Ausgabe 
15.3.1905 Drittes Blatt
 
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Abg. Ehrhart (Soz.) führt nu3, da§Patentgeseh sei zu sehr iraf den Großkapital ißmus zuaeschnitten.

Abg. Held (nnt(.) bemängelt die Handhabung des Marken-- |d)ubgc)ehc-5 bei pbarmazentischen Erzeugnissen

Hierauf wird die Resolution Böttger mit kleiner Mehrheit vngenommen.

Es folgt der Etat des R e i ch s v e r s i ch e r u n g 3 a m t e s.

Abg. Erzberger (Zentr.) erneuert die alten paritätischen Beschwerden, betreffend Zuwendung von Kapital der Persicherungs- anstallen vorwiegend mi protestantische Heilanstalten, sowie be­treffend Zurücksetzung katboliicher Krankenpflegeschwestern.

Abg. S ch * cf e r t (kons.) wünscht, dan die Bestimmungen über Erhebung der Beitrage zur Seeberufsgenossenschaft zu Gunsten der »kleinen Schiffer und Ki'istenschiffer eine Abändenmg erfahre. Die .Ausbringung von Mk. 7.50 pro Kopf belaste jene Kategorien zu schwer.

Staatssekretär Graf Posadowskp erwidert, es sei bereits Vom Bundesrat der Antrag eingegangen, bei der See-Berllis- Genossenschaft die Beiträge nicht zu bemessen nach der Kopfzahl, londern nach der Beschästigungsdaucr und nach der Höhe des Tagelohnes.

Abg. Schmidt-Berlin lSoz.) wirft der Regierung vor, zu wenig Fühlung mit den Arbeitern zu haben. Der Staatssekretär ibabc neulich mit Unrecht von einer Sucht nach Rente gesprochen. Auch die Auffassung des Staatssekretärs über den Begriff Erwerbs- mnsähigkeit sei eine schiele. In dem System der Unfallversicherung fehle cs an einer ausreichenden Mitwirkung der Versicherten »selbst.

Staatssekretär Posadowskv erklärt gegenüber dem Vor­redner, daff ein Wiederaufnahmeverfahren schon jetzt möglich fei nnd insoweit zu einem solchen Anlaß vorliege, habe er das Reichsverstcherungsamt veranlaßt, stets in entsprechendem Sinne »auf die Berufsgenossensckmften einzuwirken.

Abg. Kulerski (Pole» führt Beschwerde darüber, daff pol­nische Rentenempfänger nicht nur von den Behörden sondern auch von den Aerzten, beiten sie zur Begutachtung vorgestellt würden, schlecht behandelt und .angeranzt würden.

Mg. Drimborn -Ztr.^ vermißt eine gleichmäßige Dienst­ordnung für alle Beamten der BerufSaeuosstmschaften. Dringend M wünschen sei für das Tecffuikum 'in Lehrstuhl für Hygiene, bet von einem Techniker zu besetzen sei.

Mg. Körsten (Soz.) übt 5'ritik an dem Rentenfeststellungs- verfahren her Berufs-Genossenschaften.

Hierauf wird das Kapitel Reichsversichcrungs-Mmt genehmigt. Es folgt das Kapitel Kan al amt.

Die Annahme erfolgt nach kurz n Bemerkungen des Abg. Hveck und Lconbart. Endlich wird noch das Kapitel Auf- Iichtsarnt für Privatvcrsicherungen genehmigt.

Beim Extra-Ordinarium erklärt

Graf Posadowsky, er werde im nächsten Jahre für den Ausbau der Hohkönigsburg noch mit einer Rachforderung kommen müssen.

Damit ist der Etat des Reich Samt des Innern Erledigt. Endlich wird noch der Etat des allgemeinen Pcu - Lionsfonds gcnctyml&t und bann der Etat des Reichs- Invalidenfonds. .Hierbei stellt der Reichsschatzsekretär von Stengel unter Bravorufen des Hauses für die allernächsten 'Tage einen Nachtrags -Etat von 265000 Markin Aus­sicht für V e t eran en-U n ter st ü tzun g.

