Nr. 145 Zweites B,E. 155. Jahrgang
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Freitag 23. Juni L 905 fRotationSbrud unft Verlag bet VrQ hl Ich« UniDcrfuätöt>ruderet fft Lange. (Btefeak
Redattion, ExpedtNon u. Trudetet ScbulfH. t, Tel *Jit. 6L TeleginLldr. i Vlii^etyei <£ufetib
General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Sieben.
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Aie deutsch-franzöflsche Kriegsgefahr.
Die Wochenschrift .Europa* (VerlagSges. Europa, Charlottenburg, Niebuhrstr. 1) teilt in ihrem uns beute auf den Redaktionstisch gelegten Heft 23 mit, daß Fürst Bülow kurz nach dem Beginn des Marokko-Konflikts an den Kriegsminister und den Generalstabschef die Frage gerichtet habe, ob Deutschland für den Fall eines Kriege- bereit sei. Wer aufmerksam die deutsche auswärtige Politik der letzten Monate verfolgt hat, dem sagt diese Meldung nichts Neues. Cie mag dementiert werden, weil sie vielleicht nicht ganz genau den Tatsachen entspricht. Aber das unterliegt keinem Zweifel, daß die Leiter unserer auswärtigen Politik mit der Möglichkeit gerechnet haben, daß Deutschlands entschiedenes Auftreten Frankreich gegenüber Folgen haben könnte, bei denen die Mittel der Diplomatie versagen. Ist daraus dem Reichskanzler ein Vorwurf zu machen, wenn er die Konsequenzen des deutschen Protests auf jegliche Eventualität hin erwog? Daraus ergab sich die einfache, logische Notwendigkeit, sich zu überzeugen, daß im Notfall der Arm gerüstet sei.
Hören wir, was unser vorzüglich informierter Berliner R.-Ko rrespondent dazu schreibt:
„ES ist nicht richtig, was behauptet wird, daß Fürst Bülow den Zusammenbruch Rußlands zu einem Gewaltstreich gegen Frankreich habe aus nutzen und den Marokko-Fall als Vorwand gebrauchen wollen. Wer das behauptet, besitzt von dem wirklichen Stande der Dinge keine Kenntnis. Die Absicht der Ucberrumvelung, sobald Zeit und Gelegenheit günstig, war auf französischer Seite vorhanden. Es war das Ziel des Ehrgeizes des Ministers Delcassö, der alle Vorbereitungen auf das eifrigste betrieb. Hinter diesen schönen Plan Delcassßs war man in Berlin rechtzeitig gekommen, rechtzeitig genug, um dem gänzlich verblüfften .Herrn das Kartenhaus einzustoßen. Deutschland mußte scharf und energisch auftreten, sonst hätte sich 'die deutsch-französische Verbindung eines Tages sehr überraschend und heftig gegen uns gewendet. König Eduard persönlich, das weiß man, w i d e r st r e b t diesem Gedanken. Auf seinen Einfluß ist eS jedenfalls zurückzusühren, daß Delcassö die anfänglich herausfordernd trotzige Haltung im Marokko-Streit vorübergehend mäßigte. Tlber es konnten Verhältnisse kommen, die sich 'stärker erwiesen als die Friedensliebe des Königs. Die Leidenschaft der Nationen konnte den Krieg erzwingen. Wir behaupten: Weit entfernt, daß in Berlin die Absicht obwaltete, eine Störung des Friedens hervorzurufen, war das Ziel unserer Politik vielmehr auf die Erhaltung des Friedens gerichtet. Zu diesem Zweck war es erforderlich, das Feuerchen, das Delcassö zur Mehrung seines Ruhmes angelegt hatte, entschlossen und so vollständig als möglich auszulöschen. Wie, sollten etwa die Leiter der deutschen Politik seelenruhig abwarten, bis Delcassä Holz genug zusammengebracht hatte, den Brand riesengroß zu machen, sollte man auf eine derartige Intimität zwischen Frankreich und England warten, daß man im Ernstfall beide Mächte geschlossen gegen sich hatte? Das wäre ein sehr ungeeignetes Mittel gewesen, die Katastrophe zu verhüten. Wenn die deutsche Politik sich diesen Zeitpunkt aussuchte, Frankreich Farbe bekennen zu lassen, so tat sie das auf Grund genauer Wissenschaft, daß in diesem Augenblick, wie immer die Auseinandersetzung mit Frankreich sich gestaltete, England keine Waffenhilfe leisten würde, und daß auf den Beistand Rußlands, einfach wegen des ostasiatischen Krieges, Frankreich ebensowenig rechnen konnte. Mit einem Wort, es war gelungen, D e l c a s s 6, der sich sehr nahe dem