Nr. 19
Montag, SS. Januar 1905
155. Jahrg.
Gießener Anzeiger
General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den «reis Eichen.
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allerband Vorwürfe auf das Kohlensyndikat. Man hat ja sogar eine Enquetekommisston zur Untersuchung der Verhältnisse einge- tetzt und die namhaftesten Gelehrten hinerngewahlt. ^as Syndikat ist aber aus dieser Untersuchung glänzend hervorgegangen. Datz das Syndikat auf die Arbeiterlöhne ungünstig emwirtt, ist nicht der M. Im Gegenteil. Während die Löhne vor 20 Jahren 28 Prozent des VerkaufswerteZ der Kohlen betrugen, betragen sie jetzt 60 Prozent. (Abg. H u e ruft: Längst widerlegt!) Wo bleibt da der ungünstige Einfluß?
Bezüglich des Streiks ist gestern bestritten worden, daß überhaupt Ausschreitungen stattfinden. Gleichwohl wird em gewisser Terrorismus gegen die Arbeitswilligen geübt, die angefallen, angespien und durchgehauen werden. Ich will cS annehmen, daß es nicht organisierte Arbeiter waren, die das taten. Es m die erste Pflicht des Staates, wie auch Graf Bülow gestern mit Recht betonte, die Arbeitswilligen zu schützen. Daß auch sonst Gefahr tm Verzug ist, zeigt ein Telegramm, das ich vorgestern abend beicrm, und in dem mir mitgeteilt wurde, daß von unbefugter Hand über Bahnschienen Planken gelegt seien. (Zuruf von den Soz.: Von wem?) Ja, von wem, das weiß ich nicht. (Gelächter bei den Soz.j Aber es ist Pflicht der Behörden, unter allen Umstanden solche Schurkereien zu Verbindern.
Herr Hue hat gestern auch einige Worte über den Oberbürgermeister Schmieding von Dortmund fallen lassen. Ich habe Herrn Hue so verstanden, daß er gesagt hat, Herr Schmieding sei Mitglied eines Aufsichtsrats und habe eine große Nervosität an den Tag gelegt. lSehr richtig! bei den Soz.) Darauf habe ich zu bemerken: Die Uebernahme dieses Aufsichtsratspostens ist mit em* stimmiger Zustimmung der Stadtverordnetenversammlung erfolgt (Lachen links), und wie man den Oberbürgermeister für einen nervösen Mann halten kann, das ist mir ganz unverständlich. Herr Schmieding hat seine Kaltblütigkeit schon im Kriege 1870/71 an den Tag gelegt (Heiterkeit links), wo er das eiserne Kreuz am Bande sich errungen hat. Er hat dann bei Winterkälte mit eigener Lebensgefahr den Sohn eines Sozialdemokraten aus dem Wasser gezogen, wofür er die Rettungsmedaille bekam. Also ein nervöser Mann ist Herr Schmieding sicherlich nicht. (Zuruf bei den Soz.t
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.Ist das alles?") . ,
Die Vorgänge im Ruhrgebiet sind eine ernste Sache von großer nationaler Tragweite. Solche Not ist wohl noch nie über einen Bezirk gekommen, wie sie jetzt dort herrschen wird. Vom menschlichen Standpunkt kann man es aufs tiefste beklagen. In den nächsten Wochen wird es in manchen Bergarbeiterfamilien am nötigsten fehlen, am täglichen Brot Was haben die Sozialdemo- kiaten getan, um den Arbeitern Brot zu verschaffen? Ein kleines charakteristisches Beispiel: Wir haben in Rüttenscheid bei Essen eine genossenschaftliche sozialdemokratische Bäckerei „Volkswohl". Da ist e§ interessant, deren Brotpreise zu beachten. Während vro Kilogramm Schwarzbrot im August 1904 in jener Gegend 16 Pfg. und 15,4 Psg., in der Kruppschen Konsumanstalt sogar nur. 13,8 Pfennig gezahlt wurde, kostete es in der sozialdemorkatischen Backerei 19,3 Pf. (Hört, hört! rechts.) Auch sonst waren alle Lebensmittel dort teurer. Ich glaube, es wäre gut, wenn Genossen schabten
ihre Brotpreise revidieren wollten. Auch Ste zu. den Sozialdemokraten) haben ein Interesse daran, das ; ► ewirkeu. Wenn Sie beweisen wollen, daß Ihre Opposttion gegen den Zolltarif, die Sie ja mit den Brotpreisen für den armen. Mann begründeten, nun wirklich ernst war (Lärm bei den Sozialdemokraten), dann dulden Sie es auch nicht, daß die sozialdemokratische Bäckerei daS Brot den Arbeitern um 51 Proz. teurer verkauft als die Kruppsche Konsumanllalt (Beifall unter den National-Liberalen und rechts.)