Morgen 1 Uhr Etat des Reichskanzlers. Schluß 71'? Uhr.

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parlamentarisches.

Berlin, 14. März.» Die Budgetkommission des /Reichstages trat heute in die Weite Beratung des Frie- Henspräsenzgesetzcs ein. Abg. Dr. Spahn (Ztr.) begründet den am Freitag eingebrachten Antrag betreffend iKavallericvermehrung mit finanziellen Rücksichten. Dchatzsekretär v. Stenge'l erklärt, daß die Bedenken des /Vorredners gegen eine Zuschußanleibe von der Regierung geteilt würden. Würde der Zolltarif schon mit dem 1. Jan. 1906 in Kraft treten, wie ursprünglich beabsichtigt, so hätte man eine Zuschußanleihe entbehren können. Er wolle jedoch im Bundesrat beantragen, die Z u sch u ß a n l e i h e auf

Dberkonsistorialpräsident 1). Buchner ersucht hat, zi davon abzusehen und den Gesetzentwurf ohne V<

mr-

zeit

behalt anzunehmen, schließt die Debatte.

die Matrikularbeiträge der EinAelstaaten zu! verteilen. Kricgsminister v. Einem gab der Hoffnung Ausdruck, daß durch die Erklärung des Schatzsekretärs die Bedenken des Abg. Spahn gehoben wären. Das Minimum in der Kavallerie müsse ausgeglichen werden und dürfe nicht noch auf Jahre hinaus bestehen bleiben. Er bitte den Endtermin 1912 für die Kavallerievermehrung zu streichen und das Jahr 1910 hierfür bestehen zu lassen. Ueber die Herabminderung der Präsenz um 2000 Mann Oekonomie- handwerkcr unter allmählicher Ersetzung durch Zivil- arbeiter werde sich vielleicht reden lassen. Abg. Tr. Bache m beantragte die Vermehrung um 10 Kavallerie-Eskadrons mit dem Rechnungsjahr 1909 eintreten zu lassen. Bei der Abstimmung werden schließlich unter Ablehnung der übrigen Anträge die Anträge Spahn angenommen. Ter Rest der Vorlage wird offne besondere Debatte genehmigt.

Braaer-AkadeEiQ beginn Sommer - Semesters

Wnrnrc a Rh n* April 1905.

VVUI WS L». LLll. Prospekte durch E. Ehrich.

Für Plazierung der Absolventen ist man bemüht. ss17/1

Fannlien Nachrichten.

Gestorben. Herr Konr. Karl Rumpf, Butzbach. Frau Katha­rina Elisabetha Island, Melbach.

Evangelische ^La dessynode.

R.B. Darmstadt, 14. März.

Die siebente ordentliche evangelische Landessynode wurde, heute vormittag im städtischen Saalban durch den Präsidenten Pros. D. Stamm-Gießen eröffnet. Das Eingangsgcbet sprach Synodale Dingcldey. Der Präsident teilt daun mit, daß das Bureau S. K. H. dem Großherzogi anläßlich seiner Verlobung in einer Adresse die Glück­wünsche ausgesprochen habe. Diese beschließt, auch zur Ver­mählung Sr. Kgl. Hoheit eine Adresse abznsenden, über welche morgen Beschluß gefaßt werden soll. Weiter teilt der Präsident mit, daß die Abhaltung der Synode im Ab­geordnetenhaus nicht möglich gewesen sei. Er hoffe, daß die für einen eigenen Saalban im Oberkonsistorium be­nötigten Mittel baldigst bewilligt werden möchten. Das Obcrkonsistorium hat vorgeschlagen, eine Baukommission für den Saalban zu ernennen.

Die Versammlung tritt nun in die Beratung der Vor­lage ein, die Abänderung des Kirchcugesetzes vom 23. Juni 1891. die Versetz u n g der evangelischen Geistlichen in den R u ff e st a n d und die Fensetzung der R u h c g e h a l L e betreffend.

In der Gen raldcbatte darüber bespricht Obcrkonsisto- rialrat Nebel die Gründe der Vorlage und cmpsiehlt, zu beschließen, daß das Gesetz bereits am 1. April 1905 in Krast tritt.

