Ausgabe 
20.2.1905 Erstes Blatt
 
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Nr. 48

Örfatiet tLgttch

außer Sonntag».

Dem Gießener Anzeiger werden mt Wechsel mit dem hessischen Landwirt die Siebener Zamilien« Blätter viermal in der Woche beigelegt.

Rotationsdruck u. Ver­lag der Brühl'scheu Univers.-Buch-u. Stein* druckerri. R. Lang«. Redaktion. LxveditUm und Druckerei:

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Erstes Blatt.

155. Jahrgang

Montag LV. Februar 1905

GiehenerAnzeiger

General-Anzeiger "

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen

«ez«a»vrel»r monatlich7b Ps^ viertel* iLbrlich Dll. LL0; durch Avhole- u. Zweigstellen monatlich 65 Pf.; durch diePost Mk.2. viertel- jährl. ausschl. Bestellg. Annahme von Anzeigen 'üt bte Tc rSwrmmer

's vo-mrittaqS Ze'^envreiS:

arrswärtS 2® Wz. VerantwortL'.ch für den polit. und ujeiu. Teil: P. Wtttko; für Stadt und Land" und Gerichtssaal": August Goetz; für den An­zeigenteil: Hans Beck.

Ale Heutige Kammer umfaßt 12 Seiten.

Aum Tode des KroMrsteu Sergius

(liegen heute noch eine Reihe von Mitteilungen vor.

QM* i

nttentatet.

Mit der russischen RevolutionS-Partei in Fühlung stehende ^rcn^Ssische Blätter versichern, daß btt Moskauer Attentäter der Bolievana-Organisation angehörte, welche seit PlehweS Lod den Plan verfolgt, in den Kreml einzudringen und dort die Kommune zu proklamieren. In den letzten Tagen hatten Snehrere Verhaftungen in der Nähe des Kreml ftattgeftmden, -veil verschiedene Personen an die Häuser rote Kreuze malten mit der Unterschrift:Sühnendes Blut des Tyrannen .SergiuS*. ©ine der Polizei vorliegende 14 Namen um­fassende Lifte von Opfern enthielt den Namen Sergius an erster Stelle.

Bei dem Attentäter wurde ein Paß auf den Namen des Witebsker Kleinbürgers Gerassin ow gefunden. Ueber die entsetzliche Verstümmelung der Leiche des Großfürsten wird, Horoeft eS möglich ist, Stillschweigen beobachtet.

Dor de» Tode.

Aus Moskau wird gemeldet: Großfürst Sergius war ffa letzter Zeit von Todesahnungen erfüllt. Zwei Tage vor seinem Tode erhielt er ein vom revolutionären Komitee unterzeichnetes Schreiben, in dem ihm angekündigt ;rmxrbe, daß daß Maß seiner Sünden voll sei, und daß er wegen der Willkürakte, die er als Generalgouverneur von Moskau gegen Studenten und Arbeiter begangen habe, zum Aode verurteilt worden sei. Der Großfürst zeigte den Bries, den er auf seinem Schreibtische fand, seinem Adjutanten und äußerte 'sich schmerzlich bewegt, er fühle, daß er nicht mehr lange zu leben habe.

Der Direktor des Pariser AnarchiftenblattesTribüne Stoffe" macht folgende Mitteilungen: Der Großfürst sei bereits im Dezember nach den blutigen Ereignissen zum Tode verurteilt worden. Er sei damals informiert ^worden, daß, wenn im Falle einer friedlichen Kundgebung deS Volkes dasselbe von Militär angegriffen würde, dies für ihn sein Todesurteil bedeute. Nachträglich sei der Partei bekannt geworden, daß der Befehl zum Schießen von -en Großfürsten Sergius und Wladimir gegeben worden sei. Hieraus habe das revolutionäre Komitee eine Sitzung abgehalten, in welcher die Ermordung des Groß­fürsten beschlossen wurde; dieser Beschluß sei am ver­gangenen Freitag ausgeführt worden. Auf die Frage, ob auch die Jahre des Zaren gezählt seien, antwortete der Direktor verneinend. Der Zar sei übrigens in- ormiert worden, daß er nichts zu befürchten habe. Irgend jemand müsse ja doch da sein, um event. eine Kon­stitution zu unterzeichnen.

