2C Juni 1905
155. Jahrgang
Erstes Blatt.
Schvrstratze 7«
Ubrefft für Devefchen:
Anzeiger Gtetzen.
KernsprrchanIchlußNr 61.
Der Krieg.
Die Friedenskonferenz.
Tokio, 20. Juni. (Reuter). Die Erörterungen über bis geplante Zusammenkunft japanischer und russischer Bevollmächtigter dauern fort. Alle Mitteilungen geschehen durch die Vermittlung Washingtons. Es sprechen Anzeichen dafür, daß die Regelung aller Einzelheiten dieser Zusammenkunft bald eine vollständige sein wird. Zwischen dem Rate der alten Staatsmänner und den Ministern fand eine Reihe von Besprechungen statt, die sich mit der Frage der
KnsruVr im russischen Hsstzierkorps.
Russische Gardeoffiziere, einige hundert an der Zahl, versammelten sich in Kraßnoje-Sselo, um gegen die ihnen zugemutete „Henkerrolle" zu protestieren. Von einem
Dach wieder zu seinem vollen Recht gekommen ist, gegenüber den dem Süden nachgeäfften Plattformen auf den Gebäuden. Freuen wir uns doch, daß der Dachschwund eine überwundene Krankheit ist. Wer „Gefühl" für Baukunst hat, wird mir zustimmen. Wer jedoch den Dülferschen Entwurf mit einem Fabrikgebäude vergleicht, dürfte mit seinem Kunstverständnis sehr im Argen sein. Die Möglichkeit der Anwendung von Blendsteinen ist übrigens Dülfer gewiß nicht vorzuwerfen, sondern müßte eher im Sinne des Ausschreibens gelobt werden, denn es war so gewünscht. Dülfer würde aus freien Stücken Blendsteine sicher nicht verwenden.
Das sogenannte „Magazingebäude" Dülfers mit seiner schönen Gesanüsorm und feinen Gliederungen dürfte halb versteckt hinter Bäumen dem eigentlichen Theaterbau nur zu guter Folie dienen. Wer die in einfachen Umrißlinien neben dem Schnitt durch den Zuschauerraum dargestellte Ansicht des Kulissenhauses gar nicht beachtet hat, kann sich freilich darüber kein Urteil bilden. Meine Verteidigung des besseren Kunstwerks ohne Rücksicht auf die Person des Künstlers „plump" nennen kann jeder, ohne damit etwas zu beweisen, aber die Platzgestaltung DülferS anzustreiten, das soll er versuchen; es wird ihm wohl schwer fallen.
Wer die in München berühmten Dülferhäuser gesehen hat, wird an Ausstellungsbauten nicht mehr denken können. Einen solchen Vergleich aussprechen kann nur jemand, der ein so dargestelltes Projekt nicht in die Wirklichkeit zu übersetzen weiß.
Das Kunstverständnis der Gießener Bürgerschaft dürfte sich ein besieres Denkmal setzen, indem es eine Stilrichtung des 20. Jahrhunderts anerkennt, als daß es der Spätrenaissance in überlebten Formen den Vorzug gäbe. Wer einem solchen stilgemäßen Projekt wie dem Dülferschen den Vorwurf des gesuchten, unwahren Haschens nach Formen macht, hat wohl noch nie selbst versucht, Neues zu schaffen.
Ein Beweis für Fellner und Helmer ist es nicht, daß sie zum Umbau des Darmstädter Theaters herangezogen wurden. Dort handelt es sich ja nur darum, in den gegebenen Formen weiter zu arbeiten. Das angeführte Beilviel des Wiesbadener Theaters, bei dem
Vorn und Hinten von dem Architekten verwechselt worden ist, da durch das Hauptportal der Faffade an den Anlagen nur die Pferde auf die Bühne gebracht werden können, während der Eingang hinten an den Kolonnaden sich, unglaublich aber wahr, befindet, ist für mich ebenfalls nicht maßgebend, zumal von Fachkreisen ein günstiges Urteil darüber meines Wissens nie ausgestellt worden ist. Dieses wie andere genannte Bauten sind in viel zu überladenen Formen gehalten. Wenn Dortmund sein Kunstwerk so wenig zu schätzen weiß, sollte Gießen sich daran kein Beispiel nehmen. Sollte die Anzahl der ausgesührten Bauten allein ein Können bedeuten, so müßten alle jüngeren, aufstrebenden Künstler vor den älteren zurückstehen; nicht die Quantität, sondern die Qualität gibt den Ausschlag.
Was dasFreiburgerPreisgericht über DülferS Projekt sagte, ist doch eigentlich nur Lob. Daß das damalige Projekt nicht zur Ausführung geeignet erschien, kann doch hier nicht mitsprechen, da das Preisgericht selbst DülferS Entwurf als ausführbar bezeichnete.
