoriengebäudes. Die Baukosten ohne Mobiliar­ausstattung sind zu 9 3 000 Mark veranschlagt. Hiervor werden als erste Baurate die Kosten des Rohbaues in An­spruch genommen mit 72 000 Mark. vom Ausschuß vorgenommene Ortsbesichtigung hat ergeben, daß die vor­handene Aula für die Zwecke, denen sie in erster Lin:e diener soll, den akademischen Fest- und Gedenkfeiern, absolut un­zureichend ist. Die Zahl der Hörer der Universität ist seit Erbauung des neuen Universitätsgebäudes Ende bei 1870er und Anfang der 1880er Jahre von rund 500 auj 1167 im Winter-Semester 1904/05 gestiegen. Sie befindet sich seit Anfang der 1890er Jahre in aufsteigender Tendenz. Die vorhandenen Lehrsäle, eigentlich Zimmer, sind viel zu klein: ihre Ausstattung, insbesondere die Subsellien, im schlechten Zustande. Größere Säle für mehr wie 66 Hörer sind nicht vorhanden, bis auf einen einzigen, den ehe- maligen Hörsaal für Physik, der 90 Hörer aufnehmen kanv und jetzt trotz seines in Einrichtung und Ausstattung schlech­testen Zustandes als Auditorium maximum für sämtliche int Auditoriengebäude noch vertretenen Fakultäten dienen muß. Der Mangel an ausreichenden Räumen hat dazu geführt, daß die Aula auch zu Zivccken verwendet wird, denen zu dienen sie nicht bestimmt ist. Es finden darin die Prüfungen der Forstleute, Mediziner statt, die Klausuren der Juristen und er dient als Zeichensaal. Akademische Feiern können nur in beschränkter Weste stattfinden. Des näheren darf auf die Begründung der Vorlage Bezug genommen werden. Der Ausschuß ist einstimmig in der Ueberzeugung von dec Notwendigkeit und Dringlichkeit der Abhilfe. In den: vorgesehenen Anbau soll eine Zentralheizungsanlage eingerichtet werden, die es ermöglicht, auch das Auditorien­gebäude, in dem zur Zeit in höchst mißständiger Weise mit 3340 Oesen geheizt wird, mit Zentralheizung zu ver­sehen. Der Anschluß dieses Gebäudes ist nach Mitteilung der Großh. Regierung vorgesehen, zunächst soll nur der An­bau mit Zentralheizung versehen werden. Der Ausschuß

Wendungen aufzuwarten, die den Kern der Ausführungen oft ganz schleierhaft erscheinen lassen und den Zuhörer, unwillkürlich jan das Wort aus der Schülerszene im Faust vorn 'Mühlrad int Kopfe erinnern müssen. Man verlegt sich mehr und mehr auf die Sprache des Colloquiums und der Volksversammlungsdisputs, bei welchem jeder seine Meinung zum Besten zu geben sich verpflichtet glaubt. Da kann man sich denn auch nicht wundern, wenn trotz der acht langen Sitzungen neben wichtigen Punkten des Kultusetats auch noch der ganze Justiz- und Finanzetat, sowie der zweite Teil (Vermögensetat) der Beratung entgegenharrlt.

