Ausgabe 
19.9.1905 Zweites Blatt
 
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Die Marktpreise für Vieh und Frucht und die Gießener Fleisch- und Brotpreise

am 18. September 1905.

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Oertnil^tef.

Der Bebelsche Erbschaftsstreit wird nun doch die Gerichte noch weiter beschäftigen, falls nicht vorher die Einigungsverhandlungen zwischen den beteiligten Parteien zu einem günstigen Resultat führen sollten. In der Angelegen­heit ist jetzt vom Oberlandesgericht in Stuttgart Termin in der Berufungsinstanz auf den 8. Januar 1906 anberaumt worden. Es handelt sich hierbei bekanntlich um das Testament des bei seinem Ableben angeblich geisteskrank gewesenen Leutnants a. D. Hermann Kollmann, der unter Um­gehung von fünf leiblichen Geschwistern zu Erben seines rund 780 000 Mk. betragenden Vermögens je zur Hälfte die Frau und die Kinder seines Bruders Otto und den Drechsler­meister August Bebel in Leipzig eingesetzt hat. Der von den leer ausgehenden Verwandten hiergegen eingeleitete Prozeß wurde, wie wir seinerzeit meldeten, vom Landgericht Ulm zugunsten der testamentarisch eingesetzten Erben entschieden; das Urteil lautete auf Abweisung der Klage, da der Beweitz, daß der Inhaber schon bei Abfassung seines letzten Willens geistesgestört gewesen sei, nicht erbracht erscheine. Gegen diese Entscheidung ist namens der anderen Erben durch die älteste Sch,veiler des Erblassers, Frau Oberst Hauer in Augs­burg, Berufung eingelegt worden, so daß die interessante Angelegenheit noch die höhere Instanz beschäftigen wird.

* Kleine Tagescyronik. Gelsenkirchen wurde an der achtjährigen Tochter des Bergmanns Kaschinskl ein Lust­mord verübt. Am 17. September ist auf dem Bahnho- O b e r s u h l (Thür.) eine Truamaschine auf den Personenzug 202 gefahren, wobei 6 Personen leicht verletzt wurden. Die Verletzten wurden in Bebra bahnärztlich untersucht und verbunden, worauf sämtliche die Reise fortsetzen konnten. Der Führer der Druck­maschine wurde vom Führerdienst zurückgezogen. In Chemnitz versuchte ein S ch u tz m a n n ein Mädchen zu vergewaltigen. Durch Schreien des Mädchens wurden Passanten aufmerksam, denen es gelang, den Schutzmann festzunehmen. In Tiefen- b run n im Voigtl. entlud sich ein dem Bäckergesellen Smum gehöriger Revolver und ein Schm- traf den Bäckermeister Michael. Als dieser zusammenbrach, glaubte der Geselle, den Meister ge­tötet zu haben, und schoß sich gleich darauf eine Kugel in den, Kopf. Ter Tod trat fast auf der Stelle ein. In Antwerpen wurde auf dem Zentralbahnhofe ein Paket mit 46 400 Fr. in Hollandisä-er Staatsanleihe vom Jahre 1898 gefunden. Bei der Polizei ist rroch keine Verlustanzeige eingelaufen.h Aus den französischen Pyrenäen wird stark erSchneefall gemeldet. Alle Höhen sind mit Schnee bedeckt. Die Temperatur ist bedeutend gesunken.

Was soll ich erzählen unb aufzählen! Der heutige Tag brachte prächtiges Wetter, Hellen Sonnenschein. Die zahllosen Fahnen flattern im Winde. Der Ballon von Fräulein Pau- l u s bläht sich im Park der Stadthalle, Sandsäcke und Soldaten halten den austvärts strebenden nieder. Viele hundert Menschen stehen schon zwei Stunden zu früh um das gelbe Ungetüm herum, das das zierliche Persönchen über Berg und Tal tragen wird und dem wir ein gutes Niederkommen und Wiederkommen wünsck>en. Zwischen den zahlreichen surrenden Maschinen drängen sich Neugierige und Käufer, die Weinkosthalle der hessi­schen Winzervereine ist stets umlagert und alle paar Stunden leer getrunken. Die Dampfer vermögen die Sckiaulustigen nicht alle über den Rhein zu tragen zum Besuch der Tierausstellung auf der Maarau, die besser Mainau hieße. Auch hier ist es schwarz von Menschen. Alle Welt.will die Prachttiere sehen, das Interesse für die TierauSstellung ist außerordentlich und gibt allen denen Recht, die alle fünf Jahre eine große Ausstellung von land- wirtjchafttichen Nutztieren wünschen.. Die Tierzüchter lernen dabei dabei außerordentlich viel. Haben sie sich in Sicherheit gewiegt, und haben sie geglaubt, das beste Vieh zu haben, das nicht zu übertreffen sei, so werden sie auf einmal bitter enttäuscht und merken nun zu ihrem Schaden, daß hinter dem Berge auch Leute wohnen, die besseres leisten. Dus treibt sie an, besseres, vollkommeneres in der Folge zu leisten. Nur der hartnäckigste Wettbewerb führt zum Fortschritt. Darum allerdings nicht zu häufig, auch große landwirtschasllick-e Ausstellungen.

