SttrsruhrS. Sie liegen tu dem in der weimarischen Gemeindeordnung vorgesehenen, zu Gunsten der größeren Besitzer eingeführten sogenannten eh rst im m en wa hl- recht^. Danach wird in Gemeinden, die am 18. Januar 1854 nicht mehr als 2000 Einwohner umfaßten, bei Berechnung der zu Gemeindeversammlungsbeschlüssen oder zu Gemeindewahlen erforderlichen Zahl von Stimmen die Höhe des gemeindesteuerpflichtigen Einkommens der Stimmbcrech- tigten dergestalt zu Grunde gelegt, daß derjenige, der ein solches Einkommen bis zu 500 Mk. einschließlich hat, eine Stimme, derjenige, der ein 500 Mk. übersteigendes hat, für jede vollen 500 Mk. dieses Einkommens eine weitere Stimme erhält. Neberfteigt die Zahl der Stimmen eines Einzelnen em Drittel der Zahl der Stimmen sämtlicher Stimmberechtigten in der Gemeinde, so ruhen die über jenes Drittel ansteigenden Stimmen so lange, wie dieses Verhältnis dauert. Auf Grund dieses Pluralwahlrechts besaß jetzt bei der Bürgermeisterwahl die in Tiefenort ansässige Gewerkschaft „Glückaufallein 349 Stimmen. Die Direktoren dieser Gewerkschaft gehören zu der Kasinogesellschaft, die vermöge der 349 Stimmen der Gewerkschaft in die Lage kam, einen Bürgermeister nach ihrem Geschmack zu wählen. Gegen diesen Zustand, den die Kastnoleute durch ein Fest zu Ehren des neugewählten Bürgermeisters im Kasino feierten, richtete sich der Protest der Tiefenorter Bauern, der in dem Sturm auf das Kasino seinen Ausdruck fand.
Ans Stadt und Land.
Gießen, 17. Juli 1905.
** Der Mordprozeß Hudde kommt am 20. d. M- vor dem Reichsgericht in Leipzig zur Revisionsverhandlung.
** Au§ Hochwaldhausen, dem neuen Höhenkurorte am östlichen Abhange des Vogelsberges, ging uns eine Reihe von Ansichtspostkarten zu, die die überraschende Schönheit jener Gegend trefflich zu illustrieren scheinen. Der Wald zeigt dort, nach diesen Ansichten zu schließen, eine Fülle von wundervollen Partien, die nach jenen Herrlichkeiten außerordentlich zu locken geeignet sind. Riesige Baumbestände aus früher Vorzeit unseres Volkes, imposante Felsengruppen, weite Blicke Mf fruchtbare Felder, schäumende, gischtende Waldbäche, durch ihre so schlichte als schmucke Architektur anmutig anheimelnde Fachrverkhäuschen in stiller Abgeschiedenheit scheinen dort ein Ganzes von erstaunlicher idyllischer Schönheit zu bilden, in dem e§ sich, wenn die Verpflegung gut ist und die Gesell- schäft angenehm, in den Hochsommermonaten gewiß recht behaglich und landschaftlich durchaus nicht abwechselungslos leben läßt. Da obendrein der neue Ort recht hoch liegt, etwa in gleicher Höhe wie die höchsten und darum wegen ihrer leichten und heilsamen Luft viel besuchten Kurorte des Harzes und des Thüringer Waldes, so dürfte er den Lungen manches städtischen Staubschluckers wohltun. Man projektiert dort Großes, u. a. auch die Errichtung eines Genesungsheims für Aerzte, ein Gedanke, der bei vielen namhaften Medizinern lebhaften Anklang gefunden hat, den Bau eines großen Kurhauses nebst allem erdenklichen Zubehör, die Ansiedelung von Villen rc. rc., und es ist wohl möglich, daß die weitreichenden Hoffnungen des Nnternehmers m Erfüllung gehen. Bei dem .Stausee*, den man dort anlegen will und von dem in unserer Nr. vom 13. d. Mts. schon die Rede war, soll es sich, wie man uns heute schreibt, picht um die Anlage allzu schwieriger und kostspieliger Talsperren handeln, sondern nur um die Anlage eines Erddammes oder eines Mauerdammes von etwa 300 Meter Sänge. Für jede der beiden Arten der Ausführung sei, so wird versichert, das Material an Ort und Stelle vorhanden. Wenns weiter nicht ist, warum denn so viel Brimborium deswegen? Das Erfreulichste an allem dem scheint unS der kühne Nnternehmersinn zu sein, von dein man sonst in Oberheflen immer noch zu wenig wahrnimmt.
