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23.9.1905 Erstes Blatt
 
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» Kleine Tageschronik. Bei einem gerichtlichen Lokaltermin in A n k l a m, anläßlich eines Grenzreaulierungsvrozesses schoß der Schlößer Rodde auf seine Grenznachbarin Fräulein P a s s o w und verlebte sie tätlich. Er gab sodann auf da? Ehepaar Passoiv zwei weitere Schüsse ab, die jedoch das Ziel veriebltcn, und erschoß sich hierauf selbst. Bei dem Gute Perstohl bei Neubukow (Mecklenburg! stürzte Oberleutnant v. Stockhausen vom Infanterie-Regiment No. 76, mit seinem Pferde und erlitt einen dopoelten S ch ä d e l b r u ch. Au? der Station Bischofsheim (Ostpr.) fuhr aus noch nicht aufgeklärter Ursache ein Personen­zug in das Ladegleis, aus welchem einige Güterwagen standen. Der erste Wagen wurde aus den Schienen gehoben. Ein Händler aus Allenstein wurde leicht verletzt. Im Wiener- Stadtbezirke Ottakring erfolgte in der Zelluoidiabrik Seiler eine Explosion, welche das Fabrikgebäude in Flammen setzte. Zwei Personen wurden getötet, drei schwer und sechs leicht verletzt. In einer Privat-Klinik zu Berlin starb der Arzt Maschin aus Moskau an schwerer Gelbsucht. Der ihn behandelnde Arzt hält es für möglich, daß die Gelbsucht durch den Genuß giftiger Speisen, vielleicht giftiger Pilze hervorgerufen worden ist.

Versammlungen abgehalten toerben. Beschlüsse wurden noch nicht gefaßt.

Kniversiläls-Arachrichten.

Leipzig, 21. Septsr. Der bekannte Chemiker Professor O st w a l d ist heute zur Abhaltung der vom Kaiser angeregten Austauschvorlesungen nach Cambridge in Amerika abgereift.

Tie von der Akademie der Wissenschaften gu Berlin voll­zogene Wahl des Professors der Chemie art der Universität M ü nchen Geh. Rates Dr. Adolf v. Baeyer zum auswärtigen Mitgliede ihrer physikalisch-mathematischen Klasse ist bestätigt worden. Dem außerordentlichen Professor in der medizinischen Fakultät der Universität zu Königsberg i. Pr. Dr. Emil Berthold ist der Charakter als Geheimer Mcdizinalrat verliehen worden. Dem Privatdozenten der vhilosovhischen und Naturwissenschaft- lichen Fakultät der Universität zu Münster Dr. Max Dehn ist das PrädikatProfessor" beigelegt worden. Ter Privatdozent Professor Dr. Hermann T r a u b e zu Berlin ist zum außerordentlichen Profesior in der Philosophischen Fakultät der Universität Greifs­wald ernannt worden.

Petersburg, 21. Sept. Zum Rektor der hiesigen Uni- oersität wurde der Professor der Physik Borgmann gewählt, ein früherer Lehrer Nikolaus II.

Kunst und Wissenschaft.

Rudolf Baumbach t. Der Dichter vieler schöner Stu- ventenlieder, der Sanger manches Liedes, das auch in den'Lieder­schatz des deutschen Volkes übergegangen ist, Rudolf Baumbach ist am 21. d. M. in Meiningen, wo et als Dofrat lebte, ge­storben. Der Dichter wurde am 28. Sept. 1840 zu Kranichfeld in Thüringen geboren, studierte auf verschiedenen Universitäten Naturwissenschaften und lebte, nach längerem Aufenthalte in Triest, seit dem Jahre 1885 in Meiningen. Seinen ersten Erfolg brachte ihm die,im Jahre 1877 erschienene poetische Erzählung: Zlatorog, eine slovenische Alpensage". Roch größeren Erfolg hatten die im darauffolgenden Jahre erschienenenLieder eines fahrenden Gesellen", deren frischer, fröhlicher Humor dem Dichter einen großen Leserkreis zuführte. Es erschienen noch andere LiedersammlungenNeue Lieder eines fahrenden Gesellen", Spielmannslieder" usw. Daneben versuchte sich Baumbach mit minder großem Erfolge in der poetischen Erzählung, in der er mit Vorliebe alte volkstümliche Stosse darstellte, nnd im Mär­chen. Mehrere . Bände seiner Märchen und Erzählungen er­lebten neben feinen beliebten Liederfammlungen immer wieder neue, Auflagen. Tas populärste seiner Lieder ist dieLinden­wirtin" (Seinett Tropfen im Becher mehr usw.). Sein nicht minder bekannter, ihm 1896 im Tode vorausgegangener jüngerer < 1844 geb.) Bruder war der freisinnige Parlamentarier und lang­jährige Sonnenberger Landrat, spätere Danziger Oberbürgermeister Karl Adolf Baumbach.

