sollen nach Dülfer ais gesonderter Bar- neben dem Theater gebäude errichtet werden. Herr Dülser gibt diese Anordnung wohl im Grundriß und Schnitt an, aber im Aufbau läßt er alles im Unklaren. Ein Mage^tagebäude allein in unseren Anlagen neben dein Theater — nur mit einem Verbinbungsgang an gehängt, welch reizvolle Anordnung! Das Herausholen der Vo rzuge des Dülserschen Projektes ist zu plump und nun gar noch die Kritik des Fachmannes über die Platzgestaltung, die in jeder Beziehung so streitbar ist.
Es bedarf keines großen fachmännischen Verständnisses, um auf oen ersten Blick zu sagen, daß das Dülfer'sche Projekt mehr einem Hallen bau gleicht, der in seiner provisorischen Geslallung wohl für den Festplatz geeignet, aber nicht dazu angetan ist, für Jahrhunderte der Menschheit zu zeigen, daß man nm Anfang des 20. Jahrhunderts auch hier in Gießen noch Kunstverständnis imb ästhetisches Empfinden hatte. Nicht auf den einzelnen Kunstenthusiasten darf es ankommen, nein, Jedermann soll beim Beschauen eines Bauwerkes die Empfindung des Schönen, des Erhabenen und Mäch- tigen m sich fühlen. Gerade die ruhige, edle Formensprache des Fellner und Helmer'schen Projektes ist es, was mir ivobl tut, und nicht das gesuchte, unwahre Haschen nach Formen, die uns kalt lasseii uiid nicht befriedigen.
Ich verlraiie der Kommission mehr Geschmack als dem Ein- .eiider und möchte im Iiiteresse unserer Stadt wünschen, das; fein derartiger architektonischer Mißgriff wie das Dülfer'sche Projekt zur Ausführung kommt. Es giebl ja außer Herrn Dülfer glücklich noch Leute, welche Theater bauen föimen, und gerade der Hinweis des Artikelschreibers auf unseren erhabenen Landesherrn als Führer und Beschützer des wieder auflebenden Kunstsinnes ist dazu angetan, nuferen Thecuerbau auch in die Hände der Herren Fellner und Helmer zu legen, welche zur Zeit den großen Umbau unseres Hoftheaters m Darmstadt ausführen. Der Warne solch hervorragender Künstler, die mehr als fünfzig Thealerbauten ausgeführt haben, von beneit ich nur das mustergiltige Hoftheater in Wiesbaden, das neue Theater m Berlin, den Züricher Theaterbau, das Haniburger neue Theater und viele aridere nennen möchte, bürgt dafür, daß es diesen auch leicht möglich sein wird, ein für Gießen geeignetes Theatergebäude zu errichten.
Herr Dülfer hat außer dem Theater in Meran, soviel mir be- »aimt, nur noch das Theater tu Dortmund erbaut, hierbei ja gewiß in Ehren bestanden, ob aber die Dortmunder jemals ivieber den Dülfer'schen Stil und die Dülfer'sche Eigenart wählen würden, möchte ich stark bezweifeln, denn mir sind sehr viele andere Ansichten mitgeteilt worden. Bei einem Wettbewerb um das Theater in Freiburg i. Br. hat das Dülfer'sche Projekt von den Preisrichtern nachstehenden Satz im Gutachten erleiden müssen:
„Der Entwurf Tükfers führt eine groß angelegte, malerische perspektivische Gesamtansicht vor, welche in ägyptischen und griechischen Formen mit großer Massenwirkung durchgeführt ist. Es ist geradezu erstaunlich, mit welcher Kühnheit der Verfasser solch eigenartige Wege beschreitet. Leider aber ist ein solcher Bau für ein modernes Theater wohl nicht angebracht, während dasselbe als großes Spezialtheater wie Wagner nsw. in entsprechender Umgebung von großartiger stimmungsvoller Wirkung sein müßte. Es liegt im Aufbau zwar ein Entwurf mit prägnantestem Theater-Eharakter bei monumentaler Wirkung vor, welcher jedoch kaum irgendwo in Wirk- l i ch k e t t übersetzt werden dürfte."
„Also kaum irgendwo in Wirklichkeit übersetzt werden dürfte!" Auch dies trifft für hier zu, denn das Freiburger Projekt ist unserem Gießener Projekt in vieler Beziehung sehr ähnlich.
Ich denke, es mag der Kommission und unserer Stadtvertretung überlassen bleiben, zu wählen, was sie für richtig be- ftndet und nicht, was der Herr Dülferschwärmer für gut hält.
3E. Z.