Ziel dünkte, Deutschland isoliert zu haben, sein eigenes Jsoliertsein drastisch vor Augen zu führen. Als trotzdem Del- casse, mit dem Mut der Verzweiflung, im französischen Ministerrat auseinandersetzte, Frankreich brauche einen Krieg mit Deutschland nicht zu scheuen, da wurde Delcassö von den ob dieser Sprache ganz entsetzten und die Schwäche Frankreichs besser kennenden Kollegen an die frische Lust des Privatlebens befördert. Delcassä hatte aus guten Gründen das Geheimnis, an welchen Abgrund leine Politik Frankreich geführt, möglichst lange zu wahren verstanden. Wir waren anfangs Mai in Paris. Dort hatte man keine Ahnung von der Zuspitzung der Situation. Wir sprachen mit Politikern, mit Finanzleuten, mit Militärs, mit sonst sehr unterrichtetem französischen Journalisten — nirgends wurde dem Marokko-Konflikt eine tiefere Bedeutung beigemessen, nirgends sah man eine Gefahr. Erst im Juni, nach dem Sturze Delcasses, erkannte das „Volk der Rentner" mit äußerster Bestürzung, in welcher Krisis es sich befunden hatte.
Die Ernüchterung der englisch-französ. Beziehungen herbeigeführt zu haben, das ist der nicht gering zu veranschlagende Erfolg der deutschen Politik. Die Situation stellte England vor die '.mausweichliche Frage, ob es Frankreich
beistehen würde, und der Bescheid lautete einmütig, daß Eng- larrd momentan nicht in der Lage sei. Man versteht, daß die inzwischen von englischer Seite reichlich gespendeten guten Ratschläge als wohlfeile Worte in Paris aufgefaßt werden."
„Nationalztg.* und „Lokalalanz." bereiten soeben in anscheinend vom Auswärtigen Amt beeinflußten Auslassungen darauf vor, daß die Verständigung über Marokko auf sich warten lasten wird. Al8 gewiß dürfte gelten, schreibt die .Nationalztg.*, daß die weiteren Verbandlungen geraume Zeit in Anspruch nehmen werden. Schärfer präzisiert der ,Lokatanz.* die deutschen Einwendungen gegen die neueste Note Frankreichs: Die zahlreichen Vorrechte, die Frankreich, selbst wenn cS zu einer Konferenz kommen sollte, für sich reserviert sehen will, stimmen wenig überein mit dem durchaus ablehnenden Standpunkt des Sultans von Marokko gegenüber den französischen Neformvorschlägen. Nach einem Tele- grnmm des „Bert. Tagebl.* ist in Paris die optimistische Stimmung, die einen Augenblick lang herrschte, wieder im Schwinden begriffen. Von den verschiedensten Seiten werde die Befürchtung geäußert, daß Deutschland eine Verständigung nicht wünsche.
Dies Mißtrauen wird wohl von der Kriegsfurcht eingegeben sein. Rouvier scheint, bei allem guten Willen zur Verständigung, von seinem Vorgänger daß nicht glückliche System übernommen zu haben, präzise Fragen nicht präzis zu beantworten, sondern allerlei Abschweifungen zu machen. Es könnte doch der Moment kommen, da die deutsche Politik den Weg der unmittelbaren Vereinbarung mit dem Sultan von Marokko den komplizierten Auseinandersetzungen mit Frankreich vorzieht. Rouvier, so heißt es, wünscht Zeit zu gewinnen. Deutschland hat nicht die Absicht, Zeit zu verlieren.
W. T.-B. meldet heute aus Paris unterm 22. Juni: Die auf Marokko bezügliche Note Frankreichs ist dem deutschen Botschafter geftem abend übergeben worden. In dem ziemlich langen Dokument gibt Ministerpräsident Rouvier, wie verlautet, zunächst einen historischen Ucberblick über die Frage und hebt die ganz besondere Lage hervor, in per sich Frankreich gegenüber Marokko befinde. Rouvier erllärt dann, Frankreich habe sich stets als Anhänger der „offenen T ü r" in Marokko, sowie als Anhänger der I n t e g r i t ä t des marokkanischen Gebietes und der Souveränität des Sultans gezeigt. Bezüglich der geplanten internationalen Konferenz äußert sich der Ministerpräsident weder zu stimmend noch ablehnend. Er stellt in der Note gewissermaßen eine akademische Erörterung an Über die Gründe, die für und gegen eine solche Konferenz sprechen, und Über die Bedingungen, unter denen die Konferenz in den Augen der sranzösischen Regierung eine Daseinsberechtigung hoben würde.