Abg. Molkenbuhr (Soz.): Wenn die Verhältnisse im Ruhrrevier so rosig sein würden» wie Herr Beumer sie darstellte, dann wäre es geradezu ein Rätsel, wie mit einem Male mehrere Hunderttausend die Arbeit niederlegen. Aber auch Herr Beumer hat, wenn auch unfreiwillig, einige Angaben gemacht, die die Sache in etwas anderem Lichte erscheinen lassen. Er sprach von zahlreichen 8 Mk.- Schickstlöbnen; da aber der Durchschnittßlohn amtlich auf 4,87 bezw. 4.58 Mk angegeben wird, so folgt daraus, daß es eine mißer- ordentltch große Zahl von ganz niedrigen Löhnen geben muß. (Sebr richtig! hei den Sozialdemokraten.) Herr Beumer hat implicite zugegeben, daß die verlängerte Seilfahrt eine größere Ausbeutung der Arbeiter darstellt; denn er sagt: wenn die Verlvaltung auf Bruchstraße nachgegeben hätte, so Inore die Grube unrentabel geworden. Ist es ein Kontraktbruch, wenn die Arbeiter sich diesen unerhörten und niederträchtigen Angrift nicht gefallen lassen '.sollten. Herr Stinnes hat den Kontrakt gebrochen, nicht die Arbeiter. Herr Beumer hat selbst erzählt, daß auf Bruchstraße geprügelt wurde. Das ist aber eine in der Arbeitsordnung nicht vorgesehene Strafe, also Kontraktbruch. Daß Herr Beumer alles in rosßntem Lickste schildern mußte, ist mir begreiflich. Denn um die Verhältnisse objektiv schildern zu lassen, dazu brauchen die Herren nicht einen Generalsekretär anzustellen. Die Rede deS Reichskanzlers bietet an sich keinen Anlaß, sich mit ihr zu beschäftigen, wenn ste nicht eben der Reichskanzler gehalten hätte. Würde diese Rede in irgend einer Volksversammlung von irgend einem Schulmeister gehalien (Heiterkeit), so würde man sich schwerlich um sie Pummerin Vor zehn bis zwölf Jahren, da war jeder so geistreich, uns die Richter - schen Zukunftsstaatsbilder entgegenzuhalten Aber Graf Bulow war Anfang der neunziger Jahre im Ausland und hat ins unglucr gehabt, die Rickstersche Schrift erst jetzt kennen zu lernen (Heiterkeit.) Und daher müssen wir in jeder seiner Reden den .Zukunftsstaat" serviert bekommen. Der Reichskanzler sagte, dav Reckt des einzelnen, zu arbeiten, müsse vor TerronSmuS geschützt werden. W.rum soll nickt auch daö Recht deS Streikens geschützt werden? ?lber Terrorismus ist nur strafbar, wenn er gegen einen Arbeitswilligen geübt wird, dagegen eine staatSretterische Tat, wenn eS gegen Arbeiter gebt, die um ihre Rechte kämpfen! Wenn irgend ein Arbeitswilliger zu einem Streikenden sagt: »Du bist ein -ump , dann sagt der Staatsanwalt: .DaS ist keme Beleidigung, Lump ist eine Bezeichnung für jemand, der kein ^ld hat! (Heiterkeit.) Ganz anders liegt die Sache natürlich bei Schimpfworten gegen Arbeitswillige.
Der Reichskanzler sagte: Wenn alles wahr wäre, waS Hue auSgeführt, dann würde er allerdings das Vorgehen der Kohlen- varone auf das Entschiedenste mißbilligen. Ja, das sind allgemeine Redensarten! Weshalb sagte er nickt direft: dann würde er diese und diese Gesetzesvorsckläge macken? Diese Allgemeinheiten Haven gar keinen Wert. Der Reichskanzler deklamierte von den grossen Lasten der Sozialgesetzgebung. ?lber gerade diese hat unserer Industrie sehr genützt — man vergleiche die Kurse! —; und gerade irn Bergbau ist sie dadurch von dem gerade dort druckenden Jtquo der Haftpflicht befreit worden.