Syn W a h l Schlij', bemerkt, die Vorlage habe den Zweck, die in den Ruhestand tretenden (^Geistlichen pekuniär mit den penfionierten Staatsbeamten gleichKustellen. Der wesentlichste Unter,'chied iuar bisher der, daß den in Pension tretenden Geistlichen nicht die freie Wohnung eingerechnet wurde. Weiter führt der Redner als Ansschnßbcrichterstatter aus, der § 3 b bringe insofern eine Aenderung, als einem Geistlichen, der ohne fein Verschulden in der Ausübung oder ans deren Anlaß einen Unfait erleidet, welcher ihn dienstunfähig macht, dem Ruhegehalt 20 Proz. des die Grundlage der Ruffegehaltsbcrechnung bildenden Betrags bis zu dessen voller .Höhe zugcsetzt werden. Redner em­pfiehlt namens des Ausschusses die Annahme der Vorlage.

Syn Backes bedauert, das; in der Vorlage nicht auch die bereits pensionierten Geistlichen nicht einbegriffen worden sind.

Oberkonststorialrat Nebel erwidert, daß dies bei der augenblicklichen Jananzlage nicht möglich gewesen sei. Er verstehe aber die Empfindilng des Vorredners sehr wohl.

Syn Dr Vogt-Bürbach w' scht eine nähere Beratung über diesen Punkt, nachdem fcdoch

Nach unwesentlicher Einzelbcratung wird das Gesetz in der Ausfchußfassung mit der Abänderung angenommen, daß das Gesetz mit seiner Verkündigung, spätestens amj 1. April 1905, in Kraft tritt.

Zur Beratung kommt nun die Vorlage über die all­gemeine geistliche Wit wen kasse. § 1 bestimmt, daß das Gesetz vom 21. Mai 1895 dahin ab geändert, wird, int § 14 an Stelle der Wortenicht unter 900 Mk. und nicht über 1600 Mk. betragen" die Worte tretennicht unter 1000 Mk.". Nach Art. 2 soll im Art. 17 des Gesetzes anstatt 150 Mk. die Zahl 200 Mk. lals Waiscngeld für jedes Kind) und die Höchstgrenze von 900 auf 1000 Mk. erhöht werden, ferner anstatt100 Mk."150 Mk." gesetzt und in § 18 die Zahl450 Mk." durch die Zahl500 Mk." ersetzt werden. Tas Gesetz soll am 1. April 1905 in Kraft treten.

In der Generaldebatte begründet Oberkonsistorialrat Nebel die Anträge näher und ersucht um Annahme der­selben.

Syn. Dr. Din gcld ein-Büdingen spricht dem Ober­konsistorium seinen Dank aus für die Einbringung der Vorlage.

Syn. Jost-Bechtheim stellt den Antrag, die Witwen­gehalte anstatt auf 1000 Mk. auf 1200 Mk. festzusetzen.

Oberkonsistorialpräsidcnt D. B u chner bittet dringend, von solchen Forderungen Ab stand zu nehmen, da deren Durchführung absolut'nicht möglich sei.

Syn. Wagner stellt den Antrag, zu bestimmen, daß die Witwengelder ebenso wie andere Pensionen pränume- rando zur Auszahlung gelangen.

In der Einzclberat'ung werden, nachdem sich der Fi­nanz- und der Gcsetzgcbungsausschuß gegen den Antrag des Syn. Jost erklärt und dieser ihn zurückgezogen hat, die fünf Paragraphen des Gesetzentwurfes angenommen, ebenso der Antrag Wagner.

Eine weitere Vorlage betrifft die Auszahlung der Pf ar r geh alte. Der einzige Paragraph lautet:Ter § 1 des Kirchengesetzes voom 17. Nov. 1888, den Gehalts­bezug der Geistlichen betreffend, wird dahin abgeändert, daß vom 1. April 1905 an alle definitiv angestellten Geist­lichen den ihnen zukommenden Gehalt in vorauszahlbaren Monatsbezügen erhalten."