Mag die Wahl nur ruhig der Kommission und der Stadtvertretung überlassen bleiben; ich wünsche mir, der Stadt Gießen bliebe eine lange nachwirkende Mißbilligung von feiten aller Kunstverständigen nah und fern erspart.
Adjutanten des Großfürsten Wladimir wurden sie aufgefordert, auseinanderzugehen, kamen indeß dieser Auffor- rung nicht nach. Sie bilden heute allenthalben das Tagesgespräch. Ueber diesen Grad von Auflehnung ist man natürlich in unseren militärischen Kreisen verblüfft. So viel erstaunliche Meldungen aus Rußland gekommen sind, diese ist doch die seltsamste, und sie hätte ohne die, sicherlich sorg- ältig abgeschwächte, Wiedergabe durch den offiziösen Telegraphen kaum Glauben gefunden.
Turgenjew läßt in einem seiner Romane ein junges Mädchen jemand fragen: „Sind Sie nicht Beamter?" „Allerdings, aber was schließen Sie daraus?" lautet die Antwort. .Dann muffen Sie eS doch mit der Regierung halten!" Run folgt die bitter satirische Bemerkung, daß der Befragte im Stillen die Naivität des jungen Mädchens bewundert. Sollte er bald ebenso naiv sein, von Treue und Disziplin im russischen Offizierkorps zu sprechen?
Das Urteil, das der deutsche Kaiser in Straßburg über das russische Offizierkorps gefällt hat, erfährt eine unerwartet wuchtige Bestätigung. Dabei wurden zweifellos mit Vorbedacht die verläßlichsten Offiziere im Lande behalten zum Schutz gegen den inneren Feind, und die Brauseköpfe hinaus auf den Kriegsschauplatz geschickt. Li ne witsch hat unter diesen letzteren bereits fürchterliche Musterung gehalten. Hundert Offiziere ui d mehr sollen auf seinen unerbittlichen Befehl wegen Ungehorsams erschossen worden sein. Ed wird kaum etwas anderes übrig bleiben, wenn der offene Aufruhr sich weiterverbreitet, als daß auch an Offizieren in Rußland solche Exekutionen vollzogen werden. Die russische Geschichte hat auch hier wieder warnende Erinnerungen auf blutbefleckten Blättern. Die Garde, der hohe Adel stand wiederholt an der Spitze von Verschwörungen. Am Militäraufstand am 14. Dezember 1825 waren nur Adelige beteiligt.
Jetzt sitzt die Revolution mitten im Herzen des russischen Riesen. Der Zar mag sich begeben, wohin er will, er mag von den festesten Mauern beschützt sein, er wird dennoch auf der Hut sein müssen vor Denen, die die Aufgabe haben, sein Leben zu schützen. Erst die von,Umsturz-Ideen eingenommenen Pagen, wobei man aus den Ausweg kam, die jungen Leute für geistesgestört zu erklären, nun diese neue, viel schlimmere Entdeckung. Nein, nicht einmal eine Entdeckung. Die „einige hundert" Offiziere versammeln sich mit einer Offenheit, als ob es sich um die selbstverständlichste Sache von der Welt handelt, Protest gegen die Anordnungen von Vorgesetzten zu erheben. Und was der Höhepunkt des Unbegreiflichen ist: der General Reh bin der, der während der „Beratung" erscheint, geht keineswegs sofort mit den energischsten Mitteln gegen die Unzufriedenen vor, sondern begnügt sich damit, die Auflösung der „ungesetzmäßigen" Zusammenkunft zu fordern, und verspricht, als dem Befehl zunächst keine Folge geleistet wird, in naher Zukunft eine „gesetzmäßige" Versammlung einzuberusen! Eines der allersonderbarsten, allenfalls in Serbien, kaum noch in Bulgarien möglichen
Schauspiele: ein General schließt einen förmlichen Kompromiß mit revoltierenden Offizieren . . .
Was wird noch kommen? Vermutlich der Empfang einer Offiziers-Abordnung beim Zaren, der dann seinerseits, „fest und unerschütterlich", den Herren Abhilfe ihrer Beschwerden verspricht . . . Die Offiziere beklagen sich besonders darüber, daß sie eine „Art Henkerrolle" zu übernehmen hätten. Aus dieser Bezeichnung laffen sich Schlüsse ziehen, daß in letzter Zeit zu dem Mittel der geheimen Exekution gegriffen worden ist, um die „Ruhe eines Kirchhofs" herzustellen.