Mit dieser Note hat natürlich die Verständigung zwischen Deutschland und Frankreich nicht an Terrain gewonnen. Im französischen Ministerium des Aeußeren ist man, so heißt es, überzeugt, daß wenigstens einer der wichtigsten Differenzpunkte, die bei den Besprechungen Rado- lins und RouvierS zu Tage traten, die, von Frankreich zu seinen Gunsten verlangte Grenz-Regulierung bei Udjida, ohne Einspruch Deutschlands durch direktes Neber- einkommen Frankreichs mit dem Sultan sich werde beseitigen lassen. Im Zusammenhänge damit dürste die Abreise des gegenwärtig in Paris weilenden Juinot Gam- betta nach Fez stehen. Minder einfach liegt nach französischen Anschauungen die Angelegenheit der Schaffung eines Polizetkorps in den Küstenbezirken. Dem „Figaro" zufolge beansprucht Deutschland zwar keineswegs für sich die Teilnahme an der Leitung der öffentlichen Sicherheit, weder in den Küstenbezirken noch in anderen der algerischen Grenze ferner liegenden Distrikten, wolle aber auf der Konferenz befürworten, daß eine andere Macht, etwa Spanien von der allgemeinen Kongreß-Kommission mit dieser Aufgabe zu betrauen sei.
Nach einer Berliner Privatmeldung, wonach die Verhandlungen zwischen Nadolin und Rouvier einen glatten Fortgang nehmen und auf das Zustandekommen einer Konferenz hindeuten, bemerkt der der englischen Regierungspartei nahestehende .Daily Graplsic*, England werde sein Verhalten durchaus denEntschlüsten Frankreichs anpassen. Immer
hin gehe auS der unverkennbaren antibritischen Spitze der deutschen Aktion hervor, daß Kaiser Wilhelm stch von England feindlichen Ratgebern völlig habe umgarnen lassen. Lord Landsdowne selbst wolle seine Politik demenflvreckend gestalten.
Ministerpräsident Rouvier empfing gestern den deut» scheu Botschafter Fürsten Nadolin.
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Zur rechten Zeit erscheint fetzt im Verlag von Stephan Geibel in Altenburg ein Reisewerk über Marokko au5 der Feder be8 deutschen FvrschungSreiscudm Rudolf Zabel unter dem Titel „Im muhammcd-anischen Abendlande". Tagebuch einer Reise durch Marokko. Die Durcharbeitung drk Stoffes in den unS vorliegenden drei ersten Lieferungen des Buckes läßt erkennen, daß man es hier mit einem wertvollen Werke zu tun hat. Es erscheint zunächst in 15 Lieferungen zum Preise von 60 Pf. Rudolf Zabel unternahm die Reise nach Fez, bereu Ergebnisse und Erlebnisse er in dem vorliegenden Werke beschreibt, während des ia auch jetzt in Marokko noch nicht völlig niedergeschlagenen Aufstandes wieder rt5 erster Europäer, nachdem diese von ihren Gesandtschaften nach der Küste zurück- berufen worden waren. Er führt den Leser direkt an die Orte, wo sich marokkanisches Leben und Treiben an der Quelle studieren läßt. Dest 1—3 enthalten interessante und sesselnde Schilderungen des Reisenden über feine Ausreise, besonders aber über baß Leben und Treiben in Tanger, jcu*m nördlichem Küstennest Afrikas, in dem die allerverschiedensten Russen und Nationen zusammenkommen. Mit Humor schildert er den Kleinkrieg, der sich seinerzeit in der 1 Umgebung von Tanger absvicltc, die Nochrichtemägerei der französischen und spanischen Joumolisteu, die dorthin geflutet waren, und die Vorbereitungen zu feiner Landreise. Dabei sind auch in diese Kavitel Beobachtungen und Mitteilungen über Land und Leute geschickt eingestreut.
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4. Sitzung her Grofch. Handelskammer Gießen, für die Kreise Gießen, Alsfeld und Lauterbach.