*
Wir bringen vorstehende Entgegnung auf einen Artikel in unserer Nr. Iö7 d. Bl., um den verschiedenen Ansichten Gehör zu schenken. Wahrscheinlich wird der Fellner und Helmersche Entwurf der Allgemeinheit mehr zusagen als der Dülfersche, aber das beweist keineswegs,, daß er der künstlerisch wertvollste ist. Neue gute Gedanken finden niemals schnellen Eingang
in weiteren Kreisen, brauchen vielmehr zumeist viele Jahre bis! zur allseitigen Anerkennung und vollen Würdigung. ES . ist auffällig, daß man im wesentlichen nur die Frontansichten zur Ausstellung gebracht hat, dagegen aber die Zeichnungen, die neben der Front auch eine Seitenansicht zeigen, der Oeffentlichkeit vorentbalten hat. Diese Zeichnungen aber vermögen erst einen annähernd klaren Begriff von der Total- w i r k u n g der einzelnen Projekte zu geben. Unser Herr Artikelschreiber konnte natürlich nur nach den ausgestellten Zeichnungen urteilen und wenn er danach das Dülfersche Projekt am höchsten schützte, so ist dies kein genügender Grund, ihm den Vorwurf der Einseitigkeit zu machen. In' dem heutigen Eingesandt liegt doch gewiß ein völliges „Sich auf eine Seite stellen", vor, aber dies ist stets unvermeidlich, da jeder nur sein subjektives Urteil geben kann. Man muß dem alten Satze Gerechtigkeit widerfahren lassen: was dem einen recht ist, ist dem andern billig. Unser Herr Artiielschreiber wendet sich aber ganz besonders gegen die jetzt so oft in der Architektur geübte Zusammenschweißung verschiedener Projekte durch einen Dritten. Und das mit Recht, denn jeder, dem architektonische Werke Künst- werkc bedeuten, muß gegen dieses Verfahren vorgehen und sich abfällig darüber äußern. Die Architektur ist eine der höchsten Künste, steht aber bei uns heute leider im Durchschnitt so tief, daß sie sich überall ein unberufene# Eingreifen gefallen lassen muß. Man wage nur einer andern Künst etwas ähnliches zu bieten! Etwa einen Klinger'schen Denkmalsentwurf durch irgend einen „Sachverständigen" den Verhältnissen anzupassen.
In jedem einheitlichen Werk, das geschaffen wird, versteht man, daß Aenderungen nur von der entwerfenden Hand ausgeführt werden sollten. Und deshalb wendet sich unser Herr Artikelschreiber int Interesse der Allgemeinheit an die Kommission, daß diese einen derartigen Kompromiß bei unserem Theaterbau nicht unterstützen möge. 9hir dann kann ein einheitliches Kunstwerk entstehen, wenn es aus einem Geiste geboren und ausgeführt wird. Ob nun das Dülfer'sche Projekt oder das Fellner und Helmer'sche Projekt zur Ausführung kommt, mag die Kommission in erster Linie nach praktischen Erwägungen entscheidett, aber wir hoffen im Interesse unserer Stadt, daß der auszuführende Entwurf in einheitlicher Weise von dem betreffenden Künstler ausgearbeitet werden möchte. Bei den bedeutenden Geldmitteln, die die hiesige Bürgerschaft bereitwilligst zur Verfügung stellt und wohl auch noch weiter stellen wird, wäre es auch zu wünschen, daß in unserem Theater ein e ch t^s Kunstwerk erstände.
Zum Schluffe möchten wir noch wiederholen, daß auch uns von den ausgestellten Entwürfen der Dülfer'sche vom künstlerischen Standpunkte aus am besten gefällt. Da an ihm auch die Kommission nach ihrem Protokoll technisch wenig auszusetzen hat, würden die gewünschten Aenderungen von dem Künstler wohl mit Leichtigkeit auszuführen sein.
Die R ed a ktio u des „Gieß. Anz."