Die Leiche des Großfürsten Sergius befindet sich jetzt im Tschudokloster. Der Sarg ist durch eine goldene, von Hermelin umrahmte Decke zur Hälfte verhüllt. Die Orden des Großfürsten ruhen auf einem Kisten. Die Geistlichkeit hält zweimal am Tage Trauergottesdienst ab. So lange die Leiche im Kloster verbleibt, versehen Zivil- und Militärbeamte und Mitglieder des Hofstaats den Ehrendienst bei Tage, des Nachts bilden zwei Offiziere und vier Unter­offiziere die Ehrenwache. Vor dem Eingang zum Kloster stehen zwei Ehrenposten.

Im Tschudowkloster fand am 18. d. Mts. ein Trauer­gottesdienst statt, an dem die Großfürstin Elisabeth teilnahm, ferner die Großfürstin Konstantin und Dimitri, die Großfürstin Maria Pawlowna, Vertreter der Stadt und des Semstwos, sowie die fremden Konsuln.

Das feierliche Toten amt findet am 23. Februar in Moskau statt. Die Bestattung der Leiche, die vorläufig im Tschudowkloster verbleibt, soll im Mai in Petersburg erfolgen.

Für die Leichenfeier wurden folgende Anordnungen getrosten: Nur Personen, welche sich mit einer speziellen Einladung ausweisen können, dürfen in das Kloster, in welchem die Einsegnung stattfindet. Die Adjutanten und Hofbeamten werden am Katasalk die Totenwache halten. Nach dem Gottesdienst werden Mit­

glieder der kaiserlichen Familie dem Toten die letzten Ehren erweisen. Die Adjutanten werden hierauf den Sarg zum Altar tragen von hier wird derselbe von Mitgliedern der kaiserlichen Familie und Generaladjutanten provisorisch in die Gruft des Klosters gebracht, wo er bis zum Tage der defini­tiven Beisetzung verbleibt.

Die Moskauer Gemeindeverwaltung

beschloß in außerordentlicher Sitzung, den Minister des Innern zu ersuchen, dem Kaiser das Beileid Moskaus auszusprechen und ihm zu sagen, daß Moskau zu Gott für die Seele des Großfürsten Sergius bete. Sie beschloß ferner, der Großfürstin Elisabeth tiefes Veileid auszu­sprechen mit dem Wunsche, daß Gott ihr Kraft gebe, den fürchterlichen Schlag zu ertragen, und sie ihrem wohltätigen Wirken erhalte.

Die rufstfchen Blatter

bringen ernste Betrachtungen über die Lage, indem sie da­rauf Hinweisen, daß keine Schutzmaßregeln, sondern nur Reformen Abhilfe schaffen können. Nowoje Wremia erklärt, die Frage nach der Persönlichkeit des Mörders sei weniger wichtig, als die, wie es möglich ge­wesen sei, daß das Verbrechen nicht verhindert wurde. Seit Jahrzehnten wirke die Revolrrtionspartei durch Terror, Er­taste, offene Proklamationen, sie veröffentliche Todesurteile und es wolle nicht gelingen, die Schreckenstaten zu ver­hindern. Das sei nur durch die zwischen der Staats­gewalt und der Gesellschaft eingetretene Entfremdüng erklärlich. Ebenso bezeichnetSlowo" das Zusammengehen der Regierung mit der Gesellschaft als notwendig.Ruß" hebt hervor, daß zur Zeit des Fortschritts-Ministers Swiato- polk Mirski die revolutionäre Schreckenspartei chre Tätigkeit eingestellt hatte.

Kaiser Wilhelm,

der am Freitag abend an einem Diner beim Präsidenten deS Herrenhauses teilnehmen wollte, sagte sein Erscheinen in letzter Stunde wegen des Trauerfalles in der russischen Kaiser-Familie ab. Er begab sich sofort in die rustische Botschaft und verweilte bei dem Grafen von der Osten- Sacken dreiviertel Stunden.

Der preußische Hof legt Trauer aus 8 Tage an bis einschließlich den 24. ds. Mts.

DemArmeeverordnungsblatt" zufolge bestimmte Kaiser Wilhelm, daß zur Ehrung des Andenkens des Großfürsten SergiuS die Offiziere des Utanen-Regiments 3, besten Chef der Großfürst war, acht Tage Trauer anzulegen haben. Ferner hat sich eine Abordnung des Regiments zu den Bei- setzungsfeierlichkeiten zu begeben.