Von dem Empfange der Deputation des Semstwo- Kongreffes und der Bürgermeister in Peterhof hört man heute Näheres, was über Fürst und Volk und Heer einigen Aufschluß gibt. Der Zar war, so heißt eS in Privatmeldungen, sehr erregt und machte den Eindruck seelischer Beklemmtheit. Fürst Trubetzkoi, Proseffor an der Moskauer Universität, hielt eine lebhafte Ansprache an den Kaiser, in der er darauf hmwies, daß daS Land eine ernste innere Krise durchlebe und daß die Bevölkerung äußerst unzufrieden mit derRegierung sei. „Wissen Eure Majestät, daß das Volk Ihre Generale als Verräter betrachtet?" Bei diesen Worten zeigte der Zar sich ungern ein bewegt. Darauf fuhrTrubetzkoi fort: „Die Gesetzlosigkeit wächst. Die Kriegsgerichte verhängen fortwährend Todesstrafen, wodurch sie der allgemeinen Unzufriedenheit nur immer neue Nahrung geben. Nur die Einberufung einer Volksvertretung kann das Land aus diesem furchtbar bedrückten Verhältnis erlösen."
Die Deputation wurde nach dem Empfange zum Früh^ stück geladen, bei dem jedoch der Zar nicht anwesend war. Der Zar hörte die Ansprache deS Fürsten Trubetzkoi stehend an und gab besonders an den Stellen, die sich auf den engeren Zusammenschluß zwischen Krone und Volk bezogen, seinen Beisall zu erkennen. Seine von uns bereits gestern wortgetreu wiedergegebene Rede war offenbar extemporiert.
In Libau wurde der Pastor Goldmann durch einen Revolverschuß schwer verletzt, weil er gegen den Terrorismus der Revolutionäre gesprochen hatte.
600 Warschauer Profefforen haben beschloffen, ihre Vorträge im September nicht wieder aufzunehmen, falls eS ihnen nicht gestattet würde, in polnischer Sprache Vorlesungen zu halten.
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Im Anschluß hieran sei folgendes „Eingesandt zum AbdruL gebracht, das uns von Herrn Bauinspektor Becker zugegongen ist: „Vor einiger Zeit erschien in der „Deutschen Bauztg." ein, auch vom „Gieß. Anz." im wesentlichen übernommener Artikel, der die Gießener Theaterfrage eingehend behandelte und zum Schluß die Übertragung des Baues an Prof. Dülftr vorschlug. Den gleichen Vorschlag macht ein Fachmann in einem Artikel in Nr. 137 des G. A.
Da ich der Täterschaft beider Artikel verschiedenerseftS „verdächtigt" wurde, mir aber aus bestimmten Gründen daran liegt, von diesem „Verdachte" gereinigt zu werden, erkläre ich hiermit für etwaige Interessenten, daß ich mich seit meinem Austritt aus dem weiland Komitee „zur Errichtung eines Theater- und Saalbaues" weder direkt noch indirekt mehr an ' i ffftntlichn aen über die Sache be-
Sur Gießener Wealerfrage.
Von dem Verfasser de§ Artikels in unserer Nr. 137, 2. Bl., geht uns heute der nachstehende Aufsatz -m, dem wir wiederum im wesentlichen zuftimmen.
In der gestrigen Erwiderung auf meine Ausführungen zur Theaterfrage heißt es, ich mache Propaganda für da§ Dülfersche Projekt, sei voreingenommen und suche der Kommiffion etwas aufzuschwätzen und sie ind Schlepptau zu nehmen. Davor muß ich mich doch in aller Ruhe, aber energisch verwahren. Ich stehe der ganzen Angelegenheit persönlich vollständig fern, sah nur die ausgestellten Zcich- nungen, hörte von der Absicht der Kouunission und fühlte mich veranlaßt, öffentlich zu fragen, warlim der künstlerisch höherstehende Entwurf dem nächstbesten gleichgeachtet wurde, was doch entschieden eine Herabsetzung deS ersteren bedeutet. Der mir erwidernde „Vertraute" wird hier wohl besser Bescheid wissen. ...... . .
Das Fellner-Helmersche Projekt i|f, wie es in jener Erwiderung richtig heißt, allerdings den „Gießener Verhältnissen" angepaßt, die aus jenen Zeilen deutlich erkennbar sind und die, wenn sie sich hier in einflußreichen Kreisen erhalten sollten, eine Förderung der echten Kunst ausschließen müßten.
