Ausgabe 
17.10.1905 Zweites Blatt
 
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Nr. 244

Dienstag 17. Oktober 1905

Zweites Blatt

Gießener Anzeiger

General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Liehen

Redaktion, Expedition u.Druckerei: Schulstr.V.

Tel. Nr. 5L Telcgr.-Adr.: Anzeiger Gießen.

155. Jahrgang

Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.

DieGießener Zamlltenblätter" werden dem .Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt. Der ^hespschr Sanbwirt erscheint monatlich einmal.

leisten, dabei aber selbst teft entschlossen gewesen sei, dem Dreibund treu zu bleiben.

Die italienisch-offiziöseAgeneia Stcfcmi" macht da­gegen bekannt: Der französische Geschäftsträger begab sich zu dem ital. Minister des Äeußern, um ihm im Auftrage Rouviers sein Bedauern auszudrücken, daß gewisse Zeitungen seinen (Tittonis) Namen in ihre Polemiken hineingezogen und ihm eine Aeußerung zu­schrieben, die er dem ftanzösischen Botschafter gegenüber niemals getan und die dieser daher auch nicht an seine Regierung habe berichten können imb auch niemals berichtete. Tittoni sprach dem Geschäftsträger für diesen Akt courtoisie- voller Rücksicht seinen Dank aus.

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'scben Universitätsdruckerei. R. Lange, Gießen.

Künstler und Kritiker. Hebet einen Liederabend, den der auch in Gießen bekannte Konzertsänger Dr. Wüllner am 28. Februar in Leipzig veranstaltet hatte, war in der Nummer vom 1. März derLeipz. Reuest. Nachr." ein von deren Re­dakteur Dr. Viktor Lederer verfaßtes Referat erschienen, worin ausgeführt wurde, daß zu dem Liederabend die Alberthalle ge­wählt worden sei, um größere Einnahmen zu erzielen, obgleich das Lied hineinpasse wie David in Goliaths Hosen. Weiter war gesagt, Dr. Wüllner habe das Mensck^nmögliche in der Kehlathletik geleistet: er befteibe unkünstlerische Kehltorturen, und der Beifall, der chm gespendet sei, habe gerlimgen, als ob der Atyletenklub zehn Dutzend Hand? zum Klatschen zur Ver­fügung gestellt habe. Dem Dr. Wüllner war diese Besprechung

zu vertagen, wo die Entscheidung des Gerichtshofes über die Kompetenzfrage bekannt gegeben werden soll.

Ter während der Pause der heutigen Gerichtsverhandlung von den beiderseitigen Vertretern vereinbarte Vertragsentwurf zwischen dem Prinzen und der Prinzessin besagt: 1. Der Prinz zahlt an die Prinzessin wie bisher eine Apanage von 6000 Mark monatlich. 2. Der Prinz zahlt ferner 120 000 Mark zu Händen de? Advokaten Viiontai. 3. Weitere Ansprüche werden von der Prinzessin nicht erhoben. 4. Rach erfolgter Eheselwidung führt die Prinzessin den schon jetzt benutzten Namen und Titel: Luise Prinzessin von Belgien. Mit Rücksicht auf die Einigung der Prozeßvarteien und die Anwend- barkeit des ftemden Rechtes, da? den Aussmuch des Verschuldens nicht verlangt, soll durch das Gericht die Ehetrennung aus­gesprochen werden, ohne daß die Schuld einer Partei fest» gestellt wird.

Aus Htadl und Lattd.

Gießen, 17. Oktober 1905.

*' Personalien. S. K. H. der Großherzog haben dem Pfarrassistenten Wilhelm Leimbach zu Mainz die evangelische Pfarrstelle zu Münzenberg übertragen. S. K. H. der Großherzog haben den Kreisdiencr bei bem Kreisamt Büdingen Josef Scppelt auf sein Nachsuchen, unter An­erkennung seiner langjährigen treuen Dienste, mit Wirkung vom 1. November 1905 in den Ruhestand versetzt. lieber* tragen wurden am 11. Oktober d. J§. dem Lehrer und Hausvater an der Nettungsanstalt zu Hühnlein, im Kreise Bensheim, Georg Heinrich Keil eine Lehrerstelle an der evangelischen Schule zu Lampertheim, dem Schullehrer Johannes Rückert zu Hainhausen, ini Kreise Offenbach, eine Lehrerstelle und der Schulamtsaspirantin Barbara Kirn aus Budenheim, eine Lehrerinnenstelle an der Gemeindeschule zu Kostheim, dem Schullehrer Friedrich Göllner zu Ulrich­stein, die Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Grolsheim, Kreis Bingen; dem Schulamtsaspiranten Heinrich Lorz aus Spachbrücken, Kreis Dieburg, die Lehrerstelle an der Ge* meindeschule zu Allertshofen-Hoxhohl, in demselben Kreise. Bestätigt wurde am 11. Oktober d. IS. der von dem Fürsten zu Löwenstein-Wertheim-Rosenberg auf die Lehrerstelle an der katholischen Schule zu Habitzheim, im Kreise Dieburg, präsentierte SchulamtSaspirant Heinrich Dietz aus Friedberg für diese Stelle.