Dem Landwirt müssen auch die Ausstellungen der T h o m a s - werke und des Kalisyndikats Leopoldshall-Staß^ f u r t ins Auge fallen. Auch der kleine Bauer wendet zu seinem Vorteil Thomasmehl, welches Phosphorsäure enthält, und Kali an. Beides Nährstoffe, die unsere Kulturpflanzen in angemessener Menge hoben müssen, um freudig zu geoeihen. Dazu gesellt sich der Eoiifpieligc Stiel floss. Bei der reichen Produltton an Kali­salzen wünscht man auch einen angemessenen Absatz und das Kälisyndikat macht auch hier eine originelle und wirkungsvolle Reklame. Am Eingang der Halle liegen zwei prachtvolle Wein­fässer mit Burgunderwein. Das eine enthält nach der Auf­schrift 576 Liter, das andere 330 Liter und zwar deshalb nur 330 Liter, weil die Reben, die nicht mit Kali gedüngt waren, nicht soviel Wein liefern konnten, als die Reben, welche das große Faß dankbar deshalb füllten, weil sie zur rechten Zeit mit Kali gefüttert waren. Nun wird aber der Burgunder aus diesen Fässern in prächtigen Gläsern den Besuchern dieser Halle zum Stollen vorgesetzt und dabei ergibt sich, daß der nicht mit Kali gedüngte Weinberg einen viel herberen Wein lieferte, als der mit Kali gedüngte Weinberg. Das Kalisyndikat belehrt also die Besucher ihrer Ausstellung recht eindringlich über die Vorteile der Kalidüngung, diese Weinprobe wird ganz gewiß weniger leicht vergessen, als die troch so ausgiebige Belehrung durch den Bergknappen, der das verschiedenartige Vorkommen der Kalisalze an den Mineralien demonstriert.

Ich frabe nocy nacyzulrugen, daß in der Generalversammlung Professor Gisev ins-Gießen einen hochinteressanten Vortrag buit über die Rente ans der Pflanzenproduktion. (Wir haben darüber schon einen kurzen Bericht gebracht. D. Red.) Zu Gunsten der Viehhaltung habe man eine zeitlang der Hebung der Pflanzenproduktion insbesondere der Körnerproduktion nicht mehr die gehörige Beachtung geschenkt. Zur Hebung der Erträge durch richtige Sortcnausivahl könne viel geschehen. Immerhin habe sich die Produktion von Getteide in Deutschland in den letzten 25 Jahren um 42 Prozent gehoben. Wettervorhersage, Pflanzen­schutz gegen Krankheiten, tüchtige Kenntnis der Geräte und Ma­schinen für den landwirtschaftlichen Betrieb, die Sortenprüsungen seien Mittel, die Produktion noch viel weiter zu steigern.

In der Ausstellung des Hess. Landwirtschaftsrates geben die Resultate der bisherigen Sortenanbauver,uche Aufschlüsse zu dem, was Professor Gisevius in dieser Richtung ausfübrte.

Es rst wieder sehr spät oder vielmehr sehr früh geworden, deshalb schließe ich für heute. Ein letzter Bericht wird auch den Schluß der Ausstellung schildern.

Barometer^ aui 0° reduziert

Temperatur der Lust

Absolute Feuchtigkeit

Relative Feuchtigkeit

frühen Wanderer näher oetrachten will eine Unterbrechung seiner langweiligen Machtstunden. Nun endlich ins Bett und ledenfalls vor acht Uhr wieder heraus so lebt man in diesen Tagen in Mainz.