Mainz, 14. Juli. Der hessische Schutzverein für entlassene Gefangene hielt gestern hier seine ordentliche Mitgliederversammlung unter dem Vorsitze des Generalstaatsanwaltes Dr. Preetorius bei lebhafter Beteiligung ab. Auch Geistliche waren in beträchtlicher Zahl zugegen. Der Rechenschaftsbericht entrollte ein sehr erfteulicheS Bild der von Jahr Zrr„ Jahr gesteigerten und zusehends stets ersprießlicheren Tätigkeit des Vereins. Sehr günstige Resultate hatte die Fürsorge für die Familien der Inhaftierten und die Entlassenen selbst. Der Prozentsatz der„Gebesserten" stieg innerhalb zweier Geschäftsjahre von 64 pCt. auf 74 pCt.; die Mitgliederzahl ist auf ihrer Höhe geblieben. Infolge einer Anregung durch den Zellengefängnisgeistlichen in Butzbach, Pfarrer Ambos, wird der Jahresbericht allen Pfarrämtern des Landes zugestellt und eine kräftige Propaganda zu bewirken gesucht werden. Der neue Haushaltsplan 1905/06 steht 9981 Mk. Ausgabe vor.
Frankfurt, 16. Juli. Die Deutsche Mittelstands- vvreinigung hält am 3., 4. und 5. September hier die zweite Generalversammlung ab, auf der in erster Linie die einzelnen Punkte des Programms der Vereinigung behandelt werden sollen. Nach einem Referat des Generalsekretärs Eisenträger über die Behandlung von Mittelstandsfragen in den Parlamenten wird der Vorsitzende, Architekt Küster-Hannover, über die Aenderung des Submissionswesens und die Sicherstellung der Forderungen der Bauhandwerker, sowie über die Errichtung von Taxämtern sprechen. Der zweite Vorsitzende, Obermeister Rahardt-Berlin, spricht über die Belastung des Mittelstandes durch die sozialpolitische Gesetzgebung, Schutz der Arbeitswilligen und die weitere Ausbildung von Fach- imb Forrtbildungsschulen. Der Ab- geordn. Hammer wird über die Besteuerung der Warenhäuser und die Verschärfung der Bauvorschriften (polizeiliche Maßregeln zum Schutz deS Publikums), über den Erlaß eines Gesetzes über Ausverkäufe und die Verschärfung des Gesetzes gegen den unlauteren Wettbewerb reden. Ferner wird in den Referaten behandelt werden: die Hebung des mittel- standlichen Kreditwesens, die Verschärfung der Bestimmungen der Konkursordnung, Meistertitel und Befähigungsnachweis, die Einrichtung von Handwerksgerichten, Entlastung des Hausund Grundbesitzes, Fürsorge für die Prioatbeamten usw.
Der neueste Ruhstrat-Prozeß
vor dem fürstl. lippeschen Schwurgericht zu Bückeburg, vor das er von Oldenburg verwiesen wurde wegen der Besorgnis richterlicher Befangenheit (§ 24 Str.--Pr.-O.), ist mit der Frei
sprechung deS des Meineides beschuldigten Kölners M eher durch die siteschtvorenen ausgegangen.
_ Unter den letzten Zeugenaussagen waren zunächst Von besonderem Interesse die mehrerer anderer Kellner. Der Kellner Herz mann gestand zu, daß er sich fürchtete, in dieser «ache als Zeuge vernommen zu werden, daß, wenn er die Wahv- hert sage, er das Schicksal des Meyer teilen konnte. Der Kellner Hansen bekundete: .Herzmann habe ihm, ohne daß er ihn gefragt h?be, gesagt: Meyer sitze unschuldig. Er habe selbst gesehen, daß Minister Ruhstrat bei dem Spiel „Lustige Sieben" dabei gewesen sei, der Minister habe die Bank gehalten, me blauen Lappen seien nur so geflogen. — Herzmann gab daraus die Möglichkeit zu, dies dem Hansen erzählt zu haben. Auf Befragen des Verteidigers bemerkte der Zeuge Hansen noch: Pvlizei- kommissar Böning, von dem er zunächst vernommen wurde, habe bemerkt, er sei auch von der Unschuld Meyers über» seugt In hohen Gesellschaftskreisen passiere vieles, aber mit hohen Herren ist nicht gut Kirschen essen.