"Erledigt ist eine mit einem evangelischen Lehrer zu besetzende Lehrerstelle an der Gemeindeschule z» Stein-Bockenheim, Kreis Alzey. Mit der Stelle kann Organistendienst verbunden werden. Ferner die Stelle eines Revisionskontrolleurs bei dem Großh. Haupt­steueramt Offenbach, sowie die Stelle eines Bezirks­kasse-Assistenten bei der Großh. Bezirkskaffe Mainz L ** Eine Sitzung der Stadtv ervrdneten-Ver^ sammlung fmbet Donnerstag, den 19. Oktober, nachmittags 4 Uhr, mit nachstehender Tagesordnung statt: 1. Bau-, gesuch des Professor Dr. Poppert für die Wilhelmstraße. 2. Des­gleichen von Karl Gerbvde für Asterweg 40. 3. Desgleichen von v. Winn für die Kaplansgasse. 4. Anlage eines gepflasterte« Ueberganges in der Grünbergstraße. 5. Kreuzung des Wismarer Weges mit einer Rohrleitung. 6. Anbringung einer Wettertafel am Hause Seltersweg 30. 7. Verkauf von Gelände ans dem! Stadtbach am Känzleiberg. 8. Versteigerung von Bauplätzen cm der Licherstraße. 9. Anlage eines Entwäsffrungskanals bei dem veterinärmedizinischen Institut. 10. Zahlungsunfähigkeit der Firma Jäger und Rumpf. 11. Vergrößerung des Exerzierplatzes. 12. Rechnungsabschluß des Gas- und Wasserwerks für 1904. 13. Desgleichen des Elektrizitätswerks. 14. Erweiterung der Quelfiassung in Queckborn. 15. Desgleichen beim Hubertus­brunnen. 16. Errichtung eines zweiten Schlaftaumes für die Laternenwärter und Vergrößerung der Wohnung des Auffehers. 17. Ausführung von Entwässerungsanlagen durch das Gas- und Wasserwerk. 18. Gesuche um Erlanbnis zunr Wirffchaftsbetriebel o) von Jakob Kunz für Landgraf Philipp-Platz 9, b) von Ehr. Riegelmann für Bahnhofstraße 76, c) von Heinrich Belloff HL Witwe für Bahnhofstraße 15, dl von Ehr. Medenbach si'ir Bleich­

dritter Kunsterziehungstag.

Hamburg, 16. Oft

In der HamburgischenKunsthalle" trat dieser Tage der Dritte deutsche Kunsterziehungstag zusammen. Es nehmen an den Verhandlungen teil: 18 Landesregierungen, 42 Schulverwaltungen, Deputationen usw, die Stadtver­waltungen. Weiter sind 45 Verbände durch 64 Delegierte vertreten, dann weist die Präsenzliste 127 Pädagogen, 62 Künstler und Gelehrte und 27 Schulfreunde auf.

Neber Musik und Gymnastik sprach Pros. Licht- warck-Hamburg; er führte aus: Die Gymnastik soll zur Erreichung des höchsten Erziehungszieles führen, zur Stärkung des Willens. Man spricht indes nicht mit Unrecht davon, daß die Schule den Willen des Kindes breche. Die Disziplin allein wird nicht das entscheidende Moment in der Geschichte der Völker sein und für unsere Zukunft wird es entscheidend sein, wie sehr es gelingen sollte, den Willen des Einzelmenschen zu stärken. Durch alle Jahr­hunderte hat sich der Wille als das schwächste Moment in Deutschland erwiesen. Die Le'.besübungen sind geeignet, eine Willen sstärkung zu schaffen, in den alten deuffchen Spielen, die wieder aufzuleben beginnen und die wir zum Teil in den englischen Spielen wieder bei uns eingeführt haben. Diese Spiele sollen eine gute Ergänzung des Turnens sein. Von der Musik in der Schule verlangen wir die Pffege des Empfindens. Die Vtusik soll in der Hauptsache auf natür­liche und unbefangene Weise die Empfindungen stärken. So sind Musik und Gymnastik berufen, dem einzelnen Deutschen Selbsterhaltung und Unbefangenheit zu geben. Mit Neid mag heute oft der Erwachsene das Kind ansehen, das sich in seinen Bewegungen unbefangen gibt. Die Schule förderte diese Unbefangenheit der Haltung nicht. Wir können nur wünschen, daß die Schule die Elastizität heben möge, dem neuen Gedanken der Kunsterziehung Einlaß zu geben und in vorsichtiger Prüfung dieselben zur Tat werden zu lassen. (Lebh. Beifall.)