Protokoll-Auszug.
(Schluß.)
Gießen, den 16. Juni 1905.
2 Ersatzwahl zur Handelskammer. Auf An» trag der Handelskammer hat das Großh. Ministerium deS Innern verfügt, das; anstelle der verstorbenen Mitglieder A. Katz und E. Balser aus Gießen gemäß § 19 Abs. 5 des Handelskammergefetzes für den Rest der Wahlperioden der Verstorbenen eine Ersatzwahl vorzunehmen ist. Die Ersatzwahl hat unter Zugrundelegung der bei der letzten Ergänz- iing^af/t festgestcllten Liste der Wahlberechtigten stattzufinden. Tie Handelskammer beschloß, die Wahl am Dienstag den 27. d. M. nachmittags 2—6 Uhr im Bureau der Handelskammer vornehmen zu lassen. Derjenige Kandidat gilt für die längste Amtsdauer gewählt, aus den die meisten Stimmen entfallen. Zum Wahlkommissar wurde Herr C. W. Nowack, zu Urkundspersonen bezw. Stellvertreter wurden die Herren Karl Georgi, Adolf Zurbuch und Albert Wallenfels, sämtlich aus Gießen, gewählt.
3. Versagung der Ueberarbeit bei Ve rstoß gegen § 13 7 der Gewerbes rdnung. Nach den hessischen Ansführungsanweisungen zur Gewerbeordnung ist die Genehmigung neuer Anträge auf Ueberarbeit von Arbeiterinnen über 16 Jahren zu versagen, wenn gerichtliche Bestrafimgen wegen Zuwiderhandlungen gegen § 137 der Gewerbeordnung, der Bestimmungen über die Beschäftigungsdauer solcher Arbeiterinnen enthält, oder andere Tatsachen vorliegen, welche die Annahme rechtfertigen, daß in dem Betriebe des Ätntragstellers eine gewissenhafte Beobachtung der gesetzlichen Vorschriften nickt zu erwarten ist. Die Handelskammer zu Qffenbach a. M. teilte mit, daß einer Anzahl industrieller Unternehmungen ihres Bezirkes auf Grund dieser AusführunaSanweisung die Genehmigung zur Beschäftigung von Arbeiterinnen über 16 Jahren über die gesetzlich fcftgelegte Zeit hinaus für immer versagt worden sei. Diese nie verjährende Bestrafung einer BerfehlunA gegen § 137 der Gewerbeordnung sei außerordentlich hart und eS empfehle sich deshalb eine Abänderung jener Verordnung. Die hiesige Handelskammer bat auch bei einer größeren Anzahl industrieller Firmen ihres Bezirks eine entsprechende Umfrage veranstaltet, doch sind ihr derartige Fälle, wie solche in Offenbach vvrgekommen sind, nicht mitgeteilt worden. Es liegt hier jedoch eine ganz außergewöhnliche Härte in den Ausführnngsbestimmungen vor, die auch bei hiesigen Firmen leicht zu ähnlichen Schädig
dafür die städtische Behörde ist. Und zwar insofern, als,polizeilichen Vorschriften sind in den meisten Fällen sehr
in ihr gerade, wo man in erster Linie Verständnis für die
dehnbar. ES ist nicht unrecht gehandelt, wenn durck einen
Grundforderungen des Städtebaus voraciSsetzen sollte, eine unverantwortliche Gleichgiltigkeit gegen bau- kün st le rische Fragen antrifft. Mit Recht sagt Professor
kleinen unschädlichen Nachlaß auf der einen Seite, int Interesse des StraßcnbildcS auf der anderen Seite etwas Wertvolles erreicht wird, was unter gemeinen Umständen
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Kie SLadrbauveöölden und die moderne Architektur.