. J^er Kellner Maßlack hat einmal in der Ruhstrat- Nrsche einen sogenannten Bieruntersatz gefunden, auf dem das Spiel „Lustige Sieben" ausgezeichnet war. Die Nische wurde Ruhstrat-Niiche genannt, weil Minister Ruhstrat beinahe jeden Abend in der Nische saß.
,G^Esialprofessor Dr. Frerichs-Oldenburg war im Jahre 1900 ernes Abends zufällig im Oldenburger Kasino in das Pri- v atz immer des damaligen Kasinowirtcs Werner gekommen. Da^habe er zu seiner größten Ueberraschung Minister Ruhstrat, Buchhändler Schmidt und Dr. Schleppegrell beim Kartenspielen ge- n:offen. DieJoerren waren offenbar auch ganz überrascht, daß sie gestört wurden. Was die Herren gespielt haben, wisse er nicht. Er habe eS für sehr eigentümlich gehalten, daß dte Herren zum Spielen in ein Privatzimmer gingen.
■i m Es sei richtig, daß er einmal
mit Buchhändler Schmidt und Dr. Schleppegrell in einem Privat- 3unmer des Kasinos gespielt habe. An jenem Abend seien einer vwstlichkeit wegen alle Zimmer des Kasinos besetzt gewesen und der Kasino-Wirt hätte ihnen ein Privatzimmer eingeräumt.
Verteidiger R.-A. Dr. Herz: Herr Minister, Sie haben Ihren Freunden gegenüber zugegeben, daß Sie noch bis in ge letzte Zeit gepokert haben. Geben Sie nun zu, daß Sie in Ihrer Zeugenaussage in dem Prozeß Rieß-Mermann eine Tatsache unterdrückt haben?
Zeuge (sehr erregt): Ich bin leider nicht in der Lage, mich gegen diese Bel eidig u ng en zu schützen. — Bert.: Ich muß mich entschieden dagegen verwahren, daß ich den Minister beleidigt habe. Ich stelle die Frage, weil ich es für meine Pflicht erachtete, als Verteidiger im Interesse des Angellagten danach zu fragen. — Zeuge Ruhstrat: Ich habe rn dem Prozeß Rieß- Biermann gesagt: Ich habe seit Anfang der 90 er Jahre nicht mefyc „Lustige Sieben" gespielt. Ich hatte gar keine Beran- lassuiig, eine Zeit anzugeben, in welcher ich nicht mehr gepokert a1«- gemauschelt habe. Es ist durch Gerichtsentscheidung fest- gestellt worden, daß ich mich einer Verletzung meiner Eidespflicht niemals schuldig gemacht habe.
Herz: Sie müssen doch aber Bedenken gehabt haben, ob Ihre Aussage korrekt war, sonst hätten Sie wohl nicht Ihren Rechtsanwalt Dr. Wisser in einer öffentlichen Gerichtssitzung er- llaren lassen, daß Sie seit 12 bis 14 Jahren nicht mehr hazardiert haben.
Zeuge: Als ht dem Prozesse gegen einen Austrägei: des Oldenburger „Residenzboten", namens Kruse, der wegen Beleidigung meiner Person anhängig gemacht war, das berüchtigt e Protokoll zur Verlesung kam.....
R.-A Dr. Sprenger (erregt aufspringend): Herr Vorsitzender, ich beantrage, den Zeugen zur Ordnung zu rufen und event. deshalb einen Gerichtsbeschluß erheben zu lassen. Ich ^Elmir unmöglich eine solche Beleidigung gefallen lassen.
Vorsitzender: Ich muß alleänngs sagen, daß diese Bemerkung ungehörig war.
M inister Ru hstr a t: Mso ich sage, nachdem mir bekannt wurde, ein Kellner Meyer hätte bei Dr. Sprenger zu Protokoll gebrackst, ich hätte noch 1899 und 1900 „Lustige Sieben" gespielt, die Bank gehalten usw., so hielt ich es für notwendig, dem Rechts- cmwalt ganz besonders zu erklären, daß die Aussagen des Kellners vollständig unwahr seien. Ich will meinem Bedauern AuÄwuck geben, daß 'die Beschuldigung des Meineidsver- d a ch t e s gegen mich erhoben wurde, ohne daß es mir möglich ist, diese Beleidigung zurüchuweisen.