Tie Musikpflege im Hause besprach Prof. Tr. Rich. Batka-Prag, der musikalische Redakteur des vor­trefflichenKunstwort". Brahms habe einmal den Wunsch

Welfische Auslandsagenteu.

Dem Organ des braunschweigischen Weffentums er­scheint die Enthüllung der Kriegsgefahr des letz­ten Sommers als geeigneter Zeitpunkt, Deutschland vor den auswärtigen Mächten zu verdäch­tigen. Tas braunschweigische Welfenblatt findet nämlich die Lösung der Frage, weshalb wir das am meisten ge­fährdete Volk der Erde sind, in dem Krieg von 1866mit seinem Verrat, mit seinem Bundesbruch". Begründet wird diese Auffassung folgendermaßen:

Da sehen wir die Entthronung dreier deutscher Fürsten, denen der König von Preußen sechs Jahre vorher den Territorial bestand ihrer Länder in feierlicher Rede zu schützen versprochen hatte. Er brach dies Königs wort und annektierte die Lander stannnverwandtcr deutscher Fürsten. Und das Ausland? Muß es sich nach dieser Probe, wie jener preußische König sein Wort von Baden-Baden gehalten hat, nicht sagen, das, was Preußen den ihm verbündeten deutschen Bundesfürsten anzutun über sich gewann, wird es ebenso skrupellos auch dem Aus- lande gegenüber tun, sobald es die Macht dazu hat? Der deutsche Bruderkrieg von 1866 ist in erster Linie die Ursache, daß das Ausland mit dem größten Mißtrauen uns gegenüber stehen muß!"

Nachdem die Friedensliebe des endlich geeinten Denffch- lands länger als ein Menschenalter hinourch selbst für den erbittertsten Feind eine unanfechtbare Tatsache ge­wesen ist, und nachdem soeben erst der Marokkokonffikt an den Tag gebracht hat, auf welcher Seite eine aggressive Politik verfolgt wurde, muß diese welfische Verdächtigung als die eines giftigen Verleumders der deut­schen Politik an den Pranger gestellt werden. Die freche Anschwärzung Kaiser Wilhelms braucht man an dieser Stelle nur mit dem Hinweise abzutun, daß 1860 in Baden-Baden vom Prinzregenten den deutschen Fürsten die Integrität ihrer Länder gegenüber den Annek- tionsgelüsten Napoleons Hl. versprochen worden ist: die Entwicklung der Dinge des Jahres 1866 konnte der Prinzregent selbstverständlich nicht voraussehen. Das Ein­zelne ist in H. v. ShbelsBegründung des Deutschen Reiches" (2. Band) nachzulesen.

gekommen sind. Diese Erkenntnis wird zu neuen Formen! der Konzertmusik führen, von der bann auch eine Befrucht tung der Hausmusik zu erwarten sein wird. Einen gesunden! Kem tragen intime Musikabende von Vereinen. Bon hiev ist ein Rückschlag gegen den Massenbetrieb der Konzerte und gegen die retne Pflege des Virtuosentums zu erwarten. Aber in der Hausmusik kann uns nur gute Musik etwas nützen. Tie Gymnastik auf Klavier und Violine ist ein überflüssiger Sport, ganz abgesehen von den Qualen für den Nachbar. Wir haben in Deutschland eine vorzügliche Literatur für die Hausmusik, die der Konzertliteratur weit überlegen ist. Dieser Schatz muß gewahrt und gepflegt werden.

An den mit lebhaftem Beifall auf genommenen Vortrag knüpfte sich eine längere Aussprache, in der unter anderem! auf die Wichtigkeit des Gesanges für die Hausmusik hin­gewiesen wurde. Studienrat Kerschensteiner-München machte darauf aufmerffam, daß in ganz Oberbayern die Hausmusik noch niemals ganz verschwunden sei. Es werden gepflegt: Zither-, Guitarre-, Mundharmonika-, Maultrommelsprel und Gesang. In einzelnen Gemeinden kommt auch die Hol^- pfeife zur Geltung. Hier jet ein Fingerzeig gegeben, ttne in den Mafien der musikalische Sinn geweckt und gepflegt werden könne.