geradezu horrender Weise hat die Kammer in der zweiten Beratungswoche ihre Zeit vergeudet mit der Er­örterung über denFall Schädel". Den Siozial- d emo traten in Hessen wil l nichts mehr recht gelingen. Man hat ihnen eigentlich alles vorwegge­nommen und es bleibt daher auch in dem sozialpolitisch mit am meisten fortgeschrittenen Hessenlande so gut wie nichlfs, mehr zu tun übrig. So müssen sie denn ihre Zu­flucht auch zu weniger schönen Mitteln nehmen, tun sich den Wählern gegenüber wieder in Erinnerung zu bringen. Sie huldigen damit im Gegensatz zu dem alten Worte, daß die­jenigen Frauen die besten sind, von denen man am wenigsten spricht, ganz nach dem richtigen modernen Grundsatz, daß in der Politik nur derjenige etwas gilt, von dem recht viel gesprochen wird, einerlei, ob «gutes oder schlechtes. Und um die Partei vor dem Fluch, der Vergessenheit zu schützen, eilte auf Dampfesflügeln Herr Dr. David aus dem Reichstag von Berlin herbei Er glaubte einen guten Coup" auszuführen, indem er mit einem sonst bei ihm ganz ungewohnten Aufwand sittlicher Entrüstungolle Kamellen" vom Gießener Gymnasimn anfwärmte, deni- selben Institut, an welchem er im Anfänge des vorigen Jahrzehnts seine kurze pädagogische Präexistenz" gefristet. Tie scharfe, treffende Art, in welcher die beiden Ver­treter der obersten Schulbehörde die ohne die geringste Spur eines Beweises vorgebrachten unerhörten Beschuldigungen des sozialdemokratischenPädagogen" zurückwiesen und die einmütige, energische Verurteilung dieses neuesten sozial­demokratischen Vorgehens seitens der anderen Parteien des Hauses dürfte die Herren wenigstens im Innern zu der Ueberzeugung gebracht haben, daß sie statt der erhofften Freiheits-Lorbeeren wieder einmal eine ganz eklatante Niederlage erlitten haben. Das Erfreulichste an dem Verlauf des ganzen, zeit- und geldrauvenden Anschlags aber ist: Unsere hessischen Pädagogen haben in der tapferen, energischen Verteidigung des so schmählich angegriffenen Direktors die freudige Gewähr dafür erhalten, daß selbst ein sozialdemokratischer A'llerweltsweiser nicht straflos unter den: bequemen Deckmantel der Immunität einen pflichttreuen, unbescholtenen Beamten beleidigen darf und daß die Waldung ihrer Interessen Lei den jetzigen Ver­tretern unserer Schnlabteilung sich in den besten Händen befindet.

Naturvorgünge, wie die feelii-^en Erregungen, Freude und Trauer, nicht auch denTod" und dieVerklärung" musikalisch dichten und malen können? Strauß ich beschränke mich mit Absicht auf das am Sonntag zur Aufführung gelangende Werk will freilich mehr. Er hat seiner Tondichtung eine Wortdichtung voran­gestellt, die man kennen, ja die man sich genau eingeprägt haben muß, wenn man seinen Absichten wirklich folgen will.*)

In vier Abschnitten schildert sie uns, wie in matterhellter Kammer der Fieberkranke liegt. Ein furchtbarer Anfall ist voran­gegangen. UnheimlickM Stille herrscht. Nur die Wanduhr tickt, unregelmäßig, als könne es jeden Augenblick mit ihr zu Ende gehen wie mit der Lebensuhr des kranken Mannes da auf beut ärmlichen Lager, um dessen bleiche Züge in der Ruhepause ein wehmutsvolles Lächeln spielt. Ein neuer Anfall. Grausam wühlt

~ ' sein Opfer auf zu neuem Kampfe. Ein schreckliches ein unentschiedenes; beim noch einmal muß ber Tod

Ter Kranke sieht zurück; sein Leben zieht an ihm

*\ Es ist dringend zu wünschen, daß man sich vor dem Konzert mit der Tiastung und an der Hand eines Führers a/lch mit dem Gang der Musik bekannt macht. Ick) empfehle dafür die n Ernst Challiers Musttalieiu-aMung vorrätige Emführung von Wilhelm Mauke. Preis 20 Pfg.

Berlin, 18. Febr. Wie dieBerl. Ztg." berichtet, ist. du bekannte Schauspielerin H e d w i g Niemann-Raabe in einer Irrenanstalt untergebracht worden.