* KleineTaqeschronik. Ans der westlichen Mary land - B a h n stießen bet Westminster ein Personenzug und ein Kohlenzug zusammen ; dadurch kamen 2 3 Personeu, fast sämtlich Bahn- bedienstete, ums Leben. — In Ai ü n st e r i. Wests, ist durch Großfeuer die größte und älteste Brauerei am Platze, die „Westialia Brauerei Gebr. Hagedortt u. Eo." vollständig etngeäschert worden. — Ter 19 jährige Bauarbeiter Bergeest schoß in Groß-Moor bei Harburg aut mehrere Nachbarn, btc ihm kein Geld borgen wollten. Die F raue n Heilmann und Kaiser wurden durch 5 Schüsse getötet. Der Mörder ist hettte in Hamburg verhaftet worden. — Oberstleutnant von Reitz, Kommandeur des 7. Infanterie-Regiments in Graz, hat sich am Sonntag morgen in einem Wiener Hotel erschossen. Er mar seit längerer Zett nervenleidend und verübte den Selbstmord zweifellos in einem Anfälle von Verfolgungswahn. — In L e o b e n (Steiermark) wurde vor einem Kloster eine von unbekannten Tätern gelegte Bombe gefunden. Nur dem Umstande, daß die bereits angezündete Zündschnur oon selbst erlosch, ist es zuzujchreiben, daß fein Unglück geschehen ist. — Tas Landes-"Ausschttß-Aiitglted P a t e r S ch 1 e t ch e r welcher inRohr ° b a ch (Oester.) dte Verteilung von Dienstboten-Prämien vornahm,
wurde beim Einsteigen in den Eisenbahnzug von sozialdemokratischen Arbeiter n ohne jede Ursache überf allen, mißhandelt und schwer verletzt.
$pidplau der vereinigten Frankfurter Stadttheater.^
Schauspielhaus.
Mittwoch den 21. Juni*): „Tie beiden Leonoren. Donnerstag den 22. Juni, abends halb 8 Uhr: „Die Jungfrau von Orleans." Freitag den 23. Ium: „Telephon-Geheimnisse/' Samstag den 24. Juni: „Julius Cäsar." Sonntag den 25. Juni: „Telephon- Geheimnisse." Montag den 26. Juni: „Kabale und Liebe."
*) Anfang, wenn nicht anders bemerkt, abends um 7 Uhr.
, Märkte.
Gießen, 20. Juni. Marktbertcht. Aus hetUtgent Wöchenmarkl kosteten: Butter pr. Psd. 0.90—1.00 Mk., Hühnereier 1 ©t. 5—6 Vfg. 2 Stck. 00—00 Pfg., Gänseeier 15—00 Pfg., Enteneier 6—7 Pfg., Käse vr. Sick. 6—8 Pf., Kasematte 2 Stck. 5—6 Pfg. Erbsen pr.Liter 21 Pfg., Linsettpr. Liter 32 Pfg., Tanbenpr.Paar0,80-0,90 Alk., Hühner pr.St. 1,00—1,60 Mk., Hähne pr. Stück 0,80—1,80 Mk., Enten pr. Stück 1,80—2,20 Mk., Gänse vr. Pid. 55—65 Pfg., Ochsenfleisch pr. Pfund 70—80 Psa., Kuh- und Rindfleisch pr. Pfund 70—72 Pfg., Schweinefleisch pr. Pfund 70—80 Pfg., Schweinefleisch, gesalzen, pr. Pfund 84 Pfg., Kalbfleisch pr. Psd. 70—74 Pfg., Hammelfleisch pr. Pfund 50—76 Pfg. Kartoffeln pr. 100 Kg. 7,50-8,00 Mk., Zwiebeln pr. Ztr. 8,00—10,00 Alk., Milch per Liter 20 Pfg., Aepfel per Zentner 0 bis 0 All., in Körben 00—00 Pfg., Kirschen pr. Pfd. 30—35 Psa. Zwetschen per Zentner 0.00—0.00 Mk. Btrnen per Zentner 0 bis 0.00 Mk. Weißkraut 0.10—0.15. Marktzeit 7—1 Uhr.
§ Hercheuhain, 17. Juni. Ter in übernächster Woche stattflndende „I o h a n n i m a r f t" dauert diesmal zwei Tage. Montag den 26. dss. Nits, ftndet Rindvieh- und Schweinemarkt, Dienstag den 27. d. M. Krämermarkt statt.
Die Marktpreise für Bieh und Frucht und die Gießener Fleisch- und Brotpreise am 19. Juni 1905.
Höchste Schlachtviehpreise in F r a n f f u r t a. M.
Fleischpreise in Gießen
Ochsen
Kälber Schweine
50 Kg. Schlachtgewicht 74-75 Alk.
12 Kg. Schlachtgew. 87—90 Pf.
7, „ w 69—70 „
7» Kg. 70-80 Pfg.
7, , 70-74 „
7, „ 70 - 80 „
Getreidepreise in Mannheim
Brotpreise in Gießen
Weizen 100 Kg. 18,70 Alk.
Roggen 100 „ 16,35-00.00 Mk.
Weißbrot 2 Kg. 52 Pfg.
Schwarzbrot 2 Kg. 48 Pfg.
Sriefkasteu der Redaktion.
(Anonyme Anfragen bleiben unberücksichtigt.)
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