Das Loblied, welches der „Vertraute" auf den monu- mentalen Charakter des genannten Entwurfs singt, läßt mich daran zwciscln, ob derselbe eine gute Anpassung eines KitnR. werk« in di- Umgebung richtig zu beurteilen versteht. Nach meiner Auffassung würde zu den schlichten und einfachen, aber immerhin ruhig vornehm wirkenden Hausern der Sud- anlaqe der Dülfersche Bau, wenn erit m ent!prechend°m Material ausgeführt, weit besser passen als die schwere Prunkfassade des anderen Projekts, d,e für d,e kleineren Verhältnisse iinseres Theaters viel zu großsprecherisch und für Gießen zu qroßstadtmäßig erscheint. Die Seitenansicht konnte ich leider aus der Perspektive nicht ersehen, weil sie nicht öffentlich ausgestellt war.
Was die Ansicht über die „verdeckten Dächer betrifft, sollte man doch meinen, daß der Betreffende beobachtet haben müßte, wie schon seit Jahren unser altes gutes deutsches
Nr. 142
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Dem Gießener Anzetget werben im Wechsel mit dem VeMsche« Landwirt die 6i«6cnei Kamillen. LMt« viermal in bet Woche beigelegt.
Rotationsdruck tt Der- Vrü h l scheu wer^Buch-u. 6leü> fcrudetti. 8L Sange,
Are Heutige Hlurumer umfaßt 12 Seiten.
Ser Hinzug des Kronprinzenpaares in Potsdam.
Potsdam, 20. Juni.
Aus Anlaß des heute nachmittag erfolgten Einzugs des Dwnprinzenpaares waren sämtliche Straßen prächtig geschmückt. Guirlanden von Tannenreis, umflochten von Rosen, hingen von Fenster zu Fenster. Auch hier sand eine lebhafte Spekulation in Fensterplätzen statt; es wurden recht hohe Preise für solche gefordert, ob auch bezahlt — wer weiß es? Ein recht hübsches Bild bot die Havel, an deren Ufern Potsdam liegt. Zahllose Boote, mit bunten Wimpeln geschmückt, belebten die silberglänzenden Fluten und schossen eilfertig hin und her. Ganz Potsdam war auf den Beinen und nahm schon mehrere Stunden vor der festgesetzten Zeit des Eintreffens des Kronprinzenpaares Aufstellung hinter den Spalier bildenden Truppen, Krieger- Vereinen, Innungen und Gewerken. Um 5 Uhr 46 Min. traf der Sonderzug mit dem Kronprinzenpaar von Hubertusstock auf dem Bahnhöfe ein. Kurz vor Eintreffen des Zuges meldete sich Prinz Eitel Friedrich bei dem kommandierenden General zur Stelle. Als erste entstieg dem Zuge die Kronprinzessin, gefolgt pom Kronprin zen. Cie bestieg einen offenen sechsspännigen Landauer. Vor dem Wagen ritten die Schlächter Potsdams, hinter ihm eine Eskorte Garde du Corps, sodann die Hofdamen und das übrige Gefolge. Um den Bahnhof herum waren die Schulkinder aufgestellt. Unt 6 Uhr traf der Galawagen mit dem Kronprinzenpaare vor dem Rathause ein. Die Kronprinzessin trug eine rosa Chiffontoilette mit gleichfarbigem Hut und Federn, der Kronprinz die Uniform des 1. Garderegiments z. F. mit dem Bande des Schwarzen Adlerordens. Oberbürgermeister Jähne trat an den Wagen heran und hielt eine warme Begrüßungsansprache in der er unter anderem sagte:
„Freude und Dank erfülle alle Herzen, daß das hohe Paar gerade in Potsdam seine erste dauernde Heimstädte ihres ehelichen Glückes suchen wolle, in der Stadt, welche seit den Zeiten des Großen Kurfürsten mit dem Hohenzollernhause aufs engste verknüpft sei. Der heißeste Wunsch der Bürgerschaft sei es, daß die Kronprinzessin in der neuen Heimat Befriedigung ihres Herzens finden möge. Zum Kronprinzen gewandt, führte der Oberbürgermeister aus, Potsdam sei stolz daraus, Vaterstadt des Kronprinzen zu sein und daß er hier seine militärische Erziehung genossen. Das hohe Paar möge der Stadt seine Huld bewahren und Gottes Gnade möge mit ihm sein."
Alsdann traten die Ehrenjungfrauen, welche Rosen- guirlanden in den Händen trugen, vor und verbeugten sich vor dem Kronprinzenpaar, während die Tochter des Stadtverordnetenvorstehers Bolle mit einem kurzen Gedicht einen Blumenstrauß überreichte. Hierauf brachte Büraer- meister Jähne ein dreifaches Hoch auf das kronprinzliche Paar aus. Das hohe Paar dankte dem Bürgermeister sowie der jungen Dame, welche den Blumenstrauß überreichte, mit herzlichen Worten. Der Festzug bewegte sich durch die Schloßstraße, das Nauener Tor bts zum Marmorpalats, wo das Kronprinrenpaar Wohnung nehmen wird.
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