Man komme unS hier nicht mit Parteipolitik. Die Otenw- schäften sind keine Parteiorganisationen, sie sind Svndikate, die cen Zweck haben, die Mare Arbeitskraft möglichst gut an den na zu bringen. In die christlichen, in die Hirsch-^ unckersck^ - werkverelne sind die Leute gerade gegangen, um nicht 3» * demokraten zu werden. Und jetzt kämvten sie Schulter an Schulter
Parlamentarische Verhandlungen. Nachdruck ohi-e öeteinbacurä nicht gestattet.
Deutscher Reichstag.
124. Sitzung vom 21. Januar.
1 Uhr. Tas Haus ist gut besetzt.
Nm Bundesratstische: Graf PosadowZIY, ®1 her Tagesordnung steht zunächst di-
tion der Abgg v. Normann und Gras v. Schwerin-
treffenden Bergarbeiter, er heißt Schwerdtfeger. handelt °s sich um eine Entlastung auf dcsten eigenen Wunsch. Anerkannt muß eS werden, daß die Führer aus das ernstl'cbste vor Str kg« warnt haben. Wenn di- Zeitungen recht berichtet haben was ,ch nicht weiß, so hat Herr Sachs- es als °we Schurkerei bezeichnet d>e Genossen in einen Streik zu drängen. Aber es ist schon gestern h-rvorgehoben worden: Man bläst so ange m die Asche. b's mnem di- Funken in die Augen stieben. Die melen Versammlungen, 'n denen den Belegschaften die Berechtigung des Stre, s Vvrgesühr wurde, in denen di- Arbeitgeber als Blutsauger und Ausbeuter hin- gestellt wurden, haben ihre Wirkung getan, und nun fehlte den Führern die Macht, die Arbeiter von dem unbesonnenen Streik Mrückn'haltcn. In unbesonnener und ungesetzlicher We'ft haben di- Arbeiter unter Kontraktbruch die Arbeit wedergelegt. M kontraktbrüchigen Arbeitern aber ru "erhandeln, lehnen d e Ärbeit geber mit vollem Recht ab. Ter Kontraktbruch wurde dadurch sank. Homert werden, und was da? heißen wurde, das sollten si» mich die übrigen Erwerbsständc überlegen, und da. sollte sich mich d Regierung überlegen, di- schließlich auf ihren eigenen stska'scheu Betrieben den Kontraktbrnck nicht mehr würde zurnckhalten konn n, wenn er in den privaten Betrieben geduldet wurde.
Nun wird gesagt, die Arbeitgeber seien schon früher kontraktbrüchig geworden. Es ist hierbei Bezug genommen auf angebliche mangelhafte Lieferung der Teputatkohlen. Das Unzutreffende ber Behauptung hat sckon gestern der Herr Minister Moller zuruck- gewiesen. Dasselbe gibt von der weiteren Bezugnahme auf Die Verlängerung der Seilfahrt. Die Verlängerung ist mit ordnungsmäßiger Frist angekündigt worden. Hätte man auf ne verzichten wollen, dann hätte man die Grube als unrentabel stilllegen^müssen. Es wäre afto durch die Befriedigung Ihres Verlangens das eingetreten, was man hier soviel beklagt hat. Das Nullen der ^agen ist ein Disziplinarmittel. Dieses oder em anderes D'sstplmar- mittel kann nickt entbehrt werden, wenn man reme Kohle hefern will. In England ist im Bergwerksge,eß von 1887 das Nullen ausdrücklich als Diszivlinarmiftel gesetzlich anerkannt Worten. Wenn es in England nicht gehandhabt wird, so mirb eben an firner Stelle ein anderes Mittel benutzt. Bis jetzt haben aber die meisten Belegschaften bei unS das Nullen als Disziplmarmtttel der Geldstrafe vorgezogen. Aus welchen Gründen, das steht m einem Schreiben des bergbaulichen Vereins an die Zechenverwaltungen vom
August 1903. Darin heißt eS: „
DaS Nichtannehmen von solchen Förderungen, welche mn unreinen Kohlen beladen sind, ist das wirksamste Cstsziplinarmittel und der Zweck reiner Förderung wird dadurch besser erreicht als durck Geldstrafe. Dies wird auch von den Vetegsckaften meist anerkannt, und es liegt kein Grund vor, von dem Nullen abzugehen. (Lacken bei den Sozialdemokraten.) Hören Sie nun, was zur weiteren Begründung hinzugefügt wird Es ist folgendes:
„Die Gründe, warum Nullen bei der Verhängung von Geldstrafen im eigensten Interesse der Bergleute .zu bevorzugen ist, sind schon zu wiederholten Malen eingehend erörtert worben; das Nullen ist nämlich nicht nur die mildeste, sondern auch die gerech- teste Strafe für unrein mit Kohle geladene oder ungenügend gefüllte Wagen. Wird einer Kameradschaft von fünf bis sechs Mann ein Wagen genullt, so mackt dies für den Einzelnen etwa 15 bis 18 Pfg. aus, wahrend bei Ersatz des Nullens durch Verhängung einer Geldstrafe der schuldige Hm,er mindestens mit 1 Mk., bei Wiederholung und besonderer Hartnäckigkeit sogar bis zur Halste des ortsüblichen Tagelohnes bestraft werden mußte. Bei der Verhängung von Geldstrafen ist es aber ferner außerordentlich fcbttne- rig, den wirklich Schuldigen zu treffen. Bezüglich der zu Ende einer Schicht gewonnenen Kohlen kann nur sehr fthwer festgestellt werden, ob unreine oder mangelhaft beladene Wagen aus der Fördersckicht oder aus der derselben voraufgegangenen nckucht stammen. Sind die zu Ende der Nackmittagsschickt gewonnenen Kohlen fo unrein gefördert, daß es nickt mehr möglich ist, bei der in der Morqensckickt erfolgenden Beladung die Sterne auszuhalten, so werden die Hauer der Morgenschicht dafür verantwortlich gemacht, während an der Unreinheit tatsächlich nur die voran - gegangene Schicht die Schuld tragt Es wird sich also bei bem Uebergang von einer Schicht zur andern memaig genau festiteveu lasicm wem die Sckwld an der unreinen Forderung und mangel, haften Beladung beinimesien ist. Nur die ganze Kamerad'f'aft kann dafür verantwort,i-b gema-bt werden, daß der Gedmge. vertrag auch seitens der Arbeiter erfüllt wird. Ter Kameradsckwkt steht aueb die Einwirkung auf ihre einzelnen Mitglieder zu. ^>ß die? geschieht. Es erscheint deshalb nur gerecht, daß für die Nicht- ersüllung des Gedingevertrages nicht das einzelne schuldige Mit- glied der Kameradschaft, welches in den menten Fallen mL er- mitte» werden kann, sondern bie ganze Kameradschaft bestraft mied, und dies geschieht, wie schon oben angeführt, in der mildesten Weise durch das Nullen der unrein geforderten oder mangelhaft beladenen A.-agen.e auf bi- einschlägigen Ausführungen
des Oberbergiats Meißner. Er sagt: ..TaS Nullen war auf 90 Q,A„n mit zusammen 22 000 Mann Belegschaft abgesclmfft und durch Geldstt-afen ersetzt. Fn der Zeit vom 1. Juli 1902 bis Ende rvnn; 1903 wurden auf 16 Gruben mit zusammen 30 000 Mann mehr als 2 Prozent, davon auf 6 Gruben mit 10 ooo Mann mehr als 8 Prozent genulll. dagegen ist auf 67 Gruben nut zusammen 97 000 ®ann das Nullen unter 1 Prozent geblieben. Um zu sehen, ob durch das Nullen die Löhne der betreffenden Arbeiter wesentlich gedrü-kt worden seien, wurden auf 3 Gruben, die durch starkes Niillen sich hervortateii. die während des ersten vawiabres 1903 ncfülirten Joiirnale und Listen eingcichen! es Hai sich dabei ergeben, daß unter den 67 genauer untersuchten Fallen der monat- liche Turchfchnittslohn nur in einem Falle unter 4 Mk geblieben it dak er aber in 20 Fallen 6 Mark und darüber betragen hat. B-i den k> Kameradschaften, denen bie meisten Wagen auf den drei Zechen geniillt worden waren, betrugen d,e Bruttvloluie vro Mann „nd Schicht 4,71 Mk., 4.70 Mk., 4,74 Mk, 6,02 Mk. und 562 Mark Die Kontrolle über genügende und vorfchnstsmStzige Beladung geschieht überall durch besondere von den Zechenverwal- tunnen angestellte Personen. Auf Zeche Maßen 1 und 2 machte man nun an brei Tagen im Juli ?603 den Versuch das Nullen drei Sauern, die sämtlich Mitglieder des Teutichen Bergarbeiter- vetbandes waren, zu Übertragen. Diese nullten aber weit mehr als vorher bie Zechenkontrolleure." Tie Klagen Uber übermäßiges q>nnct1 sind also zweifellos unberechtigt.