Kattowitz, 17. Febr. Für das hier zu errichtende <sl adt theater bewillige die R e g i e r u n g im Jntercsie des _^eutja> tumS einen em^UU'n Staats z n srtyu ß von 1 bO 000 Mr.

bietet, mit der modernen Riackung in der Musik eine, wenn auch zunächst nur oberflächliche Fühlung zu gewinnen. Vielleicht geht ihm dabei doch etwas von ihrer Größe auf.Tod und Verklärung" gilt unter Straußens früheren Orchesterdichtungen für die Hervor- mgendste.Tie thematische Arbeit" ich benutze Worte eines Sachverständigenist darin von einer solchen Feinheit wie etwa in den Werken Beethovens zweiter Periode oder auch in den symphonischen Werken von Brahms, die Melodieführung von außerordentlicher Großzügigkeit, das Orchesterkolorit blendend, die Instrumentierung von einem Raffinement, wie es weder bei Berlioz, noch bei Liszt, noch bei Wagner zu finden ist, die Har­monik ist zum Teil eine ganz neue geworden, sodaß man sich an die Tisharmonieen erst gewöhnen muß." Wenn diese Worte richtig sind umd ich unterschreibe sie mit Ueberzeugung so heißt es auch hier: erst lernen, dann urteilen.

Tie Schwierigkeiten, die istraußens Orchester birgt, sind ganz enorm, ja sie sind für unser hiesiges Orchester stellenweise fast unüberwindlich. Sollen wir deshalb auf den Versuch verzichten? Das wäre in mehr als einer Beziehung falsch,und nnllug. Wie wenige unter uns sind in der Lage, den Fortschritten der neuen Musik aus eigener Anschauung folgen zu können. Und unsere Musiker? Sie sind uns dankbar, wenn wir sie ihre Kräfte üben lehren an großen Aufgaben. Auch hier ziemt dem Publikum eine gewisse Bescheidenheit. Man glaube nur ja nicht, daß die Ausführung in Gießen sozusagen grundsätzlich hinter anderen zurückbleiben wird. Jedenfalls ist sie so gut vorbereitet wie nur irgend eine großstädtische.

Tod und Verklärung" gehört zu Straußens früheren 4,011*, Lichtungen. Es bleibt zu bedauern, daß die moderne Jnstrumentier- nngslunst in unaufhaltsamem Bvrwärtsdrängeil nun sckwn die Grenze überschritten hat, bis zu welcher die musiklüischen Kräfte mittelstädtischer Orchester mitgehen könneii. -Me jung | teil Schöpfungen von Strauß verlangen die Kräfte zweier dcormalorchester. 108 Instrumente erfordert die .luffuhrung der Sinfonia domestica nach der Vorschrift des Komponisten, dar­unter allein vier Saxophone. Wenn es so weiter geht, so x]d in der Tat die Fortentwickelung kleiner unb mittlerer stabte auf dem Gebiete ber musikalischen Kunst geradezu in Frage gestellt. Vielleicht bewal)rheitet es sich von hier aus,, daß die neue Rich­tung an sich selbst sterben muß; denn aus bte ^uuer hat die Musik den Resonanzboden der Allgememheck noch ine entbehren können. , , ,, .. .

Mit der Entwickelung der neudeuc)chen geht die der neu- russischen Schule Hand in Hand. Casar Eni ist ihr Nestor und Führer Der frühere Genieoffizier ist in ^euffchland zuerst tapferer Verteidiger der neudeutschien Richtung, dann hailptsäckp- lich durch seine Geigenkompositiouen bekannt geworden, die sich durch leidt verständliche, ins Ohr fallende Melodieen auszeichnen. Fräulein ' Ferchland wird uns nach dein zweiten Satz der Symphonie pathLtiqu? von Tschaikowskys bic uns Gießenern keine Neuheit ist, und vor Strauß drei Kompositionen Cuis zu Gehör bringen. Zwischen Wagner und Parsifal aber spielt sie Mozarts Es-Tur-Kvnzert, dessen klassische Schönheit auch diejenigen versöhnen wird, bic tntz alledem bic Köpfe schütteln möchten.