Zum Streit im Frankfurter Kunstleben. Die äußerst scharfen Verurteilungen, die anläßlich des entbrannten Frankfurter Kunststreites die Administration des StädelschenInstituts gefunden hat (vgl. untere No. 218, 2. Bl.) sind scheinbar doch auf fruchtbaren Boden gefallen. Es hat eine geheime Sitzung stattge­funden, in der über die Vereinigung sämtlicher Frank­furter K u n st i n st i t u t e verhandelt wurde. Der Magistrat, der der Vater dieses großen Gedankens ist, hätte nämlich, wäre nicht zu einer Verständigung geschritten worden, unbedingt der Administration ein Ultimatum stellen müssen. Kommt nun, was nicht nur im Interesse der Frankfurter, sondern im Interesse der gesamten deutschen Kunst sehnlichst zu wünschen ist, eine Einigung zu stände, so besitzt dann Frankfurt den bedeutensten Ankaufsfonds für Kunstsachen von allen europäischen Galerien. Dann ist Frank­furt wirklich ein Weltfaktor auf dem Gebiete der Kilnst.

Arbeiterbewegung.

Berlin, 22. Sept. Die ausgesperrten Arbeiter der Elek- ivizitätsbranche haben heute mittag zwei Versammlungen .abgehalten, die derart überfüllt waren, daß sie bereits eine (Stunde vor Beginn polizeilich gesperrt werden mußten. In diesen Versammlungen wurde mitgeteilt, daß bis jetzt circa 8000 Mann ausgesperrt seien. Weitere größere Entlassungen '-verden in nächster Zeit erwartet. Es kann sich noch um 2000 Mann handeln. Am Sonntag sollen mehrere Massen-Proteft-

Handel und Verkehr. Volkswirtschaft.

Japanische Konversion. In London soll man gegen­wärtig mit dem Plane umgehen, eine Konvertierung innerer japa­nischer Anleihen in äußere niedriger verzinsliche herbeizuführen. Eine Mitwirkung deutscher Finanziers soll beabsichtigt sein und sei man bereits in Fühlung mit den Großbanken getreten. In erster Linie mit den Kreisen der Deutsch-Asiatischen Bank. In Berlin soll in dieser Sache schon eine vorberatende Sitzung statt­gefunden haben, die aber zu keinem Resultat führte.

Auszug aus -rn Stanreermsgrelnsteru der Stsd! bießro.

Aufgebote.

September. 20. Peter Schäfer, Schriftsetzer dahier, mit Elise Lüllig in Adelsheim.

Eheschließungen.

September. 16. Gottlieb Geller, Metzger dahier, mit Luise Müller hierfelbst. 16. Albert Merlau, Geschäftsführer dabier, mit Margarete Kempf Hierselbst. 16. August Habicht, Bauschlosser da­hier, mit Anna Erna Heyer Hierselbst. 16. August Datz, Kaufmann dahier, mit Elisabeth Schmoll hierfelbst. 16. Franz Gottwald, Handschuhmacher dahier, mit Anna Marie Zins Hierselbst. 21. Her­mann Jung, Zioilingenieur in Frankfurt a. M., mit Emma Elisabeth Abel in Holzheim.

