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20.6.1905 Zweites Blatt
 
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General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den «reis Giehen

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Rebaftton, Grvebitiov a. Druckerei VchuMr-R» XeL Nr. 6L ittegu-ttbt.. Anz-iger ® uIM

Gingcsandl.

(Für Form und Inhalt aller uiiiei .i ;.r Rubrik stehenden Artiksi üvernimmt die Rcdaltion bcm Publikum gegenüber temerUt

Verantwortung.)

Zur Gießener Thcaterfrage.

Ein Fachmann hat m der Nr. 137 Ihres Blatter erneut Pro. paganda iür den Tüller'schen Ennvur' gemacht und dabei wieder versucht, in recht emseinger Weise uie tünfilen|d)cn Voi-üge oiefeS ProiekleS befonberd hoch anznjchlagen. bestatten Sie einem anderen vertrauten, daß er kurz feine Anficyl über die beiden m Betracht toinmendeu Arbeiten dubeit, zumal ander dem Einsender wohl noch Mehrere die Projekte studiert habeii und dabei sicher auch ariderer Anschauung geworden sind. _ . . ,.

Es liegt mir fern, an dem Dülfer'schen Projekt eine ungerecht Kritik üben zu wollen, aber ich würde es als em Unglück für bi« Stadt Eieven bezeichnen, roenit uns das Dülfer'fche Bauwefen durch einen voreingenommenen Fachmann auigeschwätzt werden sollte. Doch noch traue ich der Kommission mehr Eeschmack und eigen« Anschauuiig zu, als sich etwa durch den Herrn Fachmann in- Schlepptau nehmen zu lassen. Ich wenigsteiiS uiid nut mir so viele bin gerade gegenteiliger Ansicht deS Herrn Arlitelfchreibers geworden ; für mich scheint das Fellner-Helmer-Projekt weitaus nic^r linieren (Äießeuer BerhaUnijfen angepagl, als das Tülfer'fche. Tas wurde em Bauwerk geben, das sich m unsere schönen Anlagen harmonisch emreiht und nut feinem monumentalen Eharakler eine Zierde der ganzen Stadt bilden wird; bei dem Dülser'fchen Plan fieigen mir hierüber starke Zweifel auf. ,

Tag in den Fellner-Helrnerfchen Planen tue beim Ausfchreiben verlangte Seitenansicht fehlt, ist allerdings richtig, aber Zweifel tonnten deshalb nicht bestehen, da die niiteinge|aiidte Perfpektwe genügend Aufklärung verfchafst. Hieraus ersteht nmn zur Eenua« die vornehme, ruhige Wirlung des ganzen Bauwesens und gerade die untergeordneten, verdectlen Tächer scheinen mir für peil Eharatler des Baues besonders glüctlich, während das Dulserfche Projekt mit seinen scheuer artigen Bedachungen ordentlich erbruaeno juirtU 2Jlan denke sich nur bie Tiiliersche Tachausbildung per- fpektivisch und man wird sicher zur Ueberzeugung kommen, daß em derartiger Bau nicht in unsere Anlagen gehört. Es fehlte nur noch, daß diese Riefendacher mit roien Ziegeln eingedeckt und ote Wandflächen wie im Erlauterungsbenchl gesagt nut -Uet- blenöftemen gemauert würden und das Fabrikgebäude wäre fertig. Einfender tadelt das Fehlen der Fellner- unb Helmersche- Seitenfasfade, warum übersteht er aber das Fehlen der Fassade von dem ttulissen-Magazm im Dülferschen Projekt? Diese JtaumR

denen ber Börse tote der Kunst-rc. ic., zu empsehlen unb daburch zu Bebeutung unb Achtung zu bringen vermag, ift eine so schwere Gefahr, baß nicht einbringlich genug bavor gewarnt werben kann. D. Sieb. b. Gieß. Anz.)