Das Gesetz wird nach rmwesentlicher Debatte einstimmig angenommen und darauf die (Ätzung um' 1 Uhr auf morgen vormittag 10 Uhr vertagt._________________________________

Kandel und KerKeür. DolLswiNschaft.

Märkte.

ic. Frankfurt a. M., 14. März, öeu- »rn d Stroh- nm r f t. Herr kostete heute Mk. 3.203.50, Stroh Mk. 2.30 btf Mk. 2.40. Alles per 50 Kilo. Tendenz: fest.

K i r ch h a i n , 14. Marz. Der heute hier abgehaltene Rind­vieh m a r k t war mit etwa 660 Stück Großvieh und gegen 120 Stück Kleinvieh befahren. Ter Handel ging flott, die Preise stellten sich sehr hoch. Der Alarktplatz ivar gegen 8l/2 Uhr schon fast ge° räumt. Der Schweine markt war mit ca. 645 Stück be­fahren. Auch lner ivarcn die Preise bei flottem Handel ziemlich hoch; acüc( foficten bis 40 Mk.

Gießener Theater verein.

Maria Friedhammer.

Ein Drama in 3 Auszügen von Heinrich Lilienfcin.*)

Ein Erstlingswerk. Heinrich Lilienfein ist noch nicht -26 Jahre alt. Er stammt, nach Kürschners Litteratnrkalender, aus Stuttgart, lebt aber, als Dr. phil. und Privatmann, in Wilmersdorf bei Berlin, einem stillen, sauberen Orte, in dessen 'Nähe weite, unbebaute Felder Träumern ruhige Wege bieten. /Ich stelle ihn mir als einen einsam lebenden, etwas weit» .scheuen Phantasten vor. Die ganze Geistessphäre seines Dramas liegt dem heutigen Zeitgeiste fern. Ten jungen Poeten mit dem blumenfeinen Namen beschäftigen noch, wie das mit uns allen in unseren zwanziger Jahren gewesen ist, gott- ^grüblerische Gedanken, seine Menschen ringen nach dem tvahren Herrgott und dem rechten Glattben, und der Dichter predigt ;ba§ schöne Wort, daß unser Gott nur. Liebe sei, welt- lumfassende, allverzeihende Liebe, die höher steht und mehr wert ist als aller Glaube. Doch steht diese These etwas ^aufdringlich im Vordergrund, sie ist noch zu wenig zum Leben gestaltet; man vermag aber, wenn man den Wegen des ^Dichters nachsvürt, ztt fühlen, daß er es ernst meint, und man darf hoffen, daß er unS vielleicht bald mit einem Werke entgegentreten wird, in dem er alles Unreife, Jugendliche ^dieser ersten Arbeit abgestreift hat.

Der Schullehrer Johannes Friedhammer ist ein ab­geklärter, in seiner Liebe zur Natur und zu den alten Lateinern glückseliger Mensch, ein Weltweiser im Schulstübchen, ein Held im Stillen, wie manche Figuren Jean Pauls und Raabes, nicht ganz tinähnlich dem tiefsinnigen Wurzel-Sepp Unzengrubers in seiner Liebe zu Baum und Strauch. Er hat eine katholische Frau genommen und zwanzig Jahre mit ihr in glücklicher Ehe gelebt. Doch als ihnen ihr blühender -vierzehnjähriger Knabe diirch den Tod entrissen und ihr älteres Kind Maria von schwerer Krankheit ergriffen wird,, «da gelingt es dem Bruder der Frau, einem fanatischeri katho­lischen Priester, Mutter und Tochter dem Vater zu ent­fremden und die Qualen deS Fegefeuers, die gräßliche Ver­dammnis durch ben strengen Richter, der die Ehe der ^Katholischen mit dem Protestanten als sündhaft verdammt, Idem liebenden Gotte, den der Schullehrer predigt, entgegen^ izustellen. Maria will unter diesem Trtlcke den Schleier nehmen, um die Eltern zu entsühnen, obwohl sie den pro­testantischen Pfarrer, den vertrauten Freund ihres Vaters, /liebt. Sie flieht bei Kälte und Schnee aus der Heimat zu |bem Oheim. Doch der sagt ihr, daß der Heiland sie nicht brauchen kann in sündiger Gedankenlust. Da werden die Anschauungen von der Reinheit und Wahrheit des gütigen Naturgesetzes, die sie der Vater in der weiten Gotteswelt er­nennen lehrte, endlich wieder in ihr mächtig, sie folgt der Stimme ihres Herzens und will zu dem Pfarrer, der sie

*) Buchausgabe in der Karl Winterschen Univ.-Buchhdlg. tn; Heidelberg.

innig liebt, eilen. Unterwegs aber erfriert sie im Schnee- sturm.