Geborene.

September. 10. Dem Schirrmann Konrad Schomber eine Tochtex, Frieda Marie Johanna. 12. Dem Schmied Louis Töll ein Sohn, Ernst. 17. Dem Gefangenaufseher Heinrich Ludwig Basier eine Tochter. 18. Dem Kaufmann Edaar Borrmann eine Tochter. 20. Dem Fuhrmann Robert Theodor Armann eine Tochter, Ottilie Martha Alice. 20. Dem Schuhmacher Kaspar Döring ein Sohn, Georg Friedrich.

Gestorbene.

September. 15. Marie Josefa Kunz, geb. Bode, 56 Jahre alt, Ehefrau des Weichenstellers 1. Kl. Jakob Kunz dahier. 18. Heinrich Michael Merz, 73 Jahre alt, Ingenieur dahier. 18. Emma Heil, 7 Monate alt, Tochter des Schneiders Reinhard Heil dahier. 20. Karl Euler, 35 Jahre alt, Landwirt dahier.

Kriginak-Aral-tmklsnngen.

Berlin, 23. Sept. DieRationalztg." schreibt: Die Verhandlungen im Handelsministerium wegen Be­teiligung des Staates an der Rheinisch-West­fälischen Bergwerksgesellschaft nehmen einen be­friedigenden Verlauf, sodaß ihr Abschluß bereits in den ersten Tagen der nächsten Woche erwartet werden darf. Der Erwerb der Hibernia für den Staat und der Eintritt der fiskalischen Zeche Gladbeck in das Kohlensyndikat dürfte im Zusammenhänge mrt der Regelung der Hüttenzechenfrage gesichert sein.

Berlin, 23. Sept. Auf der Radrennbahn in Treptow stürzte der Dauerfahrer Stellbrink beim Trai­ning. Er erlitt eine schwere Kopfwunde und einen Bruch beider Arme. Auf der Radrennbahn Steglitz geriet beim Training ein Motor in Brand. Der Motor- fuhrer erlitt beim Ablenken des Motor? auf den Sand er­hebliche Brandwunden an den Händen. Der Renn­fahrer Schulze-Zehlendorf kam zu Fall und brach das Schlüsselbein. LautVorwärts" beträgt die Zahl der ausgesperrten Arbeiter und Arbeiterinnen bei der All­gemeinen Elektrizitäts-Gesellschaft 6 0 00 und bei den Sie- menS-Schuckertwerken 2 5 00.

Erfurt, 23. Septernber. Gemäß dem Anträge der in Sachen der Fleischnot gewählten gemischten Kommission beschlossen die Stadtverordneten, unverzüglich an den Reichskanzler und den Landwirtschaftsminister eine vom Magistrat ausgearbeitete Eingabe abzuschicken, die die so­fortige Oesfnung der Grenzen fordert. Die Eingabe hebt ausdrücklich hervor, daß dies der Wunsch der ge­samten hiesigen Bevölkerung sei.

Dresden, 23. Sept. Die 4. Strafkammer hat den Leutnant der Landwehr, Maschinen-Fabrikanten Paul K ü hsel, wegen SittlichkeitSoerbrechen, begangen an 20 Mädchen, zu 2 */z Jahren Gefängnis und 5 Jahren Ehrverlust ver­urteilt.

Leipzig, 23. Sept. In dem Prozeß gegen den ReichsfiskuS wegen Anrechnung des Probejahres bei dem Besold ungsdien st alter wies das Reichs­gericht die Revision des Klägers, Obertelegraphisten

Tews-Hamburg, zurück. DaS Landgericht und das Ober» landesgericht in Hamburg hatten bereits die Klage abge­wiesen.

Bamberg, 23. Sept. Der Kongreß für Denk-, m als pflege sprach sich für die Erhaltung des Königlicherr, Opernhauses in Berlin aus.