Krüger.

Erst der Kindheit Morgenrot, Hold in seiner Unschuld leuchtend! Dann des Jünglings keckes Spiel Kräfte übend und erprobend Bis er reift zum Männerkampf, Der um höchste Lebensgüter Nun mit heißer Lust entbrennt."

So wird er hinaufgetragen auf die Höhe des Lebens. Er glaubt sick dem Ziele nahe, da donnert das Schicksal sein Halt. Aber er läßt sich nicht beirren:Mach' die Schranke dir zur Staffel, immer höher nur heran." Suchen, suchen, nimmer finden. Ta packt ihn der Gewaltige. Mit seinem Eisenhammer Mägt er ihn nieder,bricht den Erdenleib entzwei, deckt mit Todesimcht das Auge" Es öffnet sich der Himmelsraum. Schwellende, selige Melodie strömt aus. Was er sehnend hier gesucht, er findet es: Welterlösung, Weltverklär-ung" .

^ie letzten Worte sagen uns, daß Strauß bet dem einzelnen Mensckensckicksal, von dem er den Ausgang nimmt, nicht stehen geblieben ist. Und ich stehe nicht an, zu behaupten, daß er sich stier als Dichter gezeigt hat. Was nun aoer btc Musik betrifft, 0 tarn {tagen: Muk das wirklich fein? Mutz

ein so entsetzlicher, wirklich schauriger Kampf nicht nur vor unser geistiges Auge, nein, trotz fehlender Bühne vor unsere Sinne aerückt werden'^ Diese fürchterlichen Kakophonieeii, b. h. ^on- fütaen die mit Absicht allem widersprechen, was wir in der aÄuiil als schön zu empfinden gewohnt sind, beleidigen sie uns nick t eher als daß sie uns zum Mitempfinden anregen? Werden wir nid'-r einfach zuiammengeschmettert von diesen imt höchster ftraft und mit gegen das Publikum gerichteten Schalltrichtern ge­blasenen Posaunen und den mit Holzschlägeln behandelten Pauken? Es wird darauf anlömmen. Aus eigener Erfahrung kann ich nur innen daß auch dieses Tonwerk wächst, je mehr man sich darin ber» tiejt.'Unb das ist für mich nock immer das beste Zeichen des Außer- ordentttäM^ b^westn. um etwas Außerordentliches, so tritt auck? an uns die Forderung heran, uns zu bescheiden. So rasch strtia soll man nicht sein mit seinem Urteil, daß man einmal bürt unb dann erklärt: ick- mag bas nicht, also ist es schlecht, '^as Geschmacksurteil wird man gelten lassen dürfen, nicht das gLrfiirtcü Jedenfalls aber erwächst nicht nur dem musikalisch Ge- bildeten sondern dem Gebildeten überhaupt bic Pflicht, eine Ge­legenheit nicht vorübergehen zu lassen, die ihm die Möglichkeit

Hod und Verklärung.

Zur Einführung in das Konzert am 26. Februar.

Ter Konzertverein rüstet sich zu einem ungewöhnlichen Unter- kehinen. T!as Programm für das Konzert am 26. Februar weist unter anderem Wagners Parsifal unb Richard Stranßens Tod und Verllärung auf. Manche werden meinen, das sei ein Sprung ins Dunkle. Jedenfalls ist's ein Wagnis.