Bors.: In dieser Verhandlung ist dies nicht geschehen.
Frau Hotelier Bade schildert den Angellagten als einen sehr ordentlichen, wahrheitsliebenden Menschen. — Lohn diener Laturnus: Der Angellagte habe ihm die Vorgänge in so glaubwürdiger Weise erzählt, daß er (Zeuge) die Wahrheit nicht oezweifelle. Der Angellagte sei von Dr. Sprenger viele Stunden vernommen und mehrfach zur größten Vorsicht ermahnt worden. Tw Sprenger sagte wiederholt zu dem Angeklagten: Sie dürfen nicht außer Acht lassen, daß Sie sich im Widerspruch mit einer Leuten von hoher gesellschaftlicher Stellung befinden. Der Angeklagte blieb aber bei ferner Erklärung. — Dienstmann Lohr (Bremen): Er habe einige Male mit dem Angellagten über seine bei Dr. Sprenger abgegebene Erllärung gesprochen, die Angaben des Angellagten haben einen vollständig glaubtmrrbigen Eindruck gemacht.
Bon wesentlicher Bedeutung waren dann noch die Aussagen mehrerer Redakteure, sowie des Journalisten Paul Schwerer, der über die meisten Seiffationsprozesse in Deutschland einer Reihe deutscher Zeitungen zu berichten pflegt und auch zu unseren Mitarbeitern gehört. Schweder sowie die erwähnten Redalleure sind bei deut Prozeß gegen den Oldenburger Redakteur Schweynert, in dem Meyer jenen beanstandeten Eid schwur und der sich um das Kartenspiel des Ministers Ruhstrat drehte, als Berichterstatter tätig gewesen. Sie alle sagen aus, sie hätten es sirr ihre Pflicht gehalten, die Angelegenheit streng unparteiisch zu behandeln, aber sie alle waren überrascht und empört über die Tonart, die von dem Oldenb. Richtertffche aus beliebt wurde. Schweder sagte aus, er sei feit elf Jahren Berichterstatter und habe sehr vielen Sensationsprozessen beiaewohnt. Er sei auch bei vielen Verhandlungen zugegen gewesen, in denen Zeugen wegen Verdachts des Meineids im Gerichtssaale verhaftet worden seien, eine Behandlung, wie sie dem Angeklagten von feiten des damaligen Vorsitzenden zuteil geworden sei, sei ihm aber noch niemals borgetommen. Der Vorstände leitete die Verhandlung in einer Weise, daß die Berichterstatter kaum noch zu folgen vermockttn: er hatte die liebeseuguug, daß der Angellagte durch die Art, wie er vom Vorsitzenden befragt wurde, vollständig verwirrt worden sei, so daß dieser wohl kaum wußte, was er zu Protokoll gegeben habe. Als der Angellagte das Protokoll unterschreiben wollte, hatte er das Gefühl, es wäre richtig, den Angellagten beiseite zu rufen und ihm zu sagen: Mensch, sind Sie denn verrückt? Sie rennen ja ins Verderben! Er habe die Verhaftung für vollkommen ungere cht gehalten. Es habe ihn frappiert, als Staatsanwalt Dr. Fimmen im letzten Augenblick den Versuch mackste, den Angellagten zu bewegen, sein Zeugnis einzuschränken, zu sagen: „Ich glaube, oder es ist möglich." Der Vorsitzende bemerkte: AH was, die Aussage ist doch ganz llar. ®r wie alle seine Kollegen, die am Berichterstattertisch saßen, hatten die Ueberzeugung, wenn der Angellagte in liebevollerer Weise behandelt worden wäre, wäre die Verhaftung unterblieben. Der Ton, der in dieser Verhandlung herrschte, fei ihm noch niemals vorgekommen.
Staatsanwalt Becker aus Oldenburg nannte in seinem Plai- doyer das Verfahren des Rechtsanwalts Dr. Sprenger nicht ganz einwandfrei, well er das über die Aussage des Meyer im Schweynertprozeß aufgenommene Protokoll durch die Presse veröffenllichen ließ. Er trat dann daftir ein, die Schuldfrage zu bejahen, und ebenso die Hilfsfrage, daß der Angellagte wissemlich seine Eidespslicht verletzt hat.