Daris, 23. Sept. Wie aus Tanger gemeldet wird, wurdg irrt Auftrage des Sultan? die Familie des ehemaligen! K'riegsministers Elmcnebhi verhaftet. Elmcnebhi selbst befindet fick' augenblicklich in Egyvten. Witte verläßt heute Daris und begibt sich direkt nach Berlin. Wie verlautet, hat Witte zwar hier mit Pariser FinrmcierS und Herrn tfifajcl vom Berliner Hause Mendelswlm konferiert, doch handelt es sich noch nicht um den Abschluß einer Anleihe. Witte äußerte hier wiederholt, daß er fürs erste weder Aussicht noch auch den! Wunsch habe, in Rußland eine leitende Rolle m der inneren Politik zu spielen. Er scheint zunächst die Entwicklung den Tinge abwarten zu wollen und gedenkt den Winter in Nervi zu ber«* bringen.

Passau, 22. Sept. Bei dem gestrigen Elsenbayn- unsal zwischen Mitterfels und Wiespoint wurde außer dem Zugführer auch der bayrische Landtags«bg. Echinger verletzt.

W a r s ch a u , 23. Sept. Zu dem D o m b e n - A t t e n t a t auf d"s Bankgeschäft Scheresckewski wird gemeldet: Nach­dem der Attentäter ins Spital gebracht worden war, antwortete er auf die Frage noch Namen und Wohnort: Ich bin Anarchist und wohne in der ganzen Stadt. Nach dem Bombenwurf feuerte er auf der Flucht drei Revolverschüsse ab, die aber fehl cnngen. Wie konstatiert wurde, war er ein paarmal beim Bankier schere- sckewski gewesen, um eine Beisteuer für soziale Zwecke zu fordern. Infolge des Attentats fanden wieder zahlreiche Judenverhast-i ungen statt. .. ,,

Tokio, 22. Sept. (Reuter.', Die Zahl der direkt an den Thron gerichteten Denkschriften von verschiedenen Persönlichkeiten und Körperschaften, in denen der Frie- densdertrag verurteilt und der Kaiser dringend gebeten wird, die Ratifizierung zu verweigern, beträgt setzt über 40. Am bemerkensw.rtesten ist eine Adresse, drei von sechs Professoren der kaiserlichen litti« oerfität unterzeichnet ist. Jetzt wird bekannt, daß ent­gegen den Versicherungen des Ministerpräsidenten Katsura eine Klausel des Friedensvertrnaes besteht, durch welche Japan sich verpflichtet, die LaperousestraßH nicht zu befestigen. Unter den Kaufleuten macht sich eine Mißstimmung darüber geltend, daß Japan solche Beschränkungen seiner territorialen Freiheit auf­erlegt werden. Die Konstitutionalisten nehmen nach und nach eine feste oppositionelle Haltung bet; Regierung gegenüber an.

Kursbericht

4°/0 fiuesere Argen tiner

Tendenz: schwächer.

S*/2o/o 3<V, 3Vt°/o S°/o W/n

. 272.80

. 258.00

. 225.70

. 100.0fr

Un»ar. Goldrente Italien. Rente , Portugieser I » Portugiesen. IH Unif. Türken .

. 97.70 . 135 00 . 134.90 . 215 50 . 195.00 . 15170 . 167.50

. 174.40 . 144.80 . 21.40

3°/0 Mexikaner . . 4Ve5/n Chinesen . . Electric. Schlickert . Nordd. Lloyd . . Kreditaktien . . . Diskonto-Kommandit. Darmstadter Bank . Dresdener Bank . . Berliner Uandelsges. Oesterr. Staatsbahn . Lombarden . . . Gotthardbahn , . . Laurali litte . « . Bochum . . . . H arponer ....

Staatschatzscheine .

4%

4"/i 3% 3nl

3% Oberhessen . .

4% Oesterr. Goldrente .

4llK% Oesterr. Silberrente

. 101.20 . 89.55 . 101.20 . 89.45 . 99.80

101 85

101.70

97.95

105.60

68.90

68.70

91.70

140.60

54.60

Reichsanleihe do.

Konsole , do. . .

Hessen

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Gießen, den 28. September 1905.

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