In meinem Exemplar von Hanslicks mobenter Oper steht von der Hand des Gebers eingetragen:Spucke nie mehr ^als der Verfasser auf Wagner, und dieser wird zufrieden sein." Tas ^st jetzt 25 Jahre her. Auch 5)anslick hat, wie widerwillig er es getan haben mag, anerkennen müssen, daß Wagner zu den Ganz- großen gehört, die in der Geschichte der Musik Epoche gemacht haben. Wer heute die seinerzeit so viel gelesenen Bayreuther Briefe von Paul Lindau in die Hand nimmt, dem wird es kaum begreiflich sein, daß diese von seichter Witzelei getragene Kritik solchen Eindruck machen konnte. Man muß schon Historiker sein, um sie noch würdigen zu können. Wir witzeln jetzt nicht mehr über den Liebesmahlsprucy! und das Gralsmotiv und das Glaubens­thema, wir haben den gewaltigen Ernst verstanden, der den Mann beseelte, der diese Tonfolgen schuf, und wenn das Vorspiel zum Parsifal einfetzt mit der wunderbaren, wie aus geheimnis­vollem Tunkel sich erhebenden Melodie, so sind wir im innersten berührt, noch ehe das zarte, die Sinne gefangen nehmende Arpeggio der Saiteiiinstrumente ertönt. Unsere Seele durchzittert ein Beben. Wir sehen den Gral aufsteigen in seiner Pracht, und brausenden Widerhall findet in uns die mächtige Melodie:Der Glaube lebt, die Taube sckMcbt, des Heilands holder Bote!"

Merkwürdig doch, daß wir, sofern wir überhaupt wiisen, worum es sich handelt, unb das Vorspiel zum Parsifal nicht anhören, als stünde es vor irgend einer beliebigen Oper, baß wir da heute so wenig besonderer Erläuterung noch bedürfen. Was haben wir uns gestritten, als dieses Vorspiel vor kaum 20 Jahren, damals nur für Klavier bearbeitet, die Runde durch die musitälische Welt machte. Wer heute auch nu. zuhört, von denen zu schweigen, die selbst mitspielen dürfen, der spürt die Offenbarung des Genius unmittelbar. Er bedarf kein Programm. Er braucht nicht einmal au wissen, wie sich die Motive ineinanderschieben unb ablösen. Er hört Musik, Musil, die ihn ergreift, die ihn bezwingt, die ihn für.Augenblicke hinaufhebt in höhere Sphären.

Eilt daS aml) von Richard Strauß? Oder, wenn es iwch nicht gilt, wird einmal eine Zeit kommen, wo es gilt? Seine Bewunderer verkündigen es täglich lauter und begeisterter. Andere Wollen in Strauß beslenfalls den bedeutendsten lebenden Vertreter einer Lcicktung anerkennen, die sich selbst überstürzt unb an ihrem eigenen Ueberschwcmg zu Grunde gehen muß.

Sicher handelt es sich bei Strantz nicht um das Gleiche wie pei Wagner.' Natürlich ist auch er von Wagner stark beeinflußt. Wer von fernen Altersgenossen wäre das nickst? Aber Strauß hat recht eigentlich den Weg verfolgt, den Hektor Berlioz und Liszt zuerst eingeschlagen haben. Er ist der Führer der neudeutschen Kom- vunistenaruppe, in deren Programm dieProgrammmusik" fielst, h i deren Streben, wie Hanslick sagt, es ist, die Musik als Mittel zur Schilderung bestimmter Vorgänge zu benutzen, mit musikalischen Mitteln nickst zu musizieren, sondern zu dichten, zu malen" Nickst nur, sondern auch, würde ich sagen, denn ich mag das Urteil nickst kurzerhand unterschreiben, durch welches der föf-ra.iiftvkben Musik genau genommen der Charakter als Musik o ir abgesprochen wiro. Richtig aber ist, daß diese Musik auch Lickten und malen will. Tas ist ja nichts neues. Vor zwei Jahrhunderten gab es eine ähnliche Periode., Und wenn wir von ch-rogrammmusik reden, fällt uns wie selbstverständlich Beet- bovenS Pastoral-Symphonie ein. Und in gewissem Sinne ist es dasselbe. Warum soll ich so gut wie den Sturm oder ähnliche

'Ur. 43 ZtzveLtes Matt. 155. Jahrgang Montag 20. FeÄrnarl005

Erscheint esslrsr mit Ausnahme des Sonntags. /5P X X£ A <? } . <' a

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