Die liberale Partei ist in Lonbon überhaupt nur noch durch ein einziges Blatt vertreten, bieWestminster Ga, zette", die in der auswärtigen Politik etwa die Rolle unsererKöln. Zig." vertritt, in der inneren aber durch ihre scharfen und beißenden Artikel, noch mehr durch die ebenso trefsenben wie boshaften Zeichnungen beS ehemaligen Börsenmannes F. C. Goulb, ber beachtenswerteste Faktor der Opposition ist. Die kons. Freihänbler haben burch ben liebergang besStanbarb" an Pearson, der aus diesem klügsten unb gesilnbesten Vertreter fairer politischer Aus. fassungeii einen wertlosen Sammelplatz für ben $61 a t f ch (ganz wie bei uns in Berlin. D. Seb.) bet post- tischen Klubs gemacht hat, ihr letztes verloren Für uns Deutsche hatte berStandard" auch früher wenig Liebe, indesfen hinreichendes Verständnis. Gegenwärtig s-gelt auch er im Fahrwasser der politischen Preßpiraterie, rote sie die tzarmswortt/jchen Blätter betreiben. Der neueste Coup der Harmswortygruppe besteht darin, daß sie von ihrer Daily Mail" gemeinhin Black Mail, das heißt ^Perleum- dungspost genannt, eine Pariser Ausgabe herstellt, welche bestimmt ist, in Frankreich die antideutsche Spitze der anglo-scanzöstjchen Entente zu schärfen, nachdem der PariserNewyork-Herald" aus persönlichen Gründen seines Herausgebers Gordon Bennet mehr russen- und deutsch­freundlich geworden ist. Deutschfreundliche Aeußerungen kommen gelegentlich durch die Berliner Korrespondenten desStandard" und desDaily Telegraph", zutn Gehör des englischen Lesers, aber beide Blätter stehen völlig unter dem Einfluß der Chamberlain gruppe und bringen nur zu oft in der nächsten Spalte geradezu phantastische A u s b r ü ch e d e s D e u l j ch e n h a s s e s. DerGlobe" ver­tritt den Jingoismus des beschrankten aber ehrlichen Alt- engländertumS. Eine kleine vornehme und politisch äußerft mächtige Gruppe findet Asyl in derMorntng Post"; es sind die milit. und maritimen Vorwärtspolitiker; ]U haben Die Neuordnung der britischen Flotte herbeigesuhrt, drmgeu mit Energie auf die Reorgcuiisation der Armee und sind die eigentlichen Träger einer Aggresivpolitik in Indien. : ^hr leitender Gedanke ist die V o r b er e ttun g auf d re 1 Abrechnung mit Deutschland. Das einzige ruhige ; Blatt, welches eine für England nicht gewöhnliche Weite . des Gesichtskreises mit sachlicher Betrachtungsweise ver- : bindet und daher der deutschen Politik von den rechts- > stehenden Organen noch am ehesten gerecht wird, ist der Spectator". Er wird aber nicht viel gelesen.Datly

Londoner Presse.

Man schreibtuns aus London:

Die hiesige Presse hat in den letzten Monaten wieder einen im ganzen recht unheilvollen Einfluß ausgeübt. Es ist alles geschehen, was möglich war, um im fernen Osten die Lage zu verwickeln, andererseits aber Frankreich gegen Deutschland mobil zu machen. Der Herd dieser Bestrebungen ist das englisch-französisch - amerikanische Syndikat, das überall, wo es in Europa Feuer zu schüren und im Trüben zu fischen gilt, seine Hand im Spiele Hut, und dessen Haiwtorgcme Jahre hindurch dieTimes", und in Frankreich der von diesem ganz abhängigeMatin" waren. Die ,Firnes", die auch von den englischen Parteipolitikern fast nie in nationalem Sinne, sondern fast immer nur zu Anstiften von Unheil benutzt wurde, die aber bei der englischen Hoch- und Geld­aristokratie noch einen großen Rückhalt besitzt, ist vor einem Jahre in den Besitz der Harmsworthschen Gruppe über­gegangen. Seitdem ist sie literarisch außerordentlich her­untergekommen, womit denn passend eine Steigerung der politischen Skrupellosigkeit Hand in Hand geht. Die Ge­brüder Harmsworth haben sich von den Besitzern emes kleinen Sportblattes, das ein maskiertes Wettbureau war, zu den Besitzern der meisten Blätter, in denen dteos,ent- liche Meinung", das heißt die nationalen Schwächen in der unerhörtesten Weise ausgebeutet werden, auszuschwingen verstanden. Diese Blätter huldigen dem dümmsten Ehau- vintsmus und haben zur Verhetzung der ösfentlichen Mein­ung am meisten beigetragen. Durch alle Mittel haben dte Harmsworth und ihr Schuler, aber jetziger Gegner Pearson, die vornehme politische Presse alten Stiles in ihre Hand zu bringen verstanden, derart, daß augenblicklich weder die konservative, noch die liberale Partei ein lebensfähiges Londoner Morgenblatt von großer Bedeutung besitzen.

(Bei uns in Deutschland stehen wir vor der großen Gefa hr, daß Herr Scherl durch den Ankauf emes neuen Blattes einen ähnlich unheilvollen Einfluß im ge­samten öffentlichen Leben erringt. Leider tut dte deutsche Reichsregierung alles, um Herrn Scherl immer mehrzu diesem Einfluß zu verhelfen, indem es dessen erbärmliche farblose Presse zu offiziösen Kundgebungen benutzt und ihr überhaupt ihre ganze Liebe entgegenträgt, wahrend dte große alte vornehme politische Preffe Not zu leiden be­ginnt. Daß dabei ein elender Byzantinismus, eine beklagenswerte Gesinnungslosigkeit m urinier weiteren Kreisen großgezogen wird, baß ^err Scherl das Kläglichste und Miserabelste aus allen Gebieten, auch auf

Ehronicle" undDaily News", die früher manches Wort für die Verbesserung der deutsch-englischen Beziehungen fanden, gehen heute ganz in den kirchlichen Interessen ihrer um den Kakaosabrikanten Cadbury vereinigten sekUrifchen Freunde aus. Verteidiger hat Deutschland also in der eng­lischen Presse heute nicht.

Nr. 142 Zweites Blatt. 155. Jahrgang Dienstag 20. Juni 1905

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