Verteidiger R.-A. Dr. Herz (Altona) führte u., a. aus: Die Hauptsache ist: Hat der Angeklagte gesehen, daß Minister Ruhstrat Lustige Sieben gespielt hat. Das Spielen des Ministers hat er sich gemerkt, die Mitspieler haben ihn weniger interessiert. GS hätte doch auch nid)t viel gefehlt, dann wäre nickst der Angellagte, foaixrn eure andere Persönlichkeit
wegen wissentlichen Meineids auf die AMagebank gekommen E, der Angellagte wäre als Zeuge erschienen. Der Minister Ruhstrat hat allerdrngs unter Eid die Behauptung des Anae- klagten m Abrede gestellt. Ich will den Minister nicht des Mttn- crds beschuldlgen, aber au f v oll e Gla u b wür di g keit kann der Minister nicht Anspruch machen. Im Ries-Bier- mann-Prozetz sagte der'Minister unter seinem Eide: er habe fett ©r^e der 1890 er Jahre nicht mehr Lustige Sieben gesvielt. Dtes ließ er auch in einem späteren Prozeß in genauer schri^ ltcher Frxterung durch Rechtsanwalt Wißer mitteilen. Im Schwey. nert-Prozeß^ errtärte dagegen der Minister unter seinem (Eibe- Er habe, letttem er Oberstaatsanwalt wurde, also seit 1895 ntdjt mehr „Lustige Sieben" gespielt. Wenn Sie den Angellagten verurteilen wollen, dann muß der Nachweis geführt sein, daß er nnssentlich die Unwahrheit gesagt hat. Dazu bedarf es eines Beweggrundes. Was konnte den Angellagten veranlassen, die Unwahrheit zu lagen? Was hatte der Angeklagte die Oeffenp ltchkett zu fürchten? Er war doch keine in der Öffentlichkeit stehende Perionltchkell. Ich erinnere daran, daß der Angellagte bei allen fernen Prinzipalen, bei allen seinen Kollegen und Freun- den sich her größten Beliebtheit erfreute. Er war ein selten putcr Sohn, der seine Mutter unterstützte. Ein solcher Mensch leistet nicht ohne jeden Grund einen Meineid. Es lag in der Luft, daß man den Angeklagten verhaften werde. Trotzdem blieb er bet seiner Behauptung. Und gleich darauf wurde er verhaftet." Unter ter Wucht dieses furchtbaren Eindrucks sagte er, als er vom Gendarmen bei Frau Biermann vorWergeführt wurde- Sehen Sie, ^nau Biermann, das kommt davon, wenn man tn Oldenburg die Wahrheit sagt. Verneinen Sie mast bloß die Schuldfrage wegen wissentlichen, sondern auch wegen fahrlässigen Meineids. Sprechen Sie den Anaellagten frei und geben Sie ihm seine Ehre wieder, darum bitte ich Sie mcht bloß, sondern das verlange ich von Ihnen. (Beifall im Zuhorerraum.)
Verteidiger R.-A. Dr. Ionas (Altona) sucht in längerer Rede den Nachweis zu führen, daß nicht ter mindeste Beweis Nir die Schuld des Angellagten geführt worden sei. Der Angeklagte habe nur beschworen, daß er nachbest em Wissen die reine Wahrheit sagen werde.
Unter atemloser Spannung des Publikums verkündete schließ, lich der Obmann: DieGe schwor enenhabendieSch uld- fragen verneint. (Halblautes Bravo im Zuhörerraum) Auch von ter Straße, wo ein sehr zahlreiches Publikum Posw gefaßt hatte, ertönen zum Fenster hinauf stürmische Bravorufe.
Nach kurzer Beratung des Gerichtshofes verkündete ter Dor- sitzende Der Gerichtshof hat, dem Wahrspruch der Geschworenen entsprechend, den Angeklagten freigesprochen und die Kosten tes Verfahrens der Staatskasse auferlegt. Die Kosten für einen Wahlverteidiger und für die von der Verteidigung unmittelbar geladenen Zeugen werten ebenfalls der Staatskasse auferlegt Tie Entscheidung, betreffs des Anttages, dem Angellagten die Entschadigungskosten für die Untersuchungshaft zu gewähren, wird m acht Tagen gefällt werten.