Dieser aus alten Motiven geholte Stoff, der mit den Mitteln d?s alten Bauernstückes, mit Orgelspiel, Glocken­läuten und Volksszenen arbeitet, ist von dem jungen Dichter nicht besonders glücklich gewählt worden. Er scheint diese alte Form absichtlich gewählt zu haben, um sie mit einem neuen Inhalte zu erfüllen; wie absichtlich scheint er auch an AnzengrubersPfarrer von Kirchfeld" erinnern zu wollen. Das gewaltige Pathos aber, das leidenschaftliche Mit fühlen mit den Konflikten der Anzengruberjchen Ällveuiuenschen fehlt Lilienfeins Schwarzwäldern. Dennoch hort man aus den seinen lyrischen Stimmungen, die im Munde dieser einfachen Menschen freilich etwas preziös klingen, aus der anschaulichen Art, mit der die das Stück un,rahmende Winterlandschast in den schwäbischen Bergen vor uns hingestellt wurde, ein dichterisches Fühlen heraus und es liegt etwas Ernsthaftes, ehrlich-Ringendes darin, einen so einfachen, so elementaren Konflikt nach großen Vorbildern noch einmal gestalten zu wollen. Seine Psychologie ist noch nicht ganz wahr, beson­ders nicht im Charakter der jungen Heldin. Die innere Ent­wickelung, Stufe für Stufe, wie aus dem schlichten, unver- fünftcltcn Mädchen eine von düsteren religiösen Wahnideen Besessene wird, müssen wir uns selber hinzudichten. In dem alten Schullehrer ist eine seine und intime Jnd'vidualisierungs- kunst zu spüren; aber just in des Mädchens schwerster Seelen­pein, da sie dem Vater ihr Herz zu enthüllen beginnt, da verläßt dieser gute und edle Mann sein Kind. Nicht genügend begründet ist es auch, daß sich 2lfra nach jahrzehntelangem Fremdsein an ihren Bruder wendet, während ihr Gatte Tag aus Dag ein mit dem protestantischen Pfarrer verkehrt. Und was ilt baö für eine Mutter, die ohne weiteres ihr junges, schwäch­liches Mädel in den Schneesturm laufen läßt! Nachdem uns anfangs Lilienfein in feinen Linien zum entscheidenden Punkte zu führen schien, verdirbt er alles durch den romanhaften Schluß, stößt er die Menschen in die Tragik gewaltsam hinein, und was übrig bleibt, ist salbungsvolle Phrase.

In der Ausführung erfreute Frl. D o neck er aus Mann­heim, unser diesmaliger Gast, in der Rolle der Dtarie durch ungewöhnliches Talent. Ihr Mienenspiel, das sich freilich noch manchmal wiederholt, die scheuen, stillen Bewegungen von Körper und Hand, ihr beredter Augenaufschlag, sprachen lebendiger und mit überzeugenderer Kraft vom Wesen dieser armen Seele voll schlichter und inniger Einfalt als die Worte des Dichters. Hin und wieder brach es auch wie fanatischer Trotz aus ihren Worten. Vielleicht hätte ihre letzte große Szene noch ein wenig mehr davon und an Ekstatischem, Durchgeistigtem vertragen. Es mußte überraschen, wie sie bei ihrer Erscheinung voll lieblicher Anmut doch so herb mädchen­haft, in Wesen und Ton, wirkte, in ahnungsvollem Er­schauern vor der kaum bewußt gewordenen Liebe. Ich erfahre, daß Frl. D., die im Anfänge ihrer künstlerischen Laufbahn steht und z. Z. in Mannheim für zweites Fach engagiert ist, obwohs sie dort nicht selten auch in größeren Rollen be­