Von einem hervorragenden Berliner Archi fetten erhalten wir folgende Zuschrift:
Die sog. Verhunzung und Verschandelung des städtischen Straßenbildes wird heute in den Hörsälen der Technischen Hochschulen und Bauakademien gebührend kritisiert, trotzdem aber machen sich die in erster Linie Berufenen, nämlich die privaten Bauineister in unseren Städten, zu wenig Gedanken darüber, ob ihre Bauwerke auch den Anforderungen entsprechen, welche der moderne Städtebau und die Kunst- anschanungen unserer zur echten Antike zurückkehrenden Zeit stellen. Wir finden leider immer noch auf den Arbeitstischen der meisten Baubureans unserer mittleren und kleinen Städte zu häufig die oft recht zweifelhaften Schablonen-Vorlagewerke einer langlebigen, heute aber endlich abgelebten Periode, in der mein im Laufe der Jahrhunderte die schöne echte Antike mit immer neuen unpassenden Zutaten versah, vorherrschend Werke, die früher überhaupt das Em und Alles der Baubeflissenen waren. Die besten Werke aber unserer Bauästhetiker und besten Städtebauer sind dort noch gar zu wenig anzutreffen, die dem neuzeitlichen Städtebau so vieles gegeben haben. Immerfort muß man mit Erstaunen die Wahrnehmung machen, daß Bauwerke entstehen, be bei jedem ästhetisch Empfindenden Entsetzen Hervorrufen müssen, namentlich an solchen Stellen, die eine besonders pietätvolle Behandlung verlangen. Wenn man dieser eben gerügten Erscheinung auf den Grund gebt so findet man meistens, daß der eigentlich Verantwortliche
Henrici-Aachen hierzu:
^Aus den Bauordnungen und baupolizeilicken Vorschrllten sind alle nur irgend entbehrlicken, den freien Willen des bauenden Bürgers beffbräurbüben Bestimmungen zu entfernen, soweit eS sich nickt. um Konstruklionssickerheit, Feuerstcherheit, Gcsundluüts" vorschristen und Verhinderung der Schädigung sonstiger privater und öffentlicher Interessen haiidelt/
Jedes Zuviel an baupolizeilichen Einzelbestimmungen ist schlimmer als der Mangel an persönlichem Einfluß, den die städtische Behörde nach bester Ncögl'chkeit sowohl auf die Ballmeister wie ans die Bauherren ausüben soll. Zu einer solchen Beeinflussung ist vielfache Gelegenheit gegeben. Sie wird aber nur da vorauSzusetzen sein, wo die städtische Bauverwaltung einer Persönlichkeit untersteht, die gediegenes Kunstwissen und geläuterten Kunstgeschmack besitzt. Weder einem Stümper noch einem Ignoranten wird es gelingen, einen privaten Ballmeister oder Bauherrn dazu zu bewegen von einem greulichen Fafsadenauspntz oder einem sinnlosen, entstellenden Erkeraufbau oder von einer unsinnigen Türmchenaufkleberei abzubringen. Dagegen wird ein Mann von Wissen und Takt sehr wohl int Stande sein, in dieser Richtnng wirken zu können, sei es auch dann und wann unter Gewährung einer kleinen Gegenleistung dadurch, daß hier ober dort von der satzungSmäßigen Strenge der baupolizeilichen Vorschriften etwas nachgelassen wird, foweit der einzelne Fall dies ohne Not zuläßt. Die bau-
nicht ermöglicht worden wäre. Wir können mit Beispielen dieser und ähnlicher Art dienen. So ist es jüngst in Magdeburg möglich gewesen, durch das persönliche Eingreifen des Stadtbaurats einen alten köstlichen Giebel zu retten, der heute einem Neubau in der Gegend, wo der Giebel früher stand, kunstmäßig eingefügt ist und bei Nichteingreifcn des Stadtbauamtes vielleicht umgekonlmen wäre, zum Schade» der städtischen Architektur. ' Aus anderen Städten — e« sind nicht immer nur reiche Großstädte — wird berichtet, wie dort die Stadtverwaltung Konkurrenzen veranstaltet, um Fassadenentwürfe von künstlerischem Werte zu erhalten, die in den Besitz derStadt ül'ergehen und im Bedarfsfälle den ausführenden Privatarchitekten unberechnet zur Verfügung gestellt werden Kommt es vor, daß sich ein Architekt mit gröblicher Absicht den Wünschen des guten neuen Geschmackes widersetzt, indem er vielleicht eine hübsche grüne Ecke in bester Lage einer Stadt durch eine» protzigen kahlen Bau auf ewig verhunzt, so bet eine intelligente und mit dem Geschmacke ihrer Zeit fortschreitende Baubehörde Mittel genug in der Hand, ein solches Vorgeben durck strengste Handbabnng der baupolizeilichen Vorschriften gebührend zu vergelten. 'Wer fich über bie Wünsche Einsichtsvoller in rücksichtsloser Weise lsinweg- setzt, der darf sich über eine gleiche Wiedervergeltnng nicht wundern.