Mau vergleickt immer unsere Verhältnisse mit denen in England Aber dieser Vergleich spricht gerade zu unseren Gunsten. An England kommt au* 21 800 ©rubcrnrbciter em Revierbeamter, bei unS sckon auf 4000. Herr Hue wünscht, daß man die Arbeiter mit der Grubenkontrolle b(-traue. Das geht aber nickst so einfach.
Kontrolle setzt so viel phhsikalische, chemische, tcd]ni|d)c Kennt- niffe voraus, daß ein Arbeiter diesen Posten nickst ansfüllen konnte.
Nun ein paar Worte zum Kohlenspndikat. Ich spreche da nur für meine Person, nicht für meine gesamte Fraktion. Man haust
Ist^der^Reichskanzler in der Lage, dem Reichstage eine Ar^- kunst Über den gegenwärtigen Stand der Handel-. Vertragsverhandlungen mit Oe t e r r c ich Ungarn, sowie über die Umstände zu geben, welche^ihn der anlaßten, seiner am 9. Dezember vorigeiii Jahres Abgegebenen - flärung, die abgeschlossenen neuen Handelsverträge dem Reichs tage gleich nach seinem Wiederzusammentritt vorzulegen, bisher nicht zu entsprechen, auch eine Ki'mdigung der alten Handelsverträge bisher nicht eintreten zu lassen? . -
Auf die Anfrage des P r ä s i d e n t e n , °b und wann die Regierung die Interpellation zu beantworten gedenke, erwidert n Staatssekretär Graf PosadowSky: Wie ^>hnen bekannt, sind die Unterhändler der österreichisch-ungarischen Regierung. noch n Berlin. Tie Verhandlungen sind bisher zu einem endgültigen> Abschluß noch nicht gelangt. (Hört, hort! .^o^^^en
weder den sachlichen Interessen von feiten be§ Reiche- entsprechen, noch dem diplomatischen Gebrauch, wenn wir zur Zeit bei schwebenden internationalen Verhandlungen Mitteilungen machen, aber m Laufe der nächsten Woche wird die Jnterpellatton beantwortet werden. (Heiterkeit.) s
Hierauf wird dieser Gegenstand verlassen.
Das Haus wendet fick hieraus der Fortsetzung der Ve spreckung der s o z i a l d e m o k r a t i s ch e n I n t e r p e l I a - tion betreffend den Bergarbeiter st re i k zu. „ .
Abg. Dr. Beumer (nat.Jib.): In Detreft des Streiks sind viele Dinge behauptet worden, welche die öffentliche Stimmung zu ungunften der Arbeitgeber beeinflußt haben, die aber nicht auf -.att sacken beruhen. Meine politischen Freunde, und ich darf hinzu- setzen, alle Arbeitgeber meines Wahlkreises und des Wertens überhaupt, bedauern es vom rein menschlichen Standpunkt aus, daß die Arbeiter sich haben in diesen Streik hinemtreiben lasten. Wenn meiner Partei imbutiert worden ist, ste sei eine Partei des Uater^ nehmertums, welche allein von der Regierung unterstutzt zu werben verlangt, so muß ich dagegen ernsten Widerzpruch erheben. Wir wünschen, daß die Regierung über den Parteien steht
Die Vorwürfe gegen die Zechenverwaltungen sind maßlo-^ uver- frieben und in einem Teil der Preste völlig einseitig behandelt worden. Auch im Jahre 1889 bildete einen Hmiptvunkt der Beschwerden die angebliche unwürdige Behandlung der Arbeiter du ck die Zeckenbeamten. Auch damals wurde ihnen Brutalität, Betrug usw. vorgcworfen. Es sanden hierüber Erhebungen statt, und in der amtlichen Denkschrift darüber heißt eS, diese ^asckuldigilngen hätten bei der Untersuchung keine Destättgung gefunden. Ich greine nicht, daß die Untersuchungskommission, die zu unserer großen in das Ruhrrevier entsandt worden ist, auch jetzt wieder wird ahn» lickes konstatieren können. Die mlfgestellten Behauptungen werden Mick wohl hier in den meisten Fällen ihren Haken haben. Ick baoe noch gestern von einem Falle gehört, daß ein Steiger einen Arbeiter dabei betroffen habe, als er auf der Fördersckale stand. Das wird mit Geld bestraft, und der Steiger hat nun den Arbeiter gefragt: „Willst Du drei Mark zahlen oder willst Du