Ten Abschluß der ersten Vortragsreihe bildete eine philosophisch gehaltene Betrachtung von Prof. Dr. MaZ Tessoir-Berlin über das musikalische Genießen.

Eine prinzliche Ehescheidung.

Gotha, 16. Okt.

DoT der ersten Zivilkammer des hiesigen Landgerichts be­gannen die Verhandlungen im Ehescheidungsprozeß des Prinzen Philipp und der Prinzessin Luisevon Koburg. Für den Prinzen waren der Wiener Hofgerichtsrat, Regierungsrat Dr. Bachrach-Wien, und der Gothaer Rechtsanwalt, Justizrat Tr. Kurrruither, erschienen, die Prinzessin war durch den unga­rischen Rekchstagsabg., Advokaten Tr. Soma Visontai-Budapest und Rechtsanwalt Dr. Rudolph Müller-Gotha vertreten. Auch der ehemalige Oberleutnant Keglevich Matasitsch ist in Gotha ein- getrvsfen. Namens des Prinzen ist eine umfangreiche Anklage­schrift überreicht. Die Verhandlung wurde durch den Vorsitzenden mit einem Einigungsvorschlag eingcleitct. Bachrach und Visontai waren zu Einigungsverhandlungen bereit, aber letzterer muß erst aus Paris Jnstn-mationen einholen. Der Gerichtshof beschloß, in eine Verhandlung über die Frage der Zuständigkeit des Gothaer Gerichts einzutreten. Hieraus trat eine Pause ein. Nachmittags um vier Uhr wurde die Zuständigkeit des Gothaer Land­gerichts von den Vertretern der Prinzessin angegriffen. Der Gerichtshof beschloß, die V crb a n d l u n g bis zum 30. Okt.

ausgesprochen, daß die Vorherrrschaft von Klavier und Violine in der Hausmusik des Deuffchen gebrochen werden möge. Es wäre wünschenswert, wenn auch Holzblasinstru­mente, Waldhorn, Flöte usw. mehr zur Geltung kommen würden. Unser Begriff von Hausmusik hat sich in einem bewußten Gegensatz zum Begriff der öffentlichen Musik ent­wickelt. Man hat uns Deutsche als dieHaustiere der Völker" bezeichnet, d. h. als diejenigen, welche die größte Häuslichkeit besitzen. Die romanischen Völker führen ein viel öffentlicheres Leben. Dementsprechend ist bei ihnen auch die Organisation der Musik öffentlich. Wir Deutsche haben von den Romanen die Organisation der Musik in Form der Konzerte und Tl)eater übernommen. Das Kon­zert ist eine ganz romanffche Institution, berechnet, die künstlerische Leistung vor der breiten Oeffentlichkeit zur Geltung zu bringen' Unter der Entwicklung des Konzert­lebens hat unsere Hausmusikpflege stark gelitten. Humper­dinck hat die Aufsehen erregende Bemerkung gemacht:Die Zukunft unserer Hausmusik bemht auf den mechanischen Musikinstrumenten." In dieser Gesellschaft braucht wohl nicht bargelegt zu werben, wie jedem empfindenden Menschen instinktiv eine Abneigung aegen alle mechanische Musik innewohnt. In der menschlichen Betätigung ber Kunst liegt so viel Psyche, daß sie burch keine mechanischen Instrumente ersetzt werden kann. (Zustimmung.) Anders liegt es da­gegen mit dem Wunsche, den Brahms geäußert hat. Es aiebt viel einfachere, schönere Jnstmmente, als die Lieb­lingsinstrumente des Deutschen, als Klavier und Violine. Da ist das Harmonium viel leichter $u erlernen und trägt zugleich dem gesteigerten harmonischen Farbensinn mehr Rechnung. Erfteulich ist auch die Bewegung zur Wieder­belebung des Guitarrespiels. Damit wird auch das Volks­lied wieder neubelebt werden. Je weniger der Konzert­künstler, ber ja auch nur noch Erwerbsmaschine ist,Walzen" aufzulegen hat, wird es dem Publikum immer mehr zum Bewußtsein kommen, welche Oede sie im Konzerffaal an­starrt. Man wird sich sagen: ich halte es nicht aus, im Jahre so und so oft ein und dieselbe Beethovensche So­nate anzuhören, während es noch so viele andere schöne Sonaten von Beethoven gibt, ite mir noch niemals zu Gehör

Volitische Tagesschau.