schäftigt wird, 'ür das naiv-sentimentale Fach von unserer Direktion gewonnen werden soll. Wenn Herrn Stein- goetter das gelingt, dann würde ich ihn zu dieser Aequisition beglückwünschen, denn der gestrige Abend bat, eine so ein­seitige Aufgabe er auch der jungen Darstellerin bot, zweifel­los gezeigt, daß Frl. D. ein Talent ist von viel verheißender Bildungsfähigkeit. Leider hat uns dieser Winter unseres theatralischen Vergnügens und Mißvergnügens, was unsere Theater dam en anbetrifft, ein solches Talent versagt.

Herr Lippert war für den wackeren, in treuer Liebe zu stiller Ruhe abgeklärten, weltfernen Schullehrer der ge­eignete Mann, und er tat alles ihm Mögliche zu schöner Wirkung. Er gab schlichte Feinheit und so viel an diskreter Herzensbildung, daß selbst der harte lieblose Theaterpapa des Schlußaktes noch sympathisch blieb. Frau Gartner da­gegen, die ihre neuliche Erkältung wieder glücklich überwunden zu haben schien, ließ an starker, bezwingender innerlicher Mütterlichkeit wesentliches vermissen. Sie war meist zu laut und zu heftig in der Tonart. Theaterroutine ist ihr nicht abzusprechen, ebenso wenig Fleiß und bester Wille, aber was sie giebt, ist eben immer allzu sehr Theater, allzu wenig Natur. Herr San dorff spielte die protestantische Neuauflage des Pfarrers von Kirchfeld liebenswürdig männlich, aber doch hier und da ein wenig im Salon­ton statt im Tone des Dorfgeistlichen. Den Kaplan gab Herr de Giorgi als starren Eiferer in Sprache und Wesen so, als sei er dazu berufen gewesen. Er hielt sich, was besonders anzuerkennen ist und was im Laufe des Winters immer mehr in die Erscheinung trat gegen den Anfang, von jeder unliebsamen Uebertreibnng fern und stellte üor uns einen Fanatiker aus Uebsrzeugung. In kleinen Nolle des Schultheiß bewährte sich Herr Linz en. P* W

-Eine Hexe" betitelt sich August Strindbergs neueste Arbeit auf erzählendem Gebiet, die soeben im Verlag von Hermann Seemann Nachfolger, Berlin und Leipzig, er- imtcncn ist. Strindberg schildert mit der ihm eigenen eminenten Erzählergabe bay Schicksal eines Mädchens aus bem Volke, das durch unlautere Mittel nt die Höhe zu konrrnen sucht und trotz allen Aufwands an raffinierter Schlauheit schließlich an bet eigenen Unlauterkeit zrrgrunde geht. Grandios ist die künst­lerische Steigerung, mit der Skrindberg das Hexenmotio hoch- treibt, wie er seine Heldin von Stufe zu Stufe höherklimmen läßt, nm sie beim letzten schweren Fehltritt mit einem Mal in die Tiefe stürzen zu lassen. Der naive Leser wird durch die ibannende Handlung und das ferne Kolorit erfreut, der Fein- schmecker erkennt mit Staunen, welch modernes Empfinden Skrindberg in den mittelalterlichen Vorgang hineinverwoben hat. Wer Striudberg noch nicht kennt, dem bietet dieses Buch günstige Gelegenheit, sich mit dem größten Dichter des heutigen Schweden vertrant zu machen.

.Heute, am 15. März, feiert Paul Heyse seinen 75. Geburtstag. Schon in jungen Jahren war er ein viel gefeierter Dichter. Sein bedeutendster Roman ist wohlDie Kinder der Well". Heyse verbringt den Winter und Frühling vorziiLsweife in seiner Villa zu Gardone, dort bogcht er an der Seite, seiner Gattin int traulichen Freundeskreise seinen 75. Geburtstag, körperlich und geistig frisch. Eine Gffamtausgabe seiner Werke erscheint &. Z. im Verlage von Cotta in Stuttgart.