Unser hessisches Großherzogpaar

wird sich zur Beisetzung des Großfürsten Sergius persönlich nach Moskau begeben. Aus Darmstadt wird uns draht­lich berichtet, daß die Abreise des Großherzoglichen Paares, die ursprünglich bereits für heute früh in Aussicht genommen war, von der es aber dann hieß, daß sie ganz aufgegeben sei, heute Abend mit dem V-Zug um 946 erfolgen soll. In Begleitung des hohen Paares werden sich die Oberhof­meisterin ^eiin von Senarclens-Grancy und Oberleutnant Frhr. v. Massenbach befinden. Gestern früh um 7 Uhr ist bereits Oberstallmeister Frhr. v. Riedesel nach Moskau ab­gereist, der am Abend in Berlin mit der Prinzessin Ludwig von Battenberg, der ältesten Schwester Sr. K. H. des Großherzogs, zusammengetroffen ist, um sie nach Moskau zu begleiten. An der Beisetzungsfeier wird sich auch eine Abordnung des Leib-Infanterieregiments Nr. 115 aus Darmstadt beteiligen, welchem Großfürst Sergius a la suite gestellt war.

(Die Nachricht der heutigenFranks. Ztg." von der Ausgabe des Reiseplanes ist also unrichtig.)

In der Darmstädter russischen Kapelle fand am Sonntag nachmittag ein Trauergottesdienst statt, an dem sämtliche Mitglieder der ruffischen Kolonie, darunter auch der kaiserlich russische Gesandte und Ministerresident, Fürst Koudascheff, teilnahmen.

Die Herzogin-Witwe Marie von Koburg, die Schwester des Großfürsten Sergius, ist von Nizza nach Ruß­land abgereist.

Stimmen aus Frankreich.

Sämtliche s o z i a l i st i s ch e n B l ä t t e r Frankreichs äußern sich in scharfer Weise direkt billigend zu dem Attentat. So schreibt dieHumanste": Es ist nicht nur ein Räuber, der verschwindet, sondern die revolutionäre Bombe zer­schmetterte den Haupt-Grundpfeiler des Zarismus. Die Bombe fiel gut und recht. Die ,/Aurore" schreibt: Ein Mörder ist ermordet worden. Wenn solche Tat sich unter- amtlicher Zeremonie abspielt, so heißt es: Der Justiz sei Genüge geschehen, wenn sie sich aber vollzieht infolge einer Kollektivrache, so heißt es, es ist ein Verbrechen.

Die Börse.

An der Frankfurter Börse trat am Freitag Abend eine (iHgcmeinc Abwärtsbewegung ein und die Kurse der' meisten Werte gingen um eg. 1 pCt. zurück. Aut Samstag Abend sah man schon, daß die Börse auch mit dieser Tatsache sich abgefunden hatte, denn die russischen Staatsfonds hoben sich wieder um 1 pEt. und mehr,

da man in dem Ermordeten das Haupt der Reaktionäre und den Führer der Kriegspartei sah.

Zur Lage in Rußland.

Die Reformberatungen des Ministeriums.

In der letzten Beratung des Ministertonritees übet Punkt zwei des Reformukases vom 25. Dezember 1904^ betreffend die Verwaltung der örtlichen Wofiltätig­keitsanft alten wurde nach offiziöser Mitteilung! beschlossen, erstens, eine Ausarbeitung eines Entwurfes zu diesem Punkte unter Teilnahme der ländlichen und« städtischen Verwaltungen vorzunehmen, zweitens^ mit der Ausführung und Aufgabe der Ausarbeitung der: Gesetzentwürfe für neue städtische und ländliche Verwaltungen werden zwei Komitees beauftragt, die zu diesem besonderen Zwecke in Petersburg unter dem Vor­sitz einer vom Kaiser bestimmten Persönlichkeit zu bilden sind. Den Komitees sollen als Mitglieder Persön­lichkeiten angehören, welche von den obersten Leitern ber^ betreffenden Behörden dazu bestimmt werden, ferner solche^ welche aus dm ländlichen und städtischen Verwaltungen? erwählt sind.

Hinsichtlich der Wahlen der Kvmiteemitglieder auS> den städtischen und ländlichen Verwaltungen werden Sonden-- bestimmun gen festgesetzt. Nach Feststellung des Gesetzent-! Wurfs über die ländlichen Verwaltungen soll in die Bv- ratung der Frage eingetreten werden, ob und in welchMl Grenzen dieses Gesetz auf die neuen Gouvernements des nördlichen und südwestlichen Gebiets angewendet werden) kann. Die Ansichten des Ministerkomitees hierüber sollen dem Reichsrat zur Begutachtung unterbreitet werden.

Diese Beschlüsse des Ministerkomitees hat der Kaiser gen e hmigt.