Anaufgeklart I

R. Berlin, 16. Okt.

Für die Diplomatie ist derFall T e l c a s s 6" durch die spontane Erklärung ber englischen Regier­ung erlebigt. Für die Oeffentlichkeit kann das Thema noch nicht von ber Tagesordnung abgesetzt werben. Vor­läufig steht Aussage gegen Aussage. Nicht nur bie auf ben ehemaligen ftanzösischen Minister bes Auswärtigen zurück- zuführenben Enthüllungen besMatin" haben behauptet, daß ein Angebot englischer Waffenhilfe gegen Deutschland erfolgt ist, sondern politische Gewährsmänner, Jaurös und Elömenceau, bestätigten, daß ihnen die Tatsache dieses An­gebots, das schriftlich fixiert werden sollte, feit längerem bekannt war. Demgegenüber versichert die en gl. Regierung ber beuffchen Regierung: baß Frankreich niemals um Bei- ftanb nachgesucht, unb baß En glaub niemals einen solchen angeboten habe.

Es ist zunächst unwahrscheinlich, baß Deleassö, ber er­wiesenermaßen auf ben Revanchekrieg lossteuerte, nicht in Lonbon fonbiert haben soll, ob und innerhalb welcher Grenzen auf Englands Waffenhilfe in diesem Krieg zu rechnen sei. Telcasse hätte sein Geschäft als Jntriguant und Friedensstörer schlecht verstanden, wenn er diese Frage umgangen hätte. Was Telcasse in dieser Eigenschaft tat, das tat er sicherlich nicht halb. Es wäre ja ein Wahnsinn gewesen, Frankreich in einen Krieg zu Mrzen, dem jede Hilfe von anderer Seite fehlte, denn an Rußlands Beistand war zu ber Zeit ber Marokkoirage unb bes ostasiat. Krieges, von anberen Momenten ganz abgesehen, nicht zu benFen. Unb was verbot Delcasft, bie Frage ber Waffenhilfe an En glaub zu richten? Glaubte er sich eine Ablehnung zu holen? Man wirb nicht fortgesetzt von jemanb zum Wider- ftanb aufgestachelt baß die englische Politik Deleassö scharf gemacht hat, ist klar!, wenn die Frage nicht ge­stattet sein sollte: Seid Ihr denn auch mit dabei, falls es zum Aeußersten kommt?

Nein, Teleasss hat gefront und er hat eine Antwort bekommen. Von wem, von welcher autoritativen Persönlich­keit? Tas bleibt aufzuhellen. Die am Ruder befindlichen englischen Staatsmänner, alfo Lord Balfour, Lord Lans- downe, wollen es nicht gewesen fein. Dann ist es vielleicht doch ein noch HöhersteHmder gewesen, der Deleasss direkt ober durch Mittelsmänner wissen ließ, daß er Englands Beistand in seine Rechnung aufnehmen köunue. Als dieser noch Höherstehende wurde bereits König Eduard ge­nannt. Ein Beweis wird sich für die Vermutung nicht er­bringen taffen; aber wenn bie engt. Staatsmänner den Beistand nicht versprochen haben, bann bleibt trotz aller englischen Wibersprüche kaum Raum für eine anbere Ver­mutung. Delcassö ist Mnz gewiß in vielem Phantast; hier hatte feine Ueberzengung doch wohl einige Grundlage, denn ber Minister baute ja bereits ein englisch-französisches Bündnis Darauf auf.

Tas englische Kabinett tveiß von alledem amtlich nichts. Wohlgemerkt, amtlich. Tas schließt nicht aus, daß Lord Balfour usw. als Privatleute davon unterrichtet waren. Nur ergab sich dabei ber interessante Unterschied für Frank­reich, baß ber zugesicherte Beistanb Englanbs, mochte die Zusicherung von noch so hoher Stelle kommen, nicht einen Sou wert war. Das englische Kabinett brauchte diesen Wechsel nicht einzulösen.

Die Erklärung ber englischen Regierung ist in Berlin mit gebührenber Achtung unb mit .Verständnis aufge­nommen worben. Es kann nicht erwartet werden, daß nun alles in Ordnung, undvolles Vertrauen" zurückgekehrt ist. Verdoppelte Wachsamkeit!

Ter PariserCfclair" greift den italienischen Minister des Aeußern Tittoni heftig an, dem er Doppelspiel vorwirft, weil er angeblich Frankreich ben Rat gegeben, ben Forderungen Deutschlands Widerstand zu

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