Der Freitag macht wieder große Ansprüche an die Beteiligten. Um acht Uhr bin ich wieder in der Ausstellung um immer wieder zu sehen. Gegen IOV2 Uhr rüsten wir uns für die Gene­ralversammlung der drei landwirtschaftlichen Provinzialvereine im großen Saale des KasinosHof zum Gutenberg". Wer kennt die Völker, wer zählt die Namen, die gastlich da zusammen­kamen. An der Spitze der Staatsminister R 0 t h e, der Geheime Rat Braun in nächster Zeit Oberbürgermeister der Stadt Mainz. Gestern munkelte man's bloß, heute pfeifens die Spatzen von den Dächern! Und nun könnte ich eine lange Reihe von Namen anfzäblen ich will das aber dem geneigten Leser sparen, lieber die Versammlung ist schon berichtet worden. Das Referat über die Entwicklung der russischen Land­wirtschaft und ihrer Organe erstattete der Generalsekretär Dr. Müller. Hieraus nur einige allgemein interessierende Daten. Im Jahre 1823 beantragte die Hess. Regierung bei den Land­ständen die Bewilligung von 8000 fl. zur Organisierung der Landwirte in landwirtsa-astlicben Vereinen. Die Stände lehnten die Forderung ab. 1831 wurden die landiv. Vereine endlich gegründet. Alle drei Provinzialvereine zählten damals 1052 Mitglieder. Die Zahl stieg bis heute auf rund 1< 000 Mitglieder. Die landw. Bezirksvereine wurden gebildet in Obcrhcssen 1841, drei Jahre später in Startenburg. Die Wanderlehrtattgkeit wurde durch Dr. Schneider-Worms ins Leben gerufen. 1870 wurde das landw. Institut Gießen gegründet, gleichzeitig die Ver- suchsstation^Darmstadt.

Nach Schlug der Generalversammlung begann im Prunk- sale des Kasinos das Festmahl.

Aber nun wieder zur Ausstellung. Hier erhalten wir wie nach einer Schlacht gute und schlimme Nachrichten. Aber die ersten überwiegen bedeutend. Kurz gesagt: Oberhessen kommt dank seiner regen Tätigkeit aut allen Gebieten des landw. Ge­werbes gut weg.

Den Siegerehrenpreis Sr. Kgl. Hoheit des Groß- -ei^ogs hat O b e r h e s s e n errungen mit einer Sammlung von Simmentaler Rindvieh, bestehend aus zwei Bullen, acht Kühen, acht Rindern. Rheinhessen und Starkenburg konkurrierten mit der gleichen Anzahl sorgfältig^ ausgeivählter Tiere. Auch errang einen Sammlungspreis für Simmentaler Rinder mit der Summe von 500 Mark Oberhessen. Weiter Einzelpreise, die die Gesamtsumme von reichlich 1200 Mark ausmachen können. Der Landschlag Oberhessens, die Vogelsberger aus den Zucht­viehhöfen, wurden leider geschlagen durch die Tiere der Oden­wälder Zuchtviehhöfe. Da gibts nachzulernen. Der Ober­hessische Obstbauverein erhielt für seine prachtvolle Aus­stellung unb vorzüglich arrangierte Ausstellung den höch sten Preis, die silberne Staatsmedaille. Wilhelm Bähr-Herren- Haag erhielt für seine reiche Obstausstellung einen 1. Preis, eine große silberne Medaille. Ai an kann die Preise, welche nach Oberhessen fielen, nicht alle aufzählen. Ich muß auf das später erscheinende Verzeichnis verweisen.

Aufsehen erregen immer wieder die Ausstellungen in der wissenfchaftlichen Abteilung durch den Vorsteher der Versuchs­station Darmstadt, Geh. Hofrat Wagner, die Ausstellungen der Kulturinspektionen in Bezug auf die Wasserversorgung der Dörfer und Städte in den verschiedenen Provinzen. Ferner die Pläne mit Erläuterungen der Obstgüter in Oberhessen bei Kon- radsdors und Breitenhaid, die weit über 100 Morgen umfassen. Kreisobstbautechniker Metternich-Büdingen hat dieselben anßerordentlich sauber und verständlich ausgearbeitet. Die Aufgaben waren für die Herren schwer. Ter Direktor der Obst­bauschule in Friedberg mußte die große Obstausstellung diesmal ohne die Beihilfe des Heimgegangenen Professor Reichelt durch­führen, und das ist ihm mit Unterstützung seiner tüchtigen Hilfs­kräfte vorzüglich gelungen. Er hat einen großen Erfolg erzielt.

Die Obichauausstellung ist in dem grotzen Saal der Stadt- Halle untergebracht und hat sich dieser prachtvollen Heimstätte ivürdig erwiesen.

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