Dir lieber ein haar herüberhauen lasten?" Da sagte der Arbeiter: »Hmi' mm ein paar herüber, aber mach' es nickt zu scklimm!" (Hört, hort! und Heiterkeit.) Auf solche und ähnliche Dinge wird sick nock manches andere zurückführen lasten. Es wird nirgends mehr gelogen, als vor einem Kriege, nach einer Jaad und während eines Streiks Die ^e- hauvttmg, daß das Kohlensvndikat die dem Sieger Kano zu gute kommenden Eisenbahntarifermäßiaungen durch Erhöhung: Der Kahfenpreise sich nutzbar aemacht babc ist völlig unwahr. iit allerdings bescklosten, vom 1. Avril 1906 eine Erhöhung der Kohlenpreise nach einer gewisten Richtung hin eintreten zu lasten, aber misdrücklich ist das Sieger Land von diesen Preiserhöhungen ausgenommen. Das ist die Wahrheit. In Siegen weiß man gar nichts davon als aus einer Zeitungsnachricht, auf die man das Wort an- foenbrn fmm: „Gelogen wie gedruckt." (Rvntf bei beu Sozfgldemo. traten: Es ist aber ein Telegramm der „Rheinisch-Westfalischen Zeitung"!!) Nun, dann kann man, wie Bismarck einmal jagte, sagen: „Gelogen wie telegravhiert!" Ick bade mit der „Rheimsch- Westfäliscken Ztg." nickts zu hm, sie ist auch fein national-liberales Parteiblatt. Unrichtig ist mick die Behauphmg. daß ziir Berhiittnig von Ungliicksfällen seitens der Grubenverwaltungen nichts geschehe. Irn ganzen ^berbergamtsbezirk Dortmund, wo nickt weniger als 255 OOO Arbeiter tätig sind, sind nur 562 Unfälle vorgekommen Ick freite mich darüber, daß der Abg. Hue gestern erfrärt hat, nickt als Parteimann sprechen zu wollen; wenn er dabei ein ^itat aus Schillers Tell onwandte, so hätte er aber nock einen Schritt weiter geben und mit dem alten Attinghmisen sagen sollen: „Ans Vaterland, ans teure schließ Dick an, da? halte fest mit Deinem ganzen Herzen I Da sind die starken Wurzeln Deiner Kraft!" Den Frieden im Vaterlande zu heben, kann eß aber sicker nickst beitragen, wenn solcke Entstellungen laut werden, wie die, daß Unsere Grubenleute splitternackt in fußhohem Wasser arbeiten müßten. Das ist unwahr, untere Gruben sind die beft eingerichteten der ganzen Welt, und das Wasser wird, soweit wie irgend möglich, abgeleitet. Es ist ferner unwahr, wenn behauptet wird, die Bergarbeiter verdienten im Durchschnitt nicht mehr als drei Mark; in Wirklichkeit ist der Lohn im Durchschnitt höher als fi’ntf Mark. Nun wird darüber geklagt, daß der bergbauliche Verein sich geweigert habe, in Unterhandlungen mit den Arbeiterdelegierten einzutreten. Nun, ick kann ein typisches Beispiel dafür anführen, was solche Verhandlungen nützen. Das ist die Zecke Neumühl. Hier fanden Verhandlungen statt, und die Zecke kam hier den Arbeitern in weitestem Maße entgegen. Und was war das (Ergebnis? Am nächsten Morgen wurde gestreikt, und die Delegierten streikten mit. Viele unrichtige Angaben befanden sich mich in der Rede, die der Abg. Brust dieser Tage im Abgeord- netenbaufe hielt und in der er unter anderem Beschwerde über Mißstände auf der Zecke Konstantin führte. Zunächst stelle ick fest, daß die 6)ute Hoffuungshütte, um die eS sich hier bandelt, eine Zecke Koii- ftantin gar nicht besitzt. Es liegt hier eine Verwechslung mit Sterkrade vor. Da soll nun bei einer Temperatur von 88 Gr. Celsius gearbeitet worden fein. Die Vernehmung der AufsicktS- beamten hat die Grundlosigkeit dieser Behauptung ergeben. ES hat auf der Zeche niemals eine höhere Temperatur als 23 Gr. geherrscht. Tann soll ein Abort vierzehn Tage hindurch nickst entleert worden und ein Bergarbeiter, der auf diese und andere Miß' stände mifmrrffam gemacht hat, sofort entlassen worden sein. Von allen diesen Beschuldigungen ist keine einzige wahr. Bei dem be-