Nach einer Privatmeldung soll in einer Plenar­sitzung des Ministerkomitees am 16. Februar in Zarskoje- Selo die Frage der Einberufung einer Volksvertret-* ung im Prinzip entschieden worden sein. Die Sitzung- dauerte viereinhalb Stunden, und mancherlei starke Mein­ungsverschiedenheiten traten zu tage. Der Zar selbst sprach sich für die Einberufung aus. Beschlossen wurde, ein Manifest über die Einberufung einesSemstiSobost zu veröffentlichen und die Ausarbeitung der näheren Be- stimmungen dem Ministerkomitee zu übertragen. Freilich aber steigt die ernste ^Befürchtung auf, daß das^ Moskauer Attentat nicht ohne Rückwirkung auf diesen wichtigen Entschluß bleiben und seinem Ausführung verzögern wird.

Am 18. d. M. waren Bulygin und Trepo w in ZerK--, koje-Selo, wobei letzterer folgende vorläufige Repressiv-^ maßregeln in Vorschlag gebracht haben soll: Sofortige^ Ausweisung und Mtransport von 4500 der unruhig­sten Arbeiter nach ihrer Heimat, Ausweisung zahl­reicher Studenten und Verbot aller liberalem Blätter. Dieser Vorschlag fand indes keine Billig-" ung beim Minister des Innern, denn zurzeit würderr der-' artige Maßnahmen den verkehrtesten Weg darstellen urchj unabwendbar zu einer neuen Katastrophe führen.

Die Fabrikbesitzer in Petersburg

reichten Herr Finanzminister einen Bericht ein, in welchem fte daraus Hinweisen, daß ihre Beratnng über die Arbeiter­frage resultatlos verlaufen sei. Tie Arbeiterfiage könne nicht getrennt von der allgemeinen Frage behandelt werden. Sogar bei der völligen Bewilligrmg aller Forderungen der Ar­beiter würde eine Berrihigung nickt erzielt werden. Die Bewegung sei nickt znrückzuführen auf die Ueberzeugung der Arbeiter, daß es sick bei ihnen um eine wirtschaftliche Notlage handele, son­dern auf die allgemein herrschende (fi:regung. Tie russische Industrie sei nicht in der Lage, ohne sich selbst zu schaden, größere Forderungen zu bewilligen. Bei der allgerneinen Notlage sei der Rückgang der I n d u skr i e fest­gestellt worden. Die Industrie könne nicht mit Verlust arbeiten

sich nicht von wohltätigen Motiven leiten lassen. Ihre Lage sei schwierig. Sie gebe den Arbeitern, was sie könne. Die Be­ruhigung der Arbeiter könne jedoch nicht durch Konzessionen/ sondern nur durch Reformen allgemein staatliches Charakters erreicht werden. e

Die Bauern

des Gouvernements Kostroma drücken dem Kaiserin eine$ Adresse durch den Minister des Innern ihre Ergeben-^ heit aus. Sie verurteilten darin den Versuche die Grundpfeiler Rußlands erschüttern und das: Volk verwirren zu wollen. Es heißit in der Adresse weiter^ daß sie sich bereit erklären, Gut und Blut für ben'j selb st herrlichen Kais er ein zu fetzen. Der Kais e'rfi dankte für den Ausdruck dieser herzlichen Gefühle.

Ausstände.

Aus fast allen Teilen des Reiches laufen Nachrichten von neuen Unruhen ein. Am schlimmsten scheint eäß im Kaukasus herzugehen.

In Ssuchum-Kale (Gouvernement Kutais) bewarf eine aus etwa 500 Llandlungsgehilfen und Arbeitern be-- steheirde Menge die Wohimng eines Mannes, den sie hnj Verdacht der politischen ^Angeberei hatte, mit Steinen. 'Die; Ruhestörer tvidersetzten sich der Polizei, die gegen sie ein- schritt, urit Revolvern und anderen Waffen. Ein Polizist wurde getötet, zwei schwer verletzt; «auch ein L6rbeiter) wurde getötet rind zivei verwundet.

In N o w y r o k i c z (Polen) fand eine Straßerrdemon^ stration statt, wobei das! Militär einige Salven ab gab. Esj wurden 18 Streikende sofort getütet. Die Zahl bed Verwundeten ist noch rncht bekannt.

Infolge des in Lublin ausgebrochenen Arbeiterstrciks) wurde die Garnison durch, ein aus Kalmücken bestehendes- Reiter-Regiment verstärkt. Das Letztere Verübte großc Grausamkeiten. Viele Arbeiter y>urdepj auf der Straße erschlagen.