Als die Verteidiger und der Angellagte das Gerichts» gebaute verlassen, werden sie, ttotz später Nachtstunde von dem zahlreichen Publikum mit n i cht en den wv l l en d en ftür» mischen Hurra- und Hochrufen bearüßt.
'Kleine Tageschronik. An dem Neubau eines Familienhanses auf dem Walzwerk Gras Renard in Sielec (Polen) wurden drei Personen durch Blitzschlag getötet und 12 mehr oder weniger verletzt. — In K a r l s b a d hat zwischen dem Renn- stallbesttzer A. von Pechy und Karl von Beszewiczy ein Säbel- d u e l l stattgesunden. Pechy wurde leicht verwundet. Die Gegner schieden versöhnt. — Dr. Max N o r d a u in Paris ist nach dem Tode Verzls znm Führer der Zionisten ausersehen. Er erllärte ans Gesilndheitsrücksichten auf das Präsidium der Pattei verzichten zu müßen, und will den Londoner E o w e n als Führer Vorschlägen. — Ueber V e n e d i g Ist ein furchtbares Gewitter niedergegangen. Zahlreiche Häuser rourben abgedeckt. Viele Gondeln sind infolge des Orkans gesunken. Der Schaden ist enorm. — Wie aus einem Telegramm des Gouverneurs von Bombay hervorgeht hat te Pest im Laufe des Juni in Indien 28 082 Opfer ge'ordetz. Die Provinz Pundjah allein hatte 21 601 Todesfälle. In Bombay sind 8199 Menschen an der Pest gestorben. Sämtliche Opfer sind Eingeborene. — Bei einer Manöverübung in Esakathurm (Kroatien) wurde der Korps-Kommandant inÄgram, Feldmarschallleutnant Graf Orsini-Rosenberg vom Schlage gerührt. Er stürzte vom Pferde und war sofort t o t. — In Warschau erhob ein Unbekannter bei der Diskontobank auf Grund gefälschter Kreditbttefe 30 000 Rubel. — Aus der Höhenstation des Donnersbergs bei Teplitz in Böhmen wurden, wie em Privattelegramm meldet, sechs Maurer vom Blitz getroffen.— Auf dem Gute P l u m m e n d o r f in der Nähe von Dam- garten (Vorpommern) sind durch eine Feuersbrunst fünf Arbeitshäuser mit dem gesamten Inventar zerstött worden. Drei erwachsene Pessonen und ein Kind sind gefährlich verletzt. — In Wohylow, an bet, schles.-rnssischen Grenze, ist plötzlich das Rathaus eingestürzt, wobei mehrere Personen getötet ober verletzt würben. — In Gels stürzte ber Giebel der im Umbau begriffenen mittelalterlichen Schloßkirche ans bas Dach unb bie Gewölbe, durchschlug sie und zertrümmerte die kostbare Orgel und Kanzel. Menschen sind nicht verunglückt. — In F e r m o, einem mittelitalienischen Städtchen unweit des adriatischen Dleeres, stürzte in der Kapelle des Hospizes während der Meße der Fußboden ein; 16Personen wurden getötet, 32 verletzt. — Die neue Post straße über den Großen S t. Bernhard, zugleich die höchste Alpenstraße ist dieser Tage emgeweiht worden, wobei , es zu stürmischen Freundschaftskundgebungen zwischen den ^'alienischen und schweizettschen Gästen kam unb Begrüßungstelegramme an König Viktor Emanuel unb ben Äunbesrat gerichtet würben.
Temperatur der Lahn und der Luft
am 17. Juli 1905.
Nach Reaumur gemeßen mittag? zwischen 12 unb 1 Uhr. Wasser 18°, Lust 16° R.
____ Mülle rlche Bade- unb Schwimmanstalt.
Statt besonderer Anzeige.
Die Verlobung ihrer Tochter Paula mit dem Fabrikanten Herrn Julius Pagener aus Epe i.W. beehren sich anzuzeigen
3773 Moritz Friedberger und Frau.
Giessen
Paula Friedberger Julius Pagener
Verlobte
Juli 1905.
Epe Cöln
Oie mir von meinem emnfnUfln. m . Herba-Seife.
seragte dieselben Dach wenigen Tagen. Alfred Pflanzer Mflnrhon Z. L i. a. Apoth. 0,°-. °. Part p. stTpfe ^IMk. <)&’?£• ÄÄp.
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wvorragend bewährt